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Belletristik
Buch Leseprobe Realitätsprüfung, Fran Peterz
Fran Peterz

Realitätsprüfung



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Eins An meinem letzten Tag in Key West kommt in CBS eine sehr seltsame Meldung, deren Tragweite mir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht klar sein konnte: Mitten in San Francisco, im Golden Gate Park, in dem nur 300 Meter langen und knapp 35 Meter breiten North Lake, wurde ein riesiger Frachter, die ‚Australian Endeavour' gefunden. Der Frachter, der mit einer Länge von 217 und einer Breite von 29 Metern immerhin eine Tonnage von 24.000 Tonnen auf die Waage bringt, war zuletzt im Chinesischen Meer, praktisch auf der anderen Seite der Erde unterwegs gewesen. Niemand wusste, wie der riesige Frachter von einem Ende der Welt so zielsicher auf die andere Seite der Welt in einem winzigen See verbracht worden war. Alle Welt staunte, die Sache zog Hunderttausende Menschen nach San Francisco. Eine Aufsehen erregende Sache, die mich aber nicht zu betreffen schien - ich sollte mich irren. Bereits an meinem ersten Arbeitstag, ich war kaum in meinem Büro im FBI Gebäude angekommen, wusste ich, wie sehr. Ich wurde von meiner Vorgesetzen, Jonny McNema, in ihr Büro gerufen. Als mich ihr Sekretär durchlässt, fällt mir auf, dass Miss McNema heute irgendwie sehr weiblich gekleidet ist und denke mir noch, wie gut ihr dies passt. Sie trägt heute ein Kostüm mit einem kurzen Rock, dazu schwarze Strümpfe und hochhackige Pumps. Ich hatte sie noch nie zuvor so gesehen, vor allem ihre Schuhe, mit denen ich sie gesehen hatte, waren für mich - ich liebe den höchst femininen Stil mit Bleistiftabsätzen, auch wenn ich diesen meist im Einsatz nicht tragen kann - höchstens Latschen gewesen. Sie bietet mir den Platz vor ihrem Schreibtisch an, sie selbst steht auf, geht ruhelos durch den Raum. Ich drehe den Sessel, um sie ansehen zu können. Sie hat lange, muskulöse Beine - wie schade, dass sie sie immer unter einer Hose versteckt. „Kate," fängt sie an, „sie und einige andere Kollegen aus dem Büro Miami sind ab heute für einen Fall eingesetzt, der schon fast so etwas wie einen nationalen Notstand darstellt." Sie macht eine kurze Pause, ich sehe sie erstaunt an. „Haben sie gestern die Nachrichten gesehen oder Zeitung gelesen?" Ich nicke, weiß aber noch nicht, worauf sie hinaus will. „Die Sache mit dem Frachter, der in San Francisco in einem See im Golden Gate Park liegt?". Ich nicke, sage „Ja, aber ist dies überhaupt ein Fall für den FBI? Und wieso dann für den FBI Miami?" „Das, was sie gesehen oder gelesen haben, ist nur ein Teil dessen, was für die USA einen nationalen Notstand ergibt oder - von mir hinzugefügt -, ergeben wird, wenn die Ereignisse weiter so fortschreiten." Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, schaue sie noch erstaunter an. Sie kommt zu mir, steht sehr nahe vor mir, ich kann die feine Linienstruktur des dünnen Nylongewebes ihrer Strümpfe erkennen. Sie sagt: „Kommen sie, ich zeige ihnen, was wir bisher wissen." Ich stehe auf, gehe hinter ihr in den nächsten Raum, sie hat die Tür dorthin schon geöffnet. Im Raum - der leer ist - gibt es eine große Karte der USA an der Wand. Auf dieser geografischen Karte sind einige Fähnchen an Nadel befestigt - eine rote Fahne in San Francisco, eine gelbe Fahne an der Stelle, wo sich Boston befindet. Noch eine rote Fahne befindet sich in der Mojave Wüste. Weitere gelbe Fahnen finden sich im Süden North Dakotas, auf Hawaii und im Norden Alaskas. Die Vizedirektorin bleibt vor der Karte stehen, deutet mit ihrem Zeigefinger auf Alaska. „Barrow, eine Hafenstadt am Nördlichen Eismeer, knapp fünftausend Einwohner. Die ganze Stadt wurde um mehr als fünfzig Jahre in der Zeit zurückversetzt." Ich starre sie an, frage überrascht, verblüfft: „In der Zeit zurückversetzt?" Ich bin völlig ahnungslos, was sie mir jetzt antworten wird. „Ja, alle Einwohner, die zuletzt in Barrow gelebt haben, sind verschwunden. Alle Einwohner, die vor fünfzig Jahren dort gelebt haben, sind wieder da. Auch die Gebäude, selbst die Tiere, Pflanzen und alles andere ist wie vor fünfzig Jahren!" Ich muss mit offenem Mund dagestanden haben. McNema sagt jetzt: „Wie wenn Barrow nie in den Achtzigern, Neunzigern oder im 21. Jahrhundert gewesen wäre!" Unglaublich, denke ich, das kann nicht sein! „Ich konnte es zuerst auch nicht glauben, bis ich es gesehen habe. Selbst die Unterlagen aus dem Rathaus, Geburtenbuch, Sterbebuch, Heiratsunterlagen haben als letztes das Datum 1972/21/04. Der Computer, der dort im Einsatz war, ist verschwunden - stattdessen ist wieder alles bis zu diesem Zeitpunkt wieder auf den originalen Papierbüchern vorhanden." Sie setzt fort, bevor ich noch etwas erwidern kann und zeigt auf Hawaii: „Die Hawaii-Inseln, Kauai, eine der größten Inseln des Archipels. Dort ist ein Originaldorf aus dem neunzehnten Jahrhundert aufgetaucht. Dies wurde bekannt, als die Einwohner, die in einem längst ausgestorbenen Dialekt des Mikronesischen sprechen, versucht haben, einen Touristenbus zu überfallen." Ich bin paff, aber es geht noch weiter. McNema deutet auf North Dakota, meint: „Noch schlimmer ist es hier, in der Nähe der kleinen Stadt Williston. In einem Areal von mehreren Quadratkilometern sind Dinosaurierarten aufgetaucht, die seit mehr als zweihundertzehn Millionen Jahren ausgestorben sind. Wir haben zumindest Allosaurier, Kamptosaurier, Kentrosaurier, Brachiosaurier, aber auch andere Arten sind aufgetaucht. Das Areal ist zwar unter Kontrolle, aber die Probleme sind gewaltig." Ich stöhne, jetzt auch noch Dinosaurier, was kommt noch? „Boston, Downtown, North End. Ein ganzer Häuserblock verschwindet spurlos, mit ihm alle Menschen, alle Strom-, Gas- und Wasserleitungen, die an dieser Stelle im Boden verlegt waren. Sogar die Kanäle. Wir haben das Ganze als eine Explosion hingestellt, aber in Wirklichkeit ist der Block einfach verschwunden, wie wenn es ihn nie gegeben hätte. Stattdessen finden sich dort Gras, Bäume, Sträucher. Wir haben eine Kohlenstoff-Analyse machen lassen - das Ergebnis war das zweite Jahrhundert nach Christi, mehr als eintausendachthundert Jahre vor unserer Zeit. Wahrscheinlich sind zweitausendfünfhundert Menschen verschwunden, tot." Noch immer ist McNema nicht fertig, deutet auf einen Punkt nordöstlich von Los Angeles: „Die Mojave-Wüste, fünfundvierzig Kilometer westlich von Baker. Dort hat eine gewaltige Explosion stattgefunden, es entstand ein Trichter mit einem Durchmesser von knapp einem Kilometer." Ich erinnere mich, der Meteorkrater in Arizona hat einen Durchmesser von 1295 Meter, er wurde durch einen Meteoriteneinschlag von einer Wucht von mehreren hundert Hiroshima-Bomben erzeugt. Die eingeschlagene Materie hatte ein Gewicht von zehn Millionen Tonnen. Unglaublich. McNema spricht aus, was ich mir denke: „Niemand kann eine derartige Explosion mit herkömmlichen Sprengstoff verursachen - zumindest, nicht ohne aufzufallen. Deshalb ist es auch auf der Liste der höchst außergewöhnlichen Ereignisse, die derzeit die USA heimsuchen. Und - obwohl niemand in der restlichen Welt dies zugeben will - die Ereignisse sind nicht auf die USA beschränkt, auch in Russland, Frankreich, Spanien, Australien und China gab und gibt es ähnliche Vorkommnisse." McNema setzt sich auf einen Sessel, der im Raum steht. Sie zieht ihren linken Schuh aus, reibt ihren Fuß. So zerstreut habe ich sie noch nie gesehen. Ich warte, bis sie wieder etwas sagt. Als sie wieder etwas sagt, bin ich erstaunt: „Ich bin zur Leiterin der Ermittlungen ernannt worden. Ich brauche sie als meine Assistentin." Ich muss mich jetzt auch setzen, so verblüfft mich diese Aussage. „Miss McNema, ich freue, dass sie mich als ihre Assistentin für die Sache haben wollen, aber ich glaube, es gibt eine Reihe von Kollegen, die wesentlich besser dafür geeignet sind." Sie sieht mich schärfer an als ich es je bemerkt habe: „Kate, das ist kein Wunsch, das ist ein Befehl. Sie sind für diese wichtige Aufgabe besser geeignet als sonst jemand beim FBI in Miami. Auch, weil ich glaube, dass aus der Situation, der sie sich beim Serienmörder gegenüber gesehen haben, keiner der anderen weiblichen Agenten herausgekommen wäre. Und ich möchte eine Frau als meine Assistentin sehen. Es tut mir leid, dass sie nicht zu den Aufgaben kommen, die ihrer Ausbildung und ihren Wünschen mehr entsprechen." Ich nicke, sage: „Wenn sie mir vertrauen, dann bin ich einverstanden." Nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte. Sie sieht mich skeptisch an, meint „Kate, ich möchte sie nicht dazu zwingen, aber ich brauche sie dafür. Es wird eine ziemlich schwierige Aufgabe, bisher gibt es nicht einmal eine einzige Spur. Es muss aber einen gemeinsamen Auslöser, eine Person oder Gruppe geben, die für all diese Aktivitäten und Vorkommnisse verantwortlich ist. Es gibt keine Bekennerschreiben, keine Hinweise auf Terrorakte, nichts. Gerade deshalb müssen sie mit allen ihren Möglichkeiten dabei sind, ganzen Einsatz zeigen. Es geht vielleicht um die Zukunft der gesamten Erde." Ich komme mir plötzlich sehr klein vor. Wie soll man jemanden finden, wenn man nicht einmal weiß, ob überhaupt jemand dahintersteckt? Steckt überhaupt jemand dahinter, oder geht es um Störungen innerhalb des Universums, der Realität? Plötzlich läutet das Handy McNemas. Sie hebt ab, sagt: „Ja." und „Wie?", dann „Wo? - Verschwunden?". Dann sagt sie noch: „Ja, wir kommen so bald wie möglich." Sie sieht mich wieder scharf an: „Kate, kommen sie. Wir fahren zum Flughafen - sofort. Ein Teil des Sunshine Skyway bei St. Petersburg ist verschwunden, spurlos." Ich frage sie: „Jetzt sofort?" Sie nickt: „Sofort, es ist erst vor fünfzehn Minuten passiert. Vielleicht sind unsere Chancen besser, wenn wir auf kürzest möglichem Weg dorthin fliegen. Das Meeting muss warten." Ich sehe an mir herab, ich trage ein graues Kostüm mit kurzem Rock und weißer Seidenbluse, Sandalen mit hohen Absätzen und wegen des kühlen Wetters hautfarbene Nylonstrümpfe. Als mir einfällt, dass auch McNema nicht unbedingt besser als ich gerüstet ist, zucke ich mit den Achseln. „Gehen wir." Sie nimmt den Hörer des Festnetztelefons und bestellt einen Wagen zum Flughafen und ein Bereitschaftsflugzeug. Der Flughafen St. Petersburg-Clearwater ist für einen Jet weniger als eine Stunde entfernt. Als wir ihr Büro verlassen, trägt sie ihrem Sekretär auf, das Teammeeting auf den Nachmittag zu verschieben. Der Wagen wartet schon in wenigen Minuten in der Garage auf uns. Der Fahrer hat schon ein Signal auf dem Dach befestigt und startet es, sobald wir die Garage verlassen. Er bahnt sich den Weg durch die dicht befahrene Innenstadt, in wenigen Minuten sind wir am Flughafen. Er fährt direkt auf das Flughafengelände, an einen anonym aussehenden Hangar, an dem mehrere Geschäftsjets vom Typ Learjet stehen. Ein Agent des FBI wartet auf uns und geleitet uns zu einer der wartenden Maschinen. Er steigt mit uns ein, wird mir von McNema als Robert Ron vorgestellt. Auch er gehört zum Team, war zufällig in der Nähe des Flughafens. Das Flugzeug ist luxuriös mit Leder und Holz eingerichtet. Ich blicke mich erstaunt um, nehme Platz auf einem der breiten Lederstühle. McNema und Ron nehmen gegenüber Platz. McNema fragt Ron: „Haben sie schon mehr Informationen über das Verschwinden des Sunshine Skyways?" Er zuckt die Schultern, meint: „Wahrscheinlich nicht viel mehr als sie selbst. Ich sage ihnen, was ich weiß." Er zieht einen kleinen Block aus seiner Sakkoinnentasche, schlägt die nach hinten gelegte Seite nach vorne, liest. „Also, die Brücke - ein Teil des Sunshine Skyways ist ja noch vorhanden - ist um exakt 12:13 PM verschwunden. Mit ihr etliche Autos, weil zu diesem Zeitpunkt ein Stau Richtung Norden, Richtung Tampa, war, der bis zur Mitte der Brücke gereicht hat. Richtung Süden waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Wie viele Autos und Personen verschwunden sind, kann noch nicht genau gesagt werden, weil nicht bekannt ist, wie viele Personen in den Autos waren. Es müssen so an die fünfzig Autos auf der Brücke gewesen sein." Er blättert um, schaut auf einer zweiten Seite die wenigen Wörter an: „Der Polizist, der das Verschwinden der Brücke gemeldet hat, hat gesagt, dass die Brücke wie aus heiterem Himmel plötzlich nicht mehr da war - ohne Vorwarnung. Ein Auto, das gerade die Brücke befahren wollte, stürzte ins Meer, weil die Brücke so plötzlich weg war." Ich bin schon selbst einige Male über den Sunshine Skyway gefahren, sehe aus meinem Gedächtnis, wie die Brücke aussah. Aus einiger Entfernung - aus Richtung Palmetto - kann man auf einem Parkplatz vor der Brücke stehen bleiben. Von dort aus sieht oder besser sah die zierliche Brücke wie ein Kunstwerk aus, das auf nur zwei Pfeilern befestigt, sich in einem sanften Bogen über die Tampa Bay spannt. Der Blick von der Brücke zeigte Downtown Tampa in einer schönen Ansicht. Aber die Brücke selbst war von oben eigentlich sehr enttäuschend, vor allem weil die geschlossenen Betonplanken neben den Fahrbahnen die Aussicht auf das Meer blockieren. Und jetzt ist diese Brücke wie aus heiterem Himmel mit mehr oder weniger hundert Menschen verschwunden. Das kann doch einfach nicht wahr sein. Wir landen schon bald auf dem Flughafen von St. Petersburg - dort wartet ein Hubschrauber des FBI auf uns. Obwohl der Flughafen nahe des Highway 275 liegt, gibt es kein Durchkommen zum Sunshine Skyway. Der Highway 275 ist wegen seiner Sperre am Ende des Sunshine Skyways zum Parkplatz geworden. Nur das letzte Stück des Highways wurde geräumt, er dient als Landeplatz. Ich steige als erstes aus, laufe geduckt aus dem Sog des Rotors, gehe zur Kante der Fahrbahn. Von oben gesehen, beginnt das Meer wie von einem Lineal gezogen, direkt anschließend an das abgetrennte Ende der Fahrbahn. Vom Boden aus gesehen, wirkt es noch dramatischer. Ich knie mich wegen meiner empfindlichen Nylonstrümpfe vorsichtig auf den Boden, fahre mit dem Zeigefinger über die Schnittkante. Eine so exakt geschnittene Kante habe ich noch nie gesehen, nicht einmal Diamant erzeugt so genaue Linien. Dann gehe ich zum Rand der Kante. Auch das Metall ist genauso sauber durchgetrennt. Vielleicht ein Laser? Aber all das ergibt keinen Sinn - wer würde schon eine Brücke stehlen? Außerdem erklärt dies keineswegs die anderen Ereignisse. Auch nicht, dass die Brücke von einem Moment zum anderen verschwunden ist. McNema und Ron stehen neben mir, diskutieren mit einem Mann, der offensichtlich der Einsatzleiter der örtlichen Polizei ist. Ich richte mich auf, höre, wie sie nach Erkenntnissen fragen. Der Mann schüttelt mehrmals den Kopf und breitet die Hände aus: „Nein, überhaupt nichts. Keine Spuren, keine Reste, keine Verdächtigen, absolut nichts." Deutlich ist zu sehen, dass der Mann völlig überfordert ist. Kein Wunder - auch wir tappen völlig im Dunkeln. Im Hintergrund ist ein Team mit Messgeräten am Werk, ich gehe zu der Gruppe hinüber, weil ich mir von dem Gespräch mit dem Einsatzleiter der örtlichen Polizei keine Erkenntnisse erwarte. Die drei Techniker drehen sich um und blicken mich an, ich zeige ihnen meinen Dienstausweis und stelle mich kurz vor. Zuerst fühlte ich mich zuerst überfahren, jetzt bin ich bereits mitten im Fall und die Sache fasziniert mich unglaublich. Die Techniker nehmen verschiedene Messungen vor: Radioaktivität, Magnetfelder, elektrische Feldmessungen. Die Ergebnisse sind allesamt enttäuschend und weichen nicht von den Messwerten der Umgebung ab. Die Radioaktivität entspricht der allgemeinen Umgebung, Magnetfelder gibt es nur von den Fahrzeugen in der Umgebung. Die elektrische Feldmessung zeigt überhaupt keine relevanten Werte. Es werden auch die Inhalte der Luft überprüft - bis auf einen leicht erhöhten Kohlendioxidwert auch hier kein Ergebnis. Keine Anhaltspunkte, nichts Brauchbares. McNema kommt herüber, sieht den Techniker eine Zeitlang zu. Als ich den Kopf schüttle, deutet sie mir, zu ihr zu kommen. Wir gehen zum Hubschrauber, fliegen mit Ron zur anderen Seite der verlorenen Brücke. Auch hier ist die Brücke wie abgeschnitten, auch hier hat das FBI Technikerteam keinerlei Abweichungen von den in der Umgebung herrschenden Normalwerten feststellen können. Ich gehe bis zum äußersten Punkt und stelle meine Füße in den Sandalen bis an die Kante, starre in Richtung Tampa. Ich kann den Sunshine Skyway sehen, aber dazwischen klafft eine Lücke von fast einen und einen halben Kilometer, ausgefüllt vom Meer, das in seiner türkisfarbenen Unschuld in der Mitte unter und zwischen den beiden Fahrbahnresten liegt. Nach einigen Stunden verlassen wir - ohne jegliche Erkenntnisse - St. Petersburg und fliegen nach Miami zurück. So ratlos habe ich McNema überhaupt noch nicht gesehen, aber auch mir geht es nicht besser. Als das Flugzeug des FBI in Miami landen will, geht ein schweres Gewitter nieder, das die Landung für fast eine Stunde verzögert. So treffen wir erst um knapp nach sechs Uhr wieder im Büro in Miami ein, wo uns in einem Meetingraum das restliche Team aus Florida für den Fall erwartet. McNema und mir knurrt der Magen - einige Sandwichs werden besorgt, es gibt Kaffee. McNema sitzt neben mir am ovalen Tisch und stellt die einzelnen Mitglieder des Teams vor. Es handelt sich vor allem um Agenten aus Miami, aber auch aus anderen Teilen Floridas. Die anwesende Gruppe ist ein Teil des USA-weiten Teams, dem McNema vorstehen wird. Die Vizedirektorin leitet auch dieses Meeting. Zuerst berichtet sie vom jüngsten bekannt gewordenen Fall, lässt keine Details aus und macht auch klar, dass es nach wie vor keinerlei Anhaltspunkte zum Fall gibt. Die Anwesenden werden in ihre Aufgaben eingeführt, einige werden zu Koordinatoren für geografische Bereiche ernannt. Alle Mitglieder der Teams werden spätestens mit morgen an die jeweiligen geographischen Lokationen abkommandiert und eingeteilt. McNema hat ein ausgeprägtes Talent, Personen zu motivieren und ihnen gleichzeitig klar zu machen, wie kritisch die Situation ist. Sie ermahnt alle Anwesenden, in diesem außergewöhnlichen Fall ebenso außergewöhnliche Maßnahmen zu treffen und Ideen zu entwickeln. Besonders erwähnt sie noch einmal die Tatsache, dass die herkömmlichen Methoden bisher noch keinerlei Anhaltspunkte ermöglicht haben. Sie teilt auch einige Theorien mit, die aber derzeit unbeweisbar bleiben. Keine davon überzeugt mich persönlich. Einer der Agenten wird nach London abkommandiert, nachdem die Briten um Hilfe ersucht haben. In Großbritannien gab es erst vor drei Stunden einen Aufsehen erregenden und durch die Presse gehenden Zwischenfall, bei dem sich eine Landschaft in der Grafschaft Sussex in einem Gebiet von mehreren zehn Quadratkilometern komplett verändert hat. Dabei wurde auch eine Bahnlinie verschüttet - beim darauf folgenden Unfall kamen fast zweihundert Menschen ums Leben. Dann nennt sie speziell noch einmal meine Person und bezeichnet meine Rolle als ihre Assistentin und Koordinatorin der über die üblichen Kanäle des FBIs gehenden Nachrichten, die diesen Fall betreffen. Meine Rolle ist es vor allem, die eingehenden Nachrichten auszusieben und nur die wichtigsten Teile davon an sie selbst weiterzugeben. Die Vizedirektorin erwartet von jedem der Teammitglieder zumindest einmal täglich einen kurzen Bericht über wesentliche Erkenntnisse. Sie nennt auch den Namen für die gesamte Operation, Pandora. Jeder der Anwesenden scheint zu verstehen, wieso Pandora: die Büchse der Pandora, das Chaos. Am Schluss - es ist schon dunkel geworden - teilt sie noch mit, dass wir am nächsten Morgen nach San Francisco fliegen werden, um dort einerseits aus erster Hand die Situation mit der ‚Australian Endeavour' selbst zu überprüfen, andererseits aber auch mit dem Hauptkoordinator der Aktivitäten auf der Westküste, der McNema unterstellt ist, zu sprechen. Am nächsten Tag stehe ich mit McNema schon um 08:00 morgens am Flughafen in San Francisco. Hier in San Francisco war ich noch nie. Ich bin heute besser auf einem Außeneinsatz vorbereitet, trage Jeans, Sportschuhe und eine hemdartige Bluse. Drunter habe ich einen String, eine Strumpfhose und eine Corsage auf der Haut, was sowieso niemand sieht, aber ich genieße das Gefühl der Dessous. McNema ist gekleidet wie eine Sportlehrerin. Nachdem im Golden Gate Park wegen der Menschenmenge, die sich trotz Absperrungen rund um den North Lake gebildet hat, kein Platz für eine Hubschrauberlandung ist und dies überdies viel zu viel Aufsehen erregen würde, werden wir mit einem schwarzen Minivan mit verdunkelten Fenstern abgeholt. Der Minivan ist trotzdem für meinen Geschmack viel zu auffällig. Wir fahren über den Highway 101 Richtung Norden, ein Stück geht es durch die Stadt selbst, bis der im Westen San Franciscos liegende Golden Gate Park erreicht ist. Schon von weitem ist die Menschenmenge, die den Park umlagert, sowie die Polizeiabsperrung erkennbar. Als wir in der Fulton Street auf Höhe des North Lake sind, ist die ‚Australian Endeavour' schon sehr deutlich erkennbar. Das Schiff, ein großer Containerfrachter mit mehr als hundert Containern an Bord, liegt genau im See und scheint ihn fast völlig auszufüllen. Soviel ich weiß, gibt oder gab es im North Lake auch zwei kleine Inseln, die unter dem Schiff liegen müssen. Die ‚Australian Endeavour' muss mindestens fünfzig Jahre alt sein, man sieht ihr an, dass sie seit langer Zeit auf den Weltmeeren unterwegs ist. Hinter der ‚Australian Endeavour' kann ich eine der beiden Windmühlen im Golden Gate Park sehen. Als ich aussteige und mich umdrehe, fällt mein Blick auf die Golden Gate Bridge. Ich denke, typisch San Francisco, als ich die Nebelwand sehe, die oberhalb der Brücke hängt und sie teilweise verdeckt. Ich zögere einen Moment, bis mich McNema an unseren Auftrag erinnert. Zwar wurde das Schiff schon von Agenten des lokalen FBI, der ebenfalls in die Ermittlungen involviert ist, durchsucht und nichts Außergewöhnliches gefunden, aber soweit ich schon wusste, ist das Schiff auch in den Innenräumen in einem sehr schlechten, um nicht zu sagen, verwahrlosten Zustand. McNema hat auch - sobald sie erfahren hatte, dass sie die Leitung der Untersuchung übernehmen würde - befohlen, den Originalzustand zumindest so lange zu lassen, bis wir hier gewesen waren. Von einer Besatzung war übrigens keine Spur gefunden worden. Die Kajüten der Mannschaft waren in einem Zustand, als wäre diese von einem Moment zum anderen verschwunden. Wir erwarteten keine wesentlichen Erkenntnisse, aber vielleicht würde das Bild mit dem Bild in Florida zusammen doch verwertbare Spuren ergeben. Ein komplettes Schiff mit einer Länge von mehr als zweihundert Metern würde vielleicht auch mehr Möglichkeiten zu Anhaltspunkten bieten als eine Brücke, die sich - sauber abgeschnitten - in Luft aufgelöst zu haben scheint. Wir betreten das riesig aufragende Schiff über eine Strickleiter, die auf der Seite, nahe dem rückwärtigen Aufbau, der Brücke, Maschinenraum und Kajüten beinhält, befestigt ist. Einer der Agenten aus San Francisco betritt mit uns das Schiff. Auf dem Vorderschiff sind zwanzig Reihen von Containern zu sehen, so viel ich weiß, wurden auch diese bereits ausgiebig untersucht. Die meisten davon sind leer, weil die ‚Australian Endeavour' auf dem Rückweg von einer Lieferung war und nur geringe Rückfracht aufgenommen hatte. Die meisten Container sollten leer zurückgebracht werden. Das Schiff sieht tatsächlich relativ verwahrlost aus, die ursprünglich weiß gestrichenen Wände des immerhin vierstöckigen Aufbaus sind mit Narben und Rostfahnen übersät, der blau gestrichene Rauchfang - die ‚Australian Endeavour' ist noch mit Dieselmotoren ausgestattet - ist fleckig, die Farbe teilweise abgeblättert. Trotz des Alters und des äußeren Zustands des Schiffs ist die Brücke überraschend sauber und modern computerisiert. Die Aussicht über das Schiff, über den Golden Gate Park und über Teile von San Francisco ist nicht übel. Wir beginnen, zuerst die Brücke, Raum um Raum zu inspizieren. Nur die Brücke macht den Eindruck eines wirklich instand gehaltenen Schiffs. Schon der Kartenraum zeigt ein recht großes Chaos, auf dem großen Tisch liegt noch die Karte, die die letzte Position des Schiffs im Chinesischen Meer, mehr als fünfhundert Kilometer südlich von Hongkong zeigt. Auch im Funkraum ein ähnliches Durcheinander, ohne allerdings daraus schließen zu können, ob es mit dem Verschwinden und Auftauchen des Schiffs mehr oder minder auf der anderen Seite der Erde zu tun hat. Das Chaos erinnert mich eher an eine ganz gewöhnliche, vielleicht etwas übertriebene Schlampigkeit. Zwei der Mannschaftskabinen scheinen seit längerer Zeit nicht verwendet worden zu sein, die anderen zeigen in einigen Fällen große, in anderen Fällen geringere Nachlässigkeit - so, wie man es in einem zivilen Schiff ohne Kontrollen in den Kajüten erwarten würde. Auch die Kapitänskajüte sieht zwar vernachlässigt aus, aber wir finden nichts, was man nicht erwarten dort könnte. In der zweiten Ebene gibt es Lagerräume, einen großen Proviantraum, einen Kühlraum, die Küche. Auch dort einiges an Vernachlässigung - im Proviantraum sind einige Vorräte wie willkürlich aufgerissen, die Lagerräume zeigen einiges an Durcheinander. Aber auch hier gibt es wieder keine Anhaltspunkte - nicht, dass wir wirklich wüssten, wonach wir suchen sollten. Wir gehen weiter nach unten, durchsuchen Raum um Raum, bis nur mehr der Maschinenraum und einige dazugehörende Nebenräume, der Laderaum unter den Containern und die Container selbst überbleiben. Eine einzige Enttäuschung, wir haben absolut nichts Brauchbares! Wir steigen die Stufen zum Maschinenraum, der auch schon bessere Zeiten gesehen haben dürfte, hinunter. Unten empfängt uns Stille und ein durchdringender Diesel- und Motorölgeruch. Der Maschinenraum selbst ist zweistöckig, war irgendwann wahrscheinlich weiß gestrichen - jetzt ist er grau, unansehnlich und fleckig. Etliche der runden Leuchten, die wahrscheinlich mit altmodischen Röhrenleuchten bestückt waren, sind dunkel, ausgefallen. Nur die drei Dieselmotoren in der Mitte des großen Raums scheinen gepflegt worden zu sein, sie machen den Eindruck eines Fremdkörpers in dem dumpfen Chaos. Mehrere Werkzeugkästen scheinen umgeworfen und am Boden zerstreut worden zu sein, insbesondere liegen einige ziemlich massiv wirkende Schraubenschlüssel verstreut umher. Wir steigen über die Werkzeuge, blicken zwischen die großen Aggregate - auch hier nichts Außergewöhnliches. Als ich mich in die gegenüber der Stiege liegende Ecke stelle, fällt mir plötzlich auf, dass die ausgefallenen Deckenlampen ein aus dieser Sicht ausgefallenes Muster bilden. Die Lampen, die noch brennen, bilden ein Wort: NO, in Großbuchstaben. Zufall, oder? Das kann doch nicht sein! Ich bin wie hypnotisiert, starre auf die Decke, als McNema zu mir kommt und mich fragt, was los ist. Ich deute zur Decke, sage: „Schauen sie nach oben - kann das Zufall sein?". Sie sieht mich einen Moment an, dann blickt sie hoch und erstarrt. Mir kommt eine Idee, ich sehe eine Leiter an einer Wand stehen, stelle sie unter einer der ausgefallenen Leuchten auf. Ich schaue kurz den Glaskörper an und stelle fest, dass er mittels eines Verschlusses in der flachen Lampe befestigt sein muss, hebe ihn an. Als ich das matt durchsichtige Glasgebilde in der Hand halte, sehe ich, dass der gewölbte Boden innen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit bedeckt ist. Ich stecke recht unüberlegt den Finger in das zähe, fadenbildende Material und rieche daran. McNema sieht mich erstaunt an. Das gelatineartige Material ist völlig geruchlos und durchsichtig. Irgendwie entsinne ich mich, schon einmal über etwas Derartiges gelesen zu haben. Jetzt weiß ich auch, wo: In einem Bericht über PSI-Vorfälle. Dort wird das Material als Ektoplasma bezeichnet und entsteht als Nebeneffekt bei PSI Aktivitäten. Allerdings nur in sehr geringen Mengen. Ich schließe den Leuchtkörper wieder, stelle die Leiter unter den nächsten Ausgefallenen. Auch dort: Ektoplasma, welches die Wölbung auffüllt. Ich steige von der Leiter herab, nehme den Glaskörper mit, sage: „Miss McNema, wir sollten das hier untersuchen lassen. Ich vermute, es ist Ektoplasma." Ich schaue sie an, nicht ganz sicher, ob sie je von Ektoplasma gehört hat. Sie nickt: „Ja, Nebenprodukt von parapsychischen Phänomenen. Aber ich habe noch von keinem Fall gehört, bei dem mehr als nur einige wenige Gramm gefunden wurden." Jetzt nicke ich, „Allerdings, wenn man die Größenordnung des Schiffs, ich glaube, so an die fünfundzwanzigtausend Tonnen, bedenkt, dann wundert es mich nicht. Nur verstehe ich nicht, wer solche Kräfte mobilisieren kann. Und wie?" Ich drehe mich um, schätze kurz ab, wie viele Leuchten nicht funktionieren. Wenn wir annehmen, dass die Leuchten gleich mit Material gefüllt sind, dann werden es mehrere Kilogramm Ektoplasma sein. Unglaublich, was für Kräfte. McNema hat ihr Handy gezückt und dem Agenten, der uns eine Zeitlang begleitet hat, durchgesagt, dass ein Chemikerteam den Maschinenraum, insbesondere die Leuchten, untersuchen soll. Proben des Ektoplasmas und was sonst noch gefunden wird, sollen in das Labor des FBI in San Francisco gebracht werden. Wir durchsuchen das Schiff noch weiter, wobei der untenliegende Laderaum wegen des dort lagernden Getreides nicht begehbar ist. Die wenigen benutzten Container enthalten fabrikneue Traktoren, die von Hongkong nach Australien transportiert hätten werden sollen. Das Ziel etwas verfehlt. Selbst der Serviceraum für den Anker wird von uns noch einmal überprüft, aber außer der großen Kette mit den schweren Gliedern und etwas Maschinenöl am Boden ist er leer. Höchstens ein Teilergebnis, zumindest wissen wir, dass parapsychische Kräfte am Werk sind. Aber von wem und wieso? Vielleicht ergeben sich aus der Untersuchung des Ektoplasmas irgendwelche zusätzlichen Spuren. Auf der Rückreise von San Francisco nach Miami gehe ich die auf meinem Laptop übermittelten Nachrichten durch. Die meisten Nachrichten, die ich erhalten habe, sind nichts anderes als Zusammenfassungen der Berichte, die ich schon gehört habe. Sussex ist eine Ausnahme, der ausgiebige Bericht ist aber vor allem eine Beschreibung des Bahnunglücks. Ich schreibe den nach England abgestellten Agenten, dass ich mehr Informationen zu den Landschaftsänderungen benötige. Der große Verlust an Menschenleben durch das Unglück ist zwar mehr als nur bedauerlich, aber hilft uns einfach nicht weiter. Ich lese die letzte Nachricht und bin für einen Moment sprachlos: Der Eifelturm ist verschwunden und es gibt davon eine zufällig von einem Touristen auf Video festgehaltene Aufnahme. Nach der kurzen Beschreibung, die ich erhalten habe, hat sich der Eifelturm von oben nach unten schichtweise aufgelöst. Ich schreibe eine dringende Nachricht, wonach der Videofilm so bald wie möglich nach Miami gesandt werden soll. Als ich McNema davon verständigen möchte, finde ich sie telefonierend im vorderen Teil des FBI-Flugzeugs vor. Ich setze mich wieder in den großen Raum an Bord des Learjets und warte auf sie. Als sie wiederkommt, erzählt sie mir: „Der Pariser Eifelturm wurde gefunden. In San Diego. Er steckt mit der Spitze voran im Wasser der Mission Bay." Jetzt bin ich fassungslos: Das Video mit der Auflösung des Turms ist erst wenige Minuten alt. Ich frage sie, wann genau der Eifelturm gefunden wurde und erkläre ihr warum. Sie fragt nach, erfährt, dass das Verschwinden in Paris und das Wiederauftauchen in San Diego zur gleichen Minute stattgefunden hat. Könnte es sein, dass das mit allen verschwundenen Bauten geschehen ist - die anderen Bauten aber an Stellen aufgetaucht sind, die nicht so ohne weiteres offensichtlich sind oder durch Zufall noch nicht entdeckt wurden? Schon wenige Stunden, nachdem wir wieder in Miami zurück sind, liegt uns das Video in Form einer Multi-DVD vor. Wir ziehen uns in einen der Vorführräume zurück und starten die DVD. Uns liegt der gesamte Film in einer Länge von 35 Minuten vor, unsere Kontaktperson in Paris war sich nicht schlüssig, welchen Teil des Films wir benötigen würden. Der Film - offensichtlich von einem Amateur mit einer Amateurkamera gedreht - beginnt mit einer Taxifahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Paris, direkt vor den Louvre. Danach einige Szenen im Louvre, immer wieder gibt es Schwenke auf Kunstwerke. Gedreht wurde der Film wahrscheinlich von einem Mann, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Man sieht immer wieder seine schlanke, große Frau mit den brünetten Haaren, aber auch die beiden blonden Mädchen, die rund fünf und sieben Jahre alt sein dürften. Nach dem Louvre dürfte die Familie dann zum Eifelturm gefahren sein, geht durch den Park nahe des Pariser Wahrzeichens. Dann spielen die Kinder auf einem Spielplatz im Park und werden dabei gefilmt. Etwas später geht es zum Turm selbst, die Kamera zeigt den Turm von unten in der Totale. Aber dann ist plötzlich erkennbar, dass der Turm sich von oben nach unten aufzulösen scheint, Zentimeter um Zentimeter verschwinden, die vier Teile des oberen Turms stehen ohne Verbindung zu einander, werden immer kleiner und kleiner, niedriger. Aber der Vorgang schreitet voran, der Filmer zoomt auf die Reste des Turms. Das untere Drittel verschwindet jetzt auch schnell, bald sind nur mehr wenige Meter der unteren vier Teile des Turms zu sehen. Aber auch diese verschwinden, der Film zeigt, dass der Standort des Eifelturms nur mehr die Fundamente aufweist. Als der Film endet, schaue ich Miss McNema an und frage sie: „Gibt es jemanden, der in San Diego das Erscheinen des Eifelturms bemerkt hat?" Sie schüttelt den Kopf: „Erst, als der Turm schon vollständig - soll ich - übertragen - sagen?" Ich sage ihr: „Ist wahrscheinlich nicht so wichtig, ich hätte trotzdem gerne gewusst, ob die Materie stückweise oder in einem in San Diego aufgetaucht ist." „Würde uns das etwas helfen?" Ich schüttle den Kopf: „Wahrscheinlich nicht, war nur so eine Idee. Aber wir sollten nach San Diego fliegen, vielleicht heute noch." Sie nickt: „Haben sie etwas zu Umziehen hier? Wir werden über Nacht bleiben." Ich bestätige, habe eine Tasche für zumindest eine Nacht schon die letzten Tage im Büro liegen. „Wir können, ich habe alles da." Sie sieht mich irgendwie leidend an, meint: „Und wieder eine Nacht allein. Ich habe schon die letzten Tage im Büro geschlafen, meine Familie habe ich zuletzt vor fünf Tagen gesehen." Soviel ich weiß, ist sie verheiratet und hat einen fast erwachsenen Sohn. Ich bin froh, dass ich ungebunden bin. Aber gleichzeitig denke ich auch, dass das leider dafür gesorgt hat, dass ein Bedürfnis schon längere Zeit nicht mehr gestillt wurde. „Tut mir leid, wollen sie vielleicht vorher noch zu Hause vorbeifahren?" Sie verneint, „Das macht es noch schlimmer." Ich nicke, mein leeres Haus wäre mir auch kein Trost. Familie zu haben macht es wahrscheinlich noch frustrierender - zu kommen und gleich wieder zu gehen, nicht zu wissen, wann man zurück ist. Wieder holt uns ein Fahrzeug des FBIs ab und wir sind bald auf dem Weg nach San Diego.


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