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Belletristik
Buch Leseprobe Scheinheilig, Anngret Priehn
Anngret Priehn

Scheinheilig



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Kapitel 1
Tränen der Freude rannen über ihre Wangen, als
Anna mit zitternden Händen einen eben erhaltenen Brief auseinander faltete. Mit pochendem Herzen las sie, dass Irene und ihre Tante Käthe Reich es begrüßten, wenn Anna Pfarrer Reichs letzten Wunsch erfüllen und zu seiner Beerdigung nach Schwerin kommen würde. Immer und immer wieder las sie heimlich diesen Brief, den sie in ihrer Arzttasche versteckte. Wie sehr hatte sie doch ein Wiedersehen mit Irene herbeigesehnt. Und nun hatte Anna beinahe Angst davor. Vor 24 Jahren waren sie von einem Tag auf den anderen getrennt worden und seitdem hatte Anna nichts mehr von Irene gehört. Anna wusste nicht, wie Irenes Leben verlaufen war, und 24 Jahre waren eine verdammt lange Zeit. Ob sich Irene an die Zeit ihrer Liebe erinnerte? Wenn ja, würde es diesmal eine Zukunft für sie beide geben? Drei Tage später machte Anna sich auf den Weg nach Schwerin. Ihr Trauerkranz versperrte fast anderen Reisenden den Weg im Gang des überfüllten Zuges, der kurz vor Schwerin seine Geschwindigkeit drosselte und langsam am Alten Friedhof vorbeirollte. Anna lehnte nachdenklich mit dem Rücken an der Tür eines voll besetzten Abteils. Sie blickte durch das schmutzige, zum Teil vereiste Fenster und dachte daran, unter welchen Umständen man Irene und sie damals gewaltsam voneinander getrennt hatte. Ihre Gedanken gingen 24 Jahre zurück.




Es war Annas achtzehnter Geburtstag im Mai 1966, als zur Mittagsstunde die Glocken der St. Paulskirche Schwerin die Stille im Abschiedsraum des Krematoriums auf dem Alten Friedhof zerrissen. Ein schwerer, süßlicher Geruch füllte den kleinen Raum, in dem Annas Mutter offen aufgebahrt war.Anna beugte sich über den Sarg und legte 18 dunkelrote Rosen, die sie an diesem Morgen von ihrem Vater bekommen hatte, auf die weiße Zudecke, bevor der Sarg endgültig geschlossen wurde und das Antlitz der Mutter für immer entschwand. Dabei streifte Anna flüchtig die gefalteten Hände der Toten. Eisige Kälte durchfuhr sie. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück, wandte sich um und lehnte den Kopf an die Schulter ihrer Freundin. Irene bemerkte durchaus das Missfallen in den Augen von Annas Vater, legte aber trotzdem ihren Arm um Anna. Karl Lichtenberger konnte seine Abneigung gegenüber Irene Berger nicht einmal in der Abschiedsstunde verbergen. Hier in der Öffentlichkeit musste er es geschehen lassen. Die Mädchen waren sich viel zu nahe gekommen. Vor zwei Tagen noch hatte er beide in zärtlicher Umarmung überrascht. Angeblich weinte Anna sich nur aus. Er würde nicht zulassen, dass Irene Berger seine kleine Anna verführte, hoffend, dass das nicht schon geschehen war. Er sträubte sich gegen diesen Gedanken und konzentrierte sich auf die Rede von Pfarrer Reich, auf den er gern verzichtet hätte, wenn es nicht der ausdrückliche Wunsch seiner verstorbenen Frau Hildegard gewesen wäre, kirchlich beerdigt zu werden. Als Parteisekretär des Fleischkombinates und gleichzeitiges Mitglied der Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) der Stadt Schwerin konnte es seine Karriere kosten, wenn das Verhältnis der beiden Frauen bekannt würde. Hinter vorgehaltener Hand redeten die Nachbarn bereits darüber. Und deshalb musste Irene morgen die Stadt verlassen. Seine Verbindungen reichten bis nach Berlin. Die Genossen hatten ihm eine Arbeitsstelle für Irene zugesichert, mit der er zuvor ausführlich unter vier Augen gesprochen hatte. Sie war 6 Jahre älter als Anna. Statt sein Angebot, mit ihm zu schlafen und damit zu beweisen, dass sie nicht lesbisch sei, anzunehmen, schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Ihre Ohrfeige brannte nicht nur körperlich. Was sie sich nur einbildete! Sie hatte weder Vater noch Mutter. Was konnte man da auch schon von Irene erwarten. Karl Lichtenberger sah zu seiner Tochter Anna hinüber. Die stand reglos mit gesenktem Kopf neben Irene. Annas Tränen waren längst versiegt. Niemand hatte der Mutter mehr helfen können, ihr Tod war unabwendbar. Auch Irenes Gebete halfen nicht gegen den Krebs. Weil Anna sich sehr zu ihrer Freundin hingezogen fühlte, hielt sie sich oft bei Irene auf, die eine halbe Stunde entfernt von Annas Elternhaus ein Zimmer zur Untermiete bewohnte. Nachts lagen sie eng beieinander und Anna weinte sich in den Armen der Freundin in den Schlaf, bis sie sich eines Tages näher kamen. Die Erkenntnis, dass ihre Gefühle füreinander anders als nur freundschaftlich sein könnten, ließ erste Küsse und Zärtlichkeiten zu. Als Annas Mutter fühlte, dass sie sterben würde, ließ sie nach der Tochter rufen. Sie deutete an, ihr noch etwas sehr Wichtiges mitteilen zu wollen. Anna eilte ins Krankenhaus, aber Hildegards Worte gingen in einem
Röcheln unter, so nahm sie das Geheimnis mit ins Grab. Trotz intensiven Nachfragens wollte Annas Vater nicht darüber reden. Auch Annas Großmutter, Agnes Brockmüller, hüllte sich in Schweigen. Wie durch eine Nebelwand sah Anna damals Nachbarn, Verwandte, auch die sich mit den Eltern zerstritten hatten, Freunde und Bekannte, die ans Grab gefolgt waren. Die Worte des Pfarrers rauschten an Annas Ohren vorbei. Gott war ihr fremd. Wenn es deinen Gott gäbe, hatte sie zu Irene gesagt, würde er nicht so viel Leid in der Welt geschehen lassen. Dann nahm Irene sie tröstend in die Arme und strich ihr sanft über den Kopf, sagte, Gott könne den Tod nicht aufhalten, auch wenn er allmächtig sei. Als der Eichensarg langsam in das Grab hinabgelassen wurde, schluchzte hier und da jemand auf. Anna nahm Irenes Hand und drückte sie fest. Irene erwiderte die stumme Geste. Sie musste alle Kraft zusammennehmen, um nicht zu weinen, denn morgen würde sie nicht mehr in der Stadt sein. Anna wusste von den Drohungen und der Abreise nichts. Irene hatte versprechen müssen zu schweigen. Irene, in ihrer Art ein zierliches und gutmütiges Wesen, von Beruf Kinderkrankenschwester, lernte Anna vor zwei Jahren kennen, als sie einen Kurs des Deutschen Roten Kreuzes an der EOS Schwerin (Erweiterte Oberschule) leitete und Schüler in der Ersten Hilfe ausbildete. Anna, politisch erzogen, ihr Vater Karl Lichtenberger war ein überzeugter Kommunist, kam aus einer ganz anderen Welt, denn Irene wuchs im evangelischen Pfarrhaushalt Reich bei Tante und Onkel auf. Langsam hatte sich zwischen den Mädchen eine tiefe Freundschaft entwickelt.Hildegard, Annas Mutter, galt als eine gläubige Frau. Dennoch musste sie geahnt haben, dass zwischen Anna und Irene mehr als nur freundschaftliche Bande bestanden, denn kurz vor ihrem Tod nahm sie Irene das Versprechen ab, sich immer um Anna zu kümmern. Irene liebte ihre Freundin, aber ihre Existenz und die ihres Onkels waren gefährdet, wenn sie nicht der Aufforderung Karl Lichtenbergers folgen und die Stadt verlassen würde. Da auch Agnes Brockmüller Irene drohte, sie in der Kirchengemeinde und im Krankenhaus bloßzustellen, sie verklagen zu wollen, Anna als Minderjährige verführt zu haben, musste Irene zudem mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Außerdem sollte Anna noch vor ihrer Volljährigkeit in den „Jugendwerkhof Dorf Mecklenburg", ein Internat für kriminelle und schwer erziehbare Jugendliche, eingewiesen werden. Irene begriff, was für sie und Anna auf dem Spiel stand. Ihr war klar, sie mussten sich trennen. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass Anna noch sehr jung war und möglicherweise nur die Krankheit der Mutter zu einer Irritation ihrer Gefühle geführt haben könnte. Trotz frühlingshafter Temperaturen blies ein eisiger Wind auf dem Friedhof. Pfarrer Reich beendete sein Gebet, trat einen Schritt zurück und reichte Karl Lichtenberger die Hand. „Ich wünsche Ihnen, dass Gott immer mit Ihnen ist und dass Sie trotz unsagbarem Leid stets wissen, was Sie tun."„Darauf können Sie sich verlassen, Herr Pfarrer. Wenn Sie mögen, kommen Sie doch nachher zum Kaffee."„Anna braucht Ihren Trost. Vergessen Sie sie nicht." Seine gütigen Augen ruhten auf Anna, die immer noch neben Irene stand.Karl Lichtenberger zerrte an Annas Arm: „Komm, wir gehen."„Aber Irene kommt mit."„Von mir aus." Sein hämisches Grinsen war kaum zu übersehen. Seine kleine Anna? Wie sollte Karl sie je vergessen können. Allein Agnes Brockmüller würde ihn nichts vergessen lassen. Nicht mal auf dem Friedhof hatte die Alte Ruhe gegeben, fragte ihn, ob er sein Versprechen, Anna nicht über ihr streng gehütetes Geheimnis aufzuklären, halten würde. Habe sie sich nicht 18 Jahre lang darauf verlassen können, hatte er ihr verächtlich geantwortet. Dafür hätte sie ihn reichlich bezahlt, zischte sie ihm zu und stellte sich dann neben Anna. Tröstend wollte sie ihr übers Haar streichen, aber Anna machte eine abwehrende Kopfbewegung. Ihr war das unangenehm. In ihrer Nähe fröstelte es sie jedes Mal.Agnes Brockmüller straffte ihre Schultern und warf Irene Berger einen gebieterischen Blick zu, bevor sie ans Grab trat und Blumen auf den Sarg warf. Anna konnte sich noch genau erinnern, die Trauergesellschaft nahm den Kaffee in der nahe gelegenen Gaststätte ein. Schnaps und Wein ließen die Gäste aufgeräumt, ja fast heiter miteinander umgehen.Nur Irene kam ihr schweigsamer als sonst vor. Beizeiten verließ sie in Begleitung ihres Onkels das Lokal. Anna hatte den Eindruck, Irene umarmte sie heute fester als sonst. In ihren Augen lag ein sonderbarer Blick, der ein unerklärliches, ungutes Gefühl auslöste. Unter einem Vorwand, nur frische Luft schnappen zu wollen, verließ Anna Stunden später die Gesellschaft, rannte zur nächsten Telefonzelle und klingelte bei Pfarrer Reich an, in der Hoffnung, Irene sei dort. Niemand meldete sich. Dann konnte Irene nur in ihrer Wohnung sein, wo es jedoch kein Telefon gab, dachte Anna. Sie ging zurück in die elterliche Wohnung, in der sie auf ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters in dieser Nacht schlafen musste. Viel lieber hätte sie bei Irene übernachtet, aber ihr Vater duldete keinen Widerspruch und Anna fügte sich. Am nächsten Morgen fuhr Anna gleich früh zu Irenes Wohnung, aber es öffnete niemand. Die Nachbarin sagte, dass Irene einen Tag zuvor ausgezogen sei. Trotz Nachforschungen bei Freunden und Bekannten hatte Anna nie erfahren können, wohin Irene damals gegangen war. Anna konnte den traurigen Ausdruck in den Augen Pfarrer Reichs niemals ganz vergessen, als er sie in den Arm nahm und sagte, sie könne immer zu ihnen kommen, es ginge Irene gut, aber er dürfe nicht sagen, wo sie jetzt wohnte und warum sie plötzlich fort musste. Es sollte das letzte Mal sein, dass Anna Pfarrer Reich und seine Frau sah. Tage später hieß es, er sei in eine andere Kirchengemeinde versetzt worden. Seit damals hatte Anna nichts mehr von Familie Reich und Irene gehört. In der DDR herrschten derzeit chaotische Zustände. In Leipzig hatten im Herbst 1989 die Montagsdemonstrationen begonnen, Anfang des Jahres 1990 überschlugen sich die Ereignisse. Die DDR-Führung gab es nicht mehr, die innerdeutsche Grenze war geöffnet worden. „Runde Tische", eine Art Nebenregierung, Gremien, die aus Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen bestanden, beherrschten die politische Landschaft. Täglich brachten die Nachrichten neue Hiobsbotschaften. „Darf ich mal vorbei?" Anna schrak aus ihren Gedanken auf. Der Zug rollte langsam in den Bahnhof ein. „Selbstverständlich." Rasch zog Anna den Kranz zu sich heran. Eine Frau, vielleicht so alt wie sie selbst, schlängelte sich an Anna vorbei. Sie stutzte. „Kennen wir uns nicht von irgendwo her?"„Glaube nicht", sagte Anna gedankenverloren.„Bist du nicht Anna Lichtenberger? Damals an der EOS (Erweiterte Oberschule Schwerin)."„Ja, ich war dort. Kann mich aber an dich nicht erinnern."„Ich war zwei Klassen tiefer, du und Irene Berger habt die Sanitäterausbildung bei uns durchgeführt, damals warst du 10. Klasse."Anna überlegte krampfhaft. „Du bist Sonja Breese, stimmt's?"„Ja. Wir sollten mal zusammen Kaffee trinken gehen, was meinst du?"„Ich bin nur kurz in Schwerin, fahre morgen wieder zurück."„Schade. Ich komme gerade aus Berlin. Ich arbeite hier im Krankenhaus in der Werderstraße als Chefarztsekretärin. Und wo bist du jetzt zu Hause?"„In der Nähe der Stadt Zerbst." Zu Hause? Anna überkam ein ungutes Gefühl bei dieser Frage. Ein kräftiger Ruck ging durch den Zug. Die Bremsen quietschten, als der Zug am Bahnsteig hielt. Sonja verabschiedete sich und kramte aus ihrer Handtasche eine Visitenkarte. „Würde mich freuen, wenn du mich mal anrufst. Machs gut Anna, ich werde erwartet."Anna versprach, sich zu melden. Dann sah sie, wie eine Frau Sonja vom Bahnsteig zuwinkte. Anna stieg als Letzte aus dem Abteil. Der Kranz war unhandlich und schwer. Ihr Rücken schmerzte vom langen Stehen im Zug. Zudem machten sich die nach ihrem Autounfall operierten Wirbel schmerzhaft bemerkbar. Sie hängte ihre kleine Reisetasche über die Schulter und ging den düster wirkenden Bahnsteig entlang zum Ausgang. Ob sie Irene nach so langer Zeit erkennen würde? Damals war Irene eine junge schlanke Frau, etwas kleiner als sie selbst, schwarze gelockte Haare, die ihr bis auf die Schultern reichten und die sie oft zu einem Zopf zusammenband. Bei dem Gedanken an ihre zierlichen Hände musste Anna ein wenig schmunzeln. Die Nächte, die sie beide miteinander verbracht hatten, waren ihr unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Oft saßen sie gemeinsam auf der Schlafcouch in Irenes kleinem Zimmer und unterhielten sich bis spät in die Nacht bei Kerzenschein und klassischer Musik, am liebsten Violin- und Klavierkonzerte von Beethoven, Tschaikowsky und Brahms. Sie tauschten Zärtlichkeiten aus und schliefen miteinander. Bei diesen Gedanken lief ein Schauer über Annas Rücken. Ihr war, als wäre es erst gestern gewesen. An der Treppe zur Unterführung des Bahnsteigs stand eine ganz in Schwarz gekleidete Frau. Das musste Irene sein, ging es Anna durch den Kopf. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Wie schmächtig sie geworden war. Ein feines Lächeln lag auf ihrem fahlen Gesicht, leicht ergrautes Haar quoll unter der Pelzmütze hervor. Anna stellte den Kranz ab und ging verhaltenen Schrittes auf Irene zu. „Guten Tag, Irene", sagte Anna mit einem Kloß im Halse.„Anna, herzlich willkommen." Sie umarmten einander lange, bis Irene sich löste. „Lass uns gehen, Anna. Die Leute schauen schon. Meine Tante erwartet uns zum Abendbrot." Verstohlen wischte Anna mit dem Handrücken ihre Tränen ab. Ein unsagbar tiefes Gefühl durchströmte ihren Körper, die Liebe zu dieser Frau hatte nie aufgehört. Ob Irene das Gleiche empfand wie sie? In Irenes Gesicht konnte sie keine Anzeichen entdecken. Irene nahm die Reisetasche, Anna den Kranz, dann gingen sie zum Ausgang. Während ein Taxi die Frauen zum Haus der Tante in der Schlossgartenallee brachte, erzählte Irene, wie ihre Tante zu diesem Besitz gekommen war. Sie bewohnten seit vergangenem Jahr diese Villa mit 7 Zimmern. Käthe Reich erbte das Haus von ihrer kinderlosen Cousine, deren Mann viele Jahre als Handwerker arbeitete und somit selbst das Anwesen gut instand gehalten hatte. Als er vor drei Jahren starb und die bis dahin dort wohnenden Untermieter, die einst von der Abteilung Wohnraumlenkung des Rates der Stadt dort staatlich eingewiesen waren, auszogen, bat die Cousine Ludwig und Käthe Reich, im Haus mitzuwohnen. Sie kümmerten sich aufopferungsvoll um die bereits schwer kranke Cousine, die vor einem halben Jahr ihrem Mann gefolgt war. In ihrem Testament bedachte sie Käthe Reich und ihren Mann großzügig. Während Irene berichtete, sah Anna neugierig aus dem Fenster, in der Hoffnung, auf ihrer Fahrt durch die Stadt Neues zu entdecken. Aber nichts schien sich verändert zu haben. Die Innenstadt wirkte noch maroder, als Anna sie in Erinnerung hatte, Häuser und Straßen sahen grau und trist aus. Das Taxi hielt vor einer großen Villa mit Vorgarten, der völlig zugeschneit war. Irene zahlte und sie gingen ins Haus. Anna hatte seit der Beerdigung ihrer Mutter 1966 Käthe Reich nicht wieder gesehen. Sie wirkte älter als sie tatsächlich mit ihren 72 Jahren war. Eine kleine, etwas nach vorn gebeugte, schwer atmende Frau, die schlohweißen Haare zu einem Dutt aufgesteckt. Das Asthma, unter dem sie schon früher litt, hatte sich verschlimmert. Käthe Reich begrüßte Anna mit einer gewissen Distanz und bat sie dann, am gedeckten Abendbrottisch im Esszimmer Platz zu nehmen. „Du bist eine hübsche Frau geworden, Anna. Ich darf doch noch du sagen?", fragte sie.„Selbstverständlich. Ach, Frau Reich, die 24 Jahre sind auch an mir nicht spurlos vorübergegangen." „Wem sagst du das, es war für uns nicht immer leicht. Aber Gott hat es wohl so gewollt. Er hat uns die vielen Jahre einer schweren Prüfung unterzogen. Mein Mann und ich hatten schöne Jahre miteinander, trotz aller Schwierigkeiten, die man uns auferlegte."Anna spürte die Kühle, die in Käthe Reichs Worten mitschwang. Verlegen strich sie über ihre Oberschenkel, als wolle sie ihre Hose glätten. Es sollten die einzigen Worte bleiben, die Käthe Reich an diesem Abend an Anna richtete. Eine Frau, gekleidet mit einem schwarzbraunen Wollkleid kam aus der Küche und brachte Kräutertee. „Das musste Irenes Freundin sein, von der sie auf der Herfahrt sprach", dachte Anna. „Ich bin Eva Frommhold, Irenes treue und engste Freundin", stellte die Frau sich vor. Anna nickte. „Warum betont sie dies nur so?", wunderte sie sich und schmunzelte innerlich. Evas Gestalt fand sie grotesk. Ihr viel zu klein geratener Kopf, in dessen Mitte eine lange, nach vorn zugespitzte Nase steckte, saß auf einem untersetzten Rumpf. Zudem trug sie die blond gefärbten Haare streng nach hinten gekämmt und zu einem Dutt zusammengesteckt. Das alles gab ihr einen herben, unnahbaren Ausdruck. Als sie alle vier am Tisch saßen, falteten Käthe Reich, Irene und Eva ihre Hände. Käthe Reich sprach ein Gebet, worauf Eva und Irene mit „Amen" antworteten. Anna blickte befangen auf den Parkettfußboden. Sie fühlte eine Spannung im Raum, erklärte sich das aber mit der bevorstehenden Beerdigung. Die Abendmahlzeit ging ohne jegliche Unterhaltung vorüber. Käthe Reich verabschiedete sich nach dem Essen mit der Begründung, der Tag sei sehr anstrengend gewesen, und sie ginge immer früh schlafen. Eva übernahm den Abwasch. Irene bat Anna, in die Bibliothek vorauszugehen, die sich an das Esszimmer anschloss. Während Irene Weingläser bereitstellte und eine Flasche Rotwein aus der Küche holte, sah Anna sich ein wenig um.




Die Bibliothek war zugleich das Arbeitszimmer von Ludwig Reich gewesen. Das Zimmer war mit alten englischen Möbeln ausgestattet. Walter Reich liebte Musik und Bücher, die übervollen Regale zeugten davon. Auf dem Schreibtisch sah es aus, als sei er nur eben mal hinausgegangen und käme gleich zurück. Alles schien sich noch an seinem Platz zu befinden, wie er ihn verlassen hatte. Auf dem in der Ecke befindlichen Sekretär stand ein Bild, auf dem Irene mit einem jungen Mann zu sehen war. Sie nahm das Foto in die Hand und betrachtete es genauer. „Das ist mein Sohn Martin", sagte Irene, ins Zimmer kommend.Anna stellte das Foto auf seinen Platz zurück. Sie hatte also einen Sohn. Verheiratet, das wusste Anna aus ihrem Gespräch im Taxi, war Irene nicht.„Er kommt morgen. Er studiert evangelische Theologie am Katechetischen Oberseminar in Naumburg. Er steckt in den Prüfungsvorbereitungen und wird kaum Zeit für uns haben."„Ich wusste gar nicht, dass Naumburg eine Universität hat."„Das Katechetische Oberseminar in Naumburg ist eine kirchliche Hochschule, in der evangelische Theologen ausgebildet werden. Martin hätte gern an einer Universität studiert, aber er war den Behörden ein Dorn im Auge. Er war schon immer etwas rebellisch und lehnte sich gegen die Staatsmacht auf, verweigerte den Dienst an der Waffe, wurde Bausoldat und trug trotz Verbots das Abzeichen „Schwerter zu Pflugscharen", weswegen man ihn ein paar Monate ins Gefängnis steckte. Ständig eckte er bei der Obrigkeit an. „Er tritt offenbar in die Fußstapfen deines Onkels." „Martin will später wissenschaftlich arbeiten und wenn alles klappt, an einer kirchlichen Hochschule oder theologischen Fakultät einer Universität ein Lehramt einnehmen. Doch das dauert noch ein paar Jahre." Während sie stolz über Martin sprach, lag ein warmer Glanz in ihren Augen. Anna ging hinüber zum Sofa. Im Vorbeigehen strich sie versonnen über den alten Steinwayflügel, der in der Nähe der Terrassentür stand. „Spielst du eigentlich noch Klavier, Irene?"„Sie spielt hervorragend." Eva war unbemerkt ins Zimmer getreten. „Hätte man sie zu DDR-Zeiten studieren lassen, wäre sie bestimmt eine große Pianistin geworden. Gott sei Dank steht unseren jungen Menschen jetzt die Welt offen. Auf jeden Fall wird sich mit der Einführung der D-Mark Vieles für die Kirche und die Menschen zum Positiven ändern. Für mich ist es wichtig, dass wir Christen wieder aufrecht gehen können und nicht mehr verfolgt werden."„Sind Sie verfolgt worden, Frau Frommhold?", fragte Anna betont sarkastisch. Hinter Evas aufgesetztem Lächeln spürte Anna eine deutliche Feindseligkeit.„Sie übertreibt gerne", warf Irene ein. Anna ging Eva mit ihrer übertriebenen Art auf die Nerven. Sie konnte nicht verstehen, warum Eva so einen scharfen Ton anschlug. Sie kannte sie doch gar nicht. Anna fühlte sich angegriffen. „Nur das dabei unsere Betriebe untergehen werden. Sie können dem Konkurrenzdruck aus dem Westen nicht standhalten. Man sieht es ja jetzt in unseren Polikliniken, die will man alle zerschlagen. Die kostenlose Behandlung für die Menschen im Osten wird vorbei sein."„Sie verteidigen die DDR wohl noch?", attackierte Eva Anna.„Nein, aber es wird tausende Arbeitslose geben. Wahrscheinlich wird die Kirche wie im Westen Suppenküchen einrichten."„Die Kirche ist nicht reich, wenn Sie das meinen. Die SED hat doch erfolgreich darauf hingearbeitet, dass die meisten Menschen aus der Kirche ausgetreten und die Kinder nicht getauft worden sind." „Das wird sich ja nun alles ändern. Wenn wir das Grundgesetz übernehmen, muss der Staat, sprich unser Bundesland, gemäß Grundgesetz und der deutschen Verfassung von 1919, wohlgemerkt von 1919, bestimmte Staatsleistungen an die Kirchen zahlen. Und die sind beträchtlich."„Ja, steht uns ja auch zu! Es ist altes Recht, welches die DDR außer Kraft gesetzt hatte."„Ach, und wie wollen Sie die jährlichen Millionen von Subventionen des sozialistischen Staates an die Kirchen bezeichnen? Und was ist mit den Beihilfen und Stipendien für die Ausbildung medizinischer Fachkräfte in kirchlichen Sozialeinrichtungen, die sich auf zig Millionen Mark beliefen und aus dem DDR-Staatshaushalt gezahlt wurden?" „Ach?! Das meinen aber nur Sie, Frau Doktor." „Hört auf zu diskutieren", mischte sich Irene ein. „Es war nicht alles schlecht. Wir sollten jetzt die Vergangenheit ruhen lassen." „Im Gegenteil", konterte Eva, „es wird sich noch zeigen, wer Dreck am Stecken hat. Irene ist viel zu bescheiden. Sie würde ihren Feind noch lieben." „Lass das, Eva. Ich freue mich, dass Anna gekommen ist. Ich wünsche jetzt keine politischen Diskussionen. Erzähl, Anna", und Irene sah sie mit einem liebevollen Blick an, „wie ist es dir in den vielen Jahren ergangen?" „Frau Dr. Pagel, soviel ich weiß, hat ihr Vater Karl Lichtenberger eine beachtliche Karriere hinter sich. Zuletzt war er ein hoher Bonze beim Rat des Bezirkes Schwerin?" Eva ließ nicht locker.„Eva, ich hatte dich ausdrücklich gebeten, nicht mit dieser Geschichte anzufangen!", sagte Irene energisch, während sie den Rotwein servierte. „Es ist ein guter Rotwein, Château Poujeaux Jahrgang 1988", protzte Eva. „Irenes Tante hat ihn von drüben. Eine befreundete Pfarrerfamilie schickte ihn. Sie haben die Familie Reich sehr viel unterstützt. Sonst wären sie kaum über die schwierigen Jahre gekommen. Pfarrer Reich, auch wenn er in den letzten Jahren die Funktion als Oberkirchenrat innehatte, verdiente in der DDR schließlich nicht viel." Eva schüttete ihre ganze Verachtung gegen das alte Regime über Anna aus, als wäre die für all die Geschehnisse in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich. Und sie war sich der Worte von Käthe Reich vor Annas Ankunft bewusst, darauf Einfluss zu nehmen, dass sich zwischen Anna und Irene kein engerer Kontakt entwickeln sollte. Käthe Reich, so wusste Eva, war es nicht recht gewesen, dass Anna zur Beerdigung kam. Aber die Tatsache, dass Pfarrer Reich kurz vor seinem Tod ausdrücklich seiner Frau das Versprechen abgenommen hatte, Anna zur Beerdigung einzuladen, bewog Käthe Reich, auch wenn sie ihren Mann nicht verstand, Irene den Auftrag zu geben, Anna ausfindig zu machen. Käthe Reich schickte sie zu Annas Großmutter. Eva wusste aus den Erzählungen Käthe Reichs, dass zwischen Anna und Irene eine sehr innige Beziehung bestanden hatte. Und Eva dachte nicht im Traum daran, ihren jetzigen Platz im Hause Reich irgendjemand anderem zu überlassen. Seit sie hier lebte, ging es ihr sehr gut. Sie musste nichts entbehren und war vor allem nicht allein. Anna nippte am Wein, dann sah sie Eva mit ernster Mine an. „Was meinen Vater angeht - ich sah ihn Jahre nicht. Nachdem ich geheiratet hatte, kümmerte ich mich um meine Familie. Nach dem Tod meiner Mutter hat er sich gleich eine neue Frau genommen. Wir haben keinen Kontakt." „Anna verzeih, Eva meint es nicht böse. Sie hat immer den Drang, mich beschützen zu wollen." „Wissen Sie, Frau Doktor, es musste mal gesagt werden, ich habe nichts persönlich gegen Sie, aber durch Ihre Familie musste Irene sehr leiden, die gesamte Familie Reich, und da ist es doch mal gestattet, dass ich nachfrage", stellte Eva mit Genugtuung fest, während sie eine Haarsträhne aus ihrer Stirn hinters Ohr schob.„Irene hat es Ihnen sicher erzählt, sie und ich sind damals von einem Tag zum anderen getrennt worden. Für mich war es eine schwere Zeit. Ich wusste nicht, warum Irene so plötzlich verschwunden war. Trotz meiner Nachforschungen konnte ich dich", und Anna schaute Irene traurig an, „nirgends finden. 24 Jahre mussten vergehen, ehe wir uns aus so einem traurigen Anlass wiedersehen. Irene und ich haben uns viel zu erzählen." Anna hatte ihre Courage wieder. Sie sah Irene dabei zärtlich an: „Ich hoffe, dass wir uns nie wieder aus den Augen verlieren." „Das wünsche ich mir auch, Anna", erwiderte Irene mit weicher und liebevoller Stimme. „Darauf wollen wir anstoßen." Sie erhoben alle drei ihre Gläser und prosteten sich zu. Danach erzählte Anna kurz über ihr bisheriges Leben. Nach dem Staatsexamen der Humanmedizin 1972 an der Universität Rostock absolvierte sie ihre Pflichtassistenzzeit im städtischen Krankenhaus der Medizinischen Akademie Magdeburg, promovierte und erhielt die Facharztanerkennung für Allgemeinmedizin. Bereits zu Beginn des Studiums an der Universität Rostock lernte sie Helmut Pagel, den späteren Lehrer für Deutsch/Geschichte, kennen. 1975 heirateten sie, und Anna zog mit ihm in das kleine Dorf Trappen auf das Gehöft seiner Eltern. Sie arbeitete als Allgemeinmedizinerin in der 10 km entfernten Poliklinik der Kreisstadt Zerbst. Heimisch wäre sie nie geworden, erzählte Anna, und die Scheidung liefe seit einem halben Jahr. „Und wo hast du die ganze Zeit gesteckt, Irene?", fragte Anna. Eva kam Irene zuvor und platzte heraus: „Sie lebte viele Jahre in Berlin, bis ihr Onkel, Gott hab ihn selig, sie endlich nach Schwerin zurückholte. Seitdem kennen wir uns. Nach dem Tod meines Mannes 1988, er arbeitete im Kirchenamt, hat mich Oberkirchenrat Reich in seine Familie aufgenommen. Irene wurde meine beste Freundin und hat mir sehr beigestanden. Sie kann sich immer auf mich verlassen." „Das weiß ich", beruhigend strich Irene über Evas Arm. „Beide singen wir im Kirchenchor. Sie arbeitet wie ich im Hospital. Eva ist schon in Ordnung, Anna. Sie hat immer Angst, dass mir jemand etwas Böses will."„Irene, spiele uns doch auf dem Flügel was vor", bat Eva inständig.„Ich denke, wir haben sicher noch viele Gelegenheiten, über die vergangenen Jahre zu sprechen, Anna. Ich bin sehr froh, dass du meiner Bitte, zur Beerdigung zu kommen, gefolgt bist." Irene erhob sich und ging zum Flügel. Ihr Spiel versetzte Anna zurück in die Zeit vor ihrer Trennung. Es konnte kein Zufall sein, dass Irene ausgerechnet ihre gemeinsamen Lieblingsstücke von damals spielte: Beethovens „Für Elise", „Mondschein-Sonate", Schuberts Lied „Leise flehen meine Lieder" und Brahms „Wiegenlied" weckten Erinnerungen an vergangene Zeiten in Anna. Noch im Bett, sie schlief im Gästezimmer, Eva und Irene hatten ihre eigenen Zimmer, klangen die Melodien in ihr nach. Dabei wurde ihr Herz mit solch einer Wärme erfüllt, dass sie sich beherrschen musste, nicht zu Irene zu laufen. Oh, wie gerne wäre sie jetzt dorthin gegangen und hätte ihre Freundin in die Arme genommen. Aber sie wollte nichts verderben. Ihr Instinkt sagte ihr, es wäre nicht gut. Während des Musizierens hatte Irene Anna flüchtig zärtliche Blicke zugeworfen. Und in Anna reifte das Gefühl, nein, sie war sich sicher, Irene liebte sie immer noch, trotz der langen Trennung. Aber darüber wollte Anna später mit Irene allein reden. In dieser Nacht beschloss sie, umgehend eine Wohnung und Arbeit in Schwerin zu suchen. Dabei dachte sie an Sonja, die ihr sicher behilflich sein würde. Zufrieden und mit einem wohligen Gedanken an ihre Freundin schlief Anna ein.

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