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Belletristik
Buch Leseprobe Tief wie das Meer, Josie Charles
Josie Charles

Tief wie das Meer


Liebesroman

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Kapitel 1

San Clemente, Kalifornien, 06. Juni 2016


»Tut mir leid, Miss. Näher fahre ich da nicht ran.«


Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass ich gemeint bin. Klar, außer dem Taxifahrer und mir ist auch niemand im Wagen.


»Entschuldigung?«, hake ich trotzdem nach.


»In die Straße da fahre ich nicht rein. Gucken Sie sich mal den Asphalt an. Da hat’s mir neulich fast den Unterboden verbeult. Typisch die Leute hier. Ihre Häuser können sie pflegen, aber die Straße lassen sie verkommen.«


Ich recke den Hals, um einen Blick durch die Frontscheibe werfen zu können. Dann erkenne ich, was er meint: La Ladera, die bewachte Wohnanlage, in der ich zukünftig leben werde, liegt hinter einem niedrigen Doppeltor, das die Gated Community vor unbefugten Autofahrern schützt. Die Straße jenseits dieser Tore ist uneben, an einigen Stellen aufgeworfen. Sie sieht aus, als sei sie in der Hitze geschmolzen und dann schlecht wieder zusammengeflickt worden. Aus grauer Knetmasse. Von einem wirklich untalentierten Kind.


»Aber ich habe drei große Koffer dabei, können Sie nicht vielleicht eine Ausnahme –«


Noch während ich rede, dreht sich der Fahrer in seinem Sitz schwerfällig zu mir um. Mit seinem dunklen Schnauzer, den dichten schwarzen Brauen und dem ausgeblichenen Hollister-Shirt sieht er aus wie die sommerliche Version von Saddam Hussein. Auch nicht viel freundlicher, wenn ich ehrlich bin.


»Zahlen Sie mir dann ein neues Taxi?«, unterbricht er mich. Dann schüttelt er den Kopf. »Tut mir leid, aber Ausnahmen mach ich keine. Sparen Sie sich eben das Trinkgeld, wenn Sie jetzt beleidigt sind, Lady.« Damit wendet er sich wieder ab und verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust.


Na toll, das ist ja ein super Start. Resigniert schnappe ich mir meine Handtasche, steige aus und stöckle auf meinen viel zu hohen Schuhen um den Wagen herum. Hilft der Typ mir jetzt noch nicht mal, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu wuchten? Tz. Wahrscheinlich hat er Angst, dass es ihm sonst auch noch die Schuhsohlen verbeult. Was für ein Blödmann. Ich öffne den Kofferraum des Kombis und hebe den ersten meiner weinroten Koffer ins Freie. Es ist der kleinste von allen und der ist schon tierisch schwer. Kein Wunder, schließlich mussten all meine Klamotten und Schuhe mit an die Westküste.


Der zweite Koffer ist so schwer, dass ich ihn kaum heben kann. Dennoch wuchte ich ihn irgendwie aus dem Kofferraum, doch dann knallt er mir viel zu fest auf den Asphalt und es passiert, was passieren muss: der Reißverschluss platzt und ein guter Teil meiner Kleidung verteilt sich über die Straße.


»Ach, verdammt!«, schimpfe ich und sehe mich schnell um. Wäre mir so etwas in New York passiert, wären die Menschen sofort aus allen Richtungen angerannt gekommen. Ein paar hätten gelacht, ein paar hätten ein Foto mit ihrem Smartphone geknipst und zwei oder drei hätten geholfen. Hier in San Clemente jedoch, der kleinen Stadt, in der La Ladera liegt, passiert nichts dergleichen. Die Bürgersteige sind leer und in den spanisch anmutenden Häuschen, die die Bürgersteige säumen, sind größtenteils die Jalousien heruntergelassen. Es ist früher Nachmittag und San Clemente schläft schon. Oder noch. Wer weiß, vielleicht schläft dieses Städtchen auch immer.


»Mist«, fluche ich und rufe dem Fahrer zu: »Würden Sie mir jetzt vielleicht helfen?« Dann gehe ich in die Hocke und beginne meine Nachthemden, Shirts und Shorts einzusammeln.


Als sich der unfreundliche Kerl, der mich vom Flughafen hergebracht hat, endlich bequemt auszusteigen, habe ich schon die Hälfte zurück in den Koffer gestopft.


Er steigt über meine Kleider hinweg und gibt sich wenig Mühe, nicht darauf zu treten, wobei er knurrt: »So was kann auch nur euch Frauen passieren!«


Oh, sicher. Ein Gepäckstück, das einem Mann gehört, wird von dessen bloßer Willenskraft zusammengehalten, und zwar ein Leben lang, darum kaufen sich Männer auch nie neue Koffer! Ich presse die Lippen zusammen, um nichts davon laut zu sagen, während der Fahrer meinen dritten Koffer auf dem Bürgersteig abstellt.


Dann baut er sich vor mir auf. »Ob Sie vielleicht schon mal zahlen könnten? Ich hab noch andere Fahrgäste.«


Ungläubig blicke ich zu ihm auf. »Können Sie nicht wenigstens warten, bis ich hier fertig bin?«


»Ich schon, aber meine Fahrgäste nicht. Die kommen am Flughafen aus dem Terminal und wollen, genau wie Sie, möglichst schnell nach San Clemente. Oder nach Dana Point. San Diego, L.A., suchen Sie sich was aus. Und die finden es gar nicht gut, wenn keine Taxis am Taxistand stehen, weil wir Taxifahrer damit beschäftigt sind, uns um Zeug zu kümmern, das nicht unser Job ist.«


»Schon gut, schon gut«, würge ich ihn ab, ehe er noch weiter ausholen kann. Ich zerre mein Portemonnaie aus meiner Handtasche und gebe ihm die 122 Dollar, die er von mir verlangt – plus Trinkgeld. Nur weil er unhöflich ist, werde ich es nicht ebenfalls sein.


»Danke«, murmelt der Fahrer und fügt ein kaum verständliches »Schönen Tag noch« hinzu, während er schon auf dem Weg zurück zu seinem Wagen ist.


Schnell klaube ich eines meiner Tops von der Straße, damit er beim Zurücksetzen nicht auch noch darüber fährt. Dann stopfe ich die Kleider zurück in den kaputten Koffer, setze mich darauf und ziehe mein Handy hervor. Es wird Zeit, Austin anzurufen. Er wird sich ziemlich wundern, wenn ich ihn bitte, mich am Eingang der Wohnanlage abzuholen, aber was bleibt mir anderes übrig?


Seufzend suche ich seine Nummer heraus. Was für ein toller Neubeginn.


Zehn Minuten später sitze ich immer noch auf meinem Koffer. Ungeduldig blicke ich die Straße hinunter. Wie groß ist denn dieses Wohngebiet, dass er so lange braucht? Mir wird das zu langweilig, also stehe ich auf und ziehe die beiden unversehrten Koffer schon mal am Tor vorbei. Links und rechts davon gibt es jeweils einen Fußweg, der nicht abgesperrt ist, somit weiß ich gar nicht, ob La Ladera als richtige Gated Community zählt. Mir ist es allerdings auch lieber, wenn man zumindest zu Fuß rein und raus kann, wie man will. Den Gedanken, so abgeschottet zu wohnen, fand ich von Anfang an komisch. Es wird schon eine Umgewöhnung, jedes Mal am Tor einen Code eingeben zu müssen, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Aber na ja, ich habe Austin gesagt, dass ich mich darauf einlasse, also versuche ich es auch.


Und als hätte er nur auf dieses innere Zugeständnis von mir gewartet, taucht er auch endlich auf: Sein neuer Wagen, ein SUV aus der gehobenen Mittelklasse, von dem er mir bereits ein paar Fotos geschickt hat, kommt gemächlich die gewundene Straße hinauf und bleibt vorn am Tor stehen.


Ich stelle den mittleren Koffer auf seiner Höhe ab und spüre, wie mein Herz ein bisschen schneller zu klopfen beginnt, als sich auf der anderen Seite die Fahrertür öffnet und ich durch die getönten Scheiben erkennen kann, wie Austin aussteigt. Unwillkürlich überzieht ein verlegenes Lächeln mein Gesicht. Es ist jedes Mal aufs Neue ein bisschen komisch, ihm zu begegnen. Natürlich erst, seit wir uns so selten sehen. Früher, als wir noch beide in New York lebten, war unsere Beziehung für uns beide Alltag. Heute fühlt sich jedes Treffen irgendwie nach Blind Date an.


»Wen haben wir denn da?«, fragt Austin, als er sein riesiges Auto endlich umrundet hat. »Sieh an, eine edle Dame in Nöten!« Breit lächelnd kommt er auf mich zu.


Er ist braun geworden, seit wir uns im März das letzte Mal gesehen haben, sein leicht gelocktes dunkles Haar ist etwas heller geworden. Das auf Figur geschnittene weiße Hemd hat er an den Ärmeln leger nach oben geschoben, dennoch macht er einen geschäftsmäßigen Eindruck.


»Hab ich dich aus der Arbeit gerissen?«, frage ich.


»Nichts Wichtiges, nur ein Skype-Termin mit der Firmenleitung.« Austin erreicht mich und bleibt für einen winzigen Moment einfach nur vor mir stehen. Doch dann, ehe die Distanz zwischen uns größer und somit unangenehm werden kann, zieht er mich in seine Arme und drückt mich so fest, als wolle er mich am liebsten zerquetschen. »Ich kann gar nicht fassen, dass du endlich hier bist!«, sagt er.


Ich erwidere seine Umarmung und mein Ärger über den unhöflichen Taxifahrer verfliegt. »Wie lange soll dieser Urlaub noch mal dauern?«, frage ich leise und spüre mehr als dass ich höre, wie Austin lacht.


»Den Rest unseres Lebens, Baby. Willkommen auf der Sonnenseite.« Damit entlässt er mich ein Stück aus seiner Umklammerung, aber nur so weit, dass er mich küssen kann.


Ich schließe die Augen und versuche, diesen Moment einfach nur zu genießen. Ein Jahr, nein, eigentlich sogar dreizehneinhalb Monate Fernbeziehung sind vorbei. Wir haben es geschafft, unsere Liebe während dieser Zeit über fast dreitausend Meilen Entfernung zu retten. Und jetzt steht unserer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege. Eigentlich, stelle ich fest, sollte dies der glücklichste Moment meines bisherigen Lebens sein.


»Wie war der Flug?«, fragt Austin und lehnt seine Stirn gegen meine.


»Lang«, gebe ich zu.


»Und die Fahrt? Hast du den Taxifahrer mit Absicht gegen dich aufgebracht oder ist er einfach nicht deinem Charme erlegen?«


»Oh, er ist mir total erlegen, ich wollte ihm nur nicht meine Nummer geben, da ist er ausgerastet.«


Austin lacht wieder, aber nur kurz, dann scheint er sich darum zu bemühen, ernst zu werden. »Also, bereit für den Einzug?«, fragt er feierlich.


Ich nicke und hoffe schlagartig, dass die Dinge, die ich bisher gesagt habe, nicht irgendwie die Stimmung versauen. Ich weiß auch nicht so richtig wie ich darauf komme, aber ich habe das Gefühl, dass Austin diese ganze Sache hier ganz anders angeht als ich. Ich freue mich natürlich riesig, ihn wiederzusehen und bei ihm zu sein. Ich bin gespannt auf das Haus und die Umgebung und darauf, wie er sich hier eingerichtet hat. Doch trotzdem fühle ich mich gerade irgendwie unpassend. Allein schon meine Kleidung: Austin trägt zu seinem Hemd Stoffhosen und polierte schwarze Schuhe sowie einen sehr teuer aussehenden Gürtel. Ich habe aufgekrempelte Jeans und einen dünnen schwarzen Oversize-Pullover an, darunter ein einfaches weißes Top. Als ich damit vor gefühlten 9000 Stunden in New York gestartet bin, kam ich mir gut angezogen vor. Jetzt sind die Sachen zerknittert und definitiv viel zu dick und irgendwie auch nicht schick genug. Dann mein kaputter Koffer und die Tatsache, dass auch ich ziemlich kaputt bin und mich am liebsten gleich aufs erstbeste Sofa werfen würde … Aber so, wie Austin gerade drauf ist, geht das ganz bestimmt nicht. Er ist verdammt stolz auf das, was er sich hier erarbeitet hat, und das ist ja auch verständlich.


Ich straffe also die Schultern und mache schnell meinen unordentlichen Zopf auf, während Austin meine Sachen in seinem Wagen verstaut. Dann, als er mir galant die Tür aufhält, steige ich ein und bin erst einmal froh, als mir die voll aufgedrehte Klimaanlage eiskalte Luft ins Gesicht bläst.


»Oh Mann, ist das gut!«


Austin klettert zurück auf seinen Platz und legt den Gang ein. »Gab es im Taxi keine Klimaanlage?«


»Doch, aber dafür hätte ich dem Fahrer meine Brüste zeigen müssen.«


Zack, schon wieder so ein Spruch. Ich beiße mir auf die Unterlippe und erwarte trotzdem irgendwie, dass Austin mir die Antwort gibt, die er mir normalerweise auf so einen Scherz geben würde.


Mit ein bisschen Mühe hättest du ihn sicher auf eine Brust runterhandeln können.


Doch er sagt nichts dergleichen. Er lacht wieder dieses kurze Lachen, das irgendwie neu an ihm ist (War es im März schon da? Oder Weihnachten, als wir uns zum vorletzten Mal gesehen haben? Ich bin mir nicht sicher.), dann kehrt sein festlicher Ernst zurück und er fährt los.


»Sieh dir die Gegend an, Em. Es ist traumhaft hier.«


Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster. Austin wendet den Wagen, es fühlt sich geschmeidig und kein bisschen ruckelig an. Wahrscheinlich fahren alle in dieser Gegend SUV. Vermutlich wird der Asphalt deswegen nicht erneuert. Mir fällt auf, dass kein einziger Wagen am Rand parkt, sodass ich freie Sicht auf sämtliche Grundstücke habe. Langsam lässt Austin das Auto die Straße hinabrollen, die sich in einem Bogen Richtung Ozean windet. La Ladera ist hangförmig angelegt, sodass man von jedem der Häuser hier einen atemberaubenden Blick auf den Pazifik haben muss. Auch im Inneren der Wohnanlage wirkt die Architektur vorwiegend spanisch. Die Dächer sind flach, die Gebäude weiß oder in Naturtönen gehalten, es gibt schmiedeeiserne Balkone und kleine Zinnen und Türmchen. Lediglich die amerikanischen Flaggen, die auf manchen der Dächer an Masten wehen, erinnern daran, dass wir in Kalifornien sind.


Kalifornien. Die Westküste. Was für eine Umstellung.


»Und?«, fragt Austin, nachdem zwei oder drei Minuten lang keiner von uns gesprochen hat. »Gefällt es dir?«


»Es ist toll.« Ich lächle zu ihm herüber. »Was heißt eigentlich La Ladera


Austin sieht mich an. »Hey, du wolltest doch einen Spanischkurs belegen.«


»Hab’s nicht geschafft.« Ich verziehe das Gesicht. Eigentlich hatte ich erwartet, dass das Thema erst später zur Sprache kommen würde, aber so soll es mir auch recht sein – je schneller ich mir mein Versäumnis vom Gewissen reden kann, desto besser.


Austin nickt langsam und gibt sich sichtlich Mühe, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Okay, nicht schlimm. Das kannst du ja nachholen.«


»Werd ich sicher.« Ich lächle und streichle ihm über den Oberarm.


»Ladera heißt Abhang«, erwidert Austin. Er scheint sich nun auch ein bisschen zu entspannen, rutscht auf seinem Sitz in eine bequemere Position und legt seine Hand auf mein Knie. »Und clemente bedeutet mild.«


»Und was heißt heiß?«, frage ich.


»Caliente


»Tja, dann wird es wohl Zeit, diesen Ort umzubenennen.« Ich setze mich ein Stück auf und ziehe den Pullover aus. Das Top klebt feucht an meinem Rücken. Es ist wirklich verdammt warm hier. Nicht, dass New York im Sommer nicht auch heiß wäre, aber wir hatten bisher ein kühles Frühjahr, sodass dieses Wetter hier eine echt plötzliche Umstellung bedeutet.


Austin räuspert sich. »Schatz?«


Ich sehe ihn an.


»Meinst du, es wäre möglich, dass du solche Shirts …«


Er spricht nicht weiter. Das ist so eine alte Angewohnheit von ihm. Wann immer ihm etwas unangenehm ist, redet er nur in Halbsätzen. Meist weiß ich sowieso, worauf er hinaus will. Heute nicht.


»Ja?«, frage ich deshalb nach.


»Na ja, dass du sie nicht so oft anziehst, wenn wir theoretisch Nachbarn begegnen könnten?«


Ich runzle die Stirn. Theoretisch könnten wir immer Nachbarn von uns begegnen, oder nicht? Hier in La Ladera, in der Stadt, am Strand …


»Was ist denn mit meinem Shirt?«, frage ich.


»Na ja, das passt hier nicht ganz her und ich … Du weißt schon. Ich will nicht, dass die Leute reden.«


Ich sehe an mir herunter. Auf der weißen Baumwolle meines Oberteils stehen in dicken schwarzen Lettern zwei Sätze: Brains are awesome. I wish everybody had one.


Das Shirt habe ich von meiner besten Freundin geschenkt bekommen. Brianna stammt wie ich aus einer irischen Familie und weiß, wie es ist, wenn man sich mindestens zu den Feiertagen, in der Regel aber öfter, mit Menschen herumschlagen muss, die mehr Whiskey intus haben, als gut für sie ist. Sie weiß, wie es ist, wenn diese Menschen, die man eigentlich sehr gernhat, plötzlich Dinge von sich geben, für die man ihnen am liebsten links und rechts je eine Bratpfanne vor den Schädel knallen würde. Für solche Gelegenheiten hat sie mir dieses Oberteil geschenkt, und ich verbinde damit schöne Erinnerungen an eine ganze Menge fröhlicher irischer Weihnachtsfeste. Und St.Patrick’s-Day-Feiern. Und Sommerbarbecues und Thanksgiving-Feste, denn meine Eltern nehmen, wenn es ums Feiern geht, natürlich auch jede amerikanischstämmige Gelegenheit mit. Natürlich war ich bis jetzt immer dabei, wenn der Grill rausgeholt oder ein Fass Guinness ins Haus gerollt wurde, aber von jetzt an lebe ich auf der anderen Seite des Landes, also sind mir meine Erinnerungen wichtiger denn je.


»Was ist denn verkehrt an dem Shirt?«, frage ich.


»Es ist ein bisschen unseriös.«


Ich muss grinsen. »Unseriös. Ich dachte, die Menschen in Kalifornien wären so entspannt.«


»Nun, das sind sie auch, aber … mit Niveau.«


Mit Niveau? Ein wenig ungläubig blicke ich ihn an. »Dann findest du meine Sachen niveaulos.«


»Em, bitte, kannst du mir nicht einfach den Gefallen tun?«


Schlagartig tut es mir irgendwie leid, dass ich diese Diskussion begonnen habe, denn Austin wirkt irgendwie ganz schön erschöpft. Klar ist er erschöpft. Sicher hat er die letzten Tage damit verbracht, das Haus perfekt herzurichten, und das neben der Arbeit. Sicher ist er im Grunde nicht weniger nervös als ich, was die neue Situation angeht, und ich sollte ihm nicht gleich Ärger machen.


Die Sache mit dem Shirt – und meinen anderen niveaulosen Sachen – können wir ja auch später noch besprechen.


»Also schön«, gebe ich mich Austin zuliebe fürs Erste geschlagen und ziehe meinen Pulli wieder über. Und kurz darauf sind wir dann auch da.


»So, das ist es.« Austin steuert den Wagen in eine Zufahrt.


Ich starre das Haus an, das gleich dahinter liegt und stelle fest, dass er mir auf seinen Fotos und bei seiner Beschreibung eine winzige Kleinigkeit verschwiegen hat. »Oz, das liegt ja direkt am Meer!«


Austin lächelt zu mir herüber. »Na ja, zwischen unserer Terrasse und dem Strand liegen noch die Amtrak-Schienen und ein Fußweg, aber …«


Ungläubig sehe ich zu ihm herüber. »Du hast ein Haus direkt am Strand gekauft?«


Sein Lächeln wird noch breiter. »Ich habe dir doch gesagt, dass es etwas Besonderes ist.«


Ich lache fassungslos. »Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrtausends!«


Austin beugt sich zu mir herüber und drückt mir einen Kuss auf die Lippen. »Willkommen zu Hause, Schatz.«


»Danke, Ozzie.« Ich gebe ihm ebenfalls einen Kuss, dann sehe ich zu, wie er aussteigt und um den Wagen herumkommt. Wieder verhält er sich absolut galant, öffnet mir die Tür und hilft mir sogar beim Aussteigen. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen Höflichkeit hätte, aber seine förmliche Art irritiert mich. Es fühlt sich an, als hätte er eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie dieser Tag, diese Begegnung ablaufen soll, als würde er einem Drehbuch folgen und da ich selbst dieses Drehbuch nicht kenne, fällt es mir natürlich schwer, mich entsprechend zu verhalten.


Also beschließe ich erneut, einfach … zurückhaltend zu sein. Ihn seine Show machen zu lassen. Ist ja eigentlich süß.


»Also, dort drüben in der Garage ist Platz für zwei Autos«, sagt Austin, während er mich über einen schmalen Plattenweg in Richtung Haustür führt. »Wenn du willst, fahren wir nächste Woche rüber nach Anaheim, dann kannst du dir einen hübschen Kleinwagen aussuchen.«


»Ich weiß noch nicht, ob ich mir wieder ein Auto kaufe. Erst mal sehen, wie das hier mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist. Und im Ausnahmefall kann ich doch deinen Wagen nehmen.«


Austin wiegt den Kopf hin und her. »Ich bin viel unterwegs und hier gibt es keine U-Bahn. Außerdem sollst du dir den Wagen doch gar nicht selbst kaufen. Ich kauf ihn dir.«


Ähm … Wie ich jetzt zu der Ehre komme, verstehe ich nicht ganz. Bis vorgestern hatte ich in NYC noch einen Job, ich war die persönliche Assistentin eines Großhoteliers und habe zwar kein Vermögen verdient, aber auch alles andere als schlecht. Doch ich beschließe einfach mal, Austin nicht direkt darauf hinzuweisen. Vielleicht ist diese Großzügigkeit Teil der Show?


»Wir besprechen das noch«, sage ich und drücke seine Hand.


Dann erreichen wir die Tür und ich nutze die Gelegenheit, mir das Haus noch mal anzusehen, doch von dieser Seite betrachtet verrät es nicht viel. Es ist weiß und zweistöckig, eher breit als hoch angelegt, und es gibt überhaupt keine Fenster. Klar, die liegen sicher alle auf der anderen Seite. Zum Ozean hin.


»Möchtest du reingehen?«, fragt Austin.


Ich nicke. »Kann es kaum erwarten.«


Er lächelt und haucht mir einen Kuss auf die Wange, dann dreht er den Türknauf und weist ins Innere des Gebäudes: »Nach dir.«


Ich trete ein. Wie im Auto empfängt mich auch hier sofort angenehm kühle Luft. Bisher waren meine Wohnungen immer so klein, dass es keinen Flur gab und auch Moms und Dads Haus in Queens ist so aufgebaut, dass man beim Eintreten gleich ins Wohnzimmer kommt; hier hingegen gibt es eine Diele. Der Boden ist hell und marmorn, in Nischen an den Wänden hängen Lampen, die von der Form her Fackeln nachempfunden sind.


»Ein bisschen kitschig«, sagt Austin, als er meinen Blick bemerkt, »aber dafür ist das Wohnzimmer der Wahnsinn.«


Ich finde, dass auch schon die Diele der Wahnsinn ist. Die Treppe, die auf der rechten Seite nach oben führt, besteht ebenfalls aus glänzend poliertem Marmor, an den Wänden entlang der Stufen hängen hochkontrastige Schwarz-Weiß-Fotografien von kalifornischen Landschaften. Palmen, Hügel, einsame Landstraßen und immer wieder der Ozean. Die Bilder sind geschmackvoll und wunderschön.


»Hast du die ausgesucht?«, frage ich und deute auf die Kunstwerke.


»Nein, du kennst mich doch.«


»Wer dann?« Langsam gehe ich weiter.


»Peggy, meine Sekretärin. Sie hat ein Händchen für so was.«


Innerhalb von nur einem Jahr hat sich Austin in seiner Firma so weit nach oben gearbeitet, dass er eine eigene Sekretärin und ein Haus am Meer hat. Kein Wunder, dass er so stolz ist.


»Es ist wirklich schön hier«, sage ich bekräftigend, dann betrete ich das Wohnzimmer und mir wird augenblicklich klar, dass wirklich schön nicht einmal ansatzweise der richtige Begriff für die Pracht ist, in der wir jetzt leben.


Fenster gibt es hier anders als gedacht auch nicht – stattdessen besteht einfach die ganze vordere Wand aus Glas. Davor liegt eine breite Terrasse, von der aus gleich zwei Treppen runter an den Strand führen. Und damit nichts, wirklich gar nichts den Blick auf die perfekte Aussicht versperrt, besteht die Brüstung der Terrasse ebenfalls aus Glas.


»Wow«, sage ich.


Austin tritt neben mich. »Warte, bis du den Sonnenuntergang siehst.«


Ich lache ungläubig. »Das gehört doch nicht wirklich dir, oder?«


»Uns, Baby. Es gehört uns.« Er deutet nach rechts. »Für die kalten Tage.«


Ich folge seinem Blick und entdecke einen Kamin, eingelassen in schwarzen Marmor. Davor befindet sich eine Sitzgruppe aus ebenfalls schwarzen Ledermöbeln. Zuerst denke ich, dass es keinen Fernseher gibt. Dann nehme ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr und sehe herüber zu Austin. Er drückt einen Knopf auf einer Fernbedienung. Im nächsten Moment fährt aus dem Boden ganz langsam ein großer Flachbildschirm vor den Kamin.


»Das Heimkino«, sagt Oz.


Ich lache ungläubig.


»Es geht eben nur Kamin oder TV, mehr war leider nicht drin.« Gespielt entschuldigend verzieht Austin das Gesicht.


Ich boxe ihm locker vor die Schulter. »Du Quatschkopf.« Damit wende ich mich der anderen Seite des Raumes zu. Dort gibt es eine große Essecke mit Glastisch und einem kunstvollen Kronleuchter. Und dann einen breiten Durchgang in die Küche.


»Dorthin als Nächstes?«, frage ich Austin.


Er nickt, legt mir den Arm um die Taille und nimmt mich mit sich. »Dort wartet auch eine kleine Überraschung.«


Ich lasse mich von ihm in die riesige Wohnküche führen, die ebenfalls über eine Glasfront verfügt, dazu über eine Küchentheke, an der man sitzen und beim Frühstück auf den Ozean blicken kann. Dort stehen zwei Gläser mit Erdbeeren am Rand sowie eine ungeöffnete Flasche Champagner.


»Oh, wow.« Champagner habe ich bisher nur auf Empfängen getrunken, zu denen ich meinen Chef begleitet habe. Wenn Austin und ich früher etwas zu feiern hatten, gab es gewöhnlichen Sekt oder Wein, manchmal eine Flasche Cidre aus dem kleinen französischen Supermarkt an der Ecke.


Austin legt von hinten die Arme um mich und schiebt mich dicht an die Theke heran, sodass er nach der Flasche greifen kann. »Ich dachte, heute ist das Beste gerade gut genug.«


Ich lächle und lehne mich an ihn, während er die Flasche öffnet und den Korken festhält, als der Druck entweicht, damit der Champagner nicht durch den ganzen Raum spritzt. Dann gießt er uns beiden etwas ein und ich warte geduldig, wobei ich raus auf den Strand schaue. Der Ausblick ist wirklich atemberaubend. Ich überlege, was auf der anderen Seite dieses Ozeans liegt. Wenn ich ihn überqueren würde, wo käme ich dann aus? Zuerst müsste ich vorbei an Santa Catalina, einer kleinen Insel nicht weit von hier. Dann an Hawaii. Und dann würde ich glaube ich irgendwann Asien erreichen. Japan, China, Thailand …


Ich schweife ab. Aber das merke ich erst, als mir Austin ein Glas hinhält.


»Cheers, Baby. Auf die Zukunft.«


Ich nehme es ihm ab und drehe mich zu ihm um, um mit ihm anzustoßen. »Auf die Zukunft«, wiederhole ich, dann trinke ich einen Schluck und bin froh, als der Alkohol endlich auch mich ein bisschen ruhiger werden lässt. Ich trinke noch einen Schluck, was Oz mit einem amüsierten Blick quittiert.


»Noch was?«, fragt er.


Ich sehe in mein Glas und stelle fest, dass es leer ist.


Er hat an seinem gerade einmal genippt.


»Später vielleicht.« Ich lächle schief.


»Dann zeige ich dir jetzt die obere Etage.«


»Kann’s kaum erwarten.«


Er greift nach meiner Hand und ich kann gerade noch das Glas wegstellen, ehe er mich mit sich zieht. Es geht zurück in die Diele, dann über die Marmortreppe nach oben. Mir ist ein bisschen schummrig, was vielleicht daran liegt, dass ich den ganzen Flug über nichts gegessen habe. Fliegen war noch nie mein Ding, weshalb ich Austin bisher auch nur einmal in Kalifornien besucht habe. Das war letzten Spätsommer, damals hat er noch in einer Wohnung Downtown Long Beach gewohnt, wo sich auch der Sitz der Firma befindet, für die er tätig ist. Die Wohnung war auch schon schön, aber nicht zu vergleichen mit dieser Bleibe hier.


Wir erreichen eine kleine Galerie, von der drei offen stehende Türen abzweigen und schon beim ersten Blick kann ich erkennen, dass auch die Räume dahinter alle über riesige Fensterfronten verfügen. Die Rückseite des Hauses scheint einfach komplett verglast zu sein. Rechts liegt das Schlafzimmer, vor mir ein wirklich großes Bad mit Whirlwanne und links – ich bin ein bisschen verblüfft, als ich erkenne, dass der Raum dort so gut wie leer ist. Es gibt nur einen schlichten Schreibtisch mit einem Laptop darauf, aber sonst nichts. Keine Kunst an den Wänden, keine Schränke oder Kommoden.


»Ganz schön spartanisch, dein Arbeitszimmer.«


Austin legt den Arm um meine Taille. »Ich habe es erstmal so gelassen, weil ich mir nicht sicher war, wofür wir den Raum verwenden wollen.«


Fragend sehe ich ihn an.


Er hebt die Schultern. »Na ja. Könnte doch sein, dass wir in naher Zukunft mal ein Kinderzimmer brauchen.«


Öhm … das kommt jetzt unerwartet. Ich bin 26. Klar, da bekommen viele Frauen schon Kinder oder haben längst welche, aber Oz und ich starten doch gerade in eine völlig neue Lebenssituation. Da wäre es etwas überstürzt, gleich eine Familie zu gründen.


Diesmal bin ich diejenige, die nicht anders kann als verlegen zu lachen. »Ozzie, glaub mir, fürs Erste kannst du dich dort mit deinem Arbeitskram ausbreiten.«


»Hm, abwarten«, sagt er und zieht mich, den Arm immer noch um meine Taille gelegt, an sich. »Manchmal geht alles ganz schnell.«


Ja, aber nicht, wenn man wie ich die Pille nimmt, bin ich versucht zu sagen. Doch ich verkneife es mir. Stattdessen lächle ich nur und warte darauf, dass Austin mir die verbleibenden Räume zeigt.


»Bad oder Schlafzimmer?«, fragt er leise. Er mustert mich von oben bis unten und ich weiß, dass ihm das Schlafzimmer lieber wäre. Ich bin mit ihm zusammen, seit ich 21 war und kenne diesen Blick. Ach, zur Hölle hätte er früher gesagt, mich über seine Schulter geworfen und einfach in sein Bett geschleppt.


Aber so ist er irgendwie nicht mehr, oder zumindest ist er es heute nicht. Wieder ertappe ich mich dabei, wie ich darüber nachdenke, wann und wie diese Veränderung an ihm eingesetzt hat. Doch ich komme nicht darauf, denn so sehr wie heute ist sie mir noch nie aufgefallen.


Das ist nur die Nervosität, sage ich mir erneut und beschließe, ihm den Gefallen zu tun, selbst die Initiative zu ergreifen.


»Schlafzimmer«, sage ich leise.


Austin lächelt wieder. Dann gibt er mir einen kurzen Kuss, dreht mich an den Hüften herum und schiebt mich vor sich her in einen Raum, der fast vollständig aus einem riesigen, schwarz-weiß bezogenen Bett besteht.


»Die Scheiben sind verspiegelt«, sagt er leise. Dann lässt er seine Hände an meinen Seiten hinaufgleiten, um mir den Pullover auszuziehen. Ich lasse ihn gewähren und blitzschnell bin ich auch das unliebsame Shirt los. Ich revanchiere mich, indem ich Austins Hemd aufknöpfe. Noch während ich es aus seiner Hose zerre, um an die unteren Knöpfe heranzukommen, drückt er seine Lippen auf meine und küsst mich. Dann macht er sich am Knopf meiner Jeans zu schaffen und es ist klar, wo die Reise hingeht. Ich schließe die Augen, lasse mich von ihm in Richtung Bett drängen und sage mir immer und immer wieder, dass ich den Augenblick einfach nur genießen muss.


Es ist Abend geworden, aber draußen ist es immer noch hell. Die Sonne steht tief und glühend orange über dem Meer, das um dieses Tageszeit beinahe purpurfarben anmutet. Ich sehe nach draußen und streichle durch Austins Haar, während er meine bloße Schulter mit Küssen bedeckt.


»Ich hab dir doch gesagt, dass es ein toller Anblick ist«, sagt er leise.


»Du hattest Recht.«


Noch ein Kuss, diesmal auf mein Schlüsselbein. »Was hältst du davon, wenn ich uns eine Kleinigkeit zu essen bestelle, und dann setzen wir uns auf die Terrasse und genießen den Sonnenuntergang von dort?«


»Du musst nichts bestellen«, erwidere ich und sehe ihn an. »Ich kann uns was machen.«


Austin grinst leicht. »Das ist lieb, Schatz, aber ich habe überhaupt nichts Kochbares im Haus. Nur Champagner, Erdbeeren und ein paar Pop Tarts.«


Oh. Ich frage mich, wie er hier lebt. Geht er jeden Tag essen oder bestellt sich was?


»Wir könnten schnell was einkaufen.«


»In La Ladera gibt es keine Geschäfte, Em.«


Verblüfft sehe ich ihn an.


»Das hier ist ein reines Wohnviertel.«


Oh Mann. So was kenne ich aus New York gar nicht. Dort findet sich in jedem Block mindestens ein Supermarkt, auch wenn er vielleicht winzig klein ist und nur das Nötigste hat.


»Wir müssten also in den Wagen steigen und ein Stück Richtung Zentrum fahren, und dann …«


»Schon gut, bestellen wir was.«


Austin drückt mir noch einen Kuss auf die Haut, dann steht er auf. Ich blicke ihm hinterher. Dafür, dass er in Kalifornien wohnt, ist er, abgesehen von Gesicht und Unterarmen, noch ziemlich blass. Vermutlich kommt er kaum an den Strand, weil er zu viel arbeitet. Zum Sport scheint er es jedoch zu schaffen. Er ist nicht übermäßig muskulös, das war er noch nie. Oz ist groß und schlank, hat die Figur eines Leichtathleten. Nur an seinen Oberarmen und an der Brust zeichnen sich deutliche Muskeln ab, die davon stammen, dass er sich regelmäßig an der Rudermaschine abrackert.


»Gibt es hier gar nichts?«, frage ich. »Also auch kein Fitnessstudio? Restaurants? Bars?«


»Nein, nichts. Wer was erleben will, verlässt die Community. Das ist ganz angenehm so. Wenn man nach der Arbeit seine Ruhe will.«


»Verstehe.«


Während er sich etwas überzieht, stehe ich ebenfalls auf und trete an die Scheibe, wobei ich mir die dünne Bettdecke locker um den Körper schlinge. Unter uns fährt gerade ein kurzer Zug über die Schienen, der so klein ist, dass er mehr nach einem Linienbus aussieht. Ich war verblüfft, als Oz mir erzählt hat, dass es eine Amtrak-Linie gibt, die hier direkt am Strand entlang verläuft. Stören tut mich das nicht. Ich habe Straßen und Schienen schon immer gemocht.


Gleich neben der Bahnstrecke verläuft ein schmaler Wanderpfad, der um diese Zeit jedoch menschenleer ist. Zumindest am Strand sind aber ein paar Menschen: Eltern mit ihren Kindern und einem Golden Retriever, der ausgelassen durch den Sand tollt.


»Was hältst du von einem Hund?«, frage ich.


Ich höre, dass Austin in der Bewegung innehält, denn der Stoff seiner Kleidung hört urplötzlich auf zu rascheln. »Ein Hund?«, fragt er nach.


»Ja. Wir hätten hier doch Platz. Und einen Strand, also …«


»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich Zeit dafür habe. Aber wenn du einen Hund möchtest … Wir könnten ihm eine Hütte in den Vorgarten stellen.«


»Oder er könnte einfach mit uns in dieser monströsen Villa leben.«


Kurzes Schweigen von Austin, dann kommt er näher, tritt hinter mich und küsst meinen Nacken. »Wir überlegen uns das«, sagt er. »Hättest du gerne Pasta?«


Ich runzle die Stirn, weiß aber selbst nicht so genau, was mich jetzt schon wieder stört. »Ja, Pasta ist toll.«


»Gut.« Noch ein Kuss, dann geht Austin aus dem Zimmer.


Ich bleibe am Fenster stehen und frage mich, warum sich dieser Tag so komisch anfühlt. So nach Seifenoper. Wieso kann er nicht der alte Austin sein, der zwar immer ein kleines bisschen versnobt war, weil seine Eltern nun mal reich sind und ihn von einer Eliteschule auf die andere geschickt haben, der aber trotzdem spontan sein und Spaß haben und sich einfach … echt verhalten konnte?


Kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, packt mich das schlechte Gewissen. Mein Gott, was stelle ich mich denn so an? Er bemüht sich wirklich, er hat eine Menge Stress und bereitet mir trotzdem so einen schönen Empfang. Ein paar Tage Eingewöhnungszeit, dann wird zwischen uns auch wieder alles beim Alten sein!


Ich beschließe, mich einfach auf das Ganze einzulassen, dann wende ich meine Aufmerksamkeit wieder der Familie unten am Strand zu. Die Kinder scheinen schon Teenager zu sein, sie sind beide mit ihren Handys beschäftigt. Die Eltern gehen Hand in Hand, der Mann wirft dem Hund einen Ball. Der Retriever, der sich gerade im Sand wälzt, springt mit einem fröhlichen Bellen auf und hechtet hinterher. Ich sehe ihm nach, wobei mein Blick auf das Nachbarhaus zu unserer Linken fällt. Es ist nicht ganz so modern wie dieses hier, besteht aus hellem Holz anstatt aus Stein und sieht etwas amerikanischer aus. Der dem Strand zugewandte Teil steht auf Stelzen, sodass es unter der Terrasse, die wie bei uns im ersten Stock liegt, einen großen schattigen Bereich gibt. Die Terrasse wiederum ist ziemlich groß und erinnert mich an den Loungebereich einer gemütlichen Strandbar. Ich sehe nach rechts. Das Haus dort sieht ähnlich aus wie unseres, nur dass es hellorange ist, nicht weiß.


Welches davon wohl Jesse Caine gehört?


Von ihm hat mir Oz gleich nach seinem Einzug vor ein paar Wochen erzählt. Er soll Millionär sein und hier in La Ladera, gleich neben unserem, soll sich sein Sommerhaus befinden. Eines der Argumente, das Austin angebracht hat, um mich vom Umzug zu überzeugen war, dass Caine angeblich eine neue Assistentin sucht. Austins Sekretärin hat ihm erzählt, dass eine Freundin von ihr gerade aufgehört hat, für ihn zu arbeiten.


Du kannst dich bei dem Typen bewerben und hättest es dann viel näher zur Arbeit als in New York!


Er hat einige Argumente auf den Tisch gelegt, um mich zum Herkommen zu bewegen. Der eigentliche Plan war, dass er ein Jahr in der Zentrale seiner Firma arbeitet, einem Unternehmen, das, wie Oz es nennt, Aktiengeschäfte für faule Anleger regelt, und dann in die Zweigstelle an der Ostküste versetzt wird. Die wäre in New Jersey gewesen, aber von dort nach New York ist es ja nicht weit, sodass wir in unserer Heimatstadt hätten bleiben können. Doch dann bekam er das Angebot, hier eine ganze Abteilung zu leiten, was ihm schlagartig ein nahezu verdreifachtes Gehalt einbringen sollte. Er wäre ein Idiot, hätte er das Angebot ausgeschlagen. Und ich hätte nicht die Verantwortung tragen wollen, ihn dazu überredet zu haben, auch wenn ich eigentlich nicht weg aus New York wollte. Aber na ja, was beschwere ich mich? Es ist wunderschön hier.


»Die Pasta ist unterwegs.«


Schnell drehe ich mich um. Ich habe gar nicht gehört, dass Austin wieder hereingekommen ist. Er hat sein Hemd an, aber es ist offen. Er sieht glücklich aus und hat in der einen Hand zwei Gläser, in der anderen die angebrochene Flasche Champagner.


»Und während wir aufs Essen warten, geben wir uns die Kante?«, frage ich.


»Du bist unverbesserlich.« Schmunzelnd stellt Oz die Gläser auf einem der Nachttische ab und gießt uns beiden ein.


»Soll ich mein niveauloses T-Shirt wieder anziehen oder kaufst du mir die Alkoholikerin auch so ab?«


»Du sollst …« Austin kommt mit den gefüllten Gläsern auf mich zu. »… gar nichts anziehen.«


Ich seufze theatralisch, dann lasse ich die Decke fallen.


»Schon besser.« Austin hält mir eines der Gläser hin. Kaum habe ich es ihm aus der Hand genommen, suchen seine Lippen schon wieder meine, ich spüre, wie er mich an sich zieht und wie in seiner offenen Hose etwas anzuschwellen beginnt.


Okay, er muss mich wirklich vermisst haben.


Ich trinke schnell einen Schluck, dann lasse ich mich von ihm zurück aufs Bett schieben. Und während wir zum zweiten Mal an diesem Tag miteinander schlafen, sinkt über dem Ozean die Sonne tiefer und hüllt das Schlafzimmer in ein unwirklich rotes Leuchten, das ich so noch nie gesehen habe.


Ich schaue an die Decke, vom Champagner ist mir schwindelig. Ich halte mich an Austins Rücken fest, spüre seinen Bewegungen nach und rufe mir ein weiteres Mal vor Augen, dass das hier Tag 1 unserer gemeinsamen Zukunft ist.




Kapitel 2

Der nächste Morgen beginnt früh, denn ich stehe mit Austin auf. Während er duscht, mache ich Kaffee und werfe zumindest ein paar Pop Tarts in den Toaster. Wenn er nachher weg ist, werde ich zusehen, dass ich irgendwo etwas einkaufe, damit ich morgen ein anständiges Frühstück machen kann. Irgendwie fühle ich mich in seiner Schuld und ziemlich nutzlos komme ich mir auch vor, weil er gleich arbeiten geht und ich, seit ich vorgestern meinen letzten Tag hatte, arbeitslos bin. Aber mit ein bisschen Glück wird sich schon heute etwas daran ändern. Oz erzähle ich allerdings nichts von meinem Vorhaben. Lieber berichte ich ihm die guten Neuigkeiten heute Abend. Bei einem schönen Essen. Diesmal selbstgekocht. Sofern überhaupt alles so läuft, wie ich es mir vorstelle.


Ich warte mit dem Frühstück am Küchentresen auf ihn und sehe fasziniert zu, wie sich über dem Ozean die letzten dunklen Wolken der Nacht verziehen. Durch die dicken Fensterscheiben hört man das Meer nicht rauschen, aber ich habe im Wohnzimmer die Terrassentür geöffnet, sodass deutlich vernehmbar ist, wie die Wellen an den Strand branden.


»Oh, du warst ja schon fleißig.«


Ich drehe mich nach Austin um. Er steht in der Küchentür und bindet sich gerade die Krawatte. Im Prinzip trägt er dasselbe wie gestern: schwarze Hose, weißes Hemd, polierte Schuhe. Scheint seine Berufsuniform zu sein.


»Ein Würfel Zucker und ein Schuss Milch.« Ich schiebe ihm seine Kaffeetasse herüber.


»Eigentlich benutze ich mittlerweile Stevia. Aber das konntest du nicht wissen.« Er lächelt, kommt zu mir herüber und greift nach seiner Tasse.


»Stevia.« Ich nicke langsam und nehme ebenfalls meine Tasse vom Tresen.


»Ist viel gesünder als Zucker und hat praktisch keine Kalorien.« Er runzelt die Stirn. »Wo hast du überhaupt Zucker gefunden?«


Ich zucke mit den Schultern. »Den habe ich mitgebracht. Weil du nie welchen hast.«


Austin lächelt nachsichtig und zieht mich in seinen Arm. »Wie habe ich das letzte Jahr nur ohne dich überlebt, Em?«


»Mit Stevia«, erwidere ich und trinke einen Schluck.


Austin küsst mich auf die Stirn, dann trinkt er auch einen großen Schluck und löst sich von mir. »So, ich muss los.«


»Willst du nichts essen?«


»Oh, ich esse unterwegs einen Apfel. Die Pop Tarts hab ich für dich besorgt.«


»… Das ist lieb, danke.«


Austin setzt einen entschuldigenden Blick auf. »Nachher füllen wir den Kühlschrank mit ein paar anständigen Sachen. Ich hab nur –«


»Hey.« Ich rücke seine Krawatte gerade. »Mach dir bitte keine Gedanken, es ist alles perfekt.«


»Wirklich?«


Ich nicke. »Jetzt geh schon, sonst kommst du zu spät. Dann werfen sie dich raus und wir müssen unter der Brücke schlafen.«


»Du bist süß.« Austin drückt mir einen Abschiedskuss auf die Lippen, dann wendet er sich ab und nimmt sich einen strahlend roten Apfel aus einer Schale, die auf einer der Arbeitsplatten steht. Es sind noch mehr rote Äpfel darin, drei Stück, um genau zu sein. Einer für Mittwoch, einer für Donnerstag, einer für Freitag. Austins Alltag ist offenbar ziemlich gut strukturiert.


»Bis heute Abend!«, rufe ich ihm nach und dann, als die Tür ins Schloss gefallen ist, wende ich mich wieder der Aussicht zu. Ich nippe an meinem Kaffee, ziehe mir den Teller mit dem süßen Gebäck heran und frühstücke. Draußen lassen die ersten Sonnenstrahlen die schäumenden Pazifikwellen weiß erstrahlen. Gedankenverloren blicke ich aufs Wasser, während ich die klebrig-süße Keksmasse mit noch mehr Kaffee herunterspüle.


Schade, dass Austin so schnell weg musste. Gern hätte ich noch eine paar Minuten mit ihm hier gesessen und geredet. Es ist nicht so, dass wir während der Phasen unserer Trennung keinen Kontakt gehabt hätten, wir haben regelmäßig telefoniert und uns per WhatsApp geschrieben. Aber so persönlich ist natürlich alles ganz anders und ich habe das Gefühl, dass wir gemeinsame Zeit jetzt gerade gut gebrauchen könnten, um uns wieder aneinander zu gewöhnen.


Dann könnte ich Oz auch daran erinnern, dass ich gar keine Erdbeer-Pop-Tarts mag.


Ich schiebe den Teller von mir, leere meinen Kaffee und will schon aufstehen, um ins Bad zu gehen, als mir plötzlich der Surfer auffällt.


Er steht mit seinem Brett ganz vorn am Wasser, nicht viel mehr als eine Silhouette im Morgenlicht. Wie es aussieht, trägt er nur Badeshorts, sein nackter Oberkörper bildet ein perfektes V: breite Schultern, ein muskulöses Kreuz, schmale Hüften. Regungslos steht er da und blickt hinaus auf die Wellen, und dabei strahlt er etwas aus, das mich sogar hier hinter meiner dicken Glaswand erreicht. Eine tiefe Zuversicht, gepaart mit Abenteuerlust, die in mir sofort das Verlangen weckt, mich selbst in die Fluten zu stürzen. Zwar bin ich noch nie gesurft, aber im Schwimmen war ich immer ganz gut. Ich könnte ja mal den Pazifik testen, bevor ich so richtig in den Tag starte …


Nachdenklich greife ich nach meinem Handy und schaue nach, wie die Wassertemperatur heute ist. Ich habe gehört, dass das Meer trotz der heißen kalifornischen Sommer paradoxerweise meist eher kühl ist und die Website, auf der ich stündlich aktualisierte Angaben finde, bestätigt meinen Verdacht: gerade mal 18 Grad. Brrr, nein danke.


Ich lege das Telefon weg, sehe wieder zum Strand und stelle überrascht fest, dass der Surfer nicht mehr an seinem Platz steht. Ich kneife die Augen zusammen und entdecke ihn ein ganzes Stück weit draußen, wo er hingepaddelt sein muss, während ich auf mein Handy gestarrt habe. Noch hat er sich jedoch nicht auf sein Board gestellt, anscheinend wartet er noch auf eine Welle, die groß genug ist, die sich lohnt.


Ich stehe auf, trete ein wenig näher an die Scheibe heran. Dass es hier Surfer gibt, wusste ich gar nicht, aber ich bin froh darüber, denn es lockert die seltsam ruhige Stimmung, die La Ladera erfüllt, direkt ein ganzes Stück weit auf.


Gespannt trinke ich noch einen Schluck Kaffee, während ich beobachte, wie der Surfer unten im Wasser immer noch wartet. Dann, urplötzlich, stützt er die Arme auf dem Brett ab und richtet sich mit einer fließenden Bewegung auf. Sofort trägt ihn die Welle in Richtung Strand und ich erkenne, wie er das Board elegant übers Wasser gleiten lässt, wie er es immer wieder in neue Positionen steuert, um die tosende Brandung unter seinen Füßen zu kontrollieren. Seine Arme sind ausgestreckt, doch alles in allem scheint es ihm nicht schwerzufallen, das Gleichgewicht zu halten. Man sieht ihm an, dass er schon oft auf dem Brett stand und wer weiß, vielleicht ist er sogar ein Profi.


Ich bekomme immer mehr Lust zu schwimmen, wenn ich ihm so zuschaue. Aber dann fällt mir das kalte Wasser wieder ein und ich frage mich, wie er es da draußen nur in Badehose aushalten kann. Und dann rufe ich mir vor Augen, dass ich Pläne für heute habe. Trotzdem stehe ich sicher noch fünf Minuten am Fenster und sehe zu, wie der Surfer ein weiteres Mal hinauspaddelt, um sich dann noch mal auf sein Brett zu stellen, wie er die nächste Welle reitet, so mühelos, als würde er übers Wasser fliegen. Erst als ich auf dem gefliesten Boden kalte Füße bekomme, reiße ich mich los und beschließe, dass es jetzt wirklich Zeit ist, mich fertig zu machen. Ich laufe hoch ins Schlafzimmer, wo meine Koffer noch unausgepackt in einer Zimmerecke stehen beziehungsweise liegen. Zuerst werde ich gleich einkaufen gehen, dann will ich mich bei Mister Caine vorstellen. Meine Bewerbung habe ich zu Hause schon geschrieben und obwohl es sicherlich unkonventionell ist, einfach bei ihm anzuklingeln, macht sich das für eine künftige PA vielleicht gar nicht schlecht. In diesem Job ist schließlich Engagement gefragt.


Fürs Erste brauche ich aber legere Sachen. Ich suche mir Jeans und ein Top heraus, dann denke ich an Austins Worte, was niveauvolle Kleidung angeht und beschließe, mir die Gegend erst mal genauer anzusehen, ehe ich mich entscheide, wie ich mich hier kleiden will. Ich ziehe schwarze Stoffshorts und eine seidige blaue Bluse hervor, mit der ich bestimmt nichts falsch mache, dann gehe ich schnell unter die Dusche, die so groß ist, dass man darin locker zu fünft duschen könnte, ziehe mich an und betrachte mich anschließend im Spiegel über dem Waschbecken.


Das Fliegen ist mir wie immer nicht so gut bekommen. Meine Haut sieht ein bisschen fahl aus und dunkle Schatten liegen unter meinen Augen. Ich kaschiere sie mit etwas Concealer, trage ansonsten nur Wimperntusche und Gloss auf. Mein blondes Haar lasse ich offen. Eigentlich ist es nicht blond, zumindest nicht so hell, sondern rotblond. Irisch eben. Aber diesen Ton färbe ich seit der High School weg. Es ist nicht so, dass ich Komplexe hätte. Ich konnte nur irgendwann die ganzen Hexen- und sexy-Rotschopf-Sprüche nicht mehr hören. An meine Herkunft beziehungsweise die meiner Eltern erinnern immer noch meine Sommersprossen, meine großen grünlichen Augen und, zumindest laut meiner Mom, mein irischer Mund. Damit musst du leben, Schätzchen: Wenn du ernst bist, werden alle sagen, dass du zickig aussiehst. Wenn du lächelst, werden sie glauben, du wüsstest immer ein bisschen mehr als sie. Oder, wie mein Dad es einst ausdrückte: Du siehst aus wie ’ne Mischung aus ’ner Elfe und ’nem Kobold! Da war er aber auch nicht ganz nüchtern.


Ich überlege, ob ich Schmuck ummachen soll, entscheide mich dann aber dagegen und schlüpfe lediglich in die schwarzen Pumps, die ich auch gestern schon anhatte. Dann schnappe ich mir meine Tasche und den Schlüssel, den ich von Oz bekommen habe, gehe die Treppe runter und nach draußen – und bleibe stehen, als wäre ich vor eine Wand gelaufen. Gewissermaßen bin ich das auch: vor eine Wand aus Hitze.


Augenblicklich klebt mir die blaue Synthetikbluse am Körper und meine Füße schreien nach Luft. Rückwärts gehe ich wieder ins Haus, schließe die Tür und murmle in die Leere hinein: »Okay. So geht es schon mal nicht.


Ich laufe wieder nach oben, krame in den Koffern und finde schließlich eines meiner Sommerkleider. Es ist kurz und dunkelblau und weiß geblümt. Dazu ziehe ich meine neuen Sandalen mit Strohsohle an. Keine Ahnung, ob das jetzt niveauvoll genug ist, aber diese Sachen werden mich immerhin nicht umbringen. Ich komplettiere das Outfit mit meiner großen schwarzen Sonnenbrille, dann kann es endlich losgehen.


Als ich zurück nach Hause komme, ist es Mittag und ich muss mir eingestehen, dass die Shoppingtour ohne Auto eine Schnapsidee war. Ich habe mir vorgenommen zu laufen. Der Weg hinaus aus La Ladera war schon die Hölle, weil es praktisch die ganze Zeit bergauf ging – der Abhang, klar. Doch als ich das Wohnviertel verlassen hatte, wurde es nicht besser. Entlang der Hauptstraße gab es kaum Schatten und meine Entscheidung, erst mal runter in Richtung Meer zu laufen, bereute ich schnell, denn anders als gedacht gab es dort keinen kleinen Laden für hungrige Strandbesucher, sondern nur ein paar noch geschlossene Buden.


Also zurück in die andere Richtung. Wohnhaus reihte sich an Wohnhaus und Privatstraße an Privatstraße. Zu allem Überfluss lief ich dann auch noch im Kreis um einen ganzen Häuserblock, bis ich endlich einen kleinen 7-Eleven fand, in dem ich zumindest das Nötigste kaufen konnte.


Na ja, wenn ich ehrlich bin, war ich so froh über den Laden, dass ich ein bisschen mehr als nur das Nötigste kaufte, und zwar ohne daran zu denken, dass ich das ganze Zeug ja auch wieder nach Hause schleppen musste. An diesem Punkt hätte ich mir ein Taxi nehmen sollen, aber nach gestern hatte ich wenig Lust, wieder mit einem irakischen Diktator darüber zu diskutieren, ob er mich bis vor die Tür oder nur bis an den Rand meines Viertels bringt, und so ging ich zu Fuß.


Und deshalb bin ich jetzt vollkommen fertig, aber immerhin habe ich ein Sixpack Coke, eine Packung Toastbrot, Käse und Schinken sowie Erdnussbutter bekommen. Und, was das wohl Wichtigste ist: Ich hab auch tiefgefrorene Steaks, Mehl, Butter und eine Packung Eier bekommen, sodass ich heute Abend Austins Lieblingsessen machen kann.


Während mir der Schweiß in Strömen über den Körper läuft, räume ich die Lebensmittel ein. Dann nehme ich an diesem Tag schon meine zweite Dusche. Wer hätte gedacht, dass es in Kalifornien so heiß ist? Wie kann man hier leben? Und was soll ich gleich anziehen, wenn ich mich bei Mister Caine vorstelle?! Ich könnte ja nackt gehen, bekleidet nur mit meiner Bewerbungsmappe. Dann stellt er mich ganz sicher ein, haha.


Ich kümmere mich erst mal um mein Make-up, ehe ich mich anziehe. Währenddessen überlege ich, ob ich im Netz noch schnell Informationen über meinen hoffentlich neuen Boss einholen soll. In letzter Zeit war ich so im Umzugsstress, dass ich dazu gar nicht gekommen bin. Ich überlege, was für ein Typ er wohl ist. Jesse Caine, das klingt irgendwie texanisch, und augenblicklich stelle ich ihn mir als eine Art J.R. Ewing vor. Mit einem weißen Hut und Stiefeln. Nein. Niemand kann bei dem Wetter Stiefel tragen.


Während ich mein Haar hochstecke und immer noch über Jesse Caine nachdenke, spüre ich plötzlich Nervosität in mir aufsteigen. Kein Wunder: Die letzten vier Jahre, eigentlich seit meinem Abschluss in BWL, hatte ich denselben Chef. Dieselben Abläufe. Mister Winfield ist ein alter Kauz, dem eine große Hotelkette gehört, der für sein Alter zu viel zu tun hat. Er brauchte jemanden, der den Papierkram macht und sich um seine Termine kümmert, der aber auch mal einen Kaffee kocht oder ein Hemd bügelt. PA eben. Was dieser Jesse Caine erwartet, ist eine ganz andere Frage.


Ehe ich mich anziehe, greife ich erneut nach meinem Handy und beginne, seinen Namen in meinen Browser einzutippen … aber dann lasse ich es lieber. Wer weiß, vielleicht finde ich heraus, dass er im vergangenen Jahr als Amerikas strengster Chef ausgezeichnet wurde. Oder ich stoße auf eine Anti-Jesse-Caine-Facebook-Gruppe, in der sich ehemalige PAs mit Burnout darüber auslassen, wie hart es war, für ihn zu arbeiten. Nein, das muss ich jetzt echt nicht haben. Ich werde einfach improvisieren.


Entschlossen gehe ich rüber ins Schlafzimmer. Die Dusche hat mich ein wenig heruntergekühlt, sodass ich mich jetzt wieder in der Lage fühle, mir etwas anzuziehen. Ich entscheide mich für einen grauen Rock, eine weiße Rüschenbluse und ein kurzärmliges, zum Rock passendes Jäckchen. Jetzt aber die Pumps. Zufrieden drehe ich mich vor dem Spiegel. Privat würde ich so nicht herumlaufen, aber für ein Vorstellungsgespräch sehe ich ziemlich optimal gekleidet aus.


Also gut. Ich werd’s jetzt einfach machen. Das wäre doch die perfekte Überraschung für Austin, wenn ich gleich von diesem Monat an was zu den Raten fürs Haus beisteuern könnte! Ich meine, ich habe auch ein bisschen was gespart, aber wenn ich den Job bekäme, könnte er sich sicher sein, dass von mir regelmäßig was kommt.


Okay, jetzt darf ich mich aber nicht weiter selbst nervös machen. Ein letztes Mal kontrolliere ich mein Gesicht und versuche, meine Mimik in den Griff zu bekommen. Ich habe große, relativ weit auseinander stehende Augen. Puppenaugen, wie meine Granny es nennt. Das Problem ist, dass ich dazu neige, sie viel zu weit aufzureißen, wenn ich aufgeregt bin, und dann sehe ich aus, als hätte ich Ecstasy genommen. Ich blinzle also ein paar Mal, dann habe ich das Gefühl, dass ich einigermaßen normal dreinschaue, schnappe mir meine Bewerbungsmappe und laufe abermals nach unten.


Kurz vor der Tür halte ich jedoch inne. Das ist eine blöde Idee. Ich kann doch nicht einfach an der privaten Behausung meines hoffentlich zukünftigen Chefs auftauchen und ihn so ganz ohne Termin um einen Job bitten.


Aber verflucht, was hab ich denn zu verlieren? Im schlimmsten Fall hält er die neue Nachbarin für ein bisschen seltsam. Seit wann schere ich mich um so etwas? In New York sind alle ein bisschen seltsam.


Ich fasse mir also ein Herz, verlasse endlich das Haus und dann unser Grundstück, dann stöckle ich über den tadellos sauberen Bürgersteig hinüber zum orangefarbenen Haus, denn es sieht ein bisschen edler und teurer aus als das andere. Ich werfe einen Blick auf den Briefkasten – der Name, der auf dem Schild steht, ist kompliziert und spanisch. Also gut, dann eben doch die andere Richtung.


Weder um unser Haus herum noch um das helle Holzhaus links daneben gibt es einen Zaun – nur ein paar in Reihe gepflanzte Bougainvillea-Sträucher trennen unseren Rasen von Jesse Caines. Wer in einer bewachten Wohnanlage lebt, hat vielleicht grundsätzlich keine Lust mehr auf noch mehr Begrenzungen.


Ich trete auf den Fußweg, der den Vorgarten teilt. anders als bei uns ist er gerade und wird von ein paar Gewächsen gesäumt, die wie sehr niedrige Palmen aussehen. Für einen Multimillionär ist es schon fast lustig, wie einfach es ist, an sein Haus heran zu gelangen. Ich meine, okay, das hier ist nur sein Sommerhaus und er wird nicht sein Vermögen darin horten. Trotzdem ist es seltsam. Wenn ich da an Mister Winfield denke … Er lebte in einem zweistöckigen Apartment in einem Wolkenkratzer ohne Namensschilder an den Klingeln, und wenn man zu ihm wollte, dann musste man sich beim Portier ausweisen.


Na ja, in Kalifornien sind die Millionäre vielleicht anders.


Vor dem Eingang bleibe ich stehen und atme noch einmal tief durch, dann betätige ich den Klingelknopf, der gleich an der Tür auf einem verschnörkelten Klopfer sitzt.


Ich höre es im Inneren des Hauses schellen. Sonst nichts. Keine Schritte oder Stimmen. Wer weiß, vielleicht ist niemand da. Dann könnte ich es mir noch einmal überlegen und mich vielleicht doch ganz offiziell bewerben, zum Beispiel –


Ein Klicken in der Sprechanlage. Dann die Stimme eines Mannes: »Ja?«


Ich räuspere mich. »Ja, hallo, hier ist … mein Name ist Emily Reagan. Ich würde gern mit Mister Jesse Caine sprechen.«


»Das tun Sie schon.«


Ich bin ein weiteres Mal überrascht. Keine Angestellten?


»Okay, umso besser. Mister Caine, ich wohne nebenan und habe gehört, dass Sie auf der Suche nach einer persönlichen Assistentin sind und würde mich gern bewerben. Ich habe meine Unterlagen dabei und könnte –«


»Treten Sie einen Schritt zurück.«


Ich leiste seinen Worten Folge und rechne irgendwie damit, dass er im nächsten Moment zu mir nach draußen kommen wird. Schnell sehe ich an mir herunter, um mein Outfit zu checken. Alles noch in Ordnung. Ich betaste meine Frisur. Sitzt ebenfalls noch. Dann, als ich gerade meinen Rock glatt streiche, vernehme ich ein leises Surren und blicke auf. Zuerst kann ich nicht bestimmen, woher das Geräusch kommt, doch dann entdecke ich etwas: eine kleine Kamera rechts oberhalb der Tür. Sie bewegt sich noch ein Stück. Dann bleibt sie genau auf mich gerichtet stehen. Mister Caine kommt also wohl doch nicht raus, stattdessen will er wahrscheinlich prüfen, ob ich wirklich wie eine Bewerberin und nicht wie eine Einbrecherin aussehe. Was mache ich jetzt? Egal, ich lächle einfach mal. Lächeln geht immer.


Einige Momente lang geschieht gar nichts, dann ertönt erneut das Knacken und ich beeile mich, wieder an die Sprechanlage zu gelangen.


»Miss Reagan?«


»Ja?«


»Sie sind nicht die Richtige für den Job.«


Verblüfft sehe ich in Richtung Kamera. Bitte? Meint er das ernst? Beurteilt er mich gerade wirklich nach meinem Aussehen, meiner Aufmachung? Verdammt, ich hätte nicht gedacht, dass es im 21. Jahrhundert in den USA noch derart chauvinistische Arschlöcher gibt. Ich kneife die Augen zusammen, straffe die Schultern. So schnell lasse ich mich nicht abwimmeln!


»Aber Sie haben doch meine Unterlagen noch gar nicht gesehen und –«


Der Mann am anderen Ende der Sprechanlage lacht. »Hey, Emily. Ich kann Sie nicht hören, wenn Sie mit der Kamera reden, alles klar?«


Verdammter Mist, jetzt mache ich mich zum Deppen. Ich wende mich wieder der Sprechanlage zu. »Ich habe mich nur gefragt, ob Sie sich nicht vielleicht meine Unterlagen ansehen wollen, bevor Sie nein sagen, Mister Caine.«


»Wie gesagt, Sie sind nicht die Richtige für den Job.«


»Ich lasse Ihnen trotzdem meine Mappe da, dann können Sie es sich noch mal überlegen.«


»Nein, kommen Sie, nehmen Sie Ihre Mappe mit.«


»Ich schiebe sie unter der Tür hindurch und wenn Sie sie nicht wollen, werfen Sie sie einfach weg.«


»Da ist keine gute Idee. Mein –«


Er sagt noch etwas, aber ich höre nicht weiter hin, sondern gehe in die Hocke und schiebe die dünne Mappe unter dem Türschlitz her. Zu verlieren habe ich ja nichts, also …


… Muss es mich wohl auch nicht stören, als ich von der anderen Seite trippelnde Schritte höre, dann ein leises, aber entschlossenes Knurren und dann das unverkennbare Ratschen von Papier, das in viele kleine Stücke gerissen wird.


Ich mache die Augen zu, verziehe das Gesicht und komme mir jetzt noch mehr wie ein Idiot vor. Dabei ist dieser Kerl doch eigentlich der Idiot!


»Ich nehme mal stark an, das waren jetzt nicht Sie?«, frage ich so fest und neutral ich kann.


»Ich habe Ihnen gesagt, lassen Sie es.«


Verdammt. Verdammt, verdammt. Ich hätte direkt abhauen sollen, als er mich wegen meines Aussehens abgelehnt hat. Mann, wieso hat er nicht einfach die Tür aufgemacht und wir haben uns unterhalten wie normale Menschen?!


»Das ist jetzt der richtige Moment um zu gehen«, kommentiert Jesse Caines spöttische Stimme aus der Sprechanlage.


»Tja, dann …« Mir fällt ein, dass er mich sehen kann und ich straffe wieder die Schultern. Jetzt bloß die Haltung wahren. Die Niederlage einstecken wie ein Profi. »Trotzdem danke für Ihre Zeit, Mister Caine.« Damit wende ich mich ab und verlasse fluchtartig das Grundstück.


Wow. Herzlichen Glückwunsch, Emily Reagan, zum vielleicht schlimmsten Vorstellungsgespräch aller Zeiten!


Es ist weit nach sechs und ich fühle mich miserabel, als Austin nach Hause kommt. Irgendwie ist alles schiefgelaufen: Nach dem vollkommen verkorksten Gespräch mit dem Millionär von nebenan, der sich als arroganter, sexistischer Oberarsch erwiesen hat, war ich so sauer, dass ich am liebsten seine Villa angezündet hätte. Stattdessen habe ich Brianna angerufen und mich gemeinsam mit ihr noch mehr in Rage geredet. Dann brauchte ich unbedingt etwas zu tun und habe die Sachen, die gestern auf dem Bordstein gelandet sind, in die Waschmaschine im Keller geworfen. Dabei habe ich einen Fitnessraum entdeckt, den Austin mir noch gar nicht gezeigt hat. Dort habe ich mich aufs Laufband gestellt und … nein. Zu peinlich.


Auf jeden Fall ist es nach sechs, als Austin kommt. Ich dachte, er kommt um fünf und habe Essen gemacht, das jetzt kalt ist. Ich sitze also am Esstisch, als ich höre, wie sich die Tür öffnet, und fühle mich wie eine dieser Frauen, wie die eigentlich niemand sein will. Die, die mit der fertigen Mahlzeit am Tisch sitzt und nichts mit sich anzufangen weiß, außer zu warten, während der Mann Wichtigeres zu tun hat, als nach Hause zu kommen.


Er sieht schuldbewusst aus, als er aus der Diele ins Wohnzimmer tritt. »Du hast Steak Pie gemacht«, sagt er und verzieht das Gesicht.


»Ach, Blödsinn, ich hab nur Steak-Pie-Raumspray gekauft.«


Austin lacht. Langsam gewöhne ich mich an sein neues Lachen. Dann kommt er zu mir, beugt sich zu mir herunter und drückt mir einen langen Kuss auf die Lippen. »Was hältst du davon?«, fragt er anschließend leise. »Ich nehm schnell eine Dusche, du ziehst dir was Schönes an und dann gehen wir essen. Es gibt da ein paar tolle Restaurants, die ich dir unbedingt zeigen will.«


Zuerst will ich protestieren und ihm sagen, dass man das Essen doch auch einfach warmmachen kann. Aber es ist wie gestern: Er wirkt so begeistert von seiner Idee, dass ich es nicht über mich bringe. Ich bin hier noch neu, er ist total verliebt in diesen Ort, da ist es doch verständlich, dass er uns miteinander bekannt machen will.


»Gute Idee«, sage ich darum und lächle. Dann lasse ich mich von Austin in die Höhe ziehen.


»Gib mir zwanzig Minuten.« Er erwidert mein Lächeln, dann verschwindet er im ersten Stock.


Ich blicke auf den gedeckten Tisch und die Pastete in der Mitte. Kurzerhand stelle ich sie in den Kühlschrank. Wer weiß, vielleicht kann man sie morgen noch essen, und falls Oz dann wieder zu spät kommt, habe ich mir vorher wenigstens nicht die Mühe gemacht, frisch zu kochen.


Schnell räume ich auch das Geschirr wieder in den Schrank, dann gehe ich ebenfalls nach oben. Austin ist noch im Bad. Ich sehe, wie sich dünner Wasserdampf unter der Tür her kräuselt. So heiß könnte ich bei der tropischen Wärme gar nicht duschen. Aber er hat sich vermutlich längst dran gewöhnt.


Ich gehe ins Schlafzimmer und öffne den Kleiderschrank, in den ich meine Sachen mittlerweile geräumt habe. Wieder entscheide ich mich für ein Kleid. Es ist schwarz, knielang, der Rock ist glockenförmig und der Stoff ist über und über mit stilisierten Schwänen bedruckt. Dazu entscheide ich mich für rote Pumps und Ohrringe in derselben Farbe, dann wende ich mich zufrieden der Tür zu – und merke erst jetzt, dass Austin dort steht und mich ansieht, bereits voll bekleidet. Schon wieder trägt er Anzughose und Hemd, aber jetzt zumindest keine Krawatte.


Er mustert mich von oben bis unten.


»Von mir aus können wir los«, sage ich und drehe mich einmal vor ihm. Das Kleid habe ich zu unserem Dreijährigen getragen. Er mochte es damals sehr.


Jetzt allerdings wirkt er nicht allzu begeistert. »Nicht böse gemeint, Baby, aber hast du vielleicht was … weniger Auffälliges?«


Weniger auffällig? Verblüfft sehe ich an mir herunter. Was stimmt denn mit diesem Look nun wieder nicht? Es steht noch nicht einmal ein Spruch auf dem Kleid. »Wie meinst du das?«


»Na ja, das hier ist nicht New York. Die Schuhe sind ein bisschen grell und dieser Print auf dem Kleid … sieht etwas kindlich aus.«


Kindlich?! Das sind Schwäne, keine Eistüten. Und so langsam fängt Austins Mäkelei an meinen Sachen wirklich an, mich zu nerven.


Okay, zusammenreißen, Em. Er meint es nicht böse. Er ist ebenfalls noch neu in der Stadt und will einfach nichts falsch machen.


»Gut, von mir aus. Warte unten«, sage ich kurz angebunden.


»Baby, jetzt sei doch nicht –«


»Bin ich nicht. Warte einfach unten.«


Austin macht ein Gesicht, als hätte ich ihn zu fünf Rosenkränzen und zehn Vaterunser verdonnert, dann wendet er sich ab und schleicht ins Erdgeschoss.


Ich schüttle den Kopf und ziehe das Kleid aus, dann durchforste ich den Schrank nach etwas weniger Kindlichem. Ich habe noch ein schwarzes Kleid, es besteht aus glattem Stoff und hat kleine Auslassungen an der Hüfte, aber das wäre heute nicht klug, denn meine rechte Hüfte ist total aufgeschürft – eine Blessur, die ich mir zugezogen habe, als ich vorhin vom Laufband gefallen bin. Jep, das ist mir wirklich passiert, und auch wenn keiner dabei war, ist es mir furchtbar peinlich. Peinlich vor mir selbst und … na ja. Vor noch jemandem. Jemandem, der mich zwar nicht sehen konnte, aber trotzdem fühlt es sich im Nachhinein an, als wäre er dabei gewesen. Die ganze Sache lief so: Vorhin, als ich versucht habe, meinen Frust im Fitnessraum loszuwerden, ist der Surfer wieder aufgetaucht. Natürlich habe ich heute Morgen nicht viel von ihm erkannt, trotzdem war ich mir sicher, dass der Kerl, der heute Nachmittag plötzlich den Strand entlang stolzierte, er gewesen ist. Ich stand also auf dem Laufband und rannte den Erinnerungen an mein peinliches Vorstellungsgespräch davon, als ich ihn auf einmal inmitten der anderen Menschen am Strand erblickte. Da unser Haus am Hang liegt, ist der Fitnessraum im Keller ebenerdig, sodass ich mit den Leuten dort draußen auf Augenhöhe war, als ich lief. Er kam von links, lief mit seinem Board über den Wanderpfad, der sich zwischen unserem Haus und den Schienen befindet. Schon wieder trug er nichts außer einer Badehose, die rotblau war und verdammt tief saß. Das Erste, was mir ansonsten auffiel, war sein makelloser Oberkörper. Nahtlos gebräunt, absolut trainiert, die Muskeln in perfektem Zusammenspiel wie bei einer griechischen Statue. Und dann machte ich den Fehler, ihm ins Gesicht zu sehen. Sofort musste ich an den Moment denken, als Austin mich zum ersten Mal angelächelt hatte, was sich anfühlte wie ein elektrischer Schlag. Genau wie damals war ich auch jetzt hin und weg, alles wurde taub und fing dann an zu kribbeln. Dieser Surfer sah einfach so verflucht gut aus. Dunkles Haar, sanft geschwungene Brauen, ein entschlossener Blick und ein selbstbewusster Zug um die Lippen, als gäbe es keine Welle auf dem Ozean und auch sonst nichts im Leben, womit er es nicht aufnehmen könnte.


Der „Stromstoß“ war heftig. Ich stolperte, fiel mit einem Schrei vom Laufband und war heilfroh über die getönten Scheiben.


Trotzdem dauerte es ein paar Minuten, bis ich mich traute, mich wieder aufzurichten. Er war dann glücklicherweise schon weg. Auch sonst nahm am Strand niemand Notiz von unserem Haus, also schien keiner dort meinen Schrei gehört zu haben. Trotzdem verließ ich den Fitnessraum und kehrte auch nicht zurück. Aber die Schramme an meiner Hüfte wird mich wohl die nächsten Tage über daran erinnern, dass ich mich von einem wildfremden Surfertypen regelrecht habe umhauen lassen. Weil ich Austin über alles liebe und andere Männer normalerweise noch nicht mal eines Blickes würdige, habe ich auch noch ein schlechtes Gewissen.


Also ist es doch eigentlich nur fair, dass ich als Ausgleich, weil ich einen anderen Kerl angestarrt habe, was anziehe, das ihm gefällt … was auch immer er plötzlich gegen meine normale Garderobe hat.


Als ich schließlich fertig bin, trage ich einen cremefarbenen Rock, für den meine Beine eigentlich noch ein bisschen zu blass sind, eine schwarze Bluse mit einer Schleife vor der Brust und schwarze Schuhe mit cremefarbener Schleife. Diese Sachen würde ich normalerweise nicht in dieser Kombination anziehen, zumindest nicht privat, aber als ich schließlich ins Erdgeschoss komme, ist Oz total aus dem Häuschen.


»Sieh dich an. Ich bin wirklich ein Glückspilz.« Er zieht mich in seine Arme und drückt mich. Dann geht es endlich los.


»Stimmt etwas nicht?«


Nervös blicke ich auf meinen Teller und beeile mich, Austin zu versichern, dass alles okay ist. Ich hatte nur irgendwie erwartet, dass wir in ein normaleres Restaurant gehen würden, vielleicht in eines, das am Strand liegt und in dem man entspannt Burger oder Mexikanisch oder von mir aus auch Fisch essen kann. Stattdessen steht vor mir ein Teller mit einer Art Ball aus grünen, glitschig aussehenden Fäden darauf. Dazu kommt ein kleines Päckchen aus irgendeinem hellen Zeug mit schwarzen Körnern drauf und der dritte Teil meiner Mahlzeit – ah ja, der sieht nach grünem Spargel aus. Normaler grüner Spargel, das ist gut. Damit fange ich an.


»Dieser Laden ist wirklich super«, versichert mir Austin und macht sich über seine eigene Portion her. Er hat für uns beide dasselbe bestellt und verschlingt voller Begeisterung diesen grünen Ball. »Das Essen hier ist zu 100 Prozent biologisch angebaut.«


»Auch das Fleisch?«, frage ich.


Es ist ein Scherz, aber Austin scheint ihn nicht zu verstehen. »Das Fleisch stammt aus kontrollierten Betrieben«, erklärt er. »Die Tiere bekommen dort nichts zu fressen, was später für den Menschen schädlich sein könnte. Jede Mahlzeit hier enthält einen Mindestanteil Fett und so viele Vitamine wie möglich. Außerdem Antioxidantien. Die sind gut gegen …«


»Schatz, ich weiß, was Antioxidantien sind.«


Austin verstummt und rettet sich in ein Lächeln. Dieses Lächeln. Das neue. »Und?«, fragt er dann. »Wie war dein Tag so?«


Ich kaue eine Weile auf meinem halbrohen Spargel herum, ehe ich antworte: »Unspektakulär. Warm. Und deiner?«


»Ach, weißt du, ein ganz normaler Tag im Büro.«


Hm. Hätte ich mehr sagen sollen? Vermutlich hat er tatsächlich noch weniger erlebt als ich … aber alles, was ich erlebt habe, war ausnahmslos peinlich, also will ich eigentlich auch nicht davon erzählen. »Wie liefen denn die letzten Tage hier so?«, frage ich.


Vor meinem Umzug hatten wir wenig Kontakt. Er war mit dem Haus beschäftigt, ich mit dem Auflösen meiner Wohnung und der Verabschiedung von meiner Familie.


»Sie liefen gut. Stressig, aber gut. Das Bett wurde erst am Tag vor deiner Ankunft geliefert.«


Gut, er spricht die Möbel an. Das ist der richtige Zeitpunkt, um etwas loszuwerden, das mir eh noch auf der Seele brennt. »Das Geld für die Einrichtung – rechnest du das in meine Mietraten mit ein?«


Austin winkt ab. »Mach dir bitte keine Gedanken wegen dem Geld, Em. Ich bin jetzt der Hauptverdiener. Du musst mir nicht alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen.«


Ich blicke auf meinen Teller, während seine Worte in meinem Kopf widerhallen. Ich bin jetzt der Hauptverdiener … Ich weiß nicht warum, aber diese Worte gefallen mir irgendwie nicht. Genauso wenig wie seine Anspielung mit den Kindern. Es kommt mir ein bisschen so vor, als hätte er sich einen neuen Lebensentwurf in den Kopf gesetzt – einen, von dem ich noch nicht weiß, ob ich dabei mithalten kann. Und will.


Aber hey, vielleicht meint er die Sache mit dem Geld ja auch einfach nur nett. Damit ich mich nicht stresse. Ich blicke zu ihm auf. »Es ist okay, Oz. Ich habe Erspartes.« Damit greife ich nach meinem Glas und trinke einen großen Schluck Wein.


»Aber dass das Essen heute auf mich geht, erlaubst du noch, oder?«


Ich lache leise. »Na klar.« Dann lange ich über den Tisch und drücke seine Hand.


Austin nickt, wirkt wieder einigermaßen zufrieden und macht sich weiter über sein fettfreies, makrobiotisches Essen her, als sei es das Leckerste, das ihm je aufgetischt worden ist.


Ich steche meine Gabel in das undefinierbare helle Zeug und denke an die Pastete zu Hause im Kühlschrank. Manchmal könnte das Leben so einfach sein … aber wir sitzen hier, schweigen und essen Zeug, das schmeckt, als sei es maximal zur Dekoration geeignet. Na ja, es wird schon alles noch entspannter werden. Vielleicht kann ich mich auf Austins plötzlichen Ernährungstick einstellen und er sich dafür auf meine infantilen Klamotten.


Na klar können wir das. Wir beide. Wir sind seit 5 Jahren zusammen. Wir haben uns während des letzten Jahrs vielleicht ein bisschen aus den Augen verloren, aber wir werden uns schon wiederfinden. Wir haben ja jetzt alle Zeit der Welt.




 


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