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Belletristik
Buch Leseprobe Tagebuch einer Expedition, Kirsten Kühlke
Kirsten Kühlke

Tagebuch einer Expedition



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Darwin!
Genau. Ich könnte den riesigen Eisbergen hinterherschauen, die träge dem fernen Horizont entgegenschwimmen, und dabei ganz fest an einen Satz Darwins denken. Ein prophetischer Satz:

Es hat den Anschein, als sei der Sinn fürs Käfersammeln ein Zeichen für zukünftigen Erfolg im Leben.

Ich könnte mit meinem kleinen Kajak zwischen kalbenden Gletschern im Eismeer des Polarkreises tanzen und ein wissenschaftliches Journal führen, mit stummelkurzem Stift in der behandschuhten Faust festhalten, wieviel Tonnen Eis sich mit leisem Rascheln von der Brust des turmhohen Giganten vor mir lösen.
Sinn fürs Käfersammeln, Erfolg im Leben.
Neben einem Spargelacker sah ich als Zehnjähriger ein Ungeheuer, ein schwarzes Insekt, so groß wie mein Fuß, mit riesigen, schaufelartigen Klauen, gewölbten Flügeldeckeln wie aus glänzendem Stahl und gewaltigen Sprungschenkeln. Eine Maulwurfsgrille, belehrte man mich, als ich aufgehört hatte zu schreien, volkstümlich auch Erdwolf genannt.
Gryllotalpa gryllotalpa – die exakte Bezeichnung. Ich habe das mittlerweile nachgeschlagen, und Sinn fürs Käfersammeln bedeutet natürlich übersetzt:
Gespür fürs wissenschaftliche Detail besitzen, den Blick für Kleinigkeiten haben, geduldig beobachten können.
Habe ich, kann ich! Im Dschungel genau wie in der Arktis.
Lieber vielleicht doch in der Arktis:
Langsam glitte das uralte Eis wie eine Serviette aus steifer Seide nach unten, gleich würde es sich aufwerfen in tausend Falten, im Aufruhr der Bewegung dunkler werden. Zischend, wie etwas sehr Heißes, sänke es dann durch die brodelnde Wasseroberfläche. Sekunden später würden harte kleine Wellen mein Kajak schütteln, Schollen noch in tausend Meilen Entfernung aneinanderklicken, und weil es so laut wäre in der Arktis und gleich darauf so still, müßte ich wieder einmal feststellen, wie nah sich die Extreme doch sind; so nah, daß man sie gar nicht leicht voneinander unterscheiden kann. Laut, leise, heiß, kalt, Käfer, Grille oder Ungeheuer.
Alles sehr nah beieinander.
Das gilt sowohl für die Beobachtung als auch fürs Experiment. Denn wenn ich meinen nackten Fuß in eine dampfende Flüssigkeit tauche, weiß mein Hirn auch nicht gleich, ist es heiß, was da wehtut, oder kalt? Siedendes Wasser oder flüssiger Stickstoff?
Genauso ist es natürlich mit den Menschen; auf den ersten Blick weiß man nie, was sie für Auswirkungen haben können.
Folglich muß jemand da sein, der auf die Kleinigkeiten achtet, hinschaut. Ein Forscher. Ich. Wenn Eisberge bersten oder Gletschermassen ins arktische Meer stürzen – nur als Beispiel –, dann würde ich nicht mal mit der Wimper zucken, sondern bloß mit der Stoppuhr festhalten, wie lange das genau dauert. Ein Forscher stellt fest, was wir wissen können von den Menschen und ihrer gefährlichen Behausung, der Welt. Gegebenenfalls muß er auch Käfer sammeln.
So denke ich mir das. So stelle ich mir das vor.
Und morgen breche ich endlich auf. Eine Expedition.

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