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Belletristik
Buch Leseprobe Secret Circle (Teil 6), Amanda Frost
Amanda Frost

Secret Circle (Teil 6)


Tödliche Sehnsucht

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Kapitel 1

 


Dean


 


Eine leichte Nervosität steigt in mir auf, als ich an der Seite des FBI-Direktors, Rick Masters, den geheimen Besprechungsraum des Secret Circle unter einer Kirche in Manhattan ansteuere. Erst vor wenigen Tagen wurde ich in diesen elitären Kreis aufgenommen, daher kann ich nicht genau einschätzen, was mich erwartet.


Lautes Stimmengewirr schlägt uns entgegen, das allerdings sofort versiegt, als wir eintreten. Neugierig begutachte ich die vielen Männer, die sich in dem Gewölbekeller eingefunden haben. Die meisten von ihnen tragen dunkle Anzüge, einige der jüngeren stecken jedoch in Jeans sowie lässigen Lederjacken und lockern die Atmosphäre auf.


Mein Blick wandert über die drei anwesenden Damen hinweg und bleibt an der First Lady hängen. Sie bemerkt es und lächelt mir vertrauenserweckend zu. Auch der Präsident der Vereinigten Staaten betrachtet mich wohlwollend, ehe er auf mich zugeht, um mir die Hand zu reichen. Bisher kannte ich die beiden nur aus dem Fernsehen, doch in natura wirken sie noch sympathischer.


Nach und nach legt sich meine innere Unruhe. Sieht ganz danach aus, als ob ich hier mit offenen Armen empfangen werde. Zugegeben, ein paar der Älteren mustern mich mit gesundem Argwohn, aber darauf hat Rick Masters mich vorbereitet.


Nachdem ich Unmengen von Händen geschüttelt habe, nehmen wir auf bequemen schwarzen Ledersesseln an einem langen Holztisch Platz.


„Es freut mich ungemein, heute ein weiteres Mitglied in unserem Kreis begrüßen zu dürfen“, eröffnet der Vorsitzende, Eric Carpenter, den ich schon bei meiner Vereidigung kennengelernt habe, die Besprechung. Er nickt in meine Richtung. „Dean Richardson, der neue stellvertretende Direktor des FBI, wird uns ab sofort tatkräftig unterstützen.“


Ich räuspere mich und schaue in die Runde. „Es ist mir eine große Ehre. Vielen Dank, dass ich dieser Verbindung beitreten durfte.“ Kräftig und sicher hallt meine Stimme durch den Raum. Zum Glück wurde ich darin geschult, meine wahren Emotionen zu verbergen. Keiner der Anwesenden sollte bemerken, dass mich die Zusammenkunft dieser mächtigen Menschen über die Maßen beeindruckt. Einer derart einflussreichen und alteingesessenen Geheimloge anzugehören, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit.


„Wir haben zu danken. Solltest du noch Fragen haben, darfst du sie gerne jetzt stellen“, bietet Eric mir an.


Mein Blick wandert zu seiner bildhübschen brünetten Ehefrau, Ava Turner. Die beiden leiten einen Weltkonzern und verkörpern in ihren businessmäßigen Klamotten das Topmanagement schlechthin.


„Im Moment nicht.“ Ich wende mich meinem Vorgesetzten zu, der rechts von mir Platz genommen hat. „Rick hat mir die grundlegenden Dinge bereits anvertraut.“


Eric schmunzelt. „Perfekt, würdest du dich dann bitte kurz vorstellen? Der eine oder andere kennt dich vermutlich noch nicht.“


„Sehr gerne. Also, geboren wurde ich vor 38 Jahren in Los Angeles. Mein Vater ist Captain bei der U.S. Navy. Meine Mutter stammt ursprünglich aus Mexiko und ist als Köchin in einem kleinen Restaurant tätig. Darüber hinaus habe ich drei Schwestern und eine Horde Neffen, die mir hin und wieder den letzten Nerv rauben.“


Wie erwartet zaubert diese Aussage mehreren Personen ein Lächeln aufs Gesicht. Meine Neffen ins Spiel zu bringen, beschert mir häufig Sympathien, macht meinen Gesprächspartnern deutlich, dass ich nicht durch und durch der eiskalte FBI-Agent bin.


„In Coronado wurde ich zum Navy Seal ausgebildet und war einige Zeit weltweit im Einsatz“, setze ich wieder an. „Doch dann entschied ich, mich anders zu orientieren und wechselte zum FBI, wo ich mich seit fast zehn Jahren mit dem organisierten Verbrechen beschäftige.“ Erneut schenke ich Rick Masters meine Aufmerksamkeit. „Rick ist nicht nur der beste Mentor und Vorgesetzte, den man sich vorstellen kann, sondern obendrein ein wahrer Freund. Einzig seine Unterstützung hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.“ Fragend halte ich die Handflächen in die Luft. „Tja, was soll ich sonst noch sagen?“


„Erzähl uns etwas über dein Privatleben!“, fordert mich die rothaarige Claire Quest verschmitzt grinsend auf. Glücklicherweise verfüge ich über ein exzellentes Namensgedächtnis und kann meine Gesprächspartner bereits weitestgehend zuordnen.


„Oh, da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin eingefleischter Single, da ich mit meinem Job verheiratet bin. Als waschechter Seal liebe ich jede Sportart, die mit dem Wasser zu tun hat. Und koche – genau wie meine Mom - für mein Leben gern. Meine treuesten Testesser sind übrigens die Kids meiner Schwestern, mit denen ich jede freie Minute verbringe.“


„Perfekt“, äußert Claire strahlend. „Dann weiß ich jetzt, wo wir unsere Rasselbande abgeben können, wenn wir mal wieder für uns sein möchten.“


Ihr Mann Brandon, einer der größten Medienmogule der Vereinigten Staaten, nickt. „Das klingt wie ein Plan.“


„Einverstanden“, stimme ich zu. „Ich liebe Kinder.“


Eric schmunzelt. „Gut, dann hätten wir das ja auch geklärt. Weitere Fragen an unseren Newcomer?“


„Ein attraktiver Kerl wie du hat wirklich keine Frau?“, erkundigt sich die First Lady.


„Absolut. Ich gestehe, ich bin völlig beziehungsunfähig.“


Der Schalk blitzt in ihren großen dunklen Augen auf. „Warten wir einfach mal ab. Hin und wieder benötigen Männer einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.“ Sie bedenkt ihren Gatten mit einem herausfordernden Blick.


„So viel zu dem Thema“, bringt Eric sich erneut ein. „Aber bevor die Damen hier noch tiefer ins Detail gehen, sollten wir zu unserem ersten Tagesordnungspunkt kommen.“


„Zu schade“, murmelt seine Gattin. „Jetzt wo es gerade anfing, interessant zu werden.“


Ich unterdrücke ein Grinsen. Die Atmosphäre hier ist definitiv entspannter als erwartet. Was zum Großteil an den drei Frauen liegt. Von Rick Masters weiß ich, dass der Circle noch vor ein paar Jahren eine reine Männerrunde war. Was für ein Glück, dass Eric Carpenter das geändert hat.


Dieser ignoriert den Einwand seiner Begleiterin völlig und kommt prompt zum Geschäftlichen: „Schießereien, Einbrüche und andere Bandenaktivitäten erschüttern seit einigen Wochen unser schönes Land, wobei in erster Linie New York und Chicago betroffen sind. Das FBI hat herausgefunden, dass es sich dabei um Unruhen in Mafiakreisen handelt.“ Er blickt in Richtung meines Chefs. „Rick, würdest du uns bitte genauere Details zukommen lassen.“


Dieser nickt. „Auch wenn die meisten Menschen das gar nicht mehr so richtig wahrnehmen, ist das organisierte Verbrechen nach wie vor existent. Fünf Familien haben den Großraum New York unter sich aufgeteilt. Zwischen drei von ihnen kommt es momentan zu Unruhen. Es handelt sich dabei um die Martinellis, Gallos und Valentinis. Wobei die Martinelli-Familie die mächtigste ist. Seit vielen Jahren beherrscht sie Großteile von Manhattan. Die restlichen Syndikate sind vorwiegend in Brooklyn und der Bronx tätig.


Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass Bruno Martinelli, das Familienoberhaupt, ernsthaft erkrankt ist und vermutlich bald das Zeitliche segnen wird. Was eine Gelegenheit für die anderen Clans darstellt, ihre Territorien zu vergrößern. Selbst in Chicago kommt es daher zu Unruhen, denn auch dort finden seit Wochen Grabenkämpfe statt.“ Er pausiert und blickt auf eine Reaktion wartend in die Runde.


„Aber die Martinellis werden doch gewiss einen Nachfolger ernennen, oder?“, erkundigt sich Joshua Catwick, der Präsident der Vereinigten Staaten.


„Genau das ist das Problem“, antwortet Rick. „Brunos ältester Sohn wurde vor einigen Jahren erschossen. Der jüngere sitzt eine langjährige Haftstrafe ab. Natürlich gibt es noch ein paar weitere Blutsverwandte, ich gehe allerdings nicht davon aus, dass einer von ihnen dazu geeignet wäre, in Brunos Fußstapfen zu treten. Darüber hinaus hat er eine Tochter: Giulia. Sie lebt seit vielen Jahren in Paris und hat sich völlig von der Familie abgewandt. Heute ist sie jedoch in die Staaten eingereist. Ob sie ihrem Vater in seinen letzten Stunden beistehen möchte oder beabsichtigt, sich um das Familiengeschäft zu kümmern, können wir für den Moment nicht einschätzen.“


„Eine Frau als Boss einer Mafiafamilie?“, wundert sich Andrew Cairns, der stellvertretende CIA-Direktor. „Wäre das überhaupt möglich?“


Rick Masters fährt sich nachdenklich mit einer Hand durch sein leicht ergrautes Haar. „Warum nicht? In Italien gibt es einige weibliche Mitglieder, die bei der Mafia die Fäden ziehen. Und in Kolumbien sowie Mexiko werden mächtige Kartelle bereits von Frauen geleitet. Daher würde ich das nicht völlig ausschließen.“


„Können wir davon ausgehen, dass in New York wieder Ruhe einkehren wird, sobald die Martinellis ein neues Oberhaupt bestimmt haben?“, will Eric Carpenter wissen.


Rick schüttelt den Kopf. „Eher nicht. Die anderen Clans werden diese Gelegenheit sicher nutzen, um ihren Einfluss in Manhattan auszubauen.“


Eric lehnt sich zurück. „Verstehe. Gut, Rick, was schlägst du vor? Wie sollen wir vorgehen, um weitere Gewaltausbrüche zu verhindern?“


Mein Boss wirft mir einen Seitenblick zu. „Ich habe vorab schon mit Dean gesprochen. Er ist einer meiner fähigsten Agenten, daher würde ich ihm den Fall gerne übertragen. Mit den Mafiamethoden ist er aufs Beste vertraut und geradezu für diese Aufgabe prädestiniert. Was denkt ihr?“


Sekundenlang mustern mich einige Augenpaare, ehe die ersten Teilnehmer zustimmend nicken.


„Hervorragende Idee“, verkündet Joshua Catwick schmunzelnd in meine Richtung, „dann kannst du gleich einmal unter Beweis stellen, dass du unserer Verbindung würdig bist.“


Jetzt grinst auch Rick Masters. „Ja, der Gedanke ging mir ebenfalls durch den Kopf. Aber ich versichere euch, das wird keine einfache Übung werden. Obwohl wir Bruno Martinelli bereits seit Jahren unter Beobachtung haben, konnten wir ihm bislang nichts nachweisen, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Er ist clever, skrupellos und schiebt die Straftaten grundsätzlich seinen Mitarbeitern oder Feinden in die Schuhe. Obendrein arbeitet ein Heer hoch bezahlter Anwälte für ihn, die ihn aus jeder noch so hoffnungslosen Lage herausboxen.“


Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht haben wir ja mit seinem Nachfolger leichteres Spiel. Aber fürs Erste müssen wir dafür sorgen, dass diese Bandenkriege aufhören. Wir können unter gar keinen Umständen zulassen, dass New York oder Chicago so gefährlich werden, wie das vor dreißig Jahren der Fall war.“


„Wie willst du vorgehen, Dean?“, wendet sich der Präsident mir wieder zu. „Und inwieweit können wir dich unterstützen?“


Dass die meisten Circle-Mitglieder mich behandeln, als würden sie mich seit einer Ewigkeit kennen und zudem auf Augenhöhe mit mir kommunizieren, lässt mich zu dem Entschluss kommen, sie voll und ganz in meine Pläne einzuweihen.


„Ich dachte an einen Undercovereinsatz. Ich beabsichtige, Giulia Martinellis Vertrauen zu gewinnen, um in Erfahrung zu bringen, wer die Leitung des Familiengeschäfts übernehmen wird. Handelt es sich dabei um eine starke Persönlichkeit, könnte es den Martinellis gelingen, sich gegen die anderen Syndikate zu behaupten. Vielleicht haben wir ja Glück und Brunos Nachfolger begeht ein paar Anfängerfehler, die es uns ermöglichen, einige ihrer illegalen Tätigkeiten auffliegen zu lassen. Wobei ich mich weniger auf die Schutzgeldzahlungen oder unlauteren Kreditgeschäfte konzentrieren möchte, in die der Clan verstrickt ist. Aber Menschenhandel, die Verbreitung von Kinderpornos, Drogen- und Waffengeschäfte müssen wir endlich unterbinden.“


„Ist diese Mafiaprinzessin hübsch?“, will Andrew Cairns schmunzelnd wissen.


Überrascht starre ich ihn an. „Spielt das eine Rolle?“


„Wäre möglich. Ich habe mich vor über einem Jahr ebenfalls auf einen Undercovereinsatz eingelassen. Heute ist unsere damalige Verdächtige meine Frau.“


Jetzt muss auch ich grinsen. „Verstehe, aber keine Sorge, ich würde niemals Geschäft und Vergnügen miteinander vermischen. Außerdem habe ich schon häufiger verdeckt ermittelt, gegen attraktive Verbrecherinnen bin ich quasi immun.“


Ich greife nach meinem Smartphone und tippe darauf ein, bis das Gesicht einer brünetten Schönheit erscheint. Ihre großen dunklen Augen und die vollen Lippen sind in der Tat ein wahrgewordener Männertraum. Seltsamerweise war ich bislang so in den Fall vertieft, dass mir das gar nicht aufgefallen ist.


Ich reiche Andrew das Handy.


Dieser späht auf das Display und stößt einen anerkennenden Pfiff aus. „Kaum vorstellbar, dass das die Tochter eines Paten sein soll? Ist sie verheiratet?“


„Nein, aber seit einiger Zeit mit einem bekannten französischen Pianisten liiert.“


Grinsend gibt er mir mein Smartphone zurück. „Dann wünsche ich dir viel Glück, mein Freund. Einen Klavierspieler auszustechen, sollte doch für einen abgeklärten FBI-Agenten wie dich eine einfache Übung sein.“


„Wir werden sehen. Es bleibt zu hoffen, dass Giulia nicht allzu rasch wieder abreist, denn dann müsste ich mir eine andere Taktik überlegen.“ Ich lasse meinen Blick über die Anwesenden wandern. „Wäre es möglich, dass ihr den Martinellis vorübergehend die rivalisierenden Clans vom Hals haltet? Das FBI ist selbstverständlich bereits an der Sache dran. Aber eine stärkere Polizeipräsenz in New York und Chicago wäre sicher hilfreich. Zudem gehen wir davon aus, dass sich einige Polizisten und Richter auf der Payroll der Mafiafamilien befinden. Es ist allerhöchste Zeit, diese Maulwürfe endlich zu enttarnen.“


Der Präsident nickt. „Das Militär sowie die Polizei stehen zu deiner Verfügung. Außerdem fordere ich hiermit alle Vorsitzenden der Geheimdienste auf, uns bei der Suche nach korrupten Mitarbeitern zu unterstützen.“ Mit Blicken nimmt er die Leiter dieser Organisationen ins Visier, die sogleich einwilligen.


Ein Gefühl der Zufriedenheit stellt sich in mir ein. Sollten die mächtigsten Personen der USA wirklich Hand in Hand arbeiten, müsste das Thema Mafia doch bald der Vergangenheit angehören.


Abermals schaue ich in die Runde. „Perfekt. Danke für euer Vertrauen. Ich verspreche, mein Bestes zu geben.“



Kapitel 2

 


Giulia


 


„Nein, Vater, das kannst du unmöglich von mir verlangen. Ich bin denkbar ungeeignet dafür, das Familienunternehmen weiterzuführen.“ Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, straffe ich die Schultern und setze einen strengen Blick auf. Unterdessen beäuge ich den einst stattlichen Mann, der jetzt alt und gebrechlich wirkt.


Einige Kissen stützen ihn, sodass er halbwegs aufrecht sitzen kann, da er offensichtlich nicht mehr imstande ist, das Bett zu verlassen. Seine Haut schimmert blass, die Wangen sind eingefallen und die Lippen wirken blutleer. Er ist gerade einmal 65, doch der Krebs hat ihn gezeichnet. Sein letztes Stündchen wird aller Voraussicht nach bald schlagen.


Im Grunde genommen wollte ich niemals wieder in die Staaten zurückkehren, denen ich vor über zehn Jahren den Rücken gekehrt habe. Dads eindringlicher Wunsch, mich ein letztes Mal vor seinem Tod zu sehen, ließ mich jedoch über meinen Schatten springen.


Jetzt weiß ich auch, warum er auf meine Anwesenheit bestanden hat: Ich soll seine Nachfolge antreten.


Eine absolut hirnrissige Idee, da ich nicht die geringste Ahnung von diesen schrecklichen Mafiageschäften habe und zudem niemals wieder damit konfrontiert werden möchte. Bereits als Kind und Jugendliche habe ich mehr davon mitbekommen, als mir lieb war. Daher weiß ich, dass mir ein wichtiges Attribut fehlt, um Dads Platz einzunehmen: Skrupellosigkeit.


„Giulia, du bist eine Martinelli, eine starke Persönlichkeit. Und auch wenn dir das jetzt undenkbar erscheint, bist du meine einzige nahe Blutsverwandte, die das Unternehmen weiterführen kann“, krächzt er, da ihm seine Stimme nicht mehr zu gehorchen scheint. „Meine Söhne haben mich enttäuscht. Meine Brüder sind krank oder zu alt. Und unter meinen Mitarbeitern gibt es kaum jemanden, dem ich diese Herausforderung zutrauen würde, daher bitte ich dich darum. Falls dein Bruder Ricco in ein paar Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, könntest du ihm das Geschäft übertragen. Dann wäre das nur eine vorübergehende Aufgabe für dich.“


Auch diese Vorstellung trägt nicht zu meiner Beruhigung bei, denn mit meinem Bruder will ich erst recht nichts mehr zu tun haben. Er ist ein brutaler Mörder, der lebenslang hinter Gitter gehört. Es ist davon auszugehen, dass einzig der Einsatz von Dads erstklassigen Anwälten ihm eine derartige Haftstrafe bisher erspart hat.


Ich schüttle den Kopf. „Es tut mir leid, aber ich kann das nicht. Und ich möchte auch nicht in New York bleiben. Ich will zurück nach Paris, weit weg von all dem hier.“


Er verzieht das Gesicht. „Doch nicht wegen des Musikers, mit dem du liiert bist? Er könnte ebenso gut in den Staaten seinem völlig sinnfreien Beruf nachgehen. Also, wo liegt das Problem? Giulia, willst du wirklich deinem sterbenden Vater den letzten Wunsch abschlagen?“


Dass er sogar über Pierre Bescheid weiß, erschreckt mich. Seitdem ich Amerika verlassen habe und untergetaucht bin, hatte ich keinerlei Kontakt zu meinem Dad, bis er mich vor wenigen Tagen anrief und über seinen bevorstehenden Tod unterrichtete. Ein paar Privatdetektive haben wohl die ganze Welt nach mir umgekrempelt, ehe sie mich letztendlich in Paris fanden.


„Das ist unfair, und das weißt du“, setze ich rasch zu meiner Verteidigung an. „Ich bin weder ein Mörder, noch bin ich imstande, mich mit deinen illegalen Geschäften zu identifizieren. Ich würde daran zugrunde gehen, genau wie Mom.“


Er schüttelt den Kopf. „Sie war eine schwache Frau, aber du bist stark. Das Blut der Martinellis fließt in deinen Adern. Du musst dir ja nicht selbst die Hände schmutzig machen. Wir haben treue Männer in unserer Organisation, die jederzeit für dich sterben oder in den Knast gehen würden. Allerdings sind sie nicht gewieft genug, um die Firma zu leiten, sie würden binnen Tagen auffliegen. Daher benötige ich dich.“


„Dann werde ich enden wie meine Brüder. Mit einer Kugel im Kopf oder hinter Gittern.“


Ein Hustenanfall erschüttert ihn. Er schnappt mehrmals nach Luft, bevor er röchelnd wieder ansetzt. „Ich stelle dir ein Heer von Beratern, Rechtsanwälten und Bodyguards zur Seite. Genau wie deinen Cousin Luigi. Er wird dich mit seinem Leben beschützen. Und falls du wirklich in die Bredouille kommen solltest, schiebst du einfach alles ihm in die Schuhe.“


Dad greift nach seiner Decke, um sie zurechtzurücken, was meine Aufmerksamkeit auf den Siegelring an seiner rechten Hand lenkt. Ein eiskalter Schauer jagt mir über den Rücken. Die Narbe auf meiner Wange, die er mir mit dem Schmuckstück zugefügt hat, erinnert mich bei jedem Blick in den Spiegel an seine gnadenlose Brutalität. „Ich muss darüber nachdenken“, äußere ich, um das hier zu beenden, denn ich weiß, er wird nicht nachgeben. Niemals!


Selbst als meine Mutter ihm damals androhte, sich etwas anzutun, ließ er nicht von seinen Geschäften ab. Bei ihrer Beerdigung vergoss er nicht eine Träne. Ein Verhalten, das ich ihm in diesem Leben nicht mehr verzeihen werde.


Er nickt. „Aber warte nicht zu lange, meine Tage sind gezählt. Ich muss dir noch einige geheime Informationen geben, da in viele Dinge nur ich eingeweiht bin.“


Ich erhebe mich. „Schon klar. Ich komme morgen wieder.“ Ich beuge mich über ihn und hauche ihm einen sanften Kuss auf die Stirn. Würde ich diesen Mann nicht abgrundtief hassen, könnte es schmerzen, ihn derart geschwächt und hilflos zu sehen, doch so regt sich kaum eine Emotion in meinem Inneren.


Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass ich gar nicht mehr dazu in der Lage bin, wahre Gefühle zuzulassen. Um das zu ertragen, was ich in meiner Kindheit erdulden musste, habe ich mir schon vor langer Zeit zum Selbstschutz einen stahlharten Panzer zugelegt, der die meisten Empfindungen abschirmt.


Nachdenklich verlasse ich Dads luxuriöse Wohnung, die in der oberen Etage eines renovierten Gebäudes im Meatpacking District Manhattans liegt. Das achtstöckige Haus ist der Firmensitz des Martinelli-Imperiums. Im Erdgeschoss befindet sich ein Nachtclub, der höchstwahrscheinlich der Geldwäsche und dem Drogenhandel dient. Zudem haben sich in dem Gebäude ein Sportstudio, ein paar Ärzte und eine IT-Firma niedergelassen.


Vermutlich alles Tarnung.


In dem Sportstudio werden gewiss Dads Schläger ausgebildet. Die Mediziner benötigt man, um Messerstiche und Schusswunden zu behandeln, und die IT-Firma ist wahrscheinlich das Herzstück des Syndikats.


Als ich New York vor vielen Jahren verlassen habe, gab es ein ähnliches Anwesen in Little Italy. Da sich dort jedoch nach und nach die Chinesen ausbreiteten, verlagerte Dad gezwungenermaßen den Standort. Und ich muss zugeben, dass das, was ich bislang von dem neuen Firmensitz zu Gesicht bekommen habe, ziemlich beeindruckend ist.


Nachdem ich im Erdgeschoss auf die Straße hinausgetreten bin, atme ich erst einmal tief durch. Vaters herrschsüchtiges Verhalten hat mir seit jeher die Kehle zugeschnürt. In seiner Nähe fühle ich mich stets wie ein hilfloses Vögelchen, denn ich weiß, er könnte mich jederzeit mühelos zerquetschen.


Um Abstand zwischen mich und das Gebäude zu bringen, marschiere ich schnellen Schrittes davon. Das Haus beherbergt auch einige Privatwohnungen, auf die die Mitglieder von Dads sogenannter Mafiafamilie bei Bedarf zurückgreifen dürfen. Ich hätte mich problemlos dort einquartieren können, doch ich habe es vorgezogen, mir in einem kleinen Hotel in der Nähe ein Apartment anzumieten. Auf gar keinen Fall will ich unter seiner ständigen Beobachtung stehen.


Um mich von diesen trüben Gedanken abzulenken, schaue ich um mich. Es geht bereits auf Herbst zu, dennoch ist es noch angenehm warm. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen blauen Himmel und verwandelt Manhattan in ein wahres Postkartenmotiv. Ein paar gelbe Caps klappern über das Kopfsteinpflaster und Unmengen von Touristen schwirren neugierig umher.


Der Meatpacking District ist kaum wiederzuerkennen. Mit den vielen Kneipen und Restaurants ist hier in den letzten Jahren ein angesagtes Stadtviertel entstanden, das ein einzigartiges Flair verbreitet und meine Neugier erweckt. Sollte ich mich wirklich länger hier aufhalten müssen, werde ich mir die Umgebung einmal genauer ansehen.


Doch für den Moment plagen mich andere Probleme, ich habe nämlich keinen blassen Schimmer, wie ich mich entscheiden soll.


Das Familiengeschäft fortführen? Oder still und heimlich wieder abreisen?


Gesetzt den Fall, es gelingt mir überhaupt, das Land zu verlassen.


Ein Seufzen entfährt mir. Ich kann nicht hierbleiben. New York macht mir Angst, raubt mir jegliche Lebensfreude und Zuversicht. Zu viele schreckliche Erinnerungen sind damit verbunden.


Zudem habe ich in Frankreich eine neue Heimat gefunden. Bereits in meiner Jugend brachte man mir Schießen und Selbstverteidigung bei, wodurch ich in Paris mühelos einen Job als Trainerin in einem Fitnessstudio fand. Darüber hinaus verfüge ich über eine kaufmännische Ausbildung, die ich auf Anordnung meines Vaters hin abgeschlossen habe, damit er mich in seiner Firma für Einkauf und Buchhaltung einsetzen konnte. Ein Job, der sich rasend schnell zum Mädchen für alles entwickelte.


Eine Zeit lang beugte ich mich seinem Willen, doch mit 21 schienen mich die Umstände zu erdrücken und ich flüchtete bei Nacht und Nebel nach Europa. Ich ließ alles zurück und stürzte mich in eine völlig ungewisse Zukunft. In den Jahren danach lebte ich in England, Spanien und der Schweiz. Währenddessen hielt ich mich mit den unterschiedlichsten Beschäftigungen über Wasser.


Zu guter Letzt landete ich in Paris und verliebte mich auf Anhieb in diese Stadt. Ich ließ mich dort nieder und trat den Job in dem Fitnessstudio an. Da Musik seit jeher meine einzig wahre Leidenschaft ist, unterrichte ich einerseits Zumba und Aerobic, andererseits gebe ich Selbstverteidigungskurse für Frauen, wie Boxen, Tai Chi und Taekwondo. Es ist mir wichtig, dass das schwache Geschlecht nicht ständig in die Opferrolle gedrängt wird, daher arbeite ich Tag für Tag daran, das Selbstvertrauen junger Mädchen und Frauen zu stärken.


Durch meine Liebe zur Musik lernte ich vor gut fünf Jahren auf einem Konzert einen wundervollen Mann kennen: Pierre Dubois, einen begnadeten Pianisten. Er ist verträumt, zärtlich, friedfertig und völlig weltfremd. Aber genau das macht ihn für mich so anziehend. Er bildet den krassen Gegensatz zu meiner kriminellen Familie, über deren wahren Lebenswandel ich ihn niemals in Kenntnis gesetzt habe.


Pierre geht davon aus, mein Vater wäre ein niederträchtiger Immobilienhai, mit dem ich nichts mehr zu tun haben möchte. Was nur bedingt einer Lüge entspricht, denn Dad gehören Unmengen von Häusern. Nicht nur in New York, sondern auch in Chicago und Boston. Und selbstverständlich in Sizilien, das Land, das meine Eltern bereits vor meiner Geburt verließen, um sich ein Imperium in den Staaten aufzubauen.


Meine Gedanken kommen zum Stillstand, als ich mich dem weiß gestrichenen Apartmenthaus nähere, in dem sich meine bescheidene Unterkunft befindet. Zwar hätte ich mir etwas Schickeres leisten können, doch ich war noch nie sehr anspruchsvoll. Luxus und materielle Dinge interessieren mich nicht. Wichtiger ist es mir, nicht aufzufallen und in Frieden leben zu können.


Leichtfüßig erklimme ich die Treppen ins vierte Obergeschoss, da ich dem altersschwachen Fahrstuhl nicht traue. In meiner Wohnung angekommen kicke ich die Schuhe von den Füßen und falle frustriert auf das hässliche orangefarbene Sofa, das jämmerlich knarrt.


Leider gibt es niemanden, bei dem ich mir Rat oder Unterstützung einholen könnte. Als ich damals die Staaten verließ, habe ich gezwungenermaßen den Kontakt zu allen Freunden und Bekannten abgebrochen. Es versteht sich von selbst, dass auch in Paris keine Menschenseele über meine Familie Bescheid weiß, denn ich kann wohl kaum damit hausieren gehen, eine waschechte Mafiatochter zu sein.


Seufzend greife ich nach meinem Handy und wähle Pierres Nummer.


„Chérie, endlich“, meldet er sich sogleich. „Alles in Ordnung? Wie geht es deinem Vater?“


„Ziemlich schlecht. Ich denke, es wird bald mit ihm zu Ende gehen. Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Unglaublich, was der Krebs mit einem Menschen anrichten kann.“


„Oh, das tut mir leid. Du weißt, ich wäre jetzt gerne an deiner Seite. Lass es mich wissen, wenn du Hilfe benötigst, dann steige ich in das nächste Flugzeug.“


„Das ist wirklich lieb von dir. Aber, nein. Meine Familie kann so gemein sein. Man sollte sie einer friedfertigen Person wie dir nicht zumuten.“


„Für dich würde ich das in Kauf nehmen.“


„Ich weiß, und das schätze ich sehr an dir. Doch es gibt ein weiteres Problem. Mein Dad zwingt mich quasi, in das Familiengeschäft einzusteigen.“


„In New York?“


„Allerdings.“


Er schweigt sekundenlang. „Leider bin ich kein Fan dieser Stadt. Aber ich könnte sicher auch dort auftreten.“


„Danke für dein Entgegenkommen, doch das möchte ich eigentlich nicht. Dein Leben spielt sich in Frankreich ab. Dieses Land passt einfach perfekt zu dir. Für den Moment habe ich jedoch keine Ahnung, wer Dads Firma so kurzfristig übernehmen könnte.“ Ein Seufzen entfährt mir. „Ach, ich muss zuerst in aller Ruhe meine Gedanken sortieren. Er hat mich damit vollkommen überfahren.“


„Egal, wie auch immer du dich entscheidest, Chérie. Ich werde dich unterstützen. Du musst ja nicht zwingend die skrupellose Arbeitsweise deines Vaters fortführen. Mit Sicherheit kann man diese Immobiliengeschäfte künftig einen Tick menschlicher angehen.“


Ich unterdrücke ein weiteres abgrundtiefes Seufzen.


Wenn er wüsste, um was es hier wirklich geht!


Als ob Dads Zuhälter oder Schutzgelderpresser auch nur einen Tropfen Menschlichkeit im Blut hätten.


Zu gerne würde ich Pierre endlich die Wahrheit offenbaren, doch ich befürchte, dadurch unsere Beziehung zu zerstören.


„Ja, vielleicht liegst du damit richtig. Erzähl mir von dem Konzert gestern. Es war sicher ein voller Erfolg, oder?“, lenke ich rasch ab. Und lausche dann Pierres ausführlichen Schilderungen, die mich zum Glück ein wenig besänftigen. Musik und dieser Mann sind die einzigen Dinge auf der Welt, die die dunklen Dämonen der Vergangenheit kurzzeitig aus meinem Inneren vertreiben können.


Nachdem ich aufgelegt habe, sitze ich noch lange da und starre geistesabwesend aus dem Fenster. Unterdessen gehen mir Pierres Worte nicht aus dem Kopf.


Was, wenn ich in der Tat Vaters Firma übernehmen, sie aber gänzlich anders führen würde?


Natürlich müsste ich aus manchen Dingen aussteigen, wie Zwangsprostitution, Drogenhandel oder Kinderpornografie. Diese widerlichen Aktivitäten könnte ich ja den restlichen Syndikaten überlassen.


Auch wenn ich nicht viel von der Mafia verstehe, weiß ich, dass jede Familie ihr Territorium abgesteckt hat. Aller Voraussicht nach würde ich mit solchen Maßnahmen einen Teil der Martinelli-Geschäfte zum Abschuss freigeben.


Aber wäre das wirklich ein derartiges Vergehen?


Die größte Gefahr bestünde vermutlich darin, dass ich mir jemanden aus den eigenen Reihen zum Feind machen könnte, der seine Felle davonschwimmen sieht. Vielleicht sogar meinen Bruder, der gewiss aus dem Knast heraus die Fäden zieht. Nachdem Francesco erschossen worden war, hätte Ricco irgendwann das Business übernehmen sollen. Doch er wurde überheblich und unvorsichtig, sodass ihn die Cops letztendlich geschnappt haben.


Hilflos schüttle ich den Kopf. Ich habe einfach zu wenig Ahnung von diesem Metier und kann nicht einschätzen, auf was ich mich einlassen würde. Leider weiß ich auch nicht, wer mich unterstützen könnte. Dads Berater und Rechtsanwälte sind ebenso geldgeil und skrupellos wie er. Und mein Cousin Luigi ist ein Idiot. Ein begnadeter Schütze und Kämpfer, doch die Weisheit hat er nicht mit Löffeln gefressen.


Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf, das FBI, das seit einer Ewigkeit hinter Dad her ist, um Hilfe zu bitten. Rasch verwerfe ich diese Idee jedoch wieder.


Wer würde mir schon glauben?


Die Vermutung liegt nahe, dass ich mich schneller hinter Gittern befinden würde, als ich den Agenten mein Vorhaben erläutern könnte.


Voller Verzweiflung schließe ich die Augen und lehne mich zurück. Leider ist mein Vater nicht der Mensch, dem man eine Absage erteilt. Ich befürchte, in diesem Fall würde er mir das Einzige nehmen, was mein Leben mit Glück erfüllt: Pierre.



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