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Belletristik
Buch Leseprobe Ruhelos wie das Meer, Josie Charles
Josie Charles

Ruhelos wie das Meer


Liebesroman

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Kapitel 1


San Clemente, Kalifornien


07. Juni 2017


 


Audrey


Grippeinfektionen, schlechtes Wetter und Hochzeiten – das sind die drei Dinge, die ich am Leben ganz besonders mag.


Nicht.


Grippeinfektionen sind das Einzige, was mich vom Surfen und vom Singen abhalten kann, schlechtes Wetter hält mich ebenfalls vom Wasser fern. Und Hochzeiten sind das Einzige, was mich noch mehr nervt, als nicht im Wasser sein zu können. Ich hasse alles daran. Das viele Weiß, die ganzen aufgesetzt fröhlichen Gesichter, die oberflächlichen Gespräche über das Wetter sowie die alles bestimmende Frage, wer denn als Nächstes unter die Haube kommt. Na gut, das Essen. Das Essen hasse ich nicht. Und den Gratisalkohol auch nicht. Aber Kalorien und Sekt schaffen es eben nicht, einen ganzen Tag auszufüllen.


Verstohlen werfe ich einen Blick auf die Uhr. Gleich halb vier. Endet dieser Tag denn nie? Ab wann ist es nicht mehr unhöflich, zu gehen? Schon die ganze Zeit achte ich darauf, ob jemand anders den Strand verlässt, an dem sich Jesse Caine und Emily Reagan das Jawort gegeben haben, weil ich nicht die Erste sein will, aber bisher ist niemand gegangen. Zu allem Unglück muss ich, zumindest mir selbst gegenüber, auch noch zugeben, dass diese Hochzeit hier für eine Hochzeit ganz schön ist. Die Gäste tragen bunte Klamotten, es sind fast ausschließlich Surfer und die Stimmung ist entsprechend entspannt. Bisher hat mich auch noch niemand gefragt, wann es bei mir denn endlich so weit ist.


Nun, das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich die meiste Zeit alleine am Tisch sitze, während alle anderen tanzen, trinken und sich amüsieren.


Es war eine blöde Idee, mit herzukommen. Eigentlich war ich auch gar nicht eingeladen, aber mein Bruder. Weil ich erst seit letzter Woche in der Stadt bin, bestand er darauf, dass ich mitgehe, um Anschluss zu finden. Im Klartext bedeutete das, dass ich ihm nicht für den Rest meines Aufenthalts am Hintern kleben soll. Das würde er so natürlich nie sagen, aber ich weiß, dass es so gemeint war, und ich habe mich auch wirklich bemüht, hier irgendwen kennenzulernen. Hab mich nett angezogen, habe nett ausgesehen, aber irgendwie hat es bisher nicht geklappt.


Ich steche die Gabel in mein drittes Stück Torte. Die Torte ist außen mit einer hellgrünen Marzipanschicht umhüllt und innendrin ist sie regenbogenfarben. Scheiße. Sogar die Torte ist auf dieser Hochzeit total sympathisch. So unklischeehaft und locker.


Nur du verdirbst das Gesamtbild , du Spaßbremse, flüstert meine fiese innere Stimme.


»Halt die Klappe«, murmle ich, greife nach meinem Sektglas und nehme einen großen Schluck, und dann vernehme ich Ricardos Stimme.


»Ich hab zwar noch gar nichts gesagt, aber gut!«, lacht er und ich blicke ertappt auf.


Mein Bruder steht vor meinem Tisch, an dem eigentlich auch er, seine Freundin und zwei Leute sitzen, die ich nicht kenne. Er grinst mich an und hat zu allem Übel niemand Geringeres als das Brautpaar im Schlepptau.


»Jesse und Emily, das ist meine Schwester Audrey. Audrey, das sind –«


»Jesse und Emily vermutlich«, gebe ich zurück und verfluche mich gleich selbst dafür. Gott, warum muss ich immer so ein Biest sein? Ich rette mich in ein Lächeln, stehe schnell auf und schüttle beiden die Hände.


»Kennen wir uns irgendwoher?«, fragt Jesse gleich.


Nun ja. Natürlich kenne ich ihn. Er ist der amtierende Surfweltmeister und stammt aus derselben Stadt wie ich. Er ist außerdem der vermutlich einzige Kerl auf der ganzen Welt, der in Shorts und barfuß heiraten und dabei immer noch passabel aussehen kann. Aber dass er mich kennt, bezweifle ich.


»Ich glaube nicht«, sage ich darum.


»Surfst du?«


»Nun ja. Ja. Ja, ich schätze schon.«


Jesse grinst. »Dann kennen wir uns ziemlich sicher.« Er macht ein wenig Platz und Emily hält mir die Hand hin. Sie ist eine wunderhübsche Braut mit dem Gesicht einer Puppe und dem hellen Teint, den ich mein halbes Leben lang gern gehabt hätte. Ricardos und meine Eltern kommen aus Puerto Rico, und während Rick seine langen Dreadlocks blond gefärbt hat, trage ich mein Haar naturschwarz, sodass ich alles in allem ein ziemlich dunkler Typ bin, eine klassische Latina. Als Kind und als Teenager kam ich damit ganz gut klar. Aber dann wurde alles anders. Und seitdem wäre ich liebend gern eine Frau wie Emily. Eine gewöhnliche Weiße, der alles zufliegt. Nur statt ihres roten Haares hätte ich gern blondes.


»Hi, Audrey«, sagt sie.


»Hallo. Tolles Kleid. Tolle Hochzeit. Ich bin …« Scheiße, wenn ich jetzt noch beeindruckt sage, klinge ich endgültig, als hätte ich mir einen hübschen kleinen Text zurecht gelegt, weil ich nicht fähig zu ganz normalem Small Talk bin. Was natürlich nicht stimmt.


»Offenbar hungrig und sehr durstig«, sagt Rick und grinst blöd hinab auf die zwei leeren Teller und die drei leeren Gläser auf dem Tisch, die alle eindeutig an meinem Platz stehen.


Am liebsten würde ich ihm an die Gurgel gehen, stattdessen sage ich jedoch: »Na ja, wofür geht man auf Hochzeiten?«, und im nächsten Moment würde ich mir sehr gern die Zunge abbeißen. Das Blut, das dabei auf mein gelbes Kleid spritzen würde, würde ich gern in Kauf nehmen.


Doch weder Jesse noch Emily nehmen mir den Spruch übel.


»So habe ich das bisher auch immer gesehen«, grinst Emily, und verdammt, ich mag sie. Auf Anhieb.


Zerknirscht sehe ich Ricardo an, der mir einen auffordernden Blick zuwirft. Vermutlich sollte ich jetzt was Nettes, Unverfängliches erwähnen und wie von selbst würden wir dann ins Gespräch kommen und auf einmal wären wir für nächste Woche verabredet. Oder so. Irgendwie schaffen es andere Leute doch immer, sich einen Freundeskreis aufzubauen oder sich irgendeiner netten Gruppe anzuschließen oder irgendwas in der Art, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich theoretisch weiß, wie so was abläuft. Aber praktisch bin ich dazu nicht in der Lage. Wie ein Roboter.


»Na dann habe ich ja Glück, dass du heute die Braut bist. Bleibt mehr für mich.«


Diesmal lacht Emily und Jesse sagt irgendwas davon, dass sie als seine Assistentin ziemlich multitaskingfähig ist, und dann ziehen die beiden weiter zum nächsten Gast, den sie persönlich begrüßen wollen, und Ricardo bleibt mit tadelndem Blick vor mir stehen.


»Was?!«, frage ich ihn gereizt und lasse mich wieder auf meinen Stuhl fallen.


»Was hat dir denn an den beiden jetzt wieder nicht gepasst?«


»Wie kommst du darauf, dass mir was nicht gepasst hat?«


»Weil du ein Gesicht gemacht hast, als würde ich dir gerade Donald Trump und Osama bin Laden vorstellen!«


»Da hättest du dich aber anstrengen müssen, um beide an meinen Tisch zu bringen«, erwidere ich trocken und leere meinen Sekt.


»Madre mía!«, stöhnt Ricardo. »Wenn du so weitermachst, dann wirst du als einsame alte Katzenfrau sterben!«


»Falsch«, antworte ich und schiebe mir endlich das Stück Torte in den Mund, das ich vorhin schon aufgegabelt habe. »Ich hasse Katzen.«


Das stimmt noch nicht mal. Niemand hasst Katzen, mein Gott. Aber aus irgendeinem Grund bringe ich es einfach nicht zustande, ein bisschen netter zu sein.


Ricardo schüttelt den Kopf und winkt ab. »Von mir aus, dann stirbst du eben ganz allein. Payasa«, fügt er an, was so viel wie Dummkopf oder Clown bedeutet, dann wendet er sich ab und geht.


»Cabrón!«, rufe ich ihm nach, was eine etwas schlimmere Bedeutung hat als Dummkopf oder Clown, aber er lässt sich gar nicht provozieren und geht einfach weiter, und das frustriert mich nur noch mehr. Daran kann jetzt auch die Torte nichts mehr ändern, darum schiebe ich sie von mir und verschränke die Arme vor der Brust wie ein trotziges Kind, was dazu führt, dass ich mir blöder vorkomme denn je.


Dabei hat heute Morgen eigentlich alles gar nicht so schlecht angefangen. Statt des nachtblauen Kleides, das ich eigentlich tragen wollte, habe ich mich für das gelbe entschieden, und auf der Fahrt hierher habe ich kein einziges böses Wort zu Rick gesagt, und während der Trauungszeremonie habe ich an den richtigen Stellen applaudiert, und die ganze Zeit gelächelt habe ich auch. Doch dann geschah es.


Jesse Caine und seine neu angetraute Frau sowie ein paar Freunde der beiden hatten für zwei weitere Freunde – woher nehmen nur alle Menschen so viele Freunde? – einen Song vorbereitet. No woman, no cry von Bob Marley, in einer herzergreifend schlechten Version, weil keiner von ihnen auch nur im Entferntesten singen kann … keiner bis auf einen.


Und damit hat das Elend begonnen, denn dieser Eine war kein Geringerer als David Amaro.


Ich habe ihn sofort erkannt, und das, obwohl ich ihn seit 10 Jahren nicht mehr gesehen habe. Vor 10 Jahren war ich 19 und David war etwas älter, ich vermute mal, dass er so 25 gewesen ist. Er war ziemlich gutaussehend, und das hat sich bis heute nicht geändert – er hat dunkles kurzes Haar, breite Schultern und ein Gesicht, in das man sich einfach sofort verlieben muss. Männlich, trotzdem irgendwie sanft – dass er gut aussieht, habe ich mir gegenüber schon früher eingestanden, damals, als unsere Feindschaft begann. Und ich gebe auch offen zu, dass es mir lieber wäre, er wäre mit den Jahren hässlich geworden und hätte sich eine Halbglatze zugezogen. Aber das ist leider nicht passiert, und genau wie früher hat er immer noch eine umwerfend gute Stimme, und darum sank meine Laune auf den Nullpunkt, während er und die anderen auf der Bühne dafür sorgten, dass alle übrigen Gäste in Feierlaune gerieten. Reglos saß ich auf meinem Platz und fragte mich, weshalb ich ausgerechnet ihm hier begegnen musste. David, diesem Klischee eines amerikanischen Mannes auf der Sonnenseite des Lebens. Allein dieser Name: Amaro, das klingt wie ein Auto, das nie kaputt geht. Und David, das ist doch dieser Held, der Goliath besiegt hat. Mein Name hingegen klingt wie ein schlechter Scherz: Audrey, nach Audrey Hepburn, der Schauspielerin, und dazu Escobar, genau wie einer der mächtigsten und berühmtesten südamerikanischen Drogenbosse aller Zeiten. Wenn man Audrey Escobar heißt, dann kann man prima Stripperin werden, schätze ich. Ausprobieren müssen habe ich es glücklicherweise noch nicht. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gerade lieber an jeder Stange der Welt stehen und mich für Geld ausziehen würde oder von mir aus auch ohne Bezahlung, wenn ich dafür nicht länger auf derselben Hochzeit wie David Amaro sein müsste.


Ich schließe für einen Moment die Augen und atme tief durch. Warte vielleicht darauf, dass das Schicksal mich erhört und mich von hier fortbeamt, in irgendeine schmuddelige Table-Dance-Kneipe am Rand eines ebenso schmuddeligen Highways, aber nichts geschieht. Und so tue ich schließlich das einzig Vernünftige, das mir bleibt, wenn ich schon hier ausharren muss, bis Rick beschließt zu gehen: Ich halte den nächsten Kellner an, der oben ohne ist und aussieht wie ein fröhliches Hollister-Model, und schnappe mir ein weiteres Glas Sekt. Als ich es geleert habe, taucht am Horizont schon der nächste Hollister-Sonnyboy auf, und weil ich noch nie eine Freundin halber Sachen war, schnappe ich mir ein weiteres. Und dann entdecke ich ein paar Meter entfernt von mir im Sand ein paar Surfer, die gerade mit einem Trinkspiel beginnen, dessen Hauptdarsteller eine Flasche Rum ist und ich denke, dass es vielleicht doch nicht so schwer ist, Anschluss zu finden. Schon leicht wankend stehe ich von meinem Platz auf und gehe zu ihnen herüber. Und ein paar Minuten später verschwende ich keinen Gedanken mehr an David Amaro – oder zumindest rede ich mir das ein.


***


 


Dave


Es wird langsam Abend, die Sonne steht schon tief über dem Meer, aber noch immer scheint niemand daran zu denken, die Hochzeit zu verlassen. Auf der Bühne spielt die Band eine Reggaeversion von Cheap Thrills und Jesse und Emily bilden den Mittelpunkt der tanzenden Menge. Emily strahlt und singt lauthals mit. Sie hat mir mal erzählt, dass Jesse und sie sich praktisch zu diesem Song kennengelernt haben.


Ein Stück weiter, ebenfalls unter den Tanzenden, entdecke ich Lauren und Damon. Die zwei beobachte ich nicht so lange. Es ist nicht mehr so schlimm wie am Anfang, Lauren mit einem anderen Mann zu sehen. Ich gönne ihr, dass sie glücklich ist. Aber es ist einfach immer noch komisch, dass sie jetzt einen anderen so ansieht, wie sie 4 Jahre lang mich angesehen hat. Vermutlich werde ich nie verstehen, wie Menschen das können, ihren Partner einfach so wechseln, die Vergangenheit hinter sich lassen.


Sofort wird mir klar, dass der Gedanke irgendwie unfair ist. Lauren hat mich ja nicht gegen Damon eingetauscht, sie hat mich nicht mit ihm betrogen oder so. Wir waren schon getrennt, als sie und er zusammenkamen, aber ich hatte damals noch die Hoffnung, dass unsere Beziehung eine zweite Chance haben könnte und es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich, als sie ihn mir vorstellte. Das war vor fast einem Dreivierteljahr und es wird wohl auch Zeit, dass ich langsam damit klarkomme. Aber vor allem in Momenten wie diesem ist es nicht leicht. Weil ich eigentlich immer geglaubt habe, dass Lauren auf Jesses Hochzeit mit mir und nicht mit irgendeinem Damon tanzen würde.


»Hey Kumpel!«, reißt mich Tyrone aus meinen Gedanken, wobei er mir freundschaftlich auf die Schulter haut.


Ich blicke auf und sehe in sein grinsendes Gesicht. Keine Ahnung, ob heute Jesse oder Ty der Glücklichste hier ist. Sicher, Jess hat seine Traumfrau geheiratet, aber Ty dachte bis vor ein paar Wochen, er wäre todkrank. Jetzt kämpft er sich zurück ins Leben, und das mit seiner neuen Freundin Sherry an seiner Seite, die mich über seine Schulter hinweg anlächelt. Gerade eben saßen die beiden noch mit am Tisch. Ich hab gar nicht gemerkt, wie sie aufgestanden sind.


»Wir zwei werden uns jetzt mal für eine Weile zurückziehen«, sagt Ty ein wenig leiernd, weil er wegen des Blutgerinnsels, das aus seinem Kopf entfernt werden musste, noch Sprachschwierigkeiten hat. »Und dir täte es auch ganz gut, wenn deine Begleitung nicht den ganzen Abend über auf den Namen Corona hören würde«, fügt er mit einem Seitenblick auf mein halbleeres Bier zu.


Sherry lacht leise und drückt ihm einen Kuss auf den Hals. »Er hat Recht«, sagt sie. »Hier gibt es viele wunderschöne und sehr nette Singlefrauen, und nicht wenige davon haben ein Auge auf dich geworfen.«


»Das weiß er«, sagt Ty und fasst sich an den Hals, als trüge er eine Krawatte. »Unser Dave ist nicht umsonst der Einzige hier, der immer noch auf Gentleman macht.«


»Ich bin nicht der Einzige«, sage ich und deute auf ein paar Männer aus Emilys irischer Verwandtschaft, die an einem anderen Tisch zusammensitzen und Whisky trinken. Auch sie tragen alle noch ihre Krawatten, während die meisten anderen hier mittlerweile zu legerer Kleidung übergegangen sind und manche sogar nur noch Badesachen anhaben.


»Komm schon, Dave.« Jetzt wieder Sherry. »Ich weiß, ich kenne dich noch nicht lange, aber ich habe nicht das Gefühl, dass du jemand bist, der gern alleine rumsitzt, während sich alle anderen amüsieren.«


»Ich bin nicht alleine«, sage ich und hebe die Tischdecke an. Sowohl Sherry als auch Ty machen einen ziemlich überraschten Eindruck, als sie Sparky zu meinen Füßen entdecken. Sparky ist Jesses Hausschwein und hat eigentlich panische Angst davor, das Haus zu verlassen. Aber heute scheint er es sich aus unerfindlichen Gründen anders überlegt zu haben. Vor ein paar Stunden hat er sich von der Veranda aus bemerkbar gemacht und ich habe ihn über die Amtrak-Schienen, die zwischen den Strandhäusern und dem Sand verlaufen, zu der feiernden Menge geholt. Vielleicht hat er das Essen gewittert, vielleicht wollte er nur nicht verpassen, wie sein Herrchen unter die Haube kommt. Auf jeden Fall weicht er mir seitdem nicht von der Seite und schläft seit einer Weile zufrieden unter dem Tisch.


»Das ist jetzt aber nicht dein Ernst«, lacht Ty. »Nichts gegen Sparky, aber das ist ja fast noch schlimmer, als würdest du den Abend nur mit ein paar Flaschen Bier verbringen!«


Als hätte er genau verstanden, was Ty gesagt hat, hebt Sparky den Kopf und blinzelt verschlafen zu ihm auf.


»Ich würde vorschlagen, wir nehmen den kleinen Racker mit rein und kümmern uns um ihn«, sagt Sherry.


»Und du kümmerst dich um eine der vielen irischen Brautjungfern!«, fügt Ty hinzu. Im nächsten Moment versucht er Sparky hochzuheben, was mit einem Arm aber schlecht geht, weshalb er Sherry kurzerhand seine Krücke in die Hände drückt.


Sie verdreht gespielt entnervt die Augen. »Ja. Genau dafür sind Gehhilfen da.«


»Ich brauch sie doch schon gar nicht mehr«, erwidert Ty, und als er und Sherry kurze Zeit später in Richtung Haus verschwinden, ist sein Hinken tatsächlich kaum noch zu sehen. Ich freue mich für ihn, dass es ihm wieder gut geht und natürlich auch darüber, dass er Sherry gefunden hat. Trotzdem war es irgendwie leichter, als er ebenfalls Single war. Die Squad, die kleine Gruppe aus Freunden, die sich schon vor vielen Jahren um Jesse gebildet hat, bestand zu der Zeit aus Jesse und Emily sowie Lauren und Damon, also zwei Paaren, und dazu kamen eben Ty und ich. Aber seit einer Weile bin ich der Einzige von uns, der keine Partnerin hat, und ich wäre ein Heuchler, wenn ich behaupten würde, dass das toll ist. Aber es ist nun einmal so und ich werde mir sicher nicht irgendeine Frau aufreißen, nur um gänzlich über Lauren hinwegzukommen.


Stattdessen siehst du dir lieber weiter an, wie sie sich mit Damon amüsiert, und betrinkst dich, das ist natürlich eine fantastische Alternative , sagt mir mein Verstand.


Aber ich fürchte, um auf den noch zu hören, habe ich schon jetzt zu viel getrunken. Also schaue ich tatsächlich wieder zur Tanzfläche, wo jetzt ein langsamer Song läuft. Ich sehe, wie eng sich Lauren an ihren hawaiianischen neuen Freund schmiegt und wie verliebt sie zu ihm aufblickt.


Und dann schiebt sich auf einmal jemand in mein Sichtfeld. Eine Frau, ziemlich hübsch, wie ich zugeben muss. Nicht blond wie Lauren, sondern schwarzhaarig und in ein knallgelbes Kleid gehüllt, das ihr einerseits fantastisch steht, sie aber andererseits auch aussehen lässt wie direkt der Chiquita-Werbung entsprungen.


»Naaa sieh mal einer an!«, lallt sie. »Wenn das nich unser Jack Johnson für Arme is … nur mit weniger Ausstrahlung und dem Charme einer Kartoffel!«


Ich runzle die Stirn. Redet sie mit mir? Tatsächlich blicke ich erst einmal hinter mich, doch dort sind nur ein paar Leute damit beschäftigt, Holz für ein Lagerfeuer aufzuschichten.


»Oh nein, wenn du denks, dassich ein’ anderen meine, dann … täuschst du dich gewaltig! Ich rede mit dir, David Amaro


Und dann erkenne ich sie. Es ist die Art und Weise, wie sie meinen Namen ausspricht. Den Nachnamen so, als wäre er spanisch, mit einem weichen, gerollten R. Und David – David hat mich ewig niemand mehr genannt. Eigentlich niemand mehr seit ihr.


Ich drehe mich wieder zu ihr um und auf den zweiten Blick frage ich mich, wie ich sie zuerst nicht erkennen konnte. »Audrey«, sage ich.


Ihre dunklen Augen werden schmal. »Überrascht … mich hier zu sehn, hm?«


Sie wankt. Sie ist offensichtlich ziemlich betrunken. Aber der Alkohol hat ihr nichts von ihrer unerträglichen Art genommen. Audrey Escobar ist eine schöne Frau, keine Frage, aber sie ist auch einer der dreistesten und unverschämtesten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Kein Wunder also, dass sie auf einer Hochzeit nichts Besseres zu tun hat, als jemanden blöd anzumachen. In diesem Fall mich.


»Du hast dich gar nicht verändert«, sage ich, um Gelassenheit bemüht.


»Du dich auch nich«, giftet sie zurück. »Immernoch derselbe selbstgefällige …«


»Spar dir den Rest.« Ich stehe auf. »Es ist wohl am besten, wir gehen uns für den Rest des Abends aus dem Weg.«


»Für den Rest unseres Lebens!«, erwidert sie ziemlich planlos und stützt sich am Tisch ab, der dabei ins Wanken gerät, was sie aber gar nicht zu merken scheint.


Eigentlich sollte ich sie stützen, bevor sie noch fällt. Aber wenn, dann landet sie weich im Sand, also lasse ich es darauf ankommen.


»Was, ziehs du den Schwanz ein?«, fragt sie, als ich an ihr vorbei gehe. »Wills du mir gar keine Vorwürfe machen wegn damals, he?«


»Das ist Vergangenheit«, erwidere ich und höre, wie sie ein ungläubiges Geräusch macht.


»Schlappschwanz!«, ruft sie mir dann hinterher und fügt etwas auf Spanisch an. Vermutlich weiß sie nicht, dass ich Spanisch verstehe. Was sie gesagt hat, heißt so viel wie Sohn einer Straßenhündin, aber auch davon lasse ich mich nicht provozieren. Oder fast nicht. Einen Moment lang bleibe ich stehen, überlege, ob ich vielleicht doch irgendetwas erwidern sollte, während mir Audrey eine weitere spanische Beschimpfung hinterher schickt. Dann atme ich tief durch und gehe weiter. Es hat noch nie etwas gebracht, sich mit den Geistern der Vergangenheit zu beschäftigen. Blöd nur, dass diese Weisheit ausgerechnet von einem Mann kommt, der die vergangenen Monate über fast nichts anderes getan hat.


 


Kapitel 2


Audrey


Mir brummt der Schädel. Ernsthaft. Was ich empfinde, als ich wach werde, sind keine einfachen Kopfschmerzen, sondern es ist tatsächlich ein regelrechtes Hämmern, als würde jemand mit einem Pressluftbohrer auf meiner Stirn stehen. Ich versuche ihn abzuschütteln, indem ich mich auf den Bauch drehe, aber sobald ich halbwegs bequem liege, geht das Gehämmere auf meinem Hinterkopf weiter.


»Verflucht«, nuschle ich und versuche mich zu zwingen, wieder einzuschlafen und am besten nicht mehr aufzuwachen, ehe ich den Kater überstanden habe. Aber gleichzeitig weiß ich, dass das nicht funktionieren wird. Das ist Karma: Jetzt bekomme ich die Quittung für meinen Auftritt gestern.


»Tut mir leid«, versuche ich dem Universum halbwegs verständlich zu übermitteln, wobei ich mir die Decke über den Kopf ziehe, um das grelle Sonnenlicht auszusperren. Doch unter dem Laken ist es so stickig, dass meine Kopfschmerzen nur noch schlimmer werden, und so gebe ich meine Schlafversuche schließlich auf. Ich rolle mich auf den Rücken, zähle innerlich bis 3 und dann mache ich die Augen auf und lasse zu, dass mir die Helligkeit wie ein glühendes Messer ins Hirn sticht. Es ist schlimm, aber nach einem Moment ist es überstanden und meine Kopfschmerzen sinken wieder auf ihr ursprüngliches Niveau herab. Ich horche in mich hinein. Schlecht ist mir nicht, na immerhin. Aber dafür ist mein Mund so trocken, als hätte ich die Nacht damit verbracht, Sägespäne zu essen. Wer weiß, vielleicht habe ich das auch. Ab einem gewissen Punkt kann ich mich nämlich an nichts mehr erinnern. Ich war auf dieser Hochzeit und habe mich wie ein Idiot benommen, und dann irgendwann … Moment. Habe ich zuerst dieses Spiel mit dem Rum gespielt? Oder habe ich zuerst David Amaro beleidigt? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich mich zum Affen gemacht habe, und das ist eigentlich schon mehr Information, als ich haben möchte.


»Komm schon«, flüstere ich und zwinge mich dann, aufzustehen. Das Campingbett, auf dem ich schlafe, antwortet mit einem protestierenden Quietschen, das den Mann mit dem Presslufthammer animiert, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Ich presse mir die Hände gegen den Kopf, als würde er jeden Moment explodieren, und nach ein paar Sekunden geht es so weit wieder, dass ich den nächsten Schritt wagen kann.


Ich nehme also die Hände runter und sehe mich nach meinem Koffer um. Er liegt auf der Theke, genau dort, wo ich ihn zuletzt in Erinnerung hatte, also habe ich letzte Nacht zumindest keinen totalen Mist mehr gebaut, wie zum Beispiel all meine Sachen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen oder sie im Pool zu waschen. Immerhin. Ich trete an die Theke heran, die so ungefähr den halben Raum ausfüllt, und versuche die vielen Schnapsflaschen zu ignorieren, die in den Regalen dahinter gestapelt sind. Zum einen ist Alkohol wirklich das Letzte, was ich jetzt sehen will. Und zum anderen hat mir Cindy schon bei meiner Ankunft eingebläut, dass ich die Finger davon zu lassen habe. Ich darf im Haus frühstücken und am Abendessen teilnehmen, außerdem darf ich das Badezimmer benutzen. Alles andere ist für mich tabu. Sogar der Pool.


Cindy, die eigentlich Lucinda heißt, sich Lucy nennt und sich verbittet, dass man sie Cindy nennt, ist Ricardos Frau. Er betont immer wieder, wie toll sie ist. Sie ist keine Surferin, aber sie hat eine kleine Cocktailbar am Strand und ist laut Rick ein total entspannter, freundlicher, friedfertiger Mensch. Aber aus irgendeinem Grund hasst sie mich. Darum wollte sie auch nicht, dass ich während meines Aufenthalts in San Clemente bei ihr und Rick wohne, und als sie schließlich zugestimmt hat, hat sie das nur unter der Bedingung getan, dass ich erstens im Gartenhaus schlafe und mich zweitens weitgehend aus ihrem Leben fernhalte. Das schließt ein, dass ich so wenig wie möglich mit ihren zwei Kindern rede, dass ich nicht mit dem Hund Gassi gehe und hundert Dinge mehr, die ich nicht darf. Vielleicht hätte ich, als sie mir ihre Liste vorgetragen hat, nicht antworten sollen, dass ich Kinder und Hunde eh nicht leiden kann. Stimmt ja auch eigentlich gar nicht. Aber na ja, der Zug ist abgefahren, und Cindy und ich werden wohl nie beste Freundinnen werden.


Ich durchwühle meinen Koffer und finde tragbare Shorts, aus denen unterm Saum Taschen herausschauen, die mit ausgeblichenen Stars und Stripes bedruckt sind. Dazu ziehe ich einen passend blauen Bikini und ein weißes Häkeltop hervor, dann schnappe ich mir meinen Kulturbeutel und husche aus dem Gartenhaus – und dann spüre ich einen angenehmen Luftzug an Stellen meines Körpers, an denen das eigentlich nicht der Fall sein sollte.


Schnell blicke ich an mir herunter und mir wird klar, dass ich noch meinen hellen Spitzenslip von gestern Abend trage – und sonst nichts. Verdammt, stimmt ja! Ich hatte unter dem gelben Neckholderkleid keinen BH an!


»Oh, Fuck«, murmle ich und halte mir schnell meine Klamotten vor die Brüste. Der Kater hat mich echt härter erwischt als gedacht. Aber wenigstens hat mich so keiner gesehen, denn es scheint niemand zu Hause zu sein. Ich setze dazu an, schnell zum Haus rüber zu laufen.


Und dann höre ich auf einmal Cindy erboste Stimme.


»Ist das dein Ernst, Audrey?!«


Ganz langsam drehe ich mich um und sehe, wie sie sich erhebt. Sie hat wohl zwischen den Rosenbüschen gehockt und sie mit einer Blumenspritze bearbeitet. Dazwischen befindet sich, wie ich weiß, ein kleines Beet mit Hanfpflanzen. Mein Bruder ist kein Profisurfer und dem einen oder anderen Joint nie abgeneigt, und Cindy hält es genauso. Unglücklicherweise habe ich sie noch nie bekifft erlebt, sondern immer nur im hundertprozentigen Zickenmodus. Jetzt gerade zum Beispiel mustert sie mich fassungslos von oben bis unten.


»Du willst mich doch wohl auf den Arm nehmen«, fährt sie mich dann an und streicht sich eine Strähne ihres rosa gefärbten Haars hinters Ohr, wie sie es immer tut, wenn sie nervös oder sauer wird.


»Ich dachte, ich bin alleine!«, rufe ich zu Cindy herüber.


»Die Jungs sind zu deinem Glück mit Rick unterwegs! Kannst du dir bitte trotzdem was anziehen?!«


»Ich will doch nur schnell unter die Dusche!«


»Und für den Weg ziehst du dir bitte was an! Ich habe nämlich keine Ahnung, wann die drei zurückkommen!«


Diese blöde Kuh. Ich sollte es einfach gut sein lassen, aber ich kann nicht. Mein Kopf tut weh und irgendwo muss ich hin mit meinem Ärger. »Die Jungs werden doch wohl schon mal deine Brüste gesehen haben und Ricardo kennt sogar meine! Wir wurden als Kinder immer zusammen gebadet! Ich weiß auch, wie sein carajo aussieht!«


Lucinda verzieht den Mund. »Zu viel Information, Audrey!«


Ich setze dazu an, dieser verklemmten Ziege zu erklären, dass sie sich gerade vollkommen bescheuert anstellt und dass ich schneller unter der Dusche sein werde, als sie meinen Namen buchstabieren kann, aber dann beschließe ich, dass es die Mühe nicht wert ist. Sie wird ohnehin nicht klein beigeben, denn wie bereits erwähnt, hasst sie mich, und so lege ich meine Sachen auf dem Pflasterboden neben dem Pool ab, um schnell in das Bikinioberteil und die Shorts zu schlüpfen. »Zufrieden?«


»Du könntest dir auch mal ein bisschen mehr anziehen als eine Straßenprostituierte, weißt du, Audrey?«


Mir bleibt der Mund offen stehen, als ich ihre Worte kapiere. Lucinda steht vor mir und trägt selbst nichts als ein dünnes weißes Kleid, unter dem ich ganz deutlich ihren bunt geringelten Bikini erkennen kann – und dann erzählt sie mir was von mehr Kleidung?!


»Leck mich, Cindy!«, fahre ich sie an, schnappe mir den Rest meiner Kleider und marschiere auf die Gartentür zu.


»Du kannst gleich deine Sachen packen und verschwinden!«, ruft sie mir nach.


»Da wird Rick sicher anderer Meinung sein!« Ich betrete das Haus, schließe die Tür hinter mir und höre nicht mehr, was sie antwortet.


Wie konnte mein Bruder nur so eine Frau heiraten? Ich erinnere mich genau, wie alles angefangen hat. Er hat damals schon als Tauchlehrer hier in San Clemente gearbeitet und hat sie kennengelernt, als sie einen Kurs bei ihm gebucht hat. Ich war damals in … keine Ahnung, vielleicht Baja? Am Telefon schwärmte er mir vor, wie süß und witzig sie wäre, und dabei total selbstständig, eine die weiß, was sie will. Das wollen Männer also? Eine, die süß und witzig ist und weiß, was sie will? Verdammter Mist. Ich fürchte, auf mich trifft nichts davon zu.


Vom Garten, in dem sich der Pool und mein Zuhause auf Zeit befinden, gelangt man direkt in die Küche. Ich beschließe, dass ich hier einen kleinen Zwischenstopp einlege und die Dusche auf nach dem Frühstück verschiebe. Ich lege meine Sachen auf der Theke ab, öffne den Kühlschrank und finde in erster Linie ziemlich viel Gemüse vor. Dazu ein paar Flaschen mit undefinierbarem Zeug, in dem Körner zu schwimmen scheinen. Rick hat gesagt, Lucinda sei gerade auf dem Superfood-Trip, und das hier ist wohl das Resultat davon. Bisher hat er mir morgens immer ein Sandwich in mein Gartenhaus gebracht, und wenn ich mir das Zeug hier so ansehe, dann frage ich mich, woraus er das gezaubert hat. Aus den 80 verschiedenen Salatsorten, die sich in den Fächern stapeln, sicher nicht.


Ich nehme schließlich nur die Milch heraus, trinke einen großen Schluck und begebe mich dann zu den anderen Schränken, auf der Suche nach Frühstücksflocken. Zum Glück finde ich eine Packung Lucky Charms – das sind Hafercrispies mit bunten Marshmallows drin. Wenn wir die früher als Kinder mal hatten, hat sich Ricardo immer die Packung geschnappt und alle Marshmallows herausgegessen. Anschließend hat er behauptet, ich wäre es gewesen. Ich sehe in die Packung und überlege einen Moment, es ihm heimzuzahlen, aber dann erscheint es mir doch zu mühsam, all die winzigen bunten Zuckerfiguren auszusortieren. Also kippe ich kurzerhand eine Portion inklusive Hafer in eine Schüssel, gebe Milch dazu und setze mich an die Theke. Dann fange ich an zu essen und fühle mich sofort in eine gänzlich andere Zeit zurückversetzt. Ich hoffe wirklich sehr, dass das süße Zeug meinen Kater nicht verschlimmert und ich es nicht in ein paar Minuten bereue, nicht zu einer Möhre oder etwas anderem Gesundem gegriffen zu haben. Doch die Sache scheint gutzugehen. Zumindest so lange, bis Lucinda aus dem Garten in die Küche kommt.


»Herrgott, Audrey! Die sind für die Kinder!«


Ich blicke auf. »Was anderes Essbares hab ich nicht gefunden«, sage ich kauend.


»Dann solltest du es vielleicht wie dein Bruder machen und dir dein Frühstück beim Laden an der Ecke holen!«


Aah, daher kommen also jeden Morgen die Sandwiches.


»Aber dafür fehlt dir vermutlich das nötige Kleingeld, was?«, tritt Lucinda nach.


Ich sehe sie finster an, wobei ich den Löffel in die Schüssel gleiten lasse und sie ihr herüber schiebe. »Weißt du was? Mach doch einfach die Milch blöd an, bis sie freiwillig aus der Schüssel verschwindet. Dann kippst du das Zeug zurück in die Packung und schon müssen deine Kinder nicht mehr hungern!« Damit stehe ich auf, schnappe mir mein Zeug und verschwinde doch noch in Richtung Dusche. Natürlich schimpft mir Lucinda irgendetwas hinterher, aber ich schließe die Tür so laut, dass ich ihre Worte nicht verstehe. Dann lege ich meine Sachen auf dem Klo ab und betrachte mich im Spiegel. Ich sehe fertig aus. Die Schminke von gestern Abend klebt verschmiert in meinem Gesicht, meine Augen sind geschwollen, auf meiner Wange zeichnet sich noch der Kissenabdruck ab und meine Haare sind wirr. So eine Frau, und dann auch noch in fast nackt, würde ich auch nicht vor meiner Familie herumrennen lassen. Nicht, dass ich das Cindy gegenüber je zugeben würde.


»Was für ein Mist«, sage ich leise und wende mich vom Spiegel ab, damit ich das Elend nicht länger sehen muss. Ich brauche jetzt eine lange Dusche und dann muss ich erstmal weg aus diesem Haus, irgendwohin, wo ich weder Rick noch Lucinda noch sonst jemandem begegnen kann, der mich kennt. Und wenn ich in absehbarer Zeit etwas Anständiges essen möchte, dann sollte ich mich beeilen.


***


 


Eine gute halbe Stunde später bin ich zurück in meinem Gartenhaus, in dem es mittlerweile unerträglich heiß ist. Es ist Frühsommer in Kalifornien und das bedeutet, dass die Werte heute sicher noch auf über 30 Grad klettern werden, wenn sie es nicht schon sind. Der kleine Verschlag, den Rick und Cindy für Partys nutzen, ist natürlich nicht klimatisiert, und so packe ich schnell das Nötigste zusammen, wobei ich einen wehmütigen Blick auf mein Surfbrett werfe. Ich muss eigentlich dringend trainieren. Aber ausgehungert und mit einem Kater in den Knochen macht das wenig Sinn. Also muss das Training bis morgen warten. Ich gebe mir das stumme Versprechen, heute Abend auf gar keinen Fall auch nur einen Tropfen Alkohol anzurühren, dann schultere ich die große, längliche Tasche, die eine meiner wenigen Habseligkeiten darstellt, und verlasse schließlich Ricks Grundstück.


Mit dem Bus fahre ich in die Innenstadt von San Clemente. Hier, jenseits der Shoppingmeile mit ihren kleinen Geschäften, die ganz auf Touristen ausgelegt sind und erst recht weit weg vom Strand, gibt es ein gewerbliches Viertel, in dem sich die Büros einiger Firmen, ein paar Makler, schlichte Cafés und Restaurants für die Mittagspause, dazu vereinzelte Kosmetikstudios, Arztpraxen und Friseursalons gibt. Ganz sicher werde ich hier nicht auf meinen Bruder und auch auf keinen seiner Surferfreunde treffen, die ich in den vergangenen Tagen kennengelernt habe. Menschen wie sie halten sich nie weit entfernt vom Meer auf und in der aufgeräumten Gegend hier kann ich sie mir so gar nicht vorstellen. Gut.


Ich suche mir eine Ecke gegenüber von einem Restaurant, das jetzt, um kurz nach zwölf, schon ganz gut besucht ist. Dort setze ich mich im Schneidersitz auf den Boden, lege die Gitarrentasche vor mir ab und packe das abgewetzte Instrument aus, das ich vor vielen Jahren von meinem Taschengeld in einem Trödelladen zu Hause in Corpus Christi gekauft habe. Ich habe mal drüber nachgedacht, die Gitarre mit Stickern von all den Orten zu verzieren, an denen ich schon war, aber dann hatte ich Angst, dass das ihren Klang irgendwie verändern könnte, und darum habe ich es gelassen. Sie hat einen besonderen Klang. Das hat schon der Verkäufer in dem Trödelladen gesagt, und zum Beweis hat er mir damals gleich was vorgespielt. Ich habe ihn danach angefleht, sie für mich aufzubewahren, bis ich das nötige Geld zusammenhabe. Er wollte 20 Dollar, aber ich war erst 11 und bekam nur einen Dollar die Woche. Aus Angst, er würde die Geduld verlieren und die Gitarre doch an jemand anderen verkaufen, brachte ich ihm jeden neuen Dollar gleich vorbei. Er ließ mich das Geld in ein altes Einmachglas werfen und als die 20 Dollar komplett waren, schenkte er mir die Tasche zu der Gitarre. Der Mann aus dem Trödelladen ist einer der wenigen Menschen, zu denen ich nie ein böses Wort gesagt habe.


Ich setze mich in den Schneidersitz, nehme die Gitarre auf den Schoß und schließe die Augen, wie immer, wenn ich in der Öffentlichkeit spiele, weil ich sonst keinen Ton herausbringen würde. Ich weiß, ich wirke nicht gerade schüchtern. Aber vor Menschen zu singen ist etwas anderes, als mit ihnen zu streiten. Ich hole tief Luft und stimme die ersten Akkorde von The River an. Meine Spezialität ist es, mir Männersongs auszusuchen und sie dann mit meiner Stimme neu zu interpretieren. Der Erfolg ist überschaubar. Aber immerhin macht das Spaß.


Ich singe also von dem kleinen Tal, aus dem ich stamme und davon, wie ich mit gerade mal 19 meine Freundin Mary geheiratet habe, weil sie von mir schwanger war, und währenddessen stelle ich mir diese Mary vor, und dazu einen Mann, fast noch ein Junge. Ich sehe die beiden, wie sie in einem dieser alten prächtigen Autos, die man in den 50ern fuhr, an einem Fluss parken, wo sie ganz allein sind, und wie sie splitternackt ins eiskalte Wasser springen, während die Sonne auf sie hinab brennt.


Als der Song vorbei ist und ich die Augen öffne, erkenne ich gerade einmal eine vereinzelte Dollarnote in meiner Tasche. Verdammt. Damit komme ich nicht weit. In dieser Gegend hier reicht das sicher nicht mal für einen Kaffee, was kein Problem wäre, wenn ich nicht pleite wäre. Als ich vor gut einer Woche bei Rick aufgekreuzt bin, hatte ich nichts mehr, mein letztes Geld war für das Ticket draufgegangen und ich kann von Glück sagen, dass er mich hat einziehen lassen und ich bei ihm was zu essen bekomme, denn sonst wäre ich unter der Brücke gelandet. Aber das weiß er nicht. Offiziell bin ich nur wegen des Surfwettbewerbs gekommen, der bald im nahen Huntington Beach stattfinden wird. Ich habe auch wirklich vor, daran teilzunehmen. Sofern ich mir bis dahin die Anmeldegebühr leisten kann.


Doch dafür muss ich die Menschen dazu bringen, mir mehr Geld zu geben. Okay. Was mache ich falsch? Ich bin in Kalifornien. Vielleicht sollte ich keine melancholischen Songs singen, sondern eher was Leichteres. Etwas, das die Leute hier mögen. Ich überlege kurz, dann stimme ich Hotel California an, und tatsächlich läuft es diesmal besser. Während ich singe, höre ich mehrfach, wie Menschen vor mir stehen bleiben. Dass ich die Augen geschlossen habe, können sie wegen meiner großen Sonnenbrille nicht sehen, und ich setze jedes Mal ein Lächeln auf, damit sie mich nicht für undankbar halten, wenn sie mir Geld geben. Aber nach einer Weile verliere ich mich ganz in dem Song. Ich sehe den müden Reisenden vor mir, der in einem kleinen Hotel eincheckt, bei Sonnenuntergang, und am Pool trifft er auf die geheimnisvolle Besitzerin, die ihn gleich in ihren Bann zieht.


Und schon wieder höre ich eine Geldnote rascheln. Ich lächle in mich hinein. Es funktioniert.


***


 


Dave


»Wieso kommst du nicht gleich mit runter zum Strand?«, fragt Ty, ehe er auf den Beifahrersitz von Jesses gelbem Jeep klettert. Er hat den Wagen ihm und Sherry überlassen, während er mit Emily auf den Bahamas ist. Dort machen die zwei kurze Flitterwochen, ehe am Sonntag die Competition startet. Wenn Lauren antritt, wollen sie dabei sein. Es ist der letzte Termin, um sich für die diesjährige Weltmeisterschaft zu qualifizieren, und wer schon qualifiziert ist, so wie sie, kann seinen Punktestand dort noch mal verbessern, um sich beispielsweise bessere Startzeiten zu sichern. Jesse nimmt dieses Jahr auch wieder an der WM teil, also habe ich gleich zwei wichtige Patienten – denn ich betreue als Sportmediziner sowohl ihn als auch Lauren.


»Ich muss noch Laurens neueste Werte nachtragen«, sage ich. »Ich komme heute Nachmittag nach.«


»Arbeite nicht zu viel«, grinst Ty, der Jesses und Laurens PR-Mann ist.


»Quatsch nicht so viel«, sagt Sherry spaßeshalber, dann winkt sie mir zu und fährt los.


Ich sehe den beiden nach und fühle mich ein bisschen mies, weil ich sie belogen habe. Werte nachtragen geht als Ausrede immer, weil sie im Grunde keine Ahnung haben, was das eigentlich bedeuten soll. In Wahrheit bedeutet es einfach nur, dass sie als frisch verliebtes Paar nicht dauernd die Beschäftigungstherapeuten für ihren Singlefreund spielen müssen. Ich sehe auf die Uhr und beschließe, erst mal in Ruhe irgendwo was essen zu gehen. Wenn man den Weltmeister im Surfen betreut, braucht man als Arzt nicht mehr großartig andere Patienten, um über die Runden zu kommen. Die Sponsoren zahlen ziemlich gut. Dass ich zusätzlich Lauren betreue, ist eigentlich mehr ein Freundschaftsdienst. Oder vielleicht auch der Genugtuung geschuldet, dass sie mich und nicht Damon gefragt hat, auch wenn das vermutlich nur daran liegt, dass er im Gegensatz zu mir eine ganze Reihe anderer Patienten hat. Wie auch immer.


Ich stecke die Hände in die Taschen und überlege kurz, ob ich die Praxis abgeschlossen habe, dann laufe ich los und beschließe, in eines der Restaurants im Zentrum zu gehen, weil mir alle, die sich hier im Gewerbeviertel befinden, zu nüchtern und elegant sind. Lokale, in denen sich alle nur im Flüsterton unterhalten, mochte ich noch nie sonderlich. Davon hatte ich während meiner Kindheit genug.


Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es noch ziemlich früh ist, also kann ich eigentlich auch zu Fuß gehen. Weil ich nicht surfe, halten mich die meisten meiner Freunde für ziemlich unsportlich, aber das stimmt eigentlich nicht. Als wir uns kennenlernten, war schon klar, dass ich Medizin studieren würde, und so fühlte ich mich von Anfang an mehr für sie verantwortlich, als dass es mich selber raus aufs Meer gezogen hätte. Ich war snowboarden, ich habe mit Lauren mal einen Fallschirmsprung gemacht, aber dem Ozean kann ich einfach nicht richtig trauen, und so passe ich lieber auf, während sich Jesse, Ty und der Rest der Squad da draußen in die Wellen stürzen. Vielleicht …


Auf einmal bleibe ich stehen, und dann erst realisiere ich, weshalb eigentlich. Ich höre jemanden singen. Eine Frau. Sie spielt Gitarre dazu, weshalb ich glaube, dass es eine Straßenmusikerin sein muss. Das allein ist in dieser Gegend schon ungewöhnlich genug, aber dazu kommt, dass … Nein, das kann eigentlich nicht sein. Und trotzdem kommt mir ihre leicht rauchige Stimme verdammt bekannt vor und auch die Düsterkeit und Ironie, die darin liegt, als sie „Welcome to the Hotel California, such a lovely place“ singt, kenne ich nur zu gut. Leider.


Ich gehe weiter. Was zur Hölle hat sie hier, nur zwei Straßen von meiner Praxis entfernt, zu suchen? Stalkt sie mich jetzt oder was soll das werden? Wenn ich eines in meinem Leben gerade wirklich nicht gebrauchen kann, dann ist das Audrey Escobar. Trotzdem bin ich mir sicher, dass sie es ist, die ich da singen höre, und tatsächlich: Gegenüber von einem der Restaurants, die ich mir heute Mittag zu meiden vorgenommen habe, sitzt sie auf dem Boden, versteckt hinter einer riesigen Sonnenbrille, und stimmt gerade die letzte Strophe an. Manche der vorbeigehenden Geschäftsleute werfen Geld in ihre Gitarrentasche, aber niemand bleibt stehen. Kein Wunder: Hier hat niemand Zeit für so was. Diese Gegend ist so ziemlich die schlechteste, die man sich als Straßenmusikerin aussuchen kann. Da kann sie noch so gut singen, was sie, wie ich mehr und mehr feststelle, als ich näher komme, immer noch tut. Von der gegenüberliegenden Straßenseite mustere ich sie. Sie scheint nicht einmal überrascht zu sein, dass sich niemand länger als ein paar Sekunden für ihre Musik interessiert, was mich in meiner Annahme nur noch bestärkt: Diese Frau ist einzig und allein aus dem Grund hier, mir nach gestern Abend endgültig den letzten Nerv zu rauben.


***


 


Audrey


Du kannst auschecken, wann immer du willst, aber du kannst niemals wirklich gehen.


Dieser letzte Satz hat mir an dem ganzen Song schon immer am besten gefallen, vor allem wegen seiner tieferen Bedeutung: Du kannst davonlaufen, aber die Dinge, die du zurückzulassen versuchst, folgen dir, finden dich wieder, rufen sich dir unwillkürlich ins Gedächtnis. Immer.


Mit nach wie vor geschlossenen Augen spiele ich die letzten Akkorde und bete dabei schon mal, dass ich in meiner Tasche gleich mindestens fünf weitere Dollarnoten vorfinde, als mich jäh eine Stimme aus meinen Gedanken reißt. Eine tiefe Stimme, die mich bis ins Mark erschüttert. Und sie klingt nicht sehr freundlich.


»Audrey.«


Ich höre auf zu spielen, aber die Augen öffne ich noch nicht. Stattdessen bete ich jetzt erst recht – dass ich mich verhört habe. Dass ich mir nur eingebildet habe, wie er meinen Namen gesagt hat. Dass ich einfach nur nervös bin, weil ich in der Öffentlichkeit singe und darum Wahnvorstellungen habe. Aber leider schaffe ich es nicht, mir diese Ausflüchte wirklich glaubhaft zu machen. Denn ich spüre, dass er da ist. Und dass er auf mich herabsieht. Wie er es insgeheim schon immer getan hat.


Zum zweiten Mal an diesem nervtötenden Tag zwinge ich mich, die Augen zu öffnen, aber anstatt der glühenden Kopfschmerzen, die immerhin noch auszuhalten waren, bekomme ich jetzt die volle Breitseite: David Amaro. Da steht er. Er trägt Jeans und ein schlichtes, aber teuer aussehendes dunkelgraues Shirt und sieht leider immer noch gut aus.


»David«, sage ich gedehnt. »Verfolgst du mich jetzt oder was?«


Er lacht kurz und ungläubig. »Das fragst du mich, ja?«


Ich verdrehe innerlich die Augen über seine Arroganz. »Ziemlich offensichtlich, jepp. Gestern hängst du auf derselben Hochzeit rum wie ich, heute lauerst du mir in der entlegensten Ecke der Stadt auf …«


»Die sich rein zufällig keine fünf Minuten von meiner Praxis entfernt befindet«, unterbricht er mich und klingt dabei halb sauer, halb gelangweilt. Als sei schon längst klar, wer hier die Wahrheit sagt und als habe er keine große Lust, mich zu entlarven.


Aber da gibt es gar nichts zu entlarven, verdammt! Warum um alles in der Welt sollte ich David verfolgen? Als hätte ich gewusst, dass seine –


Moment.


»Praxis? Du bist also wirklich Arzt geworden?«, frage ich stirnrunzelnd.


»Nicht dass es dich etwas angehen würde, aber ja.«


»Wow, das ist übel.«


Jetzt ist es David, der die Stirn runzelt, und das gefällt mir. Er hat mich vielleicht erwischt, wie ich hier sitze und singe und auf die paar Dollars angewiesen bin, die die Leute mir im Vorbeigehen spenden, aber ich habe jetzt ebenfalls einen wunden Punkt entdeckt. Also setze ich gleich noch einen drauf: »Das ist so typisch. Ich wusste, dass du den Schwanz einziehst. So wie gestern. So wie immer.« Während ich rede, beginne ich meine Sachen zusammenzupacken.


»Du musst ja eine ziemlich gute Menschenkenntnis haben, dafür dass wir uns gerade einmal zwei Wochen oder so kannten!«


Ich schließe kurz die Augen. Zwei Wochen oder so. Als hätte er nicht, genau wie ich, die Tage gezählt. Aber wer weiß, vielleicht hat er das tatsächlich nicht. »Manche Dinge erkennt man eben sofort. So wie das dicke fette L für Loser auf deiner Stirn.« Ich stehe auf und schultere meine Tasche. »Jetzt geh mir aus dem Weg, maricón


Doch David denkt gar nicht daran. Er steht vor mir, überragt mich um fast einen Kopf und ich tue mein Bestes, um nicht auf seine breiten Schultern zu sehen. Seine Figur hat mir schon damals gefallen. Er sieht nicht aus wie ein Bodybuilder, das auf keinen Fall, aber er hat etwas an sich, das ihn wirken lässt, als sei er absolut unerschütterlich. Doch wer ist das schon? Ich sollte aufhören, mir Illusionen zu machen.


Trotzig sehe ich zu ihm auf. »Ich sagte, geh aus dem Weg.«


»Was hast du hier zu suchen, Audrey?«, fragt er mit beherrschter Stimme.


»Das geht dich einen Dreck an!«


»Ich will es trotzdem wissen.«


Was zur Hölle soll das jetzt? Denkt dieser Kerl etwa, ich wäre wegen ihm hier? Ich zucke mit den Schultern. »Surfen, was sonst?«


David mustert mich, als hätte ich einen schlechten Scherz gemacht. »Es gibt hunderte von Surfspots in Kalifornien. Bessere als diesen hier.«


»Uh, bist du jetzt Experte?«


»Ich bin der Arzt des amtierenden Weltmeisters.«


Er ist Jesse Caines Arzt? Das hatte er also auf der Hochzeit zu suchen. Kein Wunder, dass dieser blasierte Arsch sich nur mit den besten Patienten zufrieden gibt. Vermutlich ist er steinreich. »Aber lass mich raten, aufs Brett hast du dich immer noch nicht getraut, hm?«, frage ich, aber der Spott will mir nicht ganz so gut gelingen. Ich darf auf keinen Fall beeindruckt wirken.


»Beantworte bitte meine Frage«, fordert David.


Scheiße, ist er jetzt mein Lehrer oder was? Seine Art macht mich verdammt wütend, und das Schlimmste ist, dass ich mich von ihm irgendwie entwaffnet fühle. Weil er einfach nicht darauf einsteigt, wie ich ihn runterzumachen versuche. Ich hebe die Arme, lasse sie gleich wieder fallen. »Ich will mich qualifizieren! Für die Weltmeisterschaft! Und die Wellen hier sind perfekt, um für Huntington Beach zu trainieren! Bist du jetzt zufrieden?!«


David sagt eine ganze Zeit lang nichts und ich erkenne an seinen blaugrauen Augen, dass es hinter seiner Stirn arbeitet. »Seit wann bist du Profisurferin?«, fragt er dann.


Ich zucke mit den Schultern. »Seit jetzt! Probleme damit?«


David atmet tief durch, sieht einen Moment lang an mir vorbei und scheint mit sich zu ringen. »Die WM surft man nicht nebenbei, Audrey. Das erfordert jahrelanges hartes Training. Und –«


»Woher willst du wissen, dass ich nicht die letzten Jahre über hart trainiert habe, he?«


Er blickt mich wieder an. »Tut mir leid, aber das sehe ich an deinem Körper.«


Er … Was?!


Ziemlich ungläubig sehe ich an mir herunter. Will er damit sagen, dass ich zu dick zum Surfen bin oder was?! Ich spüre, wie meine Wut sich um mindestens 1000 Prozent vergrößert. Was bildet sich dieser Kerl eigentlich an? Steht da vor mir, spielt den perfekten Mister Saubermann und erzählt mir was über meinen Körper, der zu fett, zu unförmig oder was auch immer zum Surfen sein soll? Dieser herablassende Wichtigtuer!


»Tja«, sage ich mit vor Zorn bebender Stimme, »dann bist du wohl kein so toller Arzt, wie du glaubst. Und wenn du denkst, dass du mich schneller loswirst, indem du mich beleidigst, dann hast du dich verdammt noch mal geschnitten! Ich werde noch eine ganze Weile hier in San Clemente sein, ob es dir passt oder nicht! Und jetzt geh mir aus dem Weg, oder mein Knie landet in deinen nicht vorhandenen Eiern!«


Das zieht. David sieht mich noch einen Moment lang an, ohne dass es mir gelingen würde, seinen Blick zu deuten. Dann geht er endlich zur Seite und lässt mich durch. Ich schiebe mich an ihm vorbei, überquere die Straße, ohne auch nur ansatzweise auf fahrende Autos zu achten und habe Glück, denn ich werde nicht überrollt. So schnell ich kann, biege ich um die nächste Ecke und bin froh, als ich Davids Blick nicht mehr im Nacken spüre. Doch erst, als ich das blitzsaubere Geschäftsviertel verlassen habe, bleibe ich stehen und lasse mich außer Atem auf eine Bank sinken.


»Mist«, murmle ich und streiche mir die schweißfeuchten Strähnen aus der Stirn. Das war schon der zweite Zusammenprall innerhalb von zwei Tagen und er lief noch mieser als der Erste. Zu dick zum Surfen, tz! Diesem arroganten Sack werde ich es zeigen. Aber zuerst brauche ich dringend etwas zu essen. Und zu trinken. Ich sehe mich um, ob er mir nicht vielleicht gefolgt ist, um mir noch ein paar Dreistigkeiten an den Kopf zu werfen, dann öffne ich die Gitarrentasche und hebe das Instrument an, um meine verdienten Dollars darunter hervorzuziehen. Es sind 13, immerhin. Die Anmeldung zur Competition am Sonntag kostet 45. Die letzte Woche habe ich damit vergeudet, Ausschau nach einem halbwegs normalen Job zu suchen, als Kellnerin oder Promoterin am Strand, um das Geld nicht wie die vergangenen Jahre über mit meiner Stimme verdienen zu müssen. Dadurch habe ich wichtige Zeit verschwendet, die ich jetzt wieder aufholen muss. Heute ist Donnerstag. Mir bleiben also zweieinhalb Tage. Wenn ich es schaffe, heute noch mal 10 zu verdienen und morgen und übermorgen je 12,50, dann kann ich mir jetzt für 3 Dollar ein Frühstück leisten.


Ich schiebe das Geld in die Tasche meiner Shorts, packe die Gitarre wieder ein und beschließe, auf die Suche nach einem Supermarkt zu gehen. Und dann muss ich wirklich trainieren. David wird schon sehen, dass ich in Form bin!


 


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