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QUEEN BEE & HONEYCOMB


College-Liebesroman

von Josie Charles

belletristik
ISBN13-Nummer:
B08T8D6RLR
Ausstattung:
E-Book
Preis:
2.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Leseprobe

 

Prolog

 

Des Moines, Iowa
9 Jahre zuvor

 

Bee

 

Ich fühle mich, als wäre ich in einem Hühnerstall gelandet. Wie aufgescheuchte Hennen laufen eine Handvoll Mütter in der kleinen Umkleide umher, gackern wild durcheinander und es fehlt nicht mehr viel, dass sie sich gegenseitig die Augen auspicken.
Meine ist die Schlimmste von allen.
Seit gefühlten fünf Minuten sprüht sie mich schon mit Haarspray ein und ich frage mich langsam, was genau sie eigentlich vorhat. Ist das ein Experiment? Will sie herausfinden, wie lange ein Mensch die Luft anhalten kann?
»Mom«, huste ich. »Jetzt ist langsam mal gut!«
»Tut mir leid, Süße, aber du hast da so eine widerspenstige Strähne …«
»Eine? Ich habe eine widerspenstige Strähne?«, frage ich vollkommen ungläubig und wenn ich nicht gleich darauf wieder den Atem anhalten müsste, würde ich laut lachen. An der Schulter von Moms bonbonfarbenem Blazer vorbei sehe ich in den Spiegel. Sie hat mir die Haare zu kleinen Korkenzieherlocken aufgedreht, und die stehen jetzt in alle Richtungen ab.
Ich sehe aus wie ein explodierter Pudel!
»Meine Damen!« Die Tür öffnet sich und einer der Organisatoren des Schönheitswettbewerbs für Mädchen zwischen 13 und 16, an dem ich heute teilnehme, steckt seinen hochroten Kopf zu uns in die Umkleide. »Zwei Minuten noch, dann beginnt die Anmoderation! Wo ist die erste Kandidatin?«
Mom reißt die Hand hoch und ruft: »Meine Tochter ist die Nummer 1!«
Der Organisator erklärt ihr, dass sie mich jetzt hinter den Bühnenvorhang bringen soll, dann ist er wieder weg.
Eine der anderen Mütter zischt Mom zu: »Deine kleine Bohnenstange ist die erste Teilnehmerin, aber deswegen ist sie noch lange nicht die Nummer 1.«
»Aber wohl eher als deine kuhäugige Landpomeranze«, zickt Mom zurück.
Ich kneife fest die Augen zu, so sterbenspeinlich ist mir das alles.
Als ich noch ein Kind war, hat es mir nichts ausgemacht, dass Mom mich von Schönheitswettbewerb zu Schönheitswettbewerb geschleppt hat. Es hat mir sogar Spaß gemacht, auf der Bühne zu tanzen oder Kinderlieder vorzusingen. Aber das ist schon seit ein paar Jahren vorbei. Ich bin 13, werde bald 14 und finde diesen ganzen Zirkus von Mal zu Mal schrecklicher.
Warum mache ich das eigentlich noch?
»Komm, Bee. Du musst jetzt auf die Bühne. Sind deine Stimmbänder warm?«
Innerlich verdrehe ich die Augen, während ich aufstehe. Sie war doch dabei, als ich mich gerade eingesungen habe. »Das weißt du doch.«
»Gut, dann los.« Mom legt ihre Hand auf meinen Rücken und führt mich vorbei an den anderen Mädchen, die mich durch ihre Schminkspiegel giftig ansehen.
»Das hier ist ein Heimspiel, Liebes. Du kannst gar nicht anders, als zu gewinnen. Erinnerst du dich an die Abfolge, die wir besprochen haben?«
»Ich soll auf die Bühne schweben wie ein Engel, mich kurz vorstellen und dann singen.«
Danach bin ich erst mal erlöst. Später kommt noch die Choreografie, die alle Teilnehmerinnen zusammen eingeübt haben und am Ende ein Laufsteg-Walk im Bikini.
»Du singst Jolene, ganz wie wir es vereinbart haben«, sagt Mom nervös, während sie mich einen schmalen Flur entlang führt.
Ich stöhne. »Weißt du eigentlich, wie ätzend das Lied ist?«
Mom liebt diesen Song, aber für mich ist Jolene eines der blödesten Lieder überhaupt.
»Wenn ich einen Freund hätte und irgend so eine Jolene würde versuchen, ihn mir auszuspannen, hätte ich was Besseres zu tun, als ein Lied für sie zu singen.«
»Du hast aber keine Zeit für einen Freund und jetzt konzentrier dich, wir sind da.«
Mom und ich gehen eine kleine Treppe hoch und befinden uns dann hinter einem dunkelblauen Samtvorhang, der den Backstagebereich von der Bühne trennt. Durch den Stoff kann ich hören, wie Mister McDowell, der Chef der ganzen Show, die Anmoderation macht.
Während wir darauf warten, dass er meinen Namen aufruft, mustert meine Mutter mich unzufrieden von oben bis unten. »Wenn du gleich auf der Bühne auch so einen Flunsch ziehst, kannst du den Sieg vergessen.«
Für Mom wäre dies das Schlimmste, was passieren könnte. Immerhin bin ich ihr großes Projekt und ihr liebstes Hobby ist es, ihren Freundinnen von meinen Erfolgen vorzuschwärmen. Doch langsam aber sicher wird mir eines klar: Ich habe es satt, ein Projekt zu sein.
»Du bist jetzt gleich dran. Fang bitte an zu lächeln, ja?«, raunt mir Mom zu.
In dem Moment ruft McDowell: »Meine Damen und Herren – die bezaubernde Beatrice Campbell!«
Als würde ich es ohne ihre Hilfe nicht schaffen, ein paar Schritte geradeaus zu gehen, schiebt mich Mom durch den Vorhang und ich sehe mich um.
Das Theater, in dem der Contest stattfindet, ist fast komplett voll. Die Zuschauer kann ich wegen der Scheinwerfer kaum erkennen, aber nach all den Jahren weiß ich, dass die meisten von ihnen Frauen in Moms Alter und Männer um die 70 sind. Die Jury, die links von der Bühne sitzt, besteht aus zwei grauhaarigen Typen in Anzügen und einer Frau, die aussieht, als wäre sie vor dreißig Jahren selbst eine Schönheitskönigin gewesen.
Ich trete nach vorn. Aufgeregt bin ich nicht. Ich wäre nervöser, wenn Timothy aus der Nachbarklasse mich endlich fragen würde, ob ich mit ihm ins Kino gehe, aber leider scheint er sich nur für Spielekonsolen und Basketball zu interessieren.
»Guten Abend«, sage ich ins Mikro. »Mein Name ist Beatrice und ich stamme von hier, aus Des Moines, mitten in Amerika. Ich bin ein All-American-Girl und stolz darauf. Ich liebe Line Dance und wenn ich auf die High School komme, möchte ich unbedingt Cheerleaderin werden.«
Die Zuschauer applaudieren und ich frage mich zum zweiten Mal heute Abend, was ich hier eigentlich mache. Alles, was ich gerade gesagt habe, war gelogen. Ich hasse Line Dance und ich würde mir lieber die Beine zusammenknoten, als Cheerleaderin zu werden.
»Ich würde jetzt gerne etwas für Sie singen«, sage ich.
Noch eine Lüge.
Ich sehe zu Mom. Sie zieht mit ihren Zeigefingern ihre Mundwinkel hoch, um mir – nochmal – klarzumachen, dass ich lächeln soll, und irgendwie macht mich diese Geste richtig sauer. Der Grund, aus dem ich nicht lächle, interessiert sie überhaupt nicht. Für sie bin ich bloß eine lebensgroße Puppe.
In dem Moment muss ich an einen Song denken, den ich geschrieben habe, als ich vor einer Weile schon mal ähnliche Gedanken hatte und treffe eine Entscheidung. Ich schaue wieder nach vorn und sage ins Mikro: »Eigentlich wollte ich Jolene von Dolly Parton singen, aber ich habe eine bessere Idee. Das Lied, das jetzt kommt, habe ich selbst geschrieben.«
Wieder klatschen alle, aber ich glaube, damit werden sie schon gleich aufhören.
Kurz blicke ich zu Mom, deren Augen vor Entsetzen ganz groß geworden sind und die mit den Händen eine Geste macht, als würde sie mir die Kehle durchschneiden wollen.
Tja. Da muss sie jetzt durch.
Ich atme durch und singe dann ins Mikro: »I wanna be your doll.«
Die Jury wirkt total entzückt. Zumindest so lange, bis der nächste Satz kommt.
»You can dress and undress me, watch me in my bikini, even if you are seventy.«
Du kannst mich in meinem Bikini anglotzen, auch wenn du schon siebzig bist.
Als ich diese Worte singe, klappt den Männern in der Jury gleichzeitig die Kinnlade runter.
»That’s okay for me ’cause I know that my mom wants the fame and the money.«
»Beatrice!«, keift Mom vom Bühnenrand, und zwar so laut, dass ich hören kann, wie empört sie klingt.
»I wanna be your doll«, wiederhole ich und das Singen fängt langsam an, mir doch wieder Spaß zu machen. Das hier ist die perfekte Rache für die vielen Wochenenden, die ich auf solchen Beauty Contests verschwenden musste, die endlosen Friseurbesuche, die aufgezwungenen Diäten … einfach alles.
Ich singe weiter: »Do you think that I’m pretty cause my life would be worthless if you thought that I’m ugly.«
Findet ihr mich schön? Mein Leben wäre nämlich wertlos, wenn ihr mich für hässlich hieltet.
Zumindest aus Moms Sicht.
»Hier werden auch innere Werte beurteilt, junge Dame!«, ruft jemand aus dem Publikum und ich frage mich, ob er das wirklich glaubt.
Keiner von den Zuschauern weiß, was in uns Mädchen wirklich vorgeht und dass alles, was wir über uns erzählen, nur gelogen ist.
Ehe ich weitersingen kann, kommen plötzlich Mom und Mister McDowell gemeinsam auf die Bühne.
McDowell sieht mich tadelnd an, reißt dann das Mikrofon an sich und ruft: »Ha-ha! Was für eine freche und spritzige Vorstellung!«
Mom packt mich derweil am Oberarm und zieht mich von der Bühne. »Lieber Himmel. Was sollte das denn?« Ehe ich etwas antworten kann, fügt sie hinzu: »Das war das letzte Mal, dass du auf einem Contest Musik gemacht hast!«
Zufrieden folge ich ihr und bin mir dabei in einer Sache völlig sicher: Ich könnte mir gut vorstellen, dass das hier mein letzter Wettbewerb war. Aber mit der Musik werde ich ganz bestimmt nicht aufhören.

***

 

Providence, Rhode Island
Zur selben Zeit

 

Calvin

 

»Down!«, rufe ich, kaum dass sich all meine Mitspieler an der Line of Scrimmage, wo unser Spielzug beginnt, versammelt haben. »Set!«, mache ich mit dem nächsten Kommando weiter, als alle stillstehen, und verkneife mir ein Husten.
Von meinem Platz hinter dem Center aus überblicke ich unsere Reihe. Sämtliche Jungs wirken so bereit wie nie und mir geht es genauso. Das hier ist ein extrem wichtiges Spiel für uns – wenn wir jetzt gewinnen, könnten wir zur besten Junior-High-Mannschaft an der gesamten Ostküste werden. Und das als Privatschule, an der Sport eigentlich nicht im Vordergrund steht.
Das würde heißen, dass ich nach dem Sommer schon als legendärer Spieler an die High School gehe, wo mir ein Platz im Team dann so gut wie sicher wäre. Ich bin ehrgeizig, das war schon immer so, und ich liebe Wettkämpfe. Warum mir das so im Blut liegt, weiß ich nicht. Meine Familie besteht nicht gerade aus Profisportlern, aber für mich gibt es nichts Besseres, als mich voll auszupowern und um den Sieg zu kämpfen.
Ich richte meinen Blick wieder nach vorn, mache mich innerlich bereit und rufe: »Hut!«
Und der Spielzug beginnt.
Der Center übergibt mir den Ball und ich laufe zurück, um mir Platz zu verschaffen, während meine Jungs und die Defense des gegnerischen Teams gegeneinanderprallen. Als Quarterback ist es meine Aufgabe, in dem ganzen Chaos nicht den Überblick zu verlieren und den perfekten Weg zu finden, um mit der Mannschaft Punkte zu erzielen.
»Reed!«, ruft der Coach von der Seitenlinie. »Mach schon, pass endlich!«
Aber ich lasse mich von ihm jetzt nicht aus der Ruhe bringen. Ich spiele Football, seit ich laufen kann. Ich weiß genau, was ich hier tue, er muss mir einfach nur vertrauen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Max, unser Wide Receiver, sich freiläuft. Jetzt kommt der heikelste Moment: Wenn ich den Ball zu ihm werfe, muss er fangen.
»Okay, Max, komm schon«, rufe ich und passe den Ball zu ihm.
Max fängt.
Die Fans, also unsere Mitschüler und Familien, die uns aus New York hierher begleitet haben, flippen auf der Tribüne aus.
»Red Hawks, Red Hawks!«, feuern sie uns an und ich fange unter meinem Helm an zu grinsen. Sogar meine Eltern rufen unseren Namen, auch wenn ich glaube, dass sie nicht wirklich verstehen, was hier auf dem Feld passiert.
Das hier sind eindeutig die besten Momente meines Lebens. Eines Tages, da bin ich mir vollkommen sicher, werde ich der Quarterback der New York Giants sein und dann hole ich mit ihnen den Super Bowl!
»Max! Los jetzt!«, feuere ich unseren Receiver nochmal an und merke selbst, wie es dabei in meinem Hals kratzt.
Kurz vor dem Spiel hatte ich noch eine ziemlich heftige Erkältung, die einfach nicht weggehen wollte. Aber ich habe meinen Eltern und dem Coach gesagt, dass ich wieder fit bin, denn die letzten Trainingseinheiten vor dem alles entscheidenden Match wollte ich auf keinen Fall verpassen. Football ist eben kein Sport für Weicheier.
Ich drehe mich um, verfolge das Geschehen auf dem Feld …
Und plötzlich knicken meine Beine weg.
Ich kann gar nicht genau nachvollziehen, was passiert. Irgendwie fühlt es sich an, als ob mir jemand in die Kniekehlen getreten hätte, aber es ist keiner in meiner direkten Nähe. Jedenfalls falle ich auf den Rasen und sehe plötzlich nicht mehr die Spieler und die Zuschauer, sondern den blauen, fast wolkenlosen Himmel.
Shit. Irgendwer muss mich erwischt haben. Ein Quarterback Tackle? Aber das ergibt keinen Sinn, ich hatte den Ball doch gar nicht mehr.
Ich muss den Kopf drehen, sehen, was weiter passiert, doch ich bekomme es nicht hin. Erzielen wir gerade wichtige Punkte?
Irgendwer ruft was, aber ich kann die Worte nicht verstehen, weil sie total verwaschen klingen. Ist ja auch egal. Hauptsache, ich höre endlich auf, wie ein Idiot in den Himmel zu starren, der immer dunkler wird.
Was hat das zu bedeuten? Gibt es ein Gewitter?
Eine Biene fliegt vorbei. Ich höre das Summen viel zu laut in meinem Kopf.
Dann ruft wieder jemand was und ich bemerke, dass es mein Name ist.
»Calvin! Calvin, steh auf!«
An den Rändern meines Gesichtsfelds passiert irgendwas. Ich glaube, ein paar andere knien sich zu mir und reden alle gleichzeitig auf mich ein. Aber ihre Stimmen werden immer leiser, weil etwas anderes sie übertönt, dieses Summen, von dem ich jetzt kapiere, dass es vielmehr ein schnelles, heftiges Klopfen ist.
Mein Herzschlag.
»Calvin!«
»Er reagiert nicht!«
»Was ist mit ihm?«
»Reed, Reed! Kannst du mich hören?«
Der Coach. Ich muss ihm antworten und öffne den Mund, oder zumindest versuche ich es. Keine Ahnung, ob ich was sage oder nicht, denn dieses Pochen ist einfach so laut, bis …
Bis es plötzlich aufhört.
Auf einmal ist es ganz still, keiner redet mehr, nichts hämmert mehr und mit einem Mal weiß ich eine Sache ganz sicher.
Mein Leben wird nie mehr so sein wie es bis gerade eben noch war.

***

 

Kapitel 1

 

Princeton, New Jersey
Heute

 

Bee

 

»Los, Leute, drei Minuten noch, dann seid ihr dran!«
Ich eile durch den Backstagebereich und treibe die Mädels von HONEYCOMB an. Linda, die Frontfrau der Band, steht bereits neben der Bühne, während Kenosha sich noch schnell in ein anderes Kleid wirft – wie immer auf den letzten Drücker – und Marcy weiß Gott wo steckt. Wahrscheinlich ist sie auf dem Klo. Auch wenn die drei sicher schon fünfzig Auftritte gemeinsam absolviert haben, ist sie jedes Mal aufs Neue so nervös, als wäre sie ein blutiger Anfänger.
»Marcy!«, rufe ich in den Korridor, von dem aus die Garderoben und auch die Toiletten abgehen. »Zweieinhalb Minuten noch!«
»Bee.« Linda wendet sich mir zu und pustet auf ihre frisch lackierten Fingernägel.
Während ich unter Strom stehe, als müsste ich gleich selber singen, ist sie wie immer die Ruhe selbst.
Sie sieht aus wie ein Hollywood-Star aus den 20ern, der sich an unsere Uni verirrt hat und ihre Miene verrät nichts über ihren Gemütszustand. Das hellblonde Haar liegt in einer akkuraten Wasserwelle und das goldene Glitzerkleid ist ihr wie auf den Leib geschneidert. Sie sieht perfekt aus, wie der Superstar, der sie einmal werden will.
»Es ist nur eine Semester-Start-Party, also mach nicht so eine Hektik. Da draußen sind sowieso schon alle besoffen. Es ist also total egal, ob wir in drei Minuten, drei Stunden oder gar nicht auf die Bühne kommen.«
Wow. Höre ich da etwa so was wie Unzufriedenheit aus ihren Worten heraus?
Ich weiß, dass die Mädels am liebsten nur in den angesagtesten Clubs der Welt auftreten würden, dass sie Stadien füllen und Platin überreicht bekommen wollen – aber so schnell geht das nicht. HONEYCOMB hat sich erst vor zwei Jahren zusammengefunden und erst, seit ich die drei manage, bekommen sie überhaupt so etwas wie lukrative Auftritte.
»Die Uni zahlt euch 1000 Dollar für dreißig Minuten, Linda«, sage ich. »Das ist doch was, oder nicht?«
1000 Dollar sind eine Menge Geld, auch wenn sie es durch drei teilen und mir zehn Prozent davon abtreten müssen.
Linda speist mich mit einem knappen »Mhm« ab und ich nehme mir vor, das Thema nach dem Konzert noch einmal anzusprechen. Schließlich ist es ja nicht so, dass ich die Mädels immer nur zu Univeranstaltungen schleifen würde. Sie sind auch schon auf Sommerfesten und Hochzeiten aufgetreten, bei einem Online-Festival waren sie die Headliner und wenn alles gut geht, mache ich ihnen bald einen Auftritt im Frühstücksfernsehen klar. Ich weiß, dass sie am liebsten über Nacht berühmt werden würden, aber das geschieht in den wenigsten Fällen. Normalerweise muss man sich im Leben von ganz unten nach oben hocharbeiten, wenn man Erfolg haben will und da gibt es wirklich Schlimmeres als das hier. Das weiß ich leider nur zu gut.
»Da bin ich!« Marcy kommt in den Backstagebereich geeilt und ist noch dabei, ihre Strumpfhose hochzuziehen.
Ich helfe ihr schnell, ihr Kleid zu richten, dann ist draußen auch schon die Stimme des Studenten zu hören, der die Gäste durch den Abend führt.
»So, liebe Erstsemester, nachdem ihr gerade einen Dance-Mix von DJ Curtis Monroe gehört habt, kommen wir jetzt zu einem ganz besonderen Act des Abends.«
»Mädels« sage ich und breite die Arme aus, um die anderen einschwören zu können.
Kenosha und Marcy legen sofort ihre Hände auf meine Schultern, einzig Linda, unsere Diva, lässt sich noch einen Moment lang bitten, ehe sie sich ebenfalls zu uns in den Kreis stellt.
»Ihr rockt da draußen jetzt gleich die Bühne, habt ihr gehört? Ich möchte, dass jeder Ersti euren Auftritt feiert und darüber mindestens bei Instagram berichtet. Ihr seid hier, um die Neuen in euren Bann zu ziehen, also los, zeigen wir es ihnen!«
»HO-NEY-COMB, HO-NEY-COMB«, skandieren Kenosha, Linda und Marcy, dann brechen sie in einen ohrenbetäubenden Jubel aus und ich lasse sie los, um ihnen den Weg zur Bühne freizumachen.
»Hier kommen Linda, Kenosha und Marcy von HONEYCOMB!«, ruft in dem Moment auch der Sprecher und Kenosha und Marcy stürmen auf die Bühne, die in der Nassau Hall aufgebaut worden ist, wie Profis. Ihr Auftritt wird von lautem Gekreische und Geklatsche begleitet und erst, als die Menge sich ein bisschen beruhigt hat, schreitet Linda auf die Bühne. Ihre Wirkung auf das Publikum ist immer gleich. Erst verstummt es beinahe ehrfürchtig und dann, wenn sie mit ihrer rauchigen Stimme »Hey, Guys« ins Mikro haucht, bricht es in Jubel aus.
Das ist das Zeichen für Kenosha und Marcy mit Gitarre und Keyboard zu beginnen. Sie geben sofort Vollgas und ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass Linda die ersten Takte über einfach nur lasziv die Hüften schwingt, bevor sie mit den ersten Zeilen von I wanna be your doll beginnt.
Den Song habe ich in den letzten Jahren immer wieder perfektioniert und der Text ist jetzt die erwachsene Form der ursprünglich ziemlich kindischen Fassung. Er passt perfekt zu Linda, zu ihrer eleganten sexy Art und ihrer Stimme, die immer leicht heiser klingt.
Ich lächle und wende mich von der Bühne ab, um den Backstagebereich aufzuräumen. Dabei summe ich das Lied leise mit und stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich selber dort oben stehen würde. Wie es sich anfühlen würde, wenn alle Blicke auf mich gerichtet wären. Alleine beim Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut und mir bleiben die Liedzeilen, die ich eigentlich in- und auswendig kenne, im Halse stecken.
Nein, die große Bühne ist nichts für mich. Nicht einmal die kleine.
Ich bin zufrieden damit, wenn ich HONEYCOMB zum Erfolg verhelfen kann und freue mich jedes Mal, wenn sie meine Songs performen. Es ist vielleicht nicht das Leben, das ich mir vorgestellt habe, aber ich bin trotzdem zufrieden damit.
Und das ist schließlich das Wichtigste, oder?

***

 

Calvin

 

Eigentlich bin ich nur hier, weil William, der seit ein paar Tagen mein Zimmernachbar im Wohnheim ist, mich dazu überredet hat. Ich hatte keine Lust auf diese Feier, weil ich damit gerechnet habe, dass die Semester-Start-Party eine verstaubte Begrüßungsveranstaltung mit Häppchen und Champagner wäre, bei der irgendwelche Uni-Asse langweilige Referate halten und von halbtoten Dozenten in den Himmel gelobt werden.
Aber das komplette Gegenteil ist der Fall und deshalb bin ich froh, dass ich mich von Will bequatschen lassen habe.
Die Nassau Hall, das älteste und edelste Gebäude der Uni von Princeton, ist geschmückt wie die Location einer typischen Studentenparty und wird von Stroboskoplicht sowie Disconebel erfüllt. Die Dozenten haben sich schon vor Stunden nach einem kurzen Anstandsbesuch aus dem Staub gemacht und statt irgendwelcher Vorträge gab es bisher einen Star-DJ und einen ziemlich heißen Auftritt einer Dance Crew.
Und jetzt scheint es auf den Höhepunkt des Abends zuzugehen.
Die drei Ladys, die eben die Bühne betreten haben, sind so scharf, dass ich die Augen kaum von ihnen abwenden kann. Vor allem die Sängerin hat es mir mit ihren Kurven und ihrer tiefen Stimme angetan. Sie ist die Sexyness in Person und ich bin so hin und weg, dass ich zuerst gar nicht auf den Song höre.
»Krass, hat sie das gerade wirklich gesungen?«, fragt Will neben mir und verschluckt sich vor lauter Sabberei fast an seinem Bier. »Hat sie gerade die Zuhörer dazu aufgefordert, sie auszuziehen? Echt jetzt?«
»Keine Ahnung, aber selbst wenn. Es ist nur ein Song, kein Grund gleich die Bühne zu stürmen und ihr die Kleider vom Leib zu reißen«, beruhige ich Will, auch wenn es mir zugegebenermaßen gefallen würde, die Sängerin aus ihrem goldenen Glitzerfummel zu holen.
»Die Kleine ist ja schon hot as hell, aber hast du die am Keyboard gesehen? Die ist Sex pur. Meine Fresse, ich würde mein linkes Ei dafür geben, wenn sie mit mir ausgehen würde.«
»Vielleicht lässt sie sich ja in Eiern bezahlen, frag sie doch mal.« Lachend klopfe ich Will auf die Schulter und sehe mir seine Angebetete einmal genauer an. Die Keyboarderin hat schokobraune Haut und riesige Rehaugen, aus denen sie mit einer Mischung aus Unschuld und Provokation in die Menge blickt.
Eines muss man HONEYCOMB wirklich lassen. Die drei scheinen absolute Profis zu sein und genau zu wissen, wie man dem Publikum den Kopf verdreht.
Auch wenn ich bisher nur dieses eine Lied von ihnen gehört habe, finde ich, dass sie es auch musikalisch ziemlich drauf haben. Die Melodie ist eingängig, ohne abgedroschen zu sein und der Text – auf den ich mittlerweile mal gehört habe – ist frech, ohne billig zu wirken.
Warum tritt dieser Rohdiamant auf einer Studentenparty auf?
»Also, was sagst du?« Will legt einen Arm um meine Schultern und stiert an mir vorbei in Richtung Bühne.
»Du nimmst sie, ich die Sängerin.« Ich grinse Will an und klopfe ihm auf den Rücken. »Gehen wir näher ran.«
Seite an Seite zwängen wir uns durch die Feiernden bis zum Rand der Bühne. Es macht sich bezahlt, wenn man früher mal Football gespielt hat. Auch wenn meine Schultern vielleicht nicht mehr ganz so breit sind, wie sie es einmal waren, ist meine Statur dennoch einschüchternd genug und auch Will quetscht sich zwischen den Leuten hindurch wie ein aggressiver Türsteher.
Jetzt, wo wir nur noch durch ein paar Boxen und Scheinwerfer von HONEYCOMB getrennt werden, stelle ich fest, dass die Ladys nicht nur süß wie Honig sind, sondern auch noch nach welchem duften. Das Konzept der Band ist einfach genial.
»Hast du vorher mal von ihnen gehört?«, frage ich an Will gewandt. Dabei hefte ich meinen Blick auf die Frontfrau der Gruppe und als würde sie spüren, dass ich sie anstarre, dreht sie ihren Kopf in meine Richtung. Ihre Augen scheinen mich direkt anzusehen und ich zwinkere ihr zu.
Die Blondine lächelt und richtet die nächste Zeile ihres Songs direkt an mich: »I wanna lay by your side when you play me all night.«
Sie will neben mir liegen, selbst wenn ich nur mit ihr spiele? Na, wenn das keine Einladung in ihr Bett war, dann weiß ich auch nicht.
»Alter, die hat dich genau angeguckt, als sie das gesungen hat!«
»Ich weiß.« Ich versuche, cool zu bleiben, auch wenn ich mein Glück kaum fassen kann. Das war gerade eine Vorlage und ich werde sie nutzen, um die hübsche Blonde nach dem Konzert anzusprechen. Princeton ist besser, als ich gedacht hätte und auch wenn in meinem Leben bisher nicht alles nach Plan gelaufen ist, sieht es so aus, als würde mir zumindest der Neustart gelingen.
»Mach mir ihre Freundin klar, okay?«
»Ich sehe mal, was sich machen lässt«, verspreche ich vage, denn ich habe keine Ahnung, was ich zu der Keyboarderin sagen soll. Ich kann ihr ja schlecht erzählen, dass mein Zimmernachbar auf sie abfährt und sie fragen, ob sie nicht mal mit ihm in die Kiste hüpfen will. Aber genau so scheint William es sich vorzustellen.
Bevor er noch irgendwelche Aufreiß-Pläne mit mir schmieden kann, wechsle ich das Thema.
»Sag schon. Hast du mal außerhalb von Princeton von HONEYCOMB gehört?«
»Glaub nicht, was spielt das für eine Rolle? Von mir aus könnten die drei nur hier auftreten, nur für uns, und zwar jeden Abend.«
Von mir aus im Prinzip auch, trotzdem hat sich in mir gerade eine Idee breitgemacht. HONEYCOMB scheint perfekt dafür gemacht, auf den großen Bühnen dieser Welt aufzutreten. Die drei sind viel zu gut, um auf Studentenpartys zu vergammeln und da ich Management mit dem Schwerpunkt Musik studiere und sowieso noch ein Projekt für den praktischen Teil meines Studiums brauche, könnte ich mich den dreien als Manager anbieten. Ich bin mir sicher, dass ich sie durch meine Kontakte groß rausbringen und nebenbei meinen Spaß mit der Sängerin haben könnte.
»Warum fragst du?« Will scheint fest entschlossen, den gleichen Blickkontakt zur Keyboarderin herzustellen, den ich mit der Sängerin hatte, denn er nimmt seine Augen gar nicht mehr von ihr. Ich habe ihn auch schon seit einiger Zeit nicht mehr blinzeln gesehen und drücke ihm die Daumen, dass sie sein Starren bald mal bemerkt.
»Ich brauche noch ein praktisches Projekt«, lasse ich ihn wissen, aber er zieht die falschen Schlüsse.
»Willst du bei ihnen anheuern? Ich glaub, die wollen eine reine Girl Group bleiben, Mann. Außerdem haben sie schon eine Gitarristin.«
»Ich meine nicht als Gitarrist.« Auch wenn ich meine Gitarre einfach aus einer Sentimentalität heraus mit nach Princeton genommen habe, habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt. Genau genommen seit dem Unfall nicht mehr. Es ist, als hätte der Vorfall nicht nur meinen Körper, sondern einfach alles an mir verändert. In den ersten Monaten hatte ich natürlich keinen Nerv zu spielen und danach … Es kam mir falsch vor, etwas zu tun, was aus meinem früheren Leben stammte. Fast so, als würde ich mich krampfhaft an etwas klammern, was ich längst verloren habe. Nach so einem heftigen Einschnitt kann man nicht einfach da anknüpfen, wo man aufgehört hat.
Und das ist auch okay so. Man muss es nur einfach akzeptieren und das tue ich, indem ich mich in etwas Neues stürze.
»Ich will sie managen.«
»Managen?« Will spricht das Wort aus, als wäre es irgendwie obszön.
Ich wende mich ihm zu, aber er hat seinen Staredown mit der Keyboarderin noch nicht aufgegeben. »Ja, genau. Ich brauche … Ablenkung.«
Ich erwarte nicht von ihm, dass er das versteht. Er selber ist in Princeton, um Sport zu studieren und verbringt den Großteil des Tages auf dem Footballfeld. Ich weiß nur zu gut, wie sehr einen das ausfüllen kann und wie k.o. man abends ins Bett fällt.
Weil mir der Gedanke ans Footballtraining auch nach all der Zeit noch einen Stich versetzt, trete ich die Flucht an.
»Wie auch immer«, sage ich und löse mich von Will. »Ich hol mir noch ein Bier.«

***

 

Rezension
Klappentext

Management ist nur was für harte Kerle – davon ist Ex-Gitarrist Calvin überzeugt. Er nimmt sich vor, die beliebte Princeton-Girlgroup HONEYCOMB zum Erfolg zu führen. Leider hat er die Rechnung ohne Bee gemacht: Die ehemalige Schönheitskönigin verfügt über ein riesiges musikalisches Talent und den nötigen Biss, um Calvin den Job gleich wieder streitig zu machen. Dabei werden die zwei zu Konkurrenten, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Doch sie müssen erkennen, dass es ihnen im Grunde um viel mehr geht. Calvin hat sich nach einem schicksalhaften Erlebnis geschworen, seine Ziele niemals aufzugeben und auch Bee wurde von der Vergangenheit geprägt. Beide sind ehrgeizige Einzelgänger – doch gerade diese Gemeinsamkeit könnte ihre Herzen am Ende vereinen ...

 

Every Queen Bee needs a Honey King.