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Belletristik
Buch Leseprobe Tika (Teil 1 & 2), Jeremy Iskandar
Jeremy Iskandar

Tika (Teil 1 & 2)


Eine Cyberpunk-Geschichte in Indonesien

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TEIL I


 


I


 


Der Mann, der ihnen gegenübersaß, trug eine Kette, die aus menschlichen Fingerknochen gefertigt war. Zum wiederholten Male fragte sich Sadewa, wem diese Finger wohl einst gehört haben mochten. Sadewa war der Ansicht, dass die Finger eines Menschen viel über diesen aussagten. Ihre Beschaffenheit, und auch die Art und Weise, wie sie sich bewegten. Er hatte gelernt, diese Zeichen zu deuten. Ihnen zu entlocken, was sein Gegenüber zu verbergen versuchte, seine Finger aber verrieten. Doch die Finger, die dort auf dem Tisch ruhten, verrieten ihm nicht das Geringste. Er war unfähig, sie zu lesen, wie es ihm überhaupt unmöglich schien, diesen Mann zu deuten. Er war groß, von muskulöser Statur, und unter seinem schlichten, kurzärmligen grauen Shirt breiteten sich seine schwarzen Stammestätowierungen aus, die – wie Sadewa aus Erzählungen wusste – den Großteil seines Körpers bedeckten. Er war ein Dayak, ein Stammesmann aus dem Norden des Archipels. Einst waren die Dayak gefürchtete Kopfjäger gewesen – Gerüchten zur Folge waren sie dies noch immer, hatten ihre Jahrhunderte alte Tradition trotz des Einzugs moderner Technologien und Wertesysteme niemals gänzlich aufgegeben. Und deshalb war der Mann in dieser Nacht zu ihnen gekommen, hatte Nakula ihn hierher beordert. Dabei war sich Sadewa nicht einmal sicher, ob der Dayak diese delikate Mission, die für sie, Nakula und ihn, von solch großer Bedeutung war, überhaupt meistern würde. Er selbst zweifelte stark daran, aber Nakula hatte da wie immer ganz andere Vorstellungen.


Sadewa erinnerte sich noch gut an das Gespräch, das Nakula und er zuletzt geführt hatten. Wie immer hatten sie in einem der klaustrophobisch kleinen Separees über dem ‚Bintang‘ in der Jalan Jaksa, der Straße der Sünde, bis weit in die Morgenstunden hinein hitzig diskutiert. Die Straße lag nicht weit vom Merdeka Square entfernt, dem Zentrum des endlosen Sprawl, der unter dem Akronym ‚Jabodetabek‘ bekannt war, den die nach Abkürzungen gierenden Indonesier aber meist einfach nur ‚Jabo‘ nannten. Einst hatte die Stadt ‚Jakarta‘ geheißen, und auch schon damals war sie eine Mega City gewesen.


Jetzt dachte Sadewa wieder an den Raum, das Separee, das den Regierungsgebäuden am Merdeka Square so nahe war und doch inmitten eines Kosmos aus Prostitution, Drogen und kriminellen Machenschaften ruhte. Sadewa fand diesen Umstand äußerst bezeichnend.


Der Raum war nur spärlich möbliert gewesen, und durch das einzige abgedunkelte Fenster, das zur Straße hin zeigte, war verwaschen das grell-bunte Licht der Hologramme in das Separee gefallen, hatte Nakulas Gesicht wie damals das nächtliche Mündungsfeuer des Krieges einer Fratze gleich erscheinen lassen, die ihn auf die Grundzüge dessen reduzierte, was er war – ein Mann, der dem Krieg niemals entkommen war. Sadewas Augen hatten bereits getränt durch den beißenden, süßlichen Rauch der unzähligen kretek, der Nelkenzigaretten, die Nakula und er im Verlauf ihres Gespräch konsumiert hatten. Auch vermochte es die altersschwache, wie ein im Sterben liegender Mann röchelnde Klimaanlage kaum, die rauchgeschwängerte, trotz der nächtlichen Stunde aufgeheizte Luft auf ein erträgliches Maß herab zu kühlen.


Sadewa hatte halb versunken in dem alten, aufgerissenen Ledersessel gehockt, der nahe der Tür gestanden hatte. Nakula hingegen hatte, wie er es üblicherweise tat,  mit seinem massigen Rücken direkt an der nackten Wand geruht. Sie hatten sich schon immer gut zu streiten gewusst, schon damals, als sie beide noch wesentlich jünger gewesen waren und das Blut einen ständigen Begleiter dargestellt hatte. Nur in einem Punkt waren sie beide sich stets vorbehaltslos einig: die Republik Indonesien, dieses gewaltige, aufgedunsene Gebilde, ihre geliebte Heimat, war nur noch ein halbtoter Moloch, der in seinen letzten, verzweifelten Zuckungen lag, in den die Demokratie ihn gebracht hatte. Nach einem halben Jahrhundert ‚Herrschaft des Volkes‘ war die Zeit gekommen, Indonesien zu seiner alten Größe und Stabilität zurückzuführen, es aus den Fängen der Parteienwirtschaft zu befreien, die immer nur bis zur nächsten Wahlperiode dachte, an die nächste Runde auf dem großen Glücksrad, das von einer Masse leicht zu manipulierender und politisch völlig unerfahrener Wähler in Schwung versetzt wurde. Und die Menschen gingen auf die Straße, demonstrierten, weil es ihr Recht war zu demonstrieren. Doch niemand wusste genau, warum. Sie waren unwissend. Sie alle.


Unfähig, rechtzeitig auf die rasanten technologischen Entwicklungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu reagieren, geschwächt durch die Bildung von Oppositionen und im Deckmantel der Meinungsfreiheit agierender radikal-islamistischer Gruppierungen, die insgeheim oder zunehmend auch immer offener den Gottesstaat forderten, und halb erstickt an seiner eigenen, überkommenen Bürokratie war dieser sterbende Gigant, die Demokratie Indonesien, ein wahres Ungetüm, dem sie den Todesstoß zu versetzen gedachten.


„Ein Dayak?“, hatte Sadewa seinen Kampfgefährten zweifelnd gefragt. Und Nakula hatte ihm dieses Lächeln gezeigt – eine Mischung aus hinterlistiger Gerissenheit und verachtungsvoller Arroganz. Er beherrschte es gut, dieses Lächeln.


„So ist es. Ein Dayak, ein Stammesmann. Sein Name lautet Sarak. Und er ist ein erfahrener Krieger.“


„Daran zweifele ich nicht, Nakula. Aber warum muss es ein Dayak sein? Noch dazu ein einzelner Mann? Warum nehmen wir nicht ein Team aus Männern, die wir sonst für so etwas anheuern?“


Nakula hatte sich eine neue Nelkenzigarette angezündet, und für kurze Zeit waren nur das Knistern der neu entzündeten Zigarette und das Rattern der Klimaanlage zu hören gewesen.


„Abgeordneter Raharjo ist ein abergläubischer Mann, wie überhaupt viele in unserem Volk noch immer dem Aberglauben anhängen. Er hat einen einflussreichen Dukun damit beauftragt, über sein Anwesen zu wachen. Zusätzlich zu den Sicherheitskräften, versteht sich. Magie muss man mit Magie bekämpfen. Sarak kennt sich damit aus. Er wird uns die Prinzessin bringen. Und dann, mein Freund, werden wir unserem Ziel einen bedeutenden Schritt näher sein.“


Und Nakula hatte gelächelt – gelächelt wie ein Dämon aus dem wayang kulit, dem Schattenspiel javanischer Tradition.


...


 


II


 


Zum wiederholten Male zog Siti fest an Kadeks Arm, da ihr kleiner Bruder wieder einmal stehengeblieben war. Irgendetwas musste seine Aufmerksamkeit geweckt haben. Meist waren es die Wartungsdrohnen, die an den Hausfassaden und Masten entlang krabbelten, Kabel flickten und andere Reparaturen durchführten, für die sich Siti nicht im Geringsten interessierte. Ganz im Gegenteil natürlich zu Kadek, der gar nicht genug davon bekommen konnte. Aber sie waren spät dran. Wenn sie jetzt nicht sofort aus dieser Gasse heraus- und auf die Hauptstraße kamen, dann würden sie ganz sicher zur spät zur Schule kommen.


„Kak, Kak, du tust mir weh!“, beschwerte sich ihr Bruder, als sie weiterzog. Siti schnaubte frustriert.


„Das mache ich nur, weil du ständig stehenbleibst! Wir kommen noch zu spät und dann wird Pak Heryanto dir die Ohren langziehen!“


Erschrocken fasste sich Kadek mit der freien Hand an sein Ohr. Er schien sich die Szene bildlich vorstellen zu können, was Siti an seinem angstvollen Gesichtsausdruck erkennen konnte. Endlich setzte er sich in Bewegung, nur um plötzlich einen Schrei aus seiner Kehle loszulassen und dabei natürlich wieder stehenzubleiben.


„Was ist denn nun schon …“, begann Siti, erstarrte dann aber plötzlich mitten im Satz, als sie das Bein sah. Es war ganz sicher das Bein eines Menschen, das da aus dem Spalt zwischen den beiden kleinen Verschlägen in die Gasse hinausragte. Die Gasse war ihr Schleichweg. Auf einer Seite führte sie an einer alten, aus übereinandergelegten Blöcken rissigen Betons bestehenden Mauer entlang, auf der anderen Seite standen kleine, halb verfallene Hütten, zwischen denen sich noch kleinere Gassen wanden, die letztlich nach unten zum Kanalufer führten, das voller Plastikmüll und anderem Kram war. Dort unten wühlte Kadek immer und hoffte darauf, irgendwelche „Ersatzteile“ für seine Basteleien zu finden, was Siti aber für Zeitverschwendung hielt.


Kadek deutete auf das Bein, dann riss er sich plötzlich los, als die Neugier über den anfänglichen Schreck den Sieg davon trug. „Dik! Warte!“, rief sie ihm hinterher, aber er ließ sich nicht stoppen. Mit pochendem Herzen jagte sie ihm hinterher. Bitte lass es kein abgetrenntes Bein sein, betete sie zu Gott. Sie hatte schon einmal einen zerstückelten Körper gesehen, unten am Kanalufer. Danach hatte sie wochenlang nicht mehr richtig schlafen können. In der schwülen Nacht, dicht gedrängt an Kadek, waren die Einzelteile des menschlichen Körpers, auf bizarre Weise falsch zusammengesetzt, in ihren Träumen gewandelt und hatten nach ihr gegriffen, um sie sich einzuverleiben. Sie wollte keine Biodrohne werden!


Kadek hatte den Spalt zwischen den Verschlägen erreicht und war stehengeblieben. Fasziniert blickte er auf das hinab, was dort lag. Siti verlangsamte ihre Schritte, atmete tief durch und zählte in Gedanken eine Zahlenreihe ab, was sie immer beruhigte. Dann schaute sie selbst in den Spalt. Dort lag jemand, und das Erste, was sie mit großer Erleichterung feststellte, war, dass es sich nicht um Einzelteile handelte. Es war eine Frau. Komplett. Mit Kopf, Armen und Beinen und so weiter. Sie konnte ihr Gesicht nicht erkennen, denn es war unter einem fließenden Schwall schwarzer Haare verborgen, die wegen ihres Grades an Perfektion auf Siti einen solch unwirklichen Eindruck machten, wie die Haare der Frauen in den Holo-Werbungen, die sie sich so gerne anschaute. Und obwohl die Frau mit Blut besudelt war und ihre Kleider zerschlissen, bestaunte Siti mit offenem Mund die makellose Haut ihrer Arme. Siti verspürte den unbändigen Drang, diese Haut berühren zu wollen. Sie war hell wie der am Himmel leuchtende Mond und sicher so zart wie … nun, Siti konnte sich nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben schon einmal etwas so Zartes berührten haben sollte. „Ist sie tot?“, fragte Kadek plötzlich neben ihr.


„Pssst … so was sagt man nicht, Dik“, ermahnte Siti ihn sofort, flüsterte dabei aber, so als habe sie Angst davor, den Schlaf der Frau zu stören. Da war Blut, aber die Frau sah auf den ersten Blick nicht verletzt aus.


„Was sollen wir denn jetzt machen, Kak?“, fragte Kadek weiter.


„Du gehst jetzt erst mal zur Schule. Und keine Widerworte“, wies sie ihn mit strenger Stimme an. Kadek schmollte. Sie sah, wie er sich auf die Lippe biss. Ihr Bruder konnte ganz schön stur sein, aber das konnte sie auch. Dabei wollte Siti ja nur das Beste für ihn. Er musste in die Schule. Sie selbst fehlte oft, da ihre Tante sie brauchte, um zusätzliche Einkünfte zu erwerben. Das Geld, das ihre Tante verdiente, reichte einfach nicht aus, ganz egal, wie lange sie auch wegblieb, um zu arbeiten. Deshalb musste Siti helfen. Sie war immerhin die Älteste. Aber Kadek sollte zur Schule gehen. Sie würde nicht zulassen, dass er arbeitete. Denn sie wusste genau, dass diese Arbeit zu nichts führte. Sie machte ihre kleine Familie satt, sie half ihnen, das Schulgeld zu bezahlen, aber sie war immer auf den Tag gerichtet und niemals auf die Zukunft. Kadek sollte einmal an ein Morgen denken können und nicht immer nur an den gegenwärtigen Tag. Er war ein kluger Junge und wissbegierig. Er würde es schaffen.


„Schaffst du es alleine?“, fragte sie ihn. Kadek nickte trotzig.


„Natürlich. Ich bin doch schon groß“, erwiderte er ein wenig beleidigt. Aber Siti hatte genau den richtigen Nerv getroffen. Jetzt würde er ihr beweisen wollen, dass er sie nicht brauchte. Und deshalb würde er zur Schule gehen.


„Du musst mir später alles erzählen, Kak“, drängte er dann aber noch. Siti versprach es ihm.


„Beeil dich. Und erzähl niemandem von unserem Geheimnis.“ Dabei blickte sie wieder auf die Frau, die dort noch immer regungslos lag. Kadeks Augen leuchteten, als sie ihn wieder anschaute. Er konnte es jetzt bereits kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen. Dann lief er los, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen.


Siti seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Obwohl es noch früh am Morgen war, war es schon jetzt fast unerträglich heiß. Am Mittag würde die Sonne unnachgiebig auf die Stadt herabbrennen und alle, die sich keine Klimaanlage leisten konnten oder im Freien sein mussten, würden erneut darunter leiden. Siti hatte das Gefühl, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer mit dieser Sonne wurde. Aber wenn die Sonne mal nicht schien, dann gab es Stürme und solche Regenmassen, das alles unter Wasser stand. Da ertrug sie doch lieber das Feuer, das auf sie alle hinabschien. Konnte das vielleicht alles etwas mit der Flut aus dem Norden, dem Ansteigen des Meereswassers, zu tun haben? Hätte sie doch in der Schule nur besser aufgepasst. Aber meist war sie einfach zu müde gewesen, da sie ihrer Tante auf dem pasar malam, dem Nachtmarkt, hatte helfen müssen.


Konzentriere dich, Ti. Du musst dich jetzt um diese Frau kümmern. Sie ließ sie nur ungern hier alleine liegen, hatte sie doch Angst, sie könne sich doch nur als seltsamer Traum herausstellen. Aber es half nichts. Sie musste das MedTech von Zuhause holen, damit sie mehr über den Gesundheitszustand der Frau herausfinden konnte. Hoffentlich funktioniert es noch, dachte Siti. Es war ein altes Gerät, aber neben ihrem kleinen, pinkfarbenen Konek ihr wertvollster Besitz. Mit diesen Gedanken im Kopf, lief sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Und wieder betete sie innerlich. Betete zu Gott, der sie hoffentlich erhören würde.


 


 


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