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Buch Leseprobe Sick!, inhonorus
inhonorus

Sick!


Hardcore-Anthologie

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One Night In Paris


 


Untermalt von einem grässlichen Quietschen krachte die alte, rostige Kellertür ins Schloss. Wuchtvoll und bedrohlich.


Der kleine Junge zuckte ängstlich zusammen, als hätte man ihm einen üblen Streich gespielt. Sein Herz begann schneller zu schlagen und seine Atemzüge erfolgten in immer kürzeren Abständen. Unruhig zappelte er hin und her, denn er wusste ganz genau, was dies zu bedeuten hatte. Ja, das wusste er! Es war wieder soweit. Daran bestand nicht der geringste Zweifel.


Ängstlich kauerte er unter der dunklen Kellertreppe. Sein kleiner, zierlicher Körper wurde fast vollkommen von der Dunkelheit verschluckt.


Dort saß er nun auf dem, kalten, dreckigen Steinboden und betrachtete das flackernde Licht der Kerze, das den Kellerraum wie eine Kulisse aus einem alten Schwarz-Weiß-Horrorfilm aussehen ließ.


Er legte beide Hände um seine Knie und drückte seine Beine wie einen Teddybären fest an seinen schmalen Oberkörper.


»Ist es wieder soweit?«, wisperte er angsterfüllt in das Zwielicht des schwach beleuchteten Kellers.


Stille.


Unruhig rutschte der Junge aus seinem schmutzigen, dunklen Versteck hervor und betrachtete das ausdruckslose Gesicht seines Großvaters, der vor der rostigen Kellertür stand und ihn eindringlich musterte.


Wie eine schwere, alte Bronzefigur ragte er standhaft über ihm auf. Sein Blick durchbohrte ihn und versprach nichts Gutes.


»Ist es wieder soweit?«, wiederholte der kleine Junge mit zitternder Stimme. »Kriegen wir heute wieder Besuch?«


Der alte Mann nickte zustimmend.


Dann setzte er sich schwerfällig in Bewegung, stampfte kommentarlos die alte Kellertreppe nach oben und verschwand.


Verschwand in der Dunkelheit, während ihm der kleine Junge ängstlich nachstarrte.


 


 


***


 


 


Christine liebte Paris. Was konnte man an Paris schließlich nicht mögen? Immerhin zählte die Stadt nicht nur zu den bedeutendsten Metropolen Europas und war eines der weltweit berühmten Zentren für Kunst, Mode, Gastronomie und Kultur. Nein, Paris war auch die Stadt der Liebe. Und das hatte Christine schon sehr früh in ihrem Leben in den Bann gezogen.


Sie mochte die Rue des Degrés, auch wenn sich die überschaubar kleine Straße nur knappe sechs Meter durchs Stadtbild schlängelte. Sie liebte die Seine und die alten, gigantischen Bauwerke, die sich imposant über den reizenden Fluss erstreckten. Sie bewunderte den Père Lachaise, den größten Friedhof von Paris, dem sie, immer wenn sie in der Stadt war, einen Besuch abstattete und dabei die Gräber von Oscar Wilde und Jim Morrison bestaunte.


Den Eifelturm mochte Christine zwar auch, wenngleich sie ihm keine besondere Beachtung mehr zukommen ließ. Für sie bedeutete der Eifelturm für die Stadt Paris, was Erdbeeren für ein Stück Erdbeerkuchen waren – ein fester Bestandteil, aber nicht der Rede wert.


Im Grunde genommen war es einzig die Liebe, die Christine mit dieser Stadt verband und konstant in ihrem Bann hielt. Dieses majestätische Gefühl, welches die Stadt in die weite Welt ausstrahlte, und das romantische, märchenhafte Glück das sie versprach.


Die Stadt der Liebe. Wo, wenn nicht hier, sollte man Liebe finden, wenn man sie suchte?


Verzagt schritt sie schnellen Schrittes über die abendliche Rue de Crimée, während leichter Nieselregen ihr Gesicht benetzte.


Die antiken Laternen warfen kreisförmige Lichtgebilde auf den Asphalt, während Christines Schritte von den Hausmauern zurückhallten.


Der Abend war alles andere als von ihr geplant verlaufen. Dabei hatte alles so viel versprechend begonnen…


 


 


 


 


 


 


 


 


Brenn, Jesus, brenn!


 


-Manifest-


 


Meine Kumpels nennen mich alle Jesus. Weiß gar nicht warum oder wie sie überhaupt auf den Spitznamen gekommen sind, immerhin habe ich mit Jesus rein gar nichts am Hut. Auch äußerliche Ähnlichkeiten sucht man vergebens. Ich sehe mich selbst eher als genaues Gegenstück. So eine Art Anti-Jesus. Ich bin böse. Ja, so richtig böse und gefährlich. Gemeingefährlich und dazu wahnsinnig vor Wut und Hass. Eine bedrohliche Mischung. Eine tickende Zeitbombe und dazu noch eiskalt. Ohne Mitgefühl. Ohne Reue. Rein gar nichts.


Meine Alte hat mich vor Monaten sitzen lassen. Die Blagen hat sie gleich mitgenommen. Das bedeutet, ich sehe mein eigen Fleisch und Blut nicht mehr. Gerichtliche Anordnung und so. Ja, das habt ihre Schweine mir versaut. Mein Leben ist mitunter das miserabelste und beschissenste, das man sich nur vorstellen kann – doch heute ist mein Tag. Der Tag der Rache!


Heute wird es Blut regnen. Also passt gut auf euch auf und betet, das ihr mir nicht zufällig über den Weg lauft, denn mir ist alles scheißegal. Einfach alles. Das solltet ihr wissen.


Ich habe keinen Job mehr, keine Kohle, und hause in einem dreißig Quadratmeter großen Drecksloch. Bin drogen- und alkoholsüchtig, habe HIV im Endstadium und heute ist wahrscheinlich der Tag, an dem ich sterben werde.


Mein Tod wird ein süßer Tod sein. So lange habe ich ihn geplant. Sorgfältig und akribisch. Wie ein Kind, das seinen Geburtstag plant. Ja, heute krepiere ich und dabei werde ich so viele mit mir ziehen, in meinen Sog der Gewalt, wie ich nur kann. Ja, Rache ist süß. Und heute ist der Tag, auf den ich so lange gewartet habe. Heute wird eine Welle der Gewalt von mir ausgehen und über die Straßen, durch die ganze Stadt schwappen. Keiner wird begreifen, was gleich passiert. Dabei habe ich nur ein Ziel.


Das Ganze soll verheerend sein. So verheerend wie nur möglich. Und es sollen so viele Schweine wie nur möglich leiden. Mitleiden auf meinem letzten Weg.


Auf meinen letzten Weg der Erlösung. Also brenn, Jesus, brenn! Verdammt nochmal, brenn!


       


An meine Eltern:


Ja, diese Zeilen sind an meine Eltern gerichtet oder an das, was von euch noch übriggeblieben ist. Ihr wisst, wie abwertend ich über euch denke. Ihr habt versagt! Ihr wart nie in der Lage, ein Kind großzuziehen, gesund und stark zu machen. Ich denke sogar, und das wisst auch, dass ihr nie ein Kind hättet haben dürfen. Nein, ihr hättet nie diese Verantwortung übernehmen sollen, denn ihr habt versagt.


Ihr seid erbärmlich, nichts weiter.


 


An die Gesellschaft:


Ihr sitzt mit euren fetten Ärschen auf schimmeligen Thronen und wundert euch, dass es immer mehr Menschen wie mich gibt. Doch ich sage euch, es wird in Zukunft sogar noch schlimmer werden.


Es wird immer mehr Leute geben, die genauso ticken wie ich. Verrückt geworden, sagt ihr sofort. Ja, was Besseres fällt euch Schwachköpfen natürlich nicht ein. Mit dieser belanglosen Erklärung denkt ihr, alles erklären zu können.


Dabei ist die ganze Gesellschaft krankgeworden und solche bösartigen, gestörten Bastarde, wie ich einer bin, zeigen euch nur auf, was falsch gelaufen ist.


Ihr denkt nur an eure eigenen Ärsche. Wollt eure sieben Felle in Sicherheit bringen und euch in eurer stumpfen Empathielosigkeit suhlen. Ihr seid erbarmungslos  und wollt euch an erster Stelle sehen? Euch über andere lustig machen, nur um von eurem erbärmlichem, verkorksten eigenen Leben abzulenken?


Na bitte, da haben wir es schon! Euer Gesellschaftsgedanke hat kläglich versagt. Schon bald werden mehr und mehr Gesellschaftsmonster blutdürstig und voller Rachegedanken durch die Straßen ziehen. Ihr seid nicht mehr sicher.


Ja, es wird eine Zeit kommen, in der ihr Angst haben müsst, dass euch hinter der nächsten Straßenecke jemand ein Messer in den Rücken rammt. Und das nur, weil der Messerstecher einfach Bock darauf hat und ihr zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort seid.


Unsere Gesellschaft ist angeschlagen, unsere jungen Knospen sind krank, doch ihr seid so blind und auf euch selbst bedacht und mit euch selbst beschäftigt, dass ihr erst wach werdet, wenn ihr bereits ins Chaos gestürzt werdet.


Ich werde euch wachrütteln. Ja, das werde ich, verdammt nochmal!


 


An meine Frau und Kinder:


Ich möchte nur, dass du weißt, dass du das letzte Licht in mir getötet hast. Ja, du trägst ebenso Schuld an dem, was gleich passieren wird, wie meine Eltern und die elendige Gesellschaft. Ihr habt mich zu dem gemacht, der ich bin. Ihr habt das Monster erschaffen , also vergesst niemals eure verdammte Schuld!


Euch Kids liebe ich!


 


An alle anderen:


Fickt euch und geht sterben, ihr verdammten Dreckschweine!


 


-Over And Out-


 


 


Die letzten Zeilen waren geschrieben. Die letzten Worte auf Papier gebannt. Sie waren für den Arm des Gesetzes bestimmt, der früher oder später seine Wohnung durchsuchen würde. Eine kurze Antwort auf die vielen Fragen, die er bald zurücklassen würde.


Nun sollte es gleich losgehen. Alles war geplant. Alles war vorbereitet und zu seiner Zufriedenheit erledigt.


Ja, nun ging es endlich los. Die letzten Schritte zur Erlösung, die letzten Schritte, die für ihn die süßesten seines Lebens sein sollten.


Jesus schnappte sich seinen schweren Rucksack, der vollgestopft mit schlimmen, bösartigen Utensilien und Ideen war. Ein Einfall bösartiger und menschenverachtender als der andere.


Jesus schnappte sich zwei präparierte, mit infektiösem HIV-Blut gefüllte Spritzen und steckte sie in die Jackentasche. Er hatte sich selbst das todbringende Blut entnommen. Eine tödliche Waffe! Doch nicht nur einfach tödlich, sondern auch qualvoll und den menschlichen Körper auf lange Zeit zerstörend.


Was er mit seinen Give-Away-Spritzen anstellen würde, wusste er noch nicht, doch es würde sich mit Sicherheit eine Gelegenheit ergeben, sie einzusetzen, so viel war sicher. 


Er griff sich die fast leere Wodkaflasche und schüttete den letzten Schluck ohne abzusetzen in seinen Hals.


Drogen warf sich Jesus heute nicht ein, auch wenn die süchtige Seite in ihm laut nach Stoff schrie und rebellierte. Doch es war unabdinglich für ihn, bei Verstand zu bleiben und klaren Kopf zu bewahren.


Fusel war okay. Der fokussierte seine unbeschreibliche Wut und heizte sie an.


Der Wodka schmeckte bitter, doch er verlieh ihm auch irgendwie Kraft.


Ja, Kraft und Wut loderten danach in ihm.


Ohne noch einmal zurückzublicken, schritt er aus dem kleinen Drecksloch, das er bewohnte, und warf die Tür hinter sich mit einem lauten Krachen ins Schloss.


 


 


***


 


 


Seelenruhig schritt Jesus durch die Siedlung, die er in den letzten Jahren so sehr zu hassen gelernt hatte. In Ihr stand die Luft meist so dick unter dem stets grauen Wolkendach, wie schwerer, sich nie auflösender Nebel. Es war ein mehr als verkommendes Viertel, in dem er hauste. Heruntergekommen wie ein Ghetto und nicht minder ungefährlich. Wohin man auch ging, man hörte Betrunkene, Arbeitslose, Zyniker, Pessimisten, Nörgler. Es schien nichts, aber auch gar nichts Positives an diesem Ort zu verweilen. Die Gegend war wie eine Art Auffangbecken für all die armen Seelen, die von der Gesellschaft fallengelassen worden waren: Polen, Russen, Bulgaren, Türken, Araber, Afrikaner, Albaner, vorbestrafte Deutsche. Ein Ghetto, aus dem man nur schwer wieder entkommen konnte, wenn man in ihm erst einmal gelandet war. Das Viertel raubte einem die Luft zum Atmen. Ja, die Siedlung stank außerdem mehr als bestialisch und war mehr als erbärmlich mit seiner Ansammlung an Nichtsnutzen und Kleinkriminellen.


Der Rucksack, der vollgestopft mit bösartigen, tödlichen Utensilien und Einfällen war – einer böser und menschenverachtender als der andere – lag schwer auf Jesus’ Schulterblättern. Die frühmorgendlichen Sonnenstrahlen schenkten ihm Wärme, während er gemächlich dahinschritt. Nach außen hin wirkte Jesus ruhig und gelassen, fast wie ein buddhistischer Mönch, der Frieden mit sich und seiner Umwelt geschlossen hatte. Doch in seinem Inneren tobte ein Krieg, eine von bösartiger Wut und tiefem Hass angeheizte Schlacht.


Ja, Jesus hasste alles, was er sah. Und alles, was er hörte oder roch. Er wunderte sich über sich selbst. Er hatte nämlich gedacht, dass in ihm eine Seite wäre, die in den meisten Menschen schlummerte und die ihm Zweifel und Schuld einreden würde. So eine Seite im Menschen, die ganz genau weiß, wann er etwas Falsches macht. Eine, die uns ermahnt und dabei Schuldgefühle auslöst.


Doch da war nichts dergleichen. In seinem Herzen nagte nichts weiter als Hass und Wut, auf alles und jeden. Mehr nicht.


Ein unbeschreibliches Gefühl übermannte ihn mit jedem seiner Schritte und schon bald fühlte er sich wie ein Gott. Ja, alles, wirklich alles, lag wahrlich in seinen Händen. Er gab jetzt die Spielregeln vor, entschied, wer in diesem Drama mitspielt oder nicht. Er konnte Gnade walten lassen oder zerstören und brandschatzen. Er kontrollierte alles, was gleich passieren würde.


Jesus wusste, dass es für ihn keine Grenzen und keinerlei Regeln mehr gab.


Nichts mehr.


Er konnte tun und lassen, was er wollte, denn immerhin würde er heute sterben. Ja, die Wogen der Gewalt würden solange durch die Straßen schwappen, bis man ihn stoppen würde. Genau so lange, bis man ihn daran hindern würde, all die Schweine leiden zu lassen. Jesus würde aber alles daran setzen, um es seinen Gegenspielern so schwer wie möglich zu machen.


Er war frei. Unbeschreibbar frei. So, als wären all die rostigen Ketten, die ihm über Jahre hinweg die Luft zum Atmen geraubt hatten, gesprengt worden.


Jesus wusste ganz genau, wo es ihn hinzog. Die erste Station seines Feldzuges würde der Spielplatz sein. Denn wo, wenn nicht auf dem Spielplatz, konnte man die dreckigen Ausgeburten dieser Schweine so richtig bluten lassen? Ausbluten lassen.


Der Spielplatz war an diesem Morgen noch menschenleer. Überall standen die Spielgeräte, die Rutsche, der Kletterturm, die Schaukel, verlassen herum. Still warteten sie darauf, Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.


Jesus schritt durch den tiefen, trockenen Sand, der nicht gelb leuchtete und sauber war, so wie Sand eigentlich sein sollte. Nein, der Sand in diesem Viertel war grau. Grau, trostlos und verschmutzt. So wie das ganze Viertel.


Der Gestank von Katzenscheiße und -urin stieg ihm in die Nase, während er seinen schweren Rucksack zu Boden fallen ließ und für einen kurzen Augenblick, den trostlosen, mit Grafitti zugesprayten und vollgemüllten Spielplatz betrachtete. Zigarettenstummel und Schnapsflaschen lagen unter und neben den Bänken. Katzen- und Hundescheiße verzierte den Sand.


Ein wahres Spieleparadies.


Es würde nicht mehr lange dauern und die ersten Kinder kamen. Schon bald würde hier das reinste Lach- und Spaßland zum Leben erwachen.


Jesus lachte gehässig. Ja, heute sollte es hier so richtig teuflisch lustig zugehen. Ein riesiger teuflischer Spaß.


Zügig öffnete er seinen Rucksack. Kramte in den unzähligen Utensilien, die er vorbereitet hatte, und zog eine lange Holzplatte hervor. Durch sie waren Dutzende langer Stahlnägel geschlagen worden, die lang und spitz aus dem Holz ragten.


Spitz und schmerzhaft.


Jesus verscharrte das Nagelbrett im Sand. Gerade so tief, dass es nicht sofort entdeckt werden konnte, die Nagelspitzen aber noch so weit aus dem Sand ragten, um dem Kind, das auf das Brett treten oder fallen würde, größtmöglichen Schmerz zu verschaffen. Jesus stellte sich bis ins kleinste Detail vor, wie es aussehen würde, wenn einer der Bälger auf die Nägel trat und sie sich qualvoll durch den Fuß bohrten. Mit viel Glück würde vielleicht sogar eines der Kinder auf das Brett fallen. Ja, das wäre die Krönung!


Größtmöglicher Schaden. Größtmögliche Zerstörung.


Eine Handvoll Küchenmesser war die nächste gefährliche Fracht aus dem Rucksack. Hochkant fixierte er die Küchenmesser im Sand. Schön über den gesamten Sandkasten verteilt.


Jesus grinste hasserfüllt. Ja, heute würden die kleinen Schweinchen einen Heidenspaß auf dem Spielplatz erleben. Ein Spaß, der sich für immer in ihre Körper und in  jungen Seelen einbrennen würde.


Die letzte schmerzbringende Überraschung verlangte von Jesus etwas mehr Fingerspitzengefühl. Er holte eine Handvoll Teppichmesserklingen aus dem schwarzen Rucksack und präparierte damit die Rutsche. Die Abbruchklingen montierte er mit akribischer Genauigkeit am Podest und am Auslauf der Rutsche. Da, wo die spaßige Rutschparty endete.


Fest mussten sie sein. Bombenfest, damit sie von der Wucht des Aufpralls nicht einfach weggeschleudert wurden, sondern sich schön tief in das junge Fleisch fraßen.


Nach getaner Arbeit schnappte sich Jesus seinen Rucksack und machte es sich auf der einzigen Schaukel des Spielplatzes bequem. Ruhig schwang er hin und her und schaute sich mit größer Genugtuung seine Tat noch einmal an.


Alles war vorbereitet. Jetzt mussten sie nur kommen, die Schweineblagen.


Er dachte nicht einen Moment daran, wegzugehen. Nein, weglaufen wäre feige und kam überhaupt nicht für ihn infrage. Er wollte hier sein und ganz genau mitansehen, wie der erste Glückspilz in eines seiner präparierten Geschenke tapste. Jesus wollte endlich Blut sehen. Leid und Schmerzen. Den angstvollen Schrei hören, der sich aus so einer kleinen Kehle nach draußen fraß. Sich an der Qual laben, die er, und nur er ganz allein, verschuldet hatte. Sein blutiges, schmerzbringendes Werk genießen. Tiefste Genugtuung und Balsam für die Seele in einem.


Er schaukelte ruhig weiter. Hin und her, während die Minuten verstrichen. Bald kam die erste Mutter mit ihren zwei Söhnen auf den Spielplatz. Vollkommen abgefuckt sah die Frau aus. Abgefuckt und durchtrieben, wie alle Weibsbilder in diesem Viertel nun mal aussahen. Ihr Äußeres wirkte zwar auf den ersten Anschein gepflegt. Sie war blondiert und gebräunt, doch ihr Inneres stank erbärmlich.


Die Kinder dreist. Völlig verzogen. Kleine Tyrannen im Jogginganzug. Ein Spiegelbild der Eltern.


Jesus Vorfreude stieg ins Unermessliche. Aus seinen lodernden Augen verfolgte er die Schritte der Kids und fragte sich, in welche der Falle sie wohl gleich tappen würden. Doch zu seinem Entsetzen kamen die Jungs schnurstracks auf die Schaukel zu gerannt. Anscheinend hatten sie keine Lust im Sand zu spielen oder zu schaukeln.


Fuck, schaukeln wollen sie. Verdammt nochmal schaukeln.


Die Schaukel war ausgerechnet das einzige Spielgerät, welches er nicht manipuliert hatte. Jesus ärgerte sich innerlich, schaukelte dabei aber weiter. Hoffte, dass er mit seinem Verhalten, die Schaukel zu besetzen, die Kinder doch noch irgendwie dazu bringen konnte, auf ein anderes Gerät zu gehen. die Kids ließen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.


»Erster!«, schrie einer der Jungs, als er vor der Schaukel zum Stillstand kam und ihn blöd anstarrte.


»Ach, back dir ein Eis«, sagte er andere Junge angepisst. »Mir doch egal, sonst gewinne ich ja eh immer.«


Auch der andere Junge warf Jesus jetzt Blicke zu, die nichts weiter als eine tiefe Abscheu verrieten. Es war auch etwas übertrieben Hochnäsiges darin versteckt, als machten sich die zwei Kids nicht nur lustig über ihn, sondern stellten sich auch in der Hierarchie über ihn. Er war in ihren Augen nichts wert. Von erbärmlicher Natur. Die gleichen Blicke warf ihm auch die Mutter zu, die jetzt ebenfalls zur Schaukel gestapft kam.


Jesus fühlte wieder Wut und Hass in sich auflodern. Er brannte innerlich, explodierte förmlich. Er wusste ganz genau, dass die zwei Kids schon jetzt, in ihren jungen Jahren, durchtrieben, empathielos und manipulierend waren. Er spürte, dass die Erziehung ihrer verkommenen Eltern, sich in einer Ellenbogengesellschaft dreist zu behaupten, Früchte trug. Und zwar stinkende, faule Früchte. Doch bei ihm sollten sie sich gleich die Zähne ausbeißen. Denn er war definitiv der größere, bösere und durchtriebenere Fisch in diesem Teich.


»Ein Bett voller Rosen«, säuselte er vor sich hin, während er seelenruhig weiter hin und her schaukelte und die Kids und ihre Mutter lediglich mit durchdringenden Blicken musterte.


»Können jetzt mal die Kinder?«, motzte ihn die Frau plump von der Seite an und strafte ihn mit verächtlichen Blicken.


»Na, bitte«, antwortete Jesus gefühlskalt und warf der Frau einen bösen Blick zu. »Nichts als ein Bett voller Rosen«, raunte er ein weiteres Mal vor sich hin, als er von der Schaukel sprang und dabei seinen Rucksack umwarf. Einer der Jungs hatte sofort die Schaukel in Beschlag genommen und schaukelte vergnügt drauflos.


Jesus erhob sich und starrte den Jungen hasserfüllt an. »Brenn, Jesus, brenn«, sagte er böse und griff nach den beiden Spritzen in seiner Jackentasche. Spritzen mit infektiösem HIV-Blut.


Dann schritt er auf die Frau zu und ohne einen Laut von sich zu geben, rammte er ihr wuchtvoll beide Spritzen in den Rücken, um ihr sogleich das krankheitserregende Blut in den Körper zu drücken.


Die Frau schrie auf und Jesus schlug ihr kraftvoll mit der Faust auf die Nase, nachdem er die Spritzen achtlos fallengelassen hatte. Stöhnend ging die Mutter zu Boden. Die Kids schauten ihn geschockt aus weitaufgerissenen Augen an. Jetzt war die verachtungsvolle Abscheu aus ihren Blicken gewichen und Angst an ihre Stelle getreten.


»Das war HIV-Blut, du dumme Hure!«, schrie Jesus wütend und trat ihr brutal gegen den Schädel. »Jetzt können deinen Scheißblagen über Jahre hinweg mitansehen, wie du schön langsam und qualvoll verreckst. Hörst du? Du wirst sterben und noch sehr lange Zeit an mich denken.«


Er trat ihr zum Abschied noch einige Male in den Unterkörper, dann drehte er der um Hilfe kreischenden Frau den Rücken zu und schritt genüsslich und selbstzufrieden vom Spielplatz…


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Disposal The Fucking Body


 


Winter 1996


 


Erbarmungslos biss sich der kalte Winterwind in die Haut des Jungen. Seine peripheren Gliedmaßen versuchten der unerbittlichen Witterung zu trotzen, indem sie anfingen, unkontrolliert zu zittern und damit Muskelwärme aufzubauen.


Seiner Mutter schien es nicht anders zu ergehen. Sie drückte den flauschigen, dunkelblauen Handschuh, in dem seine Hand steckte, fest zusammen und zog ihn daran leicht die Straße hinab, während ihnen das laute Getöse vom Weihnachtsmarkt nachhallte. »Verdammt ist das kalt«, wisperte sie. »Komm schon, Max. Im Zug wird’s wärmer.«


Ja, kalt war es.


Unmenschlich kalt.


Max hatte noch am Mittag im Zug zwei Passanten gelauscht, die sich darüber unterhalten hatten, dass in diesem Winter bereits fünfundzwanzig Obdachlose in der Kälte erfroren waren. Für den achtjährigen Jungen war das unvorstellbar und beschäftigte ihn daher eine ganze Weile.


Menschen, die in Kälte und Schnee sterben. Was für ein grausamer Tod, hatte er nach langem Überlegen sein Resümee gezogen.


Er blickte nochmals zurück zum Weihnachtsmarkt, während ihn seine Mutter weiter Richtung Hauptbahnhof zerrte. All diese bunten, blinkenden Lichter, der ganze flauschige Schnee, der süße Geruch von Lebkuchen und gebrannten Mandeln, die Vielzahl an Verkaufsständen, wo über Krakauer bis hin zu Spielzeug alles dabei war, und dazu noch der angeblich größte Weihnachtsbaum der Welt, wie man ihm weismachen wollte. Ja, das war wirklich eine weitaus schönere Seite des Winters als Erfrierende. Darüber sollten sich die Erwachsenen unterhalten und nicht über das Sterben in Kälte und Schnee.


Ja, der angeblich größte Weihnachtsbaum der Welt. Ob es wirklich der größte war, wusste Max nicht mit Sicherheit, aber er war zumindest schon Mal größer als ein Haus und seine Spitze funkelte und leuchtete ihm sogar über die Häuserdächer hinweg nach.


Was für ein pompöses Teil! Der passte nicht in den Vorgarten des Elternhauses. Definitiv nicht.


So fühlen sich wahrscheinlich Ameisen, hatte er gedacht, als er vor dem Riesenbaum gestanden hatte und seine gigantische Größe auf sich wirken ließ, wenn sie bei uns im Wohnzimmer bei der Bescherung anwesend wären und unseren Baum sähen.


»Jetzt komm endlich, Max«, riss ihn die Stimme seiner Mutter aus dem Tagtraum und zog noch kräftiger als vorhin an seiner Hand. »Nicht träumen. Wir müssen den Zug erwischen, sonst können wir hier noch eine halbe Stunde in der Kälte rumstehen.«


Okay, das kam gar nicht in Frage.


Max blickte wieder nach vorne und wurde schneller. »Wo sind meine gebrannten Mandeln?«, fragte er hastig.


»Irgendwo in meiner Tasche.«


»Kann ich die haben?«


»Muss das denn ausgerechnet jetzt sein«, fluchte seine Mutter. Sie blieb stehen, kramte übertrieben gestresst in der Tasche, zog dann den Beutel mit den gebrannten Mandeln heraus und drückte ihn Max in die Hand. Der Junge grinste zufrieden, während seine Mutter genervt weitermarschierte.


Sie rannten schon fast die Straße Richtung Hauptbahnhof entlang. Max hatte Schwierigkeiten, seiner Mutter auf den Fersen zu bleiben. Immer wieder musste er ein paar schnellere Schritte einlegen, um nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Der Beutel mit den Mandeln lag angenehm warm in seinen Händen und der unwiderstehliche Geruch stieg ihm in die Nase.


Rasch eine genascht und dann schnell weiter hinter Mama her.


Am Ende der Straße nahm der Weg eine scharfe Linkskurve und führte durch eine dunkle Unterführung, die sich keine hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt befand.


Der Tunnel war ein beliebter Anlaufpunkt für Obdachlose, die sich hier gekonnt zwischen Gebäudepfeilern und der Überdachung vor der Witterung verschanzen konnten. Max sah schon von weitem ein Sammelsurium an verdreckten Schlafsäcken und heruntergekommenen Männern, die teils lagen und teils auf ihren Schlafsäcken saßen, um sich volllaufen zu lassen. Mit Wodka versuchten sie der Kälte zu trotzen, ohne zu wissen, dass diese Wärmetherapie mit hartem Fusel gegensätzlich verlief. Aber ihnen war das egal. Der harte Stoff war das einzige, das ihnen noch geblieben war. Nicht wenige hatten Frau und Hof, oder zumindest Frau und Familie, verloren und vegetierten jetzt vor sich hin. Nichts Positives gab es da draußen mehr zu finden. Keine Hoffnung und kein Glück. Alles war Scheiße und Schuld daran hatten immer die anderen. Der Fusel half ihnen zu vergessen und den seelischen Schmerz wenigstens für ein paar Stunden zu ertränken und ertragbarer zu machen.


Doch im Gegensatz zu dieser Linderung fachte der Alkohol aber auch ihre unbeschreibliche Wut, resultierend aus mannigfaltigen Enttäuschungen und Niederschlägen, mächtig an. Schon von weitem hörten Max und seine Mutter, die sich soeben darüber aufregte, nicht eher an diese verdammte Unterführung gedacht und einen anderen Weg eingeschlagen zu haben, das laute Gepolter, das schrille übertriebene Lachen und das stumpfe Schimpfen der Besoffenen.


Max spürte die Beklommenheit seiner Mutter nicht nur daran, dass sich ihr sonst eher fester Händedruck jetzt eher schlapp anfühlte, sondern auch, weil sie sich mehrfach umdrehte und aus heiterem Himmel irgendwelchen Schwachsinn vor sich hinschwafelte. »Mensch Max«, begann sie mit bemüht standhafter Stimmlage zu brabbeln. »Bin ich froh, wenn wir nachher daheim im Warmen sind.«


Der Junge wusste im Alter von acht Jahren noch nicht so recht, was die Männer vor ihnen hier draußen in der Kälte und Dunkelheit trieben. Ebenso wusste er nicht, was das für komische Stofffetzen waren, die wie Decken aussahen und auf denen die laute Herrenschar saß oder lag. Er spürte nur Mamas wachsendes Unwohlsein, das ihm mehr und mehr Furcht einjagte. Ja, irgendetwas war gerade nicht in Ordnung. Irgendetwas war merkwürdig.


Und wahrscheinlich hätte Max der Situation auch keine besondere Bedeutung zukommen lassen, wenn seine Mutter nicht unerwartet diese Unsicherheit ausgestrahlt hätte.



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