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Belletristik
Buch Leseprobe RAVEN, Andrea Mertz
Andrea Mertz

RAVEN


The Shadow Force

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Prolog


 


Lieutenant Colonel Frank Morgan, genannt Eagle, saß auf dem Rücksitz des staubigen Militärjeeps und hielt die Augen geschlossen. Die Sonne war bereits untergegangen und das makellose Azur des Himmels war nachtschwarz eingefärbt. Der Mond hatte sich zu einer fahlen, dünnen Sichel reduziert und wurde von unzähligen Sternen umrandet, die auf den Konvoi hernieder funkelten. Man hätte das Szenario romantisch nennen können, wären sie nicht im Kriegseinsatz und vollkommen übermüdet gewesen. Während sie tagsüber mächtig geschwitzt hatten, breitete sich nun eine unangenehme Kälte über der kargen Wüstenlandschaft aus, die sie in südlicher Richtung durchfuhren. Die Fahrt war holprig und die einfache Staubpiste mit Schlaglöchern übersät und Steinen gespickt. Frank war zu lethargisch, um die harten Stöße und Erschütterungen in seinem Rücken als störend wahrzunehmen. Er wollte lediglich ankommen und schlafen. Ihr Ziel war allerdings mehrere Stunden entfernt und die Jeeps kamen quälend langsam voran. Das Team und er hatten tagelange Kämpfe hinter sich und viel zu wenig geschlafen. Der Erfolg ihrer geheimen Mission war bis jetzt, bescheiden formuliert, minimal bis mäßig. Die libyschen Regierungstruppen hatten zu seinem Verdruss einen ersten Angriff auf Gaddafis Heimatstadt Sirte abwehren können. Mit Raketen und Panzergranaten hatten sie die vorrückenden Rebellen in die Flucht geschlagen, bevor diese eigene Raketenwerfer in Stellung bringen konnten. Unter dem Schutz von NATO-Kampfflugzeugen und mit Unterstützung von Frank und weiterer Agenten der Shadow Force hatten die Kampfverbände der Opposition zuvor die in den vergangenen Wochen verlorenen Gebiete zurückerobert. Sirte wurde von den Mitgliedern des Gaddafi-Stamms dominiert und diente dem Machthaber als eine Art zweite Hauptstadt. Die Eroberung von Sirte hatte für die Opposition eine hohe symbolische Bedeutung. Sie würde außerdem den Weg nach Tripolis frei machen. Dazu hatten die Rebellen Informationen erhalten, dass Gaddafi sich ganz in der Nähe verstecken sollte. Je früher der direkte Zugriff auf ihn erfolgen würde, desto eher würde dieser blutige Spuk vorbei sein. "Das ist die letzte Verteidigungslinie. Sie werden alles tun, um sie zu halten", hatte der federführende Rebellenkämpfer Twate Monsuri gesagt. "Gaddafi greift uns nicht an, er verteidigt sich jetzt." Bis jetzt tat er das verdammt gut. Frank knurrte innerlich. Es hatte viele Opfer unter den Rebellen und Zivilisten gegeben. Dazu gab es zahlreiche Verletzte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich die Kämpfe monatelang und blutig hinziehen würden. Die bequemen Sesselpupser im fernen Europa stellten sich alles einfach vor. Kein Wunder, die Drecksarbeit machten andere und mussten ihre Köpfe für politische Schachzüge, wirtschaftliche Spekulationen und dadurch bedingte Verzögerungen hinhalten. Der Oberkommandierende der NATO in Europa US-Admiral James Stavridis hatte erklärt, er halte angesichts des internationalen Drucks einen freiwilligen Rücktritt Gaddafis für möglich. Wenn die USA und ihre Partner sämtliche Machtmittel bündelten, bestünde mehr als eine begründete Hoffnung, dass Gaddafi gehe. Frank glaubte nicht daran. Gaddafi war ein wilder Wüstensohn, nach seiner Ansicht vollkommen übergeschnappt und größenwahnsinnig. Ein Narziss wie er würde sich niemals ergeben. Dazu hatte er viele Anhänger, die für ihn durchs Feuer und in den Tod gehen würden. Vielleicht suchte Gaddafi sogar den Tod, um als potenzieller Märtyrer in Erinnerung zu bleiben und als Lichtgestalt aufzusteigen. Aber auch Märtyrer zerfielen irgendwann zu Staub und sie verblassten in den Köpfen der Menschen. Wie auch immer, die Ratten verließen bereits das sinkende Schiff. Außenminister Mussa Kussa war nach Tunesien geflohen. Der Minister war der amtlichen tunesischen Nachrichtenagentur TAP zufolge am späten Montagabend überraschend zu einem als privat deklarierten Besuch im Nachbarland eingetroffen. So nannte man heutzutage die feige Flucht der Menschen, die diesen ganzen Müll mit verzapft hatten. Frank machte sich nichts vor. Pack schlug sich und Pack vertrug sich, besonders wenn dieser Burgfrieden vergoldet war. Öl, Geld und Gold hatte das Regime gehortet wie Frauen ihre Schuhe. Unwillkürlich musste er an seine kleine Schwester Lianne denken, die in Begeisterungsstürme geriet, sobald sie ein Schuhgeschäft betrat. Er hoffte, bald wieder bei ihr in London zu sein und sie in die Arme nehmen zu können. Aus dem kleinen Wildfang von damals war eine attraktive, kluge und modebewusste junge Frau geworden. Eine ambitionierte Reporterin, die Karriere machen würde. Eine Frau, die alle Blicke magisch auf sich zog, was er als ihr großer Bruder zumeist missmutig und eifersüchtig zur Kenntnis nahm. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als ihm einige Streiche einfielen, die sie als Kinder ausgeheckt hatten. Frank verspürte eine tiefe Verbindung mit seiner Schwester und schon als Junge hatte er etwas Besonderes in ihr gesehen. Ganz so, als sei sie ein wichtiger Teil von ihm, den er wie seinen Augapfel hütete. Li war manchmal eine kleine Träumerin, die das Gute in jedem Menschen sehen und finden wollte. Den Kerl, der sie einmal als Ehefrau bekommen würde, würde er vorher auf Herz und Nieren prüfen. Wehe, er war nicht gut zu ihr und trug seine kleine Schwester nicht auf Händen. Das würde ihm denkbar schlecht bekommen. Mit den Gedanken an Li döste er vor sich hin und winkelte die Beine an. Sie waren gut drei Stunden unterwegs, als er plötzlich aufschreckte. Da war dieses ungute Gefühl und das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er setzte sich mit einem Ruck auf und sein Körper schien sich zu verkrampfen. Frank spürte die drohende Gefahr körperlich, seine Sinne schärften sich und alle Alarmsirenen schrillten in seinem Kopf. Seine Haut schien zu pulsieren und die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. "Sofort anhalten", rief er ihrem libyschen Fahrer Mustafa zu. "Was ist los, Sir?" Der junge Mann wirkte erschreckt und seine dunklen Augen funkelten übergroß aus seinem gebräunten Gesicht. "Wir müssen raus aus dem Wagen! Schnell!" Es blieb keine Zeit für Erklärungen. Der Jeep schlingerte und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Im gleichen Moment wurde die Stille der sternenklaren Nacht von nahen Detonationen und lauten Explosionen durchbrochen, die seiner Intuition bedrohlich reale Form gaben. Die Dunkelheit schien wie von grellem Feuerwerk erhellt, doch es war kein Freudenfest, das für sie gegeben wurde. Es war etwas anderes. Etwas Gefährliches. Der kleine Konvoi war in einen Hinterhalt geraten und wurde angegriffen. Stimmengewirr, MG-Feuer, Kampfgetümmel und bedrohliche Geräusche überall. Franks Müdigkeit war augenblicklich verschwunden. Er sprang mit einem gewaltigen Satz aus dem Jeep, gefolgt von dem libyschen Fahrer und zwei weiteren Agenten des MI6. Gerade noch rechtzeitig. Von einer Granate getroffen explodierte das Fahrzeug, hob sich meterhoch in die Luft, bevor es mit lautem Krachen auf den Boden aufschlug und in Flammen stand. Holy moly! Seine Begleiter stoben in Panik auseinander. Frank konnte die Flugbahn eines riesigen Trümmerteils mit seinen telekinetischen Kräften manipulieren, bevor es den kaum zwanzig Jahre alten Mustafa unter sich begraben konnte. Wenn der Junge schlau war, würde er sich umgehend aus dem Staub machen und nicht nach hinten blicken. Das würde ihm selbst und seiner Mutter Leid und Elend ersparen. Geduckt lief Frank, mit seinem Tarnoverall, einem Helm und festen Stahlkappenschuhen bekleidet und sein MG P90 in den Händen haltend, durch eine unwirkliche und gespenstische Dunkelheit, die vom Schein der Flammen erhellt wurde. Hin und wieder erklangen aus der Ferne Schüsse und die Mündungsfeuer von Sturmgewehren blitzten durch den aufgewirbelten Sand auf. Er hörte Schreie und kurz darauf warf eine weitere schwere Explosion seinen Körper zu Boden. Gesteinsbrocken, Metallteile und Sand regneten auf ihn hinab. Das war knapp! Für ein paar Momente verharrte er hinter einer Bodenerhebung, die ihn geschützt hatte. Dann rappelte er sich langsam hoch und kroch auf allen vieren weiter. Er nutzte für seinen weiteren Weg die Ruinen einer Baracke als Deckung. Allgemeines Chaos herrschte. Schöne Bescherung. Wütend atmete er den Staub des Wüstenbodens ein, der durch die Luft wirbelte und unangenehm in Nase und Mund drang. Seine Augen tränten. Vor Anstrengung schnaufend blickte er sich um. Es war schwer, das unebene und nächtliche Terrain zu sondieren. Überall konnte der Gegner lauern. Die Angreifer schienen in der Überzahl zu sein. Wie viele sie waren, konnte er nur schätzen. Vielleicht zwei Dutzend. Unter ihnen spürte er zu seiner Verwunderung deutlich enorme Energien, die das normale menschliche Potenzial weit überstiegen. Sie hatten mindestens einen Übersinnlichen unter sich. Einen paranormal begabten Menschen. Alles roch verdächtig nach einer Falle. Und seine Begleiter und er waren hineingetappt. "Hierher." Sein Freund und Teamkollege Captain John "Raven" McDermott winkte ihn heran. Er kauerte hinter dem Wrack eines sicherlich schon vor Monaten ausgebrannten Panzers und hielt sein MG schussbereit. "Hier haben wir für den Moment Deckung." "Okay." Frank robbte weiter und fand neben Raven hinter dem maroden Panzer Deckung. "Hast du nichts gesehen oder gefühlt?" "Ich habe ein paar Minuten geschlafen. Zum ersten Mal seit 36 Stunden." Das klang nach Anklage und nicht zu Unrecht. Vielleicht bildete er sich das auch nur ein, weil er sich schuldig und unzulänglich fühlte. Frank hatte seine Männer und sich selbst wie so oft bis zum Rande der Erschöpfung getrieben. In diesem armen und vom Krieg gebeutelten Land kam es ihm vor, als kämpfe er wie Don Quichotte gegen riesige Windmühlenflügel. Das Elend der Bevölkerung berührte ihn zutiefst und alles, was sie tun konnten, schien wie ein Tropfen auf dem heißen Stein zu verdampfen. "Peter und der Fahrer?" Frank beobachtete Raven. Bis auf ein paar Kratzer schien er unverletzt zu sein und seine Miene spiegelte wilde Entschlossenheit. "Sie haben es nicht geschafft. Wir sind auf eine Mine gefahren. Da war nichts zu machen." "Verdammter Mist." Die unterschiedlichsten Emotionen kochten in ihm hoch. Seine fest zusammengebissenen Zähne gaben ein knirschendes Geräusch von sich, als reibe Stein auf Stein. In Momenten wie diesem kam ihm der Einsatz in diesem wilden und gefährlichen Land sinnlos und unerträglich vor. Tief in seiner Seele wusste er jedoch, dass es keinen anderen Weg gab und dieser Job getan werden musste, um Schlimmeres zu verhindern. Wenn er und seine Männer, die Schattenkrieger, die Drecksarbeit nicht erledigten, wer dann? Sie hatten schließlich durch ihre ausgeprägten psychischen und physischen Fähigkeiten, die zumeist auf natürlichen Mutationen ihrer spezifischen Gencodes, einem veränderten Biorhythmus und der besonderen Struktur von Knochen, Muskeln und Gewebe basierten, weitaus bessere Chancen als andere Soldaten. Die Schattenkrieger-Spezialeinheit, oder auch Shadow Force genannt, war daher vor annähernd fünf Jahren durch die britische Regierung als Teil des MI6 ins Leben gerufen worden. Eine geheime Elitetruppe, die immer dann eingesetzt wurde, wenn es richtig brannte und gefährlich war. Wenn andere Einheiten versagten oder nicht weiter vorstoßen durften. Terroranschläge, Entführungen, Verfolgungen, Spionage, Kriege, Putsche, es gab nichts, was sie nicht schon getan hatten. Gegründet von Percy, Middelton und seinem alten Mentor Mortimer Jackson, der ihn ins Team geholt und weltweit nach Talenten geforscht hatte. Aber Mortimer war vor über einem Jahr unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Seitdem wehte ein anderer Wind in der Einheit und die Bürokratenhengste machten ihnen das Leben schwer. "Das kannst du laut sagen." Er wischte sich über die Augen, als ihn Ravens Stimme aus den Gedanken riss. Sein Blick wanderte zu den Getöteten. Peter Lawson war ein Agent des FBI gewesen, der mit Raven in einem der anderen Jeeps gesessen hatte. Die Männer hatten vor Ort eine lockere Allianz gebildet. Schließlich kämpften die Amerikaner und die Briten für die gleiche Sache. Freiheit, Frieden, den Schutz der westlichen Welt und aller Völker, die Hilfe und Beistand der NATO benötigten. Am Abend zuvor hatten sie noch Karten gespielt, gelacht und ein paar warme Biere getrunken. Jetzt lag sein zerrissener Körper im Sand der Libyschen Wüste. Sie würden ihn nicht einmal angemessen beerdigen, geschweige denn seinen Körper in die USA überführen können. Die Getöteten hatten Besseres verdient, als vom Sand der Wüste bedeckt zu werden. Sie sollten in die Heimat zurückkehren dürfen und von ihren Angehörigen betrauert werden. Manchmal hasste Frank die unmenschlichen Umstände, die seine Arbeit mit sich führte. "Das hätte nicht passieren dürfen. Ich war zu geschafft, sonst hätte ich die Gefahr früher bemerkt." Er ballte seine Hände zu Fäusten und biss die Zähne fest zusammen. Am liebsten hätte er seine Wut lauthals in die Nacht gebrüllt. "Es ist nicht deine Schuld", wiegelte Raven erstaunlich gelassen ab. "Einmal trifft es jeden von uns. Das gehört zum Job." "Nicht, wenn ich es verhindern kann." Frank hatte sich öfters gefragt, warum Raven so wenig an seinem Leben gelegen war. Viel zu oft hatte er den Teufel zu einem Tänzchen herausgefordert. Was Frank anfangs für Angeberei und Draufgängertum gehalten hatte, kristallisierte sich als Lebensverdruss und Todessehnsucht heraus. Warum es so war, verschwieg ihm sein Freund. "Ich habe dir schon einmal gesagt, dass wir einen Maulwurf in der Truppe haben, der sich die Nase vergoldet", zischte Raven ihm zu und seine Augen funkelten selbst in der Dunkelheit vor Zorn. "Unsere Pläne und möglichen Routen werden verraten." "Das könnte Zufall sein." "Ach ja?" Sein sonst eher wortkarger Freund schenkte ihm einen wütenden Blick. "Man hat uns aufgelauert und neue Minen gelegt. Hier in der Gegend war alles geräumt." Frank nickte bedächtig, denn er wollte Ravens Ärger keinen Zündstoff geben. Im Moment mussten sie bedacht vorgehen und nicht überreagieren. "Möglich." "Ist es auch ein Zufall, dass einige Agenten mit paranormalen Fähigkeiten und PSI-Kräften spurlos verschwunden sind? Für tot erklärt wurden, obwohl man ihre Körper nie gefunden hat? In Afghanistan, letztens in Syrien …" Frank kniete sich neben Raven, klopfte den Staub aus seiner Hose und grübelte. Raven hatte recht, einige ihrer Mitstreiter galten als verschollen oder waren bei streng geheimen Einsätzen im Ausland unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. So wie Jackson damals. Dazu war es insbesondere in den letzten Monaten zu kostspieligen Fehlschlägen gekommen, die die Notwendigkeit und Existenz der sehr speziellen Eliteeinheit Shadow Force aufseiten der Regierung infrage gestellt hatten. Warum sollte es eine geheime Einheit innerhalb des MI6 mit paranormal begabten Agenten geben, wenn die Erfolge zu wünschen übrig ließen und die Kosten explodierten? Bürokratenhengste rechneten in Zahlen, nicht in Menschenleben. Das Problem war außerdem, dass die Agenten der Shadow Force eine verschworene Einheit bildeten und Frank einem jeden sein Leben anvertraut hätte. Dass es unter ihnen einen Saboteur und Verräter geben sollte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Besonders Raven McDermott fühlte er sich in Freundschaft verbunden. Anfangs hatte er den hochgewachsenen und sturen Schotten für arrogant und selbstgefällig gehalten, in ihm einen oberflächlichen Draufgänger und gefühllosen Frauenvernascher gesehen. Das hatte sich gewaltig geändert, seit Raven ihm zum ersten Mal das Leben gerettet hatte. Unter der harten Fassade befand sich ein guter Kern, ein intelligenter Kopf und loyaler, verlässlicher Freund, mit dem man Pferde stehlen konnte. Wie Frank besaß er besondere PSI-Fähigkeiten. Er konnte aus seinem Inneren eine gewaltige Energie formen, die Angriffe abwehrte oder ihm in komprimierter Form als Waffe diente, verfügte über besondere Schnelligkeit und übermenschliche körperliche Kräfte. Seit zwei Jahren war er Teil des Teams. Frank schätzte sich glücklich, in ihm einen Freund gewonnen zu haben, auch wenn sie anfangs mächtig aneinandergerasselt waren. Als Feind wäre er ein wahrer Fluch. Aber es gab dennoch einen Feind und Verräter in ihren Reihen. Die einzige Person, zu der er nie Zugang gefunden hatte, der einzige Mann, der ihm nicht ganz koscher vorkam, war der zuständige Bereichsleiter des MI6, Robert Prime. Aber Männer in seiner Position wurden Tausende Male durchleuchtet und abgecheckt. Er besaß eine blütenreine Weste und hatte dazu gute Kontakte nach ganz oben. Damit war er unangreifbar. "Ich denke, es ist Zeit für etwas Zauberei." Raven grinste ihn an und verscheuchte Franks Gedanken an Robert Prime für den Moment. "Was hast du vor?" "Das wirst du sehen." Bevor er reagieren konnte, hatte Raven sein MG achtlos auf den Boden geworfen und war aufgestanden. Gemessenen Schrittes verließ er die Deckung und trat in den Schein der züngelnden Flammen. Dieser Irre, Frank fluchte innerlich. Dennoch war er wie so oft fasziniert von der unglaublichen Coolness und dem an Tollkühnheit grenzenden Mut seines Freundes. Wie ein Westernheld beim Duell stand er dort und hob die Hände, während sich seine Augen schlossen. Raven konzentrierte sich, bündelte seine Kraft. Gewehrsalven bellten durch die Nacht. Frank vernahm das jaulende Geräusch abgeschossener Granaten und Abschüsse von Panzerfäusten mit raketengetriebenen Hohlladungsgeschossen. Seltsam. Entweder hatte das libysche Militär innerhalb kürzester Zeit mächtig aufgerüstet oder hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Raven hatte mittlerweile einen bläulich fluoreszierend, schimmernden Schutzschild um sich geschlossen, an dem alle Angriffe abprallten. Er verstärkte die Energie und der Schweiß auf seiner Stirn zeigte deutlich, welche Anstrengung das kostete. Mit einem Ruck senkte er die Arme und die gebündelte Energie breitete sich in einer enormen Druckwelle wellenförmig aus und verstärkte sich, ähnlich wie bei einem Tsunami. Eine zerstörende Wirkung. Frank duckte sich möglichst tief hinter den schweren Panzer, der sich durch die Krafteinwirkung einige Zentimeter bewegte. Einen Moment herrschte Totenstille, dann brandeten Explosionen auf, wütende Rufe und Schreie ertönten, die sich zu einer kriegerischen Sinfonie mischten. Die Angreifer hatten anscheinend nicht mit dieser geballten Gegenwehr gerechnet. Einige flohen in Panik und mochten Ravens Kräfte für dunkle Magie oder Zauberei halten. Frank und seinen Leuten konnte dieser Aberglaube nur recht sein. Er machte sich an die Verfolgung und gab kurze Salven ab. Ihm lag nichts am Töten, er wollte die Libyer und ihre Helfershelfer in die Flucht schlagen, damit er sich um die Verletzten kümmern konnte. Sinclair "Falcon" Wexton und Duncan "Hawk" Corvin schlossen auf und Frank war erleichtert, dass seine Mitstreiter von der Shadow Force bis auf leichte Blessuren unverletzt geblieben waren. Das kleine schlagkräftige Team agierte bereits seit drei Wochen in Libyen und Frank trug die Verantwortung für seine Leute. Leider war es einigen ihrer einheimischen Begleiter und zwei weiteren Agenten vom MI6 nicht so gut ergangen. Sie mussten dringend ärztlich versorgt werden. Für zwei Personen kam allerdings jede Hilfe zu spät, unter ihnen Lawson. "Ist die Situation vorerst bereinigt?" Frank, Sinclair und Duncan sammelten sich hinter dem brennenden Wrack des Jeeps, der zuvor auf eine Landmine gefahren war. Ein beißender Gestank von Öl und verbranntem Kunststoff lag in der Luft. "Raven hat ganze Arbeit geleistet." Sinclair gluckste und seine Augen funkelten belustigt. "Er besitzt wie immer eine niederschmetternde und im wahrsten Sinne des Wortes umhauende Wirkung." "Neidisch?" Duncan grinste seinen Partner an. "Keine Spur, ich hänge an meinem Leben." Sinclair schnitt ihm eine Grimasse. "Meinst du, er nicht?" "Keine Ahnung." Sinclair zuckte mit den Schultern. "Manchmal ist er … komisch." Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. "Du meinst stur, halsbrecherisch und eigensinnig?" Duncan reckte sich und lockerte seine Muskeln. "Das bist du auch." "Aber nicht wie er", gab Sinclair nachdenklich zurück. "Das glaubst du?" "Absolut. Ich meinte eher, dass er anscheinend keinen Pfifferling auf sein Leben gibt. Raven sollte lieber ab und zu seinen schottischen Dickschädel einziehen." "Er ist halt kein Weichei. Wie andere, die sich nicht gern die gepflegten Fingerchen schmutzig machen und aus höchstadeliger Kinderstube stammen." Duncan lachte anzüglich und spielte auf Sinclairs Abstammung aus erstklassiger Aristokratie und einer wohlbehüteten Kinderstube an. "Wir werden nicht alle mit ´nem goldenen Löffel im Mund geboren." "Weichei nennst du mich?", begehrte Sinclair gespielt entrüstet auf. "Habe ich von dir gesprochen?" Duncan hob eine Augenbraue und seine Mundwinkel zuckten verräterisch. Die Foppereien der beiden lockerten die Anspannung in Frank. Zum ersten Mal nach dem Angriff. Selbst in einer Situation wie dieser. Das war gut so, denn es nahm den Druck aus der gefährlichen Situation und gehörte zu ihrer Art, Freundschaft zu untermauern. Der enorme Zusammenhalt im Team war ein Garant für Erfolg und ihrer aller Leben. Aber noch war die Gefahr nicht vorüber, sie mussten auf der Hut sein. "Wir werden beobachtet, seid wachsam", warnte Frank. "Sin und Duncan, ihr kümmert euch um die Verletzten. Sie müssen sofort ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Einer der drei Jeeps ist unbeschädigt." "Das ist meilenweit entfernt. Was wird aus dir und Raven?" Duncans Blick spiegelte Sorge. "Wir alle haben keinen Platz." "Wir sehen uns hier solange um. Benachrichtigt die Zentrale, sie sollen uns schnellstmöglich einen der Transporthubschrauber schicken." Franks Blick suchte Raven, der etwa zwanzig Meter entfernt neben einem der Verletzten kauerte. Wahrscheinlich war es einer der jungen Libyer, dem seine Hilfe ein Bein gekostet hatte. Wenigstens lebte der Junge noch, auch wenn er viel Blut verloren hatte. Wenn er gute Karten bei seinem Gott hatte, würde das auch so bleiben. Gevatter Tod macht im Krieg keinen Unterschied und erntet selbst unschuldige Kinder und Frauen. "Das kann Stunden dauern, die Funkgeräte sind hinüber und Handyempfang haben wir hier auch nicht", gab Sinclair zu bedenken. "Es ist zu gefährlich für euch allein." "Es ist die beste Lösung. Raven und ich bleiben hier", entschied Frank und beendete damit die kurze Diskussion. "Okay." Sinclair und Duncan akzeptierten seine Entscheidung klaglos, entfernten sich und wenig später setzte sich der Jeep mit seiner menschlichen Fracht in Bewegung. Er wusste, dass er sich auf Sin und Duncan verlassen konnte, dennoch blickte er voller Sorge dem durch das schwierige Gelände holpernden Gefährt nach. Wenn sie schnell genug waren, würden auch die Verletzten überleben. Glücklicherweise waren nur wenige Agenten der Shadow Force an diesem Einsatz beteiligt gewesen und keiner von ihnen verletzt worden. Das hatte schon anders ausgesehen. Besonders in den letzten Monaten, die bei ihnen allen Spuren hinterlassen hatten. "Der Letzte räumt auf?" Frank boxte Raven freundschaftlich in die Rippen, als der überladene Jeep ihren Augen entschwunden war. "Aufräumen? Nur Genies beherrschen das Chaos", konterte Raven und verzog kaum merklich die Lippen. "Hoffentlich ist der Heli bald da. Mir ist nach einer heißen Dusche, einem Berg von saftigen Steaks und einer weichen Matratze." Er nahm den schweren Helm ab und fuhr sich mit der Hand durch das verschwitzte Haar. Dann hockte er sich auf den Boden und verschnaufte. Die Anstrengung seiner Aktion war ihm noch immer anzumerken. "Gute Idee." Frank nickte. Dem Wunsch konnte er sich anschließen. Er fühlte sich verkrampft, innerlich leer und ausgepowert. Dennoch war er als Vorgesetzter und Freund für Raven verantwortlich und schnitt das ungeliebte Thema an. Sie waren allein, ein guter Moment für ein kurzes Gespräch unter Männern. "Musstest du uns allen vorhin die Show stehlen?", fragte er halb scherzhaft, halb ernst. "Ich dachte, wir hätten dieses Thema besprochen." "Was meinst du?" Ravens Blick verfinsterte sich. Er wusste zu gut, worauf Frank anspielte. "Keine halsbrecherischen Alleingänge mehr. Es dauert Sekunden, bis dein Schutz aktiv ist. Sekunden, in denen du verletzt oder getötet werden kannst." "Es hat doch alles geklappt", gab Raven gelassen zurück. "Allein das zählt." "Irgendwann endet jede Glückssträhne", warf Frank ein und legte Raven seine Hand auf die Schulter. "Ich erwarte, dass du dich an meine Anweisungen hältst." "Aye aye Lieutenant Colonel Morgan." Raven stand auf, salutierte mit einem Grinsen und wollte sich abwenden, doch Frank hielt ihn zurück. Er wusste, dass sein Freund sich nicht an die Vorgaben halten würde. Ein sturer und eigensinniger Mistkerl war dieser Schotte. Dazu verschlossen wie eine frische Auster. Am liebsten hätte er ihn durchgeprügelt, damit er zu Verstand kam, aber das wäre ihm selbst nicht gut bekommen. Vielleicht war es an der Zeit, diesen Heißsporn für einige Wochen aus dem Verkehr zu ziehen und in den verdienten Urlaub zu schicken. Sie waren alle längst überfällig und urlaubsreif. Wahrscheinlich hatte die gleißende Sonne der Wüste ihren Teil beigetragen. "Ich meine es ernst." Ravens Wangenknochen mahlten, doch er schwieg. Seine Miene war undurchdringlich wie der dichte Morgennebel zwischen Englands tiefen Wäldern und grünen Auen, den Frank vermisste. In Libyens Hitze konnte man manchmal kaum atmen. "Vor einer Woche in Sirte wäre es beinahe schiefgegangen." "Dafür habe ich dir deinen knackigen Hintern gerettet." Raven setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf. "Dieser Verlust wäre zu schade für die Damenwelt gewesen." "Das hast du, verdammter Sturkopf." "Na siehst du." Frank erinnerte sich nur zu gut an den Tag, als Raven ihn in üblich halsbrecherischer Art und Weise aus einem Hinterhalt gerettet hatte. Und nicht nur ihn. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich gegenseitig den Rücken gedeckt hatten und es würde wahrscheinlich nicht das letzte Mal gewesen sein. In ihrem Job war es wichtig, dass man sich aufeinander verlassen und blind vertrauen konnte. Ihre Andersartigkeit und die ständige Konfrontation mit Gefahr hatten sie, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein konnten, zu einer Einheit verschmolzen. Er war stolz darauf, diese Truppe anführen zu dürfen, auch wenn sie ihre speziellen Macken hatten. Wer hatte die nicht. Jeder Mensch hatte eine dunkle Seite und besondere Eigenarten. "Nichtsdestotrotz. Halte dich zukünftig zurück." Raven seufzte ergeben. "Okay." Er wusste anscheinend gut genug, wie weit er bei Frank gehen konnte. "Sonst noch was?"


"Ja. Sperr Augen und Ohren auf. Ich glaube nicht, dass du alle Angreifer mit deiner Show vertreiben konntest." Es war Zeit, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren und das zu tun, was sie beide am besten konnten. Sie waren allein in ungesichertem Gelände und der Helikopter würde nicht vor Morgengrauen eintreffen. Eine nicht ungefährliche Situation. Raven schlich auf sein Signal hin in geduckter Haltung voran und Frank folgte ihm wie ein Schatten. Sie mussten sich jetzt gegenseitig sichern. Nicht zum ersten Mal. Hoffentlich hielt die Nacht nicht noch weitere Überraschungen für sie bereit. In diesem Moment setzten wie aus dem Nichts gekommen lähmende Schmerzen ein. Pulsierende Schmerzen, die sich intervallartig steigerten und im Schädel zu explodieren schienen. Sie waren quälend, zerreißend und mit keinen Worten konkret zu beschreiben. Die Waffe fiel ihm aus der Hand. Raven erging es genauso und gleichzeitig sackten sie in den Sand der Wüste und krümmten sich, als fräßen giftige Nattern an ihren Eingeweiden. Ihre Schreie hallten durch die Nacht. War das ihr Ende? Warum hatten ihn seine außergewöhnlichen Sinne nicht vor der Gefahr gewarnt? Seine Gedanken schlugen wilde Saltos. Er sah sich in einer von Menschen gemachten Hölle gefangen, aus der es kein Entrinnen gab. Irgendetwas schien in seinen Körper zu dringen, in seinen Kopf, versuchte, seinen Verstand einzutrüben und seinen Willen zu lähmen. Das konnte er nicht zulassen. Mit aller Macht kämpfte er gegen die verteufelt starke Kraft an. Wer zum Donner konnte über diese unglaublichen, paranormalen Fähigkeiten verfügen? Er litt Höllenqualen. Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht. Sein Körper zuckte unkontrolliert, als liefe Strom durch ihn. Neben ihm ächzte Raven und wälzte sich verzweifelt im Staub, als stünde auch sein Körper in Flammen. Ihm schien es nicht besser zu gehen. Verdammt. Er konnte seinem Freund nicht helfen und war selbst unfähig, die Qualen länger auszuhalten. Sie zogen ihn unnachgiebig in eine finstere und beinahe beängstigende Dunkelheit, die sich wie ein tiefes Erdloch gähnend vor ihm auftat. Nein, nicht aufgeben. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Zwecklos. Das Letzte, was er hörte, waren boshaftes und triumphierendes Gelächter, leise Stimmen sowie energische Schritte, die sich ihnen näherten. Dann übertönte das Rauschen in seinen Ohren jedes Geräusch. Beinahe meinte er, die Kälte des nahenden Todes zu spüren. Etwas so Böses hatte er noch nie gefühlt. Wie eine skelettartige, eisige Hand, die nach seinem Herzen griff und es gnadenlos zusammendrückte. Wehrlos wie Raven und er aktuell waren, konnten sie dem unbekannten Feind nichts entgegensetzen. An Kampf war nicht zu denken. Er fühlte sich wie gelähmt und sah ein, dass er gegen diese Kraft keine Chance hatte. Ob Raven es versuchen würde? Wahrscheinlich nicht. Einen Moment dachte er an das Team, seine Arbeit und Verantwortung für die vom Regime gebeutelten Menschen hier vor Ort, dann wanderten seine Gedanken zu Buzz und zuletzt zu seiner kleinen Schwester Lianne, die im fernen London auf seine Rückkehr wartete. Vielleicht für immer. Frank hielt ihre Bilder so lange und lebendig in seiner Erinnerung, bis ihm vor Pein die Sinne schwanden. London/England, 11 Wochen später Die junge Reporterin Lianne Morgan war übernervös und rutschte auf dem weich gepolsterten Bürostuhl hin und her. Sie überprüfte wahrscheinlich zum zehnten Mal den Sitz ihres dunkelblauen Strickblazers, fuhr sich mit der Hand durch die langen, blonden Haare und befeuchtete die Lippen, die sie mit einem dezenten Lippenstift überzogen hatte. Hoffentlich würden ihr die gereizten Nerven keinen Strich durch die Rechnung machen. Alles musste perfekt sein. Der Job war wichtig für Lianne. Ein Wiedereinstieg. Eine Chance, zurück ins Leben zu finden. Sie hatte ein leichtes Make-up gewählt und trug zu ihrem schmalen Rock hohe Schlangenledersandaletten von René Caovilla, mit denen sie ihre langen Beine geschickt betonen konnte. Die Schuhe waren wunderschön und hatten sie ein kleines Vermögen gekostet. Das bedeutete allerdings auch, dass sie in den nächsten Monaten den Gürtel würde deutlich enger schnallen müssen. Oder eine stattliche Gehaltserhöhung verlangen. Aber eine höhere Entlohnung zu bekommen, war so wahrscheinlich wie ein heftiger Schneefall im Sommer. Nach vielen Stunden auf mittlerweile schmerzenden Füßen wünschte sie sich allerdings, bequemere Schuhe gewählt und nicht ihrer dummen weiblichen Eitelkeit sowie ihrem ausgeprägten Schuhtick nachgegeben zu haben. Seit annähernd drei Monaten war sie zum ersten Mal wieder mit einer Außenreportage für den Guardian betraut. Mit Glück sowie dank guter Kontakte ihres Chefs Dexter Slatt war es ihr gelungen, neben der üblichen Presseerklärung der Regierung einen der begehrten Interviewtermine bei William Hague persönlich zu ergattern. Stolz über diesen Erfolg mischte sich mit Nervosität, denn seit Franks angeblichem Tod vor über zweieinhalb Monaten hatte sie an Elan und ihrer üblichen Selbstsicherheit verloren. Ihr großer Bruder fehlte ihr unendlich und es schien, als wäre ein Teil von ihr mit ihm verloren gegangen. Schlimmer noch, sie halluzinierte. Manchmal bildete sie sich ein, ihn leibhaftig zu sehen. Zuletzt sogar hier in London. Erst vorhin hatte sie gemeint, ihn in der Menschenmenge vor der City Hall gesehen zu haben. Doch als sie nachgesehen hatte, mit klopfendem Herzen und laut seinen Namen rufend, hatten ihr lediglich irritierte Passanten entgegengestarrt. Keine Spur von Frank. Ein peinlicher Moment. Vielleicht stand sie kurz davor, den Verstand zu verlieren. Die Leute hatten sie jedenfalls so angesehen. In ihrem Leben wollte nichts mehr zusammenpassen. Selbst ihr kleiner, uralter aber ansonsten zuverlässiger Wagen hatte ihr an diesem Morgen den Dienst verweigert. Wenn sie nicht höllisch aufpasste, landete sie irgendwann tatsächlich in der Klapse. Lianne verscheuchte mit einem Seufzer die sehnsuchtsvollen Gedanken an Frank und versuchte, sich auf ihre Fragen zu konzentrieren, die sie Großbritanniens Außenminister stellen wollte. Sie hatte nur wenige Minuten Zeit und wollte ihre Chance nutzen, den konservativen Politiker zur gerade beendeten Konferenz von rund vierzig Staaten in London und über die Zukunft Libyens zu befragen. Dazu hatte seine Sekretärin sie in die City Hall eingeladen, dem Londoner Rathaus, in dem der Minister heute noch einen weiteren Termin wahrnehmen würde. Die City Hall lag am Südufer der Themse im Stadtteil Southwark, zwischen der Tower Bridge und dem Bahnhof London Bridge. Das von Norman Foster entworfene Gebäude war 45 Meter hoch und war im Juli 2002 eröffnet worden. Seine ungewöhnliche knollenartige Form erinnerte Lianne allerdings eher an den Helm von Darth Vader aus Star Wars als an ein stilechtes Rathaus. Mit dieser Meinung stand sie nicht allein. Viele Minuten vergingen und Liannes Finger trommelten auf dem Tisch. Seltsam, wie ruhig es in einem Gebäude sein konnte, das rege frequentiert war. Wahrscheinlich waren Räume und Türen besonders gut gedämmt. Endlich vernahm Lianne auf dem Flur Schritte, die sich näherten. Mit einem energischen Ruck wurde die Tür zu dem kleinen Konferenzraum geöffnet und Hague trat ein. "Lianne Morgan vom Guardian", beeilte sich Lianne zu sagen. Sie stand auf und schüttelte seine Hand mit festem Druck. "Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Minister." "Es freut mich, nehmen Sie doch wieder Platz." Hagues Blick lastete forschend auf Lianne und sie setzte ein freundliches Lächeln auf. Er trug einen klassischen Anzug von John Crocket, dazu eine gestreifte Krawatte und machte leider keine Anstalten, einen kurzen und freundlichen Small Talk zum Einstieg zu forcieren. Dann eben nicht. "Ich nehme an, wir beginnen gleich?" Lianne erwiderte seinen Blick möglichst gelassen. Energisch drückte sie das Rückgrat durch, obwohl ihre Hände bedenklich zitterten. Sie benahm sich wie ein Frischling, doch an diesem Tag war sie seltsamerweise besonders nervös. Es lag etwas in der Luft, das sie nicht genau definieren konnte. Zuerst hatte ihr Auto gestreikt. Den ersten Bus hatte sie verpasst und der zweite war übervoll gewesen. Randgefüllt mit schlecht gelaunten Menschen und ihren Ausdünstungen. Beim Aussteigen aus dem roten Doppeldecker hatte ein Jugendlicher versucht, ihr die Handtasche zu entreißen. Dem hatte sie Beine gemacht. Mit einigen gezielten Tritten, die Frank ihr beigebracht hatte. Dem Typen hatte vor Schreck der Mund weit offen gestanden und er war in vor Schmerz verkrümmter Haltung gerannt, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Er würde sich zukünftig überlegen, eine vermeintlich harmlose Frau anzugreifen. Dann die Sache mit Frank in der Menschenmenge vor der City Hall. Schließlich hatte sie sich auf der endlos langen Wendeltreppe bis zu diesem Besprechungsraum einen Absatz ihrer brandneuen Schuhe ramponiert. Es roch bedenklich nach Ärger und Problemen. An einem Tag wie diesem sollte man im Bett bleiben, die Vorhänge zuziehen und sich mit der Decke über dem Kopf im Haus verbarrikadieren. Aber das wäre feige gewesen. Irgendwie musste das Leben weitergehen und sie spürte, dass ihre Kräfte langsam wuchsen. Die Zeit begann, ihre Wunden zu heilen. Sie würde sich vom Schicksal nicht kleinkriegen lassen. Genau das hätte ihr Bruder von ihr erwartet. Einfach war zwar anders, aber es konnte nicht jeder täglich in einen zuckersüßen Sahnetopf mit Kirschen fallen. "Gern, denn es war ein langer Tag." Er nickte freundlich und nahm neben ihr Platz. Lianne betrachtete ihn eingehend. Obwohl er eine lange Besprechung hinter sich hatte, wirkte er keinesfalls müde oder lethargisch, sondern wachsam und angespannt. Das war vielleicht immer so, wenn er sich der Presse stellen musste und jedes einzelne Wort auf die Goldwaage gelegt wurde. "Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse dieser Konferenz?", begann Lianne mit einer eher unverfänglichen Frage. "Wir haben uns darauf geeinigt, eine internationale Kontaktgruppe zu bilden. Dabei hat die Durchsetzung der UN-Resolution 1973 mit der Überwachung einer Flugverbotszone über Libyen und dem Schutz der Zivilbevölkerung weiterhin absoluten Vorrang", gab er Fakten an Lianne weiter, die sie bereits der allgemeinen Pressemitteilung entnommen hatte. Damit würde sie gegen die anderen Zeitungen keinen Stich machen können. "Wer sind genau die Mitglieder dieser Kontaktgruppe", bohrte sie daher weiter und schenkte ihm ein charmantes Lächeln. "Dazu kann ich noch keine genauen Angaben machen", wiegelte er höflich, aber bestimmt ab. "Diese Kontaktgruppe wird jedenfalls die internationalen Anstrengungen für ein demokratisches Libyen bündeln." "Und die NATO?" Lianne forschte in seinem Gesicht. "Die NATO übernimmt an diesem Mittwoch das Kommando über den gesamten internationalen Militäreinsatz in Libyen." "Kommt man sich dann nicht mit den Befugnissen ins Gehege?" Lianne machte sich Notizen, doch sie spürte seine Verstimmung. Die Richtung ihrer Befragung gefiel Hague ganz und gar nicht und das zeigte er ihr, indem er ihre Frage unbeantwortet ließ. Lianne fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut, was allerdings nicht nur an diesem Interviewtermin lag. Ihr Körper reagierte mit Zittern und Schweißausbrüchen, als drohe ernste Gefahr. Wie seltsam. Welche Gefahr sollte ihr hier schon drohen? Das Gebäude war gut bewacht und Hague würde mit zusätzlichem Schutzpersonal unterwegs sein. Wahrscheinlich war sie schlichtweg überfordert und die Rückkehr in ihr altes Leben verfrüht. Lianne rief sich zur Ordnung. "Minister Hague, offiziell nehmen Rebellenvertreter an dem Treffen in unserer schönen Hauptstadt nicht teil. Vor Beginn suchten jedoch mehrere westliche Politiker das Gespräch mit dem nach London gereisten Gesandten des libyschen Übergangsrates, Mahmud Dschibril. Darunter war zum Beispiel der deutsche Außenminister Guido Westerwelle. Ihr Kommentar?" "Das ist die Sache des Kollegen. Ich gehe davon aus, dass es bei dem Gespräch um humanitäre Hilfe für Libyen und nichts anderes ging." Er hatte seine Mimik verdammt gut im Griff und sprach kein Wort mehr, als eben nötig. Respekt, von so einem Mann würde Lianne noch eine ganze Menge lernen können. "Hatten Sie selbst Kontakt zu Herrn Dschibril?" Er lehnte sich anscheinend entspannt zurück. "Nein." "Noch … nicht?", bohrte sie weiter. Er schwieg und um seine Mundwinkel war ein verräterisches Zucken getreten. Auch wenn Lianne es bemerkt hatte, ging sie nicht weiter darauf ein. Vielleicht würde sie ihn später aus der Reserve locken können. "Einige Nationen verurteilen die Luftangriffe auf die Truppen von Gaddafi. Was halten Sie diesen entgegen, Herr Minister?" Lianne beobachtete ihn genau. "Die Luftangriffe auf die Truppen von Gaddafi haben weitere Gewalt gegen Zivilisten verhindert. Würden wir unter solchen Umständen unsere Verantwortung ignorieren, wäre dies ein Verrat an uns selbst", antwortete er mit Inbrunst. "Verstehe." Lianne nahm einen kleinen Schluck Wasser, denn ihre Kehle war plötzlich wie ausgedörrt. Sie hatte schon den ganzen Tag das Gefühl, als ob ihr unmittelbare Gefahr drohen würde und gerade jetzt schien ihre Haut zu prickeln wie in einem Brausebad. Dieses Phänomen trat nicht zum ersten Mal auf, dennoch zu einem denkbar ungünstigen Augenblick. Hoffentlich bemerkte Hague nicht, wie unwohl sie sich in ihrer Haut fühlte. Das würde wenig professionell erscheinen. "Welche Pläne gibt es für Oberst Gaddafi?" Lianne ignorierte ihre körperlichen Reaktionen so gut wie möglich und konzentrierte sich. "Pläne?" Er hob eine Augenbraue. "Großbritannien und die USA sollen vor Beginn der Gespräche die Bereitschaft signalisiert haben, einen Plan zu akzeptieren, wonach Gaddafi Libyen rasch verlassen und dafür einem Kriegsverbrechertribunal entgehen könnte", fügte Lianne nach. Natürlich hatte sie ihre Hausaufgaben gemacht und musste forsch sein, um an neue Informationen zu gelangen. Dexter Slatt hatte ihr diese Chance geboten. Sie musste sie nutzen, um nicht aufs Abstellgleis zu geraten. "Ich kann nicht in die Zukunft schauen", antwortete Hague brüsk. "Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass Gaddafi vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess wegen Kriegsverbrechen gemacht wird." "Oder er wird getötet", warf Lianne ein. "Nicht mit Vorsatz, aber möglich ist alles im Kriegseinsatz." Lianne schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass Gaddafi lebend in Gefangenschaft geraten würde, eher gering. Nach diesem Kommentar noch geringer. Vielleicht hatte er dieses Schicksal verdient, aber es war nicht an ihr, darüber zu urteilen. In diesem Moment traten zwei seiner Berater in den Raum und gaben Hague ein Zeichen. Sein nächster Termin wartete bereits und die Befragung neigte sich somit ihrem Ende entgegen. Sie hatte nicht einmal die Hälfte der vorbereiteten Fragen stellen können. "Letzte Frage." Sein durchdringender Blick bohrte sich in ihre Augen. Lianne atmete tief durch. "Es gibt verschiedene Spekulationen über eine spezielle und streng geheime Eingreiftruppe der Allianz. Was können Sie uns zur sogenannten Schattenmacht oder 'Shadow Force' sagen?" Diese Frage war nicht geplant und Lianne herausgerutscht, doch nun konnte sie diese nicht mehr zurücknehmen. Verdammt, warum hatte sie sich nur so wenig im Griff und nicht auf ihren Job sowie die genauen Absprachen mit ihrem Chef Dexter beschränkt? Manche Fragen durften nicht gestellt werden, waren tabu. In diesem Moment hätte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können, so still war es. Hagues Augen verzogen sich einen kleinen Moment zu schmalen Schlitzen, dann entspannte sich sein Blick. Er stand auf, schüttelte ihre Hand zum Abschied und schenkte ihr ein verkrampftes Lächeln. "Nie davon gehört." Lianne hielt seine Hand fest. "Das glaube ich nicht." Welcher Teufel war bloß in sie gefahren? Lianne zitterte stärker, konnte seine Hand jedoch nicht loslassen. Es war wie ein innerer Zwang. "Wie bitte?" Seine Stimme war mit Schärfe gefüllt. "Damit sind zum Beispiel Agenten vom MI6 gemeint, die an einem verdeckten Einsatz britischer und amerikanischer Agenten beteiligt sind. Sogenannte Schattenkrieger, die die alliierten Truppen in Libyen unterstützen sollen. Gleiches in Afghanistan, damals im Irak …" "Interessant." Hague unterbrach sie und versuchte, seine Hand aus der ihren zu winden, doch Lianne ließ sich nicht beirren. Das Kind war sowieso schon in den Brunnen gefallen und seine Berater bauten sich bereits drohend vor ihr auf. "Ihre Aufgaben sind Informationen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen, Ziele auszuloten, militärische Beratung und die Aufständischen zu trainieren. Diese spezielle Truppe wurde von einem meiner Kollegen als Schattenmacht oder Shadow Force bezeichnet und zu ihr hat mein Bruder gehört. Er ist dort in Libyen angeblich gestorben, jedoch glaube ich das nicht, denn ich würde es fühlen." Jetzt waren die Worte heraus und Lianne fühlte sich ein wenig erleichtert. Endlich ließ sie Hagues Hand los und in ihre Augen traten Tränen. Heiliger Himmel, sie würde doch nicht weinen? Für einen Moment herrschte erneute Stille in dem kleinen Raum und Hague streichelte beinahe mitfühlend über Liannes Hand. Es war nur ein Zeichen, ein Symbol, doch Lianne verstand. "Das tut mir leid, Miss Morgan. Ich möchte Ihnen mein Mitgefühl aussprechen." "Danke." Lianne schnäuzte sich dezent. "Wie lautet der Name Ihres Bruders?", fuhr er mit ruhiger Stimme fort. "Lieutenant Colonel Frank Morgan." Hague dachte einen Moment lang nach und Lianne hoffte inständig, dass er ihr wenigstens ein paar Details geben würde. Doch seine Miene verschloss sich wieder und ihre Hoffnung war dahin. Er würde für sie keine Ausnahme machen können. Das war nicht verwunderlich, aber persönlich enttäuschend. "Ich bedaure, Miss Morgan, aber manche Fragen kann ich Ihnen einfach nicht beantworten." Lianne registrierte, dass seine Anteilnahme weder gespielt noch geheuchelt war. "So leid es mir tut." "Ich weiß." Sie hielt sich so tapfer wie möglich unter dem strengen Blick der drei Männer. "Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen diese Frage gestellt habe." Natürlich war er zur Verschwiegenheit verpflichtet und sie hatte eine Frage gestellt, die man einem Mann in dieser mächtigen Position auf gar keinen Fall stellen durfte. Aber sie war nicht nur eine Reporterin, sondern auch Schwester und direkt Betroffene. "Ihre Reaktion und Sorge sind verständlich, Miss Morgan. Wenn Ihr Bruder für unser Land tätig war, dann wusste er um die Gefahren, die notwendige Diskretion und alle Konsequenzen", fuhr Hague fort, ohne seine Gefühle preiszugeben. "Er ist demnach für unser Vaterland gefallen und für die Freiheit der Menschen in diesem Land. Damit können Sie stolz auf ihn sein. Er ist ein Held." "Das bin ich auch", gab Lianne zu. "Ich bin stolz auf Frank als Mensch und Bruder." "Ich würde Ihnen gern mehr dazu sagen. So bleibt mir nur, Ihnen für die Zukunft alles Gute zu wünschen. Denken Sie daran, dass die Zeit Wunden zu heilen vermag. " "Ich Ihnen auch, Herr Minister. Vielen Dank für Ihre Worte." "Ich habe zu danken. Für Ihr Verständnis." Hague schenkte ihr noch einen prüfenden Blick, dann verließen die drei Männer den Raum und die Tür schloss sich wieder. Lianne blieb minutenlang in dem kleinen, stickigen Besprechungsraum der City Hall sitzen und ihre heißen Tränen wollten nicht trocknen. Sie hatte Frank verloren und gerade ganz sicher ihre Karriere ruiniert. Viel schlimmer konnte es kaum noch kommen. Was zum Kuckuck hatte sie sich bloß dabei gedacht, dem britischen Außenminister diese provokante Frage zu stellen? Hatte sie wirklich geglaubt, dass er ihr eine ehrliche und deutliche Antwort geben würde? Dass sie auf diese Art und Weise etwas über Franks nebulöses Schicksal herausfinden konnte? Sie musste wirklich wahnsinnig geworden sein. Ihr Chef würde außer sich sein und sie vielleicht rauswerfen, oder für immer in den Archivkeller des Guardian zum Akten ordnen abkommandieren. Lianne seufzte und raufte sich die Haare. Das war kein Fettnapf, sondern eine ganze Wanne voll. Sie hatte den Verlust ihres Bruders längst nicht überwunden und viel zu früh wieder angefangen. Und das seltsame Gefühl von Gefahr in ihrem Inneren wuchs von Sekunde zu Sekunde an. Steigerte sich in panikartigen Intervallen. Was hatte all das bloß zu bedeuten? Alles in ihr schrie Flucht, als ob eine innere Stimme sie warnen wollte. Vielleicht sollte sie sich doch in psychologische Behandlung begeben, wie es ihr Freunde angeraten hatten. Oder für einige Monate in ein Kloster gehen und sich in völliger Abgeschiedenheit regenerieren. Das war keine gute Idee. Die ungewohnte Ruhe würde sie wahrscheinlich umbringen. Ein infernalisches und bösartiges Grollen, das in gewaltigen Explosionen mündete, gab ihr schließlich die Antwort auf ihre Fragen. Der Boden gab nach und sie stürzte. * Raven konzentrierte sich. Er untersuchte den klobigen Sprengsatz an einer hinteren Eckwand der Tiefgarage mit aller Vorsicht. Der Zünder lag seitlich, einige Kabel und Drähte, ein Verbindungsstück, ein mittelgroßes Behältnis, in dem er Plastiksprengstoff vermutete. Hier war ganz klar ein Könner am Werk gewesen, keine Frage. Im Normalfall hätte er dieses tödliche Paket durch einen Roboter entschärfen lassen, aber dafür war keine Zeit. Eine ungeschickte Bewegung, ein falsch gesetzter Schnitt, dann würde alles vorbei sein. Alles hing nun von ihm ab. Er überbrückte zwei Kabel mit einstudierten Griffen und Spezialklammern und hoffte, dass er das Richtige tat. Bloß keine Erschütterung. Dann würde ihm alles um die Ohren fliegen. Ein letzter Atemzug, dann schnitt er mit geübten Bewegungen den linken Draht durch, der zum Zünder führte und die Bombe hoffentlich entschärfen würde. Oder seinen Körper in tausend Fetzen reißen, wenn er sich irrte. Für Sekunden hielt er die Luft an und spürte, wie der kalte Schweiß von seiner Stirn perlte. Keine Explosion. Alles blieb ruhig. Geschafft. Erleichtert atmete er auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war Nummer drei gewesen, und wenn er es richtig einschätzte, blieben ihm maximal zwei weitere Sprengsätze, die im unteren Parkdeck der City Hall installiert worden waren. Natürlich hatten die Saboteure dunkle Ecken an strategisch wichtigen Punkten gewählt. Sie wollten das Gebäude instabil machen und zum kompletten Einsturz bringen. Entstehende Feuer und heiße Glut würden ihr Übriges tun. So viel zum Thema Sicherheit. Geschulte Wachmänner und technischer Sicherheits- sowie Überwachungs-schnickschnack hatten nicht verhindern können, dass sich Saboteure einge-schlichen hatten. Terroristen, die Blut und Zerstörung sehen wollten. Sie hatten sich geschickt angestellt und alle Sicherheitsmaßnahmen ausgehebelt. Wenigstens konnten diese drei Bomben keinen Schaden mehr anrichten. Wären alle gleichzeitig hochgegangen, wäre die City Hall unweigerlich in sich zusammengebrochen und nicht mehr als ein Häufchen Schutt und Asche von ihr übrig geblieben. Raven wusste, dass heute Großbritanniens Außenminister Hague im Hause war. Dazu arbeiteten viele Menschen in diesem Gebäude und täglich kamen Touristen zu Besichtigungen. Aber das war nicht alles. Für ihn galt es, eine besondere Person zu schützen. Das hatte er seinem besten Freund versprochen und er hielt sein Wort. Er hatte hoffentlich verhindert, dass sie rechtzeitig zu ihrem Termin in der City Hall ankommen würde. Tagelang hatte er sie beobachtet, doch dann war seine Aufmerksamkeit durch dubiose und alarmierende Aktivitäten an der City Hall gebündelt worden. Frank hatte mit seinen Vorahnungen, seiner Vision, tatsächlich recht gehabt. "Hey, was machst du da?" Ein massiger Sicherheitsmann in blauem Overall und mit Schirmmütze baute sich vor ihm auf. Na toll. Die Terroristen hatten sie übersehen, aber nicht die einzige Person, die sie alle retten wollte. "Deinen Job", knurrte Raven und stand auf. "Hier sind Bomben versteckt, das gesamte Gebäude muss evakuiert werden!" "Bomben?" Der Mann lachte. "Ich glaube eher, dass ich dich auf frischer Tat ertappt habe, Bürschchen." Bürschchen? Der begriffsstutzige Dicke war einen guten Kopf kleiner als er. Dazu offensichtlich nicht in der Lage, die gefährliche Situation zu erfassen, in der sie sich gerade befanden. Diskutieren würde allerdings keinen Sinn machen, da lag etwas lemurenhaft Naives im Blick seines Gegenübers. Der Hellste schien dieser Typ nicht zu sein. Raven überlegte kurz. Mit zwei gezielten Schlägen, die dem Mann vorkommen mussten, als wären sie wie aus dem Nichts gekommen, setzte Raven ihn außer Gefecht. Der Wachmann sackte in sich zusammen wie ein misslungenes Soufflé. Dann ergriff Raven das Funkgerät des Mannes und nahm nach zwei Fehlversuchen Verbindung mit der Zentrale der City Hall auf. "Befindet sich die Reporterin Lianne Morgan im Haus?", bellte er in das Gerät. Er hatte ein ungutes Gefühl und suchte Klarheit. Hoffentlich würde seine Anfrage verneint, dann hatte er ein großes Problem weniger. "Warum willst du das wissen?" Eine Frauenstimme antwortete ihm. "Hast du ein Date mit ihr? Du Schwerenöter." "Ich brauche die Auskunft … sofort." Raven gab sich streng. "Sie ist Reporterin beim Guardian. Bitte um umgehende Überprüfung." Eine kurze Pause entstand. "Die Reporterin Lianne Morgan, soso. Ja, sie hat jetzt gerade einen Termin bei Minister Hague", kam die verzerrte Antwort der weiblichen Stimme. Heilige Hölle! Die Kleine hatte es also doch bis hierher geschafft. Hätte sie nicht einmal verschlafen können oder den Termin schlichtweg absagen? Ihren Wagen hatte er außer Betrieb gesetzt. Das hatte anscheinend nicht gereicht, sie fernzuhalten. Sie war doch sonst nicht für ihre Pünktlichkeit bekannt oder nutzte öffentliche Verkehrsmittel, wie er bei der Observierung mehrfach festgestellt hatte. Sie schien sich in Menschenmengen unwohl zu fühlen. Genau wie er. "Wo befinden sie sich?", fasste Raven besorgt nach. "In einem der Besprechungszimmer in der Vierten. Bist du das, Colin? Warum fragst du mich das alles?" Die Frau schien sichtlich irritiert und argwöhnisch. "Nein, hier ist nicht Colin. Die City Hall muss sofort evakuiert werden. Auf Parkdeck drei befinden sich Bomben! Hier geht gleich alles hoch." "Soll das ein Scherz sein?" "Das ist todernst! Warnen Sie den Minister!" In diesem Moment explodierte ein Sprengsatz mit lautem Getöse und ein unwirkliches Zittern und Wanken lief durchs Gebäude. Raven strauchelte, ließ das Funkgerät fallen und rannte los. Wenigstens würden sie ihm nun glauben. Staub erschwerte ihm die Sicht. Erste Betonstücke und Steine fielen von der Decke. Er musste schnellstmöglich weg von den Parkdecks und in die City Hall gelangen, um Lianne zu finden, Franks kleine Schwester. Und das, bevor er selbst unter den Trümmern gefangen war. Wenn der nächste Sprengsatz zündete, während er hier unten war, würde er lebendig begraben werden. Er mobilisierte alle Energien, die ihm zur Verfügung standen, packte den bewusstlosen Wachmann unter den Achseln und schleifte ihn mit sich, bis sie aus der Gefahrenzone waren. Geschafft. Jetzt hieß es, auf schnellstem Weg in die City Hall zu kommen. Er bahnte sich seinen Weg vorbei an Trümmern und durch den Strom der vielen Menschen, die kopflos schreiend und weinend aus dem Gebäude flohen. Einige waren verletzt. Panik und Angst lagen in der Luft, die ein heilloses Durcheinander formten. Rauch und Staub bissen in seinen Augen und erschwerten die Orientierung. Egal. Weiter. Er durfte nicht versagen und sein Versprechen brechen.


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