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Belletristik
Buch Leseprobe Slow Revolution, inhonorus
inhonorus

Slow Revolution



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Manche Menschen stehen auf den Zinnen, manche aber tief unten in der Dunkelheit der Gewölbe. Jedem Menschen wurde ein bestimmter Platz auf der Welt zugewiesen, an dem er ausharren muss und den er nicht verlassen darf.


 


(John Steinbeck – Die Perle)


 


1


 


            Die meisten Leute halten mich für einen ziemlich komischen Vogel und umso mehr ich darüber nachdenke, muss ich ihnen recht geben. Ich habe sehr viele Eigenarten an mir, das lässt sich nicht abstreiten. Und ich denke immerzu über die unnötigsten Sachen nach. Irgendwie fällt es mir ziemlich schwer, meinen Kopf auszuschalten. Nehmen wir zum Beispiel Namen. Ich heiße Noah und ich mag meinen Namen nicht besonders. Aber wer mag seinen Namen auch schon? Doch was um alles auf der Welt hat meine alten Herrschaften dazu geritten, mich Noah zu nennen? Ich meine, wobei sie nicht mal gläubig sind und mit der Heiligen Schrift so viel anfangen können wie eine Ameise mit einer Rolle Toilettenpapier. Glaubt ihr, dass ihr mit einem anderen Namen ein anderes Leben leben würdet? Habt ihr euch darüber mal Gedanken gemacht? Ich meine, wir haben sofort Bilder von Menschen im Kopf, wenn wir die Namen Kevin oder Dustin hören, ebenso wenn wir Maximilian oder Robert hören, wenn ihr wisst, was ich meine. Würde ich vielleicht mit einem anderen Namen ein völlig anderes Leben führen? Wäre ich eine gänzlich andere Persönlichkeit, mit anderen Wertvorstellungen und Vorlieben? Solche Sachen gehen mir halt ziemlich viel durch den Schädel, wenn ich durch die Gegend laufe. Und das Schuhprofil bearbeite ich ziemlich oft, glaubt mir.


            Es muss ein Wochenende gewesen sein. Ich war nämlich damals an Wochenenden ziemlich viel auf den Beinen. Ich weiß noch, dass ich mich mit meinem Freund Mark treffen wollte. Ich weiß noch ganz genau, dass ich an jenem Tag durch einen der riesigen Wälder der Stadt gelaufen bin, ehe ich mich mit ihm traf. Ich hatte da so ein Ritual. Bevor ich mich mit jemandem traf, zog ich gern für ein paar Stunden ziellos durch die Wälder und machte mir Gedanken. Über alles und nichts. Dann hörte ich Musik, rauchte eine Kippe nach der anderen – mein Gott es ist schon unmenschlich, wie viel ich damals an manchen Tagen geraucht habe – und trank mir ein paar Bier. Ich meine, irgendwie konnte ich anscheinend nur unterwegs meine Gedanken am besten greifen, wenn meine alten Herrschaften mir daheim wieder zu nah auf die Pelle gerückt waren. Ein Ziel hatte ich dann nie. Dann war stets der Weg das Ziel und ich kam mir und meiner inneren Stimme, die mir was sagen, was zeigen wollte, näher. Das ist jetzt schon einige Jahre her, aber die Stimme schreit noch heute in mir. Nur anders. Etwas gedämpfter.


            An jenem Tag habe ich darüber nachgedacht, dass ich nirgendwo dazugehöre. Ich meine, dass ich so ein merkwürdiger Wurf Gottes bin, der einfach dazu verdammt ist, nirgendwo reinzupassen, keine Gleichgesinnten zu finden. Leute zu finden, die genau so denken wie ich. Ich meine, die genauso fühlen wie ich. Die gleichen Wertvorstellungen haben. Aber mittlerweile glaube ich, dass es vielen, ja vielleicht sogar den meisten so geht. Sind wir denn alle so einzigartig in unserer menschlichen Schöpfung mit all den Sachen, die uns unsere Eltern seit Kindheitstagen mitgegeben haben, mit all unseren Erkenntnissen und Idealen, dass wir um nichts auf der Welt irgendwo dazugehören können? Ich meine, wir alle.


            Solche Sachen beschäftigen mich noch heute und stimmen mich nachdenklich. Selbstverständlich habe ich Freunde und den ganzen Kram. Leute, die mir nahestehen, denen ich wichtig bin, doch anders als ich sind sie trotzdem und mich verstehen können sie nur zu einem gewissen Grad. Nehmen wir beispielsweise meine beiden besten Freunde Mark und Andy. Wir gehen jetzt schon einen ziemlich langen Weg zusammen. Haben schon ziemlich viel durchgemacht. Ich meine, wir waren zusammen in der gleichen Schule, in der gleichen Klasse und so, doch anders als ich ticken sie trotzdem. Und teilweise kann ich ihrem Tun und Nicht-Tun nicht besonders viel abgewinnen. Ganz im Gegenteil nervt mich ihr Tun und Nicht-Tun nicht selten. Es treibt mich teilweise richtig auf die Palme. Aber ich denke, so geht es auch jedem.


            Jedenfalls war ich an jenem Tag bei Mark zu


Besuch. Mark hat einen jüngeren Bruder und noch zwei viel jüngere Schwestern. Leider Gottes habe ich nach all der Zeit ihre Namen vergessen. Ach ja, ich bin übrigens Einzelkind. Nein, ich habe es nie bereut. Ganz im Gegenteil. Immerzu höre ich von Leuten: „Ach, das ist ja schade! Hast du dir nie einen Bruder gewünscht?“ Ich meine, wie kann ich mir einen Bruder wünschen, wenn ich nichts anderes kenne? Nein, ich war stets glücklich als Einzelkind und so.


            Wie jedes Mal öffnete Mark an jenem Tag grinsend die Tür. Seine kleinen Schwestern standen erwartungsvoll hinter ihm und schienen sich in ihrer kindlichen Leichtigkeit darüber zu freuen, dass endlich mal etwas passierte. Ach ja, Marks Eltern waren ziemlich einfache Menschen. Nett, aber kaputt und so. Leute mit einer ganzen Latte an Problemen. Ich meine, sein Stiefvater, sein richtiger Vater hatte die Familie schon recht früh im Stich gelassen, war krank und hatte Hodenkrebs. Er hatte nur einen Hoden und so. Wenn man jetzt jedoch denkt, dass das seinen sexuellen Gelüsten einen Dämpfer verpasst hätte, dann irrt man sich aber gewaltig. Seinen fehlenden Hoden schien er mit einem gesteigerten Sexualtrieb zu kompensieren. Ich meine, was der für eine Pornosammlung hatte und so. Der konnte echt jeder Schmuddel-Videothek Konkurrenz machen.


            Marks Eltern saßen an jenem Abend wieder


im Wohnzimmer und tranken. Vielmehr war der Stiefvater immer am Trinken, während die Mutter nur leicht mitmachte. Getrunken wurde aber jedes Mal. Irgendwie schien Marks Mutter, obwohl sie ziemlich instabil war, das Fundament der Familie zu sein. Der wackelige Haltepunkt über einem unsagbar tiefen Abgrund, an dem sich jeder verzweifelt festhielt.


            Heutzutage kommt mir die Szenerie von damals ziemlich unwirklich vor. Verschwommen und doch irgendwie schräg. Ich meine, diese ganze Stimmung, die Hoffnung, die Last und die Probleme, diese ganzen zusammengewürfelten Schicksale, die stets versuchten, das Beste zu geben, doch leider so oft versagen sollten.


            „Na, hast du schon wieder was gesoffen?“, begrüßte mich mein Freund. Er mochte es nie, dass ich mir vor unseren Treffen schon das ein oder andere Bierchen gönnte.


            Kommentarlos grinste ich ihn an. Ich war mittlerweile zu müde geworden, um darauf einzugehen. Ich meine, er kannte es doch gar nicht anders. Er wusste doch, dass ich von meiner Reise zurückkam. Aber er verstand meine Reise nicht. Heute weiß ich, dass er es auch gar nicht verstehen konnte. Dass niemand verstehen konnte, was ich in den Wäldern trieb, sondern dass es die ersten


Zeichen meiner inneren Stimme waren, die mich zu


mir führen wollten.


            Seine kleine Schwester nahm mich jedenfalls sofort bei der Hand und zog mich strahlend die Treppe hinauf. „Komm, ich zeig dir meine Ratten“, sagte sie so federleicht und ihre Augen strahlten so rein, so unschuldig und so voller Zuversicht. Sie war ein kleines Mädchen, dessen Zukunft noch leuchtete und alle Möglichkeiten offenhielt, während weiter unten im Haus die ganzen trüben Augenpaare saßen und gequält den Spinnen beim Netzweben zuschauten. Das kleine Mädchen hatte etwas Majestätisches an sich, das mich in ihren Bann zog. Damals wusste ich nicht so recht, was es war. Es war was Lichtes um sie. Etwas Göttliches, was mir zusprach. Und eine Stimme, die mir sagte, dass sie mir was zu zeigen hatte. Dass ich mir etwas Wichtiges anzuschauen hätte.


„Gehst du schon wieder zu den Ratten, Alter?“, meckerte Mark unverständlich. „Besuchst du eigentlich mich oder meine kleine Schwester?“


            „Ich komme sofort“, rief ich ihm grinsend zu, während mich das kleine Wesen die Treppe hinaufriss, um mir Barry und Larry zu zeigen.


            Minuten später fand ich mich dann auch endlich in Marks Zimmer wieder. Mark musste zu der Zeit sein Zimmer mit seinem Bruder Carsten teilen. Zwei junge Männer irgendwo zwischen Anfang und Mitte zwanzig, die verschiedener nicht sein konnten. Während mein Freund sich für schwarze Ledermäntel, Gothic-Kram und Black Metal interessierte, war Carstens Aufmerksamkeit Autos, Hardcore-Klängen und Techno-Beats gewidmet. Passender hätte das kleine Zimmer gar nicht zusammengewürfelt sein können. Ich meine, nach dem ganzen musikalischen Wacken-Kram folgten stets ein paar Loveparade-Beats.


            Der kleine Tisch, der genauso unpassend wie alle anderen Möbel aus dem spartanisch eingerichteten Zimmer herausstach, war der Mittelpunkt des Raums. Es hatte etwas von einem Buffet. Ich meine, mit den ganzen Kippen, den Bierflaschen, den Schnapsflaschen und so. Echt für jedermann war etwas Passendes dabei.


Im Hintergrund machte Mark wieder einmal so ein dämliches YouTube-Video an und lachte sich halb schlapp. Es war mehr wie ein kleiner, stiller Protest gegen die momentane Situation. Heute denke ich das noch sehr viel mehr als damals.


Mark ist ein ziemlich netter Kerl und so, müsst ihr Wissen, aber sein größtes Problem ist, dass er nicht auf sich achten kann. Ich meine, er würde einem bei jedem Scheiß aus der Klemme helfen, hätte immer ein offenes Ohr, doch man kann ihn ebenso gut auch durch die Gegend schubsen, ohne dass er den Mund aufmacht. So ein netter Doofer der Kategorie Mobbing-Opfer, und das kann ich sehr gut beurteilen, weil ich damals genauso gut in die Kategorie gepasst habe. Ja, gleich und gleich gesellt sich wirklich gern, sag’ ich euch.


Ich konnte noch nie etwas mit diesen dämlichen YouTube-Videos anfangen. Immerzu will mir jemand so ein lustiges Video zeigen, dass ich mir unbedingt anschauen muss. Ich finde es alles andere als lustig. Es ist stets so ein blöder, flacher Konservenwitz, dass ich mir denke – während alle anderen lachen –, dass es pure Zeitverschwendung ist. Nichts mehr. Verdummung und so. Es scheint mich von den wirklich wichtigen Dingen nur abzulenken, rauszureißen. Es ist ungefähr so viel wie emotionale Ebbe für einen von der Sehnsucht getriebenen Seefahrer, wenn ihr versteht.


Das Video war ein Zusammenschnitt von Bildern und leichten Animationen. Mir ging sofort ein Spruch meines Großvaters durch den Kopf. Immerzu sagte er: „Als die Bilder laufen lernten.“ Es ergab in seinem Kontext nie einen wirklichen Sinn, doch hier passte es wie Arsch auf Eimer. Es war eher ein Wurf der ekeligen, abgedroschenen Art der Bewegung. Adolf Hitler zappelte durch das Video wie so ein notgeiler Frosch und immerzu rief er: „Mit nur einem Hoden kann man nicht ficken!“


Alle lachten. Ich verstehe den Witz leider bis heute nicht.


„Und?“, fragte mich Mark, nachdem er sich wieder eingekriegt hatte.


„Ja, was soll ich schon großartig dazu sagen, Mann?“, antwortete ich trocken. „Wie mein alter Freund Platon schon immer sagte: ‚Um sich der Lehre vollends hinzugeben, muss die Lehre zu dem wichtigsten aller Ziele führen – zu einem selbst!‘ “


„Kannst du mir denn nicht mal eine vernünftige Antwort geben?“, fluchte Mark mürrisch.


Ich schwieg einen kurzen Moment.


„Das ist eine vernünftige Antwort.“


Ja, die Szenerie von damals kommt mir heute sehr schräg vor. Auf der einen Seite der gute alte Mark, der still gegen das Elternhaus und seine Umwelt rebellierte, auf der anderen Seite Carsten, der stets versuchte, sich in den Mittelpunkt zu bringen, und einem mit jedem seiner Sachen präsentieren wollte, was für ein toller Held er doch ist – während ich gedankenversunken dasaß, rauchte und trank. Wir alle waren, ohne es zu wissen, auf der Suche nach etwas. Wir alle waren auf der Suche nach ein und demselben. Wir alle suchten. Doch wir suchten an den unterschiedlichsten Ecken und Enden. Heute weiß ich, dass das, nach dem alles in uns schreit, das, was das wichtigste aller Dinge ist, die Suche nach sich selbst, nicht im Außen erfolgen kann – in keiner Musik, in keinen lustigen YouTube-Videos oder Ähnlichem –, sondern nur tief ins uns selbst verborgen liegt und darauf wartet, endlich entdeckt zu werden. Wir alle suchen nach ein und demselben, doch unsere Suchen sehen alle anders aus.


Später am Abend gab es eine aufgeheizte


Diskussion. Mark wollte für den restlichen Abend lieber zu Hause bleiben. Trinken und lustige Videos anschauen. Mich zog es nach draußen, mich zog es hinaus in die Welt. Er meinte, ihm fehle die nötige Kohle zum Rausgehen. Ich – großzügig, wie ich stets war – lud ihn ein. „Komm, das geht auch alles auf mich“, meinte ich. Aus Geld habe ich mir noch nie viel gemacht, müsst ihr wissen. Mal ist es da und mal nicht. Mir waren die Erfahrungen immer wichtiger. Man muss sich entscheiden. Will man Geld horten oder Erfahrungen sammeln. Mark wollte oder konnte mein Angebot jedenfalls nicht annehmen. Wir konnten uns nicht einigen und so trennten sich an jenem Abend unsere Wege.


Unverhofft fand ich mich an jenem Abend im zweiten Teil meiner Reise wieder. Es war mittlerweile schon die Nacht hereingebrochen und die Straßen, auf denen ich dahinzog, waren menschenleer. Gelegentlich kam ein Auto an mir vorübergefahren, aber sonst war so gut wie nichts los. Ihr müsst wissen, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin, wo abends nie besonders viel los ist. Nicht mal am Wochenende! Meine Mutter meinte immer in ihrer unbekümmerten Art, dass hier in der Gegend zu später Stunde immer die Bürgersteige hochgeklappt würden, und da war definitiv was dran. Das junge, feierwütige Volk verlässt jedes Wochenende schon sehr früh das sinkende Schiff und fährt nach Dortmund. Gut, Dortmund ist zwar auch keine Metropole, aber hier draußen auf dem Land ist Dortmund eine Stadt, die niemals schläft. Ich meine, ich war noch nie in New York, auch Barcelona oder Moskau kenne ich nur aus Büchern und Filmen, und so geht es hier den meisten. Da ist Dortmund schon ein ganz großer Wurf und so.


Jedenfalls war die Nacht sehr energiegeladen. Ich meine, wie eine jener Nächte, die wir alle aus unserer Jugend kennen. Eine dieser aufgeheizten Nächte, wo es kein Morgen gibt, wo alle Möglichkeiten offenstehen, wo alles einfach nur so leicht ausschaut. Eine jener Jugendnächte, die wir im voranschreitenden Alter sehnsüchtig suchen, doch nie mehr finden werden.


Der Himmel war wolkenlos. Die Sterne funkelten an jenem Abend besonders stark. Es war warm. Ein Sommernachtsabend, wie man ihn sich nur wünschen kann. Und während ich so ganz allein durch die schlafende Stadt, über die leer gefegten Straßen, unter den verliebten Laternen und den funkelnden Sternen dahinzog, noch tiefer in die Nacht zog, fühlte ich eine so berauschende innere Ruhe. Es schien so, als wäre ich mit allen verbunden. Ich meine, da waren all die schlafenden Menschen, die friedlich in ihren Betten lagen und träumten, und auf der anderen Seite waren, irgendwo in der Ferne, jene Leute, die genau wie ich sich dem Abend hingaben und mit ihm verschmolzen. Ich stand irgendwo dazwischen. Das Bindestück sozusagen.


Es fällt mir so unglaublich schwer, darüber zu sprechen. Ich meine, jenes großartige Gefühl einzufangen, welches mich damals so beflügelte, welches mich damals vollständig ausfüllte. Mit seiner ganzen unvergleichlichen Wärme. Meine Gedanken kreisten zu meinen alten Herrschaften, zu meinen Freunden, ich stellte mir vor, wo sie in diesem Moment wohl waren, was sie machten, wie sie aussahen, und mein Herz öffnete sich. Es verspürte Liebe für jeden Einzelnen. Ja, jeden Einzelnen liebte ich so unbeschreiblich und jedem von ihnen dankte ich dafür, dass sie da waren, dass sie mit mir den Weg gemeinsam beschritten. Es hatte etwas von einem Indianerdorf. Dort waren die ganzen Alten, die Weisen und die Freunde daheim, während der kleine Indianer die Welt entdeckte und auf unsicheren Beinen hinaustapste – falls er hinfallen würde, sich verletzen würde, wäre die tröstende Brust der Mutter nicht weit.


Das letzte Bier, welches mich begleitet hatte, war leer, und alles um mich herum wurde verschwommener. Ging nahtlos ineinander über. Meine Gedanken verformten sich leicht. Verschwommen. Waberten hinaus in die Dunkelheit wie ein Bumerang und kamen mit Antworten zurück. Und ehe ich mich versah, stand ich mitten auf einem abgeernteten Feld. Staubtrocken war es. Der Staub hob sich federleicht in die Luft und vermischte sich. Die Nacht hatte mich vollends in sich aufgesaugt und die Sterne kamen mir näher. Vielleicht wuchs ich aber auch, und ich war es, der den Sternen näher kam. Jedenfalls waren sie zum Greifen nah. Sie funkelten. Flirteten mit mir und wollten mir etwas zu verstehen geben, doch leider kenne ich die Sprache der Sterne nicht besonders gut. Ich streckte meine Arme nach ihnen aus und wollte sie berühren, doch noch war nicht der rechte Zeitpunkt, noch stand etwas zwischen uns.


Meine Sinne, meine Gedanken vertieften sich in das unsagbar kraftvolle Strahlen. Wie einzigartig sie dort oben an den Himmel gepinselt waren. So viele und doch jeder einzigartig und ganz besonders. Jeder hatte seinen Platz gefunden, den Platz, der ihm von Anbeginn zugedacht war. Meine Sinne, meine Gedanken wanderten zum Mond. Und urplötzlich schoss mir ein Vers von Hermann Hesse durch den Kopf: Der Vogel pellt sich aus dem Ei. Ja, wahrlich war auch ich ein Vogel und meine ganze Welt, all das, was ich kannte, was ich liebte, das Ei. Auch ich musste mich aus dem Ei pellen, um fliegen zu können. Auch ich musste mich aus dem Ei pellen, um – wie die Sterne über mir – den Platz zu finden, der mir von Anbeginn zugedacht war. Das war meine Bestimmung. Das war mein höchstes Ziel. Mein Weg, den ich gehen musste, wie auch immer er


aussehen mochte.


Handelten Hermann Hesses Siddhartha und Demian, Paulo Coelhos Alchimist nicht von der gleichen Suche? Haben sich darüber nicht auch schon Dostojewski und Steinbeck Gedanken gemacht? War die Suche nicht ein Teil jeder Geschichte? Nehmen wir Unterwegs von Jack Kerouac, Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger. Zog sich der Faden nicht auch durch die philosophischen Fragen eines Nietzsches, der von den drei Verwandlungen philosophierte, eines Schoppenhauers oder des Epiktet und seiner stoischen Philosophie? Es schien, als drehte sich seit Anbeginn der Zeit alles nur um ein und dieselbe Sache.



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