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Belletristik
Buch Leseprobe Seele Klara, Christa Le Blond
Christa Le Blond

Seele Klara



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Leseprobe 1 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 1.Kapitel, Seite 8

     Einmal war es besonders schlimm bei einem Alarm. Im Winter hatten wir noch
meine kleine Schwester Rosi bekommen. Mama badete sie gerade, als es losging.
Mama war total genervt, sie wusste nicht, ob sie uns noch rechtzeitig in den Keller
bringen konnte. Rosi schrie wie am Spieß, und Max gab sich wieder einmal seiner
Fliegeralarmbegeisterung hin. Er stapfte wie ein Soldat durch die Küche, bis
Mama fast über ihn stolperte. Ich versuchte Mama zu helfen, so gut ich konnte.
Zum Glück kam Frau Schmitt hoch, packte den Maxl und mich, und Mama kümmerte
sich um Rosi.
     Im Keller war es schummrig und düster, die Lampe war kaputt, und es gab
nur Kerzen. Wir saßen auf Kisten. Es war wenig Platz, die Kinderwagen nahmen
den meisten Raum ein. Es roch grässlich hier im Keller. »Das sind verfaulte Kartoffeln«,
sagte jemand. Wie so oft fingen die Kleinen irgendwann an zu brüllen
und das Gemeckere der kinderlosen Erwachsenen ging wieder los. Der Oma von
Beckers ging es nicht besonders gut. Sie saß mir gegenüber auf einer Kiste, in eine
Decke gehüllt. Manchmal atmete sie ganz schwer und zitterte.
     »Hast du ein Taschentuch?«, fragte ich Mama.
     »Nein, warum?«
     »Die Bärbel hat eine Rotznase.«
     »Na, ihre Mama wird wohl ein Taschentuch für sie haben.«
     »Glaub ich nicht, Mama, die Bärbel schmiert schon die ganze Zeit ihre rotzige
Nase an die Decke ihrer Oma.«
     »Rotz sagt man nicht!«
     »Was sagt man dann, Mama?«
     »Jetzt sei mal ruhig, Klara.«
     Die Bärbel sah manchmal ziemlich eklig aus, ohne Rotznase sah man sie nie.
Wir Kinder nannten sie deshalb auch Rotzbärbel. Heute war ihr Rotz besonders
eklig grün.
     Bärbels Mama saß neben der Oma, ihren Kopf hatte sie an die Wand gelehnt.
Ein Stück weiter oben an der Mauer sah ich etwas Schwarzes, das sich langsam
nach unten bewegte. Oh, fein, jetzt wurde es spannend, das war nämlich eine Spinne,
die da herunterkrabbelte, eine dicke Spinne mit ganz fetten, langen, gruseligen
Beinen. Sie war schon ganz dicht über dem Kopf von Frau Becker. Eigentlich hätte
ich jetzt etwas sagen sollen, aber ich tat es nicht.


 


Leseprobe 2 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 3.Kapitel, Seite 5          In der Kirche gibt es einen Beichtstuhl. Meine katholischen Freunde müssen
da hin, um ihre Sünden zu beichten, und anschließend müssen sie den Rosenkranz
beten, bis der liebe Gott ihnen vergeben hat und sie wieder sündenfrei sind.
Ich finde das toll, wenn man danach so ohne die kleinste Sünde ist. Wenn meine
Freunde dann aus der Kirche kommen, so ganz ohne Sünde, dann bin ich ganz
ehrfürchtig. Da stehen sie nun neben mir, frei von allen Sünden, und meine sind
alle noch da. Meine Sünden haben alle etwas mit Franz zu tun. Dem wünsche
ich oft nichts Gutes und ich denke mir, wenn der mal weg ist, dann werde auch
ich ohne Sünde und ein besserer Mensch sein. Bei uns ist das mit dem Beichten
anders. Mama hat gesagt, dass der Herr Pfarrer uns das im Religionsunterricht
genau erklären wird. Heute waren wir wieder in der Kirche und haben auf den
Bänken gekniet. Meine Freunde haben mir einen Rosenkranz geliehen und nach
dem Beten haben wir uns mit Weihwasser betupft. Ich konnte danach nur noch
schweigend und mit gesenktem Kopf aus der Kirche schreiten.
     Mama wollte zu Hause sofort mit mir sprechen. Ich aber sagte: »Mama, kannst
du nicht warten? Ich kann jetzt noch nicht. Ich bin noch in heiliger Stimmung. Du
musst warten, bis die vorbei ist:«
     »Na, hoffentlich dauert die heilige Stimmung nicht zu lange. Du sollst nämlich
rüberlaufen zur Schneiderin, um deine neuen Schürzen anzuprobieren. Ich weiß
nicht, ob Frau Rubitzer warten kann, bis deine heilige Stimmung vorbei ist.«
     »Ist gut, Mama, ich versuche es zu beschleunigen.«

Ich habe meine roten Schuhe versteckt. Mama will, dass ich sie jetzt hole, aber ich
will nicht. Der Franz hat nämlich vor, vorne ein Loch reinzuschneiden, denn sie
werden jetzt langsam knapp. Aber ich will sie aufbewahren, sie sind ja noch wie
neu, und wenn ich erwachsen bin und vielleicht ein kleines Mädchen habe, dann
soll es die Schuhe tragen, und zwar jeden Tag, nicht nur sonntags.
     »Klara, so gib ihm doch die Schuhe, damit wir Ruhe haben«, bittet mich Mama.
     »Nein, das sind meine Schuhe. Oma hat sie mir geschenkt. Die Schuhe sind ein
Geschenk! Und ich will kein Loch in meinem Geschenk!«
     »Aber du weißt doch, dann wird er wieder zornig und schlägt dich.«
»Dann soll er mich totschlagen. Seit der da ist, wäre ich sowieso manchmal
lieber tot.«
     »Wieso musst du immer gleich übertreiben?«
     »Ich übertreibe nicht, Mama. Ich bin bloß sensibel, das sagst du doch immer.
Und warum macht der Franz eigentlich keine Löcher in die Schuhe der Kleinen?
Dann müsstest du doch nicht gleich für zwei Kinder neue Schuhe kaufen!«
     »Bitte, Klara, hol jetzt die Schuhe und mach keinen Ärger.«
     »Nein.«
Da kommt auch schon der Franz herein.
     »Wo sind die Schuhe? Ich habe mein Messer gefunden und es gleich frisch
geschliffen.«
     »Frag Klara«, sagt Mama.
     »Los, hol die Schuhe!«
     »Ich weiß nicht, wo sie sind.«
     »Jetzt lüg nicht oder ich knall dir eine.«
     »Du kannst mir eine knallen, es macht mir nichts aus.«
Der Franz wird knallrot, seine Backenknochen sind ganz angespannt, die Lippen
zusammengepresst, die Nasenflügel beben. Gleich explodiert er. Er steht vor
mir und keucht.
Leseprobe 3 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 6.Kapitel, Seite 111

             Klaras Mama kommt gerade vom Einkaufen – zweieinhalb Wochen sind inzwischen
vergangen – und stellt die Taschen auf den Küchentisch, da hört sie aus
dem Wohnzimmer ein leises Singen. Sie öffnet die Tür und sieht Klara in der Ecke
auf dem Fußboden sitzen. Mit übereinandergeschlagenen Beinen im Schneidersitz,
die Hände an den Ellbogen, den Kopf etwas zur Seite geneigt, sitzt sie mit
geschlossenen Augen da und wiegt ihren Oberkörper vor und zurück. Ganz sanft
und leise singt sie immer nur den einen Satz: »Wenn ich ein Vöglein wär, wenn ich
ein Vöglein wär …«
     Klara bemerkt nicht, dass ihre Mama sie beobachtet.
     »Was machst du da?«, fragt ihre Mama, aber Klara reagiert nicht. Sie fragt noch
einmal. Jetzt öffnet Klara die Augen.
     »Es ist so schön im Himmel bei den Vögeln.« Sie lächelt entrückt. Ihre Mama
erschrickt, geht zurück in die Küche, setzt sich erst einmal auf einen Stuhl und
verweilt in Starre, bis die Kleinen sie aus ihren Gedanken reißen. Sie nehmen jetzt
ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und sie holen auch Klara aus ihren Wolken
auf die Erde zurück.
     Am Nachmittag ist Klara plötzlich verschwunden. Onkel Pickel sucht sie, steigt
hoch auf den Heuboden und findet sie da. Das Strohlager ist vollkommen durchwühlt.
     »Was suchst du da?«, will er wissen.
     »Ich weiß nicht, ich kann es nicht finden.«
     »Kommst du mit runter?«, fragt er.
     »Jetzt noch nicht. Ich möchte noch ein bisschen hier sitzen.«
     »Na gut, ich schaue nachher noch mal nach dir.«
Eine halbe Stunde später klettert er noch einmal die Leiter hoch, hält aber auf
halbem Weg inne. Er hört Klara zu jemandem sprechen.
     »Jede Nacht träume ich dasselbe«, sagt sie. »Es macht mir Angst. Ich falle in ein großes
schwarzes Loch, ganz, ganz tief. Ich falle und falle. Ich versuche hochzuklettern und falle immer
wieder zurück. Wenn ich es endlich bis an den Rand geschafft habe, beugt sich ein hässliches böses
Gesicht über mich und lacht hämisch. Ein großer schwarzer Schuh tritt dann auf meine Hände.
›Falle wieder in dein schwarzes Loch, du Ratte‹, höhnt nun der Teufel und tritt ganz fest auf
meine Finger. Es tut weh, ich muss loslassen und stürze wieder zurück.«
     Onkel Pickel lauscht noch immer der traurigen Stimme.
     »Ich kann meinen Hocker nicht mehr finden, Wong-Wang, kannst du dich nicht zeigen?
Du hast mir doch einmal gesagt, Wong-Wang, dass du mich immer hören und sehen kannst,
wo immer du auch bist. Bitte, Wong-Wang, der schwarze Schuh zerquetscht mir meine Finger.
Kannst du ihn nicht vertreiben?«
     Onkel Pickel klettert jetzt ganz leise wieder die Treppe hinunter. Er ringt um
Fassung. Erst muss er mit Tante Pickel reden, bevor er mit Klara spricht.
     »Die Klara macht mir Sorgen, Frieda«, sagt er. »Sie hat sich von ihrem Schock
noch nicht erholt. Sie ist weit weg mit ihren Gedanken. Ich habe gehört, wie sie
mit einem gewissen Wong-Wang sprach! Sie hat ihm etwas über einen schlimmen
Traum erzählt. Ich habe ein ungutes Gefühl, wir müssen sie im Auge behalten.«
     »Du hast Recht, Ludwig, wir müssen sie im Auge behalten.«



Leseprobe 4 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 13.Kapitel, Seite 219

        Alle Probearbeiten sind vorbei, und trotz meiner Konzentrationsschwäche schaffte
ich sie zufriedenstellend. Meinen fünfzehnten Geburtstag feiere ich mit meiner
Familie, Gäste will ich nicht.
     Ich laufe oft nachmittags weg, laufe erst langsam, dann immer schneller. Heute
will ich zu meinem Freund Johann, dem Schäfer. Auf dem Berg hinter dem Wäldchen
finde ich ihn. Wir plaudern ein Weilchen, dann lassen wir uns an der höchsten
Stelle des Hügels nieder. Die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in die Hände
gestützt, beobachtet er seine Schafe. Ich kauere im Gras neben ihm und hänge
meinen Gedanken nach. Eine ganze Weile sitzen wir so, keiner spricht ein Wort.
Ich fühle mich wohl, einen lieben Freund neben mir zu haben. Es ist friedlich, und
es drückt nicht mehr so stark auf meine Brust.
     »Johann«, sage ich plötzlich, »was mache ich, wenn ich so wütend und verzweifelt
bin, dass ich einem Menschen ein Messer zwischen die Rippen stechen will?
Der Zwang wird immer schlimmer, der Hass von Tag zu Tag größer. Ich habe nur
noch den einen Gedanken: Ich will das Monster auf dem Boden liegen sehen, es
soll bluten und um Gnade winseln. Aber ich werde ihm keine Gnade gewähren.
Ich werde neben ihm knien, lächeln und glücklich sein.«
     Ich erschrecke, als ich meine Worte höre. Johann dreht sich zu mir um, er
schüttelt mich.
     »Um Gottes Willen, Klara, was hat man dir angetan, dass du so etwas sagst«,
keucht er. »So etwas darf man nicht einmal denken. Man würde dich für geistesgestört
halten und in eine Anstalt sperren. Was meinst du, was für Sorgen sich deine
Mutter machen würde.«
     Ich muss jetzt weinen.
     »Ich pass schon auf, dass Mama sich keine Sorgen machen muss. Immer pass
ich auf, jeden Tag.«
     Ich bin erschrocken über mich selbst, dass ich beinahe mein Geheimnis ausgeplaudert
hätte.
     »Ich träume das doch nur jede Nacht«, stottere ich, »und der Traum macht mir
Angst.«
     »Du musst deiner Mutter von dem Traum erzählen.«
     »Ja, ja, das mache ich jetzt.«
     »Aber auch wirklich«, hakt er noch einmal nach. »Deine Mutter kann dir ganz
bestimmt helfen, du musst dich ihr anvertrauen. Solche Träume sind dann meistens
plötzlich weg«, versucht er mich zu beruhigen.
     »Ja, Johann, ich sage es Mama – und danke.« Ich springe auf und winke noch
einmal.
     Langsam und lustlos trotte ich nach Hause. Der Druck auf meiner Brust ist
wieder da.


 


Leseprobe 5 - Auszug aus dem Roman Seele Klara. 15.Kapitel, Seite 239                  Ein paar Wochen später, an einem Sonntag, fragt mich die Bauer, so heißt die
faule Nachbarin, ob ich nachmittags und abends auf die Kinder aufpassen könne.
Ich sage zu, ich habe sowieso keine Lust, den besoffenen Olaf zu sehen. Mittags
gehe ich rüber. Sie sagt mir, dass das Essen in der Küche sei, dann verlässt sie mit
ihrem Mann die Wohnung. Ich muss erst die Fenster öffnen, sonst halte ich es
nicht aus, und begrüße die kleine Schar. Wir spielen ein Weilchen, dann hat einer
Hunger, dann noch einer.
     »Ich auch«, bettelt der Nächste. Ich gehe in die Küche und schaue mich nach
dem Essen um, kann aber nichts entdecken.
     »Wo hat denn deine Mama das Essen versteckt?«, frage ich Gabi, die Älteste.
     »Da liegt’s doch«, sagt sie und deutet auf den Küchentisch.
     »Wo?«, frage ich verwirrt. »Da liegt doch nur die Tüte.«
     »Ja, das ist unser Essen«, versichert mir Gabi. Ich mache die Tüte auf und
schaue ungläubig hinein.
     »Aber das sind doch nur trockene Kissinger oder Schnecken, wie immer die
auch heißen. Das ist doch kein Essen. Außerdem sind die von gestern. Die schmecken
ja gar nicht mehr.«
     »Wir essen meistens Kissinger. Mama kauft uns jeden Tag eine Tüte voll.«
     »Macht eure Mama euch denn kein Brot mit Wurst und Käse?«
     »Nein, nur manchmal«
Ärger steigt in mir hoch, als ich den Kindern die Schnecken reiche. Ohne zu
meutern, verschlingen sie die trockenen Dinger. Auch die Kleinen sitzen ganz
zufrieden in ihren Bettchen und knabbern. Ich kehre die Krümel zusammen und
nehme die Kleinen aus den Bettchen. Einer zwängt sich jetzt auf meinen Schoß.
Ich spüre etwas Nasses.
     »Wo sind denn eure Windeln?«, frage ich Gabi. Sie saust davon. »Gabi, bring
noch eine, da ist noch einer nass«, schreie ich ihr hinterher. »Wo werden die denn
gewickelt?«, frage ich. Gabi deutet auf den Boden. »Holst du mir was zum Drunterlegen?«
     »Was denn?«, fragt sie.
     »Na, etwas, worauf ich sie wickeln kann.«
     »Hab ich dir doch gezeigt«, motzt sie und deutet noch mal auf den Boden. Die
beiden Kleinen legen sich folgsam auf den Boden. Ich ziehe einem die Hose runter
und dann die nasse Windel. Ein ätzender Geruch steigt mir in die Nase, dann
kommen mir die Tränen. Ich glaube es nicht, was ich da sehe, mir wird schlecht.

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