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Belletristik
Buch Leseprobe Rausgekickt: Weiße Sterne, Vera Nentwich
Vera Nentwich

Rausgekickt: Weiße Sterne


Das Schicksal will auch mal Spaß haben

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Noch 30 Sekunden. Bloß kein Anruf mehr. Bloß kein Anruf mehr. 10 Sekunden. Neun, acht, schon mal langsam den Finger zur Taste zum Abmelden, drei, zwei, eins, und abgemeldet. Wieder geht ein Arbeitstag wie jeder andere zu Ende. Jetzt nur noch nach Hause auf die Couch, eine Folge Star Trek einschieben und der Tag ist gegessen. So endeten die letzten Tage und so wird auch der heutige enden. Zumindest denkt Daniel das noch, als er sich bei den Kollegen in den anderen Pferdeställen in den Feierabend verabschiedet. Pferdeställe, so nennt er die durch Stellwände abgegrenzten Telefonkabinen, in denen gerade Platz für einen Stuhl und einen Tisch mit dem Bildschirm und dem Telefon vorhanden ist. Einige Kollegen haben Bilder ihrer Lieben oder ihrer Hobbys an die Wände geheftet, damit wenigstens etwas persönliche Atmosphäre entsteht. Daniel hat sich ein Poster von Captain Picard und Deanna Troi hin gehängt. Persönlicheres fiel ihm nicht ein. Er läuft die Treppen hinunter. Keine Lust auf Aufzug. Da würde man womöglich auf andere Kollegen treffen, die einen in ein Gespräch verwickeln. Das muss nicht sein. Sein Konterfei spiegelt sich in der Glastür, als er das Firmengebäude verlässt. Würde er stehen bleiben und sich näher betrachten, dann würde er einen Durchschnittsmann sehen. Zumindest würde er selbst dies so bezeichnen. Die Haare sind eher ungeordnet und gleichen mehr einem Gewirr als einer Frisur. Das Gesicht hat eine gewisse Markanz und die Augen leuchten lebendig. Frauen finden ihn durchaus attraktiv. Sein Äußeres schreckt sie gewiss nicht ab. Aber Daniel achtet nicht auf sein Spiegelbild und tritt stattdessen unbehelligt auf die Straße, um seinen Heimweg im gewohnten Marschiertempo in Angriff zu nehmen. Ab einem Alter von 25 baut der Körper Muskeln ab, hat er mal gelesen. Er ist schon 35. Wie viele Muskeln sind da schon weg? Sport treiben ist nicht sein Ding. Womöglich noch in ein Fitnessstudio gehen, horrendes Geld bezahlen, damit einen irgendwelche durchtrainierte Dumpfbacken scheuchen. Nein, das geht nicht. Der Weg zur Arbeit ist sein Sport. Strammes Gehen würde bereits genügen, hatte er auch gelesen. Also geht er stramm. Zumindest so, wie er es für stramm hält. Außer Atem kommen soll man beim Sport auch nicht. Wie alles im Leben, ist auch das ein höchst komplexes Problem und Daniel hasst höchst komplexe Probleme. Denen versucht er schon sein ganzes Leben aus dem Weg zu gehen. Ist ihm bisher auch recht gut gelungen. Er kommt zurecht. Hat einen Job, der ihm nicht zu viel abverlangt und zum Auskommen reicht. Er lebt in einer Zweizimmerbude, in die er ab und an auch eine Frau abschleppen kann. Ansonsten genügt ihm seine DVD-Sammlung sämtlicher Star Trek Serien, außer der letzten Enterprise-Serie. Captain Archer war nicht sein Fall. Alles ist schön einfach. Da lassen sich auch die gelegentlichen Moralpredigten von Sebastian, seinem perfekten Bruder, ertragen. Wenn Matthias, sein Kumpel aus alten Schultagen und geknechteter Sohn eines erfolgreichen Vaters und Ehemann einer Karrierefrau, zu gelegentlichen Männerabenden vorbei schaut, ist die Welt wieder in Ordnung. Er nimmt immer zwei Gehsteigplatten mit einem Schritt. Bei einem strammen Schritt schafft man zwei Platten. Wenn man gemütlich geht, sind es vielleicht nur anderthalb Platten. Wobei dies natürlich von der Größe der Platten abhängt. Aber auf dem Weg nach Hause, genauer, dort wo es vorbei an den kleinen Geschäften geht und er gleich rechts abbiegen muss, sind die Platten so groß, dass man genau zwei davon mit einem Schritt schaffen kann. Wenn man zwei Platten mit einem Schritt quasi übersteigt, dann hat ein Schritt also die Länge von vier Platten. Die Platte, von der man ausgeht, die beiden Platten, die man übersteigt und die Platte, auf der man landet. Sind also vier. Er überlegt, ob er nicht einmal die Schritte zählen und daraus die Anzahl der überschrittenen Platten errechnen sollte. Stimmt die Annahme überhaupt? Wenn man auf einer Platte steht, dann muss man nur noch die Hälfte der Platte beim nächsten Schritt mitnehmen. Vorausgesetzt, man steht genau mittig auf der Platte. Spielt die Schuhgröße noch eine Rolle? Gerade als Daniel das Problem der Relevanz der Schuhgröße für seine Plattentheorie näher durchdenken möchte, bemerkt er, wie ein anderer Fuß seine Zielplatte bereits belegt. Nur ist sein Schritt bereits eingeleitet und befindet sich schon in der Flugphase, in der der vorwärts strebende Fuß noch nicht aufgesetzt hat, der Standfuß aber schon nicht mehr stabil steht. Eine Richtungskorrektur ist in diesem Moment nur noch unter stärkerer Gefährdung des sich bewegenden Körpers möglich. Die Alternative ist, es auf eine Kollision mit dem störenden Objekt ankommen zu lassen und zu hoffen, dass die sich aus der Masse und Geschwindigkeit ergebende Energie ausreicht, das störende Objekt beiseite zu schieben oder zumindest zu überrollen. Daniels Masse ist eher durchschnittlich. Na gut, ein kleiner Bauch ist schon da, aber der lässt sich noch gut kaschieren. Er wirkt schlank. Da ist er sich sicher. In der aktuellen Situation ist zudem davon auszugehen, dass Daniels Fuß auf dem störenden Fuß landet und diesem zwar wahrscheinlich beträchtliche Schmerzen zufügen wird, aber selbst relativ unbeschadet davon kommen dürfte. Daniel entscheidet sich daher für die Kollisionsvariante. „Au! Haben sie denn keine Augen im Kopf!“ Das schmerzverzerrte Gesicht einer Frau blitzt ihn an. „‘tschuldigung.“ „Sie haben mir bestimmt den Mittelfuß gebrochen! Sie Idiot!“ Die Hoffnung, die Restenergie aus der Bewegung sogleich zu einem Durchstarten zu nutzen und die Kollision somit nur zu einem kurzen, unbedeutenden Intermezzo des Nachhauseweges werden zu lassen, ist zerstört. Die Dame steht nämlich noch im Weg und hält sich den Fuß. „‘tschuldigung.“ „Können sie auch etwas anderes sagen? Verdammt, nun helfen sie mir doch mal!“ Sie hüpft auf einem Bein. Scheint kein gutes Gleichgewichtsgefühl zu haben. Früher haben die Mädchen Ballettuntericht gehabt. Fördert das Gleichgewichtsgefühl. Diese hier hatte definitiv keinen Ballettunterricht. Obwohl, grazil genug wäre sie. Könnte höchstens zu viel Oberweite für eine Ballerina haben. Schadet die Oberweite dem Gleichgewichtsgefühl? Kippt sie dadurch eher nach vorne? Jetzt scheint sie zumindest eher nach hinten zu kippen. Spricht gegen die Oberweitenhypothese. Wenn sie zu weit nach hinten kippt, ist der Moment verpasst, an dem man sie noch halten könnte. Daniel erinnert sich an seine erste Fahrstunde mit dem Motorrad. Als der Fahrlehrer ihm das Gerät hinhielt und es ganz langsam zur Seite kippte. Letztlich konnte er es nicht mehr halten und es krachte auf den Boden. Sie bekamen es nur mit viel Mühe wieder hoch. Die Frau dürfte aber leichter als das Motorrad sein. Sieht auch nicht so sperrig aus. Aber der Kippwinkel hat anscheinend bereits den kritischen Punkt überschritten, an dem ein Aufrichten nicht mehr möglich ist. Sie versucht es, in dem sie das rechte Bein schwungvoll anhebt. Daniel steht aber noch in der eingefrorenen Stellung eines nicht ganz korrekt beendeten Schrittes dort. Hätte er mit geschlossenen Beinen, beide Füße schön nebeneinander auf einer Platte platziert, dort gestanden, das schwungvoll hochschnellende Bein der kippenden Frau wäre wahrscheinlich vom seinem Oberschenkel abgelenkt worden und die Berührung ohne nennenswerte Folgen geblieben. So steht er aber eher breitbeinig da und bietet dem ihm entgegen schwingenden Bein eine enorme Angriffsfläche. Die Gewichtsverteilung in der aktuellen Stellung lässt auch eine schnelle Positionsänderung nicht zu und so sieht Daniel die Gefahr auf ihn zu kommen und ist gleichzeitig unfähig, etwas dagegen zu tun. Er kann nur abwarten und sich mental auf die Folgen einstellen in der Hoffnung, sie mögen glimpflich sein. Vielleicht streift der Fuß auch jetzt nur leicht den Oberschenkel und wird dadurch nach außen abgelenkt. Allerdings sieht es nicht so aus. Es sieht eher so aus, als ob der Fuß zwischen die Oberschenkel gelenkt wird und zielstrebig dem Zentrum zustrebt. Ein Aufprall ist unvermeidbar. Es ist wie die Spritze, die der Arzt einem ankündigt. Den Moment, an dem er sagt, es würde jetzt etwas kalt werden und man schon das Gesicht in Erwartung des kommenden Schmerzes verzieht, ohne dass der Schmerz bereits entstanden wäre. Daniel verzieht das Gesicht schon mal in Erwartung des kommenden Schmerzes. Diesen Schmerz hat er allerdings nicht erwartet. Schmerz erscheint ihm in diesen Moment sogar das viel zu milde Wort für das Erdbeben, das seinen Körper erschüttert und zu zerreißen droht. Er spürt, wie ihm die Gedanken entgleiten. Er sieht tatsächlich Sterne. Das sollte es doch nur in Comics geben. Ist er in einem Comic? Die Sterne wirken so. Sie sind alle weiß und fünfzackig. Nur die Größe variiert. Er hätte vermutet, sie seien auch bunt, aber sie sind nur weiß. Dafür sind es sehr viele Sterne. Sie schwirren herum, kommen näher und verschwinden wieder in der Ferne. Weit weg. Lassen ihn alleine, dort wo er ist. Wo immer dies auch gerade sein mag. Auch egal. Es ist schön hier. Sorglos. Ruhig. Sehr ruhig.


 


Irgendwann ist es mit der Ruhe vorbei. Geräusche gelangen zu ihm durch. Stimmen. Eine Stimme. Eine männliche Stimme. Er kann nicht verstehen, was sie sagt. Ist dies eine fremde Sprache? Arabisch? Kisuaheli? Spanisch? Konzentriere dich, Daniel, konzentriere dich! Es ist, als ob müde Gehirnbahnen erst entstaubt und ächzend in Gang gesetzt werden müssen, um die Laute der Stimme, die seine Ohren erreichen, zu Worten zusammen zu fügen und dann einer näheren Analyse zu unterziehen. Pochend setzen sich Prozesse im Hirn in Bewegung und beginnen die Verarbeitung der aufgenommenen Klänge. Wie bei einem Puzzle, das zuerst nach einem Sammelsurium bunter Pappfetzen aussieht und doch mit der Zeit zu einem einzigen Bild wird, ergibt das Gehörte mehr und mehr ein Bild. „Welchen Tag haben wir heute?“ Aber wie oft sieht man ein Bild, nimmt es als Gesamtheit wahr und versteht es dennoch nicht? „Können sie mir ihren Namen sagen?“ Andere Hirnareale werden in Betrieb genommen, um der Bedeutung der Worte nachzuspüren. Name? Aus einer hinteren Ecke seines Kopfes dringt ein Impuls mühevoll ins Bewusstsein. Daniel. Das muss der Name sein. Er lässt es durch den Kopf fließen, spürt wie Stromsignale durch den Körper zucken und Muskeln in Bewegung setzen. Der Mund formt etwas. „Daniel“, sagt dieser Mund, „Daniel Wetter“ Das Stimmengewirr nimmt an Lautstärke zu. Er spürt, wie Hände seinen Kopf anheben und ihn auf etwas Weiches legen. Langsam festigt sich in seinem noch umher irrenden Geist der Entschluss, vielleicht die Augen zu öffnen. Es gibt viele Phantasien, was man als erstes sehen möchte, wenn man aus einer Traumwelt aufwacht. Seine Lieben vielleicht. Aber Daniel hat keine Lieben und Matthias möchte er jetzt wirklich nicht sehen. Deanna Troi wäre da schon besser. Mühsam bewegt er die Augenlider und lässt erste Lichtstrahlen an seine Netzhaut. Schatten werden zu Konturen. Konturen zu einem Bild. Seven of Nine! Du Traum der unzähligen Star Trek Nächte. Lass mich dein Borgimplantat ertasten. Lockere dein blondes Haar. Durchdringe mich mit deinen blauen Augen. Küsse mich mit deinem Schnurrbart umrankten Mund. Schnurrbart? „Er kommt zu sich.“ Ein Mann schaut ihn irritiert an und greift nach seiner Hand, die immer noch das Ohr des Mannes krault. „Was ist passiert?“ Daniels Geist nimmt die letzten Synapsen in Betrieb und schiebt den Nebel Stück für Stück beiseite. „Sie sind ohnmächtig geworden“, sagt der Mann, „können Sie aufstehen?“ „Ich glaube schon.“ Daniel bewegt ein Gelenk nach dem anderen. Zuerst den rechten Arm, dann den linken. Nun noch die Beine. Der Körper rollt zur Seite, die Arme stützen ihn ab und heben ihn langsam auf die Beine. Der Mann hält ihn und eine Menge unbekannter Menschen schaut ihn an. So genau weiß Daniel immer noch nicht, wo er ist. Jedes Handy hat heutzutage GPS, warum er nicht. Ein paar eindeutige Koordinaten wären nun enorm hilfreich. So bleibt nur die Möglichkeit, eine visuelle Standortbestimmung durchzuführen. Aber um ihn herum sind nur Menschen zu sehen. Größtenteils weiß. Kaukasisch, wie man wohl sagt. Es dämmert ihm. Seine Heimatstadt. Die Hauptstrasse. Nachhauseweg. Na klar! Die Menschen schauen ihn an. Ein Teil scheint tatsächlich besorgt zu sein. Ein anderer Teil schaut so, wie man wahrscheinlich auch einen Film im Fernsehen anschaut. Interessiert, aber unbeteiligt. Ein Gesicht schaut anders. Ernst. Nein, das ist es nicht. Konzentriert. Das trifft es auch nicht. Sauer! Wütend! Das ist es. Diese Frau schaut ihn richtig wütend an. Es ist die Ballerina mit der zu großen Oberweite. Oder war sie gar keine Ballerina? Daniel ist sich nicht mehr sicher. Aber warum schaut sie wütend. Daniel war doch bewusstlos. „Randalieren sie immer so herum und laufen harmlose Frauen über den Haufen?“ Ihre Blicke blitzen. „Ähh...“ „Jetzt machen sie hier bloß nicht auf benommen. Sie haben meinen Laptop zerstört und das werden sie mir ersetzen.“ „Laptop?“ „Ja, meinen Laptop. Der ist beim Sturz auf die Straße gepoltert und ein Auto hat ihn überrollt.“ Sie hält eine Laptop-Tasche hoch, die deutliche Reifenspuren aufweist. „Sie sind hoffentlich versichert.“ „Ja.“ Zumindest denkt Daniel das. Er hat doch damals bei dem netten Herrn aus der Nachbarschaft, der bei der Versicherung arbeitet, so ein Gesamtpaket abgeschlossen. Alles sollte schön einfach sein. Daniel hasst Versicherungen und Papierkram. Ein einfaches Komplettpaket erschien ihm daher ideal. Seitdem bezahlt er einen beträchtlichen Betrag jeden Monat und denkt, dass zu einem solchen Rundum-Sorglos-Paket gewiss auch eine Versicherung für überrollte Laptops gehören müsste. „Name?“ Die Frau hält ein Notizbuch und einen Stift in der Hand. „Daniel Wetter“ „Adresse?“ Daniel nennt seine Adresse und dann noch seine Telefonnummer. Die Frau packt ihre Laptoptasche und verabschiedet sich mit einem unklaren Knurren. „Brauchen sie noch Hilfe?“ Der Mann steht immer noch da und schaut ihn besorgt an. Die anderen Schaulustigen haben sich bereits wieder in Bewegung gesetzt, nachdem sie festgestellt hatten, dass es hier wohl keine weiteren spannenden Ereignisse mehr geben wird. „Nein, danke. Ich komme schon klar.“ Der Mann nickt kurz und geht auch. Daniel schaut sich um. Sein innerer Kompass sucht nach einigen bekannten Punkten, um das Orientierungssystem wieder zu eichen. Dann setzt er sich Schritt für Schritt in Bewegung.


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