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Belletristik
Buch Leseprobe Roman, Alexa Rudolph
Alexa Rudolph

Roman


Das seltsame Leben der Scarlett Ostermann

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April 1974



Dass er lächelt, kommt selten vor. Doch jetzt steht er in der


Diele, bindet wie jeden Morgen seine Krawatte und meint,


dass heute ein sehr wichtiger Tag für mich sei. Ich sehe sein


Lächeln im Spiegel.


Der fünfte April neunzehnhundertvierundsiebzig! Merke Dir


das Datum gut, sagt Paps.


Dann sagt er noch etwas, aber ich bin schon aus der Tür.


Gleich 11.00 Uhr.


Blumensträuße, eingerollt in Glitzerpapier, stecken in Iselins


Putzeimer, sehen aus wie Trompeten und stehen auf dem


Konzertflügel. Der Parkettboden ist frisch geölt, die Wände


der Aula gestrichen.


„Eines Menschen Zeit", „Der Fall", „Göttliche Komödie",


„Doktor Faustus" und andere Buchgeschenke, liegen auf


dem kleinen Tisch neben den Zeugnissen. Darüber das Porträt


des Dichters Johann Peter Hebel, dem unsere Schule ihren


Namen zu verdanken hat.


Direktor Albrecht blättert in seinen Merkzetteln, hebt den


Blick, sucht unsere Aufmerksamkeit. Albrecht wirkt angespannt,


Furchen sind ihm in die Stirn gestanzt, drei waagerechte


und eine senkrechte; die Goldrandbrille spiegelt. Auch


heute trägt der Mann wieder seinen mausgrauen Anzug mit


den weiten Hosenbeinen; ebenso den schwarzen Rolli.


Albrecht formuliert und formuliert, kommt nicht vom Fleck,


an seinen Stimmbändern zerrt Nervosität, enthusiastisch rudert


sein linker Arm, der Zeigefinger fuchtelt. Unser Direx


redet über die politisch schwierige Zeit; er mahnt uns. Doch


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wir hören kaum hin, rutschen auf unseren Stühlen. Ich habe


einen Platz an der Fensterseite erwischt, kann hinausschauen


und den ockerfarbenen Feldweg sehen, der sich durchs Braungrün


der Ebene schlängelt und im Wäldchen verschwindet.


„Liebeswäldchen" haben Ehemalige den Forst getauft. Alle,


außer mir, waren schon einmal dort. Glaub‘ ich jedenfalls.


Die Pappel im Schulhof gibt sich noch immer lustlos, ihre


Äste und Knospen sind kaum mehr als Striche und schwarze


Punkte.


Aber auch im nächsten Jahr werden wir sprießen, wenn du

längst über alle Berge bist, hörte ich sie flüstern, als ich an


ihnen vorbei rannte.


Vor einer Woche hat es noch einmal geschneit. Übermütig


klatschten wir Schneematsch ans Schulhaus und bekamen


prompt Ärger mit Hausmeister Iselin, der einen schlechten


Tag hatte.


Iselin gestand uns einmal, bei Wetterwechsel habe er Phantomschmerzen,


sein rechtes Bein sei in Russland geblieben.


Neunzehnhundertvierundvierzig sei das gewesen; und er damals


neunzehn. Kameraden hätten ihn in einen Sanitätstransporter


gestopft, später mit dem Flugzeug, die „gute alte Tante


Ju" hat er den Flieger genannt, in die Heimat geflogen.


Wir kennen Iselins Kriegsgeschichten, er hat sie uns oft genug


erzählt. Jedes Mal ist er von Neuem bewegt, schluckt,


dass man seinen Adamsapfel hüpfen sieht, und die Tränen


kommen ihm. Obwohl dreißig Jahre her, ich glaube, Iselin


weiß noch jedes Detail.


Zu Hause wird über das Dritte Reich, Naziregime und Kriegsgräuel


nie gesprochen. Auch Paps war in Russland und ist im


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Dezember neunzehnhundertzweiundvierzig, einen Tag vor


Heilig Abend, von Bombensplittern getroffen worden. Seither


fehlt ihm das rechte Auge. Wenn ich mehr darüber wissen


will, macht er eine Handbewegung, die sagt, dass ich gefälligst


den Mund halten soll. Oder Paps giftet, dass er nach so


vielen Jahren an den ganzen scheußlichen Mist nicht mehr


erinnert werden wolle, ich solle ihn bitteschön in Ruhe lassen.


Leider träume er manchmal davon.


Weil Paps das künstliche Auge nicht benützt, er bekommt


sonst Kopfschmerzen, bindet er sich eine Augenklappe um.


Im Badezimmer hängen Reserveklappen, die wippen an


Gummibändchen. Als ich noch mit Puppen gespielt habe,


habe ich aus den kleinen schwarzen Dingern Hüte genäht.


Kurt Iselin bekam zum letzten Weihnachtsfest, das gleichzeitig


sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum am Gymnasium


war, von der Schulleitung einen dieser graugrünen


Präsentkörbe, nicht zu tief und mit Henkel. Eine Ananas,


Corned Beef in der Dose, Spargelspitzen im Glas und Pralinen


(„Wappenklasse" stand auf der Schachtel) lagen im mit


Sternchenpapier ausgeschlagenen Korb und der stand, für


uns alle gut sichtbar, auf einem Klapptischchen im Vorraum


der Hausmeisterwohnung.


Gretel Iselin, die Frau mit kräftiger Dauerwelle und wahlweise


in himmelblauer oder beiger Nylon-Kittelschürze


mit brauner Verzierung, verkauft hier in den Pausen Wecken,


Milch und Kakao. Gretel Iselin ist die Oberputzfrau


der Schule und kommandiert zwei Gastarbeiterinnen. Zlatka


und Milka tragen goldene Spangen im gefärbten Haar. Die


jungen Frauen müssen die Fensterflügel im Treppenhaus


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reinigen; Kurt Iselin hält die Trittleiter. Stundenlang stehen


die strohblonden Jugoslawinnen auf den Sprossen, wienern


Scheiben, schrubben Fensterrahmen, kichern mit Iselin. Und


rennt der durch die Schulflure, dann schwingt er das Prothesenbein


mit dem braunen, festen Schuh in einer Art Halbkreis,


verlagert dabei das Gewicht auf sein richtiges Bein.


11.18 Uhr


Gott sei Dank, Albrecht packt seine Zettel ein! Preisverleihung


und ein Chopin-Walzer, gespielt vom Sohn des Musiklehrers,


einem mädchenhaften Knaben, der natürlich Pianist


werden wird, werde ich auch noch überstehen. Bei den Preisen


bin ich nicht dabei, das ist sowieso klar. Es gibt kein


Fach, in dem ich so gut gewesen wäre, dass man mir heute


ein Lob ausspricht, oder gar eines der Bücher schenkt. Zugegeben,


ich war nie sehr aufmerksam, fantasierte mit dem


Zeichenstift herum und war froh, dass mir niemand hinter die


Stirn schaute, denn dort versteckten sich Schnittmuster und


Strukturen anderer Art.


Wie ein Hase habe ich Haken geschlagen, habe mir das Angebot


unserer Ausbildungsstätte voller Skepsis angeschaut


und mich geweigert, an jeder zusätzlichen Lehrveranstaltung


teilzunehmen. Einer meiner Lehrer nannte mich versponnen,


ein anderer verspielt, ein dritter meinte sogar, ich sei viel zu


grün hinter den Ohren, ich hätte noch keine Reife und solle


wiederholen. Ich wollte aber nicht wiederholen, dachte an


die kostbare Zeit, die ich verlieren würde und tat so, als würde


ich mich anstrengen. Ich war außerdem stolz, dass ich von


Anfang an die jüngste in unserer Klasse war. Paps meinte, ich


sei einfach zu faul, dabei hätte ich doch Verstand für zwei.



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