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Belletristik
Buch Leseprobe Quer Beer aufs Treppchen, Michael Kothe
Michael Kothe

Quer Beer aufs Treppchen


Anthologie 2019/2020

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Tod am Frühstückstisch Als Hedwig aus dem Badezimmer kam und in die Küche trat, hatte sie keinen Blick übrig für die Sauerei, die sich vor ihr ausbreitete. Mit den für ihr Alter typischen kurzen Schritten trippelte sie ohne Umweg zu der altmodischen Chaiselongue, auf der ihr Heinz ausgestreckt lag. Sein linker Unterarm hing schlaff über der Kante, die Hand lag seltsam geknickt auf dem Fliesenboden. Auf ihrem Weg sparte sie die Blutflecke nicht aus, ihre Hausschuhe hinterließen dünne rote Tappen. Sie beugte sich über ihren Mann und fand tatsächlich ein paar Stellen, die nicht besudelt waren. Wie so oft in Kriminalfilmen beobachtet legte sie ihm zwei Finger auf die nicht mehr pulsierende Schlagader an der rechten Halsseite. Nach einer knappen halben Minute richtete sie sich auf und erreichte mit wenigen Schritten die Anrichte, von der sie das Smartphone aufnahm. Sorgsam achtete sie darauf, die blutigen Flecke nicht zu berühren, die von den Fingern ihres Mannes herrührten. Wie er oft genug betont hatte, konnte er mit diesem Wischhandy, wie er es nannte, nichts anfangen. Aber er war ein Mensch, der sich unter keinen Umständen helfen ließ. Das Tastentelefon, das er hatte bedienen können, stand nutzlos in seiner Ladeschale. »Hallo, Notdienst … mein Name … Mein Mann ist … ich glaube, er …« Schnellen Schrittes ging sie zum Küchenschrank, griff ihre Tasse und schenkte sich ihren Morgenkaffee ein. Bis der Notarzt in frühestens zehn Minuten eintraf, hätte sie den Kaffee längst getrunken, die Tasse gespült, abgetrocknet und wieder weggestellt. Dass ihr Morgenmantel auseinanderklaffte und ihr Nachthemd schon hochrutschte, als sie sich an den Tisch setzte, machte ihr nichts aus. Keck schlug sie die Beine übereinander. Heinz hätte sie dafür gerügt. In seiner Anwesenheit hatte sie die Füße nebeneinanderzustellen, die Knie keusch aneinandergedrückt. Sitte und Anstand hatte er ihr immer gepredigt. Ihr Blick wanderte von der fleckigen Morgenzeitung auf dem Boden nun doch durch die ganze Küche, bis er an der Chaiselongue hängenblieb. »Vierzig Jahre lang hast du mich schikaniert, und besonders schlimm waren die letzten fünf. Seit du in Rente bist. Oder muss ich nun sagen: Warst? Und das alte Möbel deiner Mutter hast du so in der Küche aufgestellt, dass du mich ständig unter Kontrolle hattest und an allem herummäkeln konntest, während du nicht einen Finger krumm gemacht hast.« »Nicht so viel Salz, du weißt, dass ich das nicht vertrage. Und mach das Essen nicht wieder so scharf! Erst gestern … Du hast wieder das teure Öl gekauft, das billige im Supermarkt hätte es auch getan …« Hedwig schüttelte den Kopf und verscheuchte seine Stimme, die sie sich bei seinem Anblick eingebildet hatte. Aber sein letzter Satz ließ sie schmunzeln. Ein Gutes hatte seine herrschsüchtige und knausrige Art. Über das kleine Vermögen verfügte sie nun allein und musste sich nichts mehr verbieten. Als Erstes würde sie die Küche … Sie richtete sich auf und überlegte zum werweißwievielten Male, was sie dem Notarzt und vielleicht später den Polizeibeamten sagen würde. »Gestern hatte ich beim Spülen die Lieblingstasse meines Mannes angeschlagen. Mit einem Zweikomponentenkleber, er liegt dort in der Schublade der Anrichte, habe ich die Scherben so angeklebt, dass er es nicht bemerken würde. Sonst hätte es ein Donnerwetter gegeben. Aber er hat sich wohl doch an der Kante die Lippe aufgeschnitten. Bei dem heißen Kaffee hat er es sicherlich nicht gleich bemerkt. Und da er künstlicher Bluter war … Hach. Es ist schrecklich!« Nicht einmal lügen müsste sie. Die Wahrheit, die reine Wahrheit. Und nichts hinzufügen oder weglassen. Doch halt! Drei oder vier Sätze würde sie nicht sagen. Dass sie vorher in verschiedenen Geschäften vier gleiche Tassen gekauft und daran geübt hatte, wie sie die anschlagen musste, damit genau diese Schnittkante zustande kam. Dass sie ihr Küchenradio unbedingt auf der Anrichte aufstellen musste und das Mobilteil des Telefons sich an der einzigen Steckdose nicht aufladen konnte. Und dass sie sich, nachdem sie Heinz mit Kaffee und Morgenzeitung versorgt hatte, nur deshalb so lange im Bad verschanzte, um ihm nicht doch helfen zu müssen. Ach ja, das Bad würde sie auch renovieren lassen. Ihre Tasse durfte nicht herumstehen, wenn gleich der Notarzt klingelte. Schließlich sollte ihr Mann glaubhaft in der Küche allein gewesen sein. Was hatte sie zu ihrer Tat inspiriert? Öfter schon hatte sie sich ihr Leben als Landkarte vorgestellt, als Wetterkarte. Ihre Kindheit und Jugend waren sonnig gewesen. Auch ihre ersten Jahre mit Heinz. Dass sie keine Kinder bekommen konnte, hatte er ihr nie verziehen. Dunkle Wolken zogen auf und ließen sich nicht wieder vertreiben. Wie das Winterwetter, das sie seit Wochen leid war. Doch vor ein paar Tagen hatte der Wettermann im Fernsehen gebietsweise Aufhellungen vorhergesagt. Sie hatte das so verstanden, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen solle. Erleichtert stand Hedwig auf und trug die Tasse zur Spüle. Sie freute sich auf einen Lebensabend voll Sonnenschein.


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