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Belletristik
Buch Leseprobe Rebellin im Sturm, Simone Gütte
Simone Gütte

Rebellin im Sturm


Helgolandhistorie

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Kapitel 1 - Das Warten kennt kein Ende


 


Das Erste, was Gesa von der Klippe aus sah, war ein wuchtiges Holzfass, das auf den Gischt sprühenden Wellen tanzte. Gespaltene Bretter und abgebrochene Schiffsmasten begleiteten es, Taue und Takelage drehten sich in den Wogen. 


Gesa trat einen Schritt näher an den Klippenrand und richtete ihren Blick auf den mit Schaumkronen besetzten Horizont. Sie zog ihre Wollstola fester um die Schultern und rieb sich die fröstelnden Arme. Der Wind trieb dunkelgraue Wolkenberge vor sich her und schickte eisige Kälteschauer über die roten Klippen. Ihr Rock bauschte sich, das Unterkleid flatterte. Sie versuchte, den Stoff über ihre Beine zu ziehen, aber das nutzte nichts.


Tief sog sie die salzige, algengeschwängerte Luft ein. Sie beschattete ihre Augen und spähte, so gut es die Sicht zuließ, über das schäumende Meer. Im Westen bäumten sich glitzernde, weiße Wellenberge auf und rollten wie eine Wand auf das Eiland zu. Außer Fässern und Planken trieb nichts im Wasser. Hatte der Steuermann die Sandbänke nicht beachtet, als er sich Helgoland näherte? Wo war die Mannschaft, die zu den Wrackteilen gehörte, abgeblieben? Hatte sie sich in die Boote retten können? 


Weitere Fässer hopsten auf den Wellen. Gesas Herzschlag beschleunigte sich. Jetzt war es eindeutig. Sie stammten von einem Walfänger. Es waren dreibandig beschlagene Eisenfässer, groß genug, um darin Tran und Speck aufzubewahren.


Ungeduldig wischte sie eine ihrer Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich unter der Haube gelöst hatte. Was bedeutete das für Hinnerk? Gehörten die Wrackteile zur Brigg Marina, auf der er angeheuert hatte?


Sie stieß einen tiefen Atemzug aus. Nein, wäre Hinnerk Steuermann der unglückseligen Brigg gewesen, wäre das Schiff jetzt noch intakt. Er kannte sich aus in den heimatlichen Gewässern.


Er kommt nicht, heulte der Wind in ihren Ohren, nein, auch dieses Jahr nicht. Erneut würde sie den Heiligen Abend ohne Hinnerk, nur mit ihrer Familie, verbringen.


Unterdessen waren die Helgoländer auf das Treibgut, das die Wellen mit sich trugen, aufmerksam geworden. Sie sammelten sich unten am Strand. Die Gelegenheit, die angeschwemmten Wrackteile als Feuerholz zu verwenden, wollten sie sich keinesfalls entgehen lassen in diesem kalten Dezember. Sie mussten schnell sein, um das Holz zu bergen. Denn zuerst gehörte es dem dänischen Landvogt. 


Mit Freude beobachtete sie, wie ihre Landsleute das Holz in Körben oder auf ihren Rücken geschultert davontrugen.


Sie nahm sich vor, Elsie zu fragen. Die alte Wirtin des Herrenkrugs wusste immer alles. Außerdem war es weit nach Mittag, dem Sonnenstand nach zu urteilen. Elsie brauchte ihre Hilfe an diesem Weihnachtsabend.


Sie hielt auf die hölzerne Treppe zu, die sich an der Ostseite der Klippen befand. Ihre Schritte wurden schneller, als sie an der Weide vorbeikam, auf der im Sommer Schafe und Kühe grasten. Um diese Jahreszeit harrten die Tiere in den Ställen aus, die dicht bei den Wohnhäusern standen. Sie hastete an den Gärten vorbei, in denen sonst Gemüse, Kartoffeln und Gerste wuchsen.


Am oberen Treppentor hielt sie kurz inne. Sie nickte dem Wachposten zu, der sich den Hut tief in die Stirn gezogen hatte und sich die kalten Hände rieb. Zwei Abgänge führten ins Unterland, einer zum Nordhafen, der andere zum Südhafen. Noch herrschte reges Kommen und Gehen. Jeder, ob Bauer, Fischer oder Handwerker, wollte vor dem Weihnachtsabend sein Werk verrichtet wissen. Gesa sprang zur Seite, als ihr zwei dänische Soldaten, beladen mit Proviantsäcken, keuchend entgegenkamen. Sie ließ sie passieren und nahm die südwärts gelegene Treppe ins Unterland.


Sorgsam achtete sie auf ihre Schritte. Und das nicht nur wegen des Windes, der an ihren Kleidern zerrte, sondern weil der Weg auch ohne Sturm seine Tücken barg. So mancher, der zu eilig hinabgestiegen war, hatte sich auf den ausgetretenen Stufen die Arme und Beine grün und blau geschlagen.


»Sechs Monate dauert eine Fahrt, hast du gesagt«, murmelte sie vor sich hin.


Sie war Warten gewohnt. Seit seinem zwölften Lebensjahr fuhr Hinnerk zur See. Als sie ihn kennengelernt hatte, war er bereits Vollmatrose auf einem Schoner. Aber dann sprach es sich auf der Insel herum, dass mit dem Walfang einträgliche Geschäfte zu machen seien. Vier Grönlandfahrten hatte er bereits hinter sich, hatte es bis zum Zweiten Steuermann gebracht und galt als erfahrener Walfänger.


Traditionsgemäß hatte er den Petritag, den 22. Februar, gewählt, um gemeinsam mit acht Helgoländer Fischern den Hamburger Hafen anzusteuern. Von hier, aber auch von Amsterdam und Kopenhagen aus, brachen die Walfangschiffe in die Davisstraße auf.


Gesa hatte nur eine vage Vorstellung, wie die Schiffe dort hingelangten. Hinnerks Erzählungen zufolge segelten sie bis zu den Shetlandinseln an der Südspitze Grönlands. Die neu erschlossene Davisstraße war für die Seefahrer noch weitgehend unbekannt, was das Fahrwasser und die Eisbeschaffenheit angingen. Er hatte berichtet, dass die Mannschaften sogar eine Überwinterung in den Kolonien in Kauf nahmen, um den holländischen Walfängern zuvorzukommen, die erst im Frühjahr aufbrachen.


Die Gefahren einer solchen Seefahrt hatte er ihr allerdings verschwiegen. Das wusste sie von den Heimgekehrten, die in Elsies Schänke ihre Erlebnisse lautstark kundtaten: Im Sommer lösten sich Teile vom festen Eis und bildeten treibende Schollen. Dann war es für die Strömung ein Leichtes, die Schiffe wie Holzspielzeuge zu schaukeln. Stießen sie mit den Schollen zusammen oder trafen auf einen Eisberg, wurden die Schiffe wie in einem Schraubstock zusammengepresst. Der Druck ließ die Rümpfe bersten. Oft erkrankten die Seefahrer, zehrten aus oder erfroren auf der Fahrt und wenn nicht da, dann bei der Überwinterung im hohen Norden.


Ganz zu schweigen von den Gefahren beim Walfang selbst! Die harpunierten Tiere versuchten im Todeskampf ihre Artgenossen zu warnen. Schnell konnte ein in die Enge getriebener Wal seine Jäger in den Schaluppen ertränken.


Sie hatte Hinnerk daraufhin verboten, eine weitere Fahrt zu unternehmen.


Erst hatte er es mit einem Lachen abgetan. Das ist meine fünfte Fahrt! Dann tobte er, was verstünde sie von Seefahrt? Jeder Mann fahre zur See. Der Walfang sei das Geschäft der Zukunft. Viele seien reich und beladen mit Trophäen zurückgekehrt. Das ist kein Grund, sein Leben aufs Spiel zu setzen!, schleuderte sie ihm entgegen. Und noch Vieles mehr. Hinnerk lenkte ein. Ich verspreche dir, dass ich zurückkehre, Gesaherz. Er umschloss ihre Hände mit seinen, fest und warm.


Die Erinnerungen an ihr letztes Gespräch erhitzten ihren Kopf. Sie atmete tief durch und rieb sich die Schläfen. 


Ein Jahr, zehn Monate, zwei Tage.


»Und jetzt, Hinnerk Christiansen? Wo zum Klabautermann steckst du?«


Keiner von den acht Fischern, mit denen er aus Helgoland aufgebrochen war, war zurückgekehrt. Weder mit der Brigg Marina noch mit einem anderen Schiff. Im letzten Jahr war die Leichenpredigt für alle Männer verlesen worden. Die Witwen, alle zwischen zwanzig und dreißig Jahren, hatten ihr Leben neu geordnet. Sechs Frauen hatten wieder geheiratet, zwei waren bereits schwanger. Das war nichts Ungewöhnliches, wenn die Männer auf See blieben.


Im Unterland blieb sie kurz stehen. Eine leise Stimme flüsterte ihr zu, dass Hinnerk sein Versprechen halten würde. Die Brigg Marina würde im Hamburger Hafen einlaufen, womöglich erst im nächsten Frühjahr.


Ihre Anspannung löste sich etwas. Sie richtete ihre Schritte zum Herrenkrug.


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