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Belletristik
Buch Leseprobe Seelenputzfimmel, Katja Herzog
Katja Herzog

Seelenputzfimmel



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Auszug Kapitel 1: Seezunge à la Rosa


 


 


  Okay, nun war ich soweit. Ein Blick zur Uhr. Noch vier Minuten. Zum Glück war Johanna immer pünktlich, aber das riss sie jetzt auch nicht mehr raus. Gut Rosa, dann mal los. Handtasche hatte ich, nun noch Jacke und Halstuch. Das ging schnell. Um es mir zu vereinfachen, hatte ich je ein Halstuch für jeden Wochentag. Farblich war das kein Problem, sie waren alle irgendwie in grau gehalten. Nur noch auf der Matte in die Stiefel schlüpfen, dann war ich abfahrbereit. Es klingelte. Ich erschreckte mich fürchterlich und fuhr zusammen.


  »Lächeln, lächeln!«, befahl ich mir leise und öffnete für Johanna die Haustür. Ich strahlte sie an.


  Johanna begrüßte mich mit »Hey, Püppi« und umarmte mich. Ich hasste diesen Spitznamen. Püppi. Das hörte sich so gekünstelt an. Das passte doch gar nicht zu mir. Wie so ein Modepüppchen, oder was meinte Johanna damit? Ich wollte sie immer danach fragen, aber jetzt lohnte es sich nicht mehr. Bald war Püppi sowieso Geschichte. Heute hieß es bye bye Johanna.


  Wir fuhren mit meinem Auto das Stück bis zum Seestern. Das war mir immer lieber. Wenn ich bei Johanna mitfuhr, konnte ich nicht plötzlich nach Hause, falls mich der Fluchtreflex packte. Gute fünf Minuten, dann waren wir da. Zielstrebig ging ich voraus, die paar Stufen rauf in das gediegene Fisch-Restaurant. Ich wusste, wo ich hinmusste. Gleich nachdem wir das erste Mal hier zu Mittag gegessen hatten, habe ich im Seestern angerufen und den Tisch vorsorglich für jeden Sonntag um zwölf Uhr fünfundvierzig reserviert. Somit saßen wir immer in derselben kleinen Nische am Fenster. Von da aus hatte man das ganze Lokal im Blick, wurde aber nicht von den anderen Gästen direkt angestarrt. Wir nahmen Platz. Ich fühlte mich gut. Ich wusste, dass ich gleich Seezunge, Reis und ein Wasser bestellen würde. Der Blick in die Speisekarte war also nur pro forma. Machte sich irgendwie netter. Johanna suchte sich ein Gericht aus der Karte aus. Sie fragte mich, während auch ich demonstrativ die Speisen studierte:


  »Na Püppi, willst du heute mal Seezunge probieren?«


  Sie lachte mich breit an und zwinkerte mir zu. Ich dachte im Stillen, dass ihr das Grinsen schon noch vergehen würde, wenn ich sie erst mal abgesägt hätte. So eine Frechheit, als würde ich hier immer das gleiche essen! Später, zu Hause, wollte ich überlegen, wann ich mal etwas anderes hatte. Dann würde ich den Beweis in Händen halten, dass ihre Anspielung gänzlich überflüssig und unpassend war. Unter Freundschaft verstand ich was anderes. Blöde Kuh.


  Oh, die Bedienung! Aufgepasst! Sie begrüßte uns und nahm dann Johannas Bestellung auf. Sie wählte eine Weißwein-Schorle, einen Meerrettich-Salat und die gemischte Meeresfrüchte-Platte. Dann wandte sich die Bedienung mir zu und fragte recht steif:


  »Was darf es denn für Sie sein?«


  Ich reckte meinen Rücken ein wenig, um gerader auf dem Stuhl zu sitzen, und bestellte mit erhabenem Gesichtsausdruck:


  »Hm… ich glaube, hm… ach, heute versuche ich mal die Seezunge. Dazu ein Wasser bitte.«


   Gönnerhaft sah ich zu Johanna hinüber. Sollte sie mal drüber nachdenken, ob ich nicht doch schon mal etwas anderes gewählt hatte.


  Warum warfen sich die beiden so komische Blicke zu? Ich wurde wirklich immer mehr darin bestätigt, mich von Johanna zu trennen. Verbündete sie sich etwa mit dieser Bedienung? Die konnte ich sowieso nicht leiden. Wir sind vor ein paar Wochen gehörig aneinandergeraten. Sie hat doch allen Ernstes die Frechheit besessen, einfach für mich Seezunge und ein Wasser auf ihren blöden Zettel zu schreiben. Bei Johanna hat sie die Bestellung abgewartet, aber mich hat sie gar nicht erst gefragt! Ungeheuerlich…


  Zum Glück zog die Tante jetzt wieder ab. Johanna wandte sich mir zu und griff nach meiner Hand.


  »Ich muss dir unbedingt erzählen, was mir letzten Dienstag passiert ist.«


  Okay, Gnadenfrist. Sollte sie mir ruhig noch berichten, was sie mal wieder Tolles erlebt hatte. Ich konnte ihr auch noch später eröffnen, dass es sich „ausgejohannat“ hatte. Gerade wollte sie loslegen, als uns eine kraftvolle Männerstimme unterbrach.


  »Johanna? Das gibt’s doch gar nicht!«


  Ein großer, dynamischer Typ steuerte geradewegs auf uns zu. Ich hatte ihn gar nicht kommen sehen. Mir wurde schlecht. Musste der ausgerechnet jetzt hier auftauchen?


  Neugierig sah sich Johanna um, wer sie denn da ansprach.


  »Hey«, rief sie, »Raffael!«


  Oh nein, sie klang auch noch begeistert! Das Unheil nahm seinen Lauf. Johanna bat Raffael, sich zu uns zu setzen und jubelte förmlich, ihm zu begegnen. Sie stellte uns gegenseitig vor und schwärmte ungehemmt von diesem Raffael. Dass sie sich schon ewig kannten, lange nichts von einander gehört hatten und vor Jahren mal zusammen einen Rucksackurlaub in Australien unternommen hatten. Jubel, jubel, jubel…


  Ich hasste ihn von der ersten Sekunde an. Es bedurfte nicht viel Menschenkenntnis, um zu erkennen, dass dieser Raffael einer Spezies angehörte, die ich grundsätzlich mied. Er gehörte zur Art der Improvisationstalente: Spontan, witzig, aufgeschlossen, locker. Keine Frage, so war ich auch! Aber eher für mich allein und nicht so plump und ungeniert vor anderen. Das gefiel mir ganz und gar nicht.


  Spontaneität war für mich das Schrecklichste, was jemals auf diesem Planeten erfunden wurde. Sie sprengte meine Skala der Schrecklichkeiten mit einer 1000! Was wollte dieser Kerl hier? Konnte er uns nicht einfach in Ruhe lassen? Ich verfluchte mich dafür, Johanna nicht schon an der Haustür den Laufpass gegeben zu haben. So unauffällig wie möglich musterte ich diesen widerlichen „Einmischer“. Kräftig und gesund sah er aus. Seine frische Gesichtsfarbe untermalte das noch. Aber sein helles Shirt war leider ein wenig zu klein. Die Knopfleiste am Ausschnitt ging gar nicht zu. Sie spannte über der Brust. Seine dunkelbraunen kräftigen Haare wippten in üppigen Strähnen immer hin und her, wenn er sich bewegte. Tse… Stillsitzen war eine Tugend, die er wahrlich nicht beherrschte. Zum Frisör konnte der auch mal wieder. Und seine Augen? Blau. Ha! Oh mein Gott! Unsere Blicke trafen sich. Gleich muss ich mich übergeben, dachte ich. Ich fühlte, wie meine Wangen immer stärker durchblutet wurden und zu leuchten begannen. Ich musste sofort hier weg! Aber wie? Mein Gehirn war nicht mehr in der Lage, meinen Beinen die Information mitzuteilen, wie „gehen“ funktionierte.


  Es klapperte. Die Bedienung brachte unsere Getränke. Zum Glück konnte ich jetzt auf mein Wasserglas starren. Es rauschte in meinem Kopf, als ich mit anhören musste, wie Raffael ein Bier bestellte. Den wurden wir nie wieder los! Johanna und dieser Eindringling unterhielten sich angeregt. Für meinen Geschmack ein wenig zu laut. Wir hatten ja nicht das ganze Lokal reserviert. Schonungslos jagte der Horror durch mein Gehirn, dass Raffael mich gleich ansprechen würde. Meine Befürchtungen arbeiteten auf Hochtouren. Folglich sollte ich mich auch noch in dieses fragwürdig laute Gespräch einklinken? Unpassender ging es wirklich nicht! Johanna hatte ich eigentlich etwas ganz anderes zu erzählen, schließlich wollte ich sie loswerden. Und Mister Spontan hatte ich absolut nichts zu sagen. Wenn man mal außer Acht ließ, dass er verschwinden sollte. Wie er schon dasaß! So lässig, als würde ihm die Welt gehören. Der glaubte allen Ernstes, dass er einfach so in mein Leben platzen konnte. Ungehobelt, wirklich ungehobelt dieser Raffael!


  »Schön, dich kennenzulernen, Rosa«, hörte ich plötzlich.


  Alarm! Ich wünschte mir ein Kreuz und Knoblauch herbei. Aber nichts passierte. Ich schnappte nach Luft.


  »Ja, auch schön«, stammelte ich.


  Mein Wortschatz schrumpfte in Sekunden auf Überlebens-Notration. Bevor ich überhaupt meinen Lächelbefehl abrufen konnte, breitete sich ein übertriebenes, fratzenhaftes Grinsen von ganz allein über meinem Gesicht aus und blieb dort hängen. Meine Körpertemperatur drohte, den Siedepunkt zu erreichen. Es half nichts, ich musste sofort hier weg!


  Ich zwang mich, meinen Blick von Katastrophenherd Raffael zu lösen. Dann schlug ich mir mit der flachen Hand vor die Stirn und riss meinen Mund auf. Ich rollte mit den Augen und wandte mich hektisch Johanna zu:


  »Stimmt ja, ich muss doch heute meiner Mutter helfen!«


  Irritiert zog Johanna die Augenbrauen zusammen. Schnell stand ich auf. Ich griff meine Handtasche und quetschte mich ein wenig ungeschickt, aber dafür rasend schnell, an Johannas Stuhl vorbei.


  »Das hatte ich ganz vergessen, Entschuldigung«, erklärte ich mich.


  Ich donnerte mit meinem Oberschenkel gegen Johannas Stuhllehne. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen kochenden Körper. Aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.


  Geschafft! Ich war hinter dem Tisch heraus. Ich schaltete meinen Bewegungsapparat auf Turbo und setzte an, in großen Schritten den Raum zu verlassen. Mir schoss in den Kopf, dass ich ja noch meine Bestellung bezahlen musste. So drehte ich mich noch einmal zu Johanna um, während ich schon Vollgas gab. Dann krachte es! Ich spürte einen dumpfen Aufprall. Es klirrte und klapperte, und ich sank zu Boden. Mein Kinn schlug als Erstes auf dem eigentlich von mir als urgemütlich eingestuften Holzdielenboden auf. Aua! Dann polterte es in meinem Gehirn. Noch mal aua! Ein Silbertablett traf mich auf den Kopf, bevor es laut scheppernd auf den Dielenboden fiel. Ich realisierte, dass ich direkt in die Kellnerin gelaufen sein musste, die unser Essen bringen wollte. Dies rekonstruierte ich auch anhand der Muscheln, der Seezunge und den Salatblättern, die sich auf meinem ganzen Körper verteilten. Ich versuchte, mich aufzurappeln. Ausgerechnet Störenfried Raffael hockte sich umgehend zu mir nach unten auf den Boden und beugte sich ganz dicht vor mich. Er legte seine Hand ganz behutsam an meine Wange und sah mich fürchterlich besorgt an.


  »Alles okay bei dir?«


  Okaaaayyy?!, schrie ich innerlich. Nichts war okay! Ich wollte sterben. Gleich hier. Ganz unspektakulär. Einfach Lichter aus und ab ins Jenseits.


  »Geht schon«, stieß ich gequält hervor.


  Nach gefühlten Stunden der Seelenfolter kam ich endlich wieder auf die Beine.


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