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Belletristik
Buch Leseprobe Recuerdos, Peter J. Hakenjos
Peter J. Hakenjos

Recuerdos


Vielleicht war es ein Tango

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(Tango von Alfredo Le Pera und Carlos Gardel)


Tengo miedo del encuentro


con el pasado que vuelve


a enfrentarse con mi vida.


Tengo miedo de las noches


que, pobladas de recuerdos,


encadenen mi soñar.


Pero el viajero que huye,


tarde o temprano detiene su andar.


Y aunque el olvido que todo destruye,


haya matado mi vieja ilusión,


guarda escondida una esperanza humilde,


que es toda la fortuna de mi corazón.


 


Ich habe Angst vor dem Treffen


Mit der Vergangenheit, die zurückkehrt


Um mich mit meinem Leben zu konfrontieren.


Ich habe Angst vor den Nächten,


die bevölkert von Erinnerungen


meine Träume in Ketten legen.


Aber der Reisende, der flieht,


früh oder später hält er inne


und obgleich das Vergessen, das alles zerstört


meine alte Illusion getötet hat,


bewahre ich im Verborgenen eine bescheidene Hoffnung


die der einzige Schatz meines Herzens ist.


 


 


 1


Auch Wege, die ohne Hoffnung begonnen werden, sind Wege. Baldur holte, wie jeden zweiten Donnerstag, seine Tasche mit Tangoschuhen aus dem Schrank, um sich mit Anna-Sophia zu treffen. Lange hatte er überlegt, ob er seiner Tanzpartnerin abtelefonieren sollte. Immer, wenn er den Telefonhörer in der Hand hatte, legte er ihn wieder zurück. Er musste gehen. 


 


Vor einigen Wochen wurde ihre Tangoassoziation vom Tanzsportclub Residenz aufgefordert, ein Paar zum Schautanzen bei der Eröffnung ihres Jahresballs zu stellen. Baldur hatte mit seiner Partnerin Anna-Sophia diese Aufgabe widerstrebend übernommen. Er mochte die Blicke der anderen Männer nicht, die Anna-Sophia während des Tangos begafften. Sie war eine Frau knapp über fünfzig und hatte kastanienrotes, glattes Haar, das von einem strengen Mittelscheitel getrennt wurde. Die Haarenden schmiegten sich an ihren Hals. Nur eine einzige Strähne fiel ihr seitlich ins Gesicht und berührte ihr Kinn. An jenem Abend trug sie ein blutrotes Kleid mit einem Schlitz, der ihr rechtes Bein freigab. Auf ihren High Heels schritt sie wie eine Königin in den Saal. Die Männer im Publikum schwiegen, als sie die Tanzfläche betrat und sich an der Hand Baldurs verneigte. Baldur erschien in Schwarz. Seine Buntfaltenhose wurde von einem Ledergürtel abgeschlossen, der sich um seine Hüfte wand. Das Hemd konnte nicht verbergen, dass er außer dem Tanzsport noch Judoka war. Die Unterarme ragten aus den hochgekrempelten Ärmeln hervor und zeigten, dass er die notwendige Kraft besaß, einer Frau in gewagten Tanzpositionen Halt zu geben. Anna-Sophia fühlte sich bei ihm sicher. Seine Stärke gab ihr Freiheit. Baldurs graue Haare fielen gewellt über den Nacken und standen in Kontrast zum Schwarz seiner Kleidung. Er fixierte Anna-Sophia. Sie trat ein paar Schritte zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Baldur nickte dem Mann am Mischpult zu. Aus monströsen Lautsprechern am Rand der Bühne begann die Musik herauszuquellen. Der Tango »Quejas de bandoneón« von Aníbal Troilo erfüllte den Raum mit einer klagenden Melodie. Im Takt bewegte sich Anna-Sophia auf Baldur zu. Er schaute ihr entgegen und wartete, bis sie vor ihm stand. Mit einem Ruck zog er sie zu sich hin. Der Rhythmus der Musik erfasste sie beide. Anna-Sophia ließ ihn ihren Körper fühlen und fiel dann in seinen Armen nach hinten. Baldur hielt sie knapp über dem Boden fest. Er beugte sich zu ihr hinunter, fast wie zum Kuss. Dann zog er sie zu sich hoch. Nach vorne gebeugt schmiegte sie sich an seinen Arm. Kosend strich seine freie Hand ihre Hüfte entlang. Sie reckte sich zu ihm auf und fuhr ihm sanft über den Kopf. Die Musik wurde schneller. Mit nur für sie wahrnehmbaren Impulsen führte er Anna-Sophia. Sie reagierte darauf in gewagten Figuren und schien ihm zu gehören, um sich ihm dann zu entziehen. Er folgte ihr. Schließlich wand sie ihre Beine um ihn, die jetzt gänzlich vom Kleid freigegeben wurden, als wolle sie ihn fesseln. Dem Takt der Musik folgend, trennte Anna-Sophia sich nun nur noch von ihm, um ihn mit schlangenhaften Bewegungen zu bezirzen. Sie bot sich an, nur um sich wieder zu entziehen. Ihr Tango war das Schauspiel des ewigen Balzspiels der Geschlechter von Anziehung und Abstoßung.


 


Die Musik endete. Beifall brauste auf. Baldur verneigte sich, Anna-Sophia knickste leicht.  Ihr Blick richtete sich zu einem Tisch in der ersten Reihe. Baldur erkannte ihren Mann, der alleine vor einer Flasche Champagner saß. Aus den Augenwinkeln heraus sah Baldur, wie sie ihm glücklich zuwinkte. Es war Dr. Forstner. Das Lächeln in Baldurs Gesicht fror ein, als er Anna-Sophia mit einer kleinen Geste zu verstehen gab, die Tanzfläche zu räumen. 


 


Eine Treppe führte hinunter zur Umkleide. Stumm liefen sie nebeneinander her; aus dem Ballsaal klang ein Walzer zu ihnen herunter. Anna-Sophia sah Baldur von der Seite fragend an, doch er schien den Blick nicht zu bemerken. Nachdem Anna-Sophia in Richtung des winzigen Nebenzimmers abgebogen war, in dem sie ihre Kleidung wechseln konnte, sah er, wie ihnen Dr. Forstner mit einem riesigen Blumenstrauß im Arm die Treppe herunter folgte. Baldur blieb einen Moment überrascht stehen und grüßte ihn mit einem stummen Kopfnicken. Bevor er weitergehen konnte, sprach ihn Dr. Forstner an: »Herr Gellert, Sie haben mit meiner Frau wunderbar einen auf’s Parkett gelegt. Sie sah in Ihren Armen aus wie eine Göttin.« 


»Ach ja, finden Sie? Ihre Frau ist eine hervorragende Tänzerin. Aber Sie entschuldigen mich sicher. Ich muss mich umziehen.« 


Dr. Forstner nickte leicht und sah Baldur nach, wie er hinter einer Tür mit der Aufschrift »Privat - Zutritt nur für Personal« verschwand. 


Anna-Sophia hatte Baldur vor ihrer Umkleide erwartet. An seiner Stelle stand Dr. Forstner mit einem Strauß Rosen vor ihr und strahlte sie an.


 


Zehn Tage waren vergangen. Heute war wieder ihr Training. Dieser Tag würde sich von all den anderen, die er mit ihr verbracht hatte, unterscheiden. Doch noch war es Zeit. Er trat an das Fenster seines Arbeitszimmers. Unter ihm lag der von hohen alten Mietshäusern gesäumte nasse Asphalt in der Weststadt von Karlsruhe. Der Herbst mit seinen letzten warmen Tagen, dem Gelborange und Rostbraun der Wälder, war vorbei. Er hatte nach seiner Pensionierung mit nur siebenundfünzig Jahren die sonnigen Tage auf einer Parkbank im Schlossgarten verbracht. Im Teich vor ihm spiegelte sich das tiefrote Herbstlaub exotischer Büsche. Hungrige Enten belagerten gelangweilte Rentner, die sich hier trafen, um bis in die unerfreulichsten Details ihre akuten Beschwerden zu beschreiben. Sie tauschten die Nachrichten vom Tod des einen oder anderen Freundes aus und seufzten bei dem Gedanken, vielleicht der Nächste zu sein. Ihren Tod würde man auf dieser Parkbank mit dem gleichen Unbehagen diskutieren. Beiläufig warfen sie den Enten die zwischen den Fingern zermahlenen Reste ihres Frühstücksbrotes zu. Es gab ihnen das Gefühl, wenigstens für diese Kreaturen noch wichtig zu sein. Unfreiwillig wurde Baldur zum Zeugen ihrer Gespräche, bis er seinen MP3-Player einschaltete. Zur Musik von Bach oder Händel schlug er einen neu erschienenen Gedichtband irgendeines Nachwuchspoeten auf. War es dieses Leben, das ihn jetzt erwartete? Außer Anna-Sophia und einer Handvoll Sportkameraden vom Judo besaß er niemand, dessen Gesellschaft er gesucht hätte. Vor seiner Pensionierung gab es die Schule, die Kollegen, seine Schüler. All das war Vergangenheit. Die Lehrer, mit denen er sich hin und wieder traf, würden ihm bald fremd sein. Und auch Anna-Sophia würde er nicht öfter sehen können als bisher.


 


Der November hatte ihn mit einem eisigen Nieselregen zurück in seine Wohnung getrieben. An manchen dunklen Nachmittagen floh er vor der Langeweile hinaus in den Hardtwald, der sich mit seinen Buchen und Eichen in nicht enden wollender Monotonie durch die Rheinebene hinzieht. Ohne Ziel stapfte er durch modriges Laub, das vom Wind getrieben die Wege bedeckte. Die Spaziergänger waren in die geheizten Cafés und Kaufhäuser der Innenstadt geflohen. Der Wald bestand nur noch aus einer Ansammlung schwarzer Gerippe und gehörte ihm alleine. Nur hin und wieder strampelte ein verlorener Radfahrer wortlos, ohne nach rechts oder links zu sehen, an ihm vorüber. Auf seinen Streifzügen fand er bizarre, von Moos überwucherte Wurzeln, die metallisch schimmernden, schwarzen Federn einer Krähe, rostiges, verbogenes Eisen, kaum noch lesbare Zeitungsreste und hin und wieder die ausgebleichten Schädel von Mäusen oder Vögeln. Er nahm diese Schätze mit nach Hause und fügte sie mit eigenen Schwarz-Weiß-Fotos zu Collagen und Installationen zusammen. Seine Regale und Wände quollen über von den Erinnerungen dieser Beutezüge. Schon mussten seine Bücher Platz machen und sich in zwei Reihen hintereinander drängen. Nur durch das penibel ausgedachte System, mit dem er seine Regale organisiert hatte, gelang es ihm, seine geliebten Romane wieder aufzufinden. Die Federobjekte, das rostige Eisen, die Kleintierschädel und die uralten Fotos täuschten über die durchdachte Ordnung seiner Dreizimmerwohnung hinweg.


 


An den Wochenenden war Baldur Stammgast auf den Flohmärkten der Umgebung. Der Messplatz Karlsruhes mit seiner trostlos grauen Asphaltdecke war übersät von ordentlich ausgerichteten Tapeziertischen und auf dem Boden ausgebreiteten Decken, beladen mit Plunder. Ihn interessierte nicht der Krempel der Mütter, die mit ihren Kindern den im Haushalt angesammelten Trödel und die nicht mehr bespielten Stofftiere und Modellautos feilboten. Mitunter fanden sich unter all dem angeschlagenen Porzellan, den vom Kellerstaub grauen Elektrogeräten, den zerfledderten Comics, die niemand mehr lesen wollte und den Schwarten irgendwelcher Krimiautoren auch antike Preziosen. Über all dies glitt sein Blick hinweg. Seine Suche galt nur einer Sache. Und damit war er bei den regelmäßig auftauchenden Händlern bekannt. Wenn er sich wieder einmal einem Berg von Büchern, Puppen ohne Arme und alten Schellackplatten näherte, schüttelte der Verkäufer mit dem Kopf oder er griff unter den Tisch, um ihm ein zerschlissenes Fotoalbum entgegenzustrecken. 


 


Es war einer jener Samstagvormittage auf dem Messplatz, als er aus der Hand eines Pfälzer Trödlers ein Album in ausgebleichtem rotem Leder fand. Die Ecken waren nicht wie so oft abgestoßen. Und er erkannte daran, dass es noch nicht lange von Flohmarkt zu Flohmarkt geschleppt worden war. Der Einband war nicht in dem üblichen, zu seiner Zeit preisgünstigen Leinen oder Karton gefertigt. Es musste einer wohlhabenden Frau gehört haben. Meist kümmern sich Frauen um die Konservierung der Familienerlebnisse. Vor allem verrieten die Schwarz-Weiß-Fotos aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Wohlstand der ehemaligen Besitzerin. Es waren nicht die unscharfen, quadratisch-kleinformatigen Abzüge mit gezacktem Rand, geschossen mit einer billigen Kamera. Das große Format und die Schärfe der Aufnahmen wiesen auf eine teure Kamera hin, vermutlich eine Leica. Die abgelichteten Personen zeigten sich nicht in Kleingartenanlagen, im Karlsruher Stadtgarten oder unter irgendeinem Weihnachtsbaum, sondern in Smoking und Pelzen vor Gebäuden, wie dem Kasino in Baden-Baden oder der Oper. Auf einem Foto glaubte Baldur, Sankt Moritz zu erkennen. Hin und wieder war ein Herr mit Fliege und Spazierstock zu sehen, der vergeblich ein Lächeln versuchte und damit fast immer kläglich scheiterte. Neben ihm stand eine schmale, nur etwas jüngere Frau, die schüchtern in die Kamera lächelte. 


In seinen Alben konnte Baldur fast immer die Person finden, die das Album angelegt hatte, obgleich sie nicht immer der Fotograf war. Glücklicherweise kam es so gut wie nie vor, dass der Autor der Alben fotoscheu war. Mit den Alben ließ sich immer ein Teil einer Lebensgeschichte rekonstruieren. Auch in diesem Album erschien ständig eine kaum dreißigjährige Frau mit einem Kind auf dem Arm. Sie war groß gewachsen, mit dunkelblondem Haar und hellen Augen. Die monoton sich wiederholenden Erinnerungsschnappschüsse von Weihnachtsfesten, von Familienfeiern, in denen die Großeltern vermutlich als letzte Erinnerung Jahr für Jahr auf demselben Sofa drapiert wurden, die Kirchen, die immer wieder als Hintergrund dienen mussten, das alles fand sich auch in diesem Album. Und immer wieder diese Frau! Sein Blick blieb an einer Seite hängen. Die junge Frau lehnte sich einsam auf hoher See über die Reling eines Schiffes und sah hinaus auf das Meer. Baldur blätterte weiter, obgleich er wusste, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, das Album gleichgültig aus der Hand zu legen, um beiläufig nach dem Preis zu fragen. Es tauchten Fotos einer ihm fremden Stadt auf. Waren es zuvor Fotos aus der Umgebung Karlsruhes, von Straßburg, Baden-Baden oder Bonn, so war es jetzt nicht mehr zu erkennen, wo sich diese riesigen Alleen, die von gewaltigen Gebäudekomplexen aus dem 19. Jahrhundert flankiert waren, befunden haben mochten. Er kannte diese Art monumental bürgerlicher Straßenschluchten von der Gran Via in Madrid. Aber Madrid konnte es nicht sein. Schließlich fand er unter einem Foto die mit einem Silberstift in verschnörkelter Frauenhandschrift hingemalten Lettern »Buenos Aires«. Auf der nächsten Seite endlich ein ganzseitiges Foto mit glattem, weißem Rand. Auf ihm lag die Protagonistin des Albums mit melancholisch-glücklichem Gesichtsausdruck in den Armen eines Tangotänzers. Der Tänzer beugte sich nach vorne und sah sie strahlend an, während sie in die Kamera schaute und lächelnd Baldur anstrahlte. Sie trug ein langes, dunkles Kleid, das ihr bis an die Knöchel reichte und hochhackige Schuhe. Ihr Haar war zu einem Knoten gebunden. Der Tänzer trug einen schwarzen Anzug und seine Haare glänzten im Licht einer nicht sichtbaren Lampe. Der Raum um sie herum lag im Dunkeln. Nur schemenhaft waren winzige Tischchen zu erkennen, die sich um eine Tanzfläche gruppierten. Es handelte sich offensichtlich um eine für das Tanzpaar gestellte Szene, aufgenommen in einer Tangobar von einem Berufsfotografen. Hastig blätterte er die folgenden Seiten um. Immer wieder diese Frau! Immer wieder hatten die Fotos etwas mit Tango zu tun. Einmal steht sie, den Fotografen anlachend, vor einer Tanguería, einem Tangolokal, über der in weißen Buchstaben »Cachafaz« aufgemalt war, ein anderes Mal ist sie auf einer verwackelten Aufnahme mit Tänzern in einer Bar kaum zu erkennen. Endlich riss sich Baldur von den Fotos los. Die Faszination, die Baldur an den Tag gelegt hatte, kostete ihn Geld. Es nützte nichts, das Album in gespielter Gleichmut zur Seite zu legen und nach dem Preis zu fragen. Zwanzig Euro für ein Fotoalbum, in dem keine Kriegsfotos, noch sonst etwas für Sammler Spektakuläres zu finden war, war ein horrender Preis. Der Händler gab ihm zwei Euro nach, aber dann musste Baldur kaufen, wollte er nicht riskieren, dass er aus Stolz den Kauf hätte platzen lassen müssen. Grinsend verpackte der Händler die Kostbarkeit in Zeitungspapier und reichte es zwinkernd Baldur über den Tisch. Er wusste in diesem Moment nicht, dass er mit dem Album Baldurs Leben verändern würde.


 


Zu Hause angekommen entfernte Baldur vorsichtig die papierne Hülle und öffnete es mit jener Ehrfurcht, die er immer walten ließ, wenn er die Erinnerungsstücke vergessener Menschen vor sich hatte. Bei diesem Album war es mehr, als das Suchen nach der Vergangenheit von Menschen, die einsam in irgendeiner für sie zu groß gewordenen Wohnung gestorben waren. Er wusste, er würde dieses Schicksal teilen. Dinge, die ihm viel bedeuteten, würden ebenfalls auf einem Flohmarkttisch landen oder als Müll entsorgt werden.


 


Dieses Album war anders als die vielen, die er bereits gekauft hatte. Es erging ihm mit dieser Frau, wie mit Menschen, die man noch nie gesehen hat, und die man bei der ersten Begegnung schon zu kennen glaubt. Er wusste von ihr nur, dass sie ihr blondes Haar gerne in einem Knoten trug, dass sie eine kleine Tochter hatte, die irgendwann aus dem Album verschwand und er wusste, von der Unbekannten, dass sie in Buenos Aires Tango getanzt hatte. So sehr er auch suchte, es war kein Namen zu finden, der zu einer noch so vagen Identifizierung hätte dienen können. Blatt für Blatt hatte er das Album umgedreht und mit der Lupe nach ausradierten Spuren von ehemaligen Einträgen geforscht: Nichts. Das letzte Foto zeigte sie vor dem Heidelberger Schloss zwischen dem älteren Paar, ihre Arme um die Hüfte der Frau geschlungen und in die Kamera lächelnd. Der Mann, den Baldur für ihren Vater hielt, wirkte mürrisch. Auf diesem letzten Bild versuchte er nicht einmal ein Lächeln. Dagegen gab sich die Unbekannte Mühe, trotz ihrer traurigen Augen, fröhlich zu erscheinen. Er klappte, vorsichtig das Album zu, damit sich nicht das dünne Transparentpapier zwischen den Kartonseiten zerknüllte, schob die Bücher auf seinem Schreibtisch zur Seite und legte es vor sich hin. Bedächtig richtete er es aus, so dass das Album genau parallel zur Schreibtischkante lag, und lehnte sich zurück. Sein Blick blieb auf dem ausgebleichten, roten Einband haften. Wer war diese Frau, die Mitte der fünfziger Jahre Ende dreißig gewesen sein mochte? Wie mochte ihr Leben gewesen sein? Warum war auf den Fotos nie ein Mann zu sehen, der ihr Ehemann gewesen sein könnte? Was ist mit dem kleinen Mädchen geschehen, das plötzlich verschwand und warum die Reise ohne Begleitung nach Argentinien? Baldur wendete den Blick ab und starrte auf ein Foto an der Wand. Er hatte es auf einer Wanderung im Schwarzwald aufgenommen, als an der Teufelsmühle die Nebel vom Tal aufstiegen. Seine Gedanken waren aber bei jener rätselhaften Frau, die für den Tango nach Südamerika aufgebrochen war. Ruckartig richtete er sich auf seinem Sitz auf. Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen? Seine Finger zitterten leicht, als er begann, Foto für Foto behutsam aus den mit den Jahren brüchig gewordenen Fotoecken zu lösen. Er fuhr mit dem Nagel seines Zeigefingers unter den steifen Karton und hob die Aufnahmen behutsam aus ihrer Verankerung, in der sie über ein halbes Jahrhundert eingeklemmt waren. Nichts. Hin und wieder mit Bleistift eine Nummerierung, der Stempel irgendeines Fotostudios, das die Abzüge entwickelt hatte, und das schon längst nicht mehr existierte. Er hatte die Hoffnung auf einen Hinweis, und sei er noch so unbedeutend, aufgegeben, als er auf das erste Bild mit einer Tangoszene stieß. Auf der Rückseite fand er den Stempel des Fotogeschäftes Benito Herrera Díaz und darunter einen mit Füller und der gleichen schnörkeligen Handschrift, mit der »Buenos Aires« geschrieben war, der Name »Juan Carlos Copes«. Im Internet fand er seine Geschichte. Es war ein berühmter Tangotänzer. Auch die weiteren Aufnahmen trugen Namen. Immer waren sie mit dem Tango verbunden, meist Tänzer. Seine Gedanken kreisten noch lange um dieses Album, das ihn mehr berührte, als all die Alben, die er zuvor auf Flohmärkten gesammelt hatte, und die jetzt ein ganzes Regalbrett in seinem Wohnzimmer einnahmen. Als er nicht einschlafen konnte, setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und bestellte im Internet eine Anthologie des Tangos. Legenden wie Carlos Gardel, Osvaldo Pugliese, Roberto Goyeneche und Astor Piazzolla waren ihm bis dahin unbekannt. Die kommende Zeit verließ er seine Wohnung nur, um die notwendigsten Erledigungen zu machen. Er graste alle Suchmaschinen nach den Tänzern der Fotos ab. Kaum einer wurde auf spanischen Webseiten erwähnt. Mühselig übersetzte er die Informationen, die sich um diese Namen gruppierten. Nichts davon brachte ihn weiter. Er betrachtete alle Videos, die er im Internet über Tango finden konnte. Er fand keinen Tänzer aus dem Album. 


 


Es war ein Freitag, als der Austräger von DHL an der Tür klingelte und ihm ein dickes rechteckiges Paketchen überreichte. Die CD-Sammlung mit der Tango-Anthologie war eingetroffen. In den kommenden Tagen war sein erster Gang, wenn er nach Haus kam, zum CD-Player. Beim Kochen und späteren Essen, alleine zwischen seinen Bücherregalen hörte er die traurig-melancholischen Lieder Argentiniens und Uruguays. Hin und wieder legte er Messer und Gabel beiseite, stand auf und las im Inlett seiner Anthologie etwas nach über den Sänger und den Liedtext, bis er auf »Sus ojos se cerraron« traf, ein Tango von Alfredo La Pera und Carlos Gardel. In Google fand er die Übersetzung des Liedtextes. Schon beim Lesen der ersten Liedzeilen sprang er elektrisiert von seinem Bürostuhl hoch, zwang sich, sich wieder hinzusetzen und las schließlich ungläubig, mit Tränen in den Augen, den Liedtext zu Ende. Immer wieder drückte er die Wiederholen-Taste und las den spanischen und deutschen Text mit, bis er ihn auswendig kannte. In seinem Zimmer hielt er es nicht mehr aus. Er fühlte es nicht, wie der Regen sein Hemd durchtränkte und sah nicht, wie die Passanten ihm unter ihren Regenschirmen nachsahen und ungläubig die Köpfe schüttelten. Baldur hatte die Welt des Tangos für sich und seine Trauer entdeckt. 


 


Das Internet war voll von Kursen zum argentinischen Tango. Er wurde auch in Karlsruhe fündig. Das Tanzen wurde seine Leidenschaft. Es waren nicht die wechselnden Tanzpartnerinnen, die ihn faszinierten. Er empfand mit ihnen nicht die Erotik, die der Tango auf den Zuschauer ausstrahlte. Es war die traurig-erotische Stimmung und die Unbekannte, die er bereits wie eine intime Freundin zu kennen glaubte, die ihn unermüdlich Kurs um Kurs buchen ließ. Seine Reisen zu Tango-Festivals führten ihn von Hamburg nach Leipzig und München und fast hätte er darüber seine eigene Vergangenheit vergessen. Alles änderte sich, als Anna-Sophia in sein Leben trat. Wieder einmal waren für einen neu beginnenden Kurs zu wenige männliche Tänzer angemeldet. Wieder einmal wurde Baldur gefragt, ob er nicht einspringen könne. Wieder einmal war Baldur froh, einige Abende tanzen zu können und nicht eingesperrt in seiner Wohnung sitzen zu müssen. 


 


Baldur diskutierte mit einem schwulen Tanzsport-kameraden über das bevorstehende Festival in Berlin, der ihn bat, mit ihm bei der Eröffnung zu tanzen. Da betrat sie die Halle. Baldur verstummte. Er hörte nicht mehr, was sein Tanzkamerad ihm sagte, bis auch dieser schwieg und irritiert Anna-Sophia entgegensah. Sie strich sich ihre lange Haarsträhne aus dem Gesicht und warf dabei ihren Kopf lässig nach hinten, so dass Baldur unwirklich an den Tango »Recuerdos« denken musste: »Esos gestos traen recuerdos de otros paisajes, otros tiempos, en los que una suerte mejor me conoció.« Diese Gesten tragen in sich Erinnerungen an andere Landschaften, andere Zeiten, in denen ein besseres Geschick mein war. Mit einer fahrigen Berührung entschuldigte er sich und ging zum Kursleiter. Dieser grinste ihn nur an und nickte, als Baldur mit einer Kopfbewegung auf Anna-Sophia zeigte und sie als Partnerin wollte.


 




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