Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Tanz ins Flutlicht
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Tanz ins Flutlicht, Lina Kaiser
Lina Kaiser

Tanz ins Flutlicht



Bewertung:
(286)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1764
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
www.lesbische-bücher.de
Drucken Empfehlen

Prolog


Bunte Scheinwerfer begleiten die tanzenden Paare zur Musik. Lächelnde Gesichter zu schön verpackten Körpern. Meine Mitschüler sind voller Freude, künftig keine Mitschüler mehr zu sein. Voller Vorfreude auf das neue, aufregende, kommende Leben in der Erwachsenenwelt. Als würde das besser werden. Milan und Jessica drehen sich im Kreise, er entdeckt mich hier, zwinkert mir kurz zu und verschwindet irgendwo inmitten der tanzenden Masse. Bald kann ich ihn nicht mehr ausmachen zwischen all den fliegenden Armen, Beinen, zurückgeworfenen Köpfen, hochschwingenden Kleidern und hochgerafften Ärmeln. Ich schaue zu meinem Tisch zurück. Mama und Papa unterhalten sich lebhaft mit Milans Eltern. Lea und Tobias halten Händchen und nippen immer mal wieder vorsichtig am Wein. Ich bleibe am Rand der Tanzfläche stehen, will weder vor noch zurück. Mein Sektglas ist der einzige Halt, den ich habe. Teilnahmslos und unbeachtet betrachte ich die Leute bei ihrem geselligen Miteinander. Ganz gleich, ob ich sie gut kenne oder nur kaum – mich überkommt mehr und mehr das Gefühl, gerade den einsamsten Moment meines Lebens zu verbringen.


Das ist er also, mein Abiball. Das offizielle und feierlich begossene Ende meiner Schulkarriere. Ich sollte glücklich sein. Oh ja, ich sollte wahnsinnig glücklich sein, es überhaupt hierher geschafft zu haben. Das hat mich genug Kraft gekostet und es ist ja auch zweifelsohne eine Errungenschaft, sich Abiturientin nennen zu können. Ja. Schon klar. Vielleicht bin ich gerade auch einfach nur ein wenig schwermütig, weil es hier um einen Abschied geht.


Und zwar nicht nur um irgendeinen, nein, ich verabschiede mich hier so eben von meiner Jugend. Zwölf Jahre bin ich jeden Tag zur Schule gegangen und plötzlich soll alles vorbei sein … Naja, nicht plötzlich, es hat lange genug gedauert. Eigentlich bin ich heilfroh, dass es endlich vorbei ist. Auch, wenn nun unsichere Zeiten vor mir liegen. Vielleicht fühle ich mich deprimiert, weil ich der Sicherheit beraubt werde, die mir der Schulalltag bot. Ich wusste, wo ich hinzugehen hatte und ich wusste, was man dort von mir verlangte. Irgendwie war das bequem. Tja. Möglicherweise fühle ich mich aber auch so mies, weil ich diese Leute da auf der Tanzfläche irgendwie vermissen werde. Was haben wir viel Zeit miteinander verbracht! Jetzt werden wir alle auseinanderdriften und die meisten werde ich nie wiedersehen. Ein warmes Gefühl durchströmt mich bei diesem Gedanken. Nein, das macht mich definitiv nicht traurig.


Ich sehe Milan wieder seine Jessica drehen und dann lachen sie überschwänglich. Sie wirft den Kopf in den Nacken, lacht noch lauter, so laut, dass sie sogar die Musik übertönt. Echt schön für die beiden. Das ist Glück. In einem Zug leere ich mein Sektglas und greife mir vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners ein weiteres. Hoffentlich stellt sich gleich endlich ein Schwipps ein, das könnte meine Rettung sein. Schließlich kann ich hier nicht als Erste verschwinden, wie armselig würde das bitte aussehen … Nein, wenn hier schon alles endet, dann wenigstens mit einer ordentlichen Feier. So gehört sich das, nach 12 Jahren Schule. Und so gehört sich das erst recht, wenn man in weniger als einem Jahr sein komplettes Leben umgestellt hat, denn das habe ich. Ich bin nicht mehr die Katinka, die ich noch im letzten Winter war. Vermutlich passiert das mit einem, wenn man zum ersten Mal mit der Liebe zu tun hat. Sie verändert einen zwangsläufig. Vielleicht kann man sich aber auch einfach nicht ganz verändern und bleibt doch immer im Grunde seines Wesens derselbe Mensch. Ach, ich weiß es nicht. In jedem Fall stünde ich hier anders, als ich es jetzt tue, wäre mir im vergangenen Winter nicht etwas Entscheidendes passiert. Ich habe mich verliebt. In ein anderes Mädchen. Und als wäre das nicht schon verrückt genug – sie hat sich auch in mich verliebt. Wieder nehme ich einen tiefen Schluck vom prickelnden Sekt. Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Ein halbes Jahr, das mich nun hier in den Schatten abseits der Tanzfläche und ins Versteck vor den bunten Lichtern führte, statt ins Getümmel, wo dieses verdammt nochmal heiß ersehnte Abitur gefeiert wird. Tja, Katinka Ebbers, es ist schon eine Leistung, selbst an einem Abend wie diesem in Depressionen zu verfallen. Dass ich Trübsal blase, liegt weder daran, dass die Schulzeit endet, noch an meiner plötzlich aufkommenden Sympathie für meine Mitschüler. Als ob. Nein. Kopfschüttelnd verfolge ich das Treiben auf der Tanzfläche, vom Spektakel verhöhnt und von meinen Gedanken gequält: Wie bin ich bloß hierher gekommen? Ich nehme einen tiefen Schluck prickelnden Sekts. Im Glas spiegelt sich etwas Rotes.


 


Februar


»Mama, Papa, kann ich euch vielleicht eine Sekunde lang sprechen?« Meine Stimme klang wackliger als beabsichtigt. Das konnte ich mir verzeihen. Schließlich hatte ich sowas noch nie gemacht. Meine Eltern saßen vor dem Fernseher, es lief gerade die Tagesschau und ich wollte es hinter mich bringen, bevor ihr heißgeliebter Tatort begann. »Hast du was angestellt?«, fragte mein Vater mit gespielt entrüstetem Gesichtsausdruck. Ich zog die Mundwinkel hoch und mimte ein Lächeln. Anders konnte ich darauf nicht antworten. Meine Mutter zeigte auf einen freien Platz am Ende des Sofas. »Klar, Schätzchen, schieß los, aber beeil dich, heute soll der Tatort echt gut sein!«


»Ja. Okay.« Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz und suchte nach den Worten, die ich mir vorher so sorgfältig überlegt hatte. Ich hatte so ein unerträgliches Kribbeln in den Armen und Beinen, so dass ich einen irrsinnigen Bewegungsdrang verspürte. Bei dem Versuch möglichst locker zu sitzen, wippte ich mit dem Knie. Mein Vater drehte die Lautstärke des Fernsehers runter und bewirkte dadurch nur, dass ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hören. Meine Eltern schauten mich mit großen Augen an. Nach ein paar Sekunden geduldigen Schweigens zuckte meine Mutter schließlich mit den Schultern und sagte: »Und?«


Mein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. »Sorry. Ich weiß nicht ganz, wie ich anfangen soll«, druckste ich. Nun löste sich mein Vater aus seiner gefläzten Fernseh-Haltung, beugte sich vorn über und musterte mich aufmerksam. Er hatte wohl verstanden, dass ich hier mit keiner Kleinigkeit aufwarten würde. Und so war es ja auch. Es ging hier um nicht weniger, als alles. Ich holte tief Luft und sagte: »Ich … Ich muss euch etwas sagen, weil ich es euch nicht nicht sagen kann, wenn ich ganz ich selbst sein möchte. Und glaubt mir, ich habe lange gebraucht, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was ›ich selbst‹ eigentlich heißen soll. Aber jetzt ist es eben so, wie es ist und ich kann es auch nicht ändern oder rückgängig machen. Das will ich auch gar nicht. Deswegen muss ich es euch einfach sagen und ich hoffe …«


»Komm zum Punkt, Tinka«, fiel mir mein Vater ins Wort, woraufhin meine Mutter ihm einen Klaps auf sein Bein verpasste und meinte: »Sei mal nicht so unsensibel.«


»Naja sie sind schon beim Wetterbericht und Tinka hält hier eine Rede, als ob sie uns auf irgendetwas unglaublich nachdrücklich vorbereiten müsste.«


»Anscheinend hat sie das Gefühl, dass sie das tun muss.«


»So wild kann es ja gar nicht sein.« Mein Vater sah mich mit amüsiertem Gesichtsausdruck an. »Was ist? Bist du schwanger?« Ich muss wohl ein schockiertes Gesicht gemacht haben, auf jeden Fall machte meine Mutter plötzlich große Augen, als hätten sie mich gerade entlarvt. »Um Gottes Willen, nein!«, beruhigte ich sie sofort und mein Vater lachte laut. »Na also! Was möchtest du uns dann mitteilen, das schockierender sein könnte als eine Schwangerschaft?«


In einem überwältigenden Anflug von Peinlichkeit vergrub ich mein Gesicht in den Händen und seufzte: »Ach Papa, allein, dass du überhaupt darauf kommst, ich könnte schwanger sein …«



»Ich ahne, was los ist«, sagte meine Mutter dann. Zögerlich lugte ich hinter meinen Händen hervor und sah sie ganz entspannt dreinschauen. »Soll ich meine Vermutung aussprechen?«, fragte sie mich. Einen kurzen Moment musste ich überlegen. Möglicherweise wusste sie ja tatsächlich, was ich sagen wollte. Andererseits konnte es auch sein, dass sie eine weitere falsche, peinliche Vermutung aufstellen wollte, die die Situation nur noch unangenehmer machen würde. Ach, es war alles peinlich, egal was ich hätte tun oder sagen können! Ich nickte ihr zu. Sie neigte den Kopf zur Seite und legte diesen übertrieben verständnisvollen Blick auf, der zwar irgendwie albern aussah, mir aber sofort klar machte, dass ich meiner Mutter einfach nichts vormachen konnte. »Kann es sein, dass es dir hier um dieses Mädchen geht, diese Emilia?« Ich verharrte regungslos und schwieg. Also sprach sie weiter: »Kann es sein, dass du in ihr nicht, wie du versucht hast uns weiszumachen, ganz plötzlich eine neue beste Freundin gefunden hast, sondern etwas … anderes?« Ich hatte bereits festgestellt, dass es ein dummer Versuch gewesen war, Emilia als eine über Nacht neu gefundene gute Freundin zu verkaufen. Dafür traf ich sie einfach zu oft und zu lang und dafür kannten meine Eltern meinen sonst eher überschaubaren Freundeskreis zu gut. Trotzdem war ich verblüfft über die Kombinationsgabe meiner Mutter. Mein Vater sah meine Mutter mit undefinierbarem Blick von der Seite an. Das süffisante Lächeln hatte er abgelegt.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 9 secs