Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Totentanz
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Totentanz , Moe Teratos
Moe Teratos

Totentanz


Die Welt verwest

Bewertung:
(301)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2043
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

 


 


Prolog


 


»Ich habe es geschafft!« Karl riss triumphierend die Arme in die Höhe.


Stolz betrachtete er sie. Wie lange hatte er an dieser neuen Schöpfung gearbeitet? Wochen? Oder Monate? Er wusste es nicht. Karl war so sehr in seine Arbeit versunken, dass er nicht mitbekommen hatte, wie die Zeit verflogen war.


Zärtlich berührte er sie. Feiner, schwarzer Staub blieb auf seinen Fingerspitzen zurück. Sie war bereit. Er konnte sie in die weite Welt entlassen, um hunderte, vielleicht sogar tau­sende Menschen zu begeistern.


»Ich bin gleich wieder da, meine Schöne.« Er sprach mit ihr wie mit einer Geliebten. Er rieb sich die Augen, als er spürte, wie sie sich mit Tränen des Glücks füllten. Ein kurz­es Brennen ließ ihn in seiner Bewegung verharren. »Das ist nur die Müdigkeit«, sagte er zu sich und verließ seinen Ar­beitsplatz.


Er glaubte zu schweben, als er durch die Flure der Ein­richtung ging. So hatte er sich seit Jahren nicht mehr ge­fühlt. Er konnte es kaum abwarten, es seinem Chef zu er­zählen. Der Weg zu seinem Büro kam ihm länger vor als normaler­weise. Endlich stand er vor der Tür mit dem Na­men »Dr. H. Stickfort«. Er klopfte an und wartete ab. Karl konnte ein gebrummtes »herein« vernehmen. Er öffnete die Tür und sah, wie sein Chef über Dokumenten brütete und sich die Schläfen massierte.


»Dr. Stickfort?«, fragte er.


»Ja, Karl? Was ist?«


»Entschuldigen Sie die Störung …«


»Nein, nein.« Stickfort sah ihn an und winkte mit den Händen ab. »Sie stören nicht. Was gibt es?«


»Sie ist bereit.« Mehr brauchte er nicht sagen, Stickfort verstand ihn.


»Wirklich? Das ist fantastisch!« Der Doktor sprang auf, eilte zu ihm und umarmte ihn überglücklich.


Was ist denn in den gefahren?, dachte Karl.


Stickfort musste seine Verwunderung gespürt haben, er ließ ihn unverzüglich los und schaute ihm tief in die Au­gen.


»Sie retten damit die Einrichtung«, versicherte er. »Bevor Sie hereinkamen, bin ich die Finanzen durchgegangen und ich kann Ihnen sagen, es steht schlecht um uns. Sie kann un­seren Hintern retten. Wann können wir sie verschi­cken?«


»Heute noch«, sagte er.


»Klasse! Ich komme gleich in Ihr Labor und da bespre­chen wir dann unser weiteres Vorgehen. Karl, Sie sind ein Schatz.« Stickfort rieb sich die Hände und griff nach seinem Handy.


Ein komischer Kauz, dachte Karl, als er im Flur stand. Wieso war jemand wie er Chef einer so großen Institution? Wie viele Ärsche hatte Dr. Stickfort geküsst, um diese Posi­tion zu bekommen? In seinen Augen war dieser Mann ein armes Würstchen ohne Durchsetzungsvermögen. Für diese Stelle hätten sie lieber ihn nehmen sollen. Er würde die Ein­richtung besser führen als der Doktor, dessen war er sich sicher. Vielleicht bekam er bald die Gelegenheit dazu. Sie könnte ihn die Karriereleiter hinaufschießen.


 


Auf dem Weg nach Hause haute die frische Luft Karl fast um. Es hatte geschlagene drei Stunden gedauert, bis er und Dr. Stickfort sich einig geworden waren, wie sie nun mit ihr verfahren sollten. Letztendlich hatte Karl zugestimmt, Pro­ben von ihr zu verschicken und auf Reaktionen der Kunden zu warten. Er wusste, wie sie reagieren würden. Sein Baby, seine Schöpfung war an Schönheit nicht zu übertreffen. Je­der würde begeistert von ihr sein. Das war für Karl so klar wie das Amen in der Kirche.


»Jetzt ist erst mal Wochenende.« Er schloss seine Haustür auf und stöhnte, als ihm der Gestank verdorbener Le­bensmittel entgegenschlug. Sie hatte all seine Zeit in Anspruch genommen. Er war nicht zum Aufräumen gekommen, das musste er nun nachholen. In der Woche war er so geschafft von der Arbeit gewesen, dass ihn der Geruch nicht ge­stört hatte. Aber sein erstes freies Wochenende seit Langem woll­te er nicht in dieser stinkenden Wohnung verbringen. Flü­che murmelnd griff er sich einen Müllsack und warf die verschimmelten Essensreste hinein. Schimmel war ihm ein Graus. Er spürte, wie ihm die Schweißtropfen auf die Stirn traten. War es vor Ekel oder vor Anstrengung? Er musste zugeben, dass er nicht mehr in Form war. Die Zeit zum Jog­gen hatte ihm ebenfalls gefehlt. Aber erklärte das einen der­artigen Schweißausbruch? Karl merkte, wie ihm die Perlen den Rücken herunterliefen. Schwindel gesellte sich zu der Nässe an seinem Körper. Er ließ den Müllsack fallen und setzte sich auf den Boden, um sich bei einem möglichen Kreislaufzusammenbruch nicht den Schädel aufzuschlagen. Er atmete tief ein und aus.


»Verdammt. Was war das denn?«, fragte er in die Stille hinein.


Behutsam erhob er sich und stützte sich an einem Tisch ab. Wurde er allmählich alt? Vierzig Jahre war heutzutage noch kein Alter! Er beschloss, gleich am Montag einen Arzt aufzusuchen. Damit war nicht zu spaßen. Niemand wäre hier, um ihm zu helfen, sollte er einen Herzinfarkt oder Ähnliches bekommen. Seine Frau, die Schlampe, hatte ihn vor sechs Monaten wegen eines jüngeren Mannes verlassen und bei der Gelegenheit all seine Ersparnisse mitgenom­men.


Er fühlte sich besser und es gelang ihm, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Der Schwindelanfall und die Auf­räumarbeiten hatten ihn hungrig gemacht. Er öffnete seinen Kühlschrank – es herrschte gähnende Leere. Nur ein halbes Brötchen mit Mett vom Vortag lag inmitten des Stilllebens. Er war nicht zum Einkaufen gekommen …


»In der Not frisst der Teufel Fliegen.« Karl nahm das Bröt­chen und setzte sich an seinen Küchentisch. Später würde er sich beim Italiener eine Pizza bestellen und ein paar Fla­schen Bier dazu ordern.


Er betrachtete es und wog die Risiken ab. Es wurde stän­dig gepredigt, rohes Fleisch sofort zu verzehren und nicht aufzubewahren. Aber was sollte passieren? Er hatte schon weitaus Schlimmeres gegessen. Sein Magen war einiges ge­wohnt. Er biss genüsslich hinein und vertilgte es innerhalb von Sekunden. Die kleine Mahlzeit schaffte es nicht, sei­nen Hunger zu stillen. Aber es musste reichen. Er wollte sich erst unter die Dusche stellen und den warmen Wasser­strahl genießen, bevor er sich ordentliches Essen bestellte. Denn leider war seine Körperpflege die letzten Tage eben­falls zu kurz gekommen. Wie zur Bestätigung hob er den rechten Arm und hielt seine Nase in die Achsel.


»Mensch, Alter! Du stinkst wie ein Eber!« Angewidert be­gab er sich ins Bad.


Noch nie hatte ihm eine Dusche so gut getan. Entspannt und mit der Welt zufrieden zog er sich bequeme Sachen an. Der Computer war sein nächstes Ziel. Karl fuhr ihn hoch und wartete; er brauchte eine halbe Ewigkeit, um zu star­ten.


Ungeduldig trommelte er mit seinen Fingern auf den Schreibtisch und fasste sich an den Bauch. Sein Magen gab die unverkennbaren Geräusche von sich, die eine beschleu­nigte Verdauung ankündigten. War es doch keine gute Idee ge­wesen, das Brötchen zu essen? Ihm blieb keine Zeit zu überlegen. Er sprang auf und hastete auf die Toilette. Stöh­nend und unter großen Schmerzen entleerte sich sein Darm. Solch einen Durchfall hatte er seit Jahren nicht mehr gehabt. Was war mit ihm los? War es das Mett, oder hing es mit dem Schwindelanfall zusammen? Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Hätte er doch nur dieses verdammte Brötchen nicht gegessen! Was hatte er sich eingefangen? EHEC? Schwei­negrippe? Die Liste der in der Vergangenheit aufgetauchten Krankheiten war lang und Karl hatte sich bis jetzt noch nie angesteckt. Er war schließlich hart im Nehmen.


»Es wird schon nichts sein«, beruhigte er sich. »Ein geiles Filmchen wird es richten.« Mit einem breiten Grinsen ging er an seinen Computer und öffnete im Explorer den Ordner mit seinen Frauen. Er hielt inne. Bevor er sich der Welt von Lust und Sex hingab, bestellte er per Telefon eine Pizza und Bier. Er kannte seine Lieblingspizzeria gut und wusste, dass die Angestellten es gelassen angingen. »Gut Ding will Weile haben«, hatte der Koch mal zu ihm gesagt. Karl hatte also genug Zeit, sich einen Film anzusehen, ehe das Essen kam.


Er setzte sich erneut vor seinen Computer und scrollte durch das Verzeichnis. Die Filme, die er besaß, hatte er alle bereits gesehen, war sie aber noch lange nicht leid. Er ent­schied sich für seine Favoritin: Lucy Luder in dem Streifen Heiß und fettig. Die Hände reibend startete er die neunzig Minuten puren Sex. Ihm wurde warm, dann kalt. Sein Ma­gen rumorte und der Kreislauf spielte verrückt. Das waren nicht die Reaktionen, auf die er es abgezielt hatte. Die Erek­tion, auf die er sich gedanklich eingestellt hatte, blieb aus. Lucy Luder, dieses dicke Weib, schaffte es immer, ihn wie ein Tier sabbern zu lassen. Wieso jetzt nicht? Was war nur mit ihm los? Sollte er 112 wählen und einen Krankenwagen kommen lassen? Das kannte er nicht von sich. Er war stets gesund und munter gewesen. Schon als Kind hatte er jegli­chen Krankheiten getrotzt.


Er unterbrach den Film und Lucy verharrte in ihren Auf- und Abbewegungen, die sie auf dem Mann unter sich voll­führte. Ihr Fett wippte nicht mehr im Takt. Karl atmete tief durch und massierte sich den schmerzenden Bauch. Lang­sam ließen die seltsamen Verstimmungen nach. Trotzdem fühlte er sich schlecht. Der Hunger übernahm die Steue­rung seines Körpers. Mit einer Pizza im Magen wird es dir besser gehen, dachte er. Die Zeit, die er noch warten musste, verbrachte er auf der Couch und trank ein Glas Wasser. Lucy Luder hatte er auf später verschoben. Er war nicht in Stimmung dafür. Das Einzige, woran er momentan denken konnte, war Essen. Der Appetit vernebelte seine Sinne. Er empfand nichts anderes. Keine Schmerzen, nur diesen alles verdrängenden Hunger. Es machte ihn nahezu wahnsinnig. Wann kam dieser verdammte Pizzabote? Er stand auf und lief, wie ein Tiger im Käfig, auf und ab.


Es klingelte. Endlich! Karl rannte zur Wohnungstür und drückte den Summer. Schwere Tritte hallten im Hausflur. Schritt um Schritt näherte sich das Essen den im zweiten Stock wartenden Karl. Keuchend kam der Pizzabote in sein Blickfeld.


»Hey! Kollega! Du Pizza?« Der dicke Mann sprach gebro­chenes Deutsch.


Karl sah diesen Typen zum ersten Mal. Die Pizzeria muss­te einen neuen Angestellten haben. Ihm sollte es Recht sein. Hauptsache sein Essen kam, egal, wer es brachte.


Er bat den Mann in die Wohnung, schloss die Tür und blickte dem in die Küche Schlurfenden hinterher. Der flei­schige Hintern des Kerls schwabbelte bei jedem Schritt. Wie viel mochte er wiegen? 150 … oder gar 200 Kilo? Was für eine Masse Mensch, dachte Karl.


»Vierzehn Euro, Kollega«, forderte der Dicke, nachdem er Pizza und Bier auf den Küchentisch gestellt hatte.


Karl sagte nichts. Er stand nur da und starrte den riesigen Haufen Fleisch an. Speichel sammelte sich in seinem Mund.


»Kollega? Verstehen? Geben Geld, sonst kein Pizza.« Er stemmte die wuchtigen Arme in die gut gepolsterten Hüf­ten und sah sein Gegenüber erwartungsvoll an.


Karl leckte sich die Lippen. Er konnte nicht mehr klar denken. Alles, was er empfand, war dieser Hunger, den die­ser fette Kerl in ihm noch verstärkte. Sein Blick verdunkelte sich, wurde schwammig.


»Kollega? Du gesund?« Der Dicke fühlte sich sichtlich un­wohl. Nervös trat er von einem Bein auf das andere.


Sekunden verstrichen bis Karl verstand, was er zu tun hatte. Ein Instinkt übernahm sein Denken und befahl ihm zu fressen. Er rannte los.


Der Pizzabote erschrak, nahm sich einen Küchenstuhl und schaute den sich nähernden Karl mit aufgerissenen Au­gen an. »Kollega! Beruhigen! Was getan ich?«


Karl blieb ihm eine Antwort schuldig. Er erreichte sein Futter und sprang es an. Der Dicke schaffte es, seinem An­greifer den Stuhl über den Schädel zu ziehen. Karl fiel zu Boden. Er fasste sich an die getroffene Stelle und ertastete warme Nässe. Er hielt sich die Hand vors Gesicht und sah seinen dunkelroten Lebenssaft von den Fingern tropfen. Mit einem genüsslichen Schmatzen leckte Karl es ab und fixierte sein Ziel.


»Das nicht können sein! Was du tun? Essen Blut?« Die Mi­mik des Dicken kündigte beginnenden Wahnsinn an. Er versuchte, seinen schweren Leib so schnell wie möglich zur Wohnungstür zu bewegen.


Das war keine Herausforderung für Karl. Er war besser zu Fuß als seine Beute. Er erreichte ihn in Windeseile und sprang ihm auf den fleischigen Rücken. Den ersten Biss setzte er an eine der empfindlichsten Stellen des menschli­chen Körpers. Das Blut des Dicken schoss aus der Hals­schlagader und verteilte sich an den weißen Wänden in Karls Wohnung.


Der Pizzabote schaute ihn aus verständnislosen Augen an und drückte mit einer Hand auf die Wunde. Das Blut quoll zwischen seinen Wurstfingern hervor. Der Dicke knickte ein. Durch den starken Blutverlust konnte er sich nicht län­ger auf den Beinen halten. Er fiel auf die Knie und verteilte seinen Lebenssaft auf den Boden. Es rann wie ein Was­serfall aus ihm heraus. Dieser Anblick ließ Karl den Geifer in Fä­den aus dem Mund laufen. Mit einem Schrei, der eher an ein Tier erinnerte als an einen Menschen, stürzte er sich auf den wehrlosen Mann und begann, seinen Hunger zu stillen.


 


- 1 -


 


Wo war er? Ich konnte ihn nicht sehen. Er musste irgendwo sein. Ich hielt meine Waffe vor den Körper und setzte meine Suche fort. Schritt für Schritt schlich ich um die nächste Ecke. Dahinter befand sich ein Schrottplatz.


»Oh nein!«, flüsterte ich.


Das waren zu viele Möglichkeiten für ihn, sich zu verste­cken. Hinter jedem Stück Metall konnte er auf mich warten.


»Verdammt!« Ich entschied mich, einen anderen Weg zu suchen. Einen besseren Ort. Hier waren meine Chancen zu gering.


Rechts neben mir bewegte sich etwas. Ich duckte mich hinter eine Mülltonne. Mein Herz raste. War er das? Hatte er mich gefunden? Ich musste schneller sein als er. Ihn über­raschen und abdrücken. Der ganz normale Ablauf. Feind fin­den und vernichten. Aber wie ging man gegen einen Feind vor, der beinahe ein Geist war?


Ich lauschte, es war nichts zu hören. Langsam verließ ich meine Deckung und blickte in die Richtung, aus der ich die Bewegung wahrgenommen hatte. Erleichtert atmete ich aus. Es war nur ein Plakat gewesen, das halb abgerissen an einer Litfaßsäule hing. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und dann … Peng! Peng! Peng!


Drei Schüsse. Woher kamen sie? Ich warf mich in den Dreck und kroch in Deckung. Verdammt! Wo war er? Hatte er sich auf dem Schrottplatz oder in einem der umstehen­den Gebäude verschanzt?


Etwas Metallisches landete links neben mir. Mist, eine Granate! Mit einem Hechtsprung rettete ich mich in ein Haus. Ein Glück, das die Tür offen stand. Ich schmiss sie in dem Moment zu, als die Granate explodierte. Der Lärm war unerträglich. Danach wurde es totenstill. Ich schaute mich in dem Haus um, in dem ich gelandet war. Es war eine Rui­ne. Das Innere war gezeichnet durch die Spuren des Krie­ges. Was sollte ich jetzt tun? Draußen wartete der Tod auf mich und hier drinnen würde er mich früher oder später auch finden. Die Treppe! Vielleicht konnte ich aus dem ers­ten Stock etwas sehen. Ich sprintete hinauf, duckte mich oben angekommen und robbte zu einem der zerstörten Fens­ter, das zum Schrottplatz hinaus zeigte. Rechts neben dem Fenster richtete ich mich auf, atmete tief ein und wagte einen Blick ins Freie.


Hätte ich es doch nur nicht getan! Die Kugel durchschlug meinen Schädel, bevor ich den Schuss hörte. Ich war tot …


 


»Verdammt! Der schafft es immer wieder.« Wütend warf ich den Kopfhörer auf den Schreibtisch und schaltete den Computer ab. Warum gelang es mir nicht, ihn zuerst zu tö­ten?


Das Telefon klingelte.


»Ja?«, fragte ich.


»Hast du gesehen, wo ich stand?«, fragte mein Bruder.


»Nein.«


»Gegenüber in dem gelben Haus.« Lars lachte.


»Finde ich nicht witzig.« Meine Laune hätte schlechter nicht sein können.


»Bist du zickig, weil ich dir in den Kopf geschossen habe?«


»Natürlich! Das war heute schon das zwanzigste Mal!«


Lars lachte erneut. »Dann musst du mehr üben, Lisa. Spielen wir morgen wieder?«


»Wenn ich Lust habe … mal sehen«, sagte ich.


»Alles klar, Schwesterherz. Bis morgen. Und hör auf, so eine Zicke zu sein!«


Ohne mich zu verabschieden legte ich auf.


Wir spielten diesen Ego-Shooter seit einem Jahr und die Statistik zeigte, dass er mich viermal öfter getötet hatte, als ich ihn. Er war einfach zu gut im Umgang mit dieser Art von Computerspielen.


Meine Wut legte sich. Was sollte ich mich weiter darüber aufregen? Dadurch änderte ich nichts.


Mein Magen grummelte. Ich hatte ganz vergessen, etwas zu essen. Ich schaute auf die Uhr. Lars und ich hatten drei Stunden gespielt. Kein Wunder, dass sich mein Magen mel­dete. Ich ging in die Küche und wollte mir ein belegtes Brot machen, als wieder das Telefon klingelte. Ich fror in meiner Bewegung ein. War das etwa …? Ja, das war es. Ich hatte den Klingelton fast nicht erkannt, da ich ihn noch nie zu Hause gehört hatte. Es war mein Notfallhandy. Ver­dammt, wo hatte ich es hingelegt? Ach ja! In meinen Nachttisch! Ich rannte in das Schlafzimmer, warf mich auf das Bett, riss die Schublade auf und nahm mit zitternden Händen das Handy.


»Ja?«, fragte ich außer Atem.


»Boehm?«, stellte eine männliche Stimme eine Gegenfra­ge.


»Ja, Hauptmann Lisa Boehm am Apparat!«


»Hier Oberst Gersmann. Kommen Sie sofort in die Zen­trale!«, gab sich die Stimme zu erkennen.


»Jawohl, Herr Oberst!«


Ich hörte das monotone Tuten des Handys, mein Vorge­setzter hatte ohne ein Wort des Abschieds aufgelegt. Ich zog mich an, holte meine Autoschlüssel und verließ schleunigst die Wohnung.


Meine Aufregung drohte mich zu zerreißen. Noch nie wurde ich über das Notfallhandy angerufen. Was hatte das zu bedeuten? Wurde mein Bruder ebenfalls zur Zentrale be­ordert? Ich rief ihn an, während ich in mein Auto stieg und losraste. Die Freisprecheinrichtung funktionierte zum Glück wieder einwandfrei. Mein Mann hatte sie vor zwei Tagen repariert.


Es klingelte dreimal, bevor er abnahm.


»Hi, Lisa«, begrüßte er mich.


»Hi, Lars. Bist du auch angerufen worden?«


»Ja, ich bin auf dem Weg«, sagte er.


»Ich auch. Bis gleich.«


»Fahr vorsichtig!«


Wir beendeten das Gespräch. Was gab es mehr zu sagen? Wir würden uns ja in Kürze sehen.


 


Die Fahrt war anstrengend und riskant gewesen. Weder hatte ich auf Geschwindigkeitsbegrenzungen noch auf rote Ampeln geachtet. Adrenalin beherrschte meinen Körper, als ich auf dem Parkplatz der Zentrale mein Auto abstellte.


»Lisa!«, rief Lars. Er war zeitgleich mit mir angekommen.


Ich blieb stehen und wartete, bis er zu mir aufgeschlossen hatte.


Er knuffte mich in die Seite. »Bist du noch sauer wegen vorhin?«


»Nein, ich bin es gewohnt, dass du in Ego-Shootern besser bist als ich.« Jetzt war ich es, die ihn knuffte. »Dafür bin ich auf dem Schießstand besser.«


Lars schielte mich schief von der Seite an und lächelte. Er wusste, dass ich treffsicherer war. Da machte er sich nichts vor.


Wir kamen am Haupteingang an und er öffnete mir die Tür. Unsere Schritte hallten auf dem Marmorboden der Empfangshalle. Es war ein riesiger Saal. In der hintersten Ecke befand sich der Empfangstresen, auf dem vorne in gel­ben Buchstaben NET – Für ihre Sicherheit im Internet stand. Das war natürlich nur Tarnung.


Carol winkte uns vom Tresen aus zu sich. »Da sind ja mei­ne Lieblingssoldaten«, säuselte sie. Es war kein Geheim­nis, dass sie auf meinen Bruder abfuhr.


Er zeigte ihr wie immer die kalte Schulter. »Wo müssen wir hin?«


»In Raum fünf«, flötete sie und klimperte verführerisch mit den Augen.


»Danke«, brummte Lars. Er hatte die ständigen Annähe­rungsversuche von ihr satt. Das wusste jeder in unserer Ein­heit. Er hatte seine Traumfrau längst gefunden und hegte keinerlei Interesse an Carol.


»Die nervt!«, sagte er, während wir zu Raum fünf gingen.


Ich nickte zustimmend und bemerkte, wie ruhig es war. An normalen Tagen kam man sich in der Zentrale vor wie in einem Bienenstock. Hunderte Menschen wuselten durch die Gänge und wir waren zwei davon. Wie viele Stunden waren wir in unseren fünf Dienstjahren hier gewesen, hat­ten Nahkampf- und Schießübungen gemacht und wurden von Leuten unterrichtet, die an Kriegen teilgenommen hat­ten? Ich wusste es nicht. Dieses Gebäude, so nackt und kühl es von innen auch wirkte, war mein zweites Zuhause. Hier fühlte ich mich sicher und unter Freunden.


»Da sind wir.« Lars riss mich aus meinen Gedanken.


Auf der Tür prangte in schwarzen Lettern Raum 5. Ich klopfte und öffnete die Tür.


»Ah, beehren uns die Geschwister Boehm auch endlich mit Ihrer Anwesenheit?«, scherzte Oberst Gersmann.


»Wir sind gekommen so schnell wir konnten«, versuchte ich uns zu verteidigen.


»Setzen Sie sich.«


Lars und ich nahmen in der hintersten Reihe platz, sonst waren sämtliche Stühle besetzt. Wir schienen tatsächlich die Letzten zu sein.


»So ein Arsch«, flüsterte Lars.


Ja, das war unser Oberst wirklich. Ein Arsch, wie er im Buche stand. Aber leider wusste er, wovon er sprach. Gers­mann hatte von allen Vorgesetzten der NET-Einheiten die meiste Erfahrung.


»Gut. Dann sind jetzt die Teams vollzählig. Wenn ich dann fortfahren darf.« Gersmann schielte uns über seine Brille hinweg vorwurfsvoll an. »Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die Gute. Seit zehn Jahren existier­en die NET-Einheiten und endlich haben wir den ersten Einsatz.« Der Oberst musste aufgrund hektisch einsetzen­den Stimmengewirrs unterbrechen. »Ruhe!«, verschaffte er sich wieder Gehör und fuhr fort. »Die Schlechte ist, dass wir das Ausmaß der Katastrophe noch nicht abschätzen kön­nen. Ich händige Ihnen nun die Unterlagen dazu aus und komme in einer halben Stunde zur Besprechung zurück. Bis dahin sollten Sie es geschafft haben, sich einen Überblick zu verschaffen.«


Die Ordner wurden von vorne nach hinten durchgereicht. Lars und ich wechselten skeptische Blicke. Wir verstan­den uns ohne Worte. Was war mit dem Oberst los? Er wirkte … nervös! So kannten wir ihn nicht. Sollte wirklich et­was so Schlimmes passiert sein, dass er seine Coolness verlor?


Niemand sprach, nur das Knistern der Seiten war zu hö­ren. Jeder las eifrig den Bericht, auch ich. In ihm ging es um die Stadt Köln. Dort sei vor zwei Tagen eine unbekannte Seuche ausgebrochen, welche die Menschen veränderte. Ge­naueres fand ich darüber nicht. Aber über die Anzahl der Infizierten wusste man scheinbar Bescheid. Die Zahl der in Quarantäne befindlichen Personen belief sich auf 1320!


Das war ein Hammer. In Deutschland gab es in den ver­gangenen Jahren immer wieder Krankheiten, vor denen die Bevölkerung gewarnt wurde. Doch nie ging es um eine Hausnummer wie 1320.


Viel mehr stand nicht in dem Bericht. Es gab keine Hin­weise auf die Herkunft der Seuche oder wie man sie be­kämpfen konnte. Nur eine Information stand auf dem letz­ten Blatt. Die Menschen waren nicht mehr sie selbst und lie­ßen keine Ärzte an sich heran, um sich untersuchen zu las­sen. Sie bissen sofort um sich, wenn sich jemand näherte …


Lars stieß mir in die Seite. »Was hältst du davon?«


Ich zuckte mit den Achseln. »Weiß nicht.«


Mein Bruder wollte noch etwas sagen, kam jedoch nicht dazu. Oberst Gersmann betrat den Raum und hatte einen weiteren Stapel Ordner in der Hand. Wortlos gab er sie den Leuten in der ersten Reihe.


»Geben Sie es durch«, bat er und verließ uns erneut.


Lars und ich nahmen die neuen Ordner entgegen und schauten hinein. Es waren Fotos der Infizierten. Ich schlug mir eine Hand vor den Mund und musste dem Drang wi­derstehen mich zu übergeben. Zum Glück kam ich vorhin nicht dazu etwas zu essen. So stieg nur sauer schmeckende Flüssigkeit in mir hoch, die ich hinunterschluckte.


»Was zum …«, setzte ich an, konnte aber durch die wie­derkehrende Gallenflüssigkeit nicht weitersprechen.


Die Bilder waren grauenhaft. Bereits das Erste konnte je­dem Horrorfilm Konkurrenz machen. Es war eine Frau in meinem Alter – so Mitte zwanzig – in einer Nahaufnahme. Ihr Gesicht, oder das, was davon übrig war, zeigte, was sonst Haut und Fleisch verdeckten. Sie hatte klaffende Wunden in ihren Wangen. Zähne und Kieferknochen lagen frei. Aber das war nicht das Schlimmste. Dadurch, dass der Fotograf nahe an die Frau herangegangen sein musste, konnte man deutlich ihre Augen erkennen. Sie waren … schwarz. Es war weder das Weiße noch die Pupille zu se­hen.


Ich schüttelte mich und bemerkte, wie sich Gänsehaut auf meinem Körper ausbreitete. Den Wunsch, nicht weiterzu­blättern, ignorierte ich. Es musste sein.


»Was ist das?«, fragte ich in die Stille des Raumes hinein. Ich bekam keine Antwort. Nicht einer meiner Kollegen gab einen Laut von sich. Sie mussten genauso schockiert sein wie ich.


Ich zwang mich, auf das zweite Bild zu blicken – es zeigte ein Kind. Es war ein Junge, das Alter konnte ich wegen der Verstümmelungen nicht schätzen. Man hatte ihn aus einiger Entfernung fotografiert. Sein gesamter Körper wies Verlet­zungen auf, die Einblicke in das Innere des Jungen boten. Das Seltsame war, dass manche der Blessuren an­scheinend wieder geschlossen waren. Ich blätterte um und fand eine Nahaufnahme der Beine. Jetzt konnte ich sehen, was die Wunden verschloss. Es war … schwarz. Genauso wie die Augen der Frau. Eigenartig. Was bedeutete das?


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 9 secs