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Belletristik
Buch Leseprobe Rattenfänger, S.B. Sasori
S.B. Sasori

Rattenfänger


Hongkong Storys

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PROLOG - Dean- »Puste die Kerzen aus, Junge!« Es sind echte. Aus Stearin. Mein Vater ist stolz darauf, es mir erklä-ren zu können. Er hält nichts von Leuchtsticks, obwohl deren Licht auch bei jedem Hauch flackert. Wenn er von Glühlampen und Toastern erzählt, leuchten seine Augen. Ausnahmsweise Mal nicht vor Alkohol. Er kennt noch Telefonzellen. Aus seiner Kindheit. Man musste Münzen einwerfen, einen schweren Hörer abnehmen und die Stim-me kroch durch Kabel. Als ich klein war, dachte ich, er verarscht mich. Immerhin nutzte ich einen Hochfrequenz-LED-Modulator, um mir Spiele aus dem Netz zu laden. Allerdings sind diese Zeiten ebenfalls vorbei. Das Ding hat ir-gendwann den Geist aufgegeben und wir konnten uns kein neues leisten. Unterm Dach gibt es einen Raum, in dem ich einen anständigen Internetempfang habe. Die Funklöcher über den Staaten sind riesig. Ständig fallen Satelliten aus und niemand bringt die nötige Kohle auf, sie zu ersetzen oder zu reparieren. Die Internetzugangszeiten werden nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens zugeteilt, um eine Überlastung zu vermeiden. Ich heiße Fitzgerald, also können Dad und ich von sieben bis halb neun morgens und nachts von zwölf bis zwei im Netz surfen, unsere Mails checken oder telefonieren. Ausnahmen sind Notrufe und sonstige dringende Nachrichten. Die gehen immer. Aber wehe, man meldet ein Klasse-A-Gespräch an und plaudert dann entspannt übers Wetter oder verabredet sich mit Freunden am Strand. Keine Minute später erreicht einen die erste Verwarnung. Bei drei Stück ist die Lizenz für ein Jahr gesperrt. Die scannen den Inhalt nach Stichworten und Klangfarbe der Stimmen. Ich benutze mit meinen Freunden Code-Sätze, die wir mit gehetz-tem bis panischem Unterton flüstern bis brüllen. Einmal haben wir es übertrieben und die Polizei stand vor der Tür. Vier Monate Stubenarrest, Multi-Kom-Verbot und die Teilnahme an einem Fernkurs zum Thema Die Verantwortung des Einzelnen gegen-über der Gesellschaft hat mir der Richter aufgebrummt. Bisher meine einzige Jugendstraftat. »Dean?« Mein Vater boxt mich an die Schulter. »Pusten!« Richtig. Die Kerzen. Es sind achtzehn. Was nichts zu bedeuten hat. Laut Gesetz bin ich bis zu meinem einundzwanzigsten Lebens-jahr ein Kind. Nirgends auf der Welt ist das so. Außer bei uns in den Südstaaten und das auch erst, seit Gouverneur Clark 2029 im Senat einen Sondererlass zum Schutz der Jugend vor unmoralischer Beein-flussung seitens des World Wide Web durchgesetzt hat. Zwei Drittel der Seiten im Netz sind gesperrt und nur mit dem Referenzcode der ID-Card aufzurufen – wenn man volljährig ist. Dafür möchte ich Clark verprügeln. In Europa ist man mit achtzehn erwachsen, darf Alkohol trinken, Spielschulden machen, Sex haben. In Asien gilt dasselbe bereits mit sechzehn, und zwar pünktlich seit Ausbruch der Shanghai-Grippe. Da wurde ich geboren. Inmitten des großen Sterbens. Alle sagen, die Grippe hätte zur Weltwirtschaftskrise geführt. Kann sein. Mich hat’s als Kind nie gestört. Uns ging es bestens. Das hat sich erst vor fünf Jahren geändert. Vielleicht hat Gouverneur Clark die falsche Entscheidung getrof-fen. Ist doch schlau, jemandem mit sechzehn schon zu erlauben, Geld zu verdienen und es möglichst großzügig wieder auszugeben. Das kurbelt die Wirtschaft an. Deshalb funktioniert das Leben in den meisten asiatischen Ländern. Trotz moralgefährdendem Internet. Bei uns funktioniert nichts und unsere Moral ist auch mit dem bekackten Internetverbot im Arsch. Jeder denkt nur an sich und versucht das, was noch da ist, an sich zu raffen. Wer einen Job hat, verteidigt ihn bis aufs Messer, wer keinen mehr hat, probiert einen anderen mit allen Mitteln aus seinem raus zu drängen. Die Kriminalitätsrate steigt immer stärker an und niemand unter-nimmt etwas dagegen. Dad sagt, die Polizei wäre mittlerweile be-stechlicher als die Verbrecher. Und Typen wie Clark sehen zu und machen sich Gedanken um pornografische YouTube-Videos. Dad schiebt mir die Torte hin. Er hat sie selbst gebacken und das sieht man ihr an. Ich freue mich trotzdem. Ist nicht allzu lange her, da waren meine Geburtstagstorten dreistöckig und stammten vom Konditor. Mutter bestand darauf. Später hat sie keinerlei Geldver-schwendung mehr zugelassen. Sie weinte tagelang, als seine Firma Konkurs anmelden musste. Geschieht häufig in den Staaten. Vor allem im Süden. Die Armut schleicht sich wie ein Dieb in dein Leben und nimmt dir alles, was du liebst. Das hat Dad an dem Abend in sein Bourbonglas gelallt, als uns Mum verließ. Sie war es gewohnt, reich zu sein. Auch dann noch, als der Rest des Viertels immer ärmer wurde. Als mein Vater die Teppiche und Gemälde verkaufte, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Doch ihre Koffer hat sie erst gepackt, als ihr geliebter Flügel aus der Villa getragen wurde. Manchmal telefonieren wir. Sie wohnt wieder in New Orleans bei meinen Großeltern. Die haben zumindest ein Klavier. Ich hole Luft bis zum Anschlag. »Wenn du es schaffst, darfst du dir was wünschen.« Dads Augen glänzen. Vor Alkohol. Er trinkt ständig. Dafür rasiert er sich selten. Die Flammen erlöschen. »Perfekt!« Er schlägt mir auf die Schulter. »Hast du dir etwas Schönes gewünscht?« »Dass ich hierbleiben kann, Sir.« Ich will nicht nach China und mir ist egal, dass nur noch da in großem Stil Geld verdient wird. Vor allem in den Pharmakonzernen. Was soll ich dort? Schon in der Schulzeit konnte ich kein Rea-genzglas gerade halten. »Das Thema ist geklärt.« Er zieht mich in seinen Arm. Der Ge-ruch nach Schweiß und billigem Whiskey verschlägt mir den Atem. Es stört mich nicht. Früher hat er so etwas nie getan. Er war immer in seiner Firma, und wenn er heimkam, schlief ich längst. »Peter Lemarque ist ein guter Freund. Wir studierten zusammen in Tulane.« Wirtschaftswissenschaften. Dasselbe hätte mir auch geblüht, aber jetzt können wir uns die Studiengebühren nicht mehr leisten und die meisten Universitäten sind ohnehin pleite. »Es ist ein Glücksfall, dass er dich bei Zendo Pharm unterbringt. Du wirst in seiner Abteilung arbeiten und eines Tages selbst Chef von vielen Mitarbeitern sein.« »Ich bin dort Praktikant.« Bis zum Chef scheint mir der Weg zu weit, um darüber zu spekulieren. »Vom Praktikant zum Millionär.« Er lacht mit traurigen Augen. Das macht er oft. Mir tut es jedes Mal weh, ihm dabei zuzusehen. »Du brauchst eine Herausforderung, sonst wirst du nie ein Mann.« Ich hasse dieses Thema. Stark sein. Ein Mann sein. Verantwor-tung tragen. So tun, als wäre alles in Ordnung, obwohl es einen zer-reißt. Was hat es meinem Vater gebracht? Einen Dauerrausch, eine Frau, die auf und davon ist, und eine großporige Nase. Ein Stück Torte landet auf meinem Teller, dann legt er den Ku-chenheber zur Seite. »Und du?« Dad zuckt die Schultern. »Ich habe keinen Hunger auf das süße Zeug.« Stattdessen gießt er sich einen weiteren Bourbon ein und stürzt ihn in einem Zug hinunter. Irgendwas stimmt nicht mit der Torte. Sie bleibt mir im Hals ste-cken. Vielleicht liegt es auch an mir. Meine Kehle fühlt sich den gan-zen Tag schon eng an. Wenn ich zu dem Koffer sehe, der gepackt neben der Tür steht, wird es schlimmer. »Ich komme bald nach.« Er wischt sich übers Gesicht. »Allerdings wird es dauern, bis ich das Geld fürs Ticket beisammenhabe.« Das wird er niemals. Peter Lemarque hat es übernommen, mei-nen Flug zu bezahlen. Er muss wirklich ein sehr guter Freund sein. Die Preise sind astronomisch, weil Kerosin knapp ist und keine Sau mehr nach Alternativen forscht. Weshalb nur noch wenige Flugzeuge von Charleston aus starten. So circa alle drei Monate. Die Abflüge sind wegen der unterbesetzten Lotsen ebenso rar. Ich bekomme Heimweh bei dem Gedanken. Ich werde mein Gehalt sparen. Stelle ich mich ausnahmsweise einmal schlau an, geben sie mir eventuell einen richtigen Job. Dann hole ich Dad zu mir. Er schaut auf den Zimmermonitor, zieht die Nase hoch. »Es wird Zeit. Valentin kommt jede Minute.« »Ich hätte den Bus nehmen können.« Mir ist es peinlich, dass er den Nachbarn gebeten hat, mich zu fahren. Ich vermisse unser E-Mobil. Dad hat es ein paar Wochen nach dem Flügel verkauft. »Mein Sohn fährt nicht mit dem Bus in eine großartige Zukunft.« Er angelt ein Päckchen aus der Jackentasche. Das Seidenpapier ist zerknittert. Ich reiße es ab. Ein Multi-Kom. Zwar ein einfaches Model ohne Holo-Funktionen, aber es wird dennoch eine Menge gekostet haben. Dad passt das Armband auf meine Größe an und streift es mir ums Handgelenk. »Peters und meine Nummer sind gespeichert. Ebenso wie deine Kontoverbindung, deine Sozialversicherungs-nummer und deine Biodaten.« »Ich besitze kein Konto.« »Jetzt schon. Gefüllt mit fünfhundert New-Hongkongdollar.« Mein Mund klappt auf. Woher hat mein Vater so viel Geld? »Der Schlitzaugendollar ist siebenmal mehr wert als unserer«, sagt er mit einem zerknirschten Lächeln. »War früher mal andersherum.« »Danke, Sir.« Würde gern etwas bedeutenderes sagen, doch meine Stimme klingt zittrig, also lasse ich es. Draußen hupt es. Valentin. »Ich winke vom Fenster aus.« Er schwankt, als er zur Tür geht und mir den Koffer in die Hand drückt. »Die besten Abschiede sind kurz und knackig, ohne viel Brimborium.« Die besten Abschiede finden nicht statt. Mein Herz wiegt Tonnen. Warum muss dieses Scheißflugzeug ausgerechnet an meinem Ge-burtstag fliegen? Dad meint, es sei Schicksal. Ich will nicht weg. »Es ist ein Segen, dass dich Peter in einem der größten Konzerne der Welt untergebracht hat.« Er nimmt mich an den Schultern, küsst mir auf die Stirn. »Mach mich stolz, Junge.« Das schließt heulen aus. Schade, mir ist gerade danach. Bevor ich den Kloß aus dem Hals wegräuspern kann, schiebt er mich auf die Veranda. »Und nun gute Fahrt.« Er strubbelt durch meine Haare, ohne mir dabei in die Augen zu sehen. »Egal was ge-schieht«, sagt er leise. »Ich habe dich lieb, okay?« »Klar«, quetsche durch meine enge Kehle. Das ich dich auch be-komme ich nicht mehr raus. Traue mich nicht, ihn zu umarmen. Löse damit garantiert einen Wasserfall aus. Dad dreht sich um, klappt die Tür vor meiner Nase zu. Einfach so. Ich starre auf das hellgrün gestrichene Holz und will nichts sehn-licher, als den Knauf drehen. Valentin hupt erneut. Stolpere die Stufen hinunter. Der Kies knirscht unter meinen Sohlen. Das Geräusch kriecht mir in den Nacken und stellt die Här-chen auf. Am Fenster seines Arbeitszimmers steht mein Vater. Er hebt die Hand. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Das Glas spiegelt. Ich habe Charleston nie verlassen. Kaum eine Nacht woanders geschlafen als in der weißen Villa mit den Samtvorhängen und den knarrenden Treppenstufen. Auch wenn sie mittlerweile fast leer ge-räumt ist, ich werde sie furchtbar vermissen. So wie Dad. Er ist verschwunden. Kurz und knackig. Valentin nimmt mir den Koffer ab und verstaut ihn auf dem Rücksitz. »Wo geht’s hin?«, fragt er und hält mir die Beifahrertür auf. »Nach Hongkong.« THE BEGGING MONK - Liam - Ein Chinese mit Handkarren drängt sich an mir vorbei. Das klappe-rige Gefährt ist bis obenhin mit Kohl gefüllt. Die Hälfte der Köpfe sind welk, aber das stört seine Kunden nicht. Zerknitterte New-Hongkondollar wechseln im Sekundentakt ihre Besitzer. Der Händ-ler fragt mich mit einer knappen Geste, ob ich mit ihm ins Geschäft komme. Ich winke ab. Kochen gehört nicht zu meinen Hobbys. Magen-schmerzen ebenfalls nicht. Eine Frau mit Tuch um den Kopf ruft vom Straßenrand den Vorbeigehenden ihr Schicksal für die nächsten vierundzwanzig Stun-den zu. Unterhalb ihres Knies sitzt eine Kunststoffprothese. In den Ris-sen wächst Schimmel. Die Firma, die diesen Mist auf den Markt wirft, würde ich gerne verklagen. Jeder, der Ahnung hat, weiß, dass billiges Recyclingmaterial weder für Prothesen noch Implantaten taugt. Dummerweise sind die Zeiten vorbei, in denen ich jemanden ver-klagen konnte. Als approbationsloser Arzt in Kowloon nimmt mich kein Anwalt der Welt ernst. Spätestens seit meiner Scheidung ist mir das klar. Das Desaster meiner Ehe liegt zwei Jahren hinter mir. Ich hätte mir nie einreden dürfen, eine Frau glücklich machen zu können. Schon gar nicht in Hongkong, wo an jeder Ecke bildhübsche Asiaten ihren Charme versprühen. Mandelaugen gepaart mit dieser speziellen Feingliedrigkeit lassen mich schwach werden. So gesehen lebe ich im Paradies, obwohl es viele als Hölle bezeichnen würden. Als die Weltwirtschaftskrise ihren höchsten Punkt erreichte, flo-hen halbverhungerte Festlandschinesen und mittellose Europäer wie ich in diese Stadt, in der sich das Geld angeblich von selbst verdient. Durch die massive Zuwanderung schleppten wir nicht nur unsere Armut nach Hongkong, sondern auch unsere Hoffnungen und unse-re Gier. Die Stadtverwaltung wurde dem Strom der Menschen und der zunehmenden Kriminalität nicht Herr. Illegale Siedlungen sprossen über Nacht aus jeder freien Fläche Kowloons. Doch die Halbinsel war für mich nur ein Zwischenstopp. Ich wollte einmal in meinem Leben in Dollars baden dürfen, also zog es mich in die mit Ladengalerien und Büros gespickten Hochhaus-schluchten Hongkong Islands. Bevor die Behörden es schafften, die reichste Insel Asiens von der Menschenschwemme abzuriegeln, gelang mir die Überfahrt auf einer der letzten unkontrollierten Fähren. Ein junger Mediziner mit passablem Aussehen, einem aufgebläh-ten Ego und genügend Charme, um seinen Mangel an Erfahrung zu vertuschen, hatte es damals leicht, dort Fuß zu fassen. Die Angst vor einer Pandemie steckte den Leuten noch tief in den Knochen. Kein Wunder, der Ausbruch der Shanghai-Grippe lag bloß acht Jahre zu-rück und hatte neben meinen Schwestern auch meine Mutter ins Grab gelegt. Als ob ich Grünschnabel etwas gegen solch ein Monstrum hätte unternehmen können. Selbst jetzt wäre mir das nicht möglich. Niemandem. Bei jeder Grippewelle fällt mir ein, dass Beten eine gute Sache ist. Wenigstens für die eigenen Nerven. Gott sei Dank hat sich der Alb-traum von 2019 bisher nicht wiederholt. Weltweit zwei Milliarden Erdenbürger weniger. Die Städte versanken in Rauchwolken, weil die Krematorien der Masse an Leichen nicht Herr wurden. Aus Angst vor Ansteckung verbrannten die Menschen ihre Angehörigen einfach vor der Haustür. Bis es kein Benzin mehr gab. Danach ging alles in die Knie. Die Welt, die Wirtschaft, wir. China erholte sich am schnellsten von der Katastrophe. Dabei hatte sie dort begonnen. Aber wo sich die größten Konzerne der Lebensmittel- und Pharmaindustrie tummeln, wird auch in Ausnah-mezuständen noch ein Vermögen verdient. Es hat Metropolen wie Hongkong, Shanghai und Peking wieder auf die Beine geholfen. Weshalb sie nun aus sämtlichen Nähten plat-zen. Mir war das recht, als ich ankam. Je größer die Bevölkerung, desto üppiger mein Patientenstamm. Vor allem die zugewanderten Euro-päer gehörten dazu. Wie Charlotte. Meine Frau. Exfrau. Seltsamerweise stellte sich für mich heraus, dass eine gesicherte Existenz inklusive eines reichlich bestückten Bankkontos zwar die Nerven bis zum Absterben beruhigt, jedoch keinesfalls glücklich macht. Ich kehrte vor etwas über einem Jahr Hongkong Island den Rü-cken und ließ damit meine Hightech-Praxis in Wan Chai hinter mir. Inmitten des Chaos von Kowloon fühle ich endlich wieder mei-nen Puls. Vielleicht bin ich verrückt, aber ich brauche die Herausforderung. Eine Menschentraube bildet sich vor der Wahrsagerin. Einzelne bezahlen ein paar Münzen, um den Rest ihrer Zukunft zu erfahren. Angst erzeugt Neugierde auf ein hoffentlich besseres Morgen. Jede Wette, dass es keiner hier erleben wird. Die Regierung hat ihr Interesse am Schandfleck Hongkongs längst verloren. Niemand von Hongkong Island, Lantau oder einer der restlichen 261 Inseln schert sich einen Dreck um die Gesichtslo-sen in Kowloon. Es sei denn, er hat Geschmack an den zahlreichen Bordellen gefunden. Die Shivas – die Glückverheißenden – erfüllen Wünsche, die überall außerhalb dieses Bezirks als schändlich und verachtenswert gelten. Der Zulauf ihrer Kundschaft verstopft an den Wochenenden die ohnehin schon überfüllten Straßen. In Kowloon wird alles zu Ware. Insbesondere Menschen. Das ist das Einzige, an dem kein Mangel herrscht. Die Frau mit der Prothese winkt mir zu. »Hey Langnase! Ich weiß, was dich ...« Ich lege den Finger auf meine Lippen. Mein Schicksal interessiert mich nicht. Es begann vor achtunddreißig Jahren in Tullarmore, scheuchte mich nach Hongkong, verheiratete mich, erstickte mich in einem eintönigen Leben und verstieß mich eines Tages ins Begging Monk. Soll es dort enden. Es ist mir gleich. Die Ausdünstungen zu vieler Menschen mischen sich mit dem Geruch scharf angebratenen Gemüses und einem Hauch Opium, den ich mir auch einbilden kann. Aber er passt zu dieser Gegend. Ebenso wie die grell geschminkten Mädchen mit den durchsichtigen Plastiktops und den Jungen mit den knallengen, abgeschnittenen Neonjeans. Ein Freund hat mir gesagt, ich soll nur die vögeln, die mit freiem Oberkörper herumlaufen. Ein guter Rat, an den ich mich stets halte. Die mit den Shirts, vor allem, wenn sie trotz Hitze langärmelig sind, verbergen etwas. Einstichstellen, Ekzeme oder angefaulte Un-terarme. Manchmal genügt ein schlichter Blick ins Gesicht. Fehlen die Lippen oder der Kieferknochen schimmert aus dem Fleisch, lässt man besser die Hände davon. Opium ist teuer. Citric Smash nicht. Die Droge existiert seit Jahr-zehnten mit dezenten Abwandlungen in Rezeptur und Bezeichnung. Um sie herzustellen, braucht man lediglich einen Gaskocher und eine Handvoll billiger Hustentabletten. Eventuell ist eine Plastikflasche sinnvoll. Früher habe ich die Pillen meinen Patienten verordnet. Der Smog reizt die Atemwege und ich hielt das Mittel für verhältnismäßig harmlos. Meine Meinung hat sich geändert. Zum Glück auch der Zustand der Luft. Zumindest auf Hongkong Island. Seitdem dort sämtliche Verbrennungsmotoren verboten worden sind, ist es wieder möglich, die Häuser ohne Atemmaske zu verlassen – allerdings auf eigene Verantwortung. Steht der Wind ungünstig, wehen die Abgase Kowloons durch die sauberen Häuserschluchten der Hochglanz-Insel. Unzählige Mofas und Uralttransporter sorgen ebenso für Nachschub wie die Müllfeuer, die an jeder Ecke schwelen. Gerät eine Leiche in einen der Haufen, riecht man das garantiert bis Macao. Ich habe Regenschauer zu schätzen gelernt. In den Stunden da-nach ist die Luft zwar feucht wie in einer Waschküche, dafür kratzt sie beim Einatmen nicht in der Lunge. Bloß noch die Straße hinunter, dann bin ich da. Mein neues Zu-hause. Der Klub thront inmitten von Tattoo-Studios, Läden für Recycle-Elektronik und vor Werbeleuchten blinkender Bars. Ein mit wenigen Tuschestrichen gezeichneter Mönch ziert die Fassade neben dem Eingang. Sein Kopf ist gesenkt und er hält eine Bettelschale vor sich. Es ist nicht lange her, da wollte ein betrunkener Gast einen Dol-larschein in die Schale legen. Er fluchte, als das Geld ständig herun-terfiel. Ich fühlte mich geschmeichelt. Immerhin stammt das Fresko von mir. Eine Art Willkommensgeschenk für den Inhaber des Begging Monk. Joseph Wakane. Ich liebe Schönheit. »Dr. O’Farrell!« Rodja winkt mich an einer Gruppe von Gästen vorbei, die darauf warten, kontrolliert zu werden. »Wie war Ihr Tag?« »Soll ich dir etwas von einem Magengeschwür und offenen Brü-chen erzählen?« Plus Verbrennungen dritten Grades und der Geburt eines Mädchens, über das sich leider weder Mutter noch Vater ge-freut haben. Mein Instinkt sagt mir, dass die Kleine spätestens in zwölf Jahren an die Rattenfänger verkauft wird oder freiwillig einen Job in den unzähligen Bordellen des Bezirks annimmt. Für Geld gefickt zu werden ist besser, als zu verhungern. »Offene Brüche?« Der Türsteher verzieht das Gesicht. »Ehrlich gesagt würde ich davon lieber nichts hören. Ich wollte nur höflich sein.« »Ist mir klar.« Im Vorbeigehen lege ich ihm die Hand auf die Schulter. Joseph hat seine Leute im Griff. Ich schätze das. Ehe ich mich für ein paar Stunden auf dem Bett ausstrecke, brau-che ich einen Kaffee. Nirgends schmeckt er so köstlich wie hier – nachdem ich dem Barkeeper erklärt habe, auf welchem Schwarz-markt er die besten Bohnen bekommt und Joseph überredet habe, in einen anständigen Automaten zu investieren. Das ständige Teegeschlürfe schlägt mir auf den Magen. Kun steht hinter dem Tresen. Noch bevor ich auf meinem Stammplatz sitze, hat er bereits die Kaffeemaschine angeschmissen und mir den Tagesglückskeks zugeworfen. Ich beiße ihn auf und ziehe den Zettel heraus. 17. Juni 2037. Erst am Abend entfaltet der Tag seine Fülle. Harre geduldig. Es gibt dämlichere Sprüche. »Alles klar?«, frage ich Kun und meine seinen schlecht heilenden Kreuzbandriss. »Bestens«, antwortet er mir, was bedeutet, dass er ohne Schmerzmittel nicht laufen kann. »Wann hast du Feierabend?«, erinnere ich ihn an meine Verord-nung, das Bein zu schonen. »Um fünf.« Morgens. Das sind noch neun Stunden. Wir wissen beide, dass sich sein Knie bis dahin wie ein roher Klumpen anfühlen wird. Ich muss mit Joseph sprechen. Wenn sich seine Leute über meine An-weisungen hinwegsetzen, brauche ich sie auch nicht behandeln und er kann sich mein überzogenes Honorar sparen. »Bitte sehr, Dr. Liam.« Mit strahlendem Lächeln stellt er mir einen Cappuccino vor die Nase. Seit dem ersten Tag verwechselt er meinen Vor- und Zunamen. »Meiner Schwester geht’s gut. Der Ausschlag ist weg. Vielen Dank.« Fein. Das Läusemittel hat demnach gewirkt. »Bedanke dich bei Mr. Wakane. Er hat mich bezahlt.« Das Pulver hat mich nur drei Dollar gekostet. Auf der Rechnung stehen allerdings hundertfünfzig. Eingehende Beratung, symptombezogene Untersuchung, mein Über-leben als Europäer im Slumviertel Tai Kok Tsui. Das muss Joseph was wert sein. Kun bringt mir meinen Zeichenblock und die Kohlestifte, die er für mich unterm Tresen deponiert. Eine Marotte. Nicht mehr. Sie hilft mir abzuschalten. Hin und wieder riskiere ich deswegen eine Schlägerei. Nämlich dann, wenn einer der Gäste fürchtet, ich könnte sein Konterfei dazu verwenden, ihn bei seiner Familie oder seinem Chef anzuschwärzen. Das Monk genießt in den Geschäfts- und Ban-kenvierteln Hongkong Islands einen ganz eigenen Ruf, mit dem die wenigsten Besucher in Verbindung gebracht werden wollen. Mir egal. Ich begnüge mich ohnehin meist mit meinem Lieb-lingsmotiv: Joseph Wakane. »Ist der Boss da?«, frage ich deshalb den Barkeeper. Mein Tag war lang und noch ist kein Ende in Sicht. Ich will etwas Schönes, um mich bei Laune zu halten. »Kommt gleich.« Kun haucht in eines der Gläser, bevor er es po-liert. Ich hasse das und bin froh, dass er die Kaffeetassen damit ver-schont. »Da!« Er nickt zum Eingang. Oh ja, bitte. Genau das, was ich jetzt brauche. Joseph ist ein Phänomen. Seine Schritte strotzen vor Dynamik, sein Blick vor Entschlossenheit. Selbst wenn er sich träge in einen Sessel fallen lässt, knistert die Luft um ihn. Ich kenne keinen Mann mit vergleichbarer Virilität. Allerdings weiß er um seine Qualitäten und spickt sie mit Arroganz. Es stört mich nicht im Geringsten. Ich spitze den Stift und schlage das Blatt um. Bin ich nicht schnell genug, habe ich Pech gehabt. Er hasst es angeblich, von mir gezeich-net zu werden. Ein überhebliches Grinsen ernte ich dennoch jedes Mal. Immerhin schmeichle ich seinem Ego mit meiner Kunst. Gebe ich nicht acht, verschwindet er in seinem Appartement und taucht erst wieder um zehn Uhr abends auf. Er wird ein Hemd tragen, Hände schütteln, mit den Stammgästen plaudern und seine Arroganz und Verschlagenheit hinter einem höf-lichen Lächeln verbergen, wie es sich für einen Mann von Welt ge-hört. Er ist es nicht. Ich weiß das, seine Leute wissen das, er selbst oh-nehin. Doch für die Gäste mimt er den kultivierten Japaner, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Für einen tadellosen Klubbesitzer arbeiten auch tadellose Shivas, was gut fürs Geschäft ist. Sein wahres Wesen kommt zum Vorschein, wenn er sich von Fremden unbeobachtet in seinem eigenen Reich bewegt. Halbnackt stellt er seine Stärke und Schönheit zur Schau und genießt die Mi-schung aus Bewunderung und Angst in den Augen der anderen. Ich bin süchtig nach dem Anblick seiner Hüftknochen. Sie ragen über den knapp sitzenden Hosenbund und ein breiter Ledergürtel mit Silberschnalle betont sie auf verboten anrüchige Weise. Die Schnalle ist aus Silber. Ein verknoteter Drache, der seine dreizehigen Vorderklauen einem imaginären Angreifer entgegen-streckt und sein Maul bis zum Anschlag aufreißt. Dass die Metallkral-len dabei in Josephs Haut stechen, wenn er sich nicht kerzengerade hält, scheint ihn nicht zu stören. Offenbar ist ihm die Betonung sei-nes muskulösen Unterbauchs den zeitweiligen Schmerz wert. Joseph ist ein Pfau. Der schönste und stolzeste, der mir je begeg-net ist. Ich fange mit dem Kohlestift seine langen Beine ein, die kräftigen Schultern, den Rücken mit dem gigantischen Tattoo eines Samurais. Auch die hochgebundenen Haare. Dank des lockeren Knotens kommt der Nacken zur Geltung. Stark, unbeugsam, dennoch kei-neswegs steif. Kein Problem für mich, den Schwung bis hinunter zu den Schulterblättern zu skizzieren. Ich habe es bereits viele Male getan. Jeder Muskel, jede Sehne unter der goldbraunen Haut ist mir ver-traut. Gleichgültig, ob er schläft oder einen Shiva vögelt. Ich liebe es, ihn dabei zu zeichnen. Er lässt es zu, wenn ich ihn darum bitte. Irgendwann sieht er mich an. Das Glühen in seinen Augen, kurz bevor er sich dem Rausch ergibt, ist mir ebenso heilig wie der verschwimmende Blick danach. Er schenkt mir diese intimen Momente. Er weiß, dass ich sie wie die Luft zum Atmen brauche und keinen Deut mehr von ihm be-kommen werde. Ein einziges Mal habe ich mein Glück bei ihm versucht. Er hat mir ausgesprochen schlagkräftig klargemacht, dass niemand Joseph Wakane fickt. Nachdem ich meinen Kiefer wieder eingerenkt hatte, habe ich mich damit abgefunden. Für Sex wird bezahlt. Wer das Geld nimmt, ist käuflich und dem-nach ein Shiva, wer das Geld gibt, ist ein Mensch und besitzt das Recht auf Freiheit und Stolz. Es ist müßig, mit Joseph über diese archaische Einstellung zu streiten. Männer wie er trinken sie bereits mit der Muttermilch. Joseph bleibt stehen, wendet sich zu mir. Langsam hebt er die Arme und dreht sich einmal um sich selbst. Arroganter Mistkerl! Sein Grinsen reicht bis zu den Ohren und sagt: Ansehen ja, anfas-sen nein. Dabei wollen meine Finger nichts sehnlicher, als über die runden Schultern streichen und die braunen Nippel necken. Auch seine ein wenig zu breite Nase hat es mir angetan. Manch-mal träume ich, dass ich sie küsse, während ich ihm meinen Finger zwischen die Lippen schiebe. Er würde nicht daran lecken oder saugen. Er würde ihn abbeißen. Steve tritt ihm in den Weg. Er ist seine rechte Hand. Auf mich wirkt er loyal. Wahrscheinlich hängt er genau wie alle anderen an seinem Leben. Trotzdem ist er der Einzige neben mir, der Joseph nicht mit Sir anspricht. Die beiden gehen sehr vertraut miteinander um. Ab und an bin ich darauf eifersüchtig. Ich sollte meine Gefühle besser im Griff haben. Joseph ist jünger als ich. Wie viele Jahre kann ich nur schätzen. Sechs bis acht sind es sicherlich. Dennoch hat er sich ebenso unter Kontrolle, wie den ganzen verdammten Klub. Ich skizziere die Männer. Den Alten mit dem grauen Pferde-schwanz und dem Misstrauen im Gesicht, den Jungen mit der un-fassbaren, stets präsenten Autorität. Sie strahlt ihm aus jeder Pore. Der dünne Schweißfilm auf seiner Haut fasziniert mich. Es ist unmöglich, in Kowloon nicht zu schwitzen, aber Joseph schafft es auf eine Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Das Ziehen in meinem Unterleib ist ein Dauerbegleiter, wenn ich in seiner Nähe bin. Ich beginne mittlerweile, es zu genießen. Joseph verabschiedet Steve und schlendert auf mich zu. Aus den dunklen Augen springt mir Spott entgegen – wie so oft. Außer wenn es ihm kommt. Dann verschmelzen unsere Blicke über den Rücken eines keuchenden Shivas hinweg. Anfangs begegnete er mir mit ausgesuchter Höflichkeit. Seit er weiß, was ich für ihn empfinde, hält er mich mit seinem rüden Ver-halten auf Distanz. Ich lächle ihn an. Ich kann nicht anders, angesichts seines nack-ten, sehnigen Oberkörpers. Breitbeinig baut er sich vor mir auf. Ich könnte mich hinstellen und würde ich ihn um einen halben Kopf überragen. Das würde an seinem stolzen Grinsen jedoch nichts ändern. »Wird es dir nicht langweilig?« Er nimmt mir den Zeichenblock aus der Hand. Ich lasse ihn gewähren, denn nur so komme ich in den Genuss der geschmeidigen Bewegungen, da er sich zu mir herunterbücken muss, um sich anschließend wieder aufzurichten. »Ich bin ein langweiliger Typ.« Das Spiel seiner Muskeln lässt mich von verbotenen Dingen träumen. Joseph schaut von der Zeichnung auf. Das Nussbraun wird vom Schwarz der Pupillen verschlungen. »O’Farrell.« Seine Mundwinkel zucken. »Männer wie du sind niemals langweilig.« »Wenn du das sagst.« Ein Kompliment. Das tröstet mich darüber hinweg, dass er mich nie bei meinem Vornamen nennt. Diese Tatsa-che versetzt mir einen Stich ins Ego. Auf eine gewisse Weise fühle ich mich Joseph sehr vertraut. Ich wünschte, das würde auf Gegen-seitigkeit beruhen. Ich lege den Kopf in den Nacken und genieße seinen Anblick. Mir macht es nichts aus, zu ihm aufzusehen. Ich bin mir sicher, er selbst denkt anders über die umgekehrte Situation. Der Duft seines Schweißes steigt mir in die Nase. Ich atme be-wusst tief und geräuschvoll genug ein, damit er es bemerkt. Sein Lächeln wird beinahe liebevoll. In seinem Bedürfnis nach Anerkennung, egal worin, gleicht er einem Kind. Wenn ich ihm das sage, schmeißt er mich hochkant raus. Obwohl ich entspannt sitze, spreize ich die Schenkel weiter. Ich habe etwas zu bieten. Es klemmt hinter zu viel Stoff, ist dank meiner Erregung allerdings gut zu erkennen. Außerdem berühre ich dadurch Josephs Bein mit meinem Knie. Der Impuls fährt ihm durch den Körper. Ich bin Arzt. Ich bemerke so was. Auch wenn er nach außen hin keine Miene verzieht. Das minima-le Zucken seines Oberschenkels entgeht mir ebenso wenig wie der veränderte Ausdruck in seinen Augen. Nur einen Moment. Dann siegt der Spott über jede andere Re-gung. »Hier.« Er wirft mir den Block zu. »Nimm es mir nicht übel, aber du hast mich schon besser getroffen.« Ich antworte ihm mit einem Lächeln. Es sagt das, was er weiß und wahrscheinlich verabscheut. Ich bin ihm nicht halb so gleichgül-tig, wie er es gerne hätte. »Vielleicht versuche ich es später noch einmal«, setze ich eins drauf. »Oben bei dir.« ... wenn du in den Leib eines Shivas stößt und davon träumst, dass ich dasselbe bei dir mache. Erneut weiten sich seine Pupillen. Er schluckt und ich verbeiße mir ein Seufzen. Sein hoch- und runterhüpfender Kehlkopf ist gna-denlos sexy. »Nein.« Seine Lider senken sich, bis bloß Schlitze übrig sind. »Du hast vergessen, bitte zu sagen.« Abrupt dreht er sich um und verlässt das Entree. Mit einer Dynamik, die mein Herz gegen die Rippen pochen lässt. - Joseph - Noch ein paar Minuten, bevor ich bei den Gästen Männchen ma-che und mein Gewissen dem Teufel in den Rachen stopfe. Wenn es nicht rutscht, trete ich nach. Das stört mich nicht. Immerhin verdie-ne ich ein kleines Vermögen damit. Eine Seltenheit in Kowloon. Ebenso wie Platz. Der ist rar und wird teuer gehandelt. Mit dem Begging Monk habe ich ihn mir gekauft. Enge macht mich nervös. Die Halbinsel versinkt täglich tiefer im Morast zu vieler Men-schen und ihrer gestorbenen Träume. Mein Klub ragt fünfstöckig daraus hervor. Dafür produziert er seinen eigenen Dreck. Mit Erfolg. Die Leute kommen aus den entlegensten Gegenden, um sich darin zu suhlen. Warum, verdammt, tigere ich dann zwischen Fensterfront und Tür hin und her und zerbreche mir den Kopf? Ich habe es weit gebracht für einen wie mich. Freunde und Fein-de respektieren mich, das Monk ist auf jeder der Inseln ein Begriff und dennoch fühle ich mich wie eine Katze ohne Schwanz. Etwas fehlt. Keine Ahnung was, aber ich brauche es, um die Balance zu halten. Mein Whiskykonsum steigt. Trotzdem finde ich in den Morgen-stunden kaum Schlaf. Da ist eine Unruhe, die mich die Wände hoch-gehen lässt. Ich kann sie mir weder mit den Shivas austreiben noch in Arbeit ersticken. Sie wächst, wenn mich O’Farrell ansieht. Sein Blick gleitet über meinen Körper und ich weiß, was er am liebsten damit tun würde. Ich hoffe, seine Wünsche genügen ihm. Mehr als Träume be-kommt er nicht. Er arbeitet für mich, seit er Hongkong Island auf den Tod ge-langweilt den Rücken gekehrt hat. Bevor der letzte Funke seines Geistes erlosch, besuchte er mich im Monk. Ich will das Leben, sagte der smarte Ire und überwies unaufgefor-dert zehntausend New-Hongkongdollar auf mein Geschäftskonto. Zeig es mir. Es ist in jeder Ecke Kowloons zu finden. Das Leben liebt Ver-kommenheit. Wir verbrachten die Nacht mit einem Shiva und gegen Mittag führte ich O’Farrell durch die menschen- und müllverstopften Stra-ßen. Er sah den Unrat nicht. Nur die Märkte, die Tattoos auf schwit-zender Haut und die skurrile Schönheit authentischer Leiden. Seitdem lebt er wie alle anderen meiner Leute im Monk und lässt sich von mir für seine Dienste bezahlen. Hin und wieder kommt er an mein Bett, um mich beim Ficken zu zeichnen. Schweigend zieht er einen Stuhl heran und beginnt. Die kaum kontrollierte Erregung in den eisblauen Augen bringt mich schneller zum Glühen, als es der Shiva unter mir schaffen könnte. Ich denke zu oft über O’Farrell nach. Das ist nicht gut. Die Leuchtreklamen werfen bunten Schatten an die Wände. Aus den Gassen schallt das Feilschen der Käufer und das Wettern der Händler. Ich bin da raus. Habe meinen Platz gefunden. Warum kann ich nicht aufatmen und mich zurücklehnen? Weil ich in Kowloon lebe. Wer sich hier ausruht, wacht am Mor-gen in der Gosse auf. Mein Multi-Kom piept. Zehn Uhr. Wird Zeit, dass ich mich in der Bar sehen lasse. Ich schalte den Alarm aus und ziehe das Arm-band fester ums Handgelenk. Noch eine Zigarette auf den Weg und ein Blick in den Spiegel. Meinem verschollenen englischen Vater verdanke ich die Lidfal-ten und die etwas größere Nase, meiner japanischen Mutter die dunklen Augen und meiner Jugend in Tai Kok Tsui eine tiefgreifende Abneigung gegen Käfige. Manchmal träume ich von der mit Menschen überfrachteten Wohnung, in der die Gitterverschläge die Wände säumten. Drei übereinander. Wer unten schlief, atmete Gestank und Staub. Später kam virenverseuchter Auswurf dazu. Als meine Mutter eines Morgens nicht mehr erwachte, küsste ich ihre kalte Stirn, packte meine Sachen und ging. Ich habe sie weder beerdigt noch verbrannt. Ich konnte ihr ihren Tod nicht verzeihen. Jetzt bereue ich es. Die anschließende Odyssee hätte ich mir gern erspart, wenn ich gewusst hätte, wie. Letztendlich habe ich es nur ein Viertel weiter geschafft. Aber meine wirtschaftliche Situation hat sich massiv geän-dert. Selbst die Shivas müssen nicht in Käfigen schlafen. 120 Zimmer, ein weitläufiges Entree mit Bar, ein Saal mit Tanzfläche und ein Hin-terhaus mit drei ganz besonderen Räumen. Oase des duftenden Schmerzes. Der Name entsprang einer meiner al-koholisierten Stimmungen. Geblieben ist ein Spottgrinsen meiner Securitys und ein knappes Oase. Die Shivas, die dort arbeiten, grinsen niemals wegen des Namens. Ihr Schmerz ist für sie eine elementare Angelegenheit. Auch ich nehme ihn ernst. Das tut jeder, der ihn kennt. Ich überrede meinen Mund zu einem Lächeln. Es ist arrogant und verdeckt, dass ich unter Strom stehe. Eine Runde plaudern, auf Schultern klopfen, Shivas empfehlen. Ich hasse Small Talk, aber die Stammgäste lieben es, ein paar Worte mit mir zu wechseln, ehe sie mit ihren Spielzeugen hinter den violett gestrichenen Türen verschwinden. Da sie mein Leben finan-zieren, habe ich das höfliche Geschwafel zumindest zu mögen. Bevor ich die Flamme an die Zigarette halte, sehe ich ihr für einen Augenblick beim Brennen zu. Zündeln mit dem Feuerzeug beruhigt. Ich bin versucht, mit dem Finger langsam durch die Hitze zu fah-ren. Ich will die Erinnerungen nicht, die der Geruch versengter Haut weckt. Doch ich sehne mich nach dem Zustand, in dem alles andere ins Unwichtige driftet. Der New-Hongkongdollar ist nur eine Währung, mit der in Kow-loon bezahlt wird. Schmerz eine andere. Ich werfe mir ein Hemd über und lasse die oberen Knöpfe offen. Ich bin stolz auf meine makellose Erscheinung. Die Laserbehandlung hat mich ein Vermögen gekostet. Lediglich am Rücken drangen die Narben zu tief ins Gewebe. Das Tattoo eines Samurai verdeckt sie. Meister Hiato war so freundlich, es mir zu stechen. Er war einer meiner Stammkunden gewesen und trauerte, als er erfuhr, dass ich meinem Dasein als Shiva ein Ende gesetzt hatte. Das Kunstwerk schenkte er mir dennoch. Eine Art nachträgliches Trinkgeld. Ich habe es mir verdient. Die Narben, die es kaschiert, stammen von ihm. Vor meiner Tür poltert es. »Mr. Wakane! Probleme in Zimmer drei!« Viktor klopft erst, als er schon in der Tür steht. In der Oase gibt es ständig Probleme. Die Räume dort sind lukra-tiv und erfüllen spezielle Wünsche, kosten meine Shivas aber auch hin und wieder das Leben. Viktor rennt vor zur Nottreppe, statt den unzuverlässigen Aufzug zu benutzen. Ich hetze hinter ihm her ins Erdgeschoss. »Es sind zwei Typen aus Aberdeen«, japst der Russe über die Schulter. »Sie haben sich Juen ausgesucht. Abraham hat mich ange-piept. Er hat komische Geräusche gehört und will deine Genehmi-gung, das Spiel zu unterbrechen.« »Safeword?« Es gilt nicht den Gästen – sie halten sich nicht daran – sondern dem Security vor der Tür. »Es ist Juen, verdammt! Der würde es nie verwenden. Der trägt stolz jede einzelne Narbe zur Schau.« Verständlich. Sie steigern seinen Wert und zeigen, wie belastbar er ist. »Ich brauche einen Grund, um einzugreifen.« »Mr. Wakane.« Viktor bleibt vor mir stehen. »Abraham weiß, dass was faul ist.« Juen ist erfahren. Er jongliert mit dem Schmerz. Bis zu einem ge-wissen Grad genießt er ihn sogar. Allerdings kann ich mich auf Ab-raham verlassen. Er arbeitet im Monk, seit ich es von Steve über-nommen habe. Wir traben durch den neu angelegten Garten, der das Vorder- mit dem Hinterhaus verbindet. Abraham sieht uns entgegen. Er stammt aus Idaho, ist groß und breit wie ein Schrank, grobschlächtig und mitleiderregend hässlich. Er hat seine Gründe, sich an dem Ort aufzuhalten, der am weitesten von Gesetz und Ordnung entfernt liegt. Seine Finger umklammern die Klinke, doch ohne meine Erlaubnis wird er keinen Gast stören. Es sei denn, der Shiva fordert es. Deshalb sind Knebel in der Oase verboten. »Ich will da rein, Boss.« Seine Miene strotzt vor düsterer Ent-schlossenheit. »Die spielen Juen kaputt. Vorhin hat er wie am Spieß geschrien, aber nicht um Hilfe. Ich dachte zuerst, es gehört zur Ab-sprache.« Viele Gäste erfreut es, wenn ihr Spielzeug offensichtlich leidet. »Dann war es plötzlich still.« Er nickt zur Tür. »Bis auf das da.« Aus dem Zimmer dringen erstickte Laute. Juen und sein Stolz. Er ist ein Shiva, verdammt! Dieses Gefühl steht ihm nicht zu. Ich nicke und Abraham stößt die Tür auf. Juen hängt an Händen und Füßen gefesselt waagerecht im Raum. Stramm gespannte Seile halten ihn auf Hüfthöhe der zwei Männer. Die Haut ist mit Striemen und Brandwunden überzogen. Blut und Schweiß rinnen über den zierlichen Körper. Das ist legitim. Dafür sind die Haken an den Wänden da. Was mich stört, ist der Lappen in seinem Mund und die dicken Nadeln in Achseln und Fußsohlen. Zuerst muss der Knebel weg. Ein Fetzen eines der Handtücher, die zum schnellen Reinigen ausliegen. Der Rest davon befindet auf dem Boden. Keuchend ringt Juen nach Atem. Was zäh über sein Gesicht läuft, stammt nur teilweise aus ihm. »Mr. Wakane!« Aus dem Krächzen wird ein Wimmern. »Es ist zu viel!« Versengtes Fleisch. Der Gestank verpestet die Luft und überdeckt den Angstschweiß von Juen ebenso wie die Gerüche von Sperma, Pisse und Zigarettenrauch. Einer der Männer dreht sich zu mir herum, den Stummel noch zwischen den Fingern. »Was wird das?« Seine zu hohe Stimme bebt vor Wut. »Raus hier! Wir haben die kleine Ratte für die ganze Nacht gemietet.« Sein Schwanz hängt aus der Hose. Er ist rot und geschwollen. Der Kerl hat es sich eindeutig zu oft auf Juens Kosten besorgt. Ich gebe Abraham ein Zeichen, dass er den Shiva befreien soll. Der Security nickt. Seine Miene zerfließt in einer grotesken Mi-schung aus verbissener Wut und Mitgefühl. Im Prinzip ist er zu weich für diesen Job. Behutsam löste er die Fesseln. Viktor breitet ein Handtuch auf dem besudelten Boden aus und Abraham legt Juen vorsichtig darauf. Nacheinander entfernt er die Nadeln. Kein Wimmern, kein Stöhnen kommt über Juens Lippen, dafür zittert er, dass ihm die Zähne aufeinander schlagen. Viktor kniet sich auf seine Beine, damit sie nicht haltlos zucken. Ich rufe O’Farrell an. Er muss sich den Jungen ansehen. »Wer ist es diesmal?«, meldet sich der Arzt mit einer Gelassenheit, für die ich ihn bewundere. »Juen. Zimmer drei.« »Bin unterwegs.« Der Tag, an dem er an meine Tür klopfte, war ein Glückstag für jeden wundgespielten Shiva. »Wir sind noch nicht fertig«, geifert einer der Gentleman. »Für heute Nacht schon.« »Aber ich habe bezahlt! Bis morgen früh!« Bis dahin ist nichts mehr von Juen übrig, was sich verkaufen lie-ße. Er wühlt ein Bündel Scheine aus der Hosentasche, wirft sie mir vor die Füße. »Kauf dir einen neuen, wenn der da verreckt. Die klei-nen Ratten gibt’s wie Sand am Meer.« Ich wickele mir den Fetzen um die Hand, der eben in Juens Mund steckte, und schmettere dem Mann die Faust ins Gesicht. Blutende Fingerknöchel sind weder bei den Gästen noch bei den Shivas ver-trauenerweckend und ohne Vertrauen funktioniert ein Geschäft wie meines nicht. Er stolpert rückwärts an den Pranger. Unter der Hand, die er auf die Nase presst, rinnt es rot übers Kinn. »Mein Haus.« Ich presse ihm meinen Unterarm gegen die Kehle. »Meine Regeln. Wer sie bricht, betritt das Monk kein zweites Mal.« Ihm treten die Augen aus den Höhlen. Ich verstärke den Druck. Am Rand meines Sichtfeldes kommt Bewegung in seinen Kum-pel. Ich höre, wie er empört nach Luft schnappt. Ein Nicken von mir genügt und Viktor baut sich vor ihm auf. Seine Fäuste sind geballt und ähneln Vorschlaghämmern. Der Mann schrumpft zusammen. Ein ungemein befriedigender Anblick. Spätestens jetzt wird den beiden klar, dass sie mir weder in meinem Laden noch in meinem Bezirk ans Bein pissen können. Zur Polizei rennen? Die richten in Kowloon nichts aus. Außer-dem müssten die Kerle zugeben, in einem der illegalen Freudenhäu-ser gewesen zu sein. Es ist nicht das Vergnügen gegen Bezahlung, das die Regierung stört, sondern der Menschenhandel, der dahinter-steckt. Die meisten Klubs beziehen ihre Ware von den Versteigerun-gen im Hafen. Die Rattenfänger locken alles, was jung ist und laufen kann aus den Wellblechverschlägen der Slums und verhökern es an die Auk-tionatoren. Der Müll wird vor Ort aussortiert. Sichtbare Krankheiten und körperlicher Zerfall durch Drogensucht sind Kassengifte und landen im Ramschangebot. Das andere wird an die Containerwände gekettet und wartet auf betuchte Käufer. Privatleute und Klubbesitzer, die sich Qualität leis-ten können. Im Monk existiert keine Containerware. Auch keine Kinder. Wer bei mir arbeitet, hat zumindest den Stimmbruch hinter sich. Wenn es nicht gerade um den Job in der Oase geht, ist es für die Schwächeren eine echte Alternative zu dem, was ihnen in den Stra-ßen blüht. Unter meinem Dach gibt es keinen Missbrauch und keine Vergewaltigungen. Weder durch mich noch durch einen der Securi-tys. Ebenso wenig wird den Shivas ihr hart erarbeitetes Trinkgeld abgenommen. Das Monk ist der sicherste Klub. Jeder, der sich für Geld ficken lassen will, weiß das. Unfälle in der Oase sind ärgerlich aber längst nicht so häufig, um an meinem Ruf zu kratzen. Ich führe den Laden fair. Das bin ich meiner Vergangenheit schuldig. Legal ist er trotzdem nicht. Einige der Männer, die nachts den vielfältigen Service des Monk in Anspruch nehmen, sind theoretisch tagsüber dazu verpflichtet, ihn zu schließen und mich hinter Gitter zu stecken. Sie tun es nicht. Weil die Regierung weder das Leben ihrer Securitys noch ihrer Soldaten in Kowloon riskiert. Wer mit einer der Schnellfähren von Hongkong Island übersetzt, weiß das und akzeptiert, dass hier andere Regeln gelten. Niemand bringt Ordnung in ein Chaos, das sich im Minutentakt selbst er-schafft. Meinen Job würde sich sofort ein Konkurrent schnappen. Mit überzogenen Preisen, einem schlechteren Angebot, Ramschware. Das Monk ist erstklassig. Dafür habe ich hart gearbeitet und das ist etwas, wozu die wenigsten Klubbesitzer bereit sind. Sie sind Zu-hälter, haben keinen Respekt vor dem Material und verschleißen es in einer Handvoll Nächten. Nicht gerade motivationsfördernd für die Shivas. Das merkt der Gast und er kommt kein zweites Mal. »Viktor, geleite die Herren nach draußen. Wenn ich sie noch ein-mal in meinem Klub erwische, kastriere ich sie mit bloßen Händen.« Immerhin wäre das eine neue Erfahrung für mich. Die Kerle glauben mir jedes Wort. Ihr Mienenspiel ist unbezahl-bar. »Das würde ich zu gern sehen.« Mit der Arzttasche unterm Arm lehnt O’Farrell am Türrahmen. »Seit wann bist du da?« »Lange genug, um das Wichtigste mitzubekommen. Kann ich jetzt meine Arbeit machen?« Er kniet sich zu Juen. »Keine Sorge.« Er streicht über die nassen Haare. »Ich flicke dich zusammen und bald besitzt du ein paar Narben mehr zum Prahlen.« Ihm muss klar sein, dass es nicht nur Schweiß ist. Das sagt schon der Geruch, der von Juen aufsteigt. Dennoch zwinkert O’Farrell dem Shiva zu, als sei alles in Ordnung. Für ihn sind Wunden eine Heraus-forderung. Für mich lediglich ein teures Ärgernis. Er stellt seine ausgebeulte Ledertasche ab. Ihr Anblick beruhigt. Sie wirkt so vertrauenserweckend und kompetent wie O’Farrells stets ruhige Hände. Ob er den Stift hält oder ein Skalpell. »Meine Herren?« Viktor weist zum Ausgang. »Nach Ihnen.« Er lässt die Bastarde vorgehen und schließt hinter sich leise die Tür. Er gehört zu den besten Securitys im Bezirk und bewahrt auch dann noch Haltung, wenn ihm halb verfaulte Citric-Smash Junkies auf die polierten Stiefel kotzen. Juen krümmt sich in Abrahams Arm. Es sind die Nadeln, die ihm den Rest geben. Es sind zu viele und zu tief gestochen. O’Farrell zieht eine Spritze auf und injiziert Juen etwas hoffent-lich Starkes. »Gleich wird es besser, mein Junge.« Er summt eine Melodie, die für meine zum Teil asiatischen Ohren zu robust ist. Juen scheint sie zu gefallen. Er lächelt den Arzt an. »Die haben Schmerz nie selbst erlebt.« Abraham wiegt den Shiva sacht im Arm. »Das sind alles Fatzken aus Kennedy Town, die ihre Ärsche mit Seide wischen, damit es nicht an den Hämorrhoiden kratzt, aber einem Jungen die Nadeln bis auf die Knochen stechen und wichsen, wenn er sich die Seele aus dem Leib schreit.« »Genau so.« Aus diesen Gründen existierte die Oase. Abraham weiß das. »Zudem kommen sie aus Aberdeen.« Wobei das keine Rol-le spielt. »Sir.« Abraham sieht mich düster an. »Schließen Sie diese ver-dammten Zimmer!« »Meine vorrangige Verdienstquelle?«, mischt sich O’Farrell ein und schüttelt in gespieltem Tadel den Kopf. »Willst du mich der Armut überlassen?« Abraham schnaubt. Mit Ironie kann er nichts anfangen. Dazu ist sein Gehirn zu schlicht konstruiert. »Sie haben uns über fünfzig Shi-vas gekostet.« Hat er mitgezählt? Mir gehört der Laden seit elf Jahren. Fünfzig Todesfälle in dieser Zeit sind nichts. Er hat nie als Shiva gearbeitet, noch kennt er andere Klubs von innen. Ihm fehlt der Vergleich. »Gibt es keine Alternative, Sir?« Eventuell, doch sie gefällt mir nicht. Die Leute mit dem Gängigen abspeisen. Von heute auf morgen wäre das Monk Geschichte. Die Shivas würden ihre Schmerzbereitschaft auf der Straße verkaufen und nach-einander mit dem Leben bezahlen. »Die Drecksdinger sind nicht von uns.« Abraham zerbricht eine der blutigen Nadeln zwischen zwei Fingern. Natürlich nicht. Dazu sind sie zu dick. Ich kontrolliere die Spiel-zeugkästen in dem Regal und finde eingeschweißte, sterile und sehr viel kürzere und dünnere Nadeln. Sie verbiegen sich, wenn man sie tiefer als einen Zentimeter ins Fleisch stecken will. Rodja hat gepfuscht. Er ist der Zweite, der gleich Ärger mit mir bekommt. O’Farrell wirft mir einen Blick zu, zuckt die Braue. »Ein Verletz-ter pro Nacht genügt mir.« Er hat recht. Wut ist kontraproduktiv. Genauso wie ein Security mit ausgeschlagenen Zähnen. Rodja ist größer als ich. Im Moment würde ihn das allerdings nicht retten. Sinnlos, sich aufzuregen. Es ist bloß ein Spiel. Das Begging Monk ist die Arena und ich bin der Teufel, der zum Tanz lädt. Reue? Wozu? Ich entlohne meine Leute angemessen für die Scheiße, die sie sich antun lassen. In jedem anderen Loch bekommen die Shivas nur Tritte und warme Pisse. Ich knie mich zu Juen und lächle, obwohl mir nicht danach ist. »Weshalb hast du nicht früher um Hilfe gebeten? Abraham war die ganze Zeit vor der Tür.« Ich drücke ihm den Mund auf. Seine Zunge ist geschwollen und blutet. Er hat es übertrieben. Nur für seinen Ruf. »Keiner ist so gut wie ich«, nuschelt er. »Ich habe gedacht, ich schaff’s. Dann musste ich schreien und der eine hat das Handtuch zerrissen.« Seine Beine und Arme beben wie im Krampf. »Es war einfach zu viel, Mr. Wakane. Es tut mir leid.« Zu viel Gefühl. Zu viel Schmerz. Zu viel Leben. Juen weiß, warum er freiwillig die Gäste in der Oase bedient. Er braucht den Ausgleich. In den Jagdrevieren der Rattenfänger gibt es keine Kindheit. Ich wische ihm über den Mund und lege sacht meine Lippen auf seine. Sein Zittern lässt nach. Ein Kuss ist wie Füttern. Ein kleines Häppchen gefahrloser Zärt-lichkeit. Juen öffnet seine Lippen für mich. Er schmeckt nach sich selbst, also haben die Hurensöhne seinen Rachen in Ruhe gelassen. Ich spiele mit seiner Zunge, koste das Blut an ihr. Ich möchte, dass er bei mir bleibt und auch in Zukunft für mich arbeitet. Dazu benötigt er einen Grund, mir trotz dieses Zwischenfalls zu vertrauen. Nähe und Zuwendung sind zwei hervorragende Gründe. Ein sicherer Platz zum Schlafen und ausreichend Essen zwei weitere. Ich küsse ihn drängender. Lasse ihn fühlen, dass ich ihn behalten will. Zögernd berührt er meine Wange. Ich spüre das Beben seiner Finger, während er mich streichelt. Gut. Er gehört mir. Vertraut mir. Seine Lippen wollen sich nicht von meinen trennen. Wenn es ihm wieder besser geht, wird er vor den anderen prahlen, dass er stunden-lang den Boss geküsst hat. O’Farrell tippt mir auf die Schulter. »Verabschiede dich von sie-benhundert Dollar.« Scheißkerl! Er zwingt mir in meinem Bezirk die Preise auf, die er im Central- und Westerndistrikt bekommen würde. Nur, weil Rodja am Eingang nicht gründlich genug kontrolliert hat. Als Wiedergut-machung sollte ich den Türsteher an die Seile knoten, zwischen de-nen eben noch Juen spannte. Ich überlasse dem Arzt das Schlachtfeld und suhle mich in Straf-fantasien. Bis ich zurück im Entree bin, um vor den Stammgästen sorglose Kompetenz zu heucheln, habe ich alles durch, was in den billigen Drecksläden ohne Sicherheit und Gesundheitschecks läuft und fühle mich für die restliche Nacht gewappnet. - Liam - Mich wundert es nicht, dass die Shivas freiwillig Schlange stehen, um im Monk arbeiten zu können. Joseph weiß, was sie brauchen. Wie zärtlich er mit Juen umgegangen ist. Wenn er mit einem der Jungen vögelt, ist er das niemals. Er benutzt sie. Nicht mehr und nicht weniger. Aber als ihr Boss behandelt er sie außerhalb seines Bettes ebenso anständig wie mich oder die Securitys. Joseph ist seltsam. Ich kenne niemanden, bei dem Sanftheit und Grausamkeit so nah beieinanderliegen. Als er den Mann nieder-schlug, hat es geknirscht. Da ist mehr kaputtgegangen als eine Nase. Ist es eine gute Idee, dem Kerl meine Dienste anzubieten? Einen gebrochenen Kiefer zu behandeln bringt ein feines Honorar. Vorher sollte ich mich um Juen kümmern. Er hat sich wie ein Säugling in Abrahams Arm gerollt. Der Security müht sich um ein Lächeln. Wahrscheinlich soll es beruhigend wirken, doch der Anblick stellt jedem zivilisierten Men-schen die Haare zu Berge. Es liegt an seiner Physiognomie. Sein Ge-sicht erweckt den Eindruck, als hätte sein Vater die Konturen mit der Axt herausgehauen. »Trägst du ihn für mich hoch?«, frage ich den Riesen. Der nickt. »Wohin?« »Zu mir.« Wird Zeit, dass ich für die komplizierten Fälle ein Sani-tätszimmer einrichte. Seitdem ich im Monk lebe, hatte ich häufig Verwendung dafür, aber nie den Elan, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich teile meine Privatsphäre nicht gern, werde den Jungen in sei-ner schlechten Verfassung allerdings nicht alleinlassen. Gleich wirkt die Spritze. Dann sieht seine Realität wesentlich ro-siger aus. Schlichtes Morphin. Das stärkste Schmerzmittel, das ich in Mongkok bekommen kann. Ein Chinese mit Goldohrringen extra-hiert es in seinem Heimlabor. Wie jeder Dritte hier in der Gegend nennt er sich Han. Mangels Alternative muss ich ihm glauben, dass er astrein arbeitet. Besäße ich noch meine Approbation, könnte ich jedes Narkoti-kum einfach online bestellen. Nachdem ich einen Patienten sternhagelvoll niedergeschlagen ha-be, war sie weg. Ich hatte meine Gründe – zum Trinken und zum Schlagen. Be-dauerlicherweise wollte die niemand hören. Also keine Onlinebestellungen für den Ex-Doktor Liam O’Farrell. Hätte ohnehin nicht geklappt. Kein Medikamentenbring-dienst wagt sich nach Kowloon. Dank der Checks an den Piers wür-de er es zumindest durch den Victoria Harbor schaffen. Aber auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge existieren keine Kontrollen staatlicher Sicherheitsbeamter mehr. Die Bürgerwehren der Viertel funktionieren so effizient wie die Leute, die sie bezahlen. In Mong-kog schlecht, in Tai Kok Tsui miserabel. »Ins Penthouse?« Abraham schürzt die Lippen. »Finde ich korrekt von Ihnen, Doc.« »Ich auch.« Ich muss den Schleim von Juen herunterwaschen, be-vor ich ihn aufs Sofa bette. Der Security steht mühelos mit seiner Last auf. Juen stöhnt. Auf seiner Stirn perlt Schweiß. Kaum liegt der Korridor hinter uns, lächelt er bereits selig. Im dritten Stock beginnt er zu kichern und vor meiner Tür stimmt er die chinesische Nationalhymne an. Krasse Reaktion auf den Klassiker aller Schmerzmittel. Und recht ungewöhnlich. Bei Mr. Han werde ich öfter einkaufen. EIN ÜBERRASCHENDER MORGEN - Dean - Die Papiere kleben an meinen Unterarmen. Mir rinnt der Schweiß aus jeder Pore, dabei ist es erst halb zehn morgens. Ist die Klimaanlage kaputt? Kann nicht sein. Ich höre das Rattern. Es erfüllt den gesamten Central Distrikt. Das Banken- und Geschäft-szentrum Hongkongs ist seit einer Woche mein Zuhause. Mr. Lemarque ist sehr nett. Er hat mir ein Zimmer in einem der Wohnblocks gemietet und lädt mich jeden Abend zum Essen ein. Lieber würde ich mit den Kollegen nach Feierabend in die Bar ge-hen. In Charleston war so etwas unmöglich für einen Jungen in mei-nem Alter. Hier bin ich ein Mann. Gefällt mir gut. Mein Hemd weicht durch. Der Stoff ist hauchdünn und ich schwitze trotzdem. Diese Schwüle ist unerträglich. Neununddreißig Grad, Luftfeuch-tigkeit knapp neunzig Prozent. Die Angaben flackern über den unte-ren Rand des Holo-Screens. Das transparente Gebilde schwebt eine Handbreit unter der Decke in jedem Büro des Gebäudes. Meinen habe ich auf stumm geschaltet. Die ständig wechselnden Nachrichten verwirren mich. Trinkwasserknappheit wegen Verschleiß der Schmutz- und Meerwasseraufbereitungsanlagen, Zunahme der Stromausfälle, die Forderung des präsidialen Verwalters Han, die Exportbeschränkun-gen für Medikamente und medizinische Geräte zu lockern. Die Bür-ger Kowloons benötigten beides dringend und es sei eine Sünde, ihnen Hilfsgüter vorzuenthalten. Der Protest des zweiten Vorsitzenden Sun Haidong, dass es nur einen Weg gäbe, Kowloons Kriminalität von Hongkong Island fern-zuhalten: Es systematisch vor dem Pesthauch der Halbinsel abzu-schotten. Solle sich Zentralchina um die Gesichtslosen kümmern. Sicher existiere ein Grund, weshalb auch der Staatsrat die Ausfuhr von technischen Geräten nach Kowloon untersagt. Ausmerzung durch Isolation, Einstellung des Fährverkehrs, dras-tische Erhöhung der Ticketpreise, eine militärische Lösung inklusive Zwangsräumungen und Abriss sämtlicher illegalen Siedlungen. Die Sätze flirren in meinem Kopf hin und her. Ich dachte, Kow-loon gehöre zu Hongkong. Anscheinend habe ich da etwas falsch verstanden. Die stickige Luft packt mein Hirn immer dichter in Nebel. Zu Hause ist es im Sommer ebenfalls heftig, aber nicht so feucht. Überhaupt ist alles anders als in South Carolina. Nicht nur die Hitze. Das fängt mit den Hochhäusern an. Sie sind gigantisch und überall. Wie ein Gebirge. Ihre Wände sind mit einer mineralhaltigen Schicht präpariert, die Ozon zu Sauerstoff reagieren lässt und gleichzeitig den Feinstaub aus der Luft filtert. Sie schimmern, als wären sie mit winzi-gen Glassplittern überzogen. Tagsüber wegen der Sonne und nachts wegen der Leuchtreklamen und Holowerbebanner. In dieser Stadt wird es nie dunkel. Mr. Lemarque hat mir erzählt, dass die Dächer mit Solarzellen gespickt sind. Hongkong Island scheint ein Paradies zu sein. Mr. Lemarque behauptet, der Reichtum stecke in der Luft. Mit je-dem Atemzug könne man ihn riechen. Stimmt nicht ganz. Kommt der Wind aus Norden, stinkt es über den Victoria Harbor hinweg nach schwelendem Müll und Abgasen. Sie stammen aus Kowloon. Von meinem Fenster aus kann ich die Halbinsel sehen. Das Bürogebäude liegt in der Man Kwong Street. Direkt an den Piers. Auf der anderen Seite der Meerenge lauern Slums, Verbrechen, Anarchie, Prostitution, Drogenhandel, Sklavenmärkte, Glücksspiel-höllen, Morde und was es sonst noch Schreckliches auf der Welt gibt. Selbst die amerikanischen Nachrichtensender berichten davon. Ob-wohl allgemein bekannt ist, dass wir uns ausschließlich für uns selbst interessieren. Mr. Lemarque meint, es sei sinnlos, mir den Kopf wegen fremden Leids zu zerbrechen. Mit der Zeit würde ich verstehen, dass Reich-tum auch inmitten von Armut problemlos funktioniert. Ich dachte bisher, Dad und ich wären arm. Aber die Latte hängt wesentlich höher. Ich soll mir eine Hornhaut auf der Seele wachsen lassen, sagt mein Chef. Während ich digitale Rechnungen hinter Buchungssätze hänge und Adressdaten der Kunden im System ergänze? Dazu müsste ich nach Kowloon, doch er hält nichts von der Idee. Der Bezirk sei nicht umsonst zum Sperrgebiet erklärt worden. Nur noch eine Schiffslinie pendelt zwischen dem Festland und Hongkong Island. Die U-Bahn-Tunnel sind 2026 einem Seebeben zum Opfer gefallen und die Salisbury Road wurde etwas später zusammen mit der Western Harbour Crossing gesprengt. Damals sollte Kowloon komplett von den Inseln abgeriegelt wer-den, um zu verhindern, dass die Kriminalität über den Victoria Har-bour schwappt. Heftige Maßnahmen, um Mitbürger aus- und sich selbst einzu-sperren. Weniger als ein halbes Jahr hätte das funktioniert, dann hätte die Regierung die Bedingungen zur Überquerung des Hafenbeckens wieder gelockert. Die Anträge dazu wären von den Insel-Bürgern gestellt worden. Kowloon muss seinen Reiz haben, wenn es die Ge-schäftsleute trotz der Armut und Verbrechen der reichen Viertel anzieht. In der Mittagspause schlendere ich oft an den Anlegestellen ent-lang. Es sind neun, aber mich interessiert nur Pier sieben. Dort legen die Schnellfähren aus Kowloon an. Jeder der Passagiere wird an der Schranke kontrolliert. Die, die von Hongkong Island stammen, zei-gen nur ihre ID-Card und werden durchgewinkt. Ich erkenne sie sofort. Anzüge, teure Schuhe, Regenschirme in den manikürten Händen. Eben das, was ich den ganzen Tag zu sehen bekomme. Langweilig. Es sind die anderen, die mein Herz höher schlagen lassen. Die aus Kowloon. Sie stolzieren von den Planken, als gehöre ihnen die Welt. Sie prä-sentieren ihre Tattoos, Muskeln und Piercings und schnippen nach den supergründlichen Ganzkörperscans den Sicherheitstypen die Kippen vor die Füße und das Bußgeld gleich obendrauf. In bar. Das macht sonst niemand hier. Ich kann mich an den Kerlen nicht sattsehen. Wild, frei, stolz, rücksichtslos, mutig, verwegen, unermesslich stark. Sie sind garantiert alles auf einmal. Beneidenswert. Mr. Lemarque bezeichnet sie als moralische Bedrohung für jeden ehrbaren Bürger. Sie hätten auf Hongkong Island nichts zu suchen. Die Tickets der Fähren wären zu billig. Das hielte weder das Gesocks aus Kowloon davon ab, ihre Läuse einzuschleppen, noch die Ver-gnügungspendler, ihr mühsam verdientes Geld in den Spielhöllen und Bordellen Mongkoks zu verschleudern. Ich war bisher nie in einem Bordell. Hätte es langsam bitter nötig. Meine sexuellen Erfahrungen sind rein theoretischer Natur. Bis auf eigene Handarbeit, aber das zählt nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich freien Zugang ins In-ternet. So gesehen ist Hongkong für mich ein Fest. Bis morgens um fünf surfe ich wie ein Besessener auf Seiten, deren Namen mir bereits rote Ohren bescheren. Kein Tabu, das nicht gebrochen wird. Anfangs ist mir von den krassen Varianten allein vom Zuschauen schlecht geworden. Mittlerweile stecke ich es weg. Manches ist der-maßen heiß, dass ich es mir im Stundentakt selbst besorge, um nicht zu platzen. Treiben es zwei Kerle miteinander, fährt es mir sauber in den Schritt. Wie schmeckt ein fremder Schwanz? Wie fühlt sich Sperma beim Schlucken an? Tut es wirklich weh, wenn man von hinten genommen wird? In den Arsch gefickt. Sag es endlich! Kann es kaum denken. Dad würde mich für solche Ausdrücke ... keine Ahnung, was. Aber es wäre heftig. Er hat sich bisher noch nicht bei mir gemeldet. Ich versuche ihn jeden Abend anzurufen, doch mit der Verbin-dung scheint etwas nicht zu stimmen. Mr. Lemarque sagt, ich soll mich nicht sorgen. Die amerikani-schen Satelliten würden wegen der fehlenden Wartung häufig zu Aussetzern neigen. Das wüsste ich ja. Meine Augen brennen. Ich reibe darüber, stütze für einen Mo-ment den Kopf in die Hände. Ich bin völlig fertig. Zwei Stunden Schlaf pro Nacht sind definitiv zu wenig. Das Klacken harter Ledersohlen nähert sich. Mr. Lemarque schlendert zu mir. Hoffentlich lädt er mich nicht wieder zum Abend-essen ein. Er ist ungewöhnlich blass. »Du siehst aus, als bräuchtest du eine Pause.« Er hält einen Um-schlag in der Hand. So fest, dass seine Fingerkuppen weiß werden. Anscheinend hat er die Auszeit ebenso nötig. »Tut mir leid, Sir. Gestern Abend ist es spät geworden.« »Hattest du eine Verabredung?« Er verzieht den Mund. Nur mit gutem Willen ähnelt die Grimasse einem Grinsen. »Ich habe recherchiert, Sir.« Auf Youtube – dem Dinosaurier un-ter den Videoportalen – zum Thema Fisting. Hitze steigt mir den Hals hinauf. Bei allem Respekt, aus dieser Praxis bin ich raus, bevor ich jemals drin war. »Vorbildlich, mein Junge. Aber du solltest deine Freizeit zum Er-holen nutzen.« »Das werde ich, Sir. Gleich heute.« Nachdem ich herausgefunden habe, weshalb sich ein Orgasmus besser anfühlt, wenn man zeitgleich den Hintern versohlt bekommt. Die Lehrer der Junior High haben mich oft übers Knie gelegt. Angeblich um mir die Verstocktheit rauszuprügeln. Abgespritzt habe ich dabei nie. Bloß geheult. Vielleicht haben die was falsch gemacht. Ist kein Scherz, in den Südstaaten zu leben. Dad meinte, zu seiner Zeit hätten noch die Eltern ihre Zustimmung fürs Hinternversohlen geben müssen. Diese Regel ist schon lange wieder gestrichen worden – im Zuge der Moralrettung der Jugend. »Dean.« Mr. Lemarque legt den Umschlag so vorsichtig auf den Tisch, als könnte er sonst zerbrechen. »Deine Tante hat mir eine Nachricht für dich gesendet. Sie kam vor einer Stunde.« Irgendetwas ist passiert. Mit Dad? »Manches liest sich leichter auf Papier. Daher habe ich sie für dich ausgedruckt.« Er weicht meinem Blick aus. »Soll ich dich alleinlas-sen?« Oh Gott, lass nichts mit Dad sein. Ich reiße den Umschlag auf, überfliege die Sätze. Sie ergeben keinen Sinn. Welche Leiche? Mein Vater besaß keine Pistole. Wie hätte er sich in die Schläfe schießen sollen? Polizei ... Ermittlungen ... kein Abschiedsbrief. Es sei in seinem Arbeitszimmer geschehen. Am Fenster. Die Ge-burtstagstorte hätte noch auf dem Küchentisch gestanden. Die Zeilen tanzen vor meinen Augen. Er hat sich umgebracht. Gleich, nachdem er sich von mir verab-schiedet hatte. Kurz und knackig. Ohne Brimborium. »Es tut mir so unsagbar leid.« Fühle die falsche Hand auf meiner Schulter. »Sag mir Bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann.« Tropfen zerplatzen auf dem Papier. Ich wische sie fort und die Worte lösen sich auf. Dads Tod nicht. Der bleibt. Drückt mir die Kehle zu, bohrt Löcher in mein Herz. Kann nicht mehr atmen. Muss raus. Aufzug mit Klimpermusik, Eingangshalle mit Plätscherbrunnen, das Gesicht eines Mannes mit schneeweißen Haaren auf einem Holo-Screen. Der Erfolg einer Firma hänge von jedem einzelnen seiner Mitarbeiter ab und er sei stolz, Vorstand eines so hervorragenden Unternehmens wie Zendo Pharm zu sein. Motivationsfloskeln. Sie driften durch mein Hirn, ohne Halt zu finden. Securitys am Eingang. Sie wünschen mir einen angenehmen Tag. Renne. Sehe nichts. Zu viel Wasser in den Augen. Nach Hause? Das ist weg. In das winzige Zimmer im Wohn-block? Darin ersticke ich. Die Sirene einer Fähre dröhnt. Pier sieben. Der Schlagbaum ist geöffnet. Ein Mann mit halb rasiertem Schädel hebt die Arme und lässt den Körperscanner an sich entlang gleiten. Ein Phönix windet sich um seine Brust. Die tätowierten Flügel sind gespannt. Der Schnabel öffnet sich direkt über dem Herz. Ich würde mich nie trauen, fast nackt durch die Gegend zu lau-fen. Dad hat sich erschossen. Wahnsinn. Der Mann trägt nur eine Jeans und klobige Stiefel. Scheiße. Was mache ich jetzt? Ich muss nach Hause. Und wie arrogant der Kerl grinst. Als gäbe es keine Katastrophen. Der nächste Flug geht irgendwann ... viel zu spät. Ist es doch eh schon. Die Kugel steckt. Mir flackert es vor den Augen. Väter dürfen sich nicht erschießen. Warum hat das Clark-Arschloch nicht dieses Gesetz zum Schutz der Jugend erlassen? Da-mit hätte ich was anfangen können. Mir ist so schlecht. Ist alles eine Lüge. Oder ein Irrtum. Ich muss meine Tante errei-chen. »Weisen Sie sich aus.« Der Mann am Schlagbaum streckt die Hand aus. »Ihre ID-Card bitte.« Ob sein Vater noch lebt? Der Scanner summt an mir entlang. Ich soll Geld transferieren. Von meinem Konto. Dad hat es mir eingerichtet, weil er wusste, dass er keinen müden Cent mehr braucht. Meine Finger zittern. Verfehle zweimal den Okay-Button. Mein Multi-Kom piept. Er bestätigt die Zahlung. Ich besitze ein Ticket nach Kowloon. Keinen Schimmer, was ich damit soll. - Joseph - »Bis demnächst, Mr. Wakane.« Mr. Liu Ren lächelt matt, aber zu-frieden. »War mir wie immer ein Vergnügen.« Mingtong steht völlig fertig neben ihm. Der Shiva kann sich kaum auf den Beinen halten. Mir geht es ähnlich. Ich sehne mich nach meinem Bett. »Freut mich sehr, dass das Monk Ihre Wünsche erfüllt.« Der Mann ist Gast der ersten Stunde, mittlerweile geschätzt über siebzig, doch ausgesprochen rüstig. Er besucht den Klub jedes Wochenende und verlässt ihn nie vor Sonnenaufgang. So lange wie dieses Mal hat er allerdings noch nie durchgehalten. »Der Junge ist gut.« Der Alte kneift ihm in die Wange. »Sehr süß und trickreich mit der Zunge.« Knisternde Scheine wechseln von einer runzligen Hand in eine glatte und der Shiva grinst mich stolz an. Liu Ren lacht, verabschiedet sich von mir mit Handschlag und schleppt sich ins diffuse Vormittagslicht. Keinen Augenblick später verschwindet er zwischen Garküchen und Straßenhändlern. »Ein angenehmer Gast, hm?« Ich nicke zu den Dollars. Ein solch großzügiges Trinkgeld erhalten die Shivas normalerweise ausschließ-lich in der Oase. »Ich schaffe es, ihn dreimal kommen zu lassen.« Das Grinsen geht nahtlos in ein Gähnen über. »Das dauert halt.« Er stopft sich das Geld in die Hemdtasche und trollt sich zu seinem Zimmer. »Na endlich«, murmelt Rodja und schließt die Tür ab. »Sie sollten ein Rausschmeißerlied spielen, Sir. Spätestens um fünf, damit sich die alten Zecken nicht zu lange an den Ärschen ihrer Spielzeuge festbei-ßen.« Stimmt. Da war was. Im Vorbeigehen ramme ich ihm die Faust in den Magen. Er klappt keuchend nach vorn. »Was soll das?«, japst er, als er wieder Luft bekommt. »Wenn du noch einmal deinen Job versaust, übernimmst du Ju-ens.« Rodja wird blass. »Passiert mir nicht mehr, Sir.« »Das hoffe ich für dich.« Ich will ins Bett. Doch nicht allein. An der Bar sitzen Bao und Piao und halten sich an ihren Teetas-sen fest. Ihre Gäste haben offensichtlich auch das Maß überzogen. Zumindest zeitlich. »Einer von euch ist fällig. Zieht ein Stöckchen.« Begeistert sehen sie beide nicht aus. »Nur was Kleines zum Einschlafen können?«, fragt Bao vorsich-tig. Der Junge kann Gedanken lesen. Ich nicke und er rutscht vom Hocker. »Okay, ich mach’s. Meine Nacht war lang aber verhältnis-mäßig unspektakulär.« »Du Glücklicher«, murmelt Piao und schlürft seinen Tee. Ich rate ihm, schlafen zu gehen und schnappe mir mein Spiel-zeug. Wir versuchen unser Glück mit dem Aufzug und wider Erwar-ten ruckelt er ohne Unterbrechung in die fünfte Etage. Ich gebe den Sicherheitscode ein und die Tür zu meinem Appartement öffnet sich. »Ich war noch nie im Penthouse, Sir.« Mit großen Augen sieht sich Bao um. »Nett.« Keine Ahnung, was er meint. O’Farrells Tuschezeichnungen an den Wänden, die breiten Sessel oder das Bett mit den unzähligen Kissen. Letzteres ist das unjapanischste Element im Raum. Betten besit-zen im Vergleich zu Futons und Tatamis einen entscheidenden Vor-teil: Man kann sich vor sie knien, das Objekt der Begierde an die Bettkante ziehen und es entspannt vögeln. »Bisschen leer.« Baos Geste wirkt global. »Wo verstauen Sie Ihren Kram?« »Da gibt es nicht viel zu verstauen.« Ein Regal für Kleidung, Re-ceiver, Tablets und Ladegeräte, ein Arbeitsplatz mit Tisch und Stuhl, ein Folienmonitor an der Wand gegenüber. Ich liebe Platz und würde mir eher die Hand abschneiden, als ihn mit Sinnlosem zuzustellen. Statt die Tür hinter mir zu schließen, lehne ich sie an. Bis jetzt ist mir O’Farrell nicht über den Weg gelaufen. Sollte er verschlafen haben, wird er dringend einen Kaffee brauchen. Der Weg dorthin führt ihn bei mir vorbei. Vielleicht steht ihm der Sinn nach einer weiteren Zeichnung. Es elektrisiert mich, wenn mich der eisblaue Blick verschlingt. Manchmal stelle ich mir vor, es wäre O’Farrells Körper, in den ich stoße. Doch der Gedanke fühlt sich falsch an. Der Ire ist kein Mann für unten. Bao zaubert ein verführerisches Lächeln auf seine Lippen. Ich schätze Professionalität bei meinen Leuten. Geschmeidig streift er Hemd und Shorts ab und legt sich aufs Bett. »Was möchten Sie?« »Einen schnellen Fick in deinen kleinen Arsch.« Ich bin zu müde für mehr. Er kriecht zu mir, fährt mit den Fingern über die wachsende Beu-le meiner Jeans. »Ist mir eine Ehre, Sir.« Er beißt in den Stoff. Heftig genug, dass seine Zähne Wirkung zeigen. Ich drücke meinen Unter-leib gegen sein Gesicht und genieße feste Bisse. Mein Stöhnen lässt Baos Augen leuchten. Der Junge ist wirklich gut.


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