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Belletristik
Buch Leseprobe Time Agent, Misha Blair
Misha Blair

Time Agent



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Kapitel 1 Xiomara wäre unbarmherzig auf der Nase gelandet, hätte sie nicht im letzten Augenblick instinktiv die Arme ausgestreckt. Das Beben hatte sie mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf gerissen, daher war es mit ihren Reflexen beileibe nicht weit her, aber sie konnte sich noch abfangen. Sie verharrte einen Atemzug lang schockstarr auf dem Boden neben der Couch, auf der sie eingeschlafen war. Im fahlen Licht der Laterne, das durch das offene Dachfenster fiel, starrte sie auf den fleckigen, in die Jahre gekommenen Teppich. Ihre Arme zitterten und sie kämpfte mit den Tücken der Schwerkraft. Erdbeben waren in dieser Region ungewöhnlich. Dieses war ein Novum – von Dauer und Intensität. Es versetzte sie in Todesangst. Der Boden unter ihrem Körper erzitterte fortwährend. Durch die Dunstglocke ihrer lähmenden Angst nahm sie das Klirren von Glas wahr. Die Straßenlaterne über ihrem Dachfenster flackerte gespenstisch auf. Mit einem ohrenbetäubenden Knall wurde es taghell. Das Licht der Straßenbeleuchtung erlosch und das Dröhnen des Bebens erstarb. Im nächsten Moment herrschte Totenstille und vollkommene Schwärze. Mühevoll rappelte sie sich auf. Ohne etwas zu sehen, tastete sie nach dem Lichtschalter. Eine gefühlte Ewigkeit und einen jähen Schmerz am Schienbein später – sie hatte sich zu allem Überfluss noch am Tisch gestoßen –, fanden ihre Finger endlich den Schalter. Dennoch blieb es dunkel. Angst kroch in ihre Glieder, denn jetzt vernahm sie auch noch Brandgeruch. Sie stolperte zurück zum Couchtisch und packte mit zitternden Händen ihr Smartphone. Das Display zeigte nach dem Entsperren nur Glyphen. Merkwürdig. Nicht einmal ein Notruf war möglich. Der Griff nach dem Festnetztelefon präsentierte sich gleichermaßen unerfreulich. Sie hörte lediglich ein statisches Knistern. Mit jeder Sekunde nahm der Brandgeruch an Intensität zu. Es stank beißend nach Ammoniak, nicht schweflig, wie ein normales Feuer. Der Gestank erschwerte ihr das Atmen. Sie rang nach Luft. Hustend suchte sie nach der Quelle. Keine Flammen, kein Rauch weit und breit. Woher er kam, wurde nebensächlich, sie wusste, dass sie hier schnellstmöglich rausmusste. Doch als sie zur Wohnungstür kam, traute sie ihren Augen kaum. Dort stand eine riesige Gestalt und versperrte ihr den einzigen Fluchtweg. Wie zur Hölle war dieser Typ in die Wohnung gekommen? Sie war sich hundertprozentig sicher, dass sie die Tür verschlossen und den Sicherheitsriegel vorgeschoben hatte. Wie der Fremde ihre Sicherheitsvorkehrungen gegen ihren stalkenden und hoch kriminellen Ex durchbrechen konnte, war zweitrangig. Er war drinnen. Verflucht noch mal, was wollte er von ihr? Der Mann war geradezu hünenhaft und Furcht einflößend. War er einer von Gregors Schlägern? Sie hatte befürchtet, dass die einstweilige Verfügung gegen ihn nicht ausreichend war. Für ihren Ex wurden Gesetze gemacht, damit er sie brechen konnte. Das war keine einfach dahergesagte Floskel. Gregor war kriminell. Ein Menschenleben besaß für ihn nur geringen Wert. Eine Erkenntnis, die leider viel zu spät bei ihr Einzug gehalten hatte. Er ging bei seinen Machenschaften über Leichen. Sie schloss das nicht erst seit ihrer Scheidung mit ein. Gregor liebte nur sich selbst. In ihrer jugendlichen Blauäugigkeit hatte sie das anfangs nicht bemerkt. Sie hatte nur das Leben in Saus und Braus gesehen, das er ihr bieten konnte. Woher das Geld für sein luxuriöses Leben kam, hatte sie damals nicht interessiert. Sie war verblendet von seinem gespielten Charme und dem bequemen Lebenswandel, den er ihr versprach. Bis sie erkannte, dass sie für ihn nicht viel mehr als ein Luxusaccessoire war. Manipulierbar. Austauschbar. Heute, mit all dem Wissen, das sie erlangt hatte, war sie abgestoßen von ihrer Arglosigkeit und angewidert von ihrem Exmann, der ohne mit der Wimper zu zucken, unliebsame Ziele aus dem Weg schaffen ließ. Die bedrohliche Gestalt kam einige Schritte auf sie zu. Sie schnappte sich das Nächstbeste, das sie in die Hände bekommen konnte. Einen Regenschirm. Die Metallspitze war das einzig Bedrohliche daran, der Rest nicht besonders stabil. Ein Stoß oder Schlag und das Ding zerlegte sich in Einzelteile. »Ich werde Ihnen kein Leid zufügen, Ma ‘am«, sagte der Mann in einem Englisch, das fremd und eigenartig klang. Sie konnte diesen Dialekt nicht zuordnen, doch das war jetzt zweitrangig. »Was suchen Sie hier?« Sie wedelte mit dem Schirm vor ihm in der Luft herum und versuchte, ihn auf Abstand zu halten. Ihr Unterfangen war nicht von Erfolg gekrönt. Er packte die Schirmspitze und zog sie abrupt an sich. Sie stolperte und fiel hart gegen seinen Körper. Der Fremde nutzte den Schwung ihres Falls, wirbelte sie herum und presste seine steinerne Brust an ihren Rücken. »Verstehen Sie mich?«, wiederholte er in einem nicht weniger dialektbehafteten Deutsch. »Bitte wehren Sie sich nicht.« Seine Arme schlangen sich in einem stahlharten Klammergriff um ihren Oberkörper und ihre Arme. Er stieß einen leisen Shh-Laut aus. Aber gewiss doch. Sie wehrte sich verbissen gegen seinen Griff, doch es gab kein Entrinnen. Ihrer Hände als Waffe beraubt, machte sie ihrer Hilflosigkeit auf andere Weise Luft. Sie schrie um Hilfe. Ihr Angreifer stieß einen missbilligenden Laut aus und seine Hand landete auf ihrem Mund. Er erstickte den Hilferuf recht effektiv mit seiner Pranke. »Seien Sie bitte still!« Sie hörte auf zu kreischen. Nicht, weil er sie eindringlich darum bat. Mit aller ihr zu Verfügung stehenden Kraft biss sie zu und trat nach hinten aus. Der Tritt saß. Der Mann stöhnte auf, doch er ließ nicht locker. »Wenn Sie nicht aufhören, lassen Sie mir keine andere Wahl!« Kaum, dass seine Worte verhallt waren, bemerkte sie ein Piksen in der Beuge ihres Halses. Dem Schmerz folgte ein unangenehmes Prickeln. Es ähnelte einem schwachen, elektrischen Schlag. Blitzartig sackten ihr die Beine weg. Ihr Herz raste und sie spürte jeden einzelnen, tobenden Pulsschlag in ihrer Brust. Es fühlte sich an, als würde ihr Brustkorb unter immensem Druck in Stücke brechen. »Nicht dagegen wehren. Ihnen wird nichts geschehen. Das verspreche ich Ihnen.« Die Stimme ihres Angreifers klang sanft und einlullend, als würde er zu einer Geliebten sprechen, nicht zu seinem potenziellen Opfer. Der Schmerz wuchs an, um in einer betäubenden Welle über ihren Körper zu branden. Sie durchlitt Todesängste und war der sicheren Überzeugung, dass ihr letztes Stündlein schlug. Alles Aufbegehren war vergebens. Gegen den Sog der Dunkelheit war sie machtlos. Die Düsternis streckte erbarmungslos ihre Krallen nach ihr aus, packte sie und riss sie endgültig in den Abgrund. Kapitel 2 Das Wachwerden aus der Ohnmacht war befremdlich. Xio hatte befürchtet, dass sie das Zeitliche segnen würde. Das Gefühl war allumfassend und vernichtend gewesen. Sie hatte erwartet, dass ihr Herz jeden Moment aufhören würde, zu schlagen. Was auch immer dieser Kerl mit ihr angestellt hatte, es hatte sie effektiv ausgeschaltet. Das Erwachen verwunderte sie umso mehr. Die Schmerzen waren wie weggeblasen. Sie fühlte sich unerwartet gut und ihre Sinne waren auf Anhieb voll einsatzbereit und in Habtachtstellung. Es war kein langsames Herausgleiten wie aus einer Narkose. Sie war mit einem Mal hellwach und erfüllt von Energie – wie unter Strom. Eine kurze, jedoch äußerst eingängige Bestandsaufnahme ergab, dass alles noch dort war, wo es hingehörte. Ihre rechte Hand war mit Handschellen an eine Strebe des Kopfteils ihres französischen Bettes gefesselt. Die Handschellen muteten seltsam an. Sie bestanden aus einem durchscheinenden Material und wirkten filigran, fast zerbrechlich. Es verstand sich fast von selbst, dass sie weder das eine noch das andere waren. Entschlossen ruckelte sie daran, doch die Dinger rührten sich keinen Zentimeter. Die Fessel schnitt leicht in die Haut ihres Handgelenkes. Sie hob, sich der Aussichtslosigkeit ihrer Situation bewusst, verhalten den Kopf und versuchte, die Lage zu erkunden. Ihre Augen schafften es ohne die Brille nicht, klar zu fokussieren. »Sie tragen eine Sehhilfe«, vernahm sie die überraschte Feststellung ihres Kidnappers. Er besaß unterdessen die Güte, ihr das Brillengestell auf die Nase zu setzen. Der Mann hatte einen Sessel aus dem Wohnzimmer in ihr kleines Schlafzimmer geschafft und diesen am Bettende positioniert. »Das muss ich leider. Gefällt es dir nicht?«, blaffte sie ihn an. »Um ehrlich zu sein, interessiert es mich nicht, was du davon hältst.« Und was tat er? Er lächelte. »Nein, es ist nur ein ungewohnter Anblick für mich.« Der Kerl war ansehnlich für einen Verbrecher. Hochgewachsen, muskulöse, breite Schultern und ein schmales Becken. Perfekte männliche Proportionen wie aus einem Medizinlehrbuch. Er strich sich sein dunkles, zerzaustes Haar aus der Stirn. Der Mundwinkel seiner verführerischen Lippen zuckte nach oben. »Wie so vieles hier.« »Oh, wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja einfach verschwinden. Du machst die Handschellen auf und verpisst dich. Wir tun, als wäre das alles niemals geschehen. Ich sehe selbst von einer Anzeige ab.« »Ich kann nicht einfach den Rückzug antreten. Tut mir leid.« Sein Deutsch war holprig, aber bei Weitem besser als ihr Englisch. Er sah ihr fest in die Augen. Wow! Es erschien ihr plötzlich ungemein reizvoll, hier ans Bett gefesselt zu sein, mit diesem Exemplar von Mann in ihrer Nähe. Sie schüttelte den abstrusen Gedanken ab. War sie denn völlig lebensmüde? Der Typ hatte sie als Geisel in ihrer eigenen Wohnung genommen und sie lechzte danach, dass er zu ihr ins Bett kroch? Nach der Sache mit ihrem Gregor sollte sie es besser wissen. Die Augen des Unbekannten waren berückend und schlugen sie, der bedrohlichen Situation ungeachtet, in ihren Bann. Tiefblau, wie das Karibische Meer. Sie ertrank förmlich im Ozean seiner Augen, bis sie etwas sah, das sie verwirrte. Spielten ihr ihre Sinne einen Streich? Anders war das metallische Aufblitzen in seinen pechschwarzen Pupillen nicht zu erklären. Ein kleines, akkurates Dreieck, das sich zu einem Punkt zusammenzog. Hastig blickte er zu Boden, als wäre es ihm bewusst, was sie wahrgenommen hatte. Sie schüttelte die erste Verwunderung ab und versuchte, ihn im Gegenzug nicht anzustarren. Sie fröstelte und erinnerte sich daran, wie spärlich sie bekleidet war. An diesem lauen Sommerabend hatte sie es sich nur in einem Top und einem Slip bequem gemacht. Mit Männerbesuch hatte sie nicht gerechnet. Der Blick ihres Entführers lag unverkennbar auf ihrer Oberweite. Furcht schnürte ihr die Kehle zu. Es bestand keine Möglichkeit zur Flucht. Sie war gefangen, ihm ausgeliefert. In der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit von ihren hervorstechenden Merkmalen abzulenken, klärte sie sich laut den Hals und ging in die Offensive, um dem beklemmenden Gefühl Herr zu werden. »Wer zur Hölle bist du, und was machst du in meiner Wohnung? Was willst du von mir? Geld? Habe ich keins! Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Du kannst dich gern eigenhändig davon überzeugen. In meinem Portemonnaie …« »… sind 23 Euro und 19 Cent. Vorwiegend in Hartgeld. Nein, um Zahlungsmittel geht es mir nicht, Natalia Xiomara Diaz.« Er hatte in ihrem Geldbeutel geschnüffelt und war in der Lage, zu lesen. Erwartete er etwa von ihr, dass sie ihm Anerkennung für diese Unverschämtheit zollte? »Ein ausgesprochen klangvoller Name«, raunte er in seinem schweren Dialekt. »Mein Name ist Elijah. Wie ich bereits erwähnte, werde ich Ihnen nichts tun. Ich brauche Ihre Hilfe, Natalia.« Er erhob sich wie ein Greis und richtete sich zu seiner vollen, äußerst bedrohlichen, Größe auf. Sie maß fast einen Meter achtzig, doch gegen diesen Giganten kam sie sich vor wie ein Winzling. »Ich weiß zwar nicht, wie ich dir helfen kann, aber bitte.« Sie fasste all ihren Mut zusammen, obgleich noch immer Furcht in ihrer Magengrube nagte. »Wenn ich dir helfen soll, musst du mir die Handschellen abnehmen.« Ihre Stimme klang ungebrochen. Diese Verhaltensweise war ihr dank ihres Mannes ins Blut übergegangen. »Sicher könnte ich das, Natalia.« »Du kannst zwar meinen Geldbeutel durchwühlen, trotzdem weißt du nicht, wer ich bin. Eli!« Sie setzte ihrer Anfeindung noch eines obendrauf, indem sie seinen Namen verniedlichte. Ein riskanter Schachzug, der angesichts der Situation auch etwas albern war. Doch in Gefahrensituationen verhielt sie sich oft unlogisch, um ihre Angst zu überspielen. »Mein Rufname ist Xiomara, nicht Natalia. Ich kann diesen Namen nicht ausstehen also bitte nenne mich nicht so!« Seine Reaktion war eine andere als erwartet. Sie hatte erwartet, dass er feindselig reagierte aufgrund ihres vorlauten Mundwerkes. Doch Elijah lächelte. »In Ordnung. Ich kann es ebenso wenig leiden, wenn man mich Eli nennt. Glauben Sie mir, Xio, ich bin nicht Ihr Feind.« Ihr machte es in keiner Weise etwas aus, wenn er sie Xio nannte. Die meisten ihrer Freunde riefen sie so. Sie zog gespielt lapidar die Schultern hoch. »Und warum hast du mich entführt, Elijah?« »Entführt?« Er zog seine schmale Augenbraue hoch. Auf das Fußteil des Bettes gestützt hangelte er sich zu ihr. Er belastete sein rechtes Bein kaum. »Was ist mit deinem Bein?« Seine dunkle Jeans hing am Oberschenkel in Fetzen und war durchtränkt mit Blut. Er war verletzt. Sie sah ihre Chance. »Ich kann dir helfen«, sagte sie, da sie die Fessel loswerden wollte. Sobald sie frei wäre, würde er sein blaues Wunder erleben. Wie von Zauberhand – er war nicht einmal in der Nähe der Handschellen gewesen – fielen sie von ihrem Handgelenk ab. Sie sprang wie von der Tarantel gestochen auf und rannte so schnell sie ihre Füße trugen zur Tür und direkt in eine massive Wand aus sehnigen Muskeln. Wie war er so rasch dorthin gekommen? Seine riesenhaften Hände lagen erdrückend schwer auf ihren Schultern. »Xio.« In seiner Stimme lag Verärgerung. Hatte er wahrhaftig angenommen, dass sie sich so einfach ihrem Schicksal ergab? Mit dem Mut der Verzweiflung holte sie aus und hieb ihre Faust gegen seinen lädierten Oberschenkel. Er schrie auf und ging in die Knie. Seine Finger gruben sich in ihre Schultern und zogen sie mit sich auf den Boden. Unvermittelt schoss seine rechte Hand nach oben. In ihr hielt er einen kleinen Metallgegenstand, den er ihr vor das Brustbein rammte. Sie verspürte einen kurzen, schneidenden Schmerz, der sich über ihren gesamten Brustkorb ausbreitete. Es nahm ihr augenblicklich die Luft, was eine erneute Panik auslöste. Sie schaffte es nicht, ihre Lungen erneut mit Sauerstoff zu befüllen. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie glitt abermals in eine allumfassende Bewusstlosigkeit. Dieses Mal erwachte sie bäuchlings auf dem Fußboden ihres Wohnzimmers, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Mit der Nase voran lag sie auf dem Teppich, den ein kreisrunder Brandfleck verunzierte. Der Geruch der verschmorten Textilfasern bereitete Übelkeit. Sie würgte trocken, ihr Magen war leer. Dieses Mal war das Aufwachen ohne Frage so, wie sie es nach einer Betäubung erwartete. Ein brennender Schmerz lag hinter ihrem Brustbein und erschwerte ihr das Atmen immens. Jeder Atemzug war eine Qual. Jeder Herzschlag tat weh. Das fühlte sich nicht gut an. Ein Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die kleine Küchenzeile und Elijah, der sich dort am Waschbecken zu schaffen machte. Etliche Küchentücher lagen blutgetränkt auf dem mit Blut gesprenkelten Fliesenboden. Er hatte seine Hose ausgezogen. Nur in Boxershorts und T-Shirt bekleidet bot er einen reizvollen Anblick. Herrgott noch mal. Waren ihr in den letzten Stunden sämtliche Überlebensinstinkte abhandengekommen? Der Typ hatte sie gekidnappt und zweimal mit diesem seltsamen Ding betäubt. Mit eben jenem Gegenstand fuhrwerkte er im Moment in seinem Bein herum. Und nicht nur mit dem. Eines der Küchenmesser lag blutbesudelt auf der Ablage neben ihm. Er griff danach und rammte die gesamte Länge der gut fünfzehn Zentimeter langen Klinge in seinen Oberschenkel. War der Mann von allen guten Geistern verlassen? Sie erstickte ein ungläubiges Stöhnen. Er nahm keine Notiz von ihr und wühlte mit dem Messer wie ein Wilder in seinem Oberschenkel herum. Wäre ihr nicht bereits übel, bei diesem Anblick wäre ihr fraglos schlecht geworden. Das scheppernde Geräusch, als ob Metall auf Metall schlug, verwirrte sie. Sie rollte sich auf die Seite und von dort auf den Rücken. Ihre Brust und ihr Rückgrat waren ein einziger, kaum zu ertragender Schmerz. Nachdem sie sich aufgerichtet hatte, war sie restlos ermattet. »Beim zweiten Mal ist es immer schlimmer, mit dem EMIB getroffen zu werden. Ein drittes Mal wollen Sie nicht erleben. Es ist nicht tödlich, hinterlässt auch keine dauerhaften Schäden, aber die Auswirkungen sind alles andere als angenehm.« Er blies sich sein Haar aus dem Gesicht und stützte sich schwer auf der Arbeitsfläche ab. »Es ist genau gesagt überaus schmerzhaft.« »Schmerzhaft? Das ist es in der Tat!« Ihr böser Blick taugte nicht viel als Drohung, musste sie doch nach jedem Wort wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappen. »Je beherrschter Sie bleiben, umso zügiger gehen die Nachwirkungen vorbei. Es ist unangenehm. Atmen Sie ruhig ein und aus. Ein und aus.« Der hypnotische Klang seiner Stimme und das mantraartige Wiederholen der letzten Worte beruhigten ihren Atem, und der Schmerz klang auf ein erträgliches Maß ab. Faszinierend. »Was ist dieses EMIB? Und warum wühlst du damit in deinem Oberschenkel herum?«, fragte sie, als sie sich endlich dazu in der Lage fühlte. Elijah humpelte zum Sofa und ließ sich darauf fallen. »Electro Magnetic Impuls Breaker – kurz EMIB. Es unterbricht die Nervenimpulse im Organismus für eine Millisekunde. Je nachdem wie lange man es einsetzt, nur lokal oder im gesamten Körper. Ich musste meinen Oberschenkel betäuben, um die Verletzung zu versorgen.« Seine blutüberströmte, zitternde Hand lag auf der Verwundung. Er war totenblass. Tief dunkelviolette Schatten lagen unter seinen Augen. Unzweifelhaft war er am Ende seiner Kräfte angelangt. Er hatte erheblich viel Blut verloren. Das verriet ihr das blutige Tohuwabohu auf dem Küchenboden. Abermals witterte sie ihre Chance zur Flucht. »Gebracht hat es nichts. Du blutest noch immer wie ein abgestochenes Schwein. Ich könnte es mir ansehen. Bis vor zwei Jahren habe ich als Krankenschwester gearbeitet.« Und einige Erfahrung in einer Notfallambulanz gesammelt. Leider war sie dazu gezwungen gewesen, ihren Job im Krankenhaus aufzugeben. Wegen Gregor, der es sich damals zur Aufgabe gemacht hatte, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Anfangs hatte sich ihr Arbeitgeber schützend vor sie gestellt. Nach einem Jahr des Terrors war sie aber nicht mehr tragbar und ihr wurde nahegelegt, zu kündigen. Das hatte sie auch getan. Und nicht nur das. Sie hatte ihre Heimatstadt verlassen, alle Kontakte abgebrochen, ihren Mädchennamen wieder angenommen und sich einen anderen Job gesucht. Es war fast ein ganzes Jahr gut gegangen, bis er sie erneut ausfindig machte. Der Horror begann aufs Neue und sie musste abermals fliehen. Seit einem Jahr herrschte Ruhe, hatte sie ihre Spuren nachhaltig verwischt. Bis heute konnte sie ein normales Leben führen. Und nun das hier. Der Albtraum wollte einfach kein Ende nehmen. Doch jetzt, da sie intensiver darüber nachsann, erschien es ihr immer unwahrscheinlicher, dass Gregor dahintersteckte, dass er ihr diesen Typen auf den Hals gehetzt hat. Gregor war stolz auf seine slawische Herkunft und sein Kader bestand ausschließlich aus Osteuropäern. Er traute nur seinesgleichen. Ein Mann wie Elijah passte nicht in Gregors kriminellen Verein. »Schickt dich Gregor?«, sprach sie dennoch die drei Worte aus, vor denen sie sich so sehr fürchtete. Doch sie musste es wissen. Ein Anflug ehrlicher Verwirrung schlich sich in Elijahs Blick. »Ich kenne keinen Gregor.« Sie war sich fast sicher, da lag keinerlei Lüge in seinen Worten. »Soll ich nach deinem Bein sehen?«, bot sie wiederholt ihre Dienste an. Sie musste sein Vertrauen gewinnen, wenn sie heil aus dieser Situation entkommen wollte. »Sie können genauso wenig tun wie ich. Wir haben nicht das notwendige Werkzeug oder die nötigen Fachkenntnisse, um mein Bein zu versorgen.« Er ließ den Kopf schwer atmend in den Nacken fallen. »Werkzeuge? Fachkenntnisse?« Er kannte sie nicht, und dass er ihre medizinischen Vorkenntnisse infrage stellte, kränkte sie. Sie war routiniert in der Erstversorgung von Verletzungen aller Art. Er nahm die Hand von seinem Oberschenkel, gab den Blick auf die Wunde frei und lachte humorlos. Sie erwartete, zerrissene Muskeln und blutendes Fleisch zu sehen, doch was sie sah, schien aus einem Science-Fiction-Film entsprungen. Metall, Schläuche und ein heilloses Durcheinander an bunten Kabeln ragten aus der Läsion. Ihr stockte der Atem. Sie war versucht, sich über die Augen zu reiben, doch das scheiterte an den Handschellen, die ihre Hände auf dem Rücken fixierten. Spielten ihre Augen ihr einen Streich? Es gab keine andere, logisch nachvollziehbare Erklärung dafür. War das ein künstliches Bein? Eine moderne Prothese? Warum dann das viele Blut? Das konnte nicht der Realität entsprechen. Es musste ein Trugbild ihrer überbordenden Fantasie sein. »Du brauchst einen Elektriker.« »Der könnte mir auch nicht helfen. Ich bräuchte einen Biomechaniker.« Elijahs Hand fing an, stark zu zittern, als er erneut an die Seiten seines Oberschenkels fasste. »Ich muss die biomechanische Einheit in meinem Bein kurzschließen.« Er hatte ihren Einwand ernst genommen. War der Mann real? »Sicher. Wenn es sonst nichts ist.« Wie er versprochen hatte, waren die körperlichen Symptome der Betäubung vollends abgeklungen. Oder doch nicht? Stellten diese realistischen Halluzinationen Nachwirkungen dieses EMIB-Dings dar? Woher kam dieses Teil überhaupt? Hochmoderne Technik des Militärs? Oder war es schlicht eine ausgesprochen wirklichkeitsnahe Sinnestäuschung? Elijah ächzte abermals. »Mit dem EMIB. Der abgegebene Energieimpuls müsste so stark sein, dass er mich in vollem Umfang betäubt. In der Zeit …« »Ich soll dich Schachmattsetzen?« Diese Wendung der Ereignisse gefiel ihr. »Aber gern! Es würde mir ein ungeheueres Vergnügen bereiten, dir diesen Gefallen zu tun!« Er richtete sich auf und sah ihr intensiv in die Augen. »Warum fällt es mir nicht schwer, dir das zu glauben, Xio?« Er war erneut zum intimeren Du gewechselt. »Du narkotisierst mich und verständigst nach getaner Tat das hiesige Exekutivorgan eurer Justizbehörde.« »Exekutivorgan unserer Justizbehörde?« Er war kein Muttersprachler, aber was er ihr damit sagen wollte … Exekutivorgan … Sie hatte diesen Begriff bereits gehört, doch ihr wollte nicht einfallen wo. »Polizei?« »Die Institution, die Recht und Ordnung vertritt?« »Die Polizei, dein Freund und Helfer, ja.« »Polizei?« Seine Betonung lag auf der ersten und damit falschen Wortsilbe, wodurch es befremdlich klang. Der Typ hatte entweder die gewaltigste Vollmeise, die ihr je untergekommen war oder, ja was oder? Sein Dialekt war bizarr, wie auch seine Art, sich auszudrücken. Wenn er irgendwo aus Hinter-Timbukistan stammte, war ihm der Ausdruck möglicherweise nicht vertraut. Gegen diese These sprach jedoch der Sachverhalt, dass er über passable Deutsch- und perfekte Englischkenntnisse verfügte. Wenn auch beides mit einem ungewöhnlichen Akzent. »Möchtest du die Polizei kennenlernen?«, fragte sie unschuldig. »Das kann ich gern arrangieren. Dazu brauche ich nur eine freie Hand und mein Smartphone. Die Polizei freut sich immer, Entführer kennenzulernen. Sie würden sich sicherlich gern ein paar Takte mir dir unterhalten.« Ihre Rede entlockte ihm lediglich einen Seufzer. »Ich bin alles, nur kein Entführer. Es war eine Verkettung unglücklicher Begebenheiten, die mich zu dieser Tat trieben. Ich bin einer der Guten und wollte nicht in deiner Wohnung landen.« Er stoppte abrupt in seinem Redefluss und hob die Hand. »Bitte keine Polizei!« Sein linker Mundwinkel zuckte nach oben. »Schließen wir ein Übereinkommen: Du schließt die Mech kurz, entfernst sie, versorgst die Wunde und rufst nicht die Polizei. Im Gegenzug verspreche ich dir, dass sich unsere Wege danach trennen, wenn es das ist, was du willst. Ich haue ab und wir sehen uns nie wieder.« Während er sprach, beäugte sie den kreisrunden Brandfleck auf ihrem Fußboden. Der alte Teppich war ruiniert – noch mehr als vorher. Sie zählte eins und eins zusammen. Der Brandfleck auf dem Boden, das Erbeben samt Stromausfall und Elijahs Auftauchen wie aus dem Nichts. Das waren keine Zufälle. »Das vorhin war kein Erdbeben.« »Erdbeben? Nein, das geschah beim Übertritt. Es tut mir leid. Ich besitze keine einheimischen Zahlungsmittel, um den Schaden zu begleichen.« Ihr rauchte der Schädel. Sie musste sich den Kopf gestoßen haben, als sie von der Couch gefallen war. Ja, das war die Erklärung für das, was hier ablief. Mit größter Wahrscheinlichkeit lag sie immer noch auf dem Boden im Wohnzimmer und war bewusstlos. Die Handschellen schnitten schmerzhaft in ihre Haut. Kein Traum und auch kein Hirngespinst. Es war die Realität, die ihr in den Hintern, beziehungsweise in die Handgelenke biss. »Lass mich revidieren: Ich soll dir helfen, nachdem du meine Wohnung verwüstet und mich gefangen genommen hast? Nach getaner Arbeit machst du dich vom Acker, als ob nichts gewesen wäre?« Sie sah Elijah an und hoffte, dass er ihre Unnachgiebigkeit in ihren Augen sehen konnte. Er senkte in einer reuigen Geste den Kopf, kratzte sich zum wiederholten Male am Hinterkopf. Sein schüchternes Verhalten war völlig konträr zu seinem martialischen Erscheinungsbild. Er verhielt sich wie ein kleiner Junge, der beim Griff ins Bonbonglas erwischt worden war. »Ich wünschte, ich könnte es auf irgendeine Art gutmachen. Alles. Ich wollte dich nicht überfallen.« Er bedachte sie mit einem tiefgründigen Blick aus seinen fesselnden Augen. Erneut bemerkte sie das metallische Funkeln in seinen Pupillen. Ein Dreieck, da war sie sich absolut sicher. Das war wirklich unheimlich, daher rutschte sie auf ihrem Po so weit zurück, bis ihr der weitere Weg von der Wand im Rücken versperrt wurde. »Was bist du? Und was ist mit deinen Augen? Deinem Bein?« Hier ging es doch nicht mit rechten Dingen zu. Wer zur Hölle war dieser Typ? »Bist du überhaupt ein Mensch?« Elijahs Züge verhärteten sich. Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin ein Mensch!«, erwiderte er und legte eine erhebliche Portion Wut in diese Worte. »Ebenso wie du, Xiomara! Ausschließlich meine Augen, mein Bein und meine Schulter wurden mit einer Biomech aufgewertet. Nicht aus freien Stücken! Mir wäre es angenehmer, dass ich diese Aufwertungen nicht benötigt hätte. Aber ich konnte es mir nicht aussuchen. Ich hatte keine andere Alternative. Möglicherweise ist es besser, wenn ich sofort gehe.« Er stand schnell von der Couch auf. Nur, um einen Augenblick später wieder hart auf ihr zu landen. Ihm hatte es buchstäblich die Beine weggezogen. Er keuchte wie eine alte Dampflok und hielt sich die Brust. »Ich bin ein Mensch, kein Monster!« Xio schien es, dass er sich nicht zum ersten Mal mit diesen Vorwürfen konfrontiert sah. Es war für ihn eine alltägliche Reaktion auf seine Besonderheit. Und er konnte nicht gut damit umgehen. Ihrer prekären Situation zum Trotz empfand sie Mitleid. »Du bist frei!« Wie von Geisterhand lösten sich die Handschellen von ihren Handgelenken. »Tu, was auch immer dir beliebt. Ruf die Exekutive, werfe mich aus deiner Wohnstätte, aber …« Er stockte, jedoch nicht aus freien Stücken. Ihr Geiselnehmer sackte besinnungslos auf der Couch zusammen.


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