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Belletristik
Buch Leseprobe Secret Circle  , Amanda Frost
Amanda Frost

Secret Circle


Geheime Sehnsucht

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Kapitel 1

 


Eric


 


Das sanfte Knirschen des Pulverschnees unter meinen Skiern versetzt mich in einen Zustand höchster Zufriedenheit. Tief sauge ich die kristallklare Bergluft in meine Lungen ein und genieße den Ausblick über die unendlichen Weiten der Rocky Mountains. Majestätisch, doch gleichzeitig bedrohlich, erheben sich die schneebedeckten Bergspitzen vor dem tiefblauen Himmel. Die Strahlen der Nachmittagssonne sorgen für eine angenehme Temperatur und lassen die weiße Pracht glitzern, als wäre sie mit Edelsteinen besetzt.


Während ich in rasantem Tempo den Berg hinabwedle, jagt das Adrenalin in Schüben durch meine Venen. Ungeachtet der Tatsache, dass ich ein exzellenter Skifahrer bin, birgt Heliskiing fernab der gesicherten Pisten gewisse Risiken. Abgehende Lawinen oder Schneebretter sind nichts Außergewöhnliches. Folglich sind die Wintersportler angehalten, in Gruppen unterwegs zu sein. Doch ich verabscheue es, mich dem Tempo anderer Menschen anpassen zu müssen. Außerdem benötige ich hin und wieder einen Kick, um abschalten zu können.


Als Vorstandsvorsitzender einer der mächtigsten IT-Firmen der Welt ist mein Tagesablauf lückenlos durchgeplant und besteht häufig aus Strapazen und Stress. Allerdings stellt das kein Problem für mich dar, denn ich bin ein wahrer Workaholic. Freizeit ist ein Luxus, den ich mir sehr selten leiste. Manchmal muss ich mich sogar richtiggehend zu einer Auszeit zwingen, in der ich dann Ski fahre oder tauche, denn körperliche Betätigung ist mein einziges weiteres Steckenpferd.


In diesem Moment schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, was die Luft augenblicklich ein paar Grad abkühlt. Ich denke, ich sollte abbrechen, meine Kraftreserven sind erschöpft. Völlig ausgepowert aber zufrieden nähere ich mich dem Helikopter, der auf einer kleinen Plattform im Schnee auf mich wartet.


„Genug für heute?“, erkundigt sich der Pilot, nachdem ich die Skier abgeschnallt habe und in den Hubschrauber geklettert bin. „Absolut. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Zurück zum Heliport, bitte!“


 


Als ich kurze Zeit später in meinem gemütlichen Chalet in Banff ankomme, werfe ich die Skijacke beiseite und schalte postwendend mein Handy ein. Wie so üblich haben sich Unmengen von SMS und Sprachnachrichten angesammelt.


Ich sinke auf das Sofa im Wohnzimmer und greife nach Block und Kugelschreiber. Während ich die Mailbox abhöre, mache ich mir Notizen. Einige meiner Bereichsleiter berichten über Probleme, andere informieren mich über neue Märkte, die sie erschlossen oder Deals, die sie gewonnen haben.


Das übliche Prozedere. Ich will rund um die Uhr über die wichtigsten Vorgänge auf dem Laufenden sein. Kontrollfreak nennen mich manche meiner Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand, und das ist keine Übertreibung.


Meine Firma trägt den Namen Secur. Und wie die Bezeichnung schon sagt, vertreibt sie Überwachungs- und Sicherheitssoftware, was in Zeiten von Hackern und Terroristen eine wahre Goldader ist. Bereits als Kind faszinierten mich Computer und Datenverarbeitung, daher setzte ich alles dran, um mein Hobby zum Beruf zu machen. Heute haben die größten Konzerne, Geheimdienste sowie Regierungen unsere Programme im Einsatz und sind zu treuen Kunden geworden.


In letzter Zeit ist Secur obendrein in den rasant anwachsenden Markt der Drohnen eingestiegen. Bestückt mit der unterschiedlichsten Software entwickeln sich diese fliegenden Augen langsam, aber sicher zu Alleskönnern. Ein Geschäftszweig, der mir große Freude bereitet, daher habe ich ihn zur Chefsache erklärt.


Plötzlich dringt eine unbekannte Frauenstimme aus dem Telefon an mein Ohr. Seltsam, denn nur meine engsten Mitarbeiter kennen diese Nummer. „Mr. Carpenter, hier spricht Ava Turner. Ich bin die Assistentin Ihres Vaters. Ich weiß, Sie haben nicht das beste Verhältnis zu ihm, aber rufen Sie mich bitte trotzdem zurück. Es ist wichtig. Er hatte einen schweren Unfall. Vielen Dank schon im Voraus.“


Während sie mir noch ihre Telefonnummer diktiert, lasse ich das Handy sinken und lehne mich gedankenverloren zurück.


Mein Vater und ich: Zwei Welten treffen aufeinander. Seit jeher ist dieser Mann für mich ein rotes Tuch. Nie hat er sich Zeit für seine Familie genommen. Vielmehr hat er sich in seinem New Yorker Büro verschanzt und die Geschicke seines Imperiums geleitet.


Neben der einflussreichen Carpenter-Privatbank gibt es unzählige weitere Firmen, in denen er die Fäden zieht. Was meine Mutter letztendlich zum Alkohol und in den Tod getrieben hat. Sie hat mir ein stattliches Vermögen vererbt, mit dem ich nach abgeschlossenem IT-Studium meine Softwarefirma in der Nähe von San Francisco gegründet habe, die durch unermüdlichen Einsatz recht schnell zu einem führenden Unternehmen geworden ist.


Zu meinem Vater habe ich seit Mums Beerdigung keinen Kontakt mehr. Das ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her. Und seitdem hasse ich diesen Mann wie die Pest.


Unschlüssig starre ich die Decke an.


Will ich wissen, was ihm passiert ist oder soll ich den Anruf doch lieber ignorieren?


Schließlich gebe ich mir einen Ruck und rufe zurück.


„Ava Turner“, meldet sich seine Assistentin bereits nach dem ersten Läuten.


„Eric Carpenter hier. Sie baten um Rückruf.“ Mit voller Absicht schlage ich einen kühlen Tonfall an. Sie soll nicht denken, die Ereignisse würden mich belasten.


Meine Gesprächspartnerin holt vernehmlich Luft. „Oh, Mr. Carpenter, wie schön, von Ihnen zu hören. Vielen Dank. Ihr Vater hatte einen fürchterlichen Autounfall. Sein innigster Wunsch ist es, Sie noch einmal zu Gesicht zu bekommen.“


Ihre Stimme klingt plötzlich brüchig, was mir verdeutlicht, dass mein Dad ihr etwas bedeutet. In Gedanken verdrehe ich die Augen. Vermutlich eine seiner Geliebten. Häufig habe ich in den vergangenen Jahren Fotos von ihm mit hübschen jungen Frauen an seiner Seite in der Regenbogenpresse entdeckt, was meinen Zorn um ein Weiteres gesteigert hat.


„Hat er gesagt, warum?“, erkundige ich mich nach kurzer Bedenkzeit.


„Was ist denn das für eine Frage!“, fährt mich Dads Vorzimmerdrachen in einem Ton an, den ich nicht gewohnt bin. Für gewöhnlich legen andere Menschen Respekt vor mir an den Tag. Bei Ava Turner scheint das jedoch nicht der Fall zu sein. „Immerhin ist er Ihr Vater. Sie sind sein einziger Angehöriger. Also tun Sie ihm bitte den Gefallen und respektieren seinen wahrscheinlich letzten Wunsch.“


Kurz bin ich versucht, wortlos aufzulegen, doch es liegt so viel Herzblut in Avas Stimme, dass ich es nicht fertigbringe.


Ich räuspere mich. „Was genau ist geschehen? Und wo hält er sich momentan auf?“


„Ein Geisterfahrer hat seinen Wagen frontal gerammt. Ihr Vater trug schwere innere Verletzungen davon und hat aller Voraussicht nach nur noch wenige Tage zu leben. Er liegt im Mount Sinai Hospital in Manhattan. Das Krankenhaus befindet sich in der Nähe des Central Parks, in der Madison Avenue. Wenn Sie möchten, bringe ich Sie gerne zu ihm.“


„Ich muss darüber nachdenken und werde mich bei Ihnen melden, sobald …“


„Nein, Eric!“, fällt Ava mir resolut ins Wort. „Bitte, stoßen Sie ihn nicht erneut von sich. Ihr Vater ist ein guter Mensch. Geben Sie ihm eine letzte Chance!“


„Also gut“, murmle ich, selbst über meine Antwort überrascht. Der offensichtliche Schmerz in ihren Worten hat mich tatsächlich umgestimmt.


Intuitiv stelle ich mir die Frage, wie diese energische Lady wohl aussehen mag. Eine graue Maus mit strengem Pferdeschwanz, in einen unförmigen Hosenanzug gesteckt, entscheide ich schlussendlich. Diesen Typ Frau hat Dad immer als Mitarbeiterin bevorzugt.


„Ich mache mich morgen in aller Frühe auf den Weg, aber ich finde das Hospital alleine“, knurre ich ins Telefon. Avas gemurmeltes Dankeschön nehme ich nur am Rande wahr, denn ich habe das Gespräch bereits weggedrückt.


 


Warum tue ich mir das hier eigentlich an?, ist mein erster Gedanke, als ich das riesige Krankenhaus in Manhattan betrete. Habe ich mir doch mehrfach geschworen, meinem Vater niemals wieder unter die Augen zu treten.


Ist es einzig das schlechte Gewissen, das mich leitet, oder besteht da doch noch eine unterschwellige Verbindung zwischen uns, die ich einfach nicht ignorieren kann? Für den Moment habe ich keine Antwort auf diese Frage.


Zielsicher steuere ich einen der Fahrstühle an. Vaters Assistentin scheint absolut dienstbeflissen zu sein, denn sie konnte es nicht unterlassen, mir per SMS seine Zimmernummer und das Stockwerk mitzuteilen. Immerhin spart mir das lästige Sucherei.


Als ich Minuten später vor einer unpersönlichen weißen Tür stehe, atme ich tief durch und versuche, mich zu sammeln. Der typische Krankenhausgeruch steigt mir in die Nase und steigert mein Unwohlsein. Schlagartig macht sich ein Fluchtreflex in mir breit, doch ich kämpfe ihn nieder und klopfe an. Jetzt will ich zumindest in Erfahrung bringen, was er mir so Bedeutungsvolles anzuvertrauen hat.


Als ich eintrete und den ersten Blick auf meinen Vater erhasche, trifft mich sein Aussehen wie ein Schlag in die Magengrube. Dieser einst so machtvolle, stattliche Mann wirkt gebrochen, hilflos und alt. Falten umspielen seine Mundwinkel und Augen, und mit den vielen Verbänden, die seinen Körper zieren, erscheint er mir unsagbar verletzlich.


Während ich auf ihn zuschreite, huscht mein Blick über die Kanülen und Schläuche, die aus seinem Leib ragen und mit Infusionen oder Überwachungsgeräten verbunden sind.


„Eric“, krächzt er mit heiserer Stimme. „Mein Junge, wie schön, dich zu sehen.“


Auch wenn seine Worte mir ein schmerzliches Ziehen in der Brust bereiten, lasse ich mir das nicht anmerken. „Du wolltest mich sprechen, Dad“, äußere ich lapidar.


Er nickt. „Setz dich doch zu mir.“ Sein Blick wandert in Richtung eines Stuhles.


Widerwillig ziehe ich diesen neben sein Bett und sinke darauf. Ich habe nicht vor, allzu viel Zeit hier zu verbringen. „Ich höre.“


Er wendet sich mir zu. „Eric, ich weiß, du hasst mich. Und ich kann das bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen, aber ich konnte nicht anders. Alles, was ich in meinem Leben getan habe, ergibt einen Sinn.“ Seine Stimme ist von einem Zittern unterlegt. Es fällt ihm sichtlich schwer, sich zu artikulieren.


„Dann verrat mir doch bitte, wer dich gezwungen hat, dein Unternehmen vor die Familie zu stellen und somit das Leben deiner Frau und deines Sohnes zu ruinieren? Ich arbeite ebenfalls rund um die Uhr, weil es mir Freude bereitet, und weil ich es von dir nicht anders kenne. Aber genau aus diesem Grund habe ich keine Angehörigen, denn ich will niemandem Schmerz zufügen.“


Er nickt. „Du hast ja recht. Aber es ging doch gar nicht um die Bank. Ich ließ mich auf etwas Großes, ausgesprochen Wichtiges ein, bevor ich deine Mum kennenlernte. Leider gab es keinen Ausweg. Ich habe alles Menschenmögliche versucht, beides unter einen Hut zu bekommen, bin jedoch fürchterlich gescheitert.“ Er bricht ab und leckt sich mit der Zunge über die ausgetrockneten Lippen. „Du musst mir glauben, ich habe dich und deine Mutter immer geliebt. Es gab niemals eine andere Frau in meinem Leben.“


Entnervt fahre ich mir mit den Händen übers Gesicht.


Wo soll dieses oberflächliche Gerede hinführen?


„Was, Dad? Was konnte wichtiger sein, als deine Familie? Sag es mir!“


Er schweigt sekundenlang. „Die Vereinigten Staaten von Amerika“, murmelt er schließlich kaum hörbar.


Fassungslos starre ich ihn an. „Ich verstehe nicht. Mir war nie bewusst, dass du unter die Patrioten gegangen bist.“


„Ich darf dir leider nicht mehr darüber verraten. Aber ich habe einen letzten Wunsch: Mein Testament liegt einem meiner ältesten Vertrauten vor, Dr. George Catwick. Du kennst ihn. Solltest du dein Erbe antreten, worum ich dich von ganzem Herzen bitten möchte, wirst du alles erfahren.“


Er sucht nach meinem Blick. Der Schmerz in seinen blaugrauen Augen, die meinen ähneln, tritt Gewissensbisse in meinem Inneren los. „Eric, bevor ich diese Welt verlassen werde, habe ich nur noch zwei Anliegen: Erstens bitte verzeih mir. Und zweitens führe das weiter, was ich begonnen habe. Ich versichere dir, die Sache ist es wert.“


Noch ehe ich etwas erwidern kann, betritt die blond gelockte Schwester den Raum, bei der ich mich zuvor angemeldet habe, denn im Grunde genommen hat niemand Zugang zu diesem Krankenzimmer. Sie wirft mir einen auffordernden Blick zu. „Sie sollten demnächst gehen, Ihr Vater benötigt Ruhe.“


Ich nicke gedankenverloren und fühle mich gerade ein wenig hilflos. Tausend Fragezeichen flitzen durch meinen Kopf, denn Dads Worte ergeben für mich keinen Sinn.


War er ein Geheimagent? Arbeitete er für die Regierung? Die Mafia? Wurde er erpresst?


Ich komme zu keiner Lösung.


„Noch eine Minute“, fordere ich die Schwester auf, die daraufhin zögerlich den Raum verlässt.


Ich wende mich erneut meinem alten Herrn zu. „Dad, sag mir, um was genau es geht! Gib mir einen Beweis dafür, dass du das nicht alles erfunden hast, einzig um dein Gewissen reinzuwaschen.“


Er verzieht gequält das Gesicht. „Das kann ich nicht, denn ich habe ein Gelübde des Schweigens abgelegt. Mein Sohn, bitte vertrau mir, nur dieses eine Mal.“


Kopfschüttelnd erhebe ich mich. „Tut mir leid, aber du hast mich zu oft enttäuscht. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute.“ Meine Schritte klackern auf dem nüchternen Fliesenboden, als ich die Ausgangstür ansteuere.


„Eric, vergiss niemals: Du und deine Mutter, ihr wart das Wichtigste in meinem Leben“, vernehme ich hinter meinem Rücken noch das schwache Flüstern meines Dads.


Schmerzhaft wie eine Armada kleiner Pfeilspitzen bohrt sich diese Aussage in mein Herz.


Das sollten auch schon die letzten Worte sein, die ich vor seinem Tod von ihm zu hören bekam.


Kapitel 2

 


Eric


 


Nachdem ich die massive Holztür zu Dr. Catwicks Büro geöffnet habe, mustere ich erstaunt die brünette Frau im dunkelblauen Kostüm, die ihm gegenübersitzt. Die Kanzlei befindet sich in bester New Yorker Lage, nahe des Central Parks. Catwick ist einer der ältesten Freunde meines Vaters und schwimmt im Geld. Mir ist bekannt, dass er nicht bloß Notar, sondern obendrein Anwalt ist und früher für die Regierung arbeitete. Doch detailliert bin ich nicht darüber im Bilde, was dem grauhaarigen Mann mit Brille und Bart einen derartigen Wohlstand beschert hat.


Er ist sichtlich gealtert, seit ich ihm zum letzten Mal begegnet bin, und wirkt in dem altbackenen karierten Jackett wie ein netter Opa. Neugierig schweift mein Blick zwischen ihm und der Frau hin und her, während ich mich dem protzigen Mahagoni-Schreibtisch nähere.


Ob sie seine Sekretärin ist?


In dieser Sekunde erheben sich die beiden fast zeitgleich.


„Eric“, begrüßt mich Dr. Catwick mit Handschlag. „Wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht gesehen.“


„Wohl wahr. Wie geht es Ihnen?“


Er lächelt ein wenig gezwungen. „Danke der Nachfrage, ich kann nicht klagen. Mein Beileid zu Ihrem Verlust. Ihr Vater war ein außergewöhnlicher Mensch.“ Sein Blick wandert zu der Frau. „Sie kennen sich?“


„Ich hatte bislang nicht das Vergnügen“, verneine ich.


Sie streckt mir eine Hand entgegen. „Ava Turner, wir haben bereits miteinander telefoniert. Auch mein herzliches Beileid.“


„Danke“, antworte ich gedankenverloren.


Was zur Hölle hat die frühere Assistentin meines Vaters hier zu suchen? Das kann ja heiter werden!


Sie hält meinem prüfenden Blick überraschenderweise stand. Diese Frau ist das genaue Gegenteil von dem, was ich erwartet habe. Ihre wilden dunklen Locken, die ein ausdrucksvolles Gesicht umrahmen, sind exakt die Haare, in die jeder Mann seine Hände vergraben will, wenn er eine Frau küsst. Wozu übrigens auch Avas volle Lippen auffordern. In ihren großen kastanienbraunen Augen entdecke ich goldene Sprenkel, die mich auf Anhieb faszinieren. Sie trägt kaum Make-up, was ihrem Aussehen jedoch keinerlei Abbruch tut, da sie durch Natürlichkeit besticht.


Das ist dann aber auch schon alles, was an dieser Frau anziehend wirkt. Das businessmäßige Kostüm unterstreicht ihre frostige Aura, die eindeutig signalisiert, dass sie mich am liebsten auf den Mond schießen würde.


Allerdings habe ich keinen blassen Schimmer, worauf diese Abneigung zurückzuführen ist. Bei genauerer Betrachtung kann einzig mein alter Herr der Auslöser hierfür sein.


Ich greife nach ihrer Hand und kann nicht leugnen, dass ihr fester Händedruck mir imponiert. „Schön, Sie kennenzulernen, Ava“, äußere ich, bevor ich mich wieder Catwick zuwende. „Gestatten Sie mir die Frage, was die Assistentin meines Vaters hier zu suchen hat?“


Catwick räuspert sich und weicht meinem Blick aus. „Wie Sie ja bereits wissen, hat Paul Carpenter mich als Treuhänder seines Nachlasses eingesetzt. Ava und Sie sind die einzigen Erben“, brummt er in seinen grauen Bart. „Können wir dann mit der Testamentseröffnung beginnen?“


Aha! Sie war also doch Vaters Geliebte.


Dem Herrn Notar bereitet das Thema sichtlich Unbehagen. Sein Glück, dass ich kein Interesse daran hege, es zu vertiefen. Wenn Dad seinem Betthäschen einen Notgroschen zukommen lassen wollte, soll mir das recht sein. Ich benötige sein Geld ohnehin nicht. Einzig die Neugier hat mich dazu getrieben, das Erbe überhaupt anzutreten. Denn seine dubiosen Worte im Krankenhaus gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Nun will ich zumindest in Erfahrung bringen, was dahintersteckt.


Während Catwick das Testament verliest, höre ich lediglich mit halbem Ohr zu. Mein Vater besaß derart viele Vermögensgegenstände, Immobilien und Firmen, dass ich mich unentwegt frage, was ich damit anfangen soll. Ich habe weder die Zeit noch die Lust, mich mit diesem Erbe zu beschäftigen. Am besten werde ich einen Vermögensverwalter einsetzen, der sich fürs Erste darum kümmert. Vielleicht kann ich Catwick ja für diese Aufgabe gewinnen.


Doch dann kommt ein Punkt, der mich aufhorchen lässt. „Entschuldigen Sie bitte, Dr. Catwick, habe ich das gerade richtig verstanden?“, melde ich mich zu Wort. „Sollte ich nicht allen Wünschen meines Vaters nachkommen, geht das komplette Erbe, den Pflichtteil einmal ausgenommen, an Ava Turner?“


Er fixiert mit Blicken das Schriftstück vor sich und nickt. „Korrekt. Und selbst wenn Sie alles akzeptieren sollten, stehen Ava Turner eine Immobilie in der 5th Avenue, zwei Fahrzeuge und ein Wertpapierfonds zu. Obendrein ein gleichwertiger Job in der Carpenter-Bank auf Lebenszeit.“


Zischend lasse ich die Atemluft entweichen und mustere die Frau neben mir erneut, die nun ebenfalls einen imaginären Punkt auf dem riesigen Mahagoni-Schreibtisch vor uns in Augenschein nimmt.


Meine Herren, die Kleine muss es im Bett echt draufgehabt haben!


Kurz bin ich versucht, aufzustehen und den Raum zu verlassen. Soll sie doch mit all der Kohle glücklich werden, was kümmert es mich. Aber dann siegt wiederum die Neugier. Ich will zumindest herausfinden, warum mein Vater seine Familie derart vernachlässigt hat. Und das werde ich aller Voraussicht nach bloß, wenn ich auf seine Bedingungen eingehe.


„Einverstanden“, äußere ich daher. „Ich nehme das Erbe an.“


Aus dem Augenwinkel heraus mustere ich Ava. Falls sie enttäuscht ist, lässt sie es sich mit keiner Miene anmerken.


Nachdem auch sie ihr Einverständnis bekundet hat, unterschreiben wir unzählige Papiere.


Daraufhin händigt Catwick ihr einige Unterlagen aus und übergibt mir einen schweren Aluminiumkoffer. Er bedenkt mich mit einem eindringlichen Blick. „Der Inhalt wird einen Teil Ihrer Fragen beantworten. Ich sehe Sie dann wieder, sobald Sie eine Entscheidung getroffen haben“, äußert er mit kryptischem Unterton.


So langsam geht mir diese Geheimniskrämerei echt auf den Sack. Doch ich beiße mir auf die Zunge und nicke lediglich, ehe ich mitsamt Koffer das Büro verlasse.


Mir ist schon bewusst, wie unhöflich und respektlos mein Verhalten erscheinen muss, aber es verdirbt mir massiv die Laune, dass offenbar jeder außer mir in Vaters Geheimnisse eingeweiht zu sein scheint.


Ehe ich den Ausgang der Kanzlei erreiche, höre ich das Klackern von Absätzen hinter mir. Eine schlanke Hand greift nach meinem Oberarm. „Eric, so warten Sie doch!“, fordert Ava mich auf. „Können wir bitte unter vier Augen miteinander reden. Immerhin muss ich wissen, ob Sie die Geschäftsführung der Bank übernehmen und was zukünftig meine Aufgabe sein wird.“


Ich wende mich Dads früherer Gespielin zu und mustere sie einige Sekunden wortlos aus schmalen Augen. „Ich hätte da eine Idee, werte Frau Turner“, verkünde ich schließlich mit zynischem Unterton. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen die Leitung der Bank übertrage? Wenn Sie schon mit meinem Vater gevögelt haben, sind Sie sicher auch imstande, seine Geschäfte weiterzuführen. Und sollten Sie den Laden in den Ruin treiben, hat sich leider auch der Job auf Lebenszeit erledigt.“ Mit diesen Worten wende ich mich ab und lasse eine verdutzte Ava Turner zurück.


Kapitel 3

 


Ava


 


Arschloch!, ist mein erster Gedanke, als ich Eric Carpenter hinterherstarre, der energischen Schrittes die Kanzlei verlässt. Kurz bin ich versucht, ihm ein weiteres Mal nachzulaufen, doch dann siegt mein Stolz. Er ist ab sofort für das Imperium seines Vaters verantwortlich. Falls er mich in der Tat als Geschäftsführerin der Bank einsetzen will, muss er in die Gänge kommen, nicht ich.


Davon abgesehen, dass dieser Mann keinerlei Manieren an den Tag legt, ist er eine beeindruckende Erscheinung. In seinem maßgeschneiderten schwarzen Anzug und mit dem dunklen Haar strahlt er die gleiche Autorität und Männlichkeit aus wie sein Vater in jüngeren Jahren. Und obwohl ich normalerweise nicht auf den Mund gefallen bin, hat er mich soeben eiskalt erwischt. Der offensichtliche Hass in seinen Augen fühlte sich an wie ein Dolchstoß mitten ins Herz.


Im Gegensatz zu dem, was die Gerüchteküche schon häufiger verbreitet hat, war ich niemals die Geliebte seines Vaters. Ich habe mich nicht hochgeschlafen, sondern mir diesen Posten hart erarbeitet. Nach Beendigung meines Studiums trat ich als kleine Angestellte in die Bank ein. Als Pauls Assistentin eines Tages unverhofft kündigte, sprang ich ein. Er war mit meinen Leistungen rundum zufrieden und bot mir den Job in seinem Vorzimmer dauerhaft an.


Ich wäre verrückt gewesen, hätte ich abgelehnt. Ich, ein armes Mädchen aus den Südstaaten, das damals nichts besaß als einen Berg voll Schulden.


Im Lauf der Jahre wurde ich zudem Pauls Vertraute, und aller Voraussicht nach belastet mich sein Tod mehr als seinen eigenen Sohn.


Nervös trete ich von einem Fuß auf den anderen. Die Gedanken jagen unsortiert durch mein Gehirn. Will Eric mich wirklich zur Leiterin der Bank machen, oder hat er sich einzig einen blöden Scherz erlaubt, aus Wut über das Testament seines Dads?


Selbst wenn ich viele Jahre Pauls Assistentin gewesen bin und über ein betriebswirtschaftliches Studium verfüge, fehlen mir das Know-how und das Auftreten eines Geschäftsführers. Eric könnte mir dabei gewiss unter die Arme greifen, allerdings vermute ich, es mangelt ihm an Interesse.


Ehrlich gesagt habe ich nicht die geringste Lust, zukünftig unentwegt gegen meinen neuen Chef anzukämpfen. Von diesem verzogenen Millionärssöhnchen werde ich mir das Leben sicher nicht zur Hölle machen lassen. Momentan fehlt mir zwar noch der Überblick über die Werte, die Paul mir vererbt hat, aber sie übertreffen gewiss das, was ich erwartet habe. Demzufolge sollte ich die Sache eigentlich entspannt angehen können, doch in meinem Inneren herrscht ein heftiges emotionales Chaos.


Ich seufze leise, während ich auf die Straße hinaustrete und mehrmals tief durchatme. Sogleich legt sich der Straßenlärm Manhattans wie eine dichte Glocke über mich, doch ich nehme es kaum mehr wahr. Ich lebe hier seit gut zwölf Jahren und habe mich an diesen Geräuschpegel gewöhnt.


Geistesabwesend setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich habe jetzt keinen Nerv, in die Bank zurückzukehren, zuerst muss ich zur Ruhe kommen. Daher marschiere ich in Richtung meines Apartments.


Unterwegs erstehe ich in einem Laden ein paar frische Tulpen, an denen ich genüsslich schnuppere. Blumen und Pflanzen sind neben dem Job meine einzige große Liebe. Folglich gleicht meine kleine Wohnung einem Gewächshaus, genau wie mein Büro. Bei schönem Wetter schnappe ich mir auch schon mal meinen Laptop und verschwinde in eine abgelegene Ecke des Central Parks, wo ich in der grünen Lunge New Yorks meiner Arbeit nachgehe.


Ob das zukünftig weiterhin möglich sein wird, kann ich für den Moment nicht einschätzen. Natürlich habe ich befürchtet, dass es nach Pauls Tod kein Kinderspiel für mich werden würde. Wer allerdings konnte mit einem Eric Carpenter rechnen, der eiskalt wie ein Wintersturm über mich hinweggefegt ist?


Dieser Mann hat die gleichen beeindruckenden blaugrauen Augen wie sein Vater. In Erics Augen brennt jedoch ein Feuer, das Paul schon vor sehr langer Zeit verloren haben muss. Pauls Blick drückte stets eine herzzerreißende Traurigkeit aus. Ich schätze, mit dem Tod seiner Frau ist sein Kampfgeist erloschen. Dass sich daraufhin noch sein einziger Sohn von ihm abgewandt hat, mag sein Übriges dazu beigetragen haben.


Niemals konnte ich das Geheimnis lüften, weswegen Paul seine Familie derart vernachlässigt hat. Im Lauf der Jahre habe ich jedoch herausgefunden, dass er pausenlos in Kontakt mit dem Weißen Haus, den weltweiten Geheimdiensten und vielen Wirtschaftsmagnaten stand. Ich kann nur erahnen, dass es hier um etwas von großer Bedeutung ging. Mehrfach habe ich ihn dazu befragt, doch er ist mir grundsätzlich ausgewichen.


Und ja, es wäre mir eine Ehre, die Bank weiterzuführen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich mit diesen Anforderungen klarkommen soll. Vor allem, da mein neuer Chef offenbar nicht auf meiner Seite steht. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um einen derart anspruchsvollen Job zu meistern.


Kommt Zeit, kommt Rat!, versuche ich, mich selbst zu beruhigen. Die Vermutung liegt nahe, dass ich inzwischen eine reiche Frau bin, die vor niemandem mehr katzbuckeln muss.


Schon nach kurzer Zeit erreiche ich das gepflegte zwölfstöckige Gebäude in der 5th Avenue, in dem ich ein kleines Apartment bewohne. Mit sofortiger Wirkung gehört das komplette Wohnhaus mir. Doch dieser Besitz macht mich nicht glücklich, denn ich wünschte mir nichts sehnlicher als meinen früheren Boss zurück.


In dieser Sekunde sehne ich mich nach jemandem, dem ich mein Herz ausschütten kann. Daher mache ich auf dem Absatz kehrt, biege in eine Seitenstraße ein und betrete Minuten später die schicke Bar, die von meiner besten Freundin Emma betrieben wird. Seit einigen Jahren komme ich hierher, und im Lauf der Zeit haben wir uns näher kennengelernt.


Emma ist ein lustiges rothaariges Persönchen, das in New York aufgewachsen ist. Früher kellnerte sie rund um die Uhr, bis sie sich zu guter Letzt den Traum von einer eigenen Kneipe erfüllen konnte.


Glücklicherweise finde ich auf Anhieb einen freien Ecktisch. Als Emma mich entdeckt, hastet sie freudestrahlend auf mich zu. Sie legt den Kopf schief und begutachtet mich. „Und, bist du ab sofort eine reiche Frau?“


„Ich denke schon.“


Sie runzelt die Stirn. „Warum höre ich dann keine Jubelschreie?“


Mir entfährt ein Seufzen. „Mein neuer Boss ist ein arrogantes und gemeines Arschloch.“


„Ui, warte, ich setze mich zu dir, und du erzählst mir alles. Einen Rotwein?“


„Liebend gerne.“


Sie saust davon, kehrt aber rasch mit zwei Gläsern Wein zurück. Im Moment ist hier Gott sei Dank noch nicht viel los, die Bar wird sich erst in ein paar Stunden in eine angesagte New Yorker After-Work-Location verwandeln.


Ich nehme einen großen Schluck Wein und erstatte über alles Bericht, was sich zugetragen hat.


Aufmerksam lauscht Emma meinen Worten. „Du solltest dich nicht von diesem Kerl einschüchtern lassen“, bekundet sie, nachdem ich zum Ende gekommen bin.


Ich zucke entschuldigend mit den Schultern. „Du kennst mich doch, ich bin nun mal harmoniesüchtig und kann nicht dauerhaft mit einem Menschen zusammenarbeiten, der mich hasst.“


„Aber musst du jetzt überhaupt noch arbeiten, nachdem du geerbt hast?“


„Keine Ahnung. Ich bin noch nicht über den Wert des Nachlasses im Bilde. Aber ich liebe meinen Job. Soll ich vielleicht zukünftig einen auf Diva machen, den lieben langen Tag shoppen gehen und Champagner schlürfen?“ Ich schüttle den Kopf. „Nein, das ist nicht mein Ding.“


„Mit deiner Ausbildung und deinem Know-how wird dich jede andere Bank mit Handkuss einstellen.“


Perplex starre ich sie an. „Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Bislang konnte ich mir einfach nicht vorstellen, die Carpenter-Bank jemals zu verlassen. Sie ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Außerdem hätte ich mich da schäbig gefühlt. Sie war Pauls Baby, und ich verdanke ihm so viel.“


Meine Freundin greift über den Tisch hinweg nach meiner Hand. „Liebes, deine Treue in allen Ehren, aber falls sein Sohn deine Arbeit nicht würdigt, solltest du deine Konsequenzen ziehen. Unter meinen Stammkunden befinden sich ein paar einflussreiche New Yorker Bänker. Ich könnte da sicher etwas für dich arrangieren.“


„Wie süß! Was würde ich bloß ohne dich machen? Aber lass es uns nicht überstürzen. Ich will sehen, wie sich alles entwickelt.“


„Perfekt, und sollte dir Mr. Neureich wirklich das Leben zur Hölle machen, dann sagst du mir Bescheid.“


Nach einem weiteren Glas Rotwein ist ein Teil der Last von meinen Schultern abgefallen. Beschwingt begebe ich mich auf den Nachhauseweg. Ich werde jetzt einfach alles auf mich zukommen lassen.



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