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Belletristik
Buch Leseprobe Umwege , Walter Kehr
Walter Kehr

Umwege


Erinnerungen eines Stehaufmännchens

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Leseprobe So schwebte ich wieder einmal auf Wolke sieben. Die Luftveränderung von der Bezirksstadt im Chemiebezirk hierher in die Bezirksstadt unweit vom Thüringer Wald war mir gut bekommen. Ebenso gut bekam mir die Landluft in den Dörfern, in denen ich beruflich tätig war. Auch ansonsten gab es zu dieser Zeit viel Positives zu vermelden. Ich konnte ein erfolgreich abgeschlossenes Hochschulstudium vorweisen. Bei meiner Arbeit als Kreissekretär der Nationalen Front hatte ich bisher viel Freude und Erfolg. Dazu kamen noch die gewollten familiären Veränderungen mit viel Liebe, Freude und Glück. Auch meine Frau war glücklich und zufrieden und den Kindern ging es prächtig. Es schien also alles perfekt zu sein. Doch die folgenden Jahre sollten nicht mehr so optimal verlaufen. Das lag vor allem an meiner Arbeit. Die Tage häuften sich, an denen ich nicht mehr mit Freude zur Arbeit ging. Es kam Langeweile auf und die Routinearbeit überwog. Die wilde Phase des Kennenlernens aller Dörfer war längst vorbei. Meine neuen Ideen sprudelten auch nicht mehr so, nachdem man mich mehrfach hatte wissen lassen, dass für deren Umsetzung kein Geld da war. Beim jetzigen Bezirkssekretär der Nationalen Front stand das Wort „Verwalten“ im Vordergrund – im Gegensatz zu Wilfrieds Zeiten, als das Wort „Gestalten“ noch die Arbeit bestimmte. Außerdem fühlte ich mich wie die meisten Fußballtrainer, die nach mehrjähriger Tätigkeit bei demselben Club Abnutzungserscheinungen verspüren. So Mitte der 1980er-Jahre spitzte sich dieser Zustand zu. Ich verharrte auf der Stelle, blickte nicht mehr nach vorne und mein da gewesener Ehrgeiz, nach Neuem und Besserem zu streben, schlummerte so vor sich hin. Es trat Stillstand ein. Stillstand bedeutet Rückschritt – das hatte ich bei meinem Philosophiestudium gelernt. Einen Rückschritt durfte ich jedoch auf keinem Fall zulassen. Schließlich war ich ja noch nicht einmal vierzig Jahre alt, hatte eine junge Familie zu ernähren und noch ein großes Stück meines Lebens vor mir. Allmählich wuchs in mir der Wunsch nach einer neuen Herausforderung. Aber wie und wo sollte diese neue Herausforderung sein? Bisher hatte ich die meiste Zeit meines Berufslebens in politischen Funktionen verbracht. Mein Bestand an praktischem Fachwissen hielt sich in Grenzen, sieht man einmal vom Handel ab. Aber sollte ich mich irgendwo als Direktor einer Konsumgenossenschaft oder einer Handelsorganisation bewerben? Das konnte ich mir ersparen. Diese Positionen wurden von staatlicher Seite besetzt und die Leute mit der entsprechenden Lobby dahin berufen. Oder – wenn ich in der Politik bleiben wollte – sollte ich mich als Vorsitzender des Rates des Kreises oder einer anderen leitenden Stelle in unserem Bezirk bewerben? Das war genauso zwecklos. Für solche Posten saßen genug Genossen in den Startlöchern, die sich mühsam hochgedient hatten und nun auf den entscheidenden Durchbruch warteten. Meine Unzufriedenheit merkte mir auch meine Frau an. Sie war zwar einerseits froh, dass ich relativ viel Zeit mit den Kindern verbrachte und ihr dadurch etwas den Rücken frei hielt, damit sie sich in ihrer Schule nach längerem Schwangerschaftsurlaub beweisen und durchsetzen konnte. Andererseits wäre ihr ein rundum zufriedener Ehemann auch lieber gewesen. Als ich wieder einmal eine Nachtschicht einlegen musste, damit am nächsten Morgen dem Sekretariat der SED-Kreisleitung der Bericht über die Einwohnerversammlungen vom Vorabend vorlag, gewann bei mir endgültig der Gedanke an eine baldige berufliche Veränderung die Oberhand. Es gab nämlich die unsinnige Praxis, dass auf Geheiß der Führungsspitze der SED-Kreisleitung alle drei Monate in jedem Ort unseres Landkreises ein Einwohnerforum stattzufinden hatte. Dort traten die Mitglieder des sogenannten Kreisreferentenkollektivs auf. Meine Aufgabe als Kreissekretär der Nationalen Front bestand darin, im Vorfeld der Einwohnerforen einen Berichtsbogen zu erarbeiten. Dieser wurde unmittelbar nach den Versammlungen vor Ort ausgefüllt und per Kurier noch am späten Abend zum Rat des Kreises gebracht. Dort werteten meine Stellvertreterin und ich gemeinsam mit verantwortlichen Genossen des Rates des Kreises diese Berichtsbögen aus und wir erarbeiteten einen entsprechenden Bericht für das Sekretariat der SED-Kreisleitung. Der Bericht hatte frühmorgens um 7:00 Uhr bei der Kreisleitung vorzuliegen. Für mich war diese Praxis in zweifacher Hinsicht unsinnig. Zum Ersten war der Zeitraum von drei Monaten zwischen den Einwohnerforen viel zu kurz, um konkrete Antworten auf die Fragen geben zu können, die bei der letzten Versammlung aufgeworfen wurden. Und zum Zweiten ist eine solch hektische Auswertung der Geschehnisse in den Einwohnerversammlungen in einer Nacht- und Nebelaktion ein gefundenes Fressen für Unvollständigkeiten und eine hohe Fehlerquote in den Berichten. Prinzipiell widerstrebte mir eine solch unsinnige Praxis schon lange. Bisher gehorchte ich den Anordnungen der Obrigkeiten zu dieser Arbeitsweise notgedrungen nur widerwillig. Immerhin befand ich mich fünf Jahre im Fernstudium an der Uni, wozu mich meine Vorgesetzten delegiert hatten. Da konnte ich ja gegenüber den Anweisungen dieser Personen keine große Lippe riskieren. Doch jetzt hatte ich die Faxen endgültig dicke und meine innerste Überzeugung war auf berufliche Veränderung ausgerichtet. Die erste mögliche Veränderung ließ nicht lange auf sich warten. Bei einem Wochenendurlaub mit der Familie hatte ich schon einmal den Versuch unternommen, in einem namhaften Ferienhotel im Thüringer Wald den Fuß in die Tür zu bekommen. Denen war nämlich der Hotelleiter abhanden gekommen. Für kurze Zeit bestand auch Hoffnung auf diese neue Herausforderung und ich sah mich schon mit Frau und Kindern täglich die schöne Thüringer Waldluft einatmen. Aber zu guter Letzt hatte man angeblich für meine jetzige Funktion keinen Ersatz gefunden. So machte der mir ohnehin nicht wohl gesonnene Bezirkssekretär der Nationalen Front mein Vorhaben zunichte. Also dachte ich mir andere „Schweinereien“ aus. Auf meiner Dienststelle machte ich nur noch Dienst nach Vorschrift. Abends war ich – auch zur Freude unseres Kraftfahrers und zur Freude meiner Familie – nur noch selten zu Versammlungen unterwegs. Bei den Berichten an das Bezirkssekretariat trug ich oft nur noch das neue Datum bzw. ein paar neue Begebenheiten in den Bericht ein, den ich schon im vergangenen Monat abgegeben hatte. Die ob meines neuen Arbeitsstils auf mich hereinprasselnde Kritik nahm ich zur Kenntnis, maß ihr aber keine Bedeutung bei. Dann geschah etwas, was mich zunächst tief berührte. Kurze Zeit später sah ich aber dieses traurige Ereignis als meine Chance, doch noch eine Veränderung meiner beruflichen Situation herbeizuführen, mit der alle Beteiligten leben konnten. Ich las in der Zeitung, dass der hauptamtliche Bürgermeister der größten Gemeinde unseres Landkreises verstorben war. In den vergangenen Jahren hatte ich beruflich mehrmals mit Harald – so hieß der Verstorbene – zu tun. Vor seiner Zeit als Bürgermeister war Harald beim Rat des Kreises beschäftigt und wir arbeiteten bei einer Reihe von politischen Aktivitäten eng zusammen. Zu seiner Zeit als Bürgermeister war ich mehrfach in seinem Büro, weil es in diesem großen Ort öfters Probleme mit der Besetzung der Funktion für den ehrenamtlichen Vorsitzenden des Ortsausschusses der Nationalen Front gab. Außerdem traf ich ihn hin und wieder zu Bürgermeisterdienstberatungen. Vor den Bürgermeistern durfte ich öfters auftreten, um gemeinsam interessierende Fragen zu besprechen. Daher war ich natürlich auch in das Betätigungsfeld eines hauptamtlichen Bürgermeisters in den Orten unseres Landkreises eingeweiht. Als sich der erste Schock über Haralds Tod bei mir gelegt hatte und das Leben trotz Trauer und Mitgefühl weitergehen musste, reifte der Gedanke in mir „Wenn nicht jetzt, wann dann“. Ich besann mich auf das, was ich über die Aufgaben eines hauptamtlichen Bürgermeisters kannte, verglich diese mit meiner jetzigen Situation in der Nationalen Front und kam zu dem Entschluss, mich für die Besetzung dieser auf tragische Art und Weise frei gewordenen Stelle zu bewerben. Endlich lebte meine Gedankenwelt wieder auf, endlich hatte ich wieder Ziele vor meinen Augen. Als Bürgermeister könnte ich gestalten und brauchte nicht nur zu verwalten. Mir stünden finanzielle und materielle Mittel zur Verfügung, mit denen sich das Landleben weiter entwickeln ließe. Ich würde gemeinsam mit anderen wichtigen Funktionsträgern vor Ort wie Schulleiterin, Leiter der Landambulanz, LPG-Vorsitzender, den Betriebsleitern der hiesigen Betriebe sowie den zahlreichen ehrenamtlichen Kräften in den Massenorganisationen (den heutigen Vereinen) Entscheidungen zum Wohle der Bürger im Ort treffen können. Darüber hinaus stand mir ein Stab von ungefähr zehn hauptamtlichen Mitarbeitern im Rathaus zur Verfügung. Ich ließ meine Frau an meinen Gedankenspielen teilhaben und sprach mit ihr über meinen Entschluss. Daniela gewann der Sache zunächst etwas Positives ab, denn auch für sie war eine berufliche Perspektive in der großen Gemeinde möglich. Die bisherige Pionierleiterin wurde vor Kurzem zur FDJ-Kreisleitung delegiert. So benötigte diese große Schule eine neue Pionierleiterin. Von der neuen Chance an einer neuen Schule war meine Frau begeistert, zumal sie an der Schule in der Stadt nie so richtig warm geworden war. Aber ihr missfielen bei dem Vorhaben zwei nicht unwesentliche wichtige Dinge. Zum einen mussten wir unsere schöne Wohnung in der Stadt aufgeben und aufs Land ziehen. Und zum anderen befürchtete sie, dass sich mein Engagement für unsere Kinder wesentlich einschränken wird. Sie kannte mich und ahnte, dass ich als „erster Mann im Dorf“ keine Veranstaltung auslassen konnte – und davon gab es in diesem großen Ort genug.


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