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Belletristik
Buch Leseprobe Tim dreht durch, Sebastian Reimann
Sebastian Reimann

Tim dreht durch



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In der Dunkelheit wirkte unsere Straße immer so friedlich und still.
Die Familien saßen in ihren Wohnzimmern und die Kinder wurden gerade in ihre Betten gebracht. Ich sah es durch mein Teleskop. Alles sah man. Die zärtlichen Gutenachtküsse, die Streicheleinheiten, die lustigen Bewegungen der Väter, die ihren Kleinen was vorgaukelten. Ich konnte sogar die Farbe ihrer Teddys erkennen.
Und ich sah den Kombi am Ende der Straße. Fast konnte man meinen, das Auto wäre leer, so regungslos saß er da.
Das war natürlich denkbar ungünstig, wenn man wie ich in der Nacht einen Tatort besuchen will. Gleichzeitig aber auch spannend. Der Beobachter hatte ja keine Ahnung, dass auch er beobachtet wurde. Ich spürte wie das Gefühl, ihn sehen zu können, mir Macht verlieh. Die Macht, dem Kerl einen Schritt voraus zu sein. War nur zu hoffen, dass er nicht die ganze Nacht dort blieb. Hoffentlich machten die nur Stichproben.
Ich machte es mir bequem und lauerte. Was der Mann wohl dachte? Er konnte ja wohl nicht ernsthaft hoffen, etwas Verdächtiges zu sehen. Immerhin kannte hier jeder jeden. Fremde Autos oder Personen erregten hier schnell Aufmerksamkeit. Mit Sicherheit starrten gerade mehr als zwei Augen in Richtung des Trümmerhaufens. Obwohl, was soll’s? Ist auch nicht schlecht, wenn einer bezahlt wird, nur weil er irgendwo hockt und wartet, dass etwas geschieht. Der Nachtzuschlag war bestimmt auch nicht zu verachten. Für einen Augenblick wollte ich selbst Polizist werden.
Aber nein. Meine Ambitionen erstreckten sich mehr in Richtung Reisen. Am liebsten rund um den Globus. Als Polizist ist das wohl kaum möglich.
Mehr aus Langeweile checkte ich meine E-Mails. Nichts. Keine Nachricht von Vater. Also nahm ich ein Buch und las. Einen Fantasy-Roman, sehr spannend geschrieben. Ich verschlang die Seiten förmlich beim Lesen. Die Zeit verging und ich kam an den Punkt, an dem der nächtliche Leser die Schwelle vom Text zum Traum erreicht. Gut daran zu erkennen, dass man stets ein und dieselbe Zeile mehrmals liest. Wie in einer Endlosschleife. Egal wie sehr man sich konzentriert, man schafft es nicht zum nächsten Satz. Gut möglich, dass ich kurz einnickte.
Das Motorgeräusch des fahrenden Autos weckte mich. Alle Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Ich rannte zum Fenster. Der Wagen war weg. Ohne zu zögern öffnete ich leise das Fenster und kletterte vorsichtig die Regenrinne herunter. Auf dem Boden angekommen, kroch ich auf allen Vieren zur Hecke. Sie hatte an einer Stelle ein kleines Loch, wo man, ohne entdeckt zu werden, die ganze Straße einsehen konnte.
Ich wartete noch einen Moment. Die Lichter in den Häusern waren allesamt aus. Schnell kroch ich aus der Öffnung hervor und rannte zum Trümmerhaufen hinüber. Das Laufen war eindeutig zu laut. Egal, hinter dem Schutthaufen hatte ich wieder Deckung.
Zu meinem großen Glück war ausgerechnet die Straßenlaterne vor dem gesprengten Haus kaputt. Das hieß zusätzliche Deckung.
In meiner Hosentasche war eine kleine Taschenlampe. Sie war nicht allzu hell. Vorsichtig begann ich im Schutt zu wühlen. Zu meinem Pech machte das Laufen auf dem Schutthaufen zu viel Krach. Ständig rutschten die Steine unter den Füßen weg. Das polterte ganz schön, wenn sie unten ankamen. Sie rollten bis zum Asphalt und dröhnten, lauter als Kirchenglocken.
Vorsichtig beschränkte ich die Suche auf den Rand der Katastrophenstelle. Die Polizei hatte fleißig gearbeitet. Überall sah man kleine Löcher oder Fähnchen, die verdächtige Krümel markierten. Nirgends ein Plastikteil oder Papierschnipsel. Enttäuscht bewegte ich mich zum hinteren Ende des Haufens. Eigentlich hatte ich mir alles etwas aufregender vorgestellt. Stattdessen hatte ich mir lediglich einen Haufen Schrammen geholt. Gerade wollte ich aufstehen und nach Hause gehen, da berührte meine Hand einen kleinen, glatten Gegenstand. Sofort setzte ich mich wieder hin und untersuchte meinen Fund.
Bingo! Ein USB-Stick. Das Ding wanderte sofort in die Hosentasche. Ängstlich sah ich mich um. Niemand zu sehen. Wie ein Indianer schlich ich zum Straßenrand und setzte zum Sprint an. Ich sprang auf und … prallte gegen unseren Nachbarn.
Es war Herr Kant. Ausgerechnet er. Zufällig ein Kollege von Vater.
„Guten Abend Tim. Ein wenig frische Luft schnappen?“, grinste er mich an.
„Nein, ich spiele Golf“, was für ein blöder Gesprächsbeginn.
Kant kicherte leise. „Hoffe, es lief gut. Dann komm mal mit.“
Ohne weitere Zeit mit Smalltalk zu verlieren, griff er meinen Arm und zerrte mich mit. Sein Griff war fest, da half alles Winden nichts. Selbst Flucht würde nichts bringen. Der Kerl wusste, wo ich wohnte. Ein Leichtes für ihn, mich zu kriegen. Einzig der Gedanke, dass Kant ein Kollege von Vater war, beruhigte etwas. Das nächste gute Omen, es ging zu seinem Haus. Ein sicherer Ort. Kant hatte eine Frau, deswegen drohte mir keine unmittelbare Gefahr. Welcher Mörder würde seine Frau zum Komplizen machen? Scheiße, bin ich naiv.
Er führte mich in die Küche. Die kurze Info, leise zu sein, weil seine Frau schlief, half nicht unbedingt. Der blanke Fliesenboden auch nicht.
Entspannt setzten wir uns auf ein paar Stühle. Das heißt, er setzte sich entspannt auf den Stuhl. Ich war ein Wrack.
Unsicher die Initiative ergreifend, fragte ich: „Gibt es jetzt Ärger?“
Forschend sah Kant mich an. „Nur wenn uns wer gesehen hat. Was ich nicht glaube. Die Bullen sind ja weg. Aber das weißt du so gut wie ich.“
Ich fühlte mich ertappt und nickte schuldbewusst.
„Du bist dir schon im Klaren, dass es gefährlich ist, da rumzuschnüffeln?“
Ich schwieg weiter.
„Wie auch immer. Von mir hast du nichts zu befürchten. Ich glaube, ich an deiner Stelle würde genauso handeln. Verstehst schon. Wegen deinem Vater und so.“
Erschrocken sah ich auf. „Woher wissen Sie …?“
„Weil du ein schlauer Bursche bist.“. Kant sah mich vielsagend an.
Ich versuchte einen Vorstoß. „Wissen Sie, wo er ist?“
„Ich wünschte, ich wüsste es. Hat er sich bei euch gemeldet?“
Ich wusste nicht so recht, ob ich ihm trauen konnte, und beschloss vorerst dichtzuhalten. Erst wollte ich sehen, wo das Gespräch hinführte. „Nein. Er verschwand gestern ohne ein Wort.“
„Hmm“, brummte Kant. „War vermutlich das Beste, was er tun konnte. Sag mal, hat sich die Suche eben gelohnt?“
Das würde ich auf keinen Fall verraten!
„Nein. Die Polizei war sehr gründlich. Nicht mal ein Schnipsel Papier. Wissen Sie, was passiert ist?“
Kant nickte. „Wenn ich es dir sage, vertraust du mir dann ein bisschen mehr?“
Der Mann war gut. Das musste man ihm zugestehen. „Aber nur, wenn Sie nicht mit diesem Gasmärchen kommen.“
Kant lachte bitter. „Nicht schlecht. Dein Vater erwähnte, dass du nicht auf den Kopf gefallen bist. Aber gut. Natürlich lag es nicht am Gas. Es war eine Sprengung. Das dürfte auch der Polizei inzwischen klar sein. Sie dachten erst an Versicherungsbetrug, bis dein Vater verschwunden ist. Sie kamen zu mir und stellten Fragen. Keine Angst, ich habe dazu weiter nichts gesagt. Schließlich sind wir Kollegen. Trotzdem, irgendwas passt nicht, sonst wäre dein Pa noch da.“
Der letzte Satz ließ mich aufhorchen. Glaubte er ernsthaft, Vater hätte was damit zu tun?
„Sie meinen …?“
Kant holte tief Luft. „Dein Vater hatte den Auftrag, sie beiseite zu schaffen.“
„Nein!“, rief ich entsetzt, „Was war das?! Sind Sie verrückt? Er arbeitet in einem Büro und sitzt dort hinter einem Computer. Der Stuhl ruiniert seinen Rücken. Er ist doch kein Killer!“
„So was hat er euch also erzählt?“ Kants Stimme klang ruhig. „Nein, mein Junge. Dein Vater ist ein Killer.“
„So ein Blödsinn!“ Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte ihm eins in die Fresse gegeben.
„Und was glaubst du, was er dort macht?“ Immer noch blieb Kant die Ruhe in Person. „Was glaubst du, warum deine Mutter so aus dem Häuschen ist und, nebenbei bemerkt, euch alle gefährdet?“
Mein Hirn begann zu rasen. Meine ganze heile Welt brach zusammen. Alles dahin. Mein Vater war ein Killer. Meine Mutter wusste es. Der Nachbar war ein Kollege von ihm. Alles in allem hieß das, ich saß jetzt einem Killer gegenüber und schlürfte mit ihm gemütlich Limonade. So eine Scheiße!
Von weiter Ferne hörte ich Kant sagen: „So. Ehrlicher geht es wirklich nicht. Jetzt bist du dran.“
Meine Stimme klang wie eine Maschine. „Er hat mir eine E-Mail geschrieben. Dort stand lediglich, ich soll mir keine Sorgen machen. Er meldet sich wieder.“
Das mit dem USB-Stick behielt ich für mich. Durchaus möglich, dass Kant das gegen meinen Vater ausnutzen konnte. Die Tatsache, dass er eben so offen war, hieß noch lange nicht, dass ich ihm vertrauen würde. Außerdem versprach ich mir Hinweise von dem Stick. Wenn Vater ihm wirklich vertrauen würde, wüsste Kant, wo er ist.
Kant schien die Aussage zu schlucken. „Wenn er sich melden sollte, schreib ihm das mit uns. Sag ihm, er soll mich umgehend kontaktieren. Und gib mir Bescheid, wenn er sich meldet. Vielleicht traust du mir dann etwas mehr.“
„Ist gut“, antwortete ich. „Kann ich jetzt gehen?“
Ich wollte nur noch weg. Natürlich würde Vater sofort die Mail bekommen.
„Ja“, sagte Kant und brachte mich zur Tür.
Mein Körper zitterte. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Zu Hause angekommen, setzte ich mich an den Computer und schrieb ihm die Mail. Ich schrieb alles auf. Jedes Wort. Auch Kants Worte richtete ich aus. Dann starrte ich wie hypnotisiert auf den Monitor.
Gedankenverloren wanderte meine Hand in die Hosentasche und ertastete den USB-Stick. Ich zog ihn heraus und betrachtete das Ding. Mit einem Mal war ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich wissen wollte, was darauf war. Besser, ich würde das Teil vorerst an einem sicheren Ort aufbewahren.
Vielleicht würde eine Mütze voll Schlaf alles ins rechte Licht rücken. Es funktionierte. Nur die Träume waren alles andere als schön. Sie glichen einem Actionfilm. Sogar die Sterbeszenen waren dabei.


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