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Belletristik
Buch Leseprobe Secret Circle (Teil 5), Amanda Frost
Amanda Frost

Secret Circle (Teil 5)


Verhängnisvolle Sehnsucht

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Kapitel 1


 


Andrew


 


„Ich befürchte, wir sind aufgeflogen“, verkündet Eric Carpenter, der Vorsitzende des Secret Circle, mit beunruhigendem Unterton. „Vor einiger Zeit habe ich eine Software entwickelt, die einen Alarm auslöst, sobald jemand im Internet nach Secret Circle, Geheimbund oder artverwandten Begriffen sucht. In den letzten Tagen wurden mir Unmengen von Treffern angezeigt. Zu meiner Verwunderung konnte ich den Standort des Servers allerdings problemlos lokalisieren: Er befindet sich in einem der teuersten Hotels Londons, dem Savoy. Eine Zimmernummer oder einen Namen konnte ich leider nicht ermitteln.“


Sein Blick pendelt zwischen den wenigen Anwesenden hin und her, die sich heute in dem geheimen Kellerraum des Circle unter der antiken Kirche in New York eingefunden haben. So langsam schwant mir, warum Eric nur die engsten Vertrauten einberufen hat. Ungeachtet der prekären Situation durchfährt mich ein Anflug von Stolz, dass ich dieser Auswahl angehöre, obwohl ich der mächtigen Loge erst vor einigen Monaten beigetreten bin.


„Meiner Meinung nach gibt es zwei Möglichkeiten“, setzt Eric wieder an. „Entweder hat sich dort ein Schriftsteller niedergelassen, der einen Thriller schreibt und über Geheimbünde recherchiert. Oder aber – und das ist die wahrscheinlichere Alternative – diese Person weiß über uns Bescheid und sucht gezielt nach weiteren Informationen. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass Reporter, Politiker oder ein Geheimdienst für derartige Recherchen einen öffentlich zugänglichen Hotelserver nutzen würden. Außerdem habe ich die Gästeliste bereits überprüft. Nicht ein Name kam mir bekannt oder verdächtig vor.“


„Du willst damit ausdrücken, dass jemand mit voller Absicht unsere Aufmerksamkeit erregen möchte?“, erkundigt sich der grauhaarige FBI-Chef Rick Masters.


Eric nickt zustimmend, während er sich zurücklehnt. Wie immer steckt er in einem maßgeschneiderten dunklen Anzug und sein schwarzes Haar ist leicht zerzaust. „Wäre denkbar. Bei genauerer Überprüfung fand ich zudem heraus, dass auch einige amerikanische Regierungsserver nach dem Stichwort Secret Circle durchsucht worden sind. Was nur bedeuten kann: In unserer Organisation gibt es einen Maulwurf.“


Er legt eine theatralische Pause ein, um seinen Worten Wirkung zu verleihen, und blickt abermals in die Runde. „Wir müssen schnellstmöglich herausfinden, wer im Savoy diese Nachforschungen betreibt. Solange wir nicht wissen, ob es einen Verräter in unseren Reihen gibt, möchte ich jedoch keine zusätzlichen Personen involvieren. Hat jemand von euch eine Idee bezüglich des weiteren Vorgehens?“


„Ich könnte einen meiner in London stationierten Agenten darauf ansetzen“, meldet sich der CIA-Chef, Bradley White, zu Wort. Ein kräftiger Mann mit lichtem Haar, der aufgrund seiner Körpergröße und Fülle über eine machtvolle Ausstrahlung verfügt. Woran selbst die Tatsache nichts ändert, dass er vor Kurzem seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. „Leider war ich schon lange nicht mehr im Außeneinsatz und traue mir das in meinem Alter auch kaum noch zu“, gesteht er zu meiner Verwunderung, während er mit den Fingerspitzen auf den massiven Holztisch eintrommelt, an dem wir sitzen. „Sonst würde ich mich persönlich der Sache annehmen.“


Eric blickt unentschlossen drein. „Dann müssten wir diesen Agenten mit einbeziehen. Das widerstrebt mir.“


„Könnten nicht wir nach London fliegen und das Hotel auf den Kopf stellen?“, erkundigt sich die rothaarige Claire Quest bei ihrem Ehemann Brandon. Da sie eine ehemalige Agentin ist, verwundert mich die Frage nicht.


Dieser verzieht das Gesicht und richtet seinen Blick auf ihren Bauch, der sich unter der weiten Bluse wölbt. „Denk in deinem Zustand noch nicht einmal daran!“, zischt er seiner hochschwangeren Frau zu.


„Ich könnte das übernehmen“, bringt sich jetzt David Stark ein. „Ich müsste dann allerdings den Dreh von Emilys neuestem Film stoppen.“ Nachdenklich legt er die Stirn in Falten. „Oje, wie soll ich ihr das nur erklären?“, brummt er in seinen schwarzen Vollbart.


Ich unterdrücke ein Schmunzeln. David ist nicht bloß ein Ex-Navy-Seal und der Besitzer mehrerer Hollywood-Filmstudios, sondern obendrein ein furchteinflößender Bär von einem Mann, der für einen derartigen Einsatz mehr als geeignet wäre. Die Vorstellung, dass dieser Kerl vor seiner Frau kuscht, amüsiert mich.


Versonnen wandert mein Blick zu meinem guten Freund Joshua Catwick, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Vor einigen Monaten hat er mich zu seinem Sicherheitschef ernannt und dafür gesorgt, dass ich dem Secret Circle beitreten konnte. Ich bin ausgebildeter Pilot und war mehrere Jahre in Krisengebieten für die Air Force im Einsatz. Doch seitdem ich eine Tochter habe, wollte ich nicht mehr ständig unterwegs sein. So landete ich letztendlich im Weißen Haus.


Anfänglich hielt der Job viel Neues bereit, aber mittlerweile hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Zudem ist Joshua unglaublich beliebt, wodurch keine akute Bedrohungslage vorliegt. Ja, hin und wieder unternimmt ein verrückter Verschwörungstheoretiker den Versuch, ins Weiße Haus einzudringen, doch das bekommen meine Männer auch problemlos ohne mich in den Griff.


„Lust auf einen Trip nach London?“, erkundigt sich Joshua in dieser Sekunde bei mir, dem offenbar die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen.


Ich schmunzle. „Aber immer doch. Denkst du, du kannst ein paar Tage auf mich verzichten?“


Er nickt. „Im Moment sind kaum Reisen geplant, einzig Unmengen von Meetings. Das sollte keine allzu große Herausforderung für deinen Stellvertreter darstellen.“


„Versteht das nicht falsch, ich wollte mich nicht drücken“, bringt sich David Stark jetzt entschuldigend ein. „Selbstverständlich stehe ich zur Verfügung.“


Eric nickt. „Gut, sehr gut.“ Abwechselnd nimmt er David und mich ins Visier. „Eure Ausbildungen dürften ähnlich umfassend gewesen sein. Ihr seid beide hochintelligent, Meister der Tarnung und großartige Kämpfer. Wer von euch ist in IT versierter?“


„Nun ja, Datenverarbeitung war Teil meines Studiums“, gebe ich widerwillig zu, da ich schon immer einen Hang zu Understatement hatte. Dass ich an einer der besten Militärakademien des Landes studiert habe, einen Bachelor of Science sowie ein Offizierspatent besitze, behalte ich für gewöhnlich für mich.


„Perfekt“, äußert Eric. „Also, wenn unser Präsident der Meinung ist, er könnte dich fürs Erste entbehren, dann würde ich dich bitten, nach London zu fliegen. Falls du Unterstützung benötigst, kann David dazustoßen. Versuche herauszufinden, wer sich im Savoy einquartiert hat und sich so brennend für uns interessiert. Dich an Gesetze und Vorschriften zu halten, ist nicht nötig, solltest du in Schwierigkeiten geraten, boxen wir dich raus.“


Ich nicke. „Alles klar, wann geht mein Flug?“


Joshuas außergewöhnliche hellblaue Augen glitzern vergnügt. „Möchtest du selbst ins Cockpit, oder dich während des Fluges ausruhen?“


„Was für eine Frage? Du weißt doch, dass ich keinem anderen Piloten vertraue.“


„Dachte ich mir schon.“ Er zieht sein Smartphone aus der teuren dunkelblauen Anzugjacke, wählt eine Nummer und gibt einige Anweisungen. „In wenigen Minuten steht dir ein Militärflugzeug auf dem La Guardia Flughafen zur Verfügung“, informiert er mich kurz darauf und legt das Handy beiseite. „Solltest du dich länger in London aufhalten, lasse ich dir ein paar persönliche Sachen nachschicken.“


„Klingt gut.“ Da ich in der Nähe des Präsidenten grundsätzlich auf unerwartete Reisen vorbereitet sein muss, habe ich konstant einen Trolley mit den wichtigsten Utensilien bei mir. Zudem verbringt meine Tochter momentan die Ferien mit meiner Ex-Frau in Florida, so besteht auch nicht die Notwendigkeit, mich von der Kleinen zu verabschieden.


„Soll ich dich ins Savoy einbuchen?“, will Claire wissen, die bereits mit fliegenden Fingern auf ihren Laptop eintippt.


Ich grinse. „Liebend gerne. Dort wollte ich schon immer einmal absteigen.“


„Halt, wartet!“, mischt sich in diesem Moment der FBI-Chef ein. „Wir sollten Andrew eine andere Identität verpassen. Obwohl schon häufiger Fotos von ihm in der Presse aufgetaucht sind, ist es unwahrscheinlich, dass das Hotelpersonal in London ihn erkennen wird. Falls jedoch jemand die Gästeliste durchsucht, könnte der Name Andrew Cairns durchaus Aufmerksamkeit erregen.“


Claire blickt auf. „Macht Sinn. Aber dann brauche ich einen Namen sowie eine Kreditkarte.“


Rick Masters greift nach dem Smartphone, das vor ihm auf dem Tisch liegt, und drückt eine Kurzwahltaste, bevor er es sich ans Ohr hält. „Ich benötige schnellstmöglich eine gültige Kreditkarte und einen Reisepass am La Guardia Airport. Ausgestellt auf einen amerikanischen Männernamen. Wie lange wird das dauern?“


Er lauscht konzentriert. „Perfekt“, sagt er Sekunden später, „benutze das Bild von Andrew Cairns, dem Sicherheitschef des Weißen Hauses. Und schick mir die Daten bitte vorab auf mein Handy.“ Rasch drückt er das Gespräch weg und wendet sich mir zu. „In gut einer Stunde sollten die Papiere vorliegen.“


„Danke, Rick. Wie werde ich heißen?“


Er bläst die Backen auf. „Keine Ahnung. Vermutlich Smith oder Miller, irgendein Allerweltsname, der kein Aufsehen erregt.“


„Hm“, brumme ich, nicht sonderlich von dieser Information angetan.


Claire lacht leise. „Manchmal darf man nicht zu wählerisch sein. Sobald ich die Daten habe, buche ich dich ins Savoy ein.“


„Danke.“ Ich schaue in die Runde. „Sonst noch einen Tipp für mich?“


Rick Masters grinst und wirft dem CIA-Chef einen verschmitzten Blick zu. „Wenn du dich gut schlägst, können wir uns ja mal Gedanken darüber machen, ob wir dich irgendwann in die Reihe der Spione aufnehmen. Wir sind schließlich auch nicht mehr die Jüngsten. Und Joshua wird nicht ewig Präsident sein.“


Abwehrend halte ich beide Hände in die Luft. „Gott bewahre!“


Jetzt schmunzelt auch Joshua. „Sag niemals nie“, äußert er. Eine Aussage, die mich nachdenklich stimmt.


 


Als das Taxi am darauf folgenden Tag vor dem noblen Eingang des Savoy Hotels zum Stillstand kommt, nehme ich die überdachte Zufahrt beeindruckt in Augenschein.


Da ein Cousin meines Vaters in der Nähe von London lebt, war ich als Jugendlicher ein paarmal in dieser quirligen Metropole. In den letzten Jahren bot sich jedoch keine Gelegenheit für ausgiebiges Reisen, so habe ich den knapp bemessenen Urlaub mit meiner Tochter in den Staaten verbracht. Daher hoffe ich, dass ich in den nächsten Tagen die Zeit finden werde, mich hier einmal wieder umzusehen.


Nachdem ich ausgestiegen bin und den Fahrer entlohnt habe, betrete ich die schwarz-weiß geflieste Lobby und atme den dezenten Duft der frischen Blumen ein. Die hohe Halle mit ihren Säulen und Kronleuchtern ist absolut außergewöhnlich und vermittelt einem das Flair längst vergangener Tage. Eine Weile lasse ich den luxuriösen Eingangsbereich auf mich wirken, danach steuere ich eine blonde Rezeptionistin an.


Sie sieht auf und mustert mich interessiert von Kopf bis Fuß, wobei ihr Blick kurzzeitig auf meinen breiten Schultern verharrt, die unter der braunen Lederjacke gut erkennbar sind. In Joshuas Nähe trage ich grundsätzlich maßgeschneiderte Anzüge, privat liebe ich jedoch fetzige Lederjacken und Jeans, die obligatorische Pilotensonnenbrille nicht zu vergessen.


Obwohl die Dame in ihrem hochgeschlossenen grauen Kostüm extrem bieder wirkt, macht das Aufblitzen ihrer dunklen Augen deutlich, dass ihr gefällt, was sie sieht.


„Willkommen im Savoy London“, begrüßt sie mich strahlend. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“


Ich entnehme meiner Brieftasche die gefälschte Kreditkarte, die ich vorm Abflug erhalten habe, und überreiche sie der Lady. „Es sollte ein Zimmer für mich reserviert sein.“


Sie ergreift die Karte und blickt darauf. „Ich schaue gleich einmal nach, Mr. Collins.“


Sekundenlang tippt sie auf ihren Computer ein. „In der Tat, eine wundervolle Juniorsuite in einem der oberen Stockwerke. Sie werden den Raum lieben. Abreise unbekannt. Sie bleiben also eventuell länger in London?“, erkundigt sie sich mit einem verführerischen Lächeln.


„Wäre möglich. Ich bin geschäftlich hier, da kann man leider nie so genau sagen, wie lange sich der Aufenthalt hinziehen wird.“


„Das stellt ja glücklicherweise in unserem Haus kein Problem dar. Hätten Sie noch einen Ausweis für mich?“


Auch diesen händige ich ihr aus.


Sie wendet sich abermals ihrem PC zu. „Perfekt.“


Erleichtert atme ich aus. Wenngleich ich bereits in Krisen- und Kriegsgebieten im Einsatz war, ist ein Undercoverauftrag Neuland für mich. Nichtsdestotrotz hat es etwas Aufregendes, sich einmal im Leben wie James Bond fühlen zu dürfen.


Die Angestellte reicht mir einen Roomkey, meine Kreditkarte und einen Gutschein für die Bar. „Ich habe in zwei Stunden Feierabend“, flüstert sie mir unterdessen zu. „Für den Fall, dass Sie sich nach ein wenig Gesellschaft sehnen.“


Ich schmunzle. „Sollte ich nicht zu müde sein, komme ich gerne auf Ihr Angebot zurück.“ Da ich seit fast drei Jahren Single bin, kann ich mich durchaus für eine gelegentliche Nummer mit einer hübschen Frau erwärmen. Doch leider erinnert mich die süße Rezeptionistin ein wenig an meine Ex-Frau, was ein absolutes No-Go für mich darstellt. Dennoch werde ich sie mir fürs Erste warm halten, vielleicht kann sie mir bei meinen Recherchen ja behilflich sein.


Nachdem ich eine schicke, helle Suite bezogen habe, bestelle ich mir beim Roomservice eine Kleinigkeit zu essen, greife dann nach meinem Laptop und hacke mich mithilfe der Computerprogramme, die Eric mir zur Verfügung gestellt hat, in die Hotelsoftware ein. Ich bin zwar in dieser Hinsicht lange nicht so versiert wie er, aber für derartige Aktionen reichen meine IT-Kenntnisse zum Glück aus.


Erwartungsvoll überprüfe ich die Gästeliste und stelle fest, dass die Besucher aus aller Herren Länder kommen. Leider kann ich nicht in Erfahrung bringen, welche Internetseiten sich die Gäste über das Hotel-WLAN angesehen haben. Ich ziehe in Erwägung, Eric um Hilfe zu bitten, verwerfe den Gedanken jedoch wieder. Gäbe es eine Möglichkeit an diese Informationen zu gelangen, hätte er sie gewiss schon genutzt.


Autoren oder Journalisten scheinen sich momentan tatsächlich keine im Savoy aufzuhalten. So entscheide ich, mich nach dem Ausschlusskriterium durch die Liste zu arbeiten. Da ich Familien und Paare für weniger verdächtig halte, konzentriere ich mich auf allein reisende Personen. Zwei Amerikaner stechen mir sofort ins Auge. Rasch zapfe ich über Erics Software die Überwachungskameras des Hotels an, um herauszufinden, wann die Herren ihre Zimmer verlassen.


Als ich einige Minuten später sehe, dass einer meiner Verdächtigen in den Fahrstuhl steigt, lege ich kurzzeitig die Kameras in den Fluren lahm. Ich schnappe mir ein kleines schwarzes Kästchen, das mir der FBI-Chef überreicht hat, und eile zum Zimmer des Gastes. Dort angekommen stecke ich das Teil unter dem Türschloss in eine Buchse. Das Gerät liest den Code ein und die Tür schnappt augenblicklich auf.


Nachdem ich eingetreten bin und in der Suite nichts Auffälliges gefunden habe, versuche ich mein Glück nun an dem Safe. Rick Masters hat mir erklärt, wie ich die PIN, die der Gast eingegeben hat, zurücksetze.


Ungläubig schüttle ich den Kopf, als sich auch der Tresor binnen Sekunden öffnet.


Wo ich doch immer dachte, das gäbe es nur im Film.


Während ich die Unterlagen im Safe durchstöbere, bei denen es sich um Versicherungspolicen handelt, nähern sich von außen schnelle Schritte. Im letzten Moment kann ich noch den Tresor schließen und mich im Garderobenschrank verstecken, bevor die Zimmertür aufgerissen wird und jemand den Raum betritt. Vorsichtshalber taste ich nach meiner Waffe, die ich heute in einem Knöchelholster trage. Durch die Lüftungsschlitze des Schrankes sehe ich, dass der Hotelgast sich einen Schirm greift und damit rasch wieder verschwindet.


Erleichtert atme ich auf.


Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, verlasse auch ich das Zimmer, denn hier deutet rein gar nichts auf ein Interesse am Secret Circle hin.


 


Bis zum Abend habe ich mehrere Räume durchsucht, aber leider keinen einzigen Hinweis gefunden. Da sich so langsam Müdigkeit bei mir einstellt, vertage ich alles Weitere auf den folgenden Tag, verschwinde in meine Suite und falle hundemüde in das bequeme Bett.


Als Nächstes werde ich die Bars und Restaurants des Hotels unter die Lupe nehmen. Falls irgendjemand wirklich den Kontakt zum Circle sucht, hält er sich womöglich dort auf, in der Hoffnung entdeckt zu werden.


Sollte dieses Vorgehen ebenfalls erfolglos sein, muss ich eventuell doch auf die Unterstützung der Blondine am Empfang zurückgreifen, aber zuerst werde ich jetzt den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht nachholen.


Kapitel 2


 


Irina


 


Frustriert nippe ich an meinem Wodka Lemon.


Was muss ich denn noch tun, um diesen Secret Circle, sollte es ihn wirklich geben, aus der Reserve zu locken?


Entweder hat unser Doppelagent bei der CIA da etwas in den falschen Hals bekommen oder dieser Geheimbund ist derart unaufmerksam, dass er es nicht einmal bemerkt, wenn jemand tagelang das Internet nach ihm durchsucht.


Ich lasse meinen Blick durch die elegante Bar des Savoy Hotels in London schweifen, die mit sanften Rot- und Brauntönen ein nostalgisches Flair versprüht. Leise Jazzmusik erschallt und ein dezenter Duft von Vanille liegt in der Luft. Alles in allem ist das hier ein Ort zum Wohlfühlen. Da meine Mission bisher allerdings erfolglos verläuft, kann ich die Atmosphäre nicht richtig genießen.


Vorwiegend verliebte Paare und vereinzelte männliche Geschäftsreisende sind heute zugegen, doch keiner dieser Typen wirkt, als würde er einer mächtigen Loge angehören.


Verdammt, so komme ich einfach nicht weiter!


Seitdem Joshua Catwick vor über einem Jahr Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, befindet sich Amerika im Aufwind. Terrorzellen werden enttarnt, Drogen- und Waffenlieferungen abgefangen, Doppelagenten fliegen auf. Wirtschaftliche Deals scheint diese zuvor so gebeutelte Nation mit Leichtigkeit abzuschließen. Die Arbeitslosigkeit und die Proteste im Land gehen zurück, dafür nehmen humanitäre Hilfsprojekte zu. Irgendetwas Außergewöhnliches geht dort vor sich, das nicht allein den Anstrengungen des neuen Staatsoberhauptes geschuldet sein kann.


Es versteht sich von selbst, dass Amerikas Aufstieg Russland ein Dorn im Auge ist. Folglich hat mein Vaterland einige seiner Doppelagenten in den Staaten darauf angesetzt, Gründe für diesen unerwarteten Boom zu finden. Vor zwei Wochen erhielten wir dann von einem unserer Männer, den wir schon vor langer Zeit in die CIA eingeschleust haben, Informationen über eine einflussreiche Loge, die im Hintergrund die Fäden ziehen soll.


Unser Spion war in der Lage, ein Telefongespräch des CIA-Chefs abzuhören und konnte uns den Namen dieser Verbindung nennen. Auch hat er in Erfahrung gebracht, dass die geheimen Treffen wohl mit steter Regelmäßigkeit in New York stattfinden. Darüber hinaus liegen uns leider keine Details vor.


Prompt erteilte mein Chef, der gleichzeitig mein Vater sowie Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist, mir den Auftrag, mehr über diesen Geheimbund herauszufinden. Seit Wochen unternehme ich daher alles, was im Netz möglich ist, doch selbst das Einhacken in amerikanische Regierungssysteme brachte keinen Erfolg.


Demzufolge änderte ich meine Strategie.


Wie viele russische Agenten agiere ich für gewöhnlich von Europa aus. Das hat den Vorteil, dass im Fall des Entdecktwerdens unsere Tätigkeiten nicht sofort Mütterchen Russland zugeordnet werden können. So mietete ich mich ins Savoy ein und überschütte die Cyberwelt seit Tagen mit Suchanfragen nach dieser Loge. Zwar besitze ich ein schickes Apartment im Londoner Nobelviertel Kensington, doch das soll geheim bleiben. Außerdem benötigte ich für meine Aktion einen Server, auf den ein gewiefter Geheimbund problemlos zugreifen kann, was bei den meisten Hotels der Fall ist.


Wenn ich schon nicht in der Lage bin, diese Organisation aufzustöbern, muss ich den Spieß eben umdrehen. Jetzt kann ich nur hoffen, dass die Amerikaner auf mich aufmerksam werden und auf diese Finte hereinfallen. Ansonsten haben wir vermutlich keine andere Wahl, als dem CIA-Direktor eingehender auf den Zahn zu fühlen.


Wobei ich jetzt an weitere Hacker- sowie Abhörmaßnahmen denke, denn seitdem der Kalte Krieg offiziell beendet ist, nimmt der russische Geheimdienst glücklicherweise von brutalen Maßnahmen Abstand. Einzig in Ausnahmefällen wird noch Folter oder Gift eingesetzt. Ein Vorgehen, von dem ich mich seit jeher distanziert habe, was mein Vater zum Glück akzeptiert, da er weiß, was er an mir hat.


Zur Agentin ausgebildet wurde ich vor gut 15 Jahren - auf Anordnung meines Dads hin - in der FSB-Akademie in Moskau. Natürlich standen Kämpfen, Schießen sowie körperliche Fitness dabei im Vordergrund, da ich jedoch schon immer ein Faible für Mathematik und Informatik hatte, spezialisierte ich mich auf Datenverarbeitung, was sich bereits mehrfach ausgezahlt hat.


Kein Computer, keine Firewall und kein Server dieser Welt sind vor mir sicher. Und da mich die Natur zudem mit aufregenden weiblichen Rundungen ausgestattet hat, habe ich auch kein Problem damit, hin und wieder meinen Charme bei Ermittlungen einzusetzen. Mit gewalttätigen Methoden werde ich mich jedoch niemals anfreunden können.


„Entschuldigen Sie“, reißt mich eine tiefe Stimme aus meinen Gedanken. „Darf ich Ihnen vielleicht Gesellschaft leisten?“


Neugierig schaue ich von meinem Rechner auf und schließe das Schachspiel, mit dem ich mich soeben beschäftigt habe, um nicht vor Langeweile zu sterben. Ein großer schlaksiger Mann im schicken Anzug, schätzungsweise fünfzig, blickt mir aus dunklen Augen entgegen.


Banker!, würde ich vermuten.


Dem Dialekt nach zu urteilen, Brite.


Auch wenn ich davon ausgehe, dass er kein Mitglied dieser Loge ist, sondern eher auf der Suche nach einer schnellen Nummer, stimme ich zu. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


„Sehr gerne.“ Ich schiebe meinen Laptop beiseite und weise einladend auf einen der bequemen Stühle, woraufhin der Mann sein Jackett öffnet und Platz nimmt.


Ein paar Minuten später sind wir in einem informativen Gespräch versunken. Der vermeintliche Banker entpuppt sich als Chef einer großen Versicherung, der einige Meilen außerhalb von London lebt und geschäftlich hier zu tun hat. Ich würde darauf wetten, dass er verheiratet ist, doch das spielt keine Rolle, er entspricht ohnehin nicht meinem Typ Mann. Und da er sich in den Staaten kein Stück auszukennen scheint, kann ich auch die Sache mit dem Geheimbund abhaken.


Folglich fange ich an zu gähnen und gebe vor, unter Jetlag zu leiden, bevor ich mich verabschiede.


Allerdings lässt er es sich nicht nehmen, die Rechnung zu begleichen. Vergebliche Liebesmüh, da mich die SWR als eine Art Elite-Agentin betrachtet und mit einem beachtlichen Budget versieht. Aber ich will den Typen nicht seiner Illusionen berauben, vielleicht doch noch mit mir im Bett zu landen. So bedanke ich mich höflich und stöckle auf meinen hohen Absätzen aus der Bar. Überrascht quieke ich auf, als ich am Ausgang in eine Wand aus Muskeln krache.


Mein Laptop, den ich niemals unbeaufsichtigt lasse, rutscht mir unterdessen aus der Hand und geht krachend zu Boden. Ein russischer Fluch kommt mir über die Lippen, als ich mich nach meinem geliebten Rechner bücke. Jetzt kann ich nur hoffen, dass meinem Baby nichts passiert ist.


Doch der Mann, in den ich kurz zuvor gelaufen bin, ist schneller. Mit einer flinken Bewegung sinkt er in die Hocke und überreicht mir meinen PC.


Verunsichert blinzle ich ihn an, während wir uns zeitgleich wieder aufrichten. Beim Blick in seine wundervollen grünen Augen halte ich unwillkürlich die Luft an. Nicht allein, weil der Mann mit dem perfekt geschnittenen schwarzen Haar eine wahre Augenweide ist, sondern auch weil er mir bekannt vorkommt. Für den Moment will mir allerdings nicht einfallen, wo ich ihn schon einmal gesehen habe.


„Entschuldigen Sie, ich war wohl ein wenig zu schwungvoll unterwegs. Tut mir leid“, verkündet mein Gegenüber mit sonorer Stimme, die eindeutig einen amerikanischen Akzent aufweist.


Ich versetze mir innerlich einen Tritt, denn ich könnte diesen Mann noch stundenlang anstarren. Breite Schultern verbergen sich unter einer eleganten braunen Lederjacke, zu der die tief sitzende dunkle Jeans einfach nur sexy aussieht. „Nein, nein, mein Fehler. Ich habe nicht aufgepasst.“


Sein Blick richtet sich auf meinen PC. „Ich hoffe, Ihr Computer hat nichts abbekommen. Ein sehr ausgefallenes Teil übrigens.“


„Ja, das wäre ärgerlich.“ Es käme für mich wirklich einer Katastrophe gleich, wenn meinem Schätzchen etwas passiert wäre.


„Sie sind Russin?“, erkundigt sich mein Gesprächspartner in diesem Moment.


Verdutzt nehme ich ihn in Augenschein. „Hört man das?“ Ich lebe seit Jahren in London und ging davon aus, mein Englisch wäre mittlerweile perfekt.


Er schmunzelt und entblößt dabei makellose weiße Zähne. „Wenn Sie in Russisch fluchen schon.“


„Oh, verstehe.“


Wie dumm von mir!


Die Angst um meinen Rechner hat mich kurzzeitig aus dem Konzept gebracht. Ein nicht wieder gutzumachender Fauxpas.


Das Gespräch versiegt.


Unbeholfen wie zwei Teenager stehen wir uns gegenüber und mustern uns. Vor allem, da ich mir unentwegt den Kopf darüber zerbreche, wo ich diesen Mann schon einmal gesehen habe.


„Irina“, äußere ich schließlich und strecke ihm meine rechte Hand entgegen. Da er jetzt weiß, dass ich Russin bin, kann ich ihm auch meinen richtigen Namen nennen.


Er greift augenblicklich zu. „Andrew“, stellt er sich ebenfalls vor, während er meine Finger mit festem Griff umschließt.


Ähnlich einem Blitzschlag durchfährt mich in diesem Moment die Erkenntnis, wer dieser Mann ist. Ich habe lange über Joshua Catwick, den Präsidenten der Vereinigten Staaten recherchiert, und dabei Bilder von seinem neuen Sicherheitschef Andrew Cairns gesehen. Und besagter Sicherheitschef schüttelt mir soeben die Hand.


Ebenso offensichtlich wie die Funken, die zwischen uns sprühen, ist die Tatsache, dass er mit diesem Secret Circle in Verbindung stehen könnte. Ich darf den Kontakt zu ihm auf gar keinen Fall verlieren. Wobei mir das interessierte Glitzern in Andrews grünen Augen signalisiert, dass er das mitnichten beabsichtigt. Irgendetwas ist da zwischen uns. Eine unerklärbare Anziehungskraft, die ich für meine Recherchen nutzen sollte.


„Als kleine Entschuldigung würde ich Sie gerne auf einen Drink einladen“, gehe ich daher in die Vollen. „Aber leider kann ich unmöglich in die Bar zurückkehren, da ich soeben einem etwas zu anhänglichen Herrn erklärt habe, hundemüde zu sein.“


Er schmunzelt. „Es gibt hier in der Nähe sicher eine weitere Bar, oder?“


„Selbstverständlich. Ein paar Schritte vom Hotel entfernt befinden sich ein gemütliches Pub und eine Cocktailbar.“ Ich lege den Kopf schief und blinzle ihn herausfordernd an. „Wollen wir?“


Er nickt. „Liebend gerne.“ Sanft legt er mir eine Hand auf den Rücken und führt mich zum Fahrstuhl. Einmal mehr richtet sich sein Blick auf den Computer in meinen Fingern. „Möchten Sie das kostbare Stück zuerst aufs Zimmer bringen?“


Ich schüttle den Kopf und lasse das Gerät in meinem schwarzen Shopper verschwinden. „Nicht nötig.“


 


Minuten später sitzen wir an dem seitlichen Tresen eines urigen Pubs auf zwei Barhockern und trinken frisch gezapftes Bier.


„Was hat Sie nach London verschlagen, Andrew?“, erkundige ich mich mit nebensächlichem Unterton.


„Oh, ich bin geschäftlich hier.“


„Darf ich fragen, in welcher Branche Sie tätig sind?“


Er zögert sekundenlang. „Bodyguard“, murmelt er letztendlich. „Ich arbeite als Personenschützer.“


„Wow!“, hauche ich betont überrascht, während mein Blick erneut über seinen muskulösen Oberkörper gleitet. „Das erklärt so einiges. Wie genau kommt man an einen solchen Job?“


Er kratzt sich nachdenklich am Kopf, was mir verrät, dass er nicht beabsichtigt, mir die volle Wahrheit zu offenbaren.


„Na ja, eigentlich bin ich Pilot. Doch ich war andauernd unterwegs, sah meine Tochter kaum noch. So vermittelte ein Bekannter mir einen Auftrag bei einem Politiker. Ich nahm liebend gerne an.“


„Sie sind verheiratet?“, entfährt es mir.


Warum nur stört mich diese Vorstellung derartig?


Er schüttelt den Kopf. „Geschieden. Meine Kleine lebt bei ihrer Mutter. Aber jetzt kann ich Lana zumindest regelmäßig sehen.“


Na, das hört sich doch schon um Längen besser an.


„Pilot, also. Klingt aufregend, passt aber perfekt zu Ihnen. Fehlt nur die obligatorische Sonnenbrille.“


Er grinst und wirkt in diesem Moment gleichermaßen unbekümmert wie auch verwegen. „Die liegt im Zimmer.“


„Dachte ich mir. Doch zurück zu ihrem jetzigen Job, Maverick. Als Bodyguard bekommt man gewiss viele Dinge mit, die im Grunde genommen nicht für fremde Ohren bestimmt sind, oder?“


Seine Miene verschließt sich augenblicklich. „Wäre möglich.“


„Verstehe, Sie wollen nicht darüber reden. Darf ich mich dennoch erkundigen, wen Sie beschützen?“


Er mustert mich sekundenlang. „Ich arbeite im Weißen Haus“, vertraut er mir letztendlich an. „Aber bitte fragen Sie nicht weiter. Alles, was dort geschieht, fällt unter die Kategorie: streng geheim.“


„Gott, Andrew!“, flöte ich und lege meine Hand auf seinen Oberarm, wobei ich mich ein wenig nach vorne beuge, um ihm einen besseren Blick auf mein Dekolleté zu gewähren. Der Bizeps, den ich unter meinen Fingern spüre, macht mich schwach. „Von Sekunde zu Sekunde fühle ich mich in Ihrer Nähe sicherer.“


Ich flirte jetzt unverhohlen mit ihm, was ich schon häufig bei Einsätzen getan habe. Doch bei diesem Mann fällt es mir leicht, denn er ist schlichtweg atemberaubend.


„Das hört man gerne. Aber wie kommt es, dass Sie ein derart perfektes Englisch sprechen? Hätte ich Sie nicht vorhin russisch fluchen gehört, würde ich Sie glatt für eine Britin halten.“ Sein Blick wandert über mein lockiges rotes Haar hinweg.


„Ich wohne seit Jahren in England und bin hier im Immobiliengeschäft tätig.“


Interessiert begutachtet er meine teure Handtasche sowie die mit Brillanten besetzte Uhr und mein elegantes grünes Designerkleid. „Entweder Sie haben einen reichen Ehemann oder es scheint sich definitiv zu lohnen“, äußert er mit fragendem Unterton.


Ich gestehe, es verschafft mir Genugtuung, dass er in Erfahrung bringen will, ob ich verheiratet bin.


„Kein Ehemann“, antworte ich kurz und bündig.


Er lächelt und wirkt dabei derart sexy, dass ich dem Drang widerstehen muss, ihn auf der Stelle zu küssen. Doch ich halte mich zurück, denn ich möchte die Sache langsam angehen. In der Hoffnung, mehr über diesen Circle herauszufinden, will ich zuerst Andrews Vertrauen gewinnen. „Und was genau machen Sie in London?“, wechsle ich das Thema. „Befindet sich der Präsident oder eine andere wichtige Persönlichkeit aus dem Weißen Haus in der Stadt?“


Er schüttelt den Kopf. „Ein Lehrgang.“


„Oh, verstehe.“ Das könnte der Wahrheit entsprechen. Um mehr über ihn ans Licht zu bringen, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als meine Computer zu bemühen, notfalls sogar sein Zimmer zu durchsuchen. Ich könnte ihn natürlich auch mit Haut und Haaren vernaschen, um mir Zugang zu seinen privaten Sachen zu verschaffen. Rasch verwerfe ich den Gedanken jedoch wieder und mahne mich erneut zur Zurückhaltung.


Während ich noch meinen Überlegungen nachgehe, zückt Andrew sein Smartphone und macht ein paar Fotos von dem Pub.


Entgeistert beobachte ich ihn. „Für Facebook oder Instagram?“


„Wo denken Sie hin! Für meine Kleine. Sie freut sich immer unsagbar, wenn ich ihr Bilder schicke.“ Er rückt seinen Barhocker neben meinen und lehnt sich zu mir herüber, sodass mir der herbe Geruch eines göttlichen Rasierwassers in die Nase steigt. Mit einer flinken Handbewegung hält er das Handy vor unsere Gesichter. „Darf ich?“ Ehe ich noch antworten kann, hat er bereits mehrere Selfies geschossen.


„Haben Sie ein Bild von dem Mädchen?“, erkundige ich mich argwöhnisch, da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Fotos tatsächlich für seine Tochter bestimmt sind.


„Selbstverständlich. Ich finde stolze Mütter und Väter jedoch grausam, die jedem die Aufnahmen ihrer Kids unter die Nase halten.“


„Wohl wahr. Aber ich würde trotzdem gerne ein Bild sehen“, beharre ich.


Er tippt auf sein Smartphone ein und präsentiert mir eine süße Blondine. Ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit offenem Blick lächelt sie in die Kamera und sieht in der Jeanslatzhose einfach entzückend aus.


„Wie niedlich!“, entfährt es mir. „Wie alt ist die Kleine?“


„Acht. Sie ist mein Ein und Alles“, antwortet Andrew in derart leidenschaftlichem Ton, dass ich glatt neidisch werden könnte.


Die Agentin in mir weiß in diesem Moment, wie man diesen liebenden Vater im Notfall zum Reden bewegen könnte. Die Frau in mir will jedoch nicht einmal ansatzweise über diese Option nachdenken. Vielmehr sollte es mir doch mit meinem weiblichen Charme gelingen, an die benötigten Informationen heranzukommen.


„Haben Sie Kinder?“, reißt er mich aus meinen Gedanken.


Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ich denke, Familie ist nichts für mich.“


„Wieso?“


Versonnen mustere ich ihn. Er wirkt vertrauenserweckend, dennoch darf ich nicht allzu viel preisgeben. „Waren Sie jemals in Russland?“


„Ja, einmal. Aber nur kurz. Ich bin daher bloß oberflächlich über dieses faszinierende Land im Bilde.“


„Das Leben ist dort kein Zuckerschlecken, wenn man sich dem Regime nicht unterordnet. Folglich muss man auch mal auf gewisse Dinge verzichten.“


„Klingt irgendwie frustrierend.“


„Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe mein Vaterland und bin mit meinem Dasein im Großen und Ganzen zufrieden. Ich habe einfach das Beste daraus gemacht.“


„Leben Sie deswegen in England?“


Ich nicke. „Unter anderem. Erzählen Sie mir von Ihrer Tochter“, wechsle ich rasch auf ungefährliches Terrain.


„Oh, sie ist ein entzückendes Kind. Sie liebt Eis, Tiere und ist völlig verrückt nach Musik. Ihre Mutter ist Tänzerin, das scheint der Kleinen ebenfalls im Blut zu liegen. Zudem ist sie fasziniert von fremden Ländern. Mit Geschichten darüber kann man sie stundenlang unterhalten.“


„Warum haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?“


„Ich war früher bei der Air Force. Währenddessen haben wir uns auseinandergelebt. Ich verließ die Army, um meine Ehe zu retten, doch da war es schon zu spät.“


„Zu traurig. Das Leben schreibt manchmal schreckliche Geschichten. Fliegen Sie noch?“


Er nickt. „Wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Es ist mein größtes Hobby. Flugzeuge und die dazugehörige Technik üben seit jeher eine unglaubliche Faszination auf mich aus.“


„Erzählen Sie mir von der Air Force One. Ist die Maschine wirklich eine fliegende Festung?“


Schmunzelnd schüttelt er den Kopf. „Ernsthaft, Irina? Ich bitte Sie doch auch nicht, mir Geheimnisse aus dem Kreml anzuvertrauen.“


„Die ich ohnehin nicht kennen würde. Sie sind die Air Force One aber schon einmal geflogen, oder?“, versuche ich einen anderen Ansatz.


Er zögert sichtlich. „Ja, ich hatte bereits die Ehre, doch das war eine Ausnahme. Die Piloten des Präsidenten unterliegen strengen Vorschriften und müssen umfassende Berufserfahrung nachweisen können. Dazu bin ich mit meinen 36 Jahren gar nicht imstande. Aber genug davon. Die Immobilien, die Sie verkaufen. Wie kommen Sie daran? Wer sind Ihre Kunden?“


Ich unterdrücke ein Grinsen und frage mich, wie lange wir eigentlich noch um den heißen Brei herumreden wollen.


„Vorwiegend reiche Russen.“ Ich sehe Andrew direkt in die Augen. „Interessiert Sie das tatsächlich?“


Unsere Blicke versinken ineinander. Sekundenlang stockt mir der Atem. Dieser Mann stellt irgendetwas mit mir an, das ich nicht benennen kann.


Ihm scheint es ähnlich zu ergehen, denn er holt vernehmlich Luft und beugt sich zu mir nach vorne. „Wer sind Sie in Wirklichkeit?“, haucht er nahe an meiner Wange.


Ich schlucke und frage mich, welchen Fehler ich begangen habe, dass er mich derart schnell durchschaut hat.


Kurz erwäge ich, ihm einen Teil der Wahrheit anzuvertrauen, entscheide mich dann jedoch dagegen. Ich muss vorsichtig sein. Ich fühle mich zu diesem Mann hingezogen und das vernebelt mir den Verstand.


Hastig lehne ich mich zurück und werfe einen Blick auf meine luxuriöse Armbanduhr. „Verzeihen Sie mir, Andrew, aber ich sollte jetzt schlafen gehen. Es ist schon spät und ich habe morgen früh einen wichtigen Termin.“


Ein unterdrücktes Grinsen zuckt um seine Mundwinkel und lässt ihn zum Anbeißen aussehen. „Wir wissen beide, dass das nicht der wahre Grund ist. Aber einverstanden, ich lasse Sie gehen, unter einer Voraussetzung …“ Er hält kurz inne und schenkt mir einen verführerischen Blick. „Ich möchte Sie wiedersehen.“


Ich nicke. „Treffen wir uns doch morgen Nachmittag zum Afternoon Tea im Savoy. Ich liebe die Atmosphäre dort. Für die hausgemachten Scones und das Gebäck könnte ich sterben.“


„Das hört sich an wie ein Plan. Ich freue mich schon darauf.“



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