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Belletristik
Buch Leseprobe Sami oder Wohin der Zufall führt, Edeltraud Glaab
Edeltraud Glaab

Sami oder Wohin der Zufall führt



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Alle Reisen


haben eine heimliche Bestimmung,


die der Reisende nicht ahnt.


                      (Martin Buber)


 


Einleitung


Auf meiner Visitenkarte im Chat habe ich unter der Überschrift ›Was Ihnen wichtig ist‹ geschrieben: Bei einem Mann ist mir wichtig, daß er etwas hat, was heute sehr selten geworden ist, nämlich Charakter. Darauf haben einige Männer sofort reagiert und mich zu näheren Erklärungen herausgefordert.


Zwei Antworten haben mir besonders gut gefallen:


„Ob ich glaube, daß heute noch jemand die Bürde der Charakterbildung in unserer Gesellschaft auf sich nimmt, da Werte eine immer untergeordnetere Rolle spielen. Man darf noch nicht resigniert haben und muß im positiven Sinne empfindlich geblieben sein."


Ich habe ihm zurückgeschrieben, daß ich es nicht aufgeben werde, einen Mann zu finden, der Charakter hat.


Und die zweite Antwort:


„Einen solchen Mann kennenzulernen, das würde mich freuen. In unserer Gesellschaft aber ein unmögliches Ding. Nach dem ersten Eindruck würde ich diese Wesenszüge einem Afrikaner aus dem arabischen Raum zuschreiben, der in alten Familien- und Stammestraditionen auf dem Land aufgewachsen ist... Ich halte mich vielmehr an diesen... Dein Moralbegriff soll dich nie davon abhalten, das zu tun, was ›richtig‹ ist."


Dabei habe ich an Sami gedacht, Sami aus Libyen. Ein Araber aus einem Staat, der in der westlichen Welt nicht gerade angesehen ist.


Hat die Zeit die Erinnerungen verklärt, oder war er wirklich einer dieser seltenen Menschen, die es in jedem Volk unabhängig von Bildung und sozialem Status gibt? Menschen mit einer Ordnung und Richtung, die sich tradierten Werten oder aus ihrem eigenen Innern entstandenen ethischen Impulsen verpflichtet fühlen und diese so ehrlich und kompromißlos wie es ihnen möglich ist leben.


 


                                Kapitel 1


 


Ich habe Sami vor 3 Jahren auf Malta kennengelernt.


 


Wir hatten die Stelle erreicht, wo die Straße scharf nach links bog. Ich lief quer über die Fahrbahn, ohne auf die vielen Autolichter zu achten, zur langen, steilen Treppe auf der anderen Seite der Strandpromenade. Mit einem Schlag überkam mich ein solcher Widerwille gegen ihn, daß ich die Stufen immer schneller nahm, schließlich zwei auf einmal. Außer Atem bog ich in die spärlich beleuchtete Straße hinter dem Palazzo ein, in dem meine Nichte und ich wohnten. Ich begann zu laufen und wußte gleichzeitig, wie lächerlich ihm mein Verhalten erscheinen mußte. Die grüngestrichene Haustür war natürlich um diese Uhrzeit abgeschlossen. Hastig suchte ich im Gewirr der Schlüssel den passenden. In den Augenwinkeln sah ich ihn mit aufreizend gelassenen Schritten auf mich zukommen. Er blieb vor mir stehen, ein leicht belustigter Blick traf mich. „Du kommst morgen abend wieder um neun? Ich komme, sicher."


Ich zögerte einen Moment mit der Antwort, ich hatte endlich die Tür aufgebracht und wollte nur noch weg.


„Ja oder nein"?


„Nein!"


Er wirkte dabei, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen, ohne seinerseits den geringsten Versuch zu unternehmen, den Schlag abzufangen.


„Eines ist sicher: Diese Nacht kann ich nicht schlafen." Dann zuckte er mit den Schultern, stieß ein hartklingendes Bye-bye aus und ging. Er drehte sich nicht mehr um.


Es tat mir weh, dieses ›Nein!‹. Aber was hätte ich tun sollen? Es war gut so.


Die Szene unten am Strand stand mir noch allzu deutlich vor Augen. Er war ein gutaussehender Mann - ich hatte mich hinreißen lassen, meinen meerseligen Gefühlen nachzugeben. Wir hatten uns berührt, geküßt, und ich fand es wunderschön. Und doch, irgendwann versteifte ich mich, hatte das Gefühl, zu weit mit ihm gegangen zu sein.


Er spürte meine Ablehnung, ließ mich abrupt los.


„Was soll das? Ich bin kein kleiner Junge, ich bin ein Mann. Und ich bin Araber! Ich habe heißes Blut!" Er stand auf, sah mich nicht an und sagte: „Komm, wir gehen!"


Ich war leichtsinnig gewesen, hatte mich von der weichen, warmen Nachtluft, dem seidenglatten dunkelblauen Meer, dem Sternenhimmel und von seinem Lachen verführen lassen.


Als wir eine Strecke wortlos und mit entsprechendem Abstand voneinander zurückgelegt hatten, begann ich vorsichtig: „Sami, ich mag dich. Ich will aber nicht mehr von dir. Nächsten Freitag fliege ich nach Hause, und wir werden uns nie mehr sehen. Und jetzt, jetzt will ich mit dir einfach nur zusammensein."


Ich berührte seine Hand. Er zuckte zurück, aber er sah mich wenigstens an: „Gut, dann sind wir nur Freunde. Das geht. Ich will keine Berührungen mehr."


Ich verstand ihn und verstand ihn doch nicht. Was gab es Schöneres, als seiner Wärme und seinem Atem nahe zu sein? Wir hatten noch ein ziemliches Stück zu gehen. Sami beschleunigte seinen Schritt, er blickte starr geradeaus, er schien vollständig in seine Gefühle zu tauchen. Die Sprachlosigkeit zwischen uns spannte sich zum Zerreißen. Ich spürte körperlich seinen Ärger. Seine Wut richtete sich nicht gegen mich, es lag darin keine Aggressivität, sondern sie war gemischt mit etwas der Trauer Verwandtem. Ich wollte mich nicht von seinen Gefühlen überschwemmen lassen. Was ging er mich an! Doch nur einer von der üblichen Sorte, sollte er sich zum Teufel scheren!


Als hätte er meine Gedanken erraten, blieb er plötzlich stehen und fuhr mich an: „Ich bin ein Araber. Ich bin nicht so wie eure Männer!"


„Deshalb gehe ich jetzt sofort zurück, und du brauchst mich nicht zu begleiten", zischte ich.


„Nein, ich komme mit."


„Sami", versuchte ich es noch einmal, „du hast wahrscheinlich mit Touristinnen andere Erfahrungen gemacht. Es sind nicht alle gleich. Ich nehme gerne deine Hand, und ich gebe dir gerne einen Kuß. Aber mehr will ich nicht."


Er sah mich fast abschätzig an. „Bei uns in Libyen gibt es in der Öffentlichkeit nie Berührungen oder Küsse zwischen Mann und Frau. Wir achten unsere Frauen."


In mir stieg die kalte Wut hoch. „Aha! Eine Frau aus deinem Land würdest du also so nie behandeln!" Und dann wollte ich nur noch weg von ihm.


Was hatte ich erwartet? Er kam aus Libyen, lebte seit knapp zwei Jahren hier auf Malta, war aus einer islamisch geprägten Welt hier mitten in eine Touristenhochburg gekommen. Begegnete Frauen, die Abenteuer suchten, Touristinnen wie ich...


Es tat mir weh, dieses ›Nein!‹. Ich suchte aus dem Schlüsselbund den kleinsten heraus. Mit ihm konnte ich den Fahrstuhl herunterholen.


Betäubt und enttäuscht schlich ich mich in das stockdunkle Zimmer, wo Marlena schon lange tief und fest schlief. Ich schob den Vorhang des zweiflügligen Fensters beiseite, drückte mich zwischen den halbgeöffneten Flügeln auf den kleinen Balkon und schaute lange auf die menschenleere Straße, deren Ende von der Dunkelheit verschluckt wurde. Und sie hatte auch Sami verschluckt.


Diese Nacht kann ich nicht schlafen, hatte er gesagt.


Am nächsten Morgen, noch im Halbschlaf, stiegen als erstes die letzten Szenen des Vorabends in mein Bewußtsein, und gleichzeitig fühlte ich mich erleichtert. Ich sehe ihn nie wieder. Wer weiß, wozu sich so ein Araber noch hinreißen lassen würde.


Marlena und ich eilten wie jeden Morgen im gleißenden Sonnenlicht die Treppen hinab, um ja keinen Bus zu verpassen. Wir hatten Glück, denn wir erwischten unseren Lieblingsbusfahrer. Alle Fenster des klapprigen Gefährtes waren zurückgeschoben, morgenfrische Meeresluft wirbelte durch unser Haar, und Oldies in voller Lautstärke machten uns Laune. Marlena quietschte jedesmal vor Vergnügen und verdrehte die Augen, wenn der ungefederte Bus eine etwas größere Unebenheit auf dem Asphalt erwischte oder der Fahrer wegen einer natürlich völlig unvorhersehbaren Verkehrssituation urplötzlich scharf abbremsen mußte und sie fast vom Sitz fiel. Wir jedoch wurden von allen Mächten des Himmels in diesem Bus beschützt, das war sicher. Dafür garantierten das Heiligenbild der Muttergottes über dem Fahrersitz und der Spruch ›Sit and have fun‹, den jemand mit einem Filzstift über eine der Fensterscheiben geschrieben hatte.


Während des Sprachunterrichts konnte ich mich im Laufe des Vormittags immer schwerer konzentrieren, meine Gedanken schweiften immer häufiger ab. Stets aufs neue schob sich sein Gesicht vor mich, sein Lachen, seine freien, ausdrucksvollen Bewegungen beim Tanzen. In der letzten Stunde spielte uns Robert Musik vor, und die Aufgabe bestand darin, mit Hilfe einer Liste englischer Adjektive unsere Empfindungen, die diese Musik in uns auslöste, wiederzugeben. Er schaltete seinen Kassettenrekorder ein. Zarte, weiche, dunkle, verhaltene Klänge füllten den kleinen Raum. Ich wollte mich dagegen wehren, aber sein Gesicht stand wieder vor mir und sein Lachen, von dem ich so fasziniert gewesen war. Ich habe nie vorher und auch bisher nie wieder ein solches Lachen bei einem Menschen beobachten können. Es schien sein ganzes Wesen auszudrücken, und es traf mich in einer mir bis dahin ungekannten Tiefe meines Herzens. Dieses Lachen konnte soviel Kraft und Wohlbehagen geben, es füllte den Augenblick bis ins Grenzenlose.


Ich spürte, wie Tränen in meine Augenwinkel traten. Ich drängte sie so gut es ging zurück.


Auf der Rückfahrt in unser Ferienquartier ertappte ich mich dabei, wie ich Passanten nachschaute, die ihm ähnlich sahen. Nun, ich konnte es mir ja noch überlegen und abends um neun versuchen, ihn zu treffen. Nein! Er würde mich wahrscheinlich erneut bedrängen, und alles würde sich wiederholen und den letzten Rest der schönen Erinnerungen an ihn verderben.


Am Nachmittag stiegen wir bei erbarmungslosem Sonnenschein in einen angenehm kühlen Bus und fuhren zusammen mit einer Gruppe aus der Sprachschule über das verbrannte, steinige Land auf die andere Seite der Insel, zur blauen Grotte, ›Blue Grotto‹ genannt. Der Bus hielt auf einem häßlichen, großen, geteerten Parkplatz. Wir kletterten heraus, und die Hitze des Nachmittages schlug uns mit voller Wucht entgegen. Doch das Meer leuchtete verlockend blau und glitzernd unter uns.


Es war ein ziemlich verlassener Ort, nichts als einige Bars, die nur für die Touristen gebaut schienen. Über eine steilabfallende Straße mit durchlöchertem Belag konnte man die bunten Boote erreichen, deren Besitzer mit stoischer Ruhe die Touristen abzählten und in den Booten verstauten. Ich ließ meine Nichte einsteigen, weil ein Blick auf den Wellengang mir genügte, um mir darüber klar zu werden, daß ich die Fahrt zu diesem Naturschauspiel nicht ohne Probleme überstehen würde. Schon schaukelte das Boot mit lautem Getuckere los, und Marlena winkte mir mit ihrem schlanken, braungebrannten Arm fröhlich zu.


Ich suchte mir einen erhöhten Platz auf einem der mächtigen, zerklüfteten weißen Felsen und genoß die Aussicht. Auf der glasklaren, allerdings ziemlich unruhigen Meeresoberfläche hüpften die bunt gestrichenen Fischerboote wie Wasserbälle über die Wellen. Ich hörte das wohlige Jauchzen der Insassen bis zu mir herauf, wenn sie unfreiwillig geduscht wurden. Mein Blick glitt über das Meer bis zu der winzigen Insel, die nur aus einem tetraförmigen Felsblock zu bestehen schien, und weiter bis zur kaum erkennbaren Linie am Horizont, in der Himmel und Erde ineinander verschwammen. Hier war die Südseite der Insel, Afrika zugewandt. Ein Platz zum Träumen und Sich-Sehnen; wonach...


Sami hatte mir von seinem Heimweh nach Libyen, seiner Heimat, erzählt, eine Heimat, die er liebte und verehrte und der er sich zutiefst verbunden fühlte.


Der Gedanke, ihn nicht wiederzusehen, stach mit ungeahnter Heftigkeit in mein Herz und erfüllte diese Wunde mit einer Trauer, die ich am liebsten schnell wieder abgeschüttelt hätte. Indessen hatte mich die Intensität dieser Urlandschaft schon längst in ihren Bann gezogen und bot sich mir als Kulisse für die zarten Bilder an, die mich umflirrten.


Seine sanfte, doch zugleich feste und ruhige Art, meine Hand zu nehmen, der Gleichklang unserer Bewegungen beim Gehen und immer wieder sein Lachen. Wenn er lachte, vollzog sich in seinem Gesicht eine verblüffende Veränderung, als wollte alles, was in einem Menschen an gutem Willen vorhanden sein mochte, ans Licht treten. In mir zog sich etwas schmerzhaft zusammen, von dessen Vorhandensein ich bisher nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.


Diese einsame, karge, nackte Felslandschaft legte auch in mir ungekanntes Land bloß. Ich wußte seit langem, daß jede Landschaft ihre eigene Ausstrahlung auf den Menschen hatte, ihm etwas über sich selbst mitteilen wollte, wenn er dazu bereit war. Und die  Menschen, die in ihr aufgewachsen sind, ob es ihnen nun bewußt war oder nicht, formte sie und drückte ihnen das in ihr verborgene Gesicht auf, hauchte ihnen ihre Seele ein, machte sie zu ihrer Schöpfung. Jedesmal, wenn ich an einem anderen Ort war, spürte ich, daß er ein Geschenk für mich bereithielt, aber er stellte auch eine Bedingung an mich. Er verlangte von mir, daß ich mich dort, wo ich war, allem, was mir begegnete, vorurteilslos und staunend öffnete.


So ließ mich die Seele dieses Landes, das nicht vom saftigen Grün des Grases, vom üppigen Wuchs allerlei Sträucher und Blumen bedeckt und umschmeichelt wurde, sondern bis auf den Grund bloßgelegt und der erbarmungslosen Sonne ausgeliefert war, auch meine Seele unverhüllt anblicken.


Schauen wir dann erschrocken und beschämt weg? Oder lassen wir uns auf ihre Leere ein, ruhen mit ihr und empfangen das Geschenk, das aus dieser scheinbaren Leere geboren wird? Nur ein leerer Becher kann gefüllt werden...


Gegen sechs Uhr waren wir wieder zurück. Trotz der Hitze, die sich inzwischen beruhigt hatte, knurrte uns der Magen. Mir fiel ein, daß ich unbedingt Geld tauschen mußte; das würde ich bis zum Dinner schaffen.


Ich ging unsere königlichbreite Treppe hinunter, um noch einmal in einen der knatternden Oldtimerbusse zu steigen. Das würde auf alle Fälle schneller sein als zur Bank zu laufen. Das Licht des frühen Abends verlieh dem zartgelben Putz der Gebäude, dem grauen Beton am Hafengelände, der Haut der vorbeieilenden Menschen einen warmen, goldenen Glanz. Das Meer schimmerte tiefblau. Es war ein Moment, in dem das stinkende Verkehrschaos, das wütende Hupen der Autos, der überquellende Papierkorb an der Bushaltestelle, das schäbige Eisengeländer drüben an der Strandpromenade wie in ein magisches Licht eingehüllt eine lustvolle, übermächtige Lebensfülle verströmten.


Ich wollte mich beeilen, hoffte, daß endlich einer der Busse, die ständig um die Ecke bogen, nach Paceville fuhr, wo ich tauschen wollte. Während ich die Straße hinaufspähte, blieb mein Blick an einem großgewachsenen Mann hängen, der auf der Promenadenseite mit geschmeidigen Bewegungen auf mich zukam. Er wirkte dabei wie eine Lichtgestalt, seine bronzefarbene Haut leuchtete intensiver als die nackte Haut der anderen Passanten. Was für ein toller Mann, dachte ich, ohne den Blick abzuwenden. Er trug abgeschnittene Jeans, ein dunkles Boxerhemd, der Rucksack hing ihm lässig über die linke Schulter. Mit ruhigem, lockerem Gang kam er näher, überquerte den Zebrastreifen, und im selben Augenblick wußte ich, ohne ihn wirklich erkannt zu haben, es war Sami. Ich wußte es, weil dieser selbe Augenblick seine Fänge in mich schlug wie in den Leib eines wehrlosen Tieres, während die Welt ihren Atem anhielt.


Mit lachendem Gesicht, er freute sich offensichtlich, blieb Sami vor mir stehen. Nicht die geringste Verlegenheit wegen unseres unschönen Abschieds war ihm anzumerken. Er sagte: „Alles okay?"


Ich brachte keinen Ton heraus und war auch nicht fähig, in meinem Gesicht, das zu einer Maske erstarrt war, den angespannten und abweisenden Ausdruck zu mildern.


Er ließ sich nicht beirren: „Kommst du heute abend, neun Uhr?"


In diesem Moment hielt der Bus nach Paceville. Ich stieß ein ›Ja‹ hervor und sprang auf das Trittbrett. Der bunte, klapprige Oldtimer, der sich jedem Verfallsdatum bisher standhaft widersetzt hatte, ruckelte sofort lärmend weiter. Ich ließ mich auf den nächsten freien Platz am Fenster fallen und erhaschte aus den Augenwinkeln Samis suchenden Blick. Aber wir hatten die Kehre noch nicht erreicht, die ihm freie Sicht auf die Fensterfronten gegeben hätte. Ich schaute Sami nach, als der Bus in die scharfe Rechtskurve einbog. Jetzt müßte er sich noch einmal umdrehen, dachte ich, und im selben Moment tat er es, entdeckte mich und hob die Hand.


Eine Freude breitete sich in mir aus, der ich mich völlig gelöst und vertrauensvoll hingab. Die Welt hatte für einen Augenblick stillgestanden. Es war so unvermittelt, so völlig unerwartet geschehen, hatte mich wie ein gleißender Sonnenstrahl, der durch eine Wolkenwand bricht, geblendet. Wäre der Bus nur eine Minute früher gekommen, wahrscheinlich hätte ich Sami in dieser unübersehbaren Stadt mit ihren Touristenmassen nie wieder getroffen.


Was ist Zufall?


 


                                 Kapitel 2


 


Vor vier Tagen waren wir uns zum ersten Mal begegnet.


Zusammen mit meiner Nichte Marlena hatte ich gerade unser Ferienquartier gewechselt, weil unser Zimmer bei der ersten Gastfamilie für uns beide einfach zu klein gewesen war. Ein Taxi hatte uns vor einer schmucklosen und langweilig wirkenden Häuserfront abgesetzt. Wie überall eine hellgelbe Fassade, eine grüngestrichene Eingangstür, daneben verrostete Klingelknöpfe und verblichene Namensschilder. Ich klingelte bei Friggieri. Wir konnten eintreten und mußten uns mit unseren Koffern durch eine zweite, direkt dahinterliegende Glastür schieben, deren weißer Holzrahmen schon stark abblätterte. Nun standen wir in einem großen, quadratisch angelegten und sehr dunklen Flur. Eine Stimme rief uns von oben her durch das Treppenhaus zu, wir sollten warten, der Aufzug käme gleich. Über das Treppenhaus wären wir auch nicht weitergekommen, denn ein Gitter versperrte den Durchgang.


Eine kleine, sehr rundliche, dunkelhaarige ältere Frau streckte uns freundlich die Hand entgegen und hielt uns die Tür zum Aufzug offen, bis wir uns mit unseren Koffern in das Gehäuse gequetscht hatten. Als erstes fielen mir die vielen sympathischen Lachfalten unserer Gastgeberin auf. Der Aufzug hielt ziemlich abrupt im vierten Stock, und wir befreiten uns schwitzend und erleichtert aus dem Käfig. Dann zogen wir unsere Koffer über den hellen Steinboden zur hohen, zweiflügeligen, weißgestrichenen Wohnungstür. Sie stand offen. Beim Eintreten hatte ich das Gefühl, ein altes Schloß zu betreten. Wo endete dieser Flur? Sanftes Licht, antike, dunkel gebeizte Möbel und ein alter Fliesenboden in gedeckten Farben mit orientalischen Ornamenten. Auch unser Zimmer hatte wie alle Räume eine hohe, weiße, zweiflügelige Tür, und der schöne Fliesenboden setzte sich hier fort. Ein Ventilator brummte unaufhörlich in dem halbdunklen, großen Raum und bemühte sich, uns die Hitze erträglicher zu machen. Weiße Lackmöbel, zwei Betten mit rosafarbenen Rüschchenüberwürfen, dazwischen ein altmodischer Frisiertisch mit riesigem Spiegel, zwei abgewetzte dunkelbraune Ledersessel und das gedämpfte Licht versetzten mich in eine vergangene Zeit. Eine ideale Kulisse für einen nostalgischen Film.


Inzwischen war auch ein älterer Mann, wohl der Hausherr, dazugetreten. Grauhaarig, klein, aristokratische Gesichtszüge, ein gütiges Lachen. Er führte uns durch zwei aufeinanderfolgende Räume: der erste war fensterlos und eine Art Vorzimmer zum zweiten. Die Flügel des bodentiefen Fensters standen offen, und Mr. Friggieri winkte uns heran: „Schauen Sie sich den Blick an!"


Ich stand sprachlos da. Unter uns der Hafen und das tiefblaue Meer mit den bunten, schaukelnden Booten, davor ein großer Platz mit einem Heer von Ruhebänken, Stühlen und Tischen im Schatten eines großen Baumes. Die Straße machte an dieser Stelle eine starke Biegung, die einige Fahrzeuge in waghalsigem Tempo und mit Reifenquietschen nahmen. Sie umschloß das Ufergelände zusammen mit der Promenade und verschwand schon wieder entlang der durcheinandergewürfelten Häuserzeile in der nächsten Bucht. „Das ist der Balluta Bay", erklärte uns Mr. Friggieri mit Stolz in der Stimme. Wir wohnten direkt am Meer, damit hatte ich nicht gerechnet. Wir waren begeistert. Ich fühlte mich, wie daheim angekommen.


Kaum waren wir wieder in unserem Zimmer, führte Marlena einen Freudentanz auf. „Wie eine Prinzessin, ich fühle mich wie eine Prinzessin!" sang sie wieder und wieder. Dann warf sie sich strahlend aufs Bett. Und mit einem Mal durchströmte auch mich ein Glücksgefühl, und ich war mir so sicher, als ich sagte: „Du wirst sehen, es wird schön hier."


In einem Tonfall, dem sie versuchte, etwas Geheimnisvolles zu verleihen, hauchte meine Nichte: „Dir werden wundersame Dinge widerfahren."


Sie kniete jetzt auf der Bettdecke, vollführte mit langen Armen und mit weitgespreizten Fingern geschmeidige Bewegungen, die einem Schlangenbeschwörer angestanden hätten, und starrte wie entrückt hoch zur Decke: „Ich sehe einen Mann... Oh! Einen Prinzen! Er wird kommen und dich auf sein Schloß führen." Im nächsten Moment verwandelte sich ihre entzückte Miene in prustendes Gelächter: „Aber mich müßt ihr mitnehmen!"


Ich sah sie kopfschüttelnd an: „Aus dem Märchenalter bin ich leider heraus. Aber du erinnerst mich an etwas, das ich neulich gelesen habe: ›Eigentlich ist es etwas Natürliches und nichts Phantastisches oder Unerklärliches, daß Menschen Ereignisse vorhersehen können.‹"


Marlena ließ ihre Arme sinken. „Wie meinst du das?"


„Nun ja, soweit ich es verstanden habe, scheint sich alles, was in unserem Leben geschieht, in einer unsichtbaren Welt vorzubereiten."


„Und was ist mit dieser ›unsichtbaren Welt‹ gemeint?"


„Stell dir einmal eine Bühne vor. Dort gibt es Zwischenwände, Rückwände, Vorhänge, damit die Zuschauer die Vorbereitung für die nächste Szene nicht sehen können. Sie sollen ja auf das achten, was im Vordergrund passiert. Daher wird die Bühne meist auch nur von vorne beleuchtet."


„Aber", fiel mir Marlena ins Wort, „manchmal sind diese Zwischenwände absichtlich ganz durchsichtig, damit das Publikum sieht, was im Hintergrund vorgeht. Ich bin nämlich in der Schauspielgruppe. Wir haben bei unserer letzten Aufführung hinter riesigen bunten Seidentüchern getanzt. Und wir wurden von hinten angestrahlt."


„Genau so stelle ich es mir vor, wenn Menschen Zukünftiges vorausahnen. Da huscht plötzlich ein Lichtstrahl über eine Zwischenwand, sie wird durchscheinend, und du hast für einen kurzen Augenblick weitergesehen. Für manche Menschen, denke ich, ist diese Zwischenwand sehr dünn, so daß sie immer eine Verbindung zum Hintergrund haben."


„Und andere schauen auf die Wände und meinen, dahinter wäre nichts", nickte Marlena nachdenklich.


Ich packte sie am Arm und zog sie vom Bett herunter. „Komm, du Wahrsagerin, Mrs. Friggieri wartet auf uns!"


Meine Nichte überfiel nach dem üppigen Abendessen die Müdigkeit. „Ich gehe gleich schlafen", seufzte sie.


„Laß mich noch eine Stunde nach unten gehen. Es ist so schön warm, ich würde gern am Meer sein."


„Aber du kommst nicht so spät, ja?"


„Ich bleibe genau eine Stunde weg, versprochen."


Unsere Gastgeberin hatte mich beinahe gedrängt, abends noch auf der Strandpromenade zu bummeln.


Ich lief die im Laternenlicht mattgelb scheinende Häuserschlucht entlang und bog nach links. Jetzt führte eine sehr breite, lange Treppe zum buntbeleuchteten Hafen hinunter. Dann überquerte ich die Straße und war schon auf der Promenadenseite; hier kamen mir viele Menschen entgegen. Ich blieb am Eisengeländer stehen, blickte mich um und traute kaum meinen Augen. In der glanzvollen abendlichen Beleuchtung lag vor mir ein mehrstöckiges, palastähnliches Gebäude: unsere Unterkunft. Die schlichte Eingangsseite hatte nichts mit dieser prachtvollen Fassade gemeinsam. Mächtige Rundbögen überspannten die pompös dekorierten Kapitelle kolossal hoher Wandpfeiler. Feingearbeitete Gesimse und Konsolen, schlank gestaltete Bogenreihen, Balustraden aus runden Säulen untergliederten die im strengen Rhythmus vor- und zurückgeschobenen Wandflächen, deren Kanten breite Pilaster theatralisch verblendeten. Beeindruckend majestätisch ragte dieses so unwirklich scheinende Bauwerk aus längst vergangenen Träumen gegen den Abendhimmel. Wieder erfüllte mich dieses schwebende Glücksgefühl.


Samtigweich durchstrich die Luft mein weißes Flattergewand. Frauen in schulterfreien, bunten Kleidern, manche sehr elegant in hochhackigen Schuhen, flanierten am Arm ihres Begleiters vorbei, die Blicke genießend, derer sie sich sicher sein konnten, und wirkten dabei doch so lässig unberührt von der Aufmerksamkeit, die sie erregten und wohl auch erregen wollten. Ich hatte mich schon ein Stück in der Schar gutgelaunter Menschen mittreiben lassen, als ich die Klänge einer Gitarre hörte. Ein junger Mann lehnte am Geländer und spielte vor der farbigen Abendstimmung, die von der anderen Seite der Bucht herüberleuchtete. Einige Leute waren stehengeblieben, um ihm zuzuhören, andere saßen auf den Bänken und lauschten der ruhigen, gleichförmig klingenden Melodie. Ich setzte mich auf eine freie Bank und genoß den Blick auf die unzähligen Lichter, die im seidenglatten nachtschwarzen Wasser flimmerten und sich brachen. Hinter mir tobte der Lärm der vorbeibrausenden Autos, der die Stimmung indessen nicht beeinträchtigte. Im Gegenteil, er war Teil dieses lebendigen, farbenfrohen Treibens. Manchmal sausten Mädchen auf ihren Inlinern verwegen zwischen den Fußgängern hindurch.


Die schon beinahe gefüllte Scheibe des Mondes überstrahlte alle Lichter. Doch die vielen scheinbar sehr verliebten oder seit langem glücklich verbundenen Paare, die an mir vorbeischlenderten, lösten in mir eine leise Wehmut aus, auch wenn mir bewußt war, wie wenig man die Dinge nach ihrem äußeren Schein beurteilen konnte. Zu Hause hatte ich lediglich einen Freund, dem sehr daran gelegen war, seine Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren. ›Unverbindlich, unzuverlässig und unberechenbar‹, fiel mir dazu nur ein. Im Grunde genommen wollte Hubert kommen und gehen, wann es ihm paßte, ohne nach meinen Vorstellungen und Wünschen zu fragen. Mit der Wahrheit nahm er es auch nicht so genau, um mich nicht aufzuregen, wie er betonte.


Ich stand auf, denn ich hatte Marlena versprochen, bald zurück zu sein. Gleichzeitig - ich spürte es mehr als ich es wirklich sah - löste sich ein schlanker, großer Mann von seinem Platz am Geländer. Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, als wollte er mir folgen. Oder täuschte mich die Dunkelheit? Ich war einige Schritte gegangen und mit meinen Gedanken noch bei Hubert, als ein Gesicht fragend vor mir auftauchte. Ein Gesicht wie viele andere, es erschien mir völlig nichtssagend. Ich hatte nicht einmal auf seine Worte geachtet, mit denen er mich ansprach, und ich war nicht sonderlich überrascht. Damit war eben in südlichen Ländern zu rechnen. Er war noch recht jung, höchstens Anfang dreißig, und sah auf den zweiten Blick ganz ansehnlich aus. Es war sicher kein Fehler, mit ihm ein paar Worte zu wechseln, aber ich fühlte mit einem Mal bleierne Schwere in meinen Gliedern und wollte mich jetzt keinesfalls mehr mit einem Fremden in englischer oder italienischer Sprache abmühen. Also erklärte ich ihm fast wahrheitsgemäß - dabei Marlenas Protest im Ohr; immerhin war sie schon zwölf Jahre alt - :


„Ich bin hier mit meiner Nichte. Sie ist ein kleines Mädchen und alleine in ihrem Zimmer. Sie wartet auf mich."


Er verstand sofort, drehte sich um und ging weiter. Fast war ich etwas verärgert, weil er so schnell aufgegeben hatte. Ohne mich weiter zu beachten, lief er mit raschen Schritten davon, machte plötzlich wieder halt, um sich mit einigen jungen Männern, die seltsame kitschige Tierbilder anboten, zu unterhalten. Er schien sie zu kennen. Ich lief nun an ihm vorbei und hatte bald die steile Treppe, die zur Rückseite unseres Palazzos führte, erreicht und ihn schon vergessen.


In unserem Zimmer brannte eine der Nachttischlampen. Marlena hatte offensichtlich auf mich gewartet, und sie war über ihrem Teenyheft eingeschlafen. Ich löschte das Licht, streifte meine Kleider ab, legte den rosafarbenen Bettüberwurf zusammengefaltet über eines der Sesselungetüme, deren Umrisse ich in der Dunkelheit gerade noch erkennen konnte und schlief bald traumlos.


Am nächsten Abend zog es mich wieder zur Strandpromenade. Ich hatte die Bank mit dem Blick auf das im Lichterglanz schimmernde Meer so voller Magie in Erinnerung, daß ich mir meinen Weg ungeduldig durch das Gewimmel bahnte. Dann endlich hörte ich die schon vertrauten einschmeichelnden, dahinplätschernden Gitarrenklänge, nur - mein Platz war besetzt. Ich hatte wie selbstverständlich angenommen, daß er mir wieder zur Verfügung stünde. Ich ging ein Stück weiter und drehte gleich wieder um, in der Hoffnung, meine Bank nun doch leer vorzufinden. Und tatsächlich, trotz der vielen Passanten hatte kein anderer die Gelegenheit genutzt, sich eine Ruhepause zu gönnen. Diese einzige freie Bank erschien mir ideal. Der gleiche Blick wie am vorherigen Abend, die gleichen stimmungsvollen Klänge schwebten über mich hinweg, ich konnte mich nun ungestört meinen Gedanken und Träumen hingeben.


Alles war so wie gestern, und doch, kein Augenblick kann zurückgeholt werden. Die immer gleiche Melodie säuselte seicht dahin, ja sie ging mir fast auf die Nerven, und ich bemerkte die Fehler im Spiel. Heute blendeten mich die Lichter der Promenade, und wohin war der volle, sanfte Mond gewandert?


Jener gestrige Abend, der mich beinahe festlich empfing, hatte mit dem heutigen nichts gemein. Eine seltsame Beklemmung dämpfte meine erwartungsfrohe Stimmung, und gleichzeitig führte mich dieses Gefühl in verborgene Winkel meiner Gedankenwelt, in die ich versank, wann immer sie mich rief. Ist nicht jeder Augenblick in unserem Leben einmalig und unwiederholbar? Schließlich kann uns das Leben in jeder Sekunde mit unendlich vielen Möglichkeiten entgegentreten. Und wir? - Der Gitarrenspieler hatte von neuem begonnen, dünn und künstlich schlichen sich die gezupften Töne an mein Ohr. Ich wollte sie überhören und nahm meinen soeben gesponnenen Gedankenfaden wieder auf. Das Leben und seine Möglichkeiten - Möglichkeiten, auf die wir immer neu und anders reagieren können. Ja, mit jedem Erleben, jeder Begegnung, jedem Gespräch und jeder Berührung - wenn wir es denn wagen, uns berühren zu lassen - können wir uns verändern und erneuern. Sich unentwegt vom Leben verzaubern zu lassen, seine Magie in jedem Augenblick zu empfinden, wäre das nicht Glück? Vielleicht ist unsere Angst vor der Veränderung das eigentliche Gefängnis, eines, durch dessen Gitterstäbe wir den Alltag grau und eintönig erleben. Und diese Angst raubt uns jeden Mut. Resigniert vom vielen erfolglosen Stäbe-Rütteln, schwinden die Kräfte, beginnt die Hoffnungslosigkeit, uns zu umschlingen. Warum stehen wir nicht auf, lassen die Stäbe los, gehen durch die geöffnete Tür und lassen die schlechten wie die guten Tage an ihrem Platz zurück? Und warum tue ich das nicht? Habe ich Angst? Angst, daß mich nichts mehr hält, wenn ich die Stäbe nicht halte?


Ich stand auf und beschloß zurückzugehen. Etwas lustlos entschied ich an der letzten Biegung, mich für eine halbe Stunde vor das Baracuda zu setzen und dort einen Rotwein zu genießen.


Vielleicht war ja damit dem Abend noch eine gewisse Stimmung abzugewinnen. Der Ober, der sich als äußerst zuvorkommend erwies, empfahl mir einen rubinroten Wein, den er in einer kleinen Glaskaraffe servierte. Der vollmundige Geschmack hüllte meine Zunge samtig ein. Ich war zufrieden, einfach so dazusitzen, mich von dem schweren Wein verführen zu lassen, die lachenden, meist in ein anregendes Gespräch vertieften Menschen zu beobachten, und fand es mit einem Male wunderbar, alleine zu sein. Manchmal streifte mich ein neugieriger Blick vom Nachbartisch. Der Wein tat seine Wirkung, mehr als ein Glas konnte ich unmöglich trinken. Also bat ich um die Rechnung und erhob mich mit angenehm schläfrigen Gliedern. Ich schlenderte leicht benom­men das kurze Stück zum Fußgängerüberweg. Jedesmal war ich völlig erstaunt, mit welcher Disziplin jeder Autofahrer trotz seiner ansonsten sehr temperamentvollen Fahrweise prompt am Zebrastreifen hielt, sobald jemand Anstalten machte, die Straße zu überqueren. An der hohen Bordsteinkante sah ich nach unten, hob konzentriert den Fuß, um nicht zu stolpern, und schaute im nächsten Augenblick in ein Gesicht, das ebenso überrascht schien wie meines.


„Hello!" sagte er lachend. Und mit diesem Lachen war alles entschieden, in Sekundenschnelle.


Ich weiß nicht, welche uns nicht bewußte Instanz in solchen Momenten die Oberhand gewinnt und uns ein bestimmtes Handeln nahezu aufzwingt.


„Wie geht es dir?" fragte er höflich und fuhr dann fort: „Hast du morgen abend für einen Spaziergang Zeit?"


Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu überlegen, fast wie hypnotisiert, antwortete ich: „Ja."


„Wann?"


„Neun Uhr?"


„Ja, neun Uhr ist gut. Wir treffen uns dort." Er zeigte auf die andere Seite der Straße. Das Hafengeländer hinter der Bushaltestelle schloß sich an eine Mauer.


„Gut, bis morgen." Jetzt lachte ich auch, und wir trennten uns.


Mit welcher Selbstverständlichkeit sich diese kurze Szene mit einem völlig Fremden abgespielt hatte. Ich konnte mir sein Gesicht schon nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen, allein seine Augen, sein Lachen, sie waren mir vollständig vertraut. Irgend etwas war geschehen, aber ich hätte nicht sagen können, was es war. So völlig nebenbei, ohne Vorankündigung, in eine behagliche, fast selbstzufriedene Stille hinein, und gleichzeitig so direkt und unmittelbar, daß mir keine Zeit geblieben war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.


Ich erinnerte mich an eine Fernsehsendung, in der verschiedene Dirigenten von Weltrang, wie Claudio Abbado oder Sir Georg Solti, ihre Auffassung über die Interpretationsmöglichkeiten der Sinfonien Beethovens darlegten. Sie sprachen vom Wirken des Schicksals in unser aller Leben, das Beethoven in bestimmte musikalische Passagen in einer verdichtenden Form hineinlegte. Mehr oder weniger eintönig, ohne jegliche Spannung, mit dünner Instrumentierung spielt das Orchester unermüdlich, und der Zuhörer, der sich mit Beethoven noch wenig befaßt hatte, könnte ein Gähnen kaum unterdrücken, weil dieses immergleiche, sich dahinschlängelnde Spiel ihm seine Müdigkeit bewußt machte. Dann, gleich einem Donnerschlag, durchbrechen ein Akkord und zumeist eine sich anschließende spannungsgeladene Anhäufung von Akkorden und Läufen dieses einschläfernde Tonbett. So wirke auch das Schicksal in unserem Leben, gab einer der Dirigenten zu bedenken. Es reißt uns Ahnungslose aus unserer trägen Selbstzufriedenheit, rüttelt an unseren Grundfesten, erschüttert unsere Glaubenssätze und gibt unserem Leben eine neue und unumkehrbare Richtung. Erst im nachhinein erkennen wir, daß die vordergründig so belanglos verstreichenden Tage den Nährboden für diese schlagartige Erneuerung gebildet haben.


Auch die gegenteilige Dirigierart erschien mir reizvoll. Die gleichförmig durchkomponierten Klanggebilde werden in einer fast unmerklichen und sich in den Läufen dann immer deutlicher artikulierenden Spannung durchgestaltet, so daß für den Zuhörer schon in der Ruhe und scheinbaren Bedeutungslosigkeit die sich aufbäumenden und alles erschütternden Akkorde und Läufe bereits zu erahnen sind. Denn, so argumentierte ein Verfechter dieser Lesart der Partituren, es sind auch die dürren und ereignislosen Zeiten unseres Lebens der Boden, unter dem sich unsere Schicksalsfäden verflechten und schließlich an der Oberfläche gleich einem urplötzlich herausschießenden Gewächs ans Tageslicht treten, sich materialisieren. Und dieses untergründige, unaufhörliche Weben des Schicksals wolle er mit diesem angedeuteten Spannungsbogen herausarbeiten und sichtbar machen.


Diese Begegnung heute Abend, wozu gehörte sie? Nichts weiter als eine kleine Solostelle für die Flöte oder die Einführung eines neuen Themas, das mir einen neuen Abschnitt meines Lebens ankündigte?


Ich habe Sami drei Tage später genau an der gleichen Stelle durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall erneut getroffen, ohne den unsere Begegnung wie so viele andere im Sande verlaufen wäre.


Aber jetzt war ich wach geworden. Das war einer der Zufälle, die keine waren. Ich sollte ihn kennenlernen, Zeit mit ihm verbringen, mit ihm vertraut werden. Wozu auch immer. Ich würde es erfahren.


Morgen abend, neun Uhr, ich freute mich darauf.


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