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Belletristik
Buch Leseprobe Smartphones leuchten mit Akku helle, Julien Appler
Julien Appler

Smartphones leuchten mit Akku helle


Kurzgeschichten des Slampoeten Julien Appler

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Leseprobe – Phantomschmerz


 


Draußen vor dem Fenster verschwimmt das Grün der Bäume zu einem breiten Streifen der Hoffnung. Der Zug rauscht mit 120 km/h durch Baden‑Württemberg. Die Räder werden durch das Gewicht des klobigen, rotgefärbten Metallklumpens, in dem sich 463 Passagiere befinden, auf die Gleise gepresst. Unaufhaltsam prescht er voran. Die Landschaft fließt vorbei wie ein Ölgemälde, das man zu früh auf die Seite gelegt hat. Die Farben verschmieren das perfekte Bild der frischen Herbstlandschaft und erschaffen ein modernes Kunstwerk, das von einem Meister nicht besser dargestellt werden könnte. Der Himmel mit seinen azurblau…


 


bsst bsst


 


Mein Handy, ich muss dran. Ich ziehe es aus der Tasche und starre auf den Bildschirm. Verdammt, schon wieder. Es hat gar nicht vibriert. Ich stecke es wieder weg und betrachte wieder die Landschaft. Wo war ich stehengeblieben?


 


Der Himmel mit seinen azurblau gerahmten Sahnewolken, die aussehen, als wollten sie in den nächsten Latte macchiato schweben. Die Felder zeigen ihr Gold und dazwischen erheben sich die Heuballen wie übergroße Nuggets. In der Ferne wacht ein einsamer Wasserturm über ein 931 Seelendorf und hofft auf ruhige sternenklare Nächte. Er beobachtet gern Sternbilder. Am liebsten mag er das Sternbild des Schiffskompass. Wie gern wäre er ein…


 


Didldidldi didldidldi


 


Mein Handy, ein Anruf. Ich ziehe es aus der Tasche und starre auf einen schwarzen Bildschirm. Es hat aufgehört. Ich entsperre. Keiner hat angerufen. Verdammt, was ist das jetzt für ein Trick. Ich sehe mich um. Ein älterer Herr und zwei Mädchen, um die 16, sitzen auf dem anderen Vierer. Niemand hat sein Handy in der Hand. Es ist ja nicht so als wollte ich unbedingt eine Nachricht bekommen. Andererseits freue ich mich über jede einzelne. Wir sind von diesen Dingern echt abhängig. Wenn ich bedenke, dass meine Mutter früher alle Telefonnummern auswendig wusste. Ich kann gerade so meine eigene. Zum Glück habe ich kein Festnetz. Die Notizfunktion ist nützlich und fördert meine digitale Demenz. Ich merke mir fast nichts mehr. Ich habe sogar eine App, die mir sagt, wann ich essen soll. Nicht mal das brauche ich mir mehr merken. Die biologischen Prozesse sind schon seltsam. Früher hatten wir eine biologische Uhr. Ohne Wecker ist man aufgewacht und wusste, jetzt geht’s los. Heute macht das das Handy. Vielleicht sind diese Phantomerscheinungen ja eine Art Vorbote zur nächsten Evolutionsstufe, dem biologischen Handy. Dann brauchen wir diese Dinger nicht mehr und können per Telepathie miteinander in Verbindung treten. Großartig. Internetzugang zu jeder Zeit und alle Informationen immer abrufbereit. Also bin ich ein Vorbote der nächsten Evolutionsstufe. Ich sollte Jünger um mich sammeln und der nächste Messias der biologischen Handybewegung werden. Das Handytum. Wir würden uns von der Masse abheben und unser eigenes imaginäres Reich erschaffen, dass nur Auserwählte sehen und hören können. Eine neue Weltordnung. Doch die NSA würde dann in unsere Köpfe sehen. Also brauchen wir biologische Firewalls und wenn wir krank sind ein Antiviren‑Programm. Das ist komplizierter als gedacht. Also lieber wieder Landschaft ansehen.


 


Wo war ich?


 


Der Wasserturm ist bereits vorbei. Dabei wollte er doch Leuchtturm werden. Die Autobahn zieht ihren grauen Streifen durch das Land und wird von ihrem treuen Weggefährten, der Leitplanke, begleitet. Alle fünfzig Meter passieren sie schwarz‑weiß gestreifte Burschen mit Katzenaugen. Wie auf einem Exerzierplatz stehen sie und halten eine Parade für die weißen Streifen der Straße. Sie gehen an den Bauernhäusern vorrüber, die aus den Feldern wie Hügelgräber…


 


Nächster Halt…


 


Hier habe ich wirklich keine Ruhe. Ich sehe mich in der Bahn um. Keine Veränderung. Es sind immer noch dieselben blauen Sitze mit dunkelblauen Punkten. Die graue Verkleidung umfasst die Sitze wie einen Bilderrahmen, der zu groß geraten ist. Das braune Holz der Lehnen ragt daraus hervor wie fehlplatziert und der blaue Boden will einen Kontrast bilden, doch kann es nicht. Das stählerne Metall des Gestänges und die Halogenlampen erinnern an eine Fleischtheke. Das freundliche Grün des Notausgangschilds erscheint in dieser Atmosphäre irregeleitet. Die ständigen Durchsagen haben etwas von degenerativer Intelligenz und der rote Notstopp scheint die einzige Erlösung in diesem…


 


Didldidldi didldidldi


 


Mein Handy, jetzt aber sicher. Ich habe es in der Hand, als der alte Mann zu sprechen beginnt. Er hat denselben Klingelton wie ich. Ich öffne das Fenster und werfe mein Mobiltelefon nach draußen. Im Flug sehe ich wie der Bildschirm einen Namen anzeigt…


 


Didldidldi didldidldi


 


Es klingelt. Ich springe hinterher.


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