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> Belletristik > Tita. Das Vermächtnis
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Belletristik
Buch Leseprobe Tita. Das Vermächtnis, Barbara Krauß
Barbara Krauß

Tita. Das Vermächtnis



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Der Freitagmorgen war trübe und wolkenverhangen. Kein Geburtstagswetter für Martha. Ich saß verschlafen und im Morgenmantel beim Frühstück und überflog die Zeitungsschlagzeilen. Still war es im Haus, und nur die Kaffeemaschine ließ regelmäßige, glucksende Laute vernehmen. Vergeblich versuchte ich, mich in einen Kommentar zu vertiefen zur Stationierung deutscher Soldaten in Afghanistan. Doch draußen auf der Straße tanzten Blätter im Kreis und ließen sich treiben. Und so stoben auch meine Gedanken davon: Schwarze Lettern vollführten vor meinen Augen einen mir unbekannten Tanz, denn seine Bedeutung entschlüsselte sich mir nicht. Ich wusste nur: wieder einmal ging es um Krieg und Frieden, verhandelt auf wenigen Zeilen.


Ein harter Wind peitschte Regentropfen wie winzige Glassplitter an die Fensterscheibe. Lesen kam mir plötzlich wie eine Strafe vor, und ich war das Opfer unserer Medienlandschaft, das schon zum Frühstück gezwungen wurde, seinen Ekel zu bewohnen. Lieber wäre ich gemütlich den Neuigkeiten des Tages entgegengegangen so wie man in einer Landschaft, über sanfte Hügel und fruchtbare Täler, einem kitschigen Sonnenuntergang entgegenging. Doch die moderne Berichterstattung war eine Gegend aus Klippen und Abgründen geworden, trügerischen Sümpfen und gurgelnden Schluchten: die Prominentenhochzeit neben der Mädchenbeschneidung, darunter im Vierfarbdruck die Werbung für Mobiltelefone. Und der Leser, bei dem ich vergeblich an einen gemütlichen Sessel unter einer Stehlampe dachte und an ein gutes Buch, war längst zum entsetzten Zeitzeugen geworden, der seine Ohnmacht wie eine angewachsene Brille tagtäglich vor Augen trug. Revolutionen schwebten mir vor, um, wie der Amerikaner sagt, aus der Welt einen besseren Platz zu machen. Doch über allen politischen, wirtschaftlichen und ethischen Veränderungen, die mir notwendig schienen, tat ich am Ende gar nichts, denn mein Verstand sah mein Scheitern voraus und übte sich derweil in stiller Resignation.


Ich wollte mich zurückziehen in meine heimischen Gewässer, in denen ich mich sonst wie ein Fisch in einer nahrhaften Lösung fühlte und ganz in meinem Element. Doch an jenem Tag fand ich die Wasser durchpflügt von der Pflugschar des Zweifels, und die Fischgründe, die mir sonst unerschöpflich schienen, waren verwaist, feuchte Wüsten, destilliertes Wasser, und die Leiber meiner Weggefährten waren vom Sturm in die Weiten des Meeres geschleudert, Fremde fortan in fremden Gewässern, oder an scharfen Klippen zerschellt.


Wäre ich ein ebenso zerschellter Fisch, dann hätte ich mein Ende betrachten können, an dem es keinen Zweifel gäbe. Und wo es ein Ende gegeben hätte, da hätte es auch einen Anfang gegeben. Und wenn es mir gelänge, die Spuren des Meeres, die Wanderpfade der Generationen zu lesen, könnte ich auch mein Leben bis an seinen Anfang zurückverfolgen. Von hier, von dieser Keimzelle aus, wollte ich meinem Leben eine Mitte geben, um die losen Fäden meiner Vergangenheit zusammenzuknüpfen.


Ich musste an die Warnung denken, in dieses Haus einzuziehen. Achtlos hatte ich sie in den Wind geschlagen.


Denn als ich nun am Fenster saß und in den trüben Morgen schaute, erinnerte ich mich an nichts, das sich zurückzuverfolgen lohnte, so wie man einer Fußspur folgt, die Orte der Rast erkennend, die der Ernte. Meine Spuren, die ich in meinem Leben hinterlassen hatte, waren Kornkreise, die mir Rätsel aufgaben, wie ich auf fremdes Feld gelangt war, wie ich es bearbeitet, seine Frucht zerstört hatte, wie ich ihm am Ende unerkannt entkommen konnte. Und wenn ich von hier auf meine Zukunft schaute, dann sah ich mich von Sturm zu Sturm an immer neue Gestade geworfen, um dort Fuß zu fassen, mich von neuem in die Fluten flüchtend, um nur wieder ausgespien zu werden, im Plätschern der Wellen, im Gemurmel des an die Ufer rollenden Sandes die Warnung vernehmend, dass ich Mensch, nicht Fisch sei und dass ich das falsche Medium erwählt hätte, mich darin zu erproben.


Und hätte ich in jenem Moment meine kalten Füße nicht gespürt, die nackt in meinen offenen Hausschuhen steckten, und hätte ich den Kaffee nicht gerochen, der in der Kanne auf der Warmhalteplatte allmählich verdampfte, dann hätte ich mir durchaus einbilden können, dass ich vor einer Weile aufgehört hatte, zu existieren. ‚Ungefähr so muss es sein, wenn man tot ist‘, dachte ich, nun doch ein wenig überrascht.


 


Beim Gedanken an den Tod fiel mir Albert ein, ein Bekannter aus meinen Mannheimer Studientagen. Er besuchte mich in diesem Haus, völlig überraschend, vor mehr als einem Jahr. Wir hatten uns da bestimmt schon fünfzehn Jahre lang nicht mehr gesehen und ich war entsetzt, dass er so plötzlich an mich dachte. Ich hatte ein einziges Mal an einem unkomfortablen Ort aus mir heute völlig unbegreiflichen Gründen mit ihm geschlafen – es war sein alter Opel Kadett und wir standen in brütender Hitze auf einem Feldweg zwischen Raps und Wintergerste mit Blick auf das Heizkraftwerk –, doch weil er die guten Gründe für unsere damalige Zusammenkunft offenbar besser parat hatte als ich, stand er einfältig grinsend vor meiner Tür.


„Ich wollte mal schauen, ob du noch lebst“, begrüßte er mich und drückte mir einen Wiesenblumenstrauß gegen die Brust, der vor Blattläusen und Ameisen nur so wimmelte. Ich hatte die größten Bedenken wegen seines lebendigen Mitbringsels, von dem die klebrigen Besiedler bereits auf mich übergingen, und ließ ihn nur widerwillig eintreten.


Kaum im Flur, fühlte er sich schon ganz wie zu Hause. Zügig schritt er auf und ab, lobte dieses Haus in einer launigen Ansprache und fand, nachdem er sich in den Begriff Heimat weit hineinverirrt hatte, es sähe mir ähnlich, jawohl!, dieses Haus und ich hätten irgendetwas gemeinsam – auch wenn ihm der passende Vergleich jetzt gerade nicht einfiel. Anschließend beglückwünschte er mich wohl ein halbes Dutzend Mal zu dem, was ich aus diesem alten Geraffel gemacht hätte, dann sah er sich begierig nach einem Sitzplatz um. Er verlangte einen Sherry – zur Feier des Tages! –, trank in großen Schlucken und wählte einen der beiden Sessel im Kaminzimmer. Kurioserweise rückte er den Sessel damals genauso vor die unbenutzte Feuerstelle, wie er auch jetzt vorm Feuer stand, und ich nahm notgedrungen den zweiten von seinem Platz an der Wand und setzte mich ihm gegenüber.


Heute weiß ich, ich hätte ihn dort nicht sitzen lassen sollen. Doch damals bemerkte ich nur, wie der geschwätzige, aufdringliche Albert von einer Sekunde zur anderen käseweiß wurde im Gesicht. Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte: „Das ist doch nicht normal für eine junge Frau wie dich, dass du dich so einsperrst!“


„Du kannst ruhig lauter sprechen; hier ist sonst niemand“, antwortete ich.


„Nein, nein!“, sagte er, „Man kann sich doch nicht in ein Haus verlieben! In einen Menschen ja, aber in ein Haus ...?“ Dabei sah er sich misstrauisch um.


Und es dauerte nicht lange, da begann er zu frösteln. Wie ein Kind, das sich fürchtet, schlang er beide Arme um seinen Körper und hielt sich fest. Gequält fragte er mich, ob ich denn nicht auch frieren würde; es wäre doch plötzlich entsetzlich kalt hier! Doch ich schüttelte den Kopf: „Nein, mir ist warm, geradezu behaglich.“


„Wie in einer Gruft!“, stöhnte er und starrte auf den kalten Kamin.


„Wie im Leichenschauhaus, in dem der Verwesungsprozess in Grenzen gehalten werden soll!“, trieb ich den vermeintlichen Scherz weiter auf die Spitze und lachte. „Nein, im Ernst: vielleicht verschwendet dieses böse Haus seine Wärme ja nur an Menschen, die ihm sympathisch sind?“


Doch Albert war nicht mehr zum Scherzen zumute. Von der Gemeinsamkeit, die er zwischen mir und diesem Gemäuer ausgemacht zu haben glaubte, wollte er jetzt nichts mehr wissen, obwohl – oder gerade – weil ich jetzt immer weniger im Namen dieses Hauses und immer mehr in meinem eigenen sprach.


„Es riecht auch so, als ob in diesen Mauern etwas verwest!“, schrie er und sah sich panisch um. „Hier! Schau doch! Und da! Die Wände!“


„Was ist mit den Wänden?“, fragte ich ahnungslos.


„Siehst du das nicht? Da läuft doch was von den Wänden runter! Was ist das? Ist das Wasser ...? Das ist doch kein Wasser, oder?“


„Du spinnst!“, sagte ich und drehte mich um: Die Wände waren vollständig trocken und dünsteten jene Gemütlichkeit aus, die einem Haus im Sommer zu eigen ist. Doch Albert drängte sofort zum Aufbruch, nahm auch die Blumen, die er gebracht hatte, zu meiner Freude wieder mit, als wären sie an diesem schrecklichen Ort verschwendet, und kam nie wieder.


 


Seitdem war Martha die Einzige, die mich regelmäßig besuchte. Sie erschien stets in ihrer Mittagspause auf eine Tasse Kaffee, und so entstand zwischen uns eine lose Freundschaft. Auch sie begutachtete den Fortschritt, den ich beim Einrichten dieses Hauses machte: „Sieht so aus, als bildest du dein Innerstes an diesen Wänden ab“, sagte sie einmal und maß mich mit einem vieldeutigen Blick.


Sie ahnte es wohl, damals. Denn ihr fiel auf, dass ich peinlich darauf achtete, nicht zu viele Bilder an den Wänden aufzuhängen, obwohl ich vor meinem Einzug in dieses Haus geradezu eine Leidenschaft für Bilder entwickelt hatte. Sie bemerkte, dass ich die Schränke viel weiter als nötig von den Wänden rückte, wie um sicherzugehen, dass der Stein dahinter nicht erstickte. Sie kommentierte die zumeist weiß gebliebenen Wände dieses Hauses und das unübersehbare Heer von Bildern auf dem Dachboden, das ich mit alten Betttüchern vor dem Verstauben schützte, mit einem: „Das wird wohl nie fertig?“ Und ich antwortete: „Ich muss noch drüber nachdenken, wo welches Stück seinen Platz bekommt. Das geht nicht so schnell.“


Insgeheim wusste ich längst, dass schon alles seinen Platz hatte. Ich hätte es nicht fertiggebracht, auch nur noch einen einzigen Nagel einzuschlagen, denn: natürlich lebte etwas in diesem Haus! Ich merkte es vom ersten Tag an. Mir war, als wären diese Wände nicht aus Stein, sondern aus einem organischen Material, ein lebendiges Wesen.


 


 


 


 


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