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Belletristik
Buch Leseprobe Ricardas Erbe, Christine Lawens
Christine Lawens

Ricardas Erbe


Roman

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Prolog

 


Doña Graciana Alfaro!


Stat crux dum volvitur obis.


Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.


Gott hat mir den Weg zu Ihrer Familie gewiesen. Ich, Bonifacio Ladrón, verkünde hiermit Ihnen, Doña Graciana Alfaro, dass ich als Mönch Bonifacio, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, das heilige und geheiligte Gelöbnis mit meinen eigenen Worten zu wiederholen und zu erneuern wünsche, das zuerst von meinem Ordensbruder Lazaro Martínez bei Gelegenheit der Vollendung und Weihe der Mission von La Cartuja de las Fuentes abgelegt wurde.


Da nun die Zeit der Säkularisierung nicht mehr fern ist, bitte ich Sie, einen Eid abzulegen. Alles Land, das zu diesem Kloster gehöre und an Ihr Landgut grenze, soll von dem Orden an Ihre Familie übergehen. Es soll für immer im Besitz der Familie Alfaro bleiben, um es vor Plünderungen und vor der Zerstörung zu retten. Die Katakomben unter der Kapelle sowie diese selbst sollen dem Eid zufolge niemals entweiht werden.


Die Ländereien erstrecken sich, so weit das Auge reicht, von Horizont zu Horizont, bis zu dem Sand am Meer in westlicher Richtung, hin über den buckligen Felsen in nördlicher, den Korkeichenwäldern in östlicher und die Olivenreihen in südlicher Richtung. Drei Pferdeköpfe aus Stein weisen die Richtungen und wachen über das Land.


Hiermit übertrage ich dieses heilige Gelübde an Sie, Doña Graciana Alfaro, und Ihre Nachkommen vor den Hl. Vätern des Ordens der Kartäuser und dem Zeugen, dem Ordensbruder Lazaro Martínez, der hier mitunterzeichnet.


La Cartuja de las Fuentes, 1835


 


 


 


Kapitel 1 La Verdad, März 1998

 


Die Tierwelt erwachte in der morgendlichen Stille der Coto de Doñana, als sich die Sonne langsam über die Hügel erhob und mit goldenen Fingern einen Himmel abtastete, der sich innerhalb kürzester Zeit fast purpurrot färbte. Das Laub der Bäume rauschte leise, von einem Lüftchen bewegt, während Carmela reglos im Gras stand und zusah, wie der leuchtende Himmel in satter Farbenpracht zersprang. Einige Augenblicke schienen die Vögel zu verstummen, fast so, als empfänden sie Ehrfurcht vor der Schönheit dieses Anblicks. Üppiges Weideland, auf dem Vieh graste, erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Die Finca der Familie Alfaro-Sánchez umfasste viertausend Hektar Land, auf dem Pferde- und Rinderzucht die Gewinne einbrachten. Der Landbesitz grenzte direkt an den Naturpark Coto de Doñana. Seit hundert Jahren warf die Finca La Verdad stattliche Erträge ab, doch Carmela liebte dieses Gut nicht aus diesem Grund. Sie liebte es, weil ihr ganzes Herz daran hing. Es war, als spräche sie wortlos mit den Geistern, von deren Vorhandensein sie allein wusste. Carmelas Blick verfing sich in den silberfarbigen Olivenzweigen, die sich sanft in der Morgenbrise wiegten, die Sonne schien warm auf Carmelas schwarzblaues Haar, und sie fing leise zu summen an. Sie lief zum Fluss, und ihre Füße versanken in einem Blumenteppich, und der betäubende Duft wilder Kräuter umhüllte sie. Carmela hockte sich auf einen glatten grauen Stein und ließ das eisige Wasser über ihre Füße laufen. Sie beobachtete, wie die Sonnenstrahlen sich immer näher an die Felsen heranschoben. Sie liebte es, den Sonnenaufgang zu erleben. Carmela genoss es, dazusitzen und in der Morgenstille zu meditieren.


Auf dem Landgut gab es Vorarbeiter, Unterverwalter, Hilfskräfte, Pferdepfleger und Stallburschen. Doch es gab niemanden, der das Land so innig liebte wie sie, ihre Tochter Laura und ihr Vater José Sánchez. Hier waren sie und ihre Tochter zur Welt gekommen, und eines Tages, wenn sie sehr alt sein würde, älter vielleicht, als ihr Vater jetzt war, würde sie hier sterben wollen. Sie liebte diese Finca und diese Landschaft von ganzem Herzen.


Carmela ging zu ihren Lieblingen, stellte sich an die Koppel und erwärmte sich beim Anblick der anmutigen, lebensfrohen Tiere, indem sie den Pferden beim Grasen zusah. Ortega, Großmutters dreißigjähriger Hengst, erspähte sie und kam zu ihr herübergetrottet. Er streckte seinen Kopf über den Zaun, weil er gestreichelt werden wollte. Carmela kraulte Ortega hinter den Ohren und sprach mit leiser, singender Stimme auf ihn ein; doch mit den Gedanken war sie ganz woanders, ihre Worte kamen einfach automatisch. Ihm schien das nichts weiter auszumachen, seine Augen waren halb geschlossen, und er schnaubte selig. Carmela dachte an ihre verstorbene Großmutter Ricarda. Sie war eine Pferdeheilerin, und Carmela hatte ihre Gabe geerbt und führte dieses Vermächtnis fort. Sie musste lächeln, die Erinnerung war so präsent, als wäre es gestern gewesen. Carmela erzählte ganz aufgeregt ihrer Großmutter, sie war gerade erst vierzehn Jahre alt, wie sie die Hitze und ein Prickeln fühlte, wenn sie kranke Pferde berührte. Carmela spürte damals, wo die Pferde Schmerzen oder Energieblockaden hatten.


„Dann ist es jetzt so weit“, hörte Carmela ihre Großmutter sagen. Ricarda verfeinerte die Fähigkeiten ihrer Enkelin Tag für Tag. Sie lernte, durch Handauflegung Schmerzregionen aufzuspüren und zwischen emotionalen und körperlichen Blockaden zu unterscheiden. Ohne es zu ahnen, überschritt Carmela eines Tages eine weitere Grenze und konnte sich auf den Geist eines Pferdes einstimmen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie in den Boxen und auf den Weiden mitten unter ihnen gelebt. Sie war ihrer Großmutter bis heute dankbar, dankbar für diese wunderbare Gabe. Oft musste Carmela an die Worte denken, die ihre Großmutter am Sterbebett zu allen Anwesenden gesagt hatte. „Carmela ist ein ungewöhnliches Kind.“


Sie hatte ihre Enkelin gebeten, näher zu kommen. „In dir setzt sich eine lange Tradition fort. Du trägst das alte Spanien in dir, aber auch das neue, wie immer es aussehen wird. Lebe wohl und sei so stark und mutig, wie ich es einmal war. Gib mir deine Hand …“ Carmela erinnerte sich, dass sie bei ihrer Großmutter bis zu ihrem letzten Atemzug gesessen hatte. Sie starb friedlich, ohne Kampf. Carmelas Mann Leon dagegen starb grausam. Er wurde während eines Stierkampfs von einem Stier getötet. Bereits vor ihrer Großmutter war Carmelas Mutter gestorben. Sie litt schon als Kind unter Asthma, ihr Herz war dadurch sehr geschwächt. Als dann zum dritten Mal ein Sarg in die oberirdische Grabkammer geschoben wurde, dachte Carmela, dass ein großer Teil ihrer Vergangenheit schon in dieser Gedenkstätte ruhte: ihre Mutter Elena, Großmutter Ricarda und dann ihr Mann Leon, ihre erste große Liebe. Das war die Vergangenheit. Jetzt blieben nur noch ihre Tochter Laura und ihr Vater.


Carmela öffnete die Augen, die sie kurz geschlossen hatte, und sah zu, wie die Sonne höher stieg. Es wurde Zeit, dass sie sich auf den Heimweg machte. In einer Stunde kam ein neuer Patient. Ein Wallach. Seine Besitzerin war eine Bankerin aus Sevilla, die von Carmelas psychokinetischer Begabung gehört hatte. Señora Vegas’ Pferd ließ kaum noch jemanden an sich heran. So war es Carmelas Aufgabe, dem Tier die Angst zu nehmen. Carmela musste daran denken, welche Skepsis man ihr und ihrer Arbeit jahrelang entgegengebracht hatte und wie viele Jahre es gebraucht hatte, bis man ihre Fähigkeiten ernst genommen hatte. Auch heute würde sie vermutlich wieder auf diese Vorbehalte stoßen, aber Carmela sah der Aufgabe gelassen entgegen. „Lassen wir uns überraschen“, murmelte sie.


Sie ging zurück, vorbei an den Stallungen, die unmittelbar in der Nähe des Haupthauses lagen. Mit gewohnter Routine ließ Carmela ihren Blick – oder ihre Handfläche – über jedes einzelne Pferd gleiten, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging. Dann ging sie die Kiesauffahrt hinauf zum Haus, blieb kurz stehen und sah zu ihrem Geburtshaus „La Verdad“ hinüber. Die Schichten der Zeit konnte man förmlich fühlen. Jeder einzelne Bewohner hatte ein wenig von sich zurückgelassen. Die klassische Fassade mit einem Säuleneingang und vielen Mauerbögen, Dachschrägen mit Tonziegeln und die vielen bunten Fliesen, die überall zu sehen waren.


Von Weitem konnte sie ihre elfjährige Tochter Laura auf der Terrasse erkennen, wie sie mit schlurfenden Schritten zum Frühstückstisch ging. Sie trug einen Schlafanzug, der ihr zwei Nummern zu klein war. Die strahlenden dunklen Augen eines Nachthimmels, das dichte schwarze Haar und die langgliedrige, anmutige Gestalt hatten sich in direkter Linie von Vater José über Carmela auf Laura vererbt. Ihre Tochter hatte nichts Gekünsteltes an sich, nicht die Andeutung von Koketterie, sie besaß nur eine umwerfende Schönheit, derer sie sich noch nicht bewusst war. Aber es würde nicht mehr lange dauern. Für Carmela würde ihre Tochter immer das kleine Mädchen bleiben.


„Hallo, Liebes.“


„Na, warst du wieder auf deiner Meditour?“


Carmela überhörte die Anspielung ihrer Tochter auf ihr morgendliches Ritual.


„Wo ist dein Großvater? Ich habe ihn noch gar nicht gesehen.“



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