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Sorgenpflanzen


von Neslihan Minaz

belletristik
ISBN13-Nummer:
B08V87F1DR
Ausstattung:
eboook, 350 Seiten
Preis:
0.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Kontakt zum Autor oder Verlag:
neslihan.minaz@gmx.at
Leseprobe

Eigentlich bestand ich darauf, mit einer Lehrerin zu arbeiten, aber meine Eltern waren der Meinung, dass Männer für Mathematik besser geeignet wären.\" Und sie ist vor allem ehrlich. Der Nachhilfelehrer schätzt Menschen, die sich nicht vor der Wahrheit scheuen. „Das freut mich zu hören, aber ich sehe das nicht so. Du anscheinend auch nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, meintest du bei der letzten Einheit, dass du mit der Nachhilfe zufrieden warst.\" Während Jasmin ihre Schulhefte und Stifte auf dem Ecktisch in ihrem Zimmer bereitstellt, packt Samuel zwei glänzend grüne Äpfel und ein kleines, weißes Keramikmesser aus seiner Stofftasche. Hängende Freundschaftsfotos gewinnen beim Lehrer keine besondere Aufmerksamkeit. „So ist es. Sie haben mir bei meinen Hausaufgaben sehr geholfen\", antwortet Jasmin verwundert über Samuels Gegenstände. Ist das seine Jause? „Oh verzeih\' bitte, habe ich mich noch nicht vorgestellt? Ich bin Samuel, oder kurz Sam und möchte bitte per Du kommunizieren, sonst fühle ich mich so alt. Was ist dir lieber, Du oder Sie?\" Jasmin erinnert sich daran, wie sich Samuel die Woche davor mit fast der exakten Wortwahl vorstellte. „Sorry, hab\' ich vergessen. Ja, wir können per Du sein.\" Irgendwie findet Jasmin keinen Gefallen an den zwei Äpfeln und dem scharfen Messer. „Das letzte Mal hattest du übrigens deine Hausaufgaben selbst gelöst.\" Aus seiner Stofftasche holt er ein rechteckiges Holzbrett und legt es neben den zwei Äpfeln. Jasmin kratzt sich fragend am Kopf. „Wie meinst du das?\" Die junge Schülerin blickt ihn verwirrend an. Warum hat er diese Dinger mit? „Genau so wie ich es sagte. Ich habe dich nur mit Fragen begleitet, die du selbständig beantworten konntest. Heute bringe ich dir etwas Neues bei.\" Dabei deuten seine hellen Augen auf die vorbereiteten Gegenstände auf dem Tisch. Jasmin blickt ihn forschend an, um eine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten zu finden. Brünett, schlank, fast schon zu schlank, freundliches, unschuldiges Gesicht. Gefährlich aussehen tut er nicht. „Ähh … wir hätten zu Hause auch Messer und Schneidebrett g\'habt\", informiert sie den Lehrer, der sie fast ignorierend anlächelt, „wollen wir nicht lieber den Schulstoff durchgehen?\", schlägt sie schüchtern vor. Samuel blickt seiner neuen Schülerin fragend in die verwirrten, dunkelbraunen Augen. „Möchtest du das wirklich?\" Er wendet seinen schmalen Sehwinkel seufzend wieder zu den Äpfeln, als ob er eine besondere Beziehung mit ihnen hätte, aber die Hoffnung auf einmal verlor. Jasmin merkt, wie die Motivation des Lehrer langsam nachgibt. Die Sprachlosigkeit hat sogar die Welt ihrer Gedanken erreicht. „Na gut, wir können auch einen anderen Stoff durchgehen. Aber die Hausübung muss ich auf jeden Fall erledigen.\" Sie will ja nicht unhöflich sein. Die Augen der beiden mit Spannung gefüllten Gesichter treffen sich. „Müssen. Mhm. Müssen. Dazu kommen wir noch, aber nicht heute.\" Samuel versetzt Jasmin tiefer in Verwirrung. Ihre Gedanken wieder wach. Was läuft hier eigentlich ab? „Was meinst du damit? Ich muss die Hausaufgaben heute wirklich erledigen!\", verdeutlicht die Schülerin. Er schiebt die Äpfel in die Mitte des Ecktisches und wundert sich über Jasmins verdutzten Blick. „Natürlich, natürlich. Die Aufgaben erledigen wir in den letzten zehn Minuten. Das Müssen meinte ich verschieben wir auf ein anderes Mal. Aber jetzt lernen wir das Addieren.\" Jasmin weiß noch immer nicht, ob sie sich in einem falschen Film befindet. Hat er vollkommen den Verstand verloren? „Aber, ich kann doch schon addieren!\", lacht Jasmin den Lehrer aus. Oh, Mann. Muss ich mir das wirklich antun? „Da bin ich mir nicht so sicher\", meint Samuel. Jasmin starrt den merkwürdigen Lehrer entsetzt an. Sag\' doch gleich, dass ich dumm bin! Samuel nimmt die Irritation seiner Schülerin deutlich wahr. Jasmin versucht ihren Senf dazuzugeben: „Ähh …\" Samuel unterbricht sie dabei: „Doch bevor wir zur Addition kommen, möchte ich dir einige Fragen stellen, wenn ich darf.\" Fragen? Was für Fragen? Gespannt wartet Jasmin auf die kommenden Worte. Was will er von mir? „Darf ich?\", fragt Samuel breit grinsend nach. Mit offenem Mund ihn anstarrend, gibt sie ihm ein stotterndes „Okay.\" Jasmin beobachtet die wackelnden, nachdenkenden Augen, die auf das Fenster zeigen. Seine Stirn zieht die Augenbrauen hinauf, während der Mund eine kleine Portion Luft einatmet, damit das erste Wort ertönen kann. Doch die Lippen pressen sich zu einer waagrechten Linie, welches mit dunklen, dichten Stoppelhaaren beschmückt ist, zusammen und die hellen Augen wandern blinzelnd zur Schülerin, deren Nasenspitze erwartungsvoll zum Lehrer hinauf zeigt. Samuel findet großen Gefallen an der Neugier seiner neuen Schülerin. „Was denkst du ist meine Hauptaufgabe, hier in diesem Moment?\" Samuel versetzt die Schülerin erneut in Konfusion. Wie wenn ihre Mutter sie an einem stink normalen Tag plötzlich fragen würde: „Bist du dir denn auch sicher, dass ich deine Mutter bin?\" Nach wenigen Atemzügen ziehen sich ihre rechte Schulter und ihr rechter Mundwinkel gegenseitig an. „Naja, du bist hier, um mir in Mathe zu helfen.\" Der Lehrer scheint nicht zufrieden zu wirken mit dieser Antwort. Warum fragt er mich das? „Warum soll ausgerechnet ich dir in Mathe helfen und nicht die Putzfrau des Stiegenhauses?\" Samuel amüsiert sich an Jasmins oval förmigem Kopf, der ihn so anstarrt, als ob er den größten Idioten sehen würde. „Na, weil du Mathematik studiert hast und die Putzfrau nicht.\" Die Selbstverständlichkeit dieser Aussage hält den Lehrer von weiteren Fragen nicht ab. „Warum bist du dir so sicher, dass die Putzfrau nicht Mathe studiert hat?\" Jasmin kann sich kein lautes Lachen verkneifen. Das ist echt wie in einem falschen Film! „Ähm … also …\" Die Schülerin versucht ihr Gelächter zu beruhigen, während Samuel ihr Verhalten genau beobachtet. „Weil sie durch das Putzen Geld verdient, gehe ich davon aus, dass sie nicht Mathe studiert hat. Sonst würde sie was anderes machen. Vielleicht studiert sie nebenbei, das kann natürlich auch sein.\" Die Zufriedenheit im Gesicht des Lehrers verwundert die Schülerin noch mehr. Was hat der Typ geraucht? Seine Euphorie lässt er nun hören: „Genau so ist es! Das ist nämlich logisch, nicht wahr?\" Das Wort logisch dabei deutlich betonend. Wieder muss Jasmin ihr Gelächter aus ihrer Brust pusten. Diesmal versteckt sie ihr Gesicht hinter ihren zarten Händen. Okay, will der mir jetzt das logische Denken beibringen?. „Ja, logisch\", gickelt die Sechzehnjährige. Oh, Mann. Sowas hab\' ich echt nicht erwartet. Der Lehrer zeigt vollstes Verständnis für ihre Reaktion. Hilfe! Ich hab\' einen Vollidioten im Haus! Jasmin schätzt Samuel als einen unerfahrenen Nachhilfelehrer ein. Letzte Woche wirkte er aber seriöser. Ist er vielleicht unter Drogen? Die aus dem Gedankenbild verschwundenen Gegenstände auf dem Tisch hebt Samuel mit seinem Zeigefinger wieder hervor. „Genau so wie diese zwei Äpfel hier. Diese Äpfel sind hochgiftig und du bist nicht Schneewittchen.\" Jasmin wischt ihre Tränen aus dem Gesicht und fragt sich, warum er nun diese Märchenfigur erwähnt. Er wirft einen hastigen, fragenden Blick zu seiner Schülerin: „Bist du Schneewittchen?\" Jasmin, gefangen im vermutlich schlechtesten Theaterstück, schüttelt vorsichtig ihren Kopf und versucht sich zu beruhigen. Sie möchte nicht unhöflich wirken, denn immerhin konnte er ihr letztes Mal bei den Hausaufgaben sehr gut helfen. „Deshalb essen wir diese Äpfel heute nicht. Diese sind so professionell manipuliert worden, dass man kaum einen Unterschied zwischen den beiden Äpfeln sieht. Bis heute habe ich nämlich keine zwei identischen, unverfälschten Äpfel gesehen. Diese zwei passen zum heutigen Unterricht.\" Ohje, dieser Typ meint es wirklich ernst. Samuel nimmt die zwei glänzenden Früchte und versteckt eine unter dem Tisch. Den anderen Apfel legt er auf die Mitte des Tisches und zeigt mit dem Finger darauf. „Was siehst du hier?\" Nun fragt sich Jasmin, ob daraus vielleicht ein Zaubertrick wird. „Einen Apfel.\" Samuel holt die zweite glänzende Frucht und legt sie direkt neben ihrem Doppelgänger hin. „Was siehst du jetzt?\" Jasmin bleibt fassungslos. Langsam realisiert sie, dass sie tatsächlich einen dummen Menschen vor sich hat. Oh Mann, will er mir jetzt wirklich das Rechnen beibringen? „Zwei Äpfel.\" Was kommt als nächstes? Samuel legt das Holzbrett unter die beiden, runden Glanzfiguren. Mit dem Messer halbiert er eines der beiden, wobei er auf einen sauberen, exakten Schnitt achtet. „Was siehst du jetzt?\" Jasmin blinzelt die Gegenstände vor ihrer Nase an. „Ich sehe einen Apfel und zwei halbe Äpfel.\" Die Schülerin versteht die Begeisterung ihres Lehrers nicht. Wenigstens ist die Nachhilfe nicht langweilig. „Eine letzte Frage habe ich noch. Warum siehst du nicht drei Äpfel? Es liegen doch drei Apfelstücke auf dem Tisch.\" Samuel merkt, wie sich die Irritation bei seiner Schülerin meldet. Mit ihrer Hand stützt Jasmin ihr Kinn und lässt ihren Ellbogen auf dem Tisch verwurzeln. „Weil es zwei ganze Äpfel sind und nicht drei. Du hast einen auseinander geteilt, trotzdem sind es insgesamt nur zwei Äpfel.\" Nun sieht er die Gelegenheit mit dem eigentlichen Unterricht zu beginnen.

Rezension
Klappentext

Ein Nachhilfelehrer, der die Schülerin Jasmin in Mathematik unterstützen sollte, gestaltet seinen Unterricht beim zweiten Treffen anders. Ganz anders. Nämlich so, dass er seine Schülerin in große Verwirrung versetzt. Mit Worten, die mit der Zeit stark von Mathematik abweichen. Und mit Sorgenpflanzen. Warum? Sie weiß es nicht und diese Frage verfolgt sie wie ein Schlüsselanhänger, der sich vom Bund nicht mehr lösen lässt. Wissen, Zeit, Schule, Glück sind Beispiele von seinen Gesprächsthemen. Ungewollt muss er auch mal über Eifersucht reden. Sein außergewöhnlich verrücktes Verhalten lässt vermuten, dass er ein Einzelgänger ist. Irgendwann schafft Samuel jedoch, ein freundschaftlicher Lehrer für sie zu sein und Jasmin hätte nie gedacht, dass sie ihre Eltern eines Tages belügt, nur um den Hobbygärtner nochmal zu treffen. So kommt Samuel einen Schritt näher zu seinem Ziel.