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Belletristik
Buch Leseprobe Tizian - , Maria Anders
Maria Anders

Tizian -


Eine Geschichte aus dem Leben der Jana Z.

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Kapitel 1 - Die dritte Jahreszeit


 


Es war ein wunderschöner Herbstmorgen. Die Sonne schien. In mich versunken schlenderte ich die Platanenalleen entlang und bemerkte auf einmal, wie schön der Herbst doch sein konnte. Die ganzen Wege waren übersät mit großen, goldenen Blättern. Sie lagen zu meinen Füßen, auf den Autodächern, verzierten Hecken, Zäune und auch kleinere, bereits kahle Sträucher. Ein verschneiter Wintermorgen hätte nicht schöner sein können. Zum ersten Mal seit Jahren wurde mir bewusst, dass das Leben nach dem Sommer ja gar nicht vorbei war. Sicher – die Blumen, der Sonnenschein, die singenden Vögel, die Wärme und die langen, lauen Abende, sie waren vorüber – aber das Leben hörte damit nicht auf. Der Sommer war schön gewesen – aber der Herbst war es auch... Der Winter hatte seine ganz eigenen Reize, bis der Frühling wieder das Innerste nach Außen kehrte.


 


Auf einmal spürte ich: Die Bäume und Sträucher leben ja immer noch, die Sonne und der Mond sind die gleichen, auch die Luft, die uns umgibt und mir wurde bewusst, wie wichtig und notwendig dieser Kreislauf ist – auch für uns, die Menschen und Tiere, die diese Erde bewohnen. Natürlich wusste ich das schon immer. Schließlich lernt man ja so etwas als Kind im Naturkundeunterricht, aber es war für mich etwas vollkommen Neues, genau diese Wahrheit jetzt zu spüren: Es ist die gleiche Kraft, die mich immer umgibt – sie hat jetzt nur eine andere Form. Und immer ist überall Gott, der durch alles hindurchscheint. Er lässt uns nie allein! Es war so überwältigend zu spüren, wie perfekt alles organisiert war in Frühling, Sommer, Herbst und Winter und wie gut durchdacht die Lebenskreisläufe uns umgaben.


 


Vorbei waren die trostlosen Stunden, wo ich mir dachte: „Na ja, der Sommer ist vorbei und jetzt beginnt wieder die langwährende, gähnende Langeweile mit trockenem Herbstlaub, verregneten Abenden, kurz durchbrochen von dem Erntedankfest, dem Laternenfest für die kleinen Kinder und dem Warten auf den Nikolaus. Danach freut man sich auf Weihnachten, auf geschmückte Bäume, auf leuchtende Augen, auf eine besinnliche, feierliche Zeit die bald darauf durchbrochen wird vom jähen Knallen der Sylvesterfeuerwerke und der Sektkorken, wenn man sich ein schönes „Neues Jahr“ wünscht. Dieses neue, oft so trostlose Jahr quälte sich dann mühsam weiter bis zum Osterhasen, dem Maifeiertag, ja und dann begann endlich wieder der Sommer. So war es nach meiner Kindheit bislang immer in meinem Leben gewesen. Aber in diesem Herbst war alles anders. Auf einmal sah ich all die schönen Farben um mich herum und war unendlich dankbar. Ich lebte wieder. Ich konnte wieder das Leben um mich spüren.


 


Später am Abend, als ich Tizian, meinem kleinen, vierjährigen Neffen, seine Gute-Nacht-Geschichte vorlas, bemerkte ich wieder, das Tizian sich mit dem Gehörten nicht mehr so einfach zufrieden geben wollte. Als wir das Gute-Nacht-Gebet sprachen, platzte es aus ihm heraus: „Sag mal, Tante Jani, wer ist Gott eigentlich? Wo wohnt der denn? Ist der auch aus Fleisch und Blut so wie wir und hat der auch Haare auf dem Kopf? Und mag Gott auch Gummibärchen? Und, und, und…“ Es war gar nicht so einfach, die passenden Antworten darauf zu finden: Ja, wer war Gott eigentlich? – Und wer oder was war der Heilige Geist? – „Du, Tizian“, begann ich schließlich, „das weiß ich auch nicht so richtig, weißt du, das weiß kein Mensch so richtig. Man kann es nur vermuten oder das lesen, was in der Bibel steht. Vielleicht ist Gott  ja auch aus Fleisch und Blut, aber auf jeden Fall wohnt der ganz weit weg und  passt immer auf uns auf. So wie dein Schutzengel. So und jetzt Augen zu, Mund zu, jetzt wird geschlafen.“


 


„Und Gott“, fragte Tizian weiter, „schläft der jetzt auch?“


\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\"Vielleicht“, sagte ich, „das weiß ich nicht.“


„Tante Jani, ich will jetzt aber nicht die Augen zu machen, dann ist es doch dunkel und im Dunkeln fliegen überall die Fledermäuse und jagen Insekten.“


„Na, dann stellst du dir einfach deinen Schutzengel mit einem kleinen Lichtlein in der Hand vor und dann fliegen all die Fledermäuse wieder weg.“


„Na gut, Tante Jani. Gut’ Nacht.“


 


Als ich Minuten später Tizians gleichmäßigen Atem hörte, stand ich von seiner Bettkante auf, ging langsam und nachdenklich die schmale Stiege hoch in meine Dachkammern und setzte mich auf das Sofa in meinem Wohnzimmer. Ich dachte über die Worte nach, die ich gerade gesagt hatte: „Man stellt sich einfach ein kleines Lichtlein vor und schon sind alle bösen Geister verschwunden... Dann gehen alle Fledermäuse weg.“ Wie einfach sich das anhörte! Doch bis knapp anderthalb Jahre zuvor war auch in meinem Leben alles anders gewesen. Da hatte auch ich Angst! Angst vor allem. Angst, vor einer Welt, die mich nicht mehr trug. In der alles drohte einzustürzen. Ich traute niemandem mehr. Nicht den Autos, die an jeder roten Ampel hielten, nicht dem Wasserhahn, den ich zudrehte, nicht der Uhr, die lief. Immer im Kreis. Wie ich. Ich musste wieder an die Zeit denken, wo Tante Katia und Stella jede Spur von mir verloren und verzweifelt versucht hatten, mich wiederzufinden.


 


Vivian, meine neue Psychologin, hatte mich schon vor zwei Monaten gebeten, alles Erlebte noch einmal aufzuschreiben und ich spürte, dass dieser Abend der rechte Moment war, um damit zu beginnen. Ich seufzte und machte mich daran, meinen Computer hochzufahren und eine Datei einzurichten. Ich setzte mich einigermaßen bequem hin und begann einfach. Ich schrieb einfach drauf los… Ich spürte auch, dass alles auf einmal begann, aus mir herauszudrängen…


 


 



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