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Belletristik
Buch Leseprobe Racheengel küsst man nicht, Rose Snow
Rose Snow

Racheengel küsst man nicht



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Montag


 


„Nein, ich habe noch keinen Begleiter, Mutter“, sage ich ruhig und parke das Auto in einer Seitengasse neben dem Auktionsgebäude. Es hat endlich aufgehört zu regnen. 


Ich schalte den Scheibenwischer aus und bin gespannt, wie schnell sich Margret erholt. Sie kann es nicht leiden, Mutter genannt zu werden. Denn das bedeutet Kinder zu haben, Kinder zu haben bedeutet, drei Monate nach der Hochzeit schwanger geworden zu sein, und das wiederum bedeutet, dass Margret bald sechzig wird. Das Alter ist kein Freund meiner Mutter. Es ist ein Übel wie künstliche Blumen, bauchfreie Tops und gecancelte Tennisstunden. 


„Die Hochzeit ist bereits nächsten Samstag, Rachel“, höre ich ihre hohe Stimme nach einer kurzen, vorwurfsvollen Pause. „Dein Bruder wäre äußerst unglücklich, wenn Du es nicht einrichten könntest.“


Ich nicke ungeduldig. „Der Termin ist in meinem Kalender notiert. Ich werde die Hochzeit nicht verpassen.“ Während ich das sage, linse ich auf mein Handy. Das Foto ist noch immer nicht da. 


„Aber wie willst du ohne Begleitung erscheinen? Das wäre ein Skandal, Rachel. Ein Skandal. Das kannst du deinem Vater und mir nicht antun. Es wird sowieso schon gemunkelt, dass du eine von diesen Lesbenfrauen bist. Warte“, sie hält inne und ich hoffe, dass sie von spontaner Stummheit befallen wird. „Odette ist gerade gekommen. Wir haben ein neues Dienstmädchen und jetzt hat sie das falsche Teeservice vorbereitet. Dabei habe ich ihr noch ausdrücklich erklärt, welches Service sie für die Damen von den Happy Wives aufdecken soll. Ich muss hier wirklich alles selber machen. Rachel, ich muss jetzt aufhören“, verkündet sie und es ist das einzig Gute, was sie in den letzten fünf Minuten gesagt hat. Dann legt sie auf und die Fernsprecheinrichtung knackst kurz. Langsam lasse ich meinen Kopf gegen die Autositzlehne sinken und atme tief durch. 


Regel Nummer 1: Gefühle abstreifen, tief Luft holen und Fokus auf die wichtigen Dinge. Ich werde den Fall nicht erledigen, wenn ich die latenten Beleidigungen meiner Mutter auch nur irgendwie an mich herankommen lasse. Angespannt ziehe ich den Autoschlüssel ab und mein Blick wandert erneut auf mein Smartphone. Das Foto von diesem Gérard ist noch immer nicht da, ein Umstand, den ich absolut nicht leiden kann. Derart unvorbereitet einen Fall zu übernehmen ist unprofessionell, Magen-Darm hin oder her. Ich balanciere mein Handy zwischen den Fingern, doch das gewünschte Eingangssignal ertönt nicht. Da ich nicht vorhabe unsere Klientin im Stich zu lassen, werde ich diesen nervigen Stalker ausfindig machen und sicherstellen, dass er ihr nicht mehr nachstellt. Der Akte zufolge ist Gérard ein beziehungssuchender Stalker und wenn er eine Beziehung haben möchte, dann wird er die jetzt auch bekommen, ob er will oder nicht. Wer im realen Leben heißt denn überhaupt Gérard? Der einzige Gérard, den ich persönlich kenne, ist ein arroganter Mistkerl, der von der Pubertät direkt in die Midlife-Crisis gefallen ist. Wie die meisten Männer. Außer vielleicht Richard. Ich drücke auf Wahlwiederholung und versuche erneut Richard zu erreichen. Wo steckt er bloß? Wieder nur Mailbox. Ich straffe meine Schultern und steige aus. 


Das Wetter ist umgeschlagen, die Sonne ist hinter einer dunklen Wolkenfront verschwunden und der Wind pfeift um die Häuser. Die Menschen hasten mit eingezogenen Köpfen durch die Straßen und schenken dem Inhalt meines Kofferraums keine Beachtung. Rasch ziehe ich die dunkle Kurzhaarperücke aus meiner Requisitenschachtel und stopfe sie in meine Handtasche. Dann schließe ich die Kofferraumtür mit einem dumpfen Knall und sperre den Wagen ab. Ich klappe den Kragen meines Trenchcoats hoch und steuere auf den Hintereingang des Auktionsgebäudes zu. Im Gehen fasse ich meine langen blonden Haare zu einem Knoten zusammen und fixiere sie mit ein paar Haarnadeln oben. 


Als ich die Hintertür des Gebäudes öffne, dringt Stimmengewirr, untermalt von französischer Schlagermusik, zu mir. Ich folge den Geräuschen durch einen verwinkelten Gang, bis ich zu einer schwarzen Flügeltür komme. Links befindet sich die Garderobe für das Personal, rechts die Küche und durch die schwarze Tür geradeaus muss es in den Ausstellungsraum gehen. Vorsichtig schlüpfe ich in die Garderobe und suche nach der vorbereiteten Kellnerinnen-Kostümierung. Sie hängt an einem Haken an der Wand. Kurzer schwarzer Rock, weiße Bluse mit Puffärmel, schwarze Damenkrawatte. 


Rasch ziehe ich mich um, stülpe die schwarze Perücke über und zupfe sie vor dem Spiegel zurecht. Warum Mireille Mathieu? Hätte sich der Verkäufer der Kunstsammlung nicht einen anderen Look aussuchen können? Jetzt wirke ich wie eine ziemlich vulgäre Version der französischen Sängerin, denn Kathrins Rock hört aufgrund unseres Größenunterschieds knapp unter meinem Hinterteil auf. 


Auftrag ist Auftrag. 


Ich tausche meine High Heels gegen schwarze Overknee-Stiefel und verstaue meine Tasche in einer dunklen Ecke. Eilig trage ich roten Lippenstift auf und checke mein Handy, ob inzwischen das Foto des stalkenden Gérard eingegangen ist. Noch immer nicht. Richard ist auch nicht zu erreichen. 


Dann eben so.


 


Ich gehe in die Küche, schnappe mir ein silbernes Tablett mit französischen Häppchen, setze ein professionelles Lächeln auf und stöckle auf gedämpfte Stimmen und französische Schlagerklänge zu. Durch die schwarze Flügeltür gelange ich in einen weitläufigen Raum mit Wohnzimmeratmosphäre, in dem sich ungefähr hundert Leute befinden. An den fensterlosen, dunkelvioletten Wänden sind beeindruckende Kunstwerke ausgestellt, von Andy Warhol bis Fritz Koch, und auf antiken Beistelltischen finden sich kleinere Skulpturen und Vasen. Dazwischen drängen sich die Leute in Grüppchen zusammen und unterhalten sich angeregt. Für einen kurzen Moment wünsche ich nicht arbeiten zu müssen, sondern mich ebenfalls einmal einfach nur unter die Gäste mischen zu können. 


Ich lächle knapp in alle Richtungen, schlängle mich durch den stark verrauchten Raum und halte Ausschau nach Miss Sleepingpill. 


Da. Eine rote Mähne verschwindet hinter einer Staffelei. Ich folge den roten Haaren und stoße dabei fast mit einer weiteren Mireille-Mathieu-Variante zusammen. „Pass doch auf“, faucht die andere Kellnerin ohne ihren französischen Akzent. Ich ignoriere sie und setze meinen Weg fort. Als ich Miss Sleepingpill entdecke, atme ich auf. Wie es aussieht, hat sie noch keine männliche Begleitung für den Abend gefunden.


„Darf ich Ihnen ein französisches Äppchen anbieten?“, frage ich und stelle mich neben sie, das Tablett mit den Käsehäppchen halte ich ihr vors Gesicht. Sie lehnt an einem schwarzen Kanapee und unterbricht ihre Musterung des männlichen Publikums, um auf das Tablett zu schielen. Nun erinnert sie mich an eine Kreuzung aus einer jungen Andrea Sawatzki mit einer Gottesanbeterin. „Danke, gern“, murmelt sie mit rauer Stimme und greift nach einem Spieß. 


„Aben Sie noch nichts gefunden, was Ihnen gefällt?“, frage ich freundlich und mache eine Kopfbewegung, die den gesamten Raum einschließt.


Sie seufzt und fährt sich durch die rote Haarpracht. „Ich fürchte nein. Sehen Sie sich doch einmal um.“ Sie nickt mit dem Kinn in Richtung einiger pensionsüberreifer Herren. „Das hier anzutreffende Angebot von ... Kunstobjekten ... entspricht nicht gerade meinen Vorstellungen. Das ist einfach nicht meine Zeit.“ Sie zieht eine rote Augenbraue nach oben und steckt sich elegant das Käsestückchen in den Mund. „Nicht mal meine Epoche.“


„Sie sprechen von den Kunstwerken, Mademoiselle?“


Sie nimmt gemächlich einen weiteren Spieß. „Sprechen wir nicht immer von Kunstwerken?“, antwortet sie, ohne mich anzusehen. „Leider ist es nicht so einfach, das Kunstwerk zu finden, das man besitzen muss, um jeden Preis. Das EINE Kunstwerk.“


„Sie aben recht, das ist nicht so einfach ... aber auch nicht unmöglich“, antworte ich, weil ich weiß, dass sie genau das hören will. Frauen wollen in dieser Hinsicht Bestätigung. Selbst die klügsten von ihnen haben nicht vor, sich diese Illusion zerstören zu lassen. Der Traum von der großen Liebe, von dem Prinzen auf dem weißen Pferd, von dem einen, der sie erobert, zerplatzt meiner Erfahrung nach wie eine Seifenblase, doch keiner will es sehen. Wie viele enttäuschte Frauen saßen schon bei mir in der Agentur? Dennoch möchten sie an den großen Retter glauben, wie kleine Kinder an den Weihnachtsmann. „Wie eißt es so schön? Le mieux à la fin – das Gute kommt immer am Schluss“, säusle ich aufmunternd. „Aben Sie schon von Monsieur Gérard ge’ört? Er ist ein sehr kultivierter Kunstsammler und ein begehrter Junggeselle. Er wird eute noch erwartet, um das Gemälde von Josef Tulpen’of zu ersteigern.“ 


Miss Sleepingpill sieht mich an, als hätte ich ihr gerade den Weg zum Heiligen Gral verraten. Danach folgt sie meinem auffordernden Blick zu einem unscheinbaren Gemälde am anderen Ende des Raumes. Das Bild zeigt einen zerzausten Wiedehopf auf einem Zaunpfahl, hinter ihm die karge Winterlandschaft eines deutschen Bauernhofes. 


„Nun, es hat einen ganz eigenen ... spröden Charme“, nickt Miss Sleepingpill und nimmt noch ein Käsestückchen von meinem Tablett. „Wissen Sie sonst noch etwas über diesen Monsieur Gérard?“


Noch nicht viel, außer seinem Vornamen. Ich lächle vielsagend und verteufle innerlich Kathrins Magen-Darm-Virus und die nicht vorhandene Übergabe. Diese Arbeitsweise ist unprofessionell, schlechte Vorbereitung ist unprofessionell und bedeutet unkontrollierbare Improvisation, und das wiederum kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Dennoch muss ich mir etwas einfallen lassen. 


„Bel homme, er soll überaus gut ausse’en, “, antworte ich und hoffe einfach, dass er nicht mit Quasimodo verwandt ist. „Und er soll unverschämt reich sein“, setze ich nach.


Die Augen der Rothaarigen bekommen ein gefährliches Funkeln. Sie streicht sich über ihr hellgrünes Kleid und richtet dabei ihr Dekolleté, sodass mir ihre Brüste förmlich entgegenspringen.


„Ich abe ge’ört, ihm gefallen rot’aarige Frauen, sa passion“, flüstere ich. „Sie müssen wissen, Monsieur Gérard at vor einem Jahr seine Frau verloren, quelle tragédie. Der Schmerz darüber ...“ Ich stoße einen leisen Seufzer aus. Jeder Frau mit Verstand müsste auffallen, dass ich unverschämt lüge, aber diese Frau hier ist auf einer Mission. „Der Schmerz darüber ist so schlimm, dass er verleugnet, jemals ver’eiratet gewesen zu sein. Aber immer, wenn er eine rot’aarige Frau sieht, offt er, es möge seine nächste große Liebe sein, so wie seine verlorene Annabell.“


Meine neue Freundin versucht nicht einmal ihre Verzückung zu verbergen, und wickelt eine rote Locke um ihren Finger, bis es ihr das Blut abschnürt. „Und er möchte heute diesen Vogel erwerben?“


„Das abe ich zumindest ge’ört.“ Ich zucke mit den Schultern und bin mir nicht sicher, wer hier der Vogel ist. „Und übrigens: C’est la huppe, es ist ein Wiede’opf.“


„Josef Tulpenhofs Wiedehopf.“ Ein entschlossener Ausdruck legt sich auf ihr Gesicht und sie richtet sich auf. „Ich danke Ihnen vielmals“, sagt sie und verschwindet Richtung Wiedehopf.


Ich lächle knapp. Schritt Nummer eins ist erledigt. Jetzt muss dieser Stalker bloß aufkreuzen und in Miss Sleepingpills Netze tappen, dann ist ihn meine Klientin endlich los. 


 


Eine Viertelstunde später ist der kunstliebende Monsieur Gérard noch immer nicht aufgetaucht, dafür kennt meine rothaarige Freundin inzwischen jeden Pinselstrich von Josef Tulpenhofs Wiedehopf. Ich merke, wie sie langsam unruhig wird, was sich mit meinen eigenen Gefühlen deckt. Wo steckt der Kerl? Wo bleibt sein Foto? Und wieso ist Richard überhaupt nicht erreichbar? Die Sache gefällt mir nicht. 


Während ich mich lächelnd durch die murmelnde Menschenmenge bewege, gehe ich im Geist meine Optionen durch. 


Option 1: Jemanden außer Richard finden, der weiß, wie Stalker-Gérard aussieht und wo er sich befindet.


Option 2: Alle anwesenden Männer zwischen 30 und 40 nach ihren Vorlieben für deprimierende Bauernhofbilder interviewen.


Option 3: Bis nach der Auktion warten und erst im Anschluss an die Ersteigerung des Bildes Miss Sleepingpill mit dem stalkenden Gérard zusammenbringen.


Option 4: Abbrechen und in die Agentur fahren. Option 4 ist keine Option. Aufgeben war noch nie eine Option und wird es auch niemals werden. 


Während ich den Raum nach möglichen Gérards scanne, stellt sich ein großgewachsener Typ mit kurzen, dunklen Haaren zu Miss Sleepingpill. Mireille Mathieu trällert „Pariser Tango“ und ich spüre, wie sich mein Puls beschleunigt. 


Das ist er. 


Als ich mich in die Richtung der beiden bewege, hält mich eine dürre Hand an der Schulter fest. „Wohin denn so eilig?“, ertönt eine autoritätsgewohnte Stimme. 


Nicht jetzt. Lächelnd drehe ich mich um. „Sie wünschen, mein Err?“ 


Der Herr kneift die Augen zusammen und betrachtet mich skeptisch. „Wissen Sie nicht, wer ich bin?“ Ich lasse den ersten Eindruck kurz wirken. Penibel gepflegter Schnurrbart, stocksteife Haltung und ein Geruch, als wäre er in eine Wanne Kölnisch Wasser geplumpst. 


„Natürlisch“, nicke ich lächelnd. Dabei riskiere ich einen kurzen Blick über die Schulter. Miss Sleepingpill lächelt den großen Dunkelhaarigen an. 


„Und? Wer bin ich?“ Kölnisch Wasser im Großformat sieht mich unfreundlich an. 


„Sie sind der Boss“, sage ich. Das hören Männer immer gerne.


Er schnaubt. „Ja, genau, ich bin der Boss. Besser gesagt, der Organisator. Herbert von Grönstein. Und wissen Sie, was Sie sind?“


Meine Augen verengen sich etwas. Im Augenblick unter Zeitdruck, aber das verstecke ich. Lächelnd nicke ich auf mein Silbertablett. „Isch bin für das Wohl Ihrer Gäste zuständig.“


Er strafft seine Schultern. „Korrekt. Aber Sie sind nicht besonders gut darin. Ihr Tablett ist seit fünf Minuten leer, also holen Sie sich ein neues aus der Küche. Außerdem sitzt Ihre Krawatte schief.“ Er deutet mit einem dürren Finger auf meinen Busen. Ich richte meinen schwarzen Damenschlips und mache dabei einen kleinen Knicks, das müsste ihm gefallen. Dann stöckle ich ein paar Schritte Richtung Küche, nehme einem entgegenkommenden Kellner sein Tablett mit vollen Weingläsern ab und drücke ihm, bevor er protestieren kann, mein eigenes in die Hand. Ohne weitere Zwischenfälle gelange ich zu Miss Sleepingpill und ihrem Jahrhundertfang. Ich beziehe hinter den beiden Stellung, um sicherzugehen, dass der fiktive reiche Witwer in Wirklichkeit der real beziehungssuchende Stalker ist. Er steht nach wie vor mit dem Rücken zu mir und Miss Sleepingpill spielt exzessiv mit ihren roten Locken und lacht ohne Pause. Das ist ein gutes Zeichen. Zur gleichen Zeit vibriert mein Smartphone. Ich ziehe es mit einer Hand aus der Rocktasche und wische mit dem Daumen über die Oberfläche. Endlich. Richard hat das Bild geschickt. 


Nein.


Just in diesem Moment dreht sich Miss Sleepingpill mit ihrem Gesprächspartner um. Reflexartig hebe ich den Kopf und begegne seinem intensiven Blick. Kein Zweifel, der Mann auf dem Foto und der Mann, der vor mir steht, sind ein und dieselbe Person. Objektiv betrachtet ist er tatsächlich gutaussehend. Subjektiv betrachtet ist er einfach nur ein arroganter Mistkerl. Einer, der von der Pubertät direkt in die Midlife-Crisis gefallen ist.


Shit. Das hätte Richard beim Hintergrundcheck auffallen müssen. 


Abrupt drehe ich mich um. Da ich eine Perücke trage und Gérard ein verdammt oberflächlicher Typ ist, besteht die Möglichkeit, dass er mich nicht erkannt hat. 


„Rachel?“, fragt eine tiefe Männerstimme. 


„Excusez-moi, Sie müssen mich verwechseln, mein Err“, sage ich über die Schulter und steuere die schwarze Flügeltür an. Im selben Moment fühle ich einen Zug an meinem Hinterkopf und meine Stirn wird merklich kühler, weil mir jemand die Perücke vom Kopf gezogen hat. 


„Rachel“, sagt Gérard trocken hinter mir. „Dachte mir schon, dass dein Französisch nicht besonders gut ist.“ 


Ich atme tief durch. Er ist noch immer derselbe Mistkerl, den ich damals kennengelernt habe. Das Stimmengewirr im Raum ist merklich zurückgegangen, nur Mireille Mathieu singt mit ungebremstem Enthusiasmus.


„Gérard“, sage ich kühl. Er wirft die Perücke lässig von einer Hand in die andere und trägt wie immer schwarz; schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Seele inklusive.


„Gib mir die Perücke“, verlange ich und mache einen Schritt auf ihn zu. 


„Was machst du hier?“, fragt er unbeeindruckt und mustert mich.


„Das geht dich nichts an. Gib mir die Perücke“, wiederhole ich. 


„Du in der Nähe verheißt nichts Gutes.“ Gérard reibt sich über die kurzen Bartstoppeln. Dann beugt er sich vertraulich zu mir hinunter und seine dunklen Augen funkeln mich herausfordernd an. „Sag, läuft deine Racheagentur so beschissen, dass du als Kellnerin aushelfen musst?“


„Lass das“, zische ich und entreiße ihm meine schwarze Perücke. Dabei versuche ich die neugierigen Blicke der umstehenden Leute so gut es geht zu ignorieren. Noch gebe ich mich nicht geschlagen.


Gérard steckt die Hände in die schwarzen Jeans und hebt amüsiert die Augenbrauen. „Habe ich deine Tarnung auffliegen lassen? Bist Du nicht zu alt für deine Batgirl-Missionen?“ Er senkt die Stimme und flüstert verschwörerisch: „Hinter wem bist du her? Hinter der Rothaarigen?“ Mit dem Kinn nickt er in Richtung Miss Sleepingpill. Sie öffnet den Mund, um etwas zu sagen, aber ich sehe ihr in die Augen und schüttle beinah unmerklich den Kopf. Das läuft nicht nach Plan.


Gérard sieht zwischen uns beiden hin und her. Ich sehe zuerst Verblüffung und dann Amüsement auf seinem Gesicht auftauchen. „Du bist auf mich angesetzt? Ich bin dein neues Opfer?“ Er lacht hart auf. „Bei dir läuft es anscheinend noch beschissener als gedacht.“ 


„Es war doch nur eine Frage der Zeit, Gérard“, sage ich kalt und stelle das Tablett auf einen Beistelltisch neben uns, um mir die Perücke wieder auf den Kopf zu setzen. Die Leute sind langsam wieder in ihre eigenen Gespräche vertieft und der Geräuschpegel im Raum ist beinahe wieder normal. 


Ohne mich aus den Augen zu lassen, nimmt Gérard ein Rotweinglas vom Tablett, trinkt einen Schluck und stellt es zurück. Dann macht er einen beiläufigen Schritt auf mich zu, bis er so nah vor mir steht, dass ich sein herbes Parfum riechen kann. Armani? Ich widerstehe der Versuchung zurückzuweichen, als er sich geschmeidig zu mir hinunterbeugt und sich dafür betont viel Zeit nimmt. 


„Eine Frage der Zeit?“, wiederholt er. Ich spüre seinen warmen Atem meinen Hals entlanggleiten und beiße die Zähne zusammen. 


„Bis sich jemand an dir rächt. Es wundert mich“, flüstere ich ungerührt zurück, „dass wir nicht schon vor Jahren auf dich angesetzt wurden. Leute wie du sind der Grund, warum es mein Geschäft gibt.“ 


Er bewegt seine Lippen ganz nah an mein Ohr. „Deine Durchgeknalltheit ist der Grund, warum es dein Geschäft gibt.“


Ich räuspere mich. „Ich dachte, du bist hier fürs Knallen zuständig.“


„Ist das eine Anfrage?“, haucht er und schiebt eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Dabei berühren seine Finger sanft meine Wange. Ich rücke noch näher an ihn heran, sodass ich seine Muskeln spüren kann und meine Lippen beinahe sein Ohr berühren. „Eher würde ich mir sämtliche Haare mit einer Pinzette ausreißen.“


Gérard macht einen Schritt zurück und zündet sich eine Zigarette an. „Wenn du darauf stehst. War mir schon klar, dass du auch im Bett total durchgeknallt bist.“


„Sagt der Mann, der sich durch sämtliche Betten schläft?“


Genüsslich bläst Gérard den Rauch aus. „Fragt die Frau, die keinen ranlässt?“


Ich seufze. „Macht dich das etwa traurig? Das tut mir leid. Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen.“


„Auch wenn du aussiehst wie ein Engel, Rachel“, sagt er gelassen, „bist du doch das genaue Gegenteil davon. Teuflische Zicken sind nicht mein Fall.“


„Da bin ich aber erleichtert“, antworte ich nüchtern. „Aber was ist passiert? Vom Frauenhelden zum Stalker? Hat dir endlich jemand das Herz gebrochen? Aber Moment. Müsstest du dafür nicht auch eines besitzen?“


Gérard nimmt einen tiefen Zug. „Du bist in beiden Fällen schlecht informiert, Rachel. Wieso überrascht mich das nicht?“ 


Eine Woge Kölnisch Wasser schwappt auf uns zu, die man trotz des Rauches nicht überriechen kann. „Gibt es Probleme, meine Herrschaften?“ Von Grönstein erscheint neben uns und taxiert mich. 


„Der Err wollte etwas, was er nicht aben kann“, sage ich. 


„Was denn?“, hakt von Grönstein ungeduldig nach. 


„Etwas, das zu scharf ist für ihn“, antworte ich. 


„Ich vertrage so einiges“, mischt sich Gérard ein, „vielleicht nur nichts, das Wahnvorstellungen hervorruft. Aber ein Whisky wäre jetzt gut.“ 


„Dann holen Sie ihm doch einfach einen“, fordert von Grönstein und schnippt mit den Fingern, als könne er so jeden Wunsch in Erfüllung gehen lassen. 


„Vielleicht findet unsere biedere Französin dort auch den Rest ihres Rocks, nicht, dass es stören würde“, grinst Gérard und stiert auf meine Beine. Neben ihm steht noch immer Miss Sleepingpill, die äußerst irritiert dreinblickt. 


„Entschuldigen Sie bitte das Verhalten der jungen Dame“, wendet sich von Grönstein etwas leiser an Gérard und Miss Sleepingpill, „die Cateringfirma hat eigentlich einen ausgezeichneten Ruf. Es muss sich um eine Aushilfe handeln.“


Ich bahne mir einen Weg durch die Menge und versuche ruhig Blut zu bewahren. Regel Nummer 1. Gefühle beiseiteschieben, es gilt, die Fassung zu bewahren. Aus der Küche hole ich zwei Gläser Whisky und marschiere zu dem ungleichen Trio zurück. „Bitte sehr, Ihr Whisky, mein Err“, sage ich mit freundlichem Lächeln. Ich will Gérard das Glas geben, knicke aber mit dem Knöchel um und schütte den Whisky mit Schwung über Miss Sleepingpills Dekolleté. Im Handumdrehen durchtränkt der Alkohol die hellgrüne Seide ihres Kleides und fließt ungehindert in ihren Ausschnitt. „Was ist hier überhaupt los?“, faucht Miss Sleepingpill. „Was soll das alles? Wer sind Sie und von welcher Agentur ...“


„Um Himmels willen!“, schnauft von Grönstein und zieht ein Papiertaschentuch aus der Hose, mit dem er sich hektisch dem Busen von Miss Sleepingpill nähert.


„Es tut mir wirklich furchtbar leid“, stottere ich und biete der tropfnassen jungen Frau eine weiße Stoffserviette von einem nahe gelegenen Tischchen an. „Hier, nehmen Sie das, ich halte solange Ihre Handtasche.“ Eine halbe Minute später ist sie halbwegs trockengetupft und ich drücke den anderen Whisky Gérard in die Hand. 


„Wohl nicht dein Tag, Rachel“, sagt er amüsiert und schwenkt sein Glas.


„Das wird sich noch zeigen“, sage ich und gebe Miss Sleepingpill ihre Handtasche zurück.


Der Blick, den sie mir zurückgibt, ist alles andere als nett. 


„Gehen Sie. Gehen Sie sofort“, zischt mich von Grönstein an und zeigt mit seinem dürren Finger auf den Ausgang. 


„Nichts lieber als das“, sage ich und unterlasse es, ihm auch einen Finger zu zeigen. 


 


Zehn Minuten später betrete ich das Auktionsgebäude mit offenen Haaren und neuem Outfit. Weißer Blazer, blaue Jeans, beigefarbene High Heels. Die gelöste Raucherstimmung ist einer gespannten Erwartung gewichen, denn die Versteigerung der privaten Sammlung steht unmittelbar bevor. Die Gäste steuern auf einen großen, hellen Saal zu und ich reihe mich ebenfalls in den Menschenstrom ein. An beiden Seiten des Auktionsraumes stehen weiße Sesselreihen und von der Decke hängt ein kristallener Lüster. Ich gehe über den roten Läufer des Mittelgangs auf die große Leinwand hinter dem Podest des Auktionators zu und setze mich in die vierte Reihe, neben einen lässig zurückgelehnten Mann.


„Schmeckt der Whisky?“, frage ich leise und stelle meine Handtasche ab.


Gérard trinkt aus und stellt das leere Glas unter seinem Sessel auf den Boden. „Rachel. Verfolgst du mich?“


Ich sehe ihn von der Seite an. „Ich bin hier, um ein Gemälde zu ersteigern.“


Gérard reibt sich über die kurzen, schwarzen Bartstoppeln. „Sieh an. Rachel, der Racheengel, ist unter die Kunstsammler gegangen. Worauf sind deine durchtriebenen blauen Augen gerichtet?“ Er gähnt hinter vorgehaltener Hand, blättert im Ausstellungskatalog und grinst dann. „Lass mich raten. Du möchtest die Replikation von Bouguereaus „Orestes wird von Furien gehetzt“ über dein Bett hängen. Auch wenn es dort keiner sehen wird.“ Er gähnt erneut.


„Wie mir scheint, bist du derjenige, der ein Bett benötigt“, antworte ich. 


Er schüttelt kaum merklich den Kopf. „Rachel. Ist das heute schon die zweite Anmache?“


„Der Whisky ist vielleicht doch etwas zu viel für dich.“ 


„Du bist vielleicht einfach zu viel“, brummt er und rutscht auf dem harten Stuhl ein Stückchen weiter nach vorne. „Warum bist du hier?“


„Wohlmerklich nicht wegen deines Charmes.“ 


Gérard hebt eine Augenbraue in die Höhe. „Welcher Irregeleitete hat dich beauftragt?“ Er reibt sich mit den Handballen über die Augen.


„Interessant. Du gehst von einem Mann aus. Schließlich muss es einen unerschöpflichen Pool gehörnter Ehemänner geben.“


„Also eine Frau“, sagt Gérard und gähnt, „Wahnsinn und Wahnsinn ist eine verdammt schlechte Kombination.“ Er fährt sich mit beiden Händen durch das leicht gekräuselte, dunkle Haar und verschränkt die Arme hinter dem Nacken. 


Der Auktionator kommt über den roten Läufer geschritten und steigt mit wichtiger Miene auf das Podest.


„Warum ersteigerst du alle Tulpenhof-Bilder?“, frage ich und schlage die Beine übereinander. Der Auktionator lässt das erste Kunstobjekt auf die große Leinwand projizieren. Es ist eine chinesische Vase mit rot-blauem Fischmotiv. 


„Wüsste nicht, was dich das angeht“, brummt Gérard und schließt für einen Moment die Augen.


„Du willst es unbedingt haben?“, hake ich nach.


Er setzt sich eine Spur aufrechter hin und unterdrückt ein Gähnen. „Was möchtest du mir sagen?“


„Der Wiedehopf auf dem Zaunpfahl, der würde sich gut über meinem Bett machen.“ 


Seine Augen verengen sich. „Diesen Kampf verlierst du, Rachel.“


„Das werden wir sehen“, antworte ich. 


Die Versteigerung geht weiter. Als nächstes ist ein zeitgenössisches Gemälde an der Reihe. Gérard hat sichtbar Mühe die Augen offenzuhalten. 


Ich lege den Kopf leicht schief. „Hast du eine Ahnung, wie man einen Stalker ausschaltet? Mit seinen eigenen Waffen.“ 


„Wahnsinnig interessant“, murmelt Gérard mit schwerer Zunge.


„Die Rothaarige ist eine versierte Stalkerin. Weißt du, wie wir sie nennen?“ 


„Die Rothaarige“, brummt Gérard und hängt kraftlos in seinem Stuhl. 


„Witzig. Wir tauften sie Miss Sleepingpill“, flüstere ich in sein Ohr. „Sie liebt es, bei reichen Witwern die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen, während der Mann noch 


selig schläft, macht sie Frühstück. Danach richtet sie sich häuslich ein, deponiert ihre Tampons auf der Toilette, steckt ihre Zahnbürste in seinen Zahnputzbecher und hängt ein paar Bilder von sich in der Wohnung auf. Je nachdem, welche Dosis sie dem Mann verabreicht hat, erkennt er bei Erwachen seine Wohnung wieder oder eben nicht. Fast wie Dornröschen, nur irgendwie umgekehrt.“


Gérards Kopf sinkt auf der Stuhllehne nach hinten. 


„Das Beste ist“, flüstere ich in sein Ohr, „um stets vorbereitet zu sein, trägt sie eine Ration ihrer Schlaftabletten immer bei sich.“ Ich fische Miss Sleepingspills Fake-Lippenstift, den ich vorhin aus ihrer Handtasche entwendet habe, aus meinem Blazer und schüttle ihn sacht. Die Pillen in dem Geheimversteck klackern leise. „Heute entschied sie sich für Chloraldurat.“


Der Auktionator dreht sich zur Leinwand um. „Objekt Nummer 15: ein Wiedehopf von Josef Tulpenhof. Das Anfangsgebot liegt bei 800 Euro.“


Ich hebe die Hand. 


„800 für die blonde Dame in der vierten Reihe. Bietet jemand 900?“


Ich sehe fragend zu Gérard hinüber, der mit einem leisen Schnarchen antwortet.


 


Dienstag


 


Der nächste Morgen zeigt sich von seiner sonnigen Seite. Und trotz der gestrigen Ungereimtheiten passt meine Stimmung zum Wetter. Gut gelaunt kippe ich den letzten Rest Kaffee hinunter und werfe einen Blick auf die Uhr. Noch sechs Minuten bis zum Erstkontakt. Im Gehege vor mir stolziert Herr Pfau mit aufgefächertem Rad herum und schüttelt dramatisch sein Gefieder. Die Pfauendamen liegen im Schatten und verfolgen das Schauspiel mit betont desinteressierten Blicken. Doch mir können sie nichts vormachen: In Wahrheit finden sie ihn großartig.


Sanft schüttle ich den Kopf. Die Natur ist wirklich ein mieser Verräter. Und dieser farbenfrohe Auftritt kaum etwas anderes als Lug und Betrug. Meiner Erfahrung nach folgen auf den ersten Eindruck oft nur Tränen, Enttäuschung, Wut und Selbstzweifel. Und das einzig Haltbare, das dann noch übrig bleibt, ist Rache. 


Mein Handy klingelt. „Richard, wo waren Sie?“, frage ich.


„Ich war dem Tod nahe“, erklärt er mit gebrochener Stimme. Richard liebt das Drama. Allerdings klebt er trotz seiner Macken loyaler an mir als Fussel an einem alten Wollpullover. Ich unterdrücke ein Schmunzeln. „Haben Sie sich wieder an einem Blatt Papier geschnitten?“


„Amüsant, Chefin“, antwortet er etwas beleidigt, „Kathrins Magen-Darm-Virus hat von mir Besitz ergriffen.“


Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Haben Sie wieder rumgeknutscht?“ 


Er räuspert sich. „Was verschafft mir Ihre gute Laune, nicht, dass es mich stören würde, aber Sie sind auffallend ausgelassen.“ 


Ich lächle in mich hinein. „Ich habe gestern Abend ein Gemälde ersteigert. Und es war das reinste Vergnügen.“


„Schön für Sie. Ist der Fall demnach abgeschlossen?“


Ich werde ernst. „Richard, wir hatten eine Fehlinformation. Dieser Gérard ist garantiert ein Mistkerl, aber definitiv kein Stalker.“ 


Stille am anderen Ende der Leitung. 


„Wer hat den Hintergrundcheck durchgeführt?“, hake ich nach.


Richard hustet. „Ich kann es Ihnen nicht sagen.“


„Wieso nicht?“, frage ich und werfe den Kaffeebecher in den Mülleimer. 


„Durch die notwendige Entleerung meines Magen- und Darminhaltes war es mir bis heute Morgen nicht möglich, die Agentur aufzusuchen. Waren Sie gestern anwesend?“


„Nein, ich musste das Bild an einen sicheren Ort bringen“, erkläre ich und werde unruhig. „Was ist passiert, Richard?“


„Das Computersystem ist anscheinend ausgefallen. Ich habe keinen Zugang zu den Daten.“ Prinzipiell ist Richard zuverlässig. Aber er ist nicht mehr der Jüngste. Ab und an vergisst er sein Passwort, verlegt seine Brille und hat letztens auch schon mal Akten vertauscht. Das ist ein offenes Geheimnis, das ich aus Respekt ihm gegenüber nicht erwähne.


„Holen Sie einen Spezialisten, der das behebt“, sage ich und packe meine Unterlagen in die Tasche. 


„Ich werde es veranlassen“, sagt er, „sind Sie bereits im Tierpark?“


„Ja. Erstkontakt in“, ich schaue kurz auf die Uhr, „in drei Minuten.“


„Viel Erfolg, Chefin. Möge der junge Werther die Pistole wieder in die Schublade legen.“


Ich lächle kurz. „Danke.“


„Auf Wiederhören, Chefin.“


„Richard?“


„Ja.“


„Knutschen Sie heute bitte nicht mehr herum. Ich brauche Sie. Gesund.“


„Ich werde eine Ausgeburt an Tugend sein“, antwortet er und ich höre das Lächeln in seiner Stimme. Nach dem Telefonat verstaue ich mein Handy in der Tasche und stehe auf. Unter der Woche wirkt Hagenbeck regelrecht ausgestorben, was ich beim Erstkontakt sehr schätze. Weniger Menschen bedeutet ein geringeres Risiko, belauscht zu werden. Und das wiederum entspannt mich. Ich schultere meine Tasche und setze mich in Bewegung. Irgendwo kreischt ein Affe und ein Vogel antwortet durchdringend. Während ich in Richtung Elefantengehege marschiere, lasse ich meine Augen über die Wiesen schweifen und ordne die Informationen in meinem Kopf. Enttäuschte Liebe. Betrug. Das Übliche eben.


Vor dem Elefantengehege steht ein Mann Anfang dreißig in Jeans und Kapuzensweater und sieht sich etwas unbehaglich um. An seinem Blick erkenne ich, dass ich meinen Klienten gefunden habe. Als ich näher komme, nimmt er die Hände aus den Hosentaschen, wischt sich damit kurz über die Oberschenkel und lässt sie dann, als wüsste er nicht, was er sonst damit tun soll, seitlich herunterhängen. Ich verbeiße mir ein Lächeln und unterziehe ihn einer kurzen Musterung. Groß, etwas schlaksig, saubere Nägel, blonde Locken, grüne Augen. Sieht sympathisch aus und könnte der große Bruder von Matthias Schweighöfer sein. 


„Hallo“, sage ich, stelle mich neben ihn und hole die Tüte mit dem Futter aus meiner Tasche. Der Elefant hebt den Kopf, kommt gemächlich in meine Richtung getrottet und streckt mir seinen Rüssel entgegen.


„Hallo“, erwidert er nach kurzem Zögern und lehnt sich an den Mauervorsprung neben mich, während er weiterhin die Gegend taxiert. Der frische Wind trägt den Geruch nach geschnittenem Gras und Elefantenmist heran und ich beuge mich weit zu dem Elefanten hinüber. Er tastet mit seinem Rüssel nach dem ersten Salatblatt und rupft mir das zweite auch gleich aus der Hand. Ich muss lachen. 


„Er scheint Sie zu mögen“, sagt der Typ mit einem zaghaften Lächeln. 


„Oder ich habe einfach nur das richtige Futter“, antworte ich schmunzelnd.


„Wie meinen Sie das?“


Der Rüssel schnappt nach dem Inhalt meiner Hand und ich werfe meinem Klienten einen vielsagenden Seitenblick zu. „Die Salatblätter wurden mit einem Hauch Erdnuss verfeinert. Ein Spezialrezept.“ 


„Aha. Durchtrieben“, lacht er und kleine Grübchen bilden sich um seinen Mund. Süß ist er ja, das muss ich zugeben. Ich erwidere sein Lächeln und nicke mit dem Kinn über die Schulter. „Wollen wir ein paar Schritte gehen?“ 


Er sieht mich überrascht an und fährt sich mit der Hand durch die kurzen Locken. „Sorry, das geht nicht. Sie sind eine sehr attraktive Frau, ich meine, Sie sind wirklich … wow“, sein Blick wandert von meinem Gesicht zu meinen Beinen und wieder zurück, „aber ich bin hier, um jemanden zu treffen.“ 


„Sie sind hier, um mich zu treffen“, erwidere ich bestimmt. Offenbar hatte er jemand wie Richard erwartet.


Er schüttelt den Kopf. „Glauben Sie mir ... wäre mein Herz nicht schon vergeben, würde ich mich liebend gern mit Ihnen verabreden, von mir aus bis in alle Ewigkeit und noch länger, aber ...“ 


„Julius, Sie sind mit mir verabredet“, unterbreche ich ihn ernst. 


Er sieht mich irritiert an. „Woher kennen Sie meinen Namen?“ 


Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu seufzen. Der Schnellste ist er ja nicht. 


In dem Moment wird er rot und es scheint endlich Klick zu machen. „Oh Mann, sorry … das ist jetzt wirklich peinlich, ich dachte ... Ach, Sie wissen genau, was ich dachte.“ Verlegen scharrt er mit den Füßen. „Fraglich, was Sie jetzt von mir denken. Ich habe Sie mir nur so komplett anders vorgestellt.“ 


Ich verfüttere die letzten Salatblätter an den Elefanten. „Wie denn?“


„Zuerst mal viel männlicher. Entschieden runzliger. Und nicht so unglaublich ... hübsch.“ Sein Lächeln und die Aufrichtigkeit in seiner Stimme machen ihn charmanter, als er sich wahrscheinlich bewusst ist. Ich packe die leere Futtertüte in meine Tasche und mache ein paar Schritte weg vom Elefantengehege. „Wissen Sie, Julius, ich habe mir Sie genauso vorgestellt.“


„Wie einen alten Mann?“ Er grinst und kommt mir nach. 


„Nein“, antworte ich lächelnd, „wie das Gegenteil davon. Genauso, wie Sie hier stehen, mit Ihrem großen Glauben an die Liebe.“


„Woran sollte man denn sonst im Leben glauben, wenn nicht an die Liebe?“


Ich zucke mit den Schultern. „Das ist eine Frage, auf die ich zu viele Antworten habe. Haben Sie die Mappe mit den Fotos dabei?“ 


„Ja.“ Er weicht einem frei laufenden Huhn aus und fummelt einen dünnen, schwarzen Ordner aus seiner Tasche. „Hier, bitte.“ Nervös fährt er sich durch die strubbeligen Haare. Ich bleibe vor dem Bärengehege stehen und sehe mir die Bilder an. Auf den Fotos schmiegt sich eine hübsche, junge Frau mit blauschwarzem Pagenkopf an einen sichtbar glücklichen Julius, hinter ihnen der Sonnenuntergang irgendeines Meeres. Es könnte kaum kitschiger sein.


„Das war vor einem Jahr“, erklärt Julius mit rauer Stimme. „Bevor sie diesen … Typen kennengelernt hat.“


„Gibt es von ihm auch Fotos?“


Er schüttelt den Kopf. „Aber Sie müssen nur Melanie finden, dann finden Sie auch ihn. Die beiden machen keinen Schritt mehr ohne den anderen.“ 


„Verstehe.“ Ich klappe den Ordner wieder zu. „Sie haben meinem Mitarbeiter gegenüber angegeben, der Mann hätte Melanies Gunst mit unlauteren Methoden erschlichen?“ 


Julius steckt die Hände in die Taschen und wendet sich mit einem Schnauben dem Bärengehege zu. „Ja. Das kann man so sagen. Und jetzt habe ich gehört, dass er angeblich kurz davor steht, ihr einen Heiratsantrag zu machen.“ Er betrachtet verbittert die Kamtschatkabärin, die schläfrig zu uns herüberblinzelt. 


Ich gebe ihm etwas Zeit sich zu fangen. „Das tut mir leid“, sage ich schließlich. „Wie können wir Ihnen helfen?“


Er räuspert sich. „Ich will, dass Melanie die Wahrheit erfährt. Ich will, dass sie erfährt, dass er ihr von Anfang an nur Lügen über mich erzählt hat. Ich wünsche mir Gerechtigkeit, ich möchte sie ... einfach nur wiederhaben.“


Bei seinen letzten Worten wendet er den Kopf und sieht mich intensiv an. Mann, hat der schöne grüne Augen. Eine junge Mutter mit Kinderwagen kommt auf uns zugesteuert und bleibt vor der Bärenfreianlage stehen. Ich gebe Julius einen unauffälligen Wink und wir gehen weiter. Meine nächsten Worte wähle ich mit Bedacht, weil jetzt der Moment kommt, an dem ich die meisten enttäuschten Gesichter ernte. Nämlich, wenn es darum geht, mit den unrealistischen Erwartungen aufzuräumen. 


„Ich erkläre Ihnen, was wir für Sie tun können, Julius. Wir können Melanie über die Wahrheit aufklären und wir können dem Mann, der Lügen über Sie verbreitet hat, einen Denkzettel verpassen. Aber wir können Ihnen nicht versprechen, dass Melanie zu Ihnen zurückkommt.“


Einen Moment lang hört man nichts außer unseren knirschenden Schritten auf dem Kiesweg. Dann atmet Julius tief aus. „Das ist mir bewusst. Am Ende bleibt es natürlich Melanies Entscheidung. Aber sie muss zumindest die Wahrheit erfahren, sonst halte ich es mir mein Leben lang vor.“


„Das kann ich nachvollziehen“, sage ich und schließe kurz die Augen. Ungerechtigkeit zählt auch zu meinen wunden Punkten, denn Ungerechtigkeit ist etwas, das mich unglücklich und wütend zugleich macht. Ich atme tief aus. „Folgendes muss Ihnen jedoch bewusst sein, Julius: Wenn Sie den Vertrag unterschreiben, übernehmen wir die Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen. Anders ausgedrückt bedeutet das: Sie geben die Sache aus der Hand. Es ist Ihnen nicht mehr gestattet, eigenmächtige Maßnahmen zu ergreifen.“ 


„Und was mache ich, wenn ich Informationen für Sie habe?“ 


Ich sehe ihm fest in die Augen. „Wir werden im Besitz aller Informationen sein, die wir brauchen. Das Team ist sehr gründlich. Und es ist unsichtbar. Wenn Sie etwas enorm Wichtiges auf dem Herzen haben, werden wir es wissen.“ 


„Ein bisschen fühlt es sich an, als verkaufe ich Ihnen meine Seele“, murmelt er.


Ich muss schmunzeln, als wir in den Elefanten-Pfad einbiegen, einen sanft geschwungenen und von hohen Bäumen gesäumten Weg. „Ich sollte auch hinzufügen, dass Sie sich mit Ihrer Unterschrift zu lebenslänglichem Stillschweigen verpflichten, was unsere Agentur anbelangt.“


„Und wenn nicht, verklagen Sie mich dann?“, fragt Julius halb scherzhaft.


Ich schüttle den Kopf. „Wir arbeiten auf eine etwas andere Art und Weise. Sagen wir einfach, es liegt in Ihrem eigenen Interesse, dass Sie sich an die Vereinbarung halten.“


Er nickt hastig und bückt sich unter dem dicken Ast einer Buche hindurch. Irgendwo vor uns gackern ein paar Hühner. Als wir um die nächste Kurve biegen, stoßen wir auf einen etwa 12-jährigen Jungen, der auf einer Bank lümmelt und aus seinem Pausenbrot kleine, feste Kugeln rollt, die er abwechselnd auf eine braune und eine weiße Henne feuert. 


Ich fühle, wie mich eine spontane Welle der Abneigung trifft, und auch Julius runzelt verärgert die Stirn. „Weißt du, die Brotstückchen gehören eigentlich in den Schnabel, nicht auf den Kopf.“


Der Junge wendet uns apathisch den Blick zu. „Danke, weiß ich. Und weißt du auch, wo der hingehört?“ Er ballt die Linke zur Faust und streckt Julius den Mittelfinger entgegen. 


„Ich denke, dieser Finger und der Rest davon gehören in die Schule“, sage ich.


„Ich hab heute frei und kann machen, was ich will“, mault er und pfeffert weiterhin seine Brotteile auf die Hühner.


„Und darum hast du deinen Schulrucksack dabei?“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch und bücke mich danach. „Ihr pflegt wohl eine innige Beziehung.“ 


„Hey, lass meine Sachen in Ruhe!“ Der Junge springt auf, schnappt sich seinen Rucksack, schleudert ihn auf die Bank und schmeißt sich trotzig daneben. Mit roten Flecken im Gesicht beginnt er ein ganz gewaltiges Brotkügelchen zu formen. Jetzt will er es uns offenbar zeigen. 


Ich seufze innerlich. Da funktioniert wahrscheinlich nur die harte Tour.


„Dr. Fink, haben Sie das gesehen?“, frage ich über die Schulter und gehe ein paar Schritte auf den Jungen zu, während ich mit zusammengekniffenen Augen die roten Flecken auf seinen Wangen mustere. Ohne Julius’ Antwort abzuwarten, greife ich in meine Tasche und ziehe ein Paar OP-Handschuhe heraus, die ich routiniert überstreife. 


Julius scheint etwas irritiert, versucht sich jedoch nichts anmerken zu lassen. 


„Was genau meinen Sie denn?“, fragt er langsam. 


„Hmmm“, murmle ich und deute auf das Gesicht des Jungen. „Die Effloreszenzen, Stadium 1.“ Mit spitzen Fingern fische ich ein Tuch aus meiner Hosentasche und halte es mir vor den Mund. „Verdammt. Ich hatte gehofft, dass wir die Sache mit der Influenza H6M5 in den Griff bekommen hätten“, kommt meine Stimme etwas gedämpft unter dem Mundschutz hervor. 


Der Junge sieht mich schräg von unten an. „Mit der was ...?“ 


Ich schenke ihm keine Beachtung und sehe zu Julius. „Ich fürchte, wir müssen das diesmal der Tierseuchenschutzbehörde melden. Wenn es auch auf den Menschen übergreift, muss es sich um eine besonders aggressive Form des Virus handeln.“


„Vogelgrippen sind nicht zu unterschätzen“, sagt Julius mit ernstem Blick. 


Der Junge reißt die Augen auf und wird aschfahl. Ich sehe zu Julius, der sich nun ebenfalls ein Taschentuch vor den Mund hält. „Diese Bank hier müssen wir unbedingt desinfizieren lassen“, kommt es etwas erstickt unter seinem Mundschutz hervor.


„Ich denke, eher den gesamten Bereich“, sage ich, während der Junge hektisch aufspringt und das Weite sucht. Zufrieden sehe ich ihm nach. 


Julius nimmt das Taschentuch vom Mund und deutet grinsend auf die Bank. „Ich würde sagen, die haben wir uns verdient.“ 


„Sehe ich genauso“, antworte ich, ziehe die Handschuhe ab und werfe sie mit dem Taschentuch in den Mülleimer. Julius wartet, bis ich Platz genommen habe. 


„Der Junge wird den Zoo wahrscheinlich nicht mehr so bald besuchen. Ich beginne zu verstehen, was Sie mit der anderen Art und Weise zu arbeiten gemeint haben.“ 


Ich nicke, während er einen Kaugummi aus seiner Jeans zieht und ihn auswickelt. 


„Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern? Sie sind fast so etwas wie ein weiblicher Robin Hood. Nur blond. Und eben … ach, das wissen Sie ja schon.“ 


„Nun, ganz so edelmütig wie Robin Hood bin ich mit Sicherheit nicht“, entgegne ich lachend. „Schließlich nehme ich nicht nur von den Reichen und gebe es den Armen. Unsere Dienste sind für niemanden umsonst.“ 


„Und wie viel wird mich Ihre Hilfe in etwa kosten? Sie müssen wissen, ich bin Schauspieler und nicht gerade reich“, murmelt Julius mit einem verlegenen Lächeln.


In meiner Tasche vibriert mein Handy. Ich muss mich beherrschen, um es nicht hervorzuziehen und einen kurzen Blick darauf zu werfen. „Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen“, antworte ich. „Die Bezahlung besteht aus einem Barbetrag, der sich nach Ihren finanziellen Möglichkeiten richtet, und einem Gefallen, den Sie uns schulden. Und den wir jederzeit einfordern können.“ 


Julius hustet und verschluckt sich beinahe an seinem Kaugummi. 


„Das hört sich dramatisch an. Wollen Sie nicht doch lieber meine Seele nehmen?“


 


Nachdem sich Julius wenig später verabschiedet hat, ziehe ich endlich mein Handy aus der Tasche und sehe nach, wer angerufen hat. Das Telefonat mit Richard lastet mir noch auf der Seele, insbesondere das seltsame Zusammentreffen des Magen-Darm-Infekts mit dem Ausfall unseres Computersystems. 


Regel Nummer 2: Es gibt keine Zufälle. Irgendetwas stimmt hier nicht. Nachdenklich mache ich mich auf den Weg zum Ausgang und wähle die zweite Nummer aus meiner Kurzwahlliste. Schon nach dem ersten Klingeln hebt er ab.


„Ich stehe Ihnen zu Diensten“, meldet sich seine samtige Stimme.


„Das tun Sie doch immer“, antworte ich mit einem Lächeln, werde jedoch gleich ernst. „Haben Sie eine Minute oder stecken Sie gerade in was drin?“


Antonio grinst förmlich ins Telefon. „Nein, ich stecke gerade“, die Worte betont er genüsslich, „nicht in etwas drin, Chefin. Im Gegenteil habe ich soeben einen Auftrag abgeschlossen.“ Ich höre, wie der Reißverschluss einer Tasche geschlossen wird. „Wo sind Sie im Moment? Sie schulden mir noch ein Mittagessen.“


„Hagenbecks“, antworte ich und werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist schon fast 12. Eigentlich wollte ich in die Agentur. 


„Passt perfekt“, meint er. „Ich bin nur zehn Minuten entfernt. Treffen wir uns bei dem Chinesen mit den versalzenen Frühlingsrollen?“


Ich klemme das Telefon zwischen Ohr und Schulter und krame nach meinem Autoschlüssel. „Geht es dem Koch gut oder ist er wieder unglücklich verliebt?“


Antonio lacht sein Samtlachen. „Wenn er unglücklich wäre, hätte ich das Lokal nicht vorgeschlagen.“ Ich zögere. „Ach, kommen Sie. Sie haben sicher noch nichts zu Mittag gegessen. So, wie ich Sie kenne, nicht mal gefrühstückt“, kommt es ansatzweise vorwurfsvoll durch den Hörer. „Boss“, setzt er nach, als würde es das besser machen.


Ich seufze. „Also gut. Ich bin in fünfzehn Minuten da.“


 


Beim Chinesen verirre ich mich auf dem Weg zur Toilette kurz in die Küche. Der liebeskranke Koch scheint gut gelaunt zu sein, Frühlingsrollen werde ich hier sicherheitshalber dennoch keine bestellen. Das Restaurant ist nach wie vor etwas schmuddelig, aber gemütlich. Gepolsterte Sitzbänke mit Löchern und orangefarbene Drachenlampions versprühen den Charme eines heruntergekommenen Chinatown-Lokals. Es überrascht mich kaum, dass wir hier fast alleine sind. 


„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, grinst Antonio, als ich zurück an den Tisch komme. Sein dunkelgrauer Anzug passt perfekt zu seinen Haaren, die violette Krawatte wirkt bei ihm keinesfalls unmännlich und alles an ihm sitzt an der richtigen Stelle. Glatt rasiert und manikürt wie immer. 


„Das Stichwort des Tages“, sage ich und greife nach der Speisekarte, obwohl ich keinen Hunger habe. Er sieht mich prüfend an und legt seine beiseite. 


„Was ist los? Wie kann ich Ihnen helfen?“


Seine Stimme ist ernst und sanft zugleich. Ich hebe den Blick zu seinen forschenden grauen Augen und muss lächeln. Einfühlsam wie immer. Er ist wie geschaffen für seinen Job.


„Es handelt sich um eine interne Sache. Es gibt Ungereimtheiten.“


„Ungereimtheiten“, wiederholt er und zieht eine schwarze Augenbraue hoch.


Eine junge Chinesin mit Hornbrille und Pferdeschwanz kommt heran und nimmt unsere Getränkebestellung auf, für die sie auffällig lange braucht. 


„Genau deswegen gehe ich ungern mit Ihnen essen“, sage ich. „Die Kellnerinnen können sich kaum von Ihnen losreißen.“ 


Lachend lehnt er sich zurück und lässt seine weißen Zähne blitzen. „Dafür bezahlen Sie mich schließlich.“


„Beeindruckend, dass Sie selbst in der Mittagspause Ihrer Rolle so gewissenhaft nachkommen.“


Er grinst mich an und ich spüre die schmachtenden Blicke von Kellnerin Pferdeschwanz beinahe körperlich in meinem Rücken. „Nennen Sie es Berufung.“ 


„Tatsächlich?“, erwidere ich spöttisch. „Wenn das so ist, gelange ich zu der Auffassung, dass Ihr wiederkehrendes Lamento über die Strapazen einer Verführung nur dem Zweck dient, Ihren Bonus groß zu halten.“ 


„Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie sich achtmal hintereinander „Tatsächlich Liebe“ hätten ansehen müssen.“


„Es gibt schlimmere Filme“, sage ich.


„Welchen meinen Sie? Ich kenne sie alle.“ Er stützt den Ellbogen auf und beginnt an den Fingern abzuzählen: „Dirty Dancing. Raten Sie, wie oft ich den gesehen habe.“


Ich zucke mit den Schultern.


„Raten Sie.“


„25 Mal.“


Er schüttelt den Kopf. „SIEBENUNDVIERZIG Mal. Können Sie sich das vorstellen? Ich bin schließlich ein Kerl!“


Ich muss lachen. Antonio ist ein Frauenversteher, ein Frauenverführer und ein Meister in seinem Fach. Optisch ist er eine Mischung aus George Clooney und einem jungen Richard Gere, taktisch ist er die Geheimwaffe der Agentur. Und so sehr mir das, was er verkörpert, eigentlich missfällt, arbeitet er letztendlich für die gerechte Sache. Man gewinnt den Krieg leider nicht unbewaffnet. 


„Titanic“, fährt er fort. „Schon der Titel tut körperlich weh. Wenn Leo auf den Bug dieses Schiffes klettert, bekomme ich Magenkrämpfe. Reale. Es handelt sich definitiv um eine König-der-Welt-Gastritis. Hören Sie auf zu schmunzeln, das ist mein voller Ernst.“


„Und trotzdem geht es Ihnen besser als Millionen anderer Männer.“ Ich beuge mich nach vorne: „Denn Sie werden dafür bezahlt. Und Sie sorgen für Gerechtigkeit.“


„Das ist wahr.“ Die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz bringt die Getränke. Antonio bestellt eine Fastenspeise der Buddhisten und ich entscheide mich für Nudeln mit Gemüse. 


„Aber dafür muss ich auch einiges mitmachen“, fährt er nach dem Abgang der Kellnerin fort. „Ihre Aufträge sind manchmal ganz schön kniffelig, genau wie die Frauen.“ 


„Zum Glück ist es bei Ihnen Berufung“, erwidere ich spöttisch. 


Er grinst. „Zum Glück gibt es auch ein paar einfache Tricks.“


„Welche denn?“, frage ich und greife nach meinem Glas.


Er fährt sich lachend über die glatt rasierten Wangen. „Sie sind einfach, aber auch vertraulich.“


„Sie können mir vertrauen“, sage ich und nehme einen Schluck Apfelschorle.


„Das weiß ich doch. Aber was ist ein Magier, wenn man seine Geheimnisse kennt?“


„Jetzt machen Sie es aber wirklich spannend.“ 


„Gut, ich will mal nicht so sein“, er macht eine bedeutungsvolle Pause, „das Zauberwort lautet Gemeinsamkeiten.“


„Sie meinen so etwas wie Hobbys?“ 


Er nickt. „Ja, zum Beispiel. Finden Sie ein gemeinsames Hobby oder gehen Sie in denselben Tennisclub, dann finden Sie auch die Aufmerksamkeit der Dame.“ Er atmet tief ein. „Sie würden sich wundern, welch exzentrischen Beschäftigungen einige Ladys nachgehen. Manche von denen sind richtig gefährlich.“


„Die Damen oder die Hobbys?“


„Beides“, sagt er. „Aber das wissen Sie ja.“


Unser Essen wird gebracht. Die Kellnerin fixiert Antonio sehnsüchtig, der ihr kurz zuzwinkert, woraufhin sie bis zu den Haarwurzeln errötet. Ich lehne mich zurück und betrachte das Schauspiel, bis sie uns endlich wieder verlässt. 


„Bei ihr würden Sie nicht mal ein Hobby benötigen“, bemerke ich und rolle ein paar Nudeln auf meine Gabel. Antonio nickt. „Aber unsere schüchterne Kellnerin wäre auch eher eine Kandidatin für eine Kindheitserinnerung.“ 


Ich hebe die Augenbrauen. „Klingt manipulativ.“


„Ist es auch“, erwidert er frei heraus. „Und unglaublich wirkungsvoll. Sie sollten mal die strahlenden Gesichter sehen, wenn sich herausstellt, dass man schon als Kind denselben Star toll gefunden hat. Oder dasselbe Buch. Oder dasselbe Spiel.“


Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass der Job für ihn auch nichts anderes als ein Spiel ist, und steche ein Stück Brokkoli auf. „Wenn Sie nicht für mich arbeiten würden, könnte ich Sie und Ihre Tricks nicht ausstehen, Antonio.“


„Ich weiß“, entgegnet er und wendet mir sein aristokratisches Gesicht zu. „Aber Sie wären auch kein einfacher Fall. Meine Einschmeichelungen würden mich bei Ihnen nicht weit bringen.“ Er schmunzelt mich an. „Nicht, dass ich es nicht schon probiert hätte.“


Ich lächle knapp. „Ich vertraue Ihnen, Antonio.“


„Ich weiß. Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Eine sehr lange Zeit, Boss. Was Sie aus der Agentur gemacht haben“, sanft berührt er meinen Handrücken, „ist unglaublich. Wie vielen Menschen Sie geholfen haben.“ 


Ich ziehe meine Hand zurück und er nimmt einen Schluck Sodawasser. 


„Egal, was Sie bedrückt, ich gehe der Sache nach. Hat es mit einem Fall zu tun?“


Ich nicke und gebe eine kurze Zusammenfassung des Gérard-Desasters von gestern Abend. „Richard sprach außerdem von Computerproblemen. Ich hatte eben vor in die Firma zu fahren um selbst nachzusehen, von wem der Hintergrundcheck gemacht wurde.“


„Und Richard sagt, dass er es nicht weiß? Ich dachte, er hat das Gedächtnis eines Elefanten.“


Ich erwidere nichts. Richard ist schließlich nicht mehr der Jüngste. Möglich, dass sein Elefantengedächtnis sich ab und an eine kleine Auszeit nimmt. 


„Es ging ihm nicht gut“, sage ich schließlich. „Was mich irritiert, ist das Zusammentreffen mit den IT-Problemen und dass derjenige, der den Hintergrundcheck durchgeführt hat, so dermaßen danebenliegen konnte. Das riecht nach ...“


„Manipulation?“, beendet Antonio den Satz und spricht damit einen äußerst beunruhigenden Gedanken aus, der mir auch schon gekommen ist. 


„Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen“, bemerke ich.


„Genauso wenig, wie wir die Augen vor allen denkbaren Möglichkeiten verschließen sollten“, sagt er und legt die Essstäbchen nieder. „Die Zugriffsverweigerungen sind sicher kein Zufall. Es gibt keine Zufälle, das sagen Sie doch immer. Und deshalb haben Sie mich doch auch angerufen, oder?“


Ich nicke widerstrebend und schiebe den Teller zur Seite. „Ich benötige jemanden, dem ich vertrauen kann. Richard scheint mit der aktuellen Situation überfordert zu sein.“


„Hat er das Erstgespräch mit der Klientin geführt?“


Unwillkürlich hebe ich das Kinn an. „Ja, aber das muss nichts bedeuten.“


Antonio kneift nachdenklich die Augen zusammen. „Die Klientin hat definitiv gelogen. Das hätte ihm auffallen müssen. Wie hat er denn beim Loyalitätscheck abgeschnitten?“


„Ich vertraue Richard zu 100%“, stelle ich klar. 


Antonios Gesicht spannt sich an. „Wollen Sie mir damit sagen, alle Mitarbeiter haben den Check durchlaufen, nur Richard nicht?“ Er starrt mich an.


 „Das ist meine Entscheidung, Antonio“, erwidere ich kühl und atme tief durch. „Dennoch. Sehen Sie sich die Sache genauer an und rufen Sie mich an, sobald Sie etwas herausgefunden haben.“


 


Dienstag, etwas später


 


Kurz vor dem Elbtunnel klingelt mein Handy. Es ist Richard.


„Wo sind Sie?“, fragt er grußlos, nachdem ich abgehoben habe.


„Auf dem Weg in die Agentur. Ich kann den Hafen förmlich riechen“, sage ich und schalte vom zweiten in den dritten Gang.


„Wenn Sie weiterfahren, werden Sie gleich etwas ganz anderes riechen“, näselt er. „Wie von Ihnen angeregt, habe ich mir technische Unterstützung in Form eines Experten geholt.“ Er räuspert sich. „Raten Sie, was er gerade macht.“


Ich betätige den Blinker. „Richard, ich kann Ratespiele nicht ausstehen.“ Richard reagiert nicht. „Gut, er setzt Ihr Passwort zurück, damit Sie wieder ins System kommen?“, versuche ich es.


„Mein Passwort ist hier nicht das Problem, das können Sie mir glauben“, deklamiert Richard. 


„Was ist denn das Problem?“


„Das weiß ich nicht.“ 


„Dann fragen Sie doch den IT-Profi, den Sie hinzugezogen haben.“


„Unmöglich.“ 


„Und warum ist das unmöglich?“, hake ich ruhig nach. 


„Weil er das WC aufgesucht hat. Und den Geräuschen zufolge ist das Einzige, was derzeit aus seinem Mund kommt, jede Menge Mageninhalt. Dem Geruch nach würde ich vermuten, dass er vor kurzem Bratwurst zu sich genommen hat. Und definitiv nicht nur eine.“


Ich schließe für einen Moment die Augen. Das nicht auch noch. 


„Der Grund meines Anrufs“, fährt Richard fort, „ist, dass es Angelique, Tjard und Mareike auch erwischt hat. Und raten Sie, wo die gestern waren.“


„In der Agentur?“, frage ich resigniert.


„In der Agentur“, bestätigt Richard. „Ich folgere daraus, dass unsere Niederlassung einen Virenbefall zu verzeichnen hat, weshalb ich Ihnen dringend davon abrate, herzukommen. Ich werde die Desinfizierung veranlassen und greife hier garantiert nichts mehr an. Vor allem, nachdem unser werter Herr IT-Profi über meine Blutroten Gravensteiner geniest hat, die habe ich erst frisch gekauft.“


„Ich besorge Ihnen neue Äpfel“, seufze ich, „die Äpfel sind unser geringstes Problem. Aber danke für die Warnung, Richard.“ Ich atme tief aus und lege auf. Dann reihe ich mich in die Spur ganz rechts ein und nehme die nächste Ausfahrt nach Hause.


 


Als ich das Tor des Mehrparteienhauses aufsperre, fühlt es sich an, als würde ein riesiger Stein in meinem Magen liegen. Es gibt Dinge, an die ich glaube. Zum Beispiel an Disziplin. An gute Vorbereitung. Daran, dass Gerechtigkeit nichts ist, was einem in den Schoß fällt. Woran ich nicht glaube, sind Zufälle. Schon gar nicht, wenn sie in meiner Agentur passieren.


Automatisch trete ich beim letzten Treppenabsatz des vierten Stocks leiser auf. An der Wohnungstür meiner Nachbarin hängt ein großes Lebkuchenherz mit der Aufschrift: „Komm rein und bleib“. Das scheint ihr Motto zu sein – wobei sie es nicht ganz wörtlich nimmt. „Komm raus und bleib“ trifft es eher. Leise schleiche ich an ihrer Tür vorbei und halte meinen Schlüsselbund so fest, dass er möglichst nicht klimpert. 


Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, schwingt ihre Tür auf. „Dachte ich es mir doch, dass ich da einen Schatten vorbeihuschen gesehen hab`“, meint sie vorwurfsvoll und stemmt die Hände in die Hüften. Ich stehe der Wiedergeburt eines Wachhundes gegenüber, in der Optik einer bayrischen Angela Merkel. 


„Hallo, Frau Barthelheimer“, lächle ich, „ich muss hier kurz etwas erledigen, ich bin gar nicht -“


„Sie haben’s wieder eilig, nicht wahr?“ Sie verscheucht mit der Hand eine Fliege und kommt in ihren Gesundheitsschuhen auf mich zu. „Was machen’s denn eigentlich um die Zeit schon zu Hause? Sonst sind’s doch meistens bis in der Nacht in der Firma.“


„Da grassiert gerade ein fürchterlicher Virus“, sage ich und huste, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten. „Magen-Darm. Hochansteckend. Ich fürchte, ich habe mich ebenfalls infiziert.“


„Jessas, nicht, dass Sie jetzt auch noch krank werden“, meint sie sorgenvoll. „Meine Kusine liegt derzeit mit einem schrecklichen Schnupfen im Bett. Ich war sie gestern besuchen und bei ihr zuhause schaut es aus ... Apropos, Sie sind ja endlich mit der Renovierung fertig. Wann kann man sich’s denn anschauen?“ Sie kommt einen Schritt näher und wirft einen gierigen Blick auf meine Wohnungstür. 


„Da ist gar nichts zu sehen“, sage ich bedauernd und huste nochmal in ihre Richtung. „Die Handwerker haben nur meine elektrischen Leitungen ausgetauscht.“


Meine Nachbarin zieht einen Merkel-Mund. „Und dafür haben’s so lange gebraucht? Aber die waren doch noch gar nicht so alt?“


„Unterschätzen Sie niemals die Gefahr eines Kabelbrands“, erkläre ich ernst und öffne die Tür. „Auf Wiederseh-“


„Moment! Sie wissen ja noch gar nicht, was heute passiert ist!“, ruft Frau Barthelheimer, während ihr eine leichte Röte ins Gesicht schießt. 


Ich hebe die Augenbrauen und sehe sie abwartend an. 


„Heute war ein Mann da!“, platzt es aus ihr heraus. 


„Oh“, sage ich. Und nach einem Moment des Schweigens: „Das freut mich für Sie.“


„Nein, nein, Sie verstehen das ganz falsch“, kichert sie und ihre Wangen nehmen noch etwas mehr Farbe an, „der Mann wollte doch nicht zu mir, der wollte zu Ihnen!“


Ich runzle die Stirn und wende Frau Barthelheimer meine volle Aufmerksamkeit zu. Zufrieden knetet sie ihre Finger. „Gewundert hat’s mich schon, weil sonst sieht man ja nie jemanden bei Ihnen – bis auf die Handwerker und den Postboten. Der war heute übrigens auch schon da.“


„Wie hat er denn ausgesehen?“, frage ich. 


„Der Postbote?“


„Nein. Der Mann.“ 


„So genau kann ich das nicht sagen, ist ja nicht so, als hätt‘ ich nix Besseres zu tun, als den Leuten im Haus nachzuspionieren“, murmelt Frau Barthelheimer und ich warte einfach. Es gibt Dinge, die passieren, ohne dass man etwas dafür tun muss. 


„Ja mei, gut hat er halt ausgeschaut. Groß und dunkel. Wie einer von den Schauspielern aus dem Fernsehen, so ein amerikanischer, aber nicht so ein Milchbubi, sondern ein richtiger Mann, der auch ein bisserl fester anpacken kann, wissen’s was ich meine?“ Frau Barthelheimer grinst verklärt. Mir ist eher nach dem Gegenteil zumute. Ich kenne genau zwei Typen, auf die diese Beschreibung passt. Und beide sollten nicht wissen, wo ich wohne.


„Sagen Sie, konnten Sie zufällig sehen, ob der Mann einen Dreitagebart hatte? Oder war er glatt rasiert?“


Die Augen meiner Nachbarin leuchten auf. „Eindeutig ein Dreitagebart“, schnurrt sie, „und was für einer.“


Gérard. Der hat mir gerade noch gefehlt. Ich bedanke und verabschiede mich bei Frau Barthelheimer und mache ihr die Tür, weil es nicht anders geht, direkt vor der Nase zu.


„Den sollten Sie sich warmhalten, Schätzchen!“, ruft sie noch durch das Holz und schlurft zu ihrem Überwachungsposten zurück. 


 


In meiner Wohnung streife ich Schuhe und Blazer ab und lasse beides auf den hellen Boden fallen. Dann gehe ich in die Küche, um mir eine Flasche Mineralwasser zu holen. Meine Wohnung befindet sich in einem top aufgeräumten Zustand, was bedeutet, dass Melinda heute da gewesen ist. Ich mag es, in eine saubere Wohnung zu kommen. Langsam drehe ich den Schraubverschluss der Flasche auf und schlendere in mein weißes Wohnzimmer. Das Nachmittagslicht fällt durch die großen Fenster und die Ordnung fühlt sich gut an. Durstig trinke ich ein paar Schlucke direkt aus der Flasche und lasse mich in den grauen Ohrensessel fallen. In meiner Wohnung herrscht Ordnung, in meiner Agentur sieht es leider anders aus. Müde lege ich meine Füße auf den gläsernen Couchtisch und versuche meine Gedanken zu sortieren. Da steckt mehr dahinter, das fühle ich. Der Magen-Darm-Virus, die Zugriffsverweigerungen und der verpatzte Fall. Gérard ist vielleicht vieles, aber ein Stalker ist er definitiv nicht. Wer auch immer meine Leute hinters Licht geführt hat, hat sich ziemlich viel Mühe gegeben und weiß so einiges über uns. Ich nehme noch ein paar Schlucke Mineralwasser und drücke mich tiefer in das kalte Leder. Gérards Akte, ich muss mir seine Akte ansehen und herausfinden, wer sie angelegt hat. Rasch stehe ich auf, hole meinen Schlüsselbund aus meiner Handtasche und entsperre über eine Fernbedienung die Tür zu meinem neuen Arbeitsbereich. Der Umbau hat sich bezahlt gemacht. Zufrieden trete ich in die Abstellkammer und schiebe das metallene Putzregal zur Seite, hinter dem sich eine unscheinbare Tür befindet. Ich gehe hindurch, verschließe sie hinter mir und blicke nach oben. Die weiße Wendeltreppe führt mich ins helle Dachgeschoss und während ich die Stufen hinaufsteige, bin ich dankbar, die Fläche ausgebaut haben zu lassen. Denn hier oben findet mich niemand, hier oben bin ich für mich allein, hier oben bin ich zu Hause. Die Wände meines Arbeitszimmers sind aus Waschbeton, der Boden aus hellem Holz und die Einrichtung umfasst lediglich einen Schreibtisch und zwei weiße Bücherregale. 


Ich öffne die gläsernen Terrassentüren und lasse die kühle Luft an mir vorüberziehen. Von meiner Terrasse aus kann ich der Stadt beim Atmen zusehen. Ich steige nach draußen und genieße für einen kurzen Moment den Augenblick, bis ich ein unangenehmes Ziehen in meiner Brust spüre. Die Akte. Ich muss mir die Akte ansehen.


 


Ich gehe zu meinem Schreibtisch, setze mich an die gläserne Tischplatte und schalte den Laptop an. Das Computerprogramm stürzt dreimal ab. Sämtliche Tastenkombinationen erweisen sich als sinnlos, das ist mehr als unerfreulich und es ist mehr als nur ein Zufall. 


Schließlich kann ich mich über einen externen Server einloggen und von hier aus nach Gérards Akte suchen. Sie ist nicht aufzufinden, nichts ist da, wo es sein sollte – das totale Chaos starrt mir entgegen. Rastlos trommle ich mit den Fingerspitzen auf die Glasplatte und überlege, ob Richard für diese Unordnung verantwortlich sein könnte. Der Gedanke ist absurd, das hier ist nicht altersbedingte Zerstreutheit, sondern absichtliches Chaos. 


20 Minuten später habe ich Gérards Akte gefunden, doch der Zugriff wird mir verweigert. Hier möchte jemand definitiv der Agentur schaden, aus welchem Grund auch immer. Ich spüre das Ziehen in meiner Brust anschwellen. Soviel Schaden kann man nur aus dem Inneren anrichten. 


Ich atme einmal tief ein und versuche ruhig zu bleiben. Regel Nummer 1: Gefühle abstreifen, tief Luft holen und Fokus auf die wichtigen Dinge. Zuerst muss ich die Zusammenhänge verstehen, um den Mitarbeiter zu identifizieren, der sich gegen mich gewandt hat. Entschlossen fahre ich den Computer herunter, lege die CD meines Klienten aus dem Verteidigungsministerium ein und starte neu – Gefallen sind etwas Schönes, vor allem, wenn sie derart hilfreich sind. Über die Software boote ich das System und greife auf den Pfad von Gérards Akte zu. Die Datei öffnet sich. 


Hier steht, unser Stalker sei alleinstehend, Mitte 30, selbstständig, Raucher. Das ist noch nicht auffällig, doch die psychologische Einschätzung ist es. Gérard wird als schüchtern, unsicher, gehemmt und sozial phobisch beschrieben. Er hat ein gestörtes Verhältnis zu Frauen und Sexualität, ich nicke unwillkürlich, schießt laufend Fotos seiner weiblichen Stalkingopfer und verfolgt diese auf ihrem Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder nach Hause. Mit Vehemenz lungert er vor ihrer Wohnung herum und bombardiert die Angebetete mit Kurznachrichten und Anrufen. Er erdrückt seine Opfer mit seiner Präsenz. 


Ich seufze. Die Akte ist nutzlos. Es würde mich wundern, wenn Gérard auch nur eine einzige Frau nach dem Sex angerufen hätte. Sein einziger Familienanschluss ist die in Hamburg lebende Großmutter. Er hat keine Freunde und keine anderweitigen sozialen Beziehungen. Bis auf das Schnitzen von Gartenzwergen und das Aufkaufen von Josef Tulpenhof-Werken gibt es keine bekannten Hobbys. Wer hat diese unsinnige Akte bloß angelegt? Ich scrolle nach oben und lasse das System in die Verfasseransicht wechseln. Kürzel RW.


Richard. 


Mit unbewegter Miene stehe ich auf, schnappe mir eine Flasche Rotwein samt Glas aus dem Regal und gehe auf die Terrasse. Dort inhaliere ich die frische, kalte Luft. Über der Stadt hängt eine Wolkendecke und es beginnt langsam zu dämmern. Ich starre in die Ferne, wo sich Kräne, Ladeschiffe und die Silhouette der Elbphilharmonie abzeichnen. Nachdenklich öffne ich die Flasche und schenke mir ein Glas ein. Welche Erklärungen gibt es?


Erklärung Nr. 1: Jemand hat den Verfasserschutz geknackt und stellt Richard als Sündenbock hin. 


Erklärung Nr. 2: Richard ist illoyal. 


Ich schüttle den Kopf. Hätte Richard all diese Mühen auf sich genommen, dann hätte er auch sein Verfasserkürzel geändert. Es muss jemand anderes dahinterstecken. Und so wenig mir der Gedanke auch gefällt: Dieser Jemand scheint einer meiner eigenen Leute zu sein.


 


Als ich aus dem Auto steige, ist es merklich dunkler geworden. Vor mir ragt das Congress Center Hamburg in den abendlichen Himmel, gleich daneben liegt die riesige Parklandschaft Planten un Blomen. Der perfekte Ort für einen Botaniker-Kongress. Und der perfekte Ort, in aller Öffentlichkeit und trotzdem anonym eine neue Klientin zu treffen. Ich streiche meinen dunkelgrauen Hosenanzug glatt und gehe auf den hell erleuchteten Eingang zu. In diesem Moment klingelt mein Handy. Im Gehen ziehe ich es aus der Tasche und bleibe unwillkürlich stehen. Eine unbekannte Telefonnummer. Da ich eine Geheimnummer besitze, kenne ich in der Regel alle Personen, die mich anrufen. Dass es hier nicht so ist, fühlt sich nicht gut an. Ganz und gar nicht gut. Ich hebe das Handy ans Ohr und nehme den Anruf an. 


„Rachel Mayer.“


„Miststück, wo ist mein Bild?“, dringt Gérards wütende Stimme an mein Ohr.


 


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