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Belletristik
Buch Leseprobe The NUYS - Das letzte Konzert, Moira Ashly
Moira Ashly

The NUYS - Das letzte Konzert



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Chester


 


Chester stand mit weichen Knien auf dem Brückengeländer und starrte auf das schäumende Wasser tief unter ihm. Mit dem linken Arm hielt er sich an einem dicken Stahlseil fest, das die Trägerkonstruktion der Brücke mit dem breiten Geländer verband. Es war hoch, sogar beängstigend hoch und Chester schwitze, obwohl es recht kalt war. Unter ihm tobte der River Clyde und in ihm die Verzweiflung. Er wollte Schluss machen. Jetzt und hier. Er hatte die Schnauze voll!


Heute früh lag der Räumungsbefehl im Briefkasten seiner schäbigen und winzigen Wohnung in Glasgow. Er hatte es kommen sehen. Seit mehr als fünf Monaten konnte er die Miete nicht mehr bezahlen. Nun war es also soweit. Man setzte ihn auf die Straße.


Das ganze Elend und all der Ärger, der ihn seit einem Jahr begleitete, ließen ihn aufgeben. Kein Job, kein Geld und jetzt auch keine Wohnung mehr. Den Strom hatte man ihm schon lange abgestellt. Er kam trotz allem irgendwie zurecht. Aber ohne Wohnung? Ohne Dach über dem Kopf? Ohne schützende vier Wände? Nein! Dieser Brief brachte das Fass zum Überlaufen.


Sollten die anderen doch sehen, was sie davon hatten. Er hatte einen Abschiedsbrief in seiner Behausung hinterlegt, der alle anklagte! Verwandte, Familie, Freunde! Alle, die ihm nicht mehr helfen wollten. Dabei war es gar nicht seine Schuld, dass er keine Arbeit fand. Man wollte ihn nicht. Nicht, weil er vielleicht schmuddelig und ungepflegt war. Nein! Er hatte sogar studiert! Aber immer wieder hörte er, er sei überqualifiziert.


Chester lachte bitter auf. Überqualifiziert! Dabei sollten die doch froh sein, einen Mann seines Formates in ihrer Firma haben zu dürfen, oder etwa nicht? Mit seinen zweiunddreißig Jahren hatte er schon so viel Dreck geschluckt, dass er sich für keine Arbeit zu schade war. Und doch wollte es nicht klappen.


Er hatte sich genau diese Brücke ausgesucht, um seinem beschissenen Leben ein Ende zu bereiten. Es war einsam hier. Keine Radfahrer, keine Autofahrer und keine Fußgänger. Kein Mensch sollte seinen Abschied stören. Er wollte Ruhe, wenn er gehen würde. Vielleicht fand man dann seine Leiche irgendwo flussabwärts am Ufer. Das war ihm aber egal. Davon würde er ja nichts mehr mitkriegen.


Er hatte sich informiert und ertrinken schien ihm noch das Beste zu sein. Sich vor einen Zug zu werfen, dazu hatte er nicht den Mut. Das musste doch auch schrecklich wehtun, oder etwa nicht? Er fand, dass ein Sprung in das Wasser noch der beste Tod war, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, wie es sein würde, zu ertrinken.


Langsam ging er auf dem Geländer mit den Fußspitzen weiter nach vorne. Jetzt musste er sich schon gut festhalten, damit er nicht sofort in die Tiefe stürzte. Vielleicht noch ein, zwei Atemzüge, dann würde er loslassen. Schade nur, dass er die bestürzten Gesichter nicht mehr sehen könnte. Sein Vater, der ihm vor Monaten den Geldhahn zugedreht hatte und auch jetzt nicht bereit war, ihm zu helfen. Seine Mutter, die sich nie gegen ihren gewalttätigen Gatten durchsetzen konnte. Vor allem aber Elisa, die er so verehrte, die ihn aber jedes Mal eiskalt abblitzen ließ. Dabei sah er doch gut aus. Er war durchtrainiert, recht groß, hatte dunkelbraune Haare, braune Augen und ein männlich markantes, aber nicht hässliches Gesicht. Andere Mädels hätten gern was mit ihm angefangen, aber er wollte eben nur Elisa, und die machte sich einen Spaß daraus, ihm einen Korb nach dem anderen zu verpassen.


Sie alle würden ziemlich dumm aus der Wäsche gucken, dessen war er sich sicher. Langsam löste er seinen linken Arm von dem Stahlseil. Einen Atemzug noch. Doch bevor er loslassen konnte, spürte er, wie sein Mobiltelefon in der Hosentasche vibrierte. Sollte er noch drangehen? Kam drauf an, wer ihn anrief. Vielleicht war es ja jemand, dem er seine ganze Wut und seinen Frust entgegenbrüllen und den er seinen Sturz miterleben lassen könnte? Wie schuldig musste sich diese Person dann ihr ganzes Leben fühlen. Das war eine grandiose Idee!


Er nestelte das Handy aus der Hosentasche und sah auf das Display. Es war Alex, ein alter Kumpel aus längst vergangenen Tagen. Was wollte denn der ausgerechnet jetzt von ihm?


Die Neugierde siegte. Chester nahm das Gespräch an und drückte sich wieder mehr an das Stahlseil.


»Ja?«, fragte er.


»Hey Ches! Ich bin es, Alex«, hörte er die immer fröhliche Stimme seines alten Freundes. Vor seinem geistigen Auge tauchte ein sommersprossiger Rotschopf auf, der wasserblaue Augen hatte und der scheinbar einfach nicht zu altern schien.


»Hey, Alex«, antwortete Chester.


»Junge, wo steckst du? Ich bin bei deiner Bude«, hörte er Alex gegen den Lärm eines Autos rufen, das offenbar gerade an seiner ehemaligen Wohnung vorbeifuhr.


»Irgendwo draußen«, antwortete Chester kurz angebunden.


»Und wo ist das, dieses irgendwo draußen?«


»Keine Ahnung. Hab mich wohl verlaufen. Was willst du?«


»Das klingt so komisch bei dir, Ches. Du machst doch keinen Scheiß, oder?«


Chester wunderte sich, dass Alex ihn offenbar doch so gut kannte. Noch ehe er etwas Banales erwidern konnte, hörte er: »Ches, mach keinen Scheiß. Ich glaube, ich weiß, wo du bist. Hör zu, es gibt keinen Grund alles hinzuwerfen, verstehst du?«


Darauf konnte Chester nichts entgegnen. Sein Atem ging schwer und Zweifel an dem, was er vorhatte, kamen auf. Wenn er bis eben noch fest entschlossen war, sich in die Tiefe zu stürzen und allem ein Ende zu bereiten, so fing sein Hirn endlich wieder an zu arbeiten.


»Ches, ich habe einen Job für dich. Hörst du? Ich habe einen Job für dich!«, brüllte Alex in das Telefon. Auch er atmete plötzlich ziemlich stark, als stünde er unter einer großen Belastung. Chester klammerte sich wieder fest an das Seil und trat langsam von der Kante des Brückengeländers zurück. Er schluckte und ihm wurde übel.


»Ches, sag was. Bitte!«, vernahm er nun aus dem Handy von Alex, der in höchstem Maße besorgt zu sein schien.


»Was«, Chester musste sich räuspern, ehe er erneut ansetzte: »Was für einen Job?«


»Junge, dein Traumjob!«, keuchte Alex nun. »Wir saßen am Flussufer, erinnerst du dich? Das Clyde Ufer! Wir haben darüber gesprochen, wie geil es wäre. Mann, sag was!«


»Kann mich nicht erinnern«, krächzte Chester.


»Streng deine grauen Zellen an, du Blödmann! Wir waren beide so Mitte zwanzig! Herrgott! Du musst dich doch daran erinnern!«


Das war clever von Alex. Sehr clever sogar! Chester überlegte und überlegte, während Alex ihn immer wieder aufforderte nachzudenken. So vergingen etliche Minuten, ehe etwas Metallisches auf der Brücke gegen die Brüstung knallte und jemand Chesters Namen rief.


»Ches, du verdammtes Arschloch! Runter da!« Es war Alex, dessen Gesicht unnatürlich rot angelaufen war. Schweiß rann ihm über die Augen und er rang nach Luft, als er langsam zu dem auf dem Geländer stehenden Mann ging.


»Woher weißt du?«, fragte Chester verblüfft.


»Du bist so ein hirnrissiger Idiot, echt Mann!«, fluchte Alex, weiter auf ihn zugehend. »Wie oft waren wir hier oben und haben in den Fluss gespuckt. Ach, nicht nur das. Wer konnte am weitesten pinkeln, hä? Und wie oft hast du hier über dem Geländer gehangen und dir die Seele aus dem Leib gekotzt? Wer war dann bei dir und hat dich gehalten?« Alex war mit dem Fahrrad hier angekommen und hatte es, als er Chester endlich sah, achtlos gegen das Brückengeländer geworfen. Nun stand er mit hochrotem Kopf, flammend rotem Haar und wütend blitzenden Augen da. Er wirkte auf Chester wie ein Kobold. Alex war ein Kopf kleiner als er selbst, aber zäh.


»Komm schon, komm da runter, Mann!«, bat Alex nun wesentlich milder. »Es gibt keinen Grund, alles wegzuwerfen!«


»Du hast ja keine Ahnung!«, motzte Chester.


»Stimmt, habe ich nicht. Hast recht. Dann lass uns drüber reden, bevor du so einen Mist machst, ja?«


»Drüber reden? Über was?«, höhnte Chester bitter. Nun fing es an, wie aus Kübeln zu regnen. »Passt doch«, schrie Chester in den Himmel. »Passt!«


»Merkst du eigentlich, was für ein Arsch du bist? Hey, hinschmeißen kann jeder, kapiert? Aber hör dir doch erst mal an, was ich zu sagen habe, okay? Wenn du dann immer noch da runterspringen willst, dann bitte. Tu dir keinen Zwang an!«, brüllte Alex. Chester schaute verwirrt auf den Rotschopf, der in zwei Schritt Entfernung nun bei ihm am Geländer stand und nicht gewillt war, seinen Freund so einfach aufzugeben. Seinen Freund, – hatte er eben „seinen Freund“ gedacht? War es nicht ein Geschenk des Himmels, so einen Kumpel zu haben?


»Also, erzähl. Was für einen Job?«, fragte Chester nun etwas ruhiger geworden.


»Du wolltest doch immer einen richtig großen Truck fahren. Und jetzt kommt der Hammer! Die NUYS suchen jemanden, der das schwarze Ungeheuer fahren kann«, stieß Alex hervor und sah Chester fest in die Augen. »Ich sagte dir doch, dass ich Kontakt zu den Jungs habe, oder? Sie haben mich gefragt, ob ich jemanden wüsste, der den Truck fahren kann!«


»Das schwarze Ungeheuer?«, fragte Chester nun sehr ungläubig. »Du meinst, DEN Truck?«


»Ja, Arschloch. DEN Truck!«


Chester blinzelte. Der Regen lief ihm übers Gesicht und in die Augen. Er wischte sich mit der Hand, die immer noch das Handy hielt, darüber und fragte erneut ziemlich erstaunt:


»Du meinst die Band?«


»DIE Band, genau. Jetzt komm runter da und lass uns vernünftig reden. Was soll ich Nolan sagen, hä? Also, hast du Bock? Die bräuchten definitiv dringend jemanden!«


»Nolan? Du kennst Nolan?«


»Verdammt ja, Mann! Ich habe es dir tausendmal gesagt. Ich kenne die Jungs von den NUYS relativ gut! Und die suchen jetzt jemanden für den Truck. Einen Fahrer, Mädchen für alles. Einen Super-Roadie! Also? Kommst du jetzt endlich da runter oder soll ich Nolan anrufen und ihm sagen, dass dich sein Angebot nicht interessiert und du dich gerade von der alten Clyde-Brücke gestürzt hast. Mann! Ich habe ihnen von dir erzählt und ihnen gesagt, was für ein Hardcore-Fan du bist. Soll ich jetzt wirklich anrufen und denen sagen, dass ich mich geirrt habe? Dass du ein hirnrissiges, verdammtes Arschloch bist oder warst? Lass mich nicht so blöd dastehen, verdammt!«


Chesters Blick wanderte in den Himmel. Er konnte nicht fassen, was Alex soeben gesagt hatte. Seine Lieblingsband, deren Werdegang er seit Jahren verfolgte! Ihre gesamten Konzerte hatte er leider nur auf DVD oder im Fernsehen gesehen, da ihm ständig das Geld für ein Ticket fehlte. Nichtsdestotrotz waren sie für ihn große Idole. Nun suchten sie einen Fahrer? Alex kam gerade jetzt zu ihm, um ihm dieses Angebot zu machen? Zu ihm, dem Versager Chester Lewis? Was, wenn Alex nur eine Sekunde später angerufen und wenn Chester das Gespräch nicht angenommen hätte?


»Komm schon, lass uns drüber reden, ja?«, bettelte Alex weiter. »Wenn du da runterkommst, rufe ich Nolan an und du kannst mit ihm reden, okay?«


»Ich dachte immer, du würdest mich verarschen«, stammelte Chester. »Ich dachte echt immer, du erzählst nur Geschichten!«


»Ich kenne sie wirklich«, entgegnete Alex. »Nolan, Uther, den Yankee und Steve, den Drummer. Also?«


Chester ging langsam in die Hocke. Das waren die Namen der Bandmitglieder. Nolan war der Leadsänger, erster Gitarrist und Kopf der Band. Uther sang und spielte ebenfalls Gitarre und Synthesizer wie kaum ein anderer. Steve war der beste Drummer, den Chester je gehört hatte. Dann war da noch der Yankee. Das war ein Spitzname, denn er war der Einzige aus der Gruppe, der nicht aus Schottland stammte, sondern aus den Nordstaaten Amerikas. Er war für den Bass zuständig. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass sein richtiger Name Thomas war. Die Fans übergingen das. Alle nannten ihn weiterhin nur Yankee und jeder wusste, wer gemeint war. Aus ihren Namen war auch der Bandname entstanden. NUYS. Nolan, Uther, Yankee und Steve. NUTS hätte auch ziemlich blöde ausgesehen. Chester musste grinsen.


»Was denn, kommst du jetzt da runter du Idiot oder nicht?«, blaffte Alex ihn an. Chester hörte das nicht, sondern rief sich die vier Männer, deren Musik sein Leben so geprägt hatte, vor Augen. Sie waren immer schwarz gekleidet, trugen meist Klamotten, die an den Hauptprotagonisten aus Matrix oder einen Outlaw aus einem Western erinnerten. Bodenlange Mäntel waren Nolans Markenzeichen. Der Yankee trug meist einen Gehrock mit Weste und sah eher aus wie ein Gentleman als ein Rocker, wären da nicht sein wallendes, langes blondes Haar und die mit Kajalstift schwarz umrandeten Augen gewesen. Uther stand meist oben ohne und in schwarzen Lederhosen auf der Bühne. Manchmal trug er eine Art Kriegsbemalung im Gesicht und dann wirkte er noch mehr wie ein Indianer, als er es mit seinen langen schwarzen Haaren ohne hin schon tat. Lockenkopf Steve verschwand meist hinter einem hoch aufgebauten Berg von Drums. Er war unscheinbar, trug immer schwarze Shirts mit sonderbaren Zeichen darauf und dazu abgetragene Jeans. Man sah ihn selten, doch wenn sie ihren bekanntesten Song „Madness“ spielten, tobte er zwischen diesen Drums herum wie ein tasmanischer Teufel. Allein bei dem Song verlor Steve sicher etliche Liter an Flüssigkeit. Nein! Es waren keine Metaller oder Hardrocker. NUYS spielten eine Mischung aus mystischem, rockigem und psychedelischem Sound, der so eigen und unverwechselbar war, wie die Bandmitglieder selbst.


»Ches, los jetzt. Runter da und lass uns vernünftig reden. Hier, ich wähle schon Nolans Nummer. Nun komm da runter, du Blödmann!«, bat Alex weiter und hielt Chester sein Mobiltelefon entgegen. Er hatte es auf Lautsprecher gestellt und nach zwei oder drei Mal klingeln hörte Chester eine tiefe Stimme:


»Hey, was ist los, Alex. Hast du mit deinem Kumpel gesprochen?«


Es war tatsächlich Nolans Stimme, die da aus dem Lautsprecher kam. Chester setzte sich nun auf das Brückengeländer und ließ die Beine langsam auf den Asphalt gleiten.


»Bin gerade dabei«, antwortete Alex und grinste.


»Hört er mit?«, kam die Frage aus dem Telefon.


»Tut er. Kannst ihm ja noch mal sagen, was ihn erwarten würde. Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll«, alberte Alex.


»Na, so schlimm wird’s nicht. Wie heißt dein Kumpel? Chester, stimmt’s?«


»Jep. Chester«, antwortete Alex etwas ernster. Er freute sich offenkundig darüber, dass Chester nun wieder mit beiden Beinen auf der Brücke und nicht mehr auf der Brüstung stand.


»Okay, Chester. Also! Alex hat es dir ja gesagt. Unser Fahrer ist – äh, nun ja. Er lebt nicht mehr.«


»Er lebt nicht mehr?«, fragte Chester ziemlich blöde.


»Hat sich leider nie um sich selbst gekümmert. Krebs! Schöne Scheiße, ging auch ganz schnell. Tja, die Tour ist in vollem Gange und wir brauchen dich, wenn du das Ungeheuer bezwingen kannst.« Nolan lachte, man konnte es deutlich hören. »Du kannst doch einen echt fetten Truck fahren, oder?«


»Klar, kann ich«, antwortete Chester.


»Ich schlage vor, wir treffen uns mal, um uns kennenzulernen. Alex weiß, wo wir gerade sind. Schwing die Hufe, Alter. Komm vorbei, hör dir alles an und dann entscheide.«


»Krass, ja. Klar. Mach ich«, brabbelte Chester. In seinem Kopf schlugen alle Gedanken Purzelbäume. Noch vor wenigen Minuten wollte er sterben und jetzt? Jetzt das?


»Okay, dann bis gleich. Lass uns nicht hängen, Junge, kapiert?« Damit war das Gespräch beendet.


 


Die Band


 


Chester rutschte langsam mit dem Rücken am Brückengeländer hinunter, bis er auf dem Asphalt zu sitzen kam. Er lachte. Er lachte laut und schüttelte immer wieder den Kopf. Inzwischen war er und auch Alex vom Regen komplett durchnässt. Alex setzte sich neben ihn und sah ihn fragend an.


»War es das, was du wolltest?«, fragte er und um seine Mundwinkel zuckte es.


»Was?«, schniefte Chester und zog lautstark die Nase hoch.


»Nass werden meine ich«, kam es von Alex und jetzt prusteten beide los. Es war wie ein Befreiungsschlag. Chester mochte nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre, hätte sein Freund ihn nicht rechtzeitig angerufen. Nein! Er wollte es sich nicht vorstellen. Nicht jetzt!


»Nolan sagte, wir sollen vorbeikommen, oder?«, japste er nach einer Weile, in der er und auch Alex total hysterisch gelacht hatten.


»Hat er gesagt«, bestätigte Alex.


»Du wüsstest, wo?«


»Allerdings.«


»Ist es weit?«


»Nein. Überhaupt nicht.«


»Auf was warten wir dann noch?«


»Keine Ahnung«, schnaufte Alex, erhob sich und reichte Chester die Hand, um ihm aufzuhelfen. Ein komisches Bild, wo doch Alex so schmächtig war und Chester ihn um mehr als eine Haupteslänge überragte. Chester griff zu und als er sich schwungvoll erhob, stürzte Alex fast wieder auf den Boden. Jetzt mussten sie erneut lachen und das taten sie immer noch, als sie in die Stadt liefen. Alex schob sein Fahrrad, was aufgrund seiner Aktion von vorhin mit einem lädierten Vorderreifen nicht mehr richtig geradeaus rollen wollte. Das wiederum bewies Chester, dass Alex in ehrlicher Sorge um ihn zur alten Brücke geeilt war.


Vollkommen durchnässt kamen sie an einem Hotel an, in dem sich die Zimmerpreise in utopischen Höhen bewegten.


»Hier sind sie abgestiegen?«, fragte Chester und sah an der Fassade des Hauses hinauf.


»Jep«, kam es nur kurz von Alex, der sein kaputtes Fahrrad einem Pagen in die Hand drückte, welcher eilig auf die beiden zugelaufen kam. Man sah dem Mann in seiner schmucken Uniform deutlich an, dass er mit der äußeren Erscheinung der beiden Männer nicht zufrieden war. Mit spitzen Fingern nahm er den Lenker und eierte dann mühevoll davon. Das Bild ließ Chester und Alex wiederholt laut lachen, was dem Herrn in Uniform wohl noch mehr Unbehagen bereitete.


»Wir sehen echt aus wie zwei räudige Straßenköter«, meinte Chester, als er sein Spiegelbild in der verglasten Eingangstür des Hotels erblickte.


»Wenn schon«, kicherte Alex übermütig. »Komm, das wird lustig!« Damit verschwand er durch die Tür in die elegante Hotellobby. Chester tat es ihm gleich. Die Blicke der dienstbeflissenen Mitarbeiter des Hotels bohrten sich durch den regennassen Stoff seiner Jacke. Er sah wirklich erbärmlich aus. Sein Haar klebte an seinem Schädel, die Klamotten waren durchweicht und er hatte sich heute Morgen auch nicht die Mühe einer Rasur gemacht. Wozu auch? Er wollte doch gehen! Für immer! Alex sah genauso jämmerlich aus, stellte Chester fest, als sein Freund sich auf den Weg zur Rezeption machte. Unterwegs wurden beide von einem übergewichtigen Mann aufgehalten. Der Typ trug einen viel zu engen Anzug und schwitzte ziemlich.


»Ich glaube, dies ist nicht das passende Hotel für Sie«, näselte er von oben herab die beiden Männer an.


»So? Glauben Sie«, näselte Alex gekünstelt zurück. »Woran glauben Sie, das erkennen zu können?«


»Nun ja«, schnaufte der Dicke vor ihm und rang nach Worten.


»Wir beide wollen zu Nolan. Nolan von den NUYS, wenn Ihnen das was sagt. Er erwartet uns.«


»Ach so, ja, das ist ja dann was anderes«, grunzte der Mann urplötzlich sehr wohlwollend und rief der Rezeptionistin zu, sie möge in der Präsidentensuite anrufen. Mister Nolan hätte Besuch. Dann hörte man, wie sie sagte:


»Ja, zwei – äh – Herren.« Sie lauschte einen Moment und winkte kurz darauf den Pagen zu sich, der eben noch Alex Fahrrad fortgeschafft hatte.


»Bring die Herren bitte in die Suite nach oben, Jeff!«, befahl sie sichtlich angewidert. Wie konnten auch zwei so heruntergekommene Gestalten es wagen, in so ein Luxushotel einzutreten? Im Aufzug lachten Alex und Chester abermals los und Alex meinte:


»Wetten, die wischen jetzt die ganze Lobby durch, damit man unsere Dreckspuren nicht mehr sieht?«


Der Page, den die Dame vorhin Jeff genannt hatte, schaute verlegen zur Decke der Aufzugskabine, doch man sah deutlich, dass auch seine Mundwinkel zuckten.


»Kannst ruhig mitlachen«, kicherte Chester. »Wir verpetzen dich nicht!«


Nun endlich schmunzelte Jeff vornehm. Immerhin!


Der Aufzug hielt und Jeff tippte auf dem Bedienfeld des Fahrstuhles etwas ein. Kurz darauf öffneten sich die Türen und gaben den Blick in eine enorm große, ungeheuer luxuriöse Suite frei. Geradeaus sah man ein riesiges Panoramafenster, das hoch über den Dächern von Glasgow den Blick über die Stadt ermöglichte. Davor stand Nolan. Er hatte den Ankömmlingen den Rücken zugewandt und telefonierte offenbar. Jeff machte eine Handbewegung die Alex und Chester nun in den Raum eintreten ließ. Dann schlossen sich die Aufzugtüren kaum hörbar.


»Es ist mir egal, wie du das machst, Dana!«, hörte man Nolan sagen. »Das muss einfach klappen. Wir reden später weiter. Ich habe Besuch. Bis dann!«


Jetzt drehte Nolan sich endlich um und Chester blieb im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weg. Er war es tatsächlich! Nolan von den NUYS. Chester hatte ihn so oft in Aufzeichnungen auf der Bühne gesehen, hatte ihn in den Zeitungen betrachtet und jetzt stand er leibhaftig vor ihm! Das war schlicht und ergreifend unfassbar. Auch ohne seine Bühnenklamotten war er eine beeindruckende Gestalt. Hochgewachsen und muskulös. Sein langes, braunes Haar war zu einem losen Zopf gebunden. Auf der Bühne trug er es immer offen. Nolan war ein Womanizer durch und durch. Er hatte große blaue Augen, die in einem auffallenden Kontrast zu seiner eher südländisch wirkenden Erscheinung standen. Das musste man sich einfach eingestehen. Selbst jetzt in Sweatshirt und Jeans wirkte er so wie auf der Bühne. Etwas Mystisches war an ihm. Etwas, was ihn jedoch auf Anhieb sympathisch machte.


»Na?«, lächelte er freundlich. »Steht nicht so rum, kommt doch näher!«


»Wir sind leider in den Gewitterschauer geraten!«, stammelte Chester hilflos. Was ihm eben noch völlig egal gewesen war und ihn eher zum Herumalbern gereizt hatte, war ihm auf einmal äußerst peinlich!


»Ist doch nur Wasser, oder?«, kommentierte Nolan und deutete auf das riesige Sofa, das diesen Raum dominierte. »Setzt euch doch. Ich bezahle schließlich einen Haufen Geld für diese Suite. Da kann man ja wohl erwarten, dass man sich auch mal mit nassen Klamotten auf das Sofa setzen darf, stimmt’s?«


Chester folgte schweigend und setzte sich. Alex blieb noch stehen.


»Du bist also der, den Alex uns als Fahrer vorschlagen will?«, fragte Nolan und setzte sich Chester gegenüber. »Kannst du denn mit einem so großen Truck umgehen?«


»Klar, hab’s ja gelernt.«


»Wir können nachher mal nach unten gehen. Er steht hinter dem Hotel im Hof. Dann kannst du dich mal mit ihm vertraut machen. Ist schon ein heißes Spielzeug.« Nolan grinste. »Ich muss aber die anderen noch fragen, ob das in Ordnung ginge. Aber ich denke, die haben nichts dagegen. Immerhin stehen wir unter Zeitdruck. Übermorgen sollen wir in Edinburgh sein und, tja, das wird knapp.«


»Wenn man das Aufbauen mit einbezieht«, hörte man plötzlich vom Aufzug her. Chester hatte es nicht mitbekommen, dass sich die Türen des Fahrstuhles geöffnet hatten. Mit einem Mal standen Uther, Steve und Yankee im Raum. Chester war versucht, wie ein kleines Kind durch ein lautes „Boah“ sein Erstaunen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen aber stand er auf und starrte die drei Neuankömmlinge unverhohlen mit offenem Mund an. Alex schmunzelte.


»Ich habe euch ja gesagt, dass er ein echter Fan von euch ist. Jetzt guckt ihn an! Der macht sich gleich ins Höschen«, kicherte er los.


»Ist ja niedlich«, alberte Steve und ging zur Bar, die sich hinter Nolan an der linken Seite des Raumes befand. Er schenkte sich ein Wasser ein.


»Wasser?«, fragte Chester blöde und Steve lachte:


»Klar! Oder hast du gedacht, dass wir hier saufen, Koks verkonsumieren und rumhuren?«


»Irgendwie schon«, murmelte Chester betreten und sah hilflos zu Nolan.


»Da muss ich dich enttäuschen«, ließ der verlauten. »Bei besonderen Anlässen gönnen wir uns höchstens mal ein Gläschen. Ansonsten gibt es für uns von der Band keinen Alkohol, keine Drogen und auch keine leichten Mädchen. Ich meine, was du draus machst, ist dein Ding. Aber wenn dir der Sinn nach so was steht, dann versuche uns da nicht mit reinzuziehen.«


»Haben wir wirklich so ein Image da draußen?«, fragte Uther.


»Nein, ich meine ja. Quatsch natürlich nicht! Aber wer glaubt das schon von einer Rockband.«


»Tja, unser Problem, was. Also, wenn wir jetzt schon alle da sind, kann ich euch ja fragen, wie ihr darüber denkt. Sollen wir es mit Chester versuchen?« Nolan sah seine Bandkollegen lange an und schließlich sagte Yankee:


»Klar. Testen wir es aus. Hast du das Biest schon gesehen?« Die Frage war an Chester gerichtet, der das verneinte:


»Nein, nur mal in einem kurzen Video und da auch nur von außen.«


»Ist ein amerikanisches Modell. Verdammt groß. Du könntest sogar auf dem Bock wohnen. Dort drin gibt es einen großzügigen Schlafplatz und sogar eine kleine Küche. Dusche und sanitäre Anlagen findest du beinahe an jedem Platz, den wir ansteuern«, erklärte Nolan. »Schau ihn dir an und sag uns Bescheid, okay?«


»Ich geh mit ihm runter«, sagte Uther sofort und ließ den Aufzug nach oben kommen. Nolan nickte nur und kurze Zeit später stand Chester vor dem Tourtruck der NUYS. Dem Biest oder Ungeheuer wie die Fans ihn nannten. Es war ein Mack. Eine riesige Zugmaschine in pechschwarzer Lackierung. Dahinter hing normalerweise ein Auflieger, in dem die Band alle Musikinstrumente und die komplette Bühnenelektronik in unzähligen Kisten verstaut hatte.


»Das ist sie«, ließ Uther hören. »Unsere Bestie. Kannst ruhig mal reinschauen. Wie gesagt, ist quasi eine Wohnung auf Rädern. Eddy, der ihn bisher fuhr, hat während der Tourneen tatsächlich hier drin gewohnt. Er wollte verhindern, dass jemand unsere Sachen klaut, wenn wir irgendwo abgestiegen sind. War ein Guter, der Eddy.«


Chester öffnete die Fahrertür und kletterte nach oben auf den Sitz. Es war ein erhabenes und absolut irres Gefühl da drinnen. Hinter ihm gab es eine Schlafpritsche, eine kleine Bordküche, ein Fernsehgerät und ein Radio. Vollkommen ausreichend, so fand er. Der Truck war klimatisiert, sodass es auch an heißen Tagen absolut erträglich im Führerhaus sein musste. Es gab eine Menge Elektronik, mit der er sich aber sicher schnell anfreunden würde. Diese Maschine war einfach ein Traum.


»Hat Yankee den mit auf die Insel gebracht?«, fragte Chester.


»Ja und nein«, grinste Uther. »Als wir nach so etwas gesucht haben, hat er den Mack vorgeschlagen und Eddy war sofort Feuer und Flamme. War nicht einfach, den herzubekommen.«


»Glaub ich sofort.«


»Hat Nolan schon über die Bezahlung gesprochen?«


»Noch nicht. Ich denke, das tut er, wenn er erfährt, ob ich den Job annehme.«


»Und? Willst du?«


Chester atmete tief ein. Der Truck roch fast wie neu. Eine Mischung aus Leder und Kunststoff, was da seine Nase aufnahm.


»Verdammt, ja!«, sagte er zuerst leise, dann noch einmal lauter: »Verdammt, ja!«


Auf dem Weg zurück in die Suite konnte er sein Glück und die Wende, die sein Leben gerade genommen hatte, nicht begreifen. Was Nolan noch an Anmerkungen zur Bezahlung vorbrachte, streifte zwar seine Ohren und er nahm es auch auf. Doch in seinem Kopf gab es nur einen Gedanken. Er war von nun an der Truckdriver der NUYS. Er, Chester! Er und niemand anderes! Sein Herz schlug wild und er fürchtete überzuschnappen.


»Alles kapiert?«, fragte Nolan.


»Klar! Alles verstanden.«


»Dann hol deine Klamotten, kündige deine Wohnung und richte dich auf dem Truck ein. Das Ganze so schnell wie möglich. Mit dem Bühnenaufbau hast du nichts zu tun. Dafür haben wir Roadies, die dann schon vor Ort auf dich warten. Nun, wenn dir danach ist, kannst du auch helfen. Kein Ding. Ansonsten überwachst du alles nur, damit niemand lange Finger macht, okay?«


Chester konnte nur nicken.


»Und noch eines! Auf dem Truck ist eine Kiste. Die steht ganz hinten und ist mit einem weißen Ausrufezeichen markiert. Diese Kiste wird von niemandem angefasst! Die bleibt dort stehen, egal was passiert. Da fingert keiner dran herum und auch du nicht. Diese Kiste ist tabu! Kapiert?«, sagte Yankee nun in einem sehr strengen Tonfall.


»Hab’s begriffen.«


»Gut, dann ist es beschlossen. Ches ist unser neuer Trucker! Jetzt können wir darauf anstoßen.«


Das kam von Steve, der an der Bar bereits sechs Whiskygläser gefüllt hatte und diese nun herumreichte.


»Auf eine erfolgreiche Tour!«, rief Nolan und die anderen stimmten seinem Trinkspruch zu.


»Und auf Ches, unseren neuen Fahrer«, hängte Steve an und kippte den Whisky hinunter. Danach hustete er fast fünf Minuten.


 


Der Truck


 


»Wo ist denn Alex abgeblieben?«, fragte Chester mit einem Mal. Das Glas, das für Alex gedacht war, stand unberührt auf einem Tisch neben dem ausladenden Sofa. Niemand hatte offenbar gemerkt, wie er verschwunden war und vor allem, wann!


»Keine Ahnung«, murrte Yankee. »Musste wohl dringend weg. Wie auch immer. Es gibt da ein paar Knöpfchen mit speziellen Funktionen im Truck, die ich dir noch erklären muss.« Diese Worte lenkten Chester von dem Gedanken an Alex ab.


»Könntest du das Ding denn auch fahren?«, fragte Chester neugierig nach.


»Ohne den Trailer hintendran bestimmt. Aber mit dem Auflieger nicht. Dazu fehlt mir das nötige Augenmaß.«


»Ich habe so einen Truck noch nie gesehen. Ich meine, weder hier in der Gegend und auch sonst nirgendwo«, sagte Chester andächtig, indem er sich die Zugmaschine wieder vor Augen führte. »Nur eben in dem einen Roadmovie, das ihr mal gemacht habt. Ja, und was man halt an Bildern von den Konzerten so zu sehen bekommt.«


»Es gibt nur den einen«, antwortete Nolan kühl. »Das ist ein Prototyp. Bislang der Einzige, den es auf dem Markt gibt. Zumindest mit der ganzen Ausstattung, so wie wir ihn haben.«


»War wohl teuer«, stellte Chester fest.


»Darauf kannst du einen lassen«, murrte Nolan. »Wie gesagt, es gibt da eine Menge Funktionen, die du garantiert so nicht kennst. Grob gesagt kann die Kiste autonom fahren.«


»Echt jetzt?«, staunte Chester. »Du meinst also, ganz ohne Fahrer?«


»Das heißt doch autonom, oder? Nun, ganz ohne sicher nicht. Schon gar nicht bei all den Wertgegenständen, die auf dem Trailer liegen. Aber du bräuchtest theoretisch nur drinsitzen und darauf achten, dass alles läuft. Wir haben das allerdings noch nie ausgetestet. Die Kiste ist einfach zu wertvoll, um sie an einem Baum oder etwas Ähnlichen zu zerlegen.«


»Kann ich gut verstehen«, brachte Chester hervor.


»Das heißt es dann auch für dich! Finger weg vom Autopiloten! Sei dir immer bewusst, was für einen Wert du unterm Arsch hast und vor allen, was hinten auf dem Trailer ist!«


Chester schluckte und konnte nur nicken.


»Noch was! Solltest du jemals in Versuchung kommen, jemanden ins Führerhaus einzuladen, gibt es mächtig Krach. Da drin hat außer dir oder einem von uns niemand was verloren. Kapiert?«


»Verstanden!« Chester begriff, was Nolan damit meinte. Also keine Frauenbesuche auf dem Truck! Das war schade, denn vielleicht hätte er damit seinen Schwarm endlich beeindrucken können. Aber was soll es, dachte Chester. Ein völlig neues Leben wartete auf ihn. Bye-bye Elisa! Bye-bye alte Wohnung. Bye-bye altes Leben!


»Du sattelst in zwei Stunden auf und rollst nach Edinburgh«, unterbrach Nolan Chesters Gedanken. »Sollte es Probleme geben, findest du ein Handy im Handschuhfach auf der Beifahrerseite. Da ist Yankees Nummer gespeichert. Punkt eins: Die gibst du niemandem raus! Punkt zwei: Nur im Notfall wird die Nummer angerufen.« Nolan wirkte sehr ernst, als er das sagte. »Wir haben ein Konzert auf der Burg oben«, fuhr er dann fort. »Ist verdammt eng mit dem Truck da hinaufzukommen.«


»Ich kenne die Straße«, bestätigte Chester. »Bin da schon mal mit einem Umzugslaster raufgefahren.«


»Ohne Schrammen?«, kicherte Steve.


»Natürlich!«, empörte sich Chester.


»Hu, sorry. War ein Scherz!«, hielt Steve sofort dagegen, als er merkte, dass er soeben Chesters Stolz ziemlich angekratzt hatte.


»Schon gut«, ließ Chester hören.


»Wenn du dort ankommst, warten acht Mann auf dich. Das ist ein Teil unserer Roadies. Die laden den Truck aus. Da sind unsere Instrumente, die Elektronik, das Mischpult, die Boxen, die Bühnenaufbauten und die Beleuchtungsanlage drauf. Zumindest das, was wir bislang an Equipment haben. Wird garantiert bald aufgestockt werden. Dann muss zwangsläufig auch noch ein zweiter Truck angeschafft werden. Aber der Mack ist und bleibt unser Aushängeschild. Vergiss nie, das hat alles eine Menge Geld gekostet! Okay, die Jungs vor Ort kümmern sich um alles, was den Aufbau angeht. Du musst einfach nur dabeistehen und aufpassen, dass sie nicht an der besagten Kiste herumfummeln. Die holt Yankee höchstpersönlich und erst kurz vor dem Gig aus dem Truck. Nur er und sonst niemand, alles klar?«


»Jep!« Chester atmete immer noch viel zu schnell. Dies alles war so unerhört aufregend, sodass er sich manchmal schwer daran tat, alles als Realität anzunehmen. Immer wieder hämmerte es in seinem Kopf, dass er nun quasi zur Band gehörte. Ihm war es absolut bewusst, dass nun ein neues Kapitel in seinem Leben begann. Er war Alex mehr als nur dankbar dafür, dass er ihm diesen Job besorgt hatte. Alex! Er musste unbedingt noch bei ihm anrufen. Alex war so still und heimlich verschwunden, dass Chester nicht einmal die Möglichkeit gehabt hatte, um sich bei ihm zu bedanken.


Das alles war so berauschend, dass ihm wirklich die Luft knapp wurde. Er saß in der Suite von Nolan, dem Leadsänger der NUYS. Er redete mit den Bandmitgliedern, die von nun an seine engsten Freunde werden sollten. Freunde? Wohl eher Arbeitgeber. Na, wenn schon! Chester war sich sicher, dass man im Leben nur ein einziges Mal so eine Chance bekommen würde. Und die wollte er sich bestimmt nicht versauen!


»Eine Frage noch«, kam es zögerlich aus seinem Mund.


»Was denn?«, forderte Nolan ihn auf, seine Frage zu stellen.


»Bei dem Konzert, darf ich da dabei sein? Ich meine, zusehen?«


»Logisch«, lachte Steve los. Die Frage, die Chester gestellt hatte, erheiterte die Männer offensichtlich. »Klar bist du dabei. Du bist ja immerhin jetzt ein Mitglied der Familie! Du kannst es dir aussuchen, ob du lieber seitlich auf der Bühne, Backstage oder vorne im Gewühle zusehen willst!«


»Dann entscheide ich mich für das Gewühle«, sagte Chester mit fester Stimme. »Ich möchte das erleben. Diese Menschen und diese unbeschreibliche Atmosphäre!«


»Heißt das, du warst noch nie auf einem unserer Konzerte?«, fragte Uther leicht verwundert.


»Hatte nie das nötige Kleingeld für ein Ticket«, stammelte Chester verlegen. Er fühlte sich ertappt.


»Hey, schon gut. Dafür kannst du jetzt jedes Konzert erleben, wenn du willst. Und natürlich auch von wo aus du willst.« Uther klopfte Chester bei den Worten versöhnlich auf die Schulter.


»Ich sollte noch mal mit Dana reden«, merkte Nolan an. »Das hörte sich ja eben an, als wären die Tickets unsagbar teuer, oder?« Die Frage war an Chester gerichtet. Der wunderte sich ein wenig, warum die Band nicht einmal die Preise für ihre eigenen Konzertkarten kannte.


»Dana ist wer?«, fragte Chester vorsichtig nach. Er erinnerte sich, dass Nolan vorhin mit einer Dana telefoniert hatte, als er mit Alex hier angekommen war.


»Die rechte Hand unseres Managers«, antwortete Nolan, während er schon das Handy am Ohr hatte. Kurz darauf hörte man ihn sagen, dass er sofort eine Aufstellung über die bislang festgesetzten Ticketpreise wollte. Offenbar wurde er gefragt, warum er sich auf einmal dafür interessierte.


»Weil ich es wissen will«, blaffte er in das Telefon und legte einfach auf. Das ließ Chester annehmen, dass Nolan der Umstand wirklich unangenehm war, so zu erfahren, dass die Tickets für die NUYS-Konzerte nicht gerade billig waren.


»Wir müssen uns mehr ums Marketing kümmern«, sagte er zu seinen Bandkollegen. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass das an uns vorbeiläuft. Wir lassen Dana viel zu viel Leine!«


»Meine Rede schon seit langem«, ließ Uther bissig verlauten, griff in eine Schale mit gerösteten Nüssen, warf eine davon in die Höhe und fing sie mit dem Mund auf. Gleich darauf folgte eine weitere.


»Mampf nicht so viele Nüsse«, motzte Steve ihn an.


»Reagierst du allergisch darauf?«, fragte Chester ziemlich naiv.


»Bisschen«, kam es von Uther, als er demonstrativ noch eine weitere Erdnuss hinterherwarf, ohne den Augenkontakt zu Steve zu verlieren. Dann grinste er hämisch.


»Wenn man auf etwas allergisch anspricht, dann sollte man das nicht tun«, meinte Chester.


»Ich kenne meine Grenzen«, ließ Uther vernehmen.


»Okay. Also zeigst du ihm jetzt alles, was er wissen muss«, ging Nolan dazwischen und sah Yankee fragend an.


»Logisch«, antwortete der knapp.


»Dann fahrt bitte mit dem Mack zum Trailer. Schau dir genau an, ob er mit dem Gespann umgehen kann.«


»Wird gemacht, Sir.«


Yankee drückte auf den Aufzugsknopf. Nolan reichte Chester die Hand und lächelte ihn freundlich an.


»Auf gute Zusammenarbeit«, sagte er, als Chester seine Hand ergriff. Steve und Uther rührten sich nicht vom Platz. Sie hoben nur die rechte Hand.


»Also, bis dann in Edinburgh«, murmelte Chester und betrat den Aufzug.


Als die Kabine nach unten fuhr, sagte er:


»Das ist alles wie ein verdammt schöner Traum!«


»Wenn du dich an die Regeln hältst, wird das sogar ein verdammt langer Traum«, meinte Yankee.


»Wenn mir einer vor wenigen Stunden gesagt hätte, dass ich der Fahrer von den NUYS werde!«


Yankee schwieg. Zusammen gingen sie zum Truck, wo Yankee sich auf den Beifahrersitz flegelte.


»Dann fahr mal los«, sagte er gelassen, um erstaunt festzustellen, dass Chester intuitiv alles richtig machte. Lediglich mit dem Head-Up Display hatte er ein wenig Probleme.


»Kannst das Ding auch ausschalten«, meinte Chesters Beifahrer.


»Nee, lass mal. Ich muss mich ja dran gewöhnen. Wo steht der Trailer denn?«


»Im Innenhof einer alten Fabrik. Gut bewacht, so hoffe ich doch!«


»Das alte Walzwerk?« Das war Chesters logische Folgerung, denn nur dort gab es einen Innenhof, der gut zu sichern war, über eine entsprechende Zufahrt verfügte und ein Trailer in der Größenordnung Platz fand.


»Kennst du? Dann fahr da mal hin.«


Chester lenkte das schwarze Ungetüm gekonnt durch den dichten Abendverkehr von Glasgow, bis sie ein altes Industriegelände erreichten.


Er hatte die neugierigen Blicke der Fußgänger und Autofahrer an den Ampeln sehr wohl bemerkt und seine Freude schlug beinahe in Euphorie um. Durch die Seitenscheibe konnte er sehen, wie die Menschen die Köpfe zusammensteckten und einige der Mädels sichtlich aus dem Häuschen waren, zumal man neben dem Fahrer deutlich ein Mitglied der NUYS ausmachen konnte. Chester befürchtete, dass die Menschen da draußen jeden Moment den Truck stürmen würden, doch sie hatten Glück. Die Ampelphasen reichten jeweils für den Augenblick des Erkennens, wem das Fahrzeug gehörte, aber dann rollte der schwarze Mack auch schon weiter.


Yankee hatte wenig einzuwenden und wirkte sichtlich gelassen, selbst dann, als Chester in dem Innenhof des alten Walzwerkes die Zugmaschine millimetergenau unter den Auflieger rangierte.


»Du hast es drauf, Mann!«, kommentierte er Chesters Fahrkünste. »Du lässt das Gespann jetzt hier stehen. Fahr mit dem Taxi in deine Wohnung und hol deine Sachen. Die Security passt derweil gut auf das Baby hier auf. Wenn du zurück bist, ruf mich noch mal auf dem Handy an.«


Yankee nahm ein Mobiltelefon aus dem Handschuhfach, winkte damit kurz in Chesters Richtung und verstaute es wieder, indem er sagte: »Das Teil bleibt hier im Laster. Wenn wir denken, dass du okay bist und keinen Mist baust, kriegst du eines, in dem alle unsere Nummern gespeichert sind. Aber denk daran! Solltest du meinen, dass du eine der Nummern an jemanden weitergeben kannst, um Eindruck zu schinden, ist dein Traum zu Ende. Und es wird ein hässliches Ende, das kann ich dir versprechen.«


»Einen Teufel werde ich tun«, brummte Chester ernst.


»Oh, die Versuchung ist groß. Ein süßes Mädel, das dich anschmachtet, du willst es beeindrucken und schon haben wir den Salat. Das darf nie passieren, kapiert? Es reicht, wenn du sagst, dass du unser Fahrer bist. Aber es wird dadurch nie Vorteile für irgendwelche Buddies oder Mädels geben. Niemals.«


»Ich habe es verstanden«, seufzte Chester. »Ihr schirmt euch ja ab wie die Queen die Kronjuwelen. Angucken ist okay, anfassen nicht.«


»So ist es, Kumpel.« Yankee stieg aus dem Führerhaus aus und warf die Tür zu. Chester tat es ihm gleich. Er bekam noch eine Art Ausweis, den er vorzeigen musste, wenn er den Truck abholen wollte. Vor der alten Fabrik warteten bereits zwei Taxen. Yankee zog sich die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf und tief in sein Gesicht. Dann verschwand er in einem der Fahrzeuge und fuhr in Richtung des Hotels. Chester stieg in das andere Taxi und fuhr zu seiner Wohnung. Jetzt war er wieder ein Nobody, den keiner der Passanten beachtete, wenn er durch die Seitenscheibe hinaussah. Chester grinste. Vor fünf Minuten noch der König und jetzt wieder ein Niemand.


»Wenn die alle wüssten«, seufzte er leise und lehnte sich zurück. So wie er hatten wohl nur wenige Menschen die Jungs von den NUYS gesehen. Lässig in Jeans und Pulli. Fast nicht wiederzuerkennen ohne ihre Bühnenoutfits. Nolan war, so fand Chester, der netteste von den vieren. Uther machte ihm ein wenig Angst. Steve schien der Gruppenclown zu sein und bei Yankee wusste Chester nicht so recht, was er von dem Mann halten sollte. Er war okay. Aber trotzdem gab es etwas an ihm, was ihn anders machte. Womöglich lag es daran, dass er aus den Staaten kam. Das war es bestimmt.


Yankee hatte ihm zusammen mit dem Ausweis noch ein paar Geldscheine in die Hand gedrückt für seine notwendigen Ausgaben. Damit bezahlte Chester nun das Taxi. Langsam stieg er die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Sie lag in einer heruntergekommenen Seitenstraße fern ab der glanzvollen Einkaufsmeilen von Glasgow. Im Treppenhaus hörte er einen Mann übelst mit seiner Frau zanken. Weiter oben plärrte ein Kind. Dazwischen dudelte irgendwo ein Radio oder ein Fernseher. Das alles war nun vorbei. Geschichte! Hastig schloss Chester seine Wohnungstür auf und warf sie hinter sich wieder zu.


 


Elisa


 


Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und schloss die Augen. Nicht auszudenken, was er versäumt hätte, wenn er tatsächlich von der Brücke in die Tiefe gesprungen wäre. Er musste unbedingt noch Alex anrufen, ehe er wieder loswollte. Doch zuerst hieß es Koffer packen. Es war nicht viel, was er mitnehmen wollte. Seine Kleidung und ein Erinnerungsfoto an seine Eltern in einem silberfarbenen Rahmen. Nein, das warf er wieder aus dem Koffer auf den Boden, wo es klirrend auftraf. Das Glas des Bilderrahmens war in tausend Stücke zersprungen, was Chester allerdings nicht kümmerte. Er riss alle Schranktüren auf und suchte nach anderen Gegenständen oder Erinnerungsstücken, die er mitnehmen könnte.


Er fand lediglich einen kleinen, arg ramponierten Stoffaffen. Den hatte ihm ein Mädchen in der Grundschule geschenkt. Chester war damals für sein Alter schon sehr hochgewachsen. Allerdings hatte er unnatürlich lange Arme. Darum meinte Sophia, er würde aussehen wie ein Affe. Und außerdem gäbe es einen Zirkus in Glasgow, wo auch ein Affe namens Chester auftreten würde. Chester konnte nie herausfinden, ob sie die Wahrheit gesagt hatte. Wohl eher nicht. Seine langen Arme verwuchsen mit der Zeit und im Alter von siebzehn Jahren hatte er vollkommen normale Proportionen. Aber den Stoffaffen behielt er als Andenken. Irgendwie war der zu seinem Talisman geworden. Also musste er nun auch in die geräumige Reisetasche.


Er sah sich um. Auf dem winzigen Tisch in der Ecke, in der er seine Küche eingerichtet hatte, lag noch der Brief. Sein Abschiedsbrief. Zögernd nahm er ihn in die Hand. Dann zerriss er ihn in kleine Schnipsel und lachte dabei. Das Leben hatte ihn wieder. Mit Haut und Haar! Fast hätte er das leise Klopfen überhört. Da war jemand vor seiner Tür! Er war doch hoffentlich nicht zu laut gewesen? Oder dachten die Nachbarn, dass hier ein Einbrecher zugange wäre? Bei den papierdünnen Wänden hatten die bestimmt mitbekommen, wie der Bilderrahmen auf dem Boden zerschellte.


»Wer ist denn da?«, rief Chester und lauschte. Es dauerte eine Weile, ehe eine Antwort kam:


»Elisa«, hörte er eine Frauenstimme. Sein Herzschlag setzte aus. Ja, sie wusste, wo er wohnte. Hatte er doch vor nicht allzu langer Zeit ein Date mit ihr hart erkämpft und sie dann dummerweise mit in seine Wohnung genommen. Das war der größte Fehler, den er machen konnte. Viel zu spät merkte er, dass sie sich nur über ihn lustig machte.


»Elisa?«, fragte er ungläubig nach.


»Ja, ich bin es. Kann ich reinkommen?«


Mit fahrigen Händen fuhr Chester sich durchs Haar, warf einen Blick in den Spiegel ohne überhaupt wahrzunehmen, was er darin sah, und riss die Tür auf. Es war tatsächlich Elisa, die da im Flur stand …


 



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