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Belletristik
Buch Leseprobe Tika, Jeremy Iskandar
Jeremy Iskandar

Tika


Eine Cyberpunk-Geschichte in Indonesien

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Ajun Komisaris Polisi, Chief Inspector, Tika Suryono blickte fassungslos auf das blutige Spektakel, das sich ihren geschulten Augen bot. Es war sicherlich nicht das schlimmste Blutbad, das sie in ihrer Karriere zu Gesicht bekommen hatte, aber ganz sicher das heikelste. Sie spürte die Nervosität ihres jungen Untergebenen, AIPTU Chang, der neben ihr stand und damit dasselbe sah wie sie. Vor ihr in der Luft flimmerte die Datenflut aus dem abgeschirmten Netzwerk der POLRI, die auf ihre Kontaktlinsen projiziert wurde und sie ständig auf dem neuesten Stand der Ermittlungen hielt. Außerdem konnte sie auf diese Weise auf das Sensorium ihrer Untergebenen vor Ort zurückgreifen, wenn das für sie erforderlich war.


„Ich möchte Zugriff auf alle Kamera- und Sensoraufzeichnungen. Von der Sicherheit und auch privat“, sprach sie in die Stille des Raumes hinein, ohne Chang dabei anzusehen.


„Auch die privaten Daten, Chief Inspector?“, versicherte sich Chang neben ihr, und sie kannte seine Stimme gut genug, um zu erkennen, dass er sich jetzt schon dafür verfluchte, heute überhaupt zum Dienst erschienen zu sein.


„Stellt das ein Problem dar? Die Bevölkerung wird von uns doch auch rund um die Uhr ausspioniert. Sind die Rechte des Herrn Abgeordneten auf Privatsphäre etwa mehr wert?“, fragte sie und versuchte gar nicht erst, den bissigen Ton in ihrer Stimme zu kaschieren. Es war allgemein bekannt, dass sie stets nach ihren eigenen Spielregeln spielte. Und außerdem kann sich der Abgeordnete Raharjo sowieso nicht mehr darüber beschweren, dass wir seine Rechte verletzen, fügte sie noch in ihren Gedanken hinzu, behielt diese aber lieber für sich. Sie musste es ja nicht gleich auf die Spitze treiben.


Der Tod des Abgeordneten war ihnen vom System der Jiwa Corp. mitgeteilt worden, bei der Raharjo einen Direktvertrag zur Überwachung seiner Vitalfunktionen besessen hatte. Aber selbst die modernste Medizintechnik des Konzerns hätte dem Mann in diesem Zustand nicht mehr weiterhelfen können. Noch einmal ließ sie ihren Blick zu dem toten Abgeordneten in seinem Bürosessel gleiten. Blut war ihm auf das penibel ordentliche, braune Batik-Hemd getropft. Es war das Blut, das ihm aus den Augenhöhlen ausgetreten war, nachdem man ihm beide Augen mit dem Familien-Kris, der noch immer auf der schweren Marmorplatte des Schreibtisches ruhte, aufgestochen hatte. Die Klinge war tief eingedrungen und musste dabei das Gehirn erreicht haben. Die Spurensicherung würde den Kris, den konservative javanischen Familien noch immer als Familienheiligtum besaßen, einer genauen Untersuchung unterziehen.


„Und informieren Sie mich sofort, wenn man etwas über den Verbleib der Tochter des Herrn Abgeordneten herausgefunden hat“, ergänzte sie noch, nachdem sie ihren Blick wieder von der Szenerie abgewandt hatte. Für heute hatte sie genug gesehen.


„Jawohl, Chief Inspector“, gab Chang zurück, und sie vernahm noch seinen Seufzer, nachdem sie sich umgedreht hatte und bereits auf dem Weg nach draußen war.


Genau wie die meisten größeren Anwesen dieses Ranges, hatte auch die Villa des toten Abgeordneten einen eigenen Garten mit perfekt gepflegten Blumenbeeten und schweren, kunstvollen Vogelkäfigen, in denen erlesene, vielleicht sogar schon als ausgestorben geltende Arten ihr Piep-Konzert von sich gaben. Tika hatte für Vögel nicht viel übrig. Fische waren ihr lieber. Die waren wenigstens leise. Fische und Vögel – wohlhabende Indonesier schienen sie nach wie vor zu lieben. Sie galten als offensichtliche Zurschaustellung ihres Status.


Tika griff in ihre Hosentasche und holte Feuerzeug und Zigaretten heraus. Ein einheimischen Produkt, nicht diese überteuerten ausländischen Marken, die ihre ranggleichen Kollegen rauchten. Status. Er war überall präsent, selbst bei den Suchtmitteln, die sie konsumierten. Tika zog eine Zigarette aus der Schachtel, legte sie zwischen ihre Lippen und zündete sie mit dem Feuerzeug an. Als sie den Rauch der Zigarette inhalierte, dachte sie an das, was hier, im Anwesen des Abgeordneten, passiert war.


Ein Trupp aus fünf Sicherheitsleuten der KerisCombat Inc. war für die Sicherheit der Villa zuständig gewesen. Nun waren sie alle tot. Ein Schusswechsel hatte nicht stattgefunden. Alles musste in nächtlicher Stille abgelaufen sein. Keine Schusswunden. Der Tod war in Form einer Hiebwaffe gekommen, die den vier Männern und der einzelnen Frau die Hälse und Köpfe gespalten hatte. Die einzigen nicht-gepanzerten Stellen in der hochwertigen Montur der Sicherheitsleute. Niemand von ihnen hatte auch nur einen Schuss abgegeben. Wie war das möglich gewesen? Tika kannte den Sicherheitskonzern und seine Ausbildungspraxis. Das waren Profis, alle fünf. Teuer, aber effizient. Und dann der grausige Mord am Abgeordneten selbst. Ein politisch motivierter Mord oder die Tat eines Wahnsinnigen? Eines verdammt fähigen Wahnsinnigen, wie Tika bei ihren Überlegungen hinzufügen musste. Und Raharjo war durch den Kris gestorben, nicht durch die Hiebwaffe. Das musste von Bedeutung sein.


Es würde nicht einfach werden, und man würde ihr Steine in den Weg legen, sollte es hier irgendetwas geben, das gewisse Leute nicht gerne ausgegraben wussten. Tika lächelte grimmig. Das war genau das, was sie jetzt brauchte. Ihr eigenes Leben stagnierte bereits seit geraumer Zeit. Für ihre Eltern war sie mittlerweile eine persona non grata. Fast Mitte 30, und noch immer unverheiratet. Was konnte sie dafür, wenn keiner der Männer, mit denen ihre Mutter sie bisher bekannt gemacht hatte, damit zurechtkam, dass Tika nach ihren eigenen Regeln spielte? Und dass sie dabei auch noch verdammt gut in diesem Spiel war? Tika schnaubte. Heirat. Was war das schon. Eine völlig veraltete Institution. Genauso veraltet wie der Brauch, sich teure Vögel und Fische im Garten zu halten. Mit diesem letzten Gedankenfetzen in ihrem Kopf, drückte sie die Zigarette auf dem massiven Geländer der Veranda, die sich vor dem Hauseingang erstreckte, aus und schnippte den Stummel in das nächste Blumenbeet.


Als sie das Haus wieder betrat, meldete sich Chang über ihre Zweiwegeverbindung.


„Chief Inspector, es wurde bestätigt, dass sich die Tochter des Abgeordneten Raharjo nicht im Anwesen befindet“, teilte ihr Chang mit.


„Demnach lebt sie vermutlich noch“, stellte Tika fest. Ob man sie entführt hatte? Aber weshalb dann dieser Massenmord? Ein Lösegeld ließ sich auf diese Weise nicht mehr erpressen. Auch ein Unterdrucksetzen des Abgeordneten war demnach auszuschließen. Vielleicht ist sie über Nacht einfach nicht daheim gewesen, ermahnte sich Tika. Sie sollte die Sache nicht komplizierter denken, als sie es ohnehin schon war.


„AIPTU Chang, finden Sie heraus, wo die Tochter steckt. Lokalisieren Sie zuerst ihr Konek. Und besorgen Sie mir ihre Nummer.“


„Jawohl, Chief Inspector. Da ist noch etwas, Chief Inspector.“


Changs Tonfall gefiel ihr gar nicht. Er klang nach schlechten Nachrichten.


„Ich höre“, bedeutete sie ihm weiterzusprechen.


„Alle Sensoren und Kameras haben für die Tatzeit nichts aufgenommen“, fuhr er fort, und sie konnte es den Nuancen seiner Stimme entnehmen, dass er sich in der Position des Überbringers schlechter Nachrichten eindeutig unwohl fühlte. Fürchtest du etwa um deinen Kopf, AIPTU Chang? So wichtig bist du mir nicht, dachte sie.


„Wurden sie gehackt?“, hakte sie nach.


„Nein, Chief Inspector. Sie waren einfach nicht aktiv. Man hat sie zuvor abgestellt.“


„Das kann doch nicht ihr ernst sein, AIPTU“, fuhr sie ihn an. Natürlich war es nicht seine Schuld. Er berichtete ihr nur, was die Leute der Spurensicherung ihm mitteilten. Aber irgendwohin musste sie ihren Frust ja entladen. Und Chang hatte für ihren Geschmack einfach zu wenige gute Ideen. Sicherlich ein Resultat aus dieser verdammten Hörigkeit, die bei der POLRI herrschte. Eigenes Denken war gefährlich, denn damit konnte man natürlich irgendjemand Mächtigerem in der Hackordnung auf die Füße treten. Möglicherweise einen Korruptionsfall in der Behörde aufdecken, von denen es dort mindestens genauso viele gab wie zu bearbeitende Fälle.


Sie musste noch einmal einen Schritt zurück. Wenn alle Sinne des Anwesens mutmaßlich abgestellt worden waren, dann konnte das nur bedeuten, dass der Mörder entweder ein geheimer Gast des Abgeordneten gewesen war oder dass Raharjo in derselben Nacht noch einen anderen Gast hatte empfangen wollen, über den es keinerlei Aufzeichnungen geben sollte. Beide Szenarien waren sehr paranoid, aber nicht auszuschließen.


„Also gut. Dann besorgen Sie mir die Kameraaufzeichnungen und ID-Datenscans aus der Straße und dem Checkpoint in die Enklave“, wies sie ihn an. Das Anwesen war – wie vieler seiner Art – Teil einer Enklave, in der diejenigen wohnten, die sich diese Abgeschiedenheit leisten konnten. Um auf legalem Wege in die Enklave hineinzugelangen, musste man einen Checkpoint passieren. Allerdings machte es das verwinkelte Gassennetz des Sprawl unmöglich, alle möglichen Zugangswege auf diese Weise zu beschränken. Für Einzelpersonen gab es deshalb immer eine Möglichkeit, sich auch in diese Gebiete der Stadt zu begeben.


„Die Daten sind nicht verfügbar, Chief Inspector. Der dafür zuständige Sicherheitskonzern hat keine Freigabe erteilt“, teilte ihr Chang weiter mit. Seine Stimmung war nun sicher auf einem Tiefpunkt angekommen. Hätte sie Mitleid mit ihm empfunden, dann hätte sie ihm nun einige aufmunternde Worte zugesprochen. Ein Beschwören der Harmonie, die ihren Mitmenschen so wichtig war. Der Ansicht, dass alles seine Ordnung habe, jeder seinen Platz im Gefüge der Gesellschaft. Scheiß auf die Harmonie, sie wollte einfach nur diese Daten.


„Selbst für unsere Sicherheitseinstufung?“, wunderte sie sich, mehr an sich selbst gewandt, als an Chang. Die Freigabe für das Anwesen selbst hatten sie bei KerisCombat Inc. anstandslos erhalten. Aber immerhin war hier auch ein Massenmord geschehen. Das konnte auch ein Sicherheitskonzern nicht ignorieren.


Zeit, denen mal einen Besuch abzustatten. Sie brauchte diese Daten. Und sie brauchte sie schnell.


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