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Belletristik
Buch Leseprobe Too Irish to Love, Josie Charles
Josie Charles

Too Irish to Love


Neustart in Castlemore Hill

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Kapitel 1



Selbst die absolute Dunkelheit kann eine Kerze nicht am Scheinen hindern


 


Aeryn


 


»Nein, ich habe ab morgen Urlaub«, erkläre ich dem begriffsstutzigen Kunden am Telefon ein weiteres Mal, während irgendwo im Hintergrund jemand meinen Namen plärrt und mir Ann von der Personalabteilung einen Zettel auf den Schreibtisch schiebt. Sie bewegt sich dabei in Zeitlupe, als würde mich der Wisch weniger stören, wenn sie ihn mir langsam gibt.
Ich nicke ihr zu, dann wende ich mich ab und schaue aus dem Fenster. Dabei mache ich meinem Kunden noch einmal klar, dass sich die nächsten vier Wochen jemand anderes um sein Anliegen kümmern wird und beobachte dabei die Tauben, die sich auf dem grünen Kuppeldach von Four Courts tummeln. Sie sind bereit, sich sofort auf die nächsten Touristen zu stürzen, die mit Sandwiches oder Scones die Liffey entlang schlendern. Wie eine Bande Straßenräuber lauern sie auf ihr nächstes Opfer.
Der Kunde, dessen Namen ich in all dem Chaos total überhört habe, zeigt sich einsichtig.
Endlich.
»Ich werde Sie direkt zu meinem Kollegen durchstellen«, lasse ich ihn wissen und ehe er es sich anders überlegen kann, leite ich seinen Anruf an Sean weiter, der am anderen Ende des Großraumbüros sitzt.
Ich atme auf, allerdings nur kurz. Ein Schatten verdunkelt meinen Schreibtisch und ich frage mich, wer es diesmal ist. Lorna, die noch schnell ihr neustes Projekt durchsprechen will? William, der wieder einmal »die Idee« für eine neue Werbekampagne hat – obwohl wir gar keine entsprechenden Kunden haben? Oder dieser pickelige Praktikant, der mich ständig fragt, ob er heute »ausnahmsweise« etwas früher gehen darf?
Es ist nicht leicht, die rechte Hand des Chefs zu sein, vor allem dann nicht, wenn dieser sich niemals in seiner eigenen Firma blicken lässt. Aber was soll’s? Genau so habe ich es mir selber ausgesucht …
Ich versuche mich an einem Lächeln, obwohl sich mein ganzes Gesicht steif und angespannt anfühlt, und sehe auf.
Vor mir steht Fiona, meine beste Freundin und Kollegin, und sieht mich tadelnd an.
»Hast du nicht seit zwanzig Minuten Urlaub?«
»Doch, schon, aber …«
»Kein Aber.« Sie stemmt die Hände in die Hüften und setzt diesen strengen Blick auf, mit dem sie mich immer misst, wenn ich in ihren Augen etwas Unvernünftiges tue.
Ich verziehe das Gesicht und streiche mir verlegen ein paar Strähnen meines langen dunklen Haares hinter die Ohren. Im Grunde hat sie recht. Ich hatte seit über einem Jahr nicht mehr längere Zeit am Stück frei und jeder andere an meiner Stelle hätte wahrscheinlich heute überpünktlich aufgehört. Ich jedoch nicht. Insgeheim habe ich ein bisschen Angst vor dem, was mich zu Hause erwartet … Wahrscheinlich schiebe ich deshalb ständig irgendwelche superwichtigen Aufgaben vor, anstatt endlich zu gehen.
»Ich muss das hier nur noch eben unterschreiben und Sean –« Das Telefon klingelt und ich triumphiere, weil Fiona jetzt sehen kann, dass ich hier gebraucht werde und nicht zu Hause. Als ich nach dem Hörer greifen will, ist sie jedoch schneller. Sie nimmt ab, drückt den Anruf weg und legt den Hörer beiseite.
Dann ist sie diejenige, die triumphierend grinst. »So einfach ist das.«
»Hey, das war vielleicht wichtig!«, protestiere ich und sehe vorwurfsvoll auf den Hörer, der wie ein verunfallter Wagen neben der Telefonstation auf der Seite liegt. Es ist ein trauriger Anblick.
»Tief durchatmen und dann versuch, dich zu entspannen. Dublicity wird auch eine Weile ohne dich klar kommen, okay?«
Sie hat ja recht, auch wenn ich es nicht gerne zugebe. Meine Kollegen sind allesamt Profis und Sean wird der beste Stellvertreter sein, den man sich wünschen kann.
Warum ist der Gedanke dann trotzdem so verlockend, den Urlaub einfach zu verschieben? Ein paar freie Tage haben noch niemandem geschadet, oder?
Ich lehne mich in meinem ergonomischen Hightech-Schreibtischstuhl zurück und seufze. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich keinen Urlaub machen will. Das Problem ist nur, dass ich einfach nicht weiß, wie ich die nächsten vier Wochen rumkriegen soll. Was treibt man so lange Zeit als Single in Dublin City?
In den ersten Tagen werde ich ausschlafen und vielleicht auf der O‘Connell Street shoppen. Abends gehe ich sicher ein, zwei Mal in die Clubs und Bars in Temple Bar, so wie ich es früher auch öfters gemacht habe. Bestimmt wird mich Fiona begleiten, wenn sie in der Agentur nicht gerade total eingespannt ist. Dann habe ich noch vor, meine Eltern in Sutton, einem Vorort von Dublin, zu besuchen, wo sie ein ruhiges Leben führen, das mit meinem so gar nichts zu tun hat – das war es aber auch schon.
Besonders spontan und entscheidungsfreudig war ich noch nie und jetzt, wo ich niemanden mehr habe, der mich zu Abenteuern überredet, habe ich Angst, vor Langeweile einzugehen.
Nein, genau genommen überfällt mich regelrechte Panik, wenn ich daran denke, dass ich die kommenden dreißig Tage in meinem Apartment mit Blick auf die Ha’Penny Bridge verbringen und den Menschen draußen beim Leben zusehen werde. Einsam und ohne zu wissen, wie ich die Zeit totschlage. Ich kenne Dublin in- und auswendig. Jeder Winkel erinnert mich an meine Zeit mit Daniel und daran, dass ich es vergeigt habe.
Oder hat er es vergeigt?
Ich ändere meine Meinung darüber fast stündlich und heute in meinem urlaubsbedingten Selbstmitleidsanflug bin ich diejenige, die an unserer Trennung schuld ist.
»Schau mal, was ich hier habe«, sagt Fiona und schiebt mir, ähnlich wie Ann gerade eben, etwas über die Tischplatte hinweg zu. Es ist ein Stück Papier, vielleicht fünfzehn mal zwanzig Zentimeter groß. Oben prangt ein grüner Streifen mit der Aufschrift DUBLIN HAUPTBAHNHOF. Darunter befinden sich mein Name, ein Datum (morgen!) und ein Endziel.
Castlemore Hill.
Ich kapiere überhaupt nicht, was das zu bedeuten hat. Eine neue Werbeidee? Personalisierte Flyer in Form von Bahntickets?
»Was … ist das?«
»Dein Urlaubsort für die nächsten vier Wochen«, lässt mich Fiona mit einem breiten Grinsen wissen. »Du bekommst auch das Rückfahrticket, aber nur, wenn du vorher einwilligst und mir versprichst, dass du dich voll und ganz auf dieses kleine Wagnis einlassen wirst.«
Perplex starre ich das Zugticket an und versuche ein weiteres Mal zu verstehen, was das zu bedeuten hat. Ich soll verreisen? Nach …
Ich sehe nochmal auf das Stück Papier auf meiner Tischplatte.
Castlemore Hill.
Das klingt idyllisch nach grünen Wiesen, Schafen, Pubs und jeder Menge Schlössern. Es schreit förmlich nach Abenteuer und einer Auszeit, fernab von der trubeligen Großstadt. Möglicherweise ist es genau das, was ich jetzt brauche.
»Fährst du mit?«, frage ich und spüre, wie sich ein großer Teil von mir bereits auf den Trip einzulassen beginnt.
Ich male mir aus, wie wir in einem kleinen Hotel mit Blick auf unendliche Weiten in der Sonne frühstücken, wie wir gemeinsam durch die satte grüne Hügellandschaft wandern und uns abends im Pub bei einem Guinness Märchen und Sagen aus der Umgebung erzählen lassen.
Zu meiner Enttäuschung schüttelt Fiona allerdings den Kopf.
»Du fährst schön alleine. Ich kenne dich doch. Wenn ich mitfahre, schaltest du keine zehn Minuten ab und besprichst mit mir bereits beim Frühstück irgendwelche Marketing-Strategien.«
»Oh«, mache ich, bin aber gleichzeitig überrascht, dass meine Begeisterung nicht dahinschmilzt. Auch wenn ich alleine fahren soll, freue ich mich trotzdem auf den Trip. Er ist genau das, was ich jetzt brauche. Eine Auszeit. Ein Neustart. Fiona kennt mich eben viel zu gut.
»Danke, das ist einfach …« Ich suche noch die richtigen Worte, aber Fiona legt noch etwas vor mir auf den Tisch. Ein neonorangenes Post-it, auf dem nur zwei Worte stehen: Fáilte Inn.
Wenn mich nicht alles täuscht, ist Fáilte gälisch und bedeutet »Willkommen«.
»Das Fáilte Inn ist eine süße Pension direkt im Ort«, erklärt mir Fiona und spricht das Wort »Fol-tscha« aus.
Anders als ich stammt sie aus einer Familie, in der die gälische Sprache noch einen hohen Stellenwert hat. Umso begeisterter war sie damals, als wir uns kennengelernt haben, von meinem Namen. Aeryn – einer ausgefalleneren Schreibweise von Erin. Sie ist der Meinung, dass »Aeryn« altirisch wäre, wobei ich glaube, dass meinen Eltern der Name Erin einfach nur zu gewöhnlich war. Vor allem meiner Mum, denn sie hat, anders als mein Dad, der eine Schreinerei betreibt, eine fantasievolle Ader.
»Am besten schläfst du dort. Da ist sicherlich etwas frei.«
Ich greife nach meinem Handy, um die Pension zu googeln, aber Fiona haut mir leicht auf die Finger.
»Hör auf damit, du Kontrollfreak. Lass dich einfach mal überraschen.« Sie setzt ihren Dackelblick auf, bei dem ihre grünen Augen schelmisch blitzen. »Bitte.«
Ich ziehe meine Hand wieder weg und sehe nachdenklich nach draußen. Dublin ist meine Heimat. Die vielen Touristen, die andauernden Polizeisirenen, laute Musik und noch lautere Gespräche in den schmalen Gassen – es ist hier fast nie still. Ich horche in mich hinein und frage mich, ob ich stattdessen wirklich nach Castlemore Hill fahren will. Vier Wochen auf dem Land. Vier Wochen Ruhe, Weite und Entspannung …
Ja, ich will.
»Du bist die Beste!« Ich springe auf und falle meiner Freundin um den Hals.
»Vertrau mir, du wirst die Reise nicht bereuen.« Fiona erwidert meine Umarmung. »Und wer weiß, vielleicht willst du am Ende gar nicht mehr zurückkommen.«


***


 


Aeryn


 


Am nächsten Tag zeigt sich Dublin noch mal von seiner besten Seite. Mitten in der Innenstadt hat sich ein Sightseeing-Bus mit einem normalen Linienbus verkeilt und blockiert die Fahrbahn, sodass sich nicht nur dort, sondern auch in den Umgehungsstraßen ein Stau gebildet hat. Lauter Schaulustige stehen herum und filmen, obwohl es überhaupt nichts zu sehen gibt. Mein Taxi muss außen herum fahren und als endlich der Hauptbahnhof in Sicht kommt, ist es bereits acht Minuten vor acht. Ich bin viel zu spät. Ich lege dem Fahrer seine Bezahlung auf den Sitz, während er meinen Trolley aus dem Kofferraum hebt, rufe ihm einen Dank zu und eile dann ins Bahnhofsgebäude. Zahlreiche Touristen, Schulkinder und Pendler kommen mir entgegen und ich muss einen wahren Slalom-Lauf zurücklegen, bis ich endlich mein Gleis erreicht habe. Meinen Koffer, der sich in all der Hektik auf die Seite gedreht hat, zerre ich hinter mir her wie ein bockiges Kind. Stufe für Stufe, hinauf zum Gleis.
Als ich oben ankomme, steht dort bereits ein wartender Zug. Ich werfe einen schnellen Blick auf die Anzeigentafel, die mich wissen lässt, dass ich hier richtig bin. Der Zug gibt ein ohrenbetäubendes Piepsen von sich und ich steige begleitet von diesem Warnsignal in einen der Waggons. Die Türen schließen sich hinter mir, kaum, dass ich meinen Trolley in Sicherheit gebracht habe, und sperren die Geräuschkulisse Dublins aus.
Plötzlich ist es ganz still. Nur das Anfahren des Zuges ist zu hören.
Ich atme durch und kann mir ein erleichtertes Grinsen nicht verkneifen, als ich feststelle, dass ich es in letzter Sekunde noch geschafft habe. Dann reiße ich mich wieder zusammen und bemühe mich um einen neutralen Gesichtsausdruck, damit mich die anderen Fahrgäste nicht für eine Verrückte halten. Ich suche mir einen freien Platz am Fenster, verstaue meinen Koffer und lehne mich zurück. Während der Zug aus dem Bahnhof gleitet, schieße ich ein Selfie und schicke es an Fiona, damit sie weiß, dass ich keinen Rückzieher gemacht habe. Ich zögere, aber dann stelle ich mein Handy auf lautlos, damit mich niemand aus der Agentur erreichen kann, und schließe die Augen.
Ab jetzt habe ich Urlaub.
Vier ganze Wochen lang.
Ich sage mir diese zwei Sätze in Gedanken immer und immer wieder, so lange, bis ich spüre, dass sich mein Puls verlangsamt und mein Stresslevel abflacht. Dann öffne ich die Lider und stelle fest, dass sich das Bild vor meinem Fenster verändert hat. Es ziehen jetzt kleine Reihenhäuser aus einem der Vororte vorbei und ich stelle mir vor, wie die Bewohner in ihren Betten liegen und dem Geratter des Zuges lauschen.
Ob sich an Bahngleisen zu wohnen ähnlich anfühlt, wie an einem Hafen zu leben? Ob man auch Tag für Tag die Reiselust anderer zu spüren kriegt und selber Fernweh entwickelt? Oder ob einem das Tuten und Rumpeln einfach nur den letzten Nerv raubt?
Mir jedenfalls gefällt die Fahrt jetzt schon. Sie hat etwas Beruhigendes an sich und ich merke, wie sehr ich die letzten Monate unter Strom gestanden habe.
Es war im Sommer des letzten Jahres, als ich mich nach eineinhalb Beziehungsjahren von Daniel getrennt habe. Eineinhalb Jahre, die wie im Flug vergangen sind. Wir haben uns auf einem Straßenfest in Dublin kennengelernt und ich war fasziniert von seiner lockeren Art und seinen Erzählungen. Ein Kurztrip nach Dubai, ein Helikopterflug über den Hafen von Dublin, ein spontaner Umzug in ein neugebautes Apartment. Er schien einfach immer genau das zu tun, wonach ihm gerade der Sinn stand.
Später erfuhr ich, dass das möglich war, weil er aus einer steinreichen Familie stammt. Seine Eltern machen Milliarden in der Tourismusbranche und Daniel profitiert natürlich davon. Er musste nie wirklich arbeiten und durfte sich immer »ausleben« – wie er es nannte.
Anfangs fand ich es wirklich schön mit ihm. Die spontanen Wochenendtrips, die mich aus meinem Alltag gerissen haben, die kleinen Aufmerksamkeiten, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Doch während ich mich weiterentwickelte und Pläne für meinen zukünftigen Lebensweg schmiedete, schien Daniel der kleine verwöhnte Junge zu bleiben. Für ihn standen Spaß und Action im Vordergrund und ich begann, mich zu fragen, wo mein Platz in diesem Abenteuer war.
Meinte er es wirklich ernst mit mir oder war ich nur eine Weggefährtin für begrenzte Zeit? Immer, wenn ich etwas längerfristig planen wollte, wenn ich über eine Hochzeit oder sogar Kinder sprach, blockte er ab und mir wurde klar, dass wir vom Leben nicht das Gleiche wollten. Es war nicht so, dass ich einen Fünf-Jahres-Plan hatte oder irgendetwas überstürzen wollte, trotzdem hätte ich mir von ihm einen Hinweis darauf gewünscht, ob er sich auch in Zukunft an meiner Seite sah oder ob ich nur ein kurzer, vergänglicher Spaß für ihn war. Nicht bedeutsamer als ein Bungeesprung oder eine Limousinenfahrt …
Eines schönen Sommerabends eskalierte die Situation zwischen uns schließlich. Wir waren in meinem Apartment verabredet – zusammenziehen wollte Daniel auch nach eineinhalb Jahren nicht, weshalb wir ungefähr zwanzig Minuten Fußweg voneinander entfernt lebten – und er kam mit drei Stunden Verspätung bei mir an. Das Dinner, das ich für uns beide gekocht hatte, war mittlerweile kalt und ich hatte mir Sorgen gemacht, weil er nicht an sein Handy gegangen war.
Als er dann irgendwann gut gelaunt und angetrunken bei mir eintrudelte und es nicht einmal für nötig hielt, sich zu entschuldigen, platzte mir der Kragen. Ich warf ihm an den Kopf, dass ich nicht glaubte, dass er mich liebt und er sagte dazu nur einen Satz: »Wenn du das Gefühl hast, dann ist es wohl so.«
Die Worte trafen mich so hart, dass ich die Beziehung auf der Stelle beendete. Daniel kämpfte nicht. Stattdessen erfuhr ich einige Tage später, dass er Dublin verlassen hatte. Ihn hatte die Abenteuerlust gepackt und jetzt, wo er mich los war, konnte er sich frei ausleben – zumindest glaubte ich das.
Ich stürzte mich in die Arbeit, um mich von dem Schmerz, den die Trennung in mir hervorgerufen hatte, abzulenken. Es funktionierte. Ich wurde erfolgreich, arbeitete mich binnen kürzester Zeit an die Spitze und wurde die rechte Hand unseres Bosses. Dublicity wurde auch zu meinem Baby und ich war rundum zufrieden. Dabei vergaß ich allerdings, dass ich irgendwo auch noch ein Privatleben hatte und wäre Fiona nicht gewesen, würde ich jetzt wahrscheinlich in meiner Wohnung sitzen und an den Jahresplänen der Agentur arbeiten.
Dank ihr bin ich unterwegs in ein kleines Abenteuer. Ich weiß weder, wo Castlemore Hill liegt, noch wie lange wir fahren oder was das für eine Pension ist, in der ich heute schlafen werde. Fiona hat mir davon abgeraten, vorab all diese Dinge zu googeln und ich habe es gelassen.
Draußen hat sich das Bild erneut verändert. Häuser sind jetzt nur noch vereinzelt zu sehen, anstelle davon entdecke ich grellgrüne Wiesen mit weißen Schafstupfen und in der Ferne einen Fluss mit bunten Hausbooten darauf. Es ist, als würde die Stimmung von draußen auch nach hier drinnen überschwappen. Die Gespräche sind verstummt, niemand schreit mehr in sein Handy oder starrt auf sein Display. Alle Gäste genießen die Fahrt und ich frage mich, ob einige von ihnen auch nicht so genau wissen, wohin ihre Reise geht.
Nach drei Stunden krame ich etwas zu Essen aus meinem Rucksack und genieße meine Scones mit Blick auf die ungezähmte Natur Irlands. Immer wieder blitzen Burgen und Schlösser entlang der Bahnstrecke auf. Das Meer ist nicht zu sehen, was mir zeigt, dass wir in Richtung Norden oder Süden fahren müssen. Wären wir in Richtung Westen unterwegs, hätte längst wieder Wasser in Sicht sein müssen, denn so breit ist unsere Insel nicht.
Anhand der Ortsnamen, die mir hin und wieder unterkommen, glaube ich, dass wir runter in den Süden fahren. Über diese Region weiß ich, dass sie milder ist als der Rest des Landes. Dort gibt es nicht nur kristallklare Seen und Fischerdörfer, sondern auch schöne Strandabschnitte und Hafenstädte – wie zum Beispiel Cork. Ich habe gehört, dass durch den Golfstrom mancherorts sogar Palmen wachsen und dass es dort unten Blumen gibt, die bei uns nicht so ohne weiteres blühen.
Der Zug hält immer mal wieder zwischendurch an und lässt Gäste aussteigen. Die Bahnsteige sehen immer gleich aus. Sie liegen mitten im Grünen und wenn man Glück hat, gibt es zumindest ein Wartehäuschen.
Irgendwann bin ich die Einzige in meinem Abteil, aber das macht nichts. Im Gegenteil. Es fühlt sich wie ein Start in einen neuen Lebensabschnitt an und dafür brauche ich niemand anderen als mich selbst.
Nach ungefähr fünf oder sechs Stunden sagt der Lokführer durch, dass wir uns der Endstelle Castlemore Hill nähern. Ich habe ein paar Gesprächsfetzen anderer Fahrgäste aufgeschnappt, in denen die Rede davon war, dass sich Castlemore Hill und ein Nachbarort namens Ballybeg die Haltestelle teilen und es zu beiden Orten noch gute zwanzig Minuten mit dem Auto sind. Ich werde mir am Bahnhof ein Taxi nehmen – sofern es überhaupt Taxen hier draußen gibt. Oder einen Bahnhof.
Ich spähe aus dem Fenster und sehe nur flach ansteigende Hügel, ein paar Bäume und einen Unterstand, der einem Bushäuschen gleicht. Von Taxen weit und breit keine Spur.
Na, das kann ja etwas werden! Auf einmal spüre ich doch eine gewisse Unsicherheit in mir aufsteigen und sehe mich schon allein am Bahnsteig stehen, in einer Gegend, die ich nicht kenne, meilenweit vom nächsten Ort entfernt.
Als der Zug anhält, überlege ich einen Moment, einfach darin sitzen zu bleiben und bei der nächsten Gelegenheit wieder zurückzufahren. Ich könnte so tun, als wäre ich eingeschlafen oder – nichts da!
Ganz sicher mache ich keinen Rückzieher, bevor mein Abenteuer überhaupt angefangen hat.
Entschlossen hole ich meinen Trolley aus dem Gepäckfach und steige aus. Die Luft ist hier viel klarer als in der City. Es ist etwas kühler, der Wind hingegen ist warm. Ich sehe mich auf dem schmalen Bahnsteig um, der einfach mitten auf eine Wiese gebaut wurde, und stelle fest, dass mit mir noch ein altes Ehepaar ausgestiegen ist. Da sie bereits dabei sind, das Gleis zu verlassen, beeile ich mich, ihnen hinterherzulaufen.
»Hallo? Entschuldigung?«
Die beiden alten Leute drehen sich mit einem nahezu identischen zahnlosen Lächeln zu mir herum.
Ich lächle ebenfalls. »Ich möchte nach Castlemore Hill. Können Sie mir sagen, wie ich dort hinkomme?«
»Sie können laufen«, sagt der Mann.
»Das ist viel zu weit«, entgegnet seine Frau.
»Sie hat doch junge, gesunde Beine.«
»Sie sollte den Bus nehmen.«
»Den Bus«, sagt der Mann, als wäre daran etwas Obszönes.
»Ich würde gerne den Bus nehmen«, erkläre ich, bevor die zwei noch anfangen, sich zu streiten. »Wo fährt er denn?«
»Einfach den Trampelpfad entlang«, sagt die Frau. »Dort hinter den Bäumen ist die Haltestelle.«
Ich blicke den »Pfad« entlang, kann jedoch bis auf ein bisschen plattgetretene Wiese keinen Weg erkennen. Aber die Bäume sehe ich, also bedanke ich mich, nehme meinen Trolley kurzerhand auf den Arm und gehe los.
Hinter mir höre ich den Mann noch sagen: »Den Bus nehmen, tz. Das ist ja, als würde man zum Angeln ein U-Boot benutzen.«
Ich verstehe diesen Vergleich nicht, frage allerdings auch nicht nach, denn die beiden sind bereits wieder unterwegs. Lächelnd blicke ich ihnen hinterher und wünsche mir, im Alter auch jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich streiten, lachen und weinen kann.


***


Glenn


 


Das Zischen des Busses reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke von der Abrechnung auf, die förmlich vor mir auf der Theke festklebt, und sehe durch den Pub nach draußen. Die Sonne scheint und lässt es hier im Inneren noch dunkler aussehen. Die Holzmöbel schlucken jedes bisschen Licht und ich kann es kaum erwarten, dass hier in ein paar Stunden wieder Leben herrscht.
Selbst die absolute Dunkelheit kann eine Kerze nicht am Scheinen hindern, oder wie sagt man so schön? Egal, wie finster es mir hier manchmal erscheinen mag, das Letzte, was ich tun werde, ist aufgeben.
Der Bus fährt mit dem gleichen nervigen Zischen wieder an meinem Fenster vorbei. Die Straße ist hier so schmal, dass es mich nicht wundern würde, wenn er einfach mit dem Spiegel meine Fassade streifen würde. Es ist ein privater Reisebus, keiner der Linienbusse, die mehrmals am Tag alibimäßig zwischen unserem Ort und irgendeinem gottverlassenen Bahnsteig hin und her fahren.
Das kann nur eins bedeuten.
Ich knalle meinen Kugelschreiber auf die Theke, auch wenn das bedeutet, dass ich ihn womöglich nie wieder davon loskriegen werde, und trete nach draußen. Missbilligend sehe ich zuerst dem Bus hinterher, dann schaue ich nach links.
Tatsächlich.
Der Reisebus hat eine ganze Ladung Gäste ausgespuckt, die sich laut lachend vor dem Fáilte Inn versammelt haben. Vielleicht eine Hochzeitsgesellschaft. Nein, nicht vielleicht. Ganz sicher ist es eine. Ein paar Iren aus dem Umland, die ihre Heirat oben vor dem Glasmore Castle zelebrieren wollen. Auf dem grünen Hügel.
Eigentlich sollte ich mich über Fremde freuen und früher habe ich das auch. Mittlerweile ist jedoch alles anders. Der Anblick macht mich wütend. Jedes Mal, wenn ich auch nur zum Fáilte Inn hinübersehe, verspüre ich einen Stich in meiner Brust und habe das Gefühl, einfach explodieren zu müssen, wenn ich nicht irgendetwas tue.
Die Pension liegt links neben meinem Pub, etwas zurückgesetzt mit Blick auf den Ferta, den Fluss, der durch unseren Ort fließt und irgendwann im Atlantik mündet. Die Fassade ist in einem hellen Türkis gestrichen, was alleine schon eine Schande ist. Viel zu grell. Viel zu aufdringlich.
Kopfschüttelnd sehe ich den Ankömmlingen zu, wie sie die Pension übervölkern, als ein zweiter Bus angefahren kommt. Diesmal ist es der Linienbus und ich frage mich, wie viele Leute sich noch in das Fáilte Inn quetschen wollen. Haben sie etwa angebaut oder die Zimmergrößen halbiert? Vielleicht gibt es mittlerweile Stockbetten oder einen Schlafsaal statt des Frühstückraumes …
Doch anstelle einer weiteren Menschengruppe steigt nur eine einsame Frau aus.
Sie hat einen mintgrünen Koffer dabei, der dank seiner zahllosen Macken und Schrammen so aussieht, als hätte er eine Weltreise hinter sich, und wirkt ein bisschen verloren. Ihr dunkles Haar weht leicht im Wind und ihre Wangen sind gerötet, als hätte sie einige Anstrengungen hinter sich. Ihre Kleidung – die engen Jeans, die glänzende Bluse und die hohen Schuhe – verraten mir, dass sie aus der Stadt kommen muss. Aus Cork vielleicht, Limerick oder Dublin. Sie trägt eine überdimensionierte Sonnenbrille, weshalb ich ihre Augen nicht sehen kann, doch ich weiß auch so, was sie im Visier hat.
Die Pension meines Nachbarn. Natürlich.
Als wäre sie die einzige Übernachtungsmöglichkeit in Castlemore Hill. Hat sie noch nie was davon gehört, dass der alte Kenny das Nähzimmer seiner toten Frau vermietet? Oder dass man bei den McFinnegans auf dem Heuboden übernachten kann?
Nein, es muss natürlich das Fáilte Inn sein. Kaum hat sie den hellblauen Laden ins Visier genommen, marschiert sie auch schon los. Sie wirkt entschlossen, worüber ich nur den Kopf schütteln kann. Noch vor einem Jahr war das Fáilte Inn eine gute Anlaufstelle – heute ist es nur noch ein Witz.
Die Hochzeitsgesellschaft ist bereits scherzend im Inneren verschwunden und auch für mich wird es Zeit, zurück in den Pub zu gehen. Bis heute Abend habe ich noch einiges zu tun.
Ich werfe noch einen letzten Blick auf die dunkelhaarige Städterin und ihren Koffer, der sicher schon mal bessere Zeiten erlebt hat, dann mache ich mich wieder an die Arbeit.


***


 


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