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Belletristik
Buch Leseprobe Russisches Leben, Olga Rode
Olga Rode

Russisches Leben


Geschichten aus Russland

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Natürlich gehörten die großen Werke und Wohnsiedlungen dem Staat. Ich würde sie nicht als Baracken bezeichnen, sie waren schon mit allem Notwendigem versorgt: kaltes und warmes Wasser, Gas, Kanalisation und Strom. Diese Wohnsiedlungen sind überall in Russland gebaut worden und nur zu einem Zweck: Sie wurden gebaut, um große Kombinate, Fabriken, Lastwagenbauwerkstätten, Autowerke, schwere Metallindustriewerke mit Arbeitern zu versorgen. Genau in dieser Zeit zogen viele Dorfbewohner in die kleinen Industriestädte. Es gibt viele von ihnen, in den unterschiedlichsten Regionen Russlands: im Norden – Baikalsk und Diwnogorsk,im Süden – Tolljtte, in Sibirien – Novokusnezk und Prokopewsk. Statistisch gesehen lebt jeder vierte Russe in einer sogenannten Monostadt. Mittlerweile bin ich viel durch Russland gereist und sehe unglaubliche Ähnlichkeit zwischen den geplanten Siedlungen. Sie sind, wie kleine Städte, unter sich – mehrere 6- bis 9-stöckige Wohnhäuser mit nahe liegenden sozialen Einrichtungen: Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser,Sporthallen, Stadien, Kultur- und Theatereinrichtungen, Vereine. Viele sehr gut funktionierende „Arbeitgeber“ hatten ihre Sanatorien,Kurprogramme und Sportvereine – manchmal im Süden des Landes (Georgien, Kaukasus) am Schwarzen Meer oder Baikalsee (Naturschutzgebiet). Für viele dieser Städte gab es auch „goldene Zeiten“. Die Wohnungen waren sehr günstig, den Urlaub im staatlichen Sanatorium bekam man für einen Spottpreis, überall gut ausgebaute Kinderbetreuung. Und es gab keine Arbeitslosen in Sowjetzeiten. Die Arbeit, Freizeit und Vergnügungen wurden oft an einem Ort durchgeplant und organisiert. Das war früher. Heute herrscht in Russland eine andere Zeit. Als die Volks- und Staatswirtschaft und die Geschäftsverbindungen zu den anderen 14 Sowjetrepubliken nach August 1991 einbrachen, hat das politische Durcheinander die Monostädte besonders hart getroffen. Die Abhängigkeit von einem dominanten Arbeitgeber – einem staatlich geführten Kombinat oder auch einer Fabrik – ist den Menschen zum Verhängnis geworden. Früher, wo Bequemlichkeit an der Tagesordnung war und das Leben kaum Herausforderungen bot, sind plötzlich neue Probleme aufgetaucht. Arbeitslosigkeit, Inflation, andere soziale und wirtschaftliche Ereignisse – plötzlich stand jeder mit seinen Problemen allein da und musste sich selbst zurechtfinden. Das war ungewöhnlich für die russische Seele und Denkart – auf den Staat Sowjetunion war immer Verlass. Und dann plötzlich nicht mehr. Während der Regierungszeit von Michail Gorbatschow gab es viele staatliche Kombinate, Fabriken, Autowerke und schwere Metallindustriewerke. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden viele privatisiert und zu Aktiengesellschaften umgebaut. Viele Mitarbeiter haben an der Privatisierung der Arbeitgebergiganten auch teilgenommen. Aber die steigende Inflation hat den Wert der verkauften Aktien gemindert. Unter den heutigen Arbeitgebern befinden sich viele frühere Monogiganten in den Händen kleiner Gruppen, die früher oft Parteifunktionäre waren. Ein großes Unternehmen erfolgreich zu führen, ist keine leichte Aufgabe. Auf dem freien Markt ohne staatliche Unterstützung ein Werk zu führen, erfordert immer viel Geschick und Fachkenntnisse. Fast alle diese Werke leiden unter eingebrochenen Absatzmärkten. Die veralteten Herstellungsmethoden tun ihr Übriges und mangelnde Konkurrenz hemmt neue Innovationen. Natürlich gibt es in Russland noch Monostädte, denen es wirtschaftlich gesehen gut geht, aber dass die meisten von ihnen von Öl- und Gasförderung leben, ist heute kein Geheimnis mehr. Das Zellulosekombinat Stadt Gorodki produziert Papier, Zellulose und unterschiedliche Papierwaren mit Absatzmärkten in Russland und im Ausland. Es gibt den Bedarf nach einer Ausdehnung des Betriebs, aber die finanziellen Kapazitäten fehlen. Moskau verlangt die Modernisierung und den Ausbau des Kombinats unter einer Bedingung: Ohne Anlagen für Luftund Wasserschutz wird keine Ausbaugenehmigung erteilt. Die Besitzer möchten nicht viel investieren, verlangen finanzielle Kapazitäten vom Staat. Die Bevölkerung ist verzweifelt: Viele möchten nur arbeiten. Andere, und das ist die Mehrzahl, finden die Position zur Modernisierung des Kombinats richtig. Viele Mitarbeiter des Kombinats haben die früheren Wohnungen privatisiert und möchten nicht umziehen. Ausziehen aus der privatisierten Wohnung ist für viele, besonders für ältere Menschen, das Schlimmste. Lieber ohne Arbeit als obdachlos. Die Mutigsten fangen an zu pendeln. Die Zahl der Arbeitnehmer, die im Umkreis von 40-100 km ihrem Job nachgehen,steigt immer weiter an. Die frühere Denkart – auf den Staat kann man sich verlassen – lässt immer weiter nach. Kleine und große Veränderungen in der russischen Gesellschaftsstruktur und im Denken der Menschen kommen mehr und mehr in Gang.


Arbeitsgenehmigung


Ich beobachtete diese Szene ungewollt, als ich auf meinen Bus nach St. Petersburg-Wolchow wartete. „Ihre Unterlagen, bitte“,fragte ein uniformierter, junger Mann in Sankt Petersburg auf dem riesigen Bahnhofsplatz und schaute verdächtig auf 2 dunkelhaarige Männer, vermutlich südlicher Nationalitäten. Das waren 2 Kirgisen oder Tadgiken, die ruck-zuck flink aus dem Bus Sankt Petersburg-Kasan ausgestiegen sind. Ohne ein Wort zu sagen, widmeten sich beide ihren Handtaschen. „Wo ist ihre Registrierung für Sankt Petersburg?“, fragte der Polizist nach Durchsicht des Passes. Der Fall war sogar für mich glasklar; bei beiden fehlte etwas. Ich konnte nur vermuten – was genau, wusste ich nicht. Das waren wahrscheinlich die Gesundheitskarten oder Arbeitsgenehmigungen,es war sehr eindeutig – die Männer waren teilweise illegal im Land. „Kommen Sie bitte mit“, sagte der Polizist. Ein Strafdelikt lag vor. Ohne zu zögern und etwas zu sagen, schleppten sich beide zum Polizeiwagen, der neben dem Bahnhofsgebäude geparkt war. Solche Fälle in Russland gehören zum Alltag. Nicht nur Tausende,Millionen Ausländer, oder genauer gesagt, ehemalige Sowjetbürger und Gastarbeiter kommen jedes Jahr nach Russland, um Geld zu verdienen. Eine legale Registrierung und der Aufenthalt in solchen Städten, wie Moskau oder Sankt Petersburg, sind sehr schwer zu bekommen. Dazu brauchen die „Ausländer“ aus der ehemaligen UdSSR einen gültigen Reisepass, ein Visum und eine gültige Arbeitsgenehmigung. Ein Visum und einen Reisepass zu haben, ist nicht besonders problematisch – aber eine Arbeitsgenehmigung ist ein schwieriger Fall. Um eine Arbeitsgenehmigung für südländische Gastarbeiter zu bekommen, müssen die Menschen mehrere Gänge zur Stadtbehörde machen. Um diesen offiziellen Gang zu machen, müssen sie ein geregeltes Zimmer mit Anmeldung haben und einen gesetzlich erlaubten Arbeitsplatz. Ein Teufelskreis, mit dem die meisten Gastarbeiter zu rechnen haben.


 


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