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Belletristik
Buch Leseprobe Tod in den Gärten des Midas, Elfriede Fuchs
Elfriede Fuchs

Tod in den Gärten des Midas


Die Alexander-Chroniken 3

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Später, nachdem die Lampen gelöscht worden waren, lag ich auf dem Rücken und starrte in die Dunkelheit. Ich schlief nicht, teils, weil ich zu aufgewühlt war von den Ereignissen des Tages, vor allem aber, um zu warten. Es musste schon spät geworden sein, als endlich eine Gestalt durch die Tür schlüpfte, im Dunkeln den Mittelgang zwischen den Betten herunterschlich und sich mit einem Ächzen auf die Nachbarpritsche fallen ließ.


Alexander war fast den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und natürlich hatte er so spät am Abend auch nichts mehr zu essen bekommen. Er musste erschöpft und ausgehungert sein. Ich setzte mich auf, griff unter mein Bett und zog einen Beutel hervor, dessen Inhalt ich beim Abendessen heimlich abgezweigt hatte. Ich schob ihn Alexander hinüber, der ihn öffnete und hineinlangte.


„Was hat Aristoteles gesagt?“, flüsterte ich und setzte mich neben ihn auf den Rand seiner Pritsche, damit wir sprechen konnten, ohne die anderen zu stören.


„Nichts.“ Alexander holte ein Kanten Brot aus dem Beutel und biss hinein. „Er hat erst die Quelle mit der Leiche und danach die Umgebung untersucht. Dann hat er die Tote nach Mieza schaffen lassen, ins Haus eines Arztes, mit dem er befreundet ist. Dort wollte er sie später noch genauer untersuchen. Was dabei herausgekommen ist, weiß ich nicht.“


„War er ärgerlich?“


„Kann man wohl sagen. Obwohl er sich Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen.“


Aristoteles schätzte es nicht, wenn man ihn bei seinen privaten Studien störte, und er hasste es geradezu, in der Mittagshitze auf staubigen Straßen unterwegs sein und womöglich seine gepflegte Kleidung schmutzig machen zu müssen.


„Und die Priesterin?“


„War außer sich, dass die Leiche nicht sofort aus der Quelle entfernt worden war. Sie will sich bei Antigenes über mich beschweren.“


Alexander verfügte über ein einzigartiges Talent, sich bei Autoritätspersonen unbeliebt zu machen. Er kramte in dem Beutel herum und beförderte Nachschub hervor. „Was hat sich inzwischen hier getan?“


„Nicht viel. Antigenes ist offenbar entschlossen, den Vorfall unter den Teppich zu kehren. Trotzdem gab es beim Essen und vor dem Schlafengehen jede Menge Gerede. Proteas und Harpalos meinten, das tote Mädchen sei eine Hure oder Flötenspielerin gewesen. Dann faselten sie abwechselnd von Räubern, Geistern und Kulten mit Menschenopfern.“


Alexander zuckte zusammen. „Hat jemand meine Mutter erwähnt?“


Sobald die Rede auf geheimnisvolle Kulte kam oder auf Zauberei, dachte jeder unwillkürlich an Olympias. Es gab zahllose Gerüchte über sie, eines wilder als das andere, zum Beispiel, dass sie Schlangen in ihren Gemächern im Palast hielt. Zumindest Letzteres stimmte tatsächlich, das wusste ich zufällig von Alexander selbst. Sein ganzes Leben lang hatte er sich anhören müssen, wie sich die Leute über seine Mutter, die Schlangenkönigin, das Maul zerrissen.


„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte ich nun. „Es war nur von den Brygern die Rede.“


„Warum gerade von denen?“


„Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen. Aber Marsyas nutzte mal wieder die Gelegenheit, mit seinen Geschichtskenntnissen zu prunken, und hielt einen Vortrag über König Midas und seine Gärten. Und dass es heute noch Bryger im Bermion gibt. Dann fing Langaros wieder mit seinen Menschenopfern an und spekulierte, das Mädchen in der Quelle sei rituell ertränkt worden. Denn es trug einen Kranz aus Blüten auf dem Kopf, wie ein Opfer.“


Alexander dachte nach, während er weiteraß. Schließlich sagte er: „Als ich ein Kind war und noch bei meiner Mutter lebte, bekam ich so einiges mit. Ständig gingen Priester, Propheten und Adepten irgendwelcher Kulte bei ihr ein und aus. Ich erinnere mich an eine uralte Priesterin, verschrumpelt und sehr geheimnistuerisch. Sie stand einem Heiligtum in der Nähe von Mieza vor, in dem eine mächtige Göttin verehrt wurde. Ihren Namen weiß ich nicht. Nur dass das Heiligtum von einem alten, fremden, längst verschwunden Volk gegründet worden sein soll.“


„Meinst du, das könnten die Bryger gewesen sein?“


Alexander zuckte mit den Achseln. „Möglich. Damals interessierte mich hauptsächlich der lange Stab, den die Priesterin dabeihatte. An seinem oberen Ende befanden sich nämlich drei Doppeläxte. Die Doppelaxt ist als Symbol in vielen Kulten verbreitet, aber gleich drei davon auf einmal – das fand ich eindrucksvoll.“


„Von einem Heiligtum der Bryger hier in der Gegend habe ich noch nie gehört.“


In den Gärten des Midas gab es etliche Tempel, die den üblichen Gottheiten geweiht waren, sowie jede Menge kleiner bis winziger heiliger Stätten, zum Beispiel solche, an denen Nymphen und andere Naturgeister verehrt wurden.


„Die Priesterin erklärte mir, als das alte, fremde Volk einst von hier verschwand, sei auch der Tempel den Augen der Sterblichen entrückt worden. Nur Eingeweihte wüssten noch, wo sie ihn finden können. Von Menschenopfern war allerdings nicht die Rede. Aber wer oder was auch immer hinter dem Tod dieses Mädchens steckt: Das alles gefällt mir nicht. Hoffentlich erfahren wir morgen von Aristoteles Genaueres.“


Er gab mir den mittlerweile leeren Beutel zurück, ohne ein Wort des Dankes; ich erwartete auch keines – es war nicht nötig. Ich wusste, Alexander würde für mich notfalls das Gleiche tun und noch viel mehr.


Als Sohn des Königs hatte er natürlich Freunde ohne Ende, viele davon kannte er weit länger als mich. Ich gehörte nicht zu der verschworenen Clique von Adelssöhnen, die sich traditionell um den voraussichtlichen Thronerben scharten und auch hier bei den Königsjungen den Ton angaben. Mein Vater war einfach nur ein Pferdezüchter, er lieferte seine Pferde unter anderem auch an die Armee und an den Hof.


Alexander und ich hatten einander nur durch Zufall kennen gelernt. Anfangs hatte ich nicht einmal gewusst, wer er war. Bis vor Kurzem hatten wir uns nur alle paar Monate einmal sehen können, nämlich wenn mein Vater seine Pferde nach Pella brachte. Und doch hatten wir einander vom ersten Tag an auch ohne Worte verstanden. Es war, als hätten wir uns schon immer gekannt. So saßen wir auch jetzt noch eine Zeitlang schweigend nebeneinander auf der Pritsche, ehe wir uns hinlegten, um vor dem Morgengrauen noch ein wenig Schlaf zu bekommen.


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