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Belletristik
Buch Leseprobe Pretty Bastard, Josie Charles
Josie Charles

Pretty Bastard


Liebe hat ihren Preis

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Prolog

New York City, New York

Jordan

Mach es wie Robin Hood und stiehl von den Reichen.
Ein Grundsatz, an den ich mich allzu gerne halte. Nur, dass ich mir nicht einfach irgendwelche Geldsäcke aussuche, sondern die, die es wirklich verdient haben, um ein paar tausend Dollar leichter gemacht zu werden.
Drogenbarone, Menschenhändler, Großkonzernbesitzer.
Mister Haverings, bei dem ich vor wenigen Augenblicken durchs Schlafzimmerfenster gestiegen bin, ist eine besonders üble Sorte von Letzterem. Er betreibt mehrere Fabriken in Indien und lässt dort Frauen und Kinder für einen Hungerlohn schuften.
Deshalb ist mein Besuch bereits mehr als überfällig.
Großkotzig und überheblich, wie alle reichen Arschlöcher sind, hat Haverings die untere Etage seines Hauses zwar mit Alarmanlagen gesichert, das Schlafzimmerfenster lässt er jedoch jede Nacht sperrangelweit auf. Als würde eine Häuserfassade ein Hindernis für mich darstellen.
Ich hocke auf dem Fensterbrett und lausche Haverings’ gleichmäßigen Atemzügen. Seine Frau liegt leise schnarchend neben ihm.
Bestens.
Lautlos rutsche ich vom Fensterbrett und schleiche durch das Schlafzimmer, das so riesig ist wie ein ganzes Apartment in New York City. Dabei bin ich vollkommen ruhig. Anfangs, bei meinen ersten Einbrüchen, war das noch ein bisschen anders, aber mittlerweile sind diese nächtlichen Ausflüge für mich zur Routine geworden. Wenn ich Pech habe, wird mir das irgendwann zum Verhängnis – aber sicher nicht heute.
Der Tresor befindet sich glücklicherweise im Arbeitszimmer, sonst würde es jetzt deutlich komplizierter werden. So jedoch habe ich leichtes Spiel. An der Tür blicke ich noch einmal zum Bett zurück, vergewissere mich, dass das Ehepaar immer noch selig schläft.
Mister Haverings’ Körper hat im Mondlicht die Farbe von Käsekuchen. Ich hasse Käsekuchen. Abfällig schüttle ich den Kopf und gehe weiter, verschmelze mit den Schatten und der Stille im Haus.
Ich habe Haverings drei Tage aus der gegenüberliegenden Bauruine beobachtet. Drei Tage, in denen ich nicht nur seinen Tresorcode, sondern auch seinen Alltag ausspionieren konnte. Ich weiß, wie er lebt, wann er duscht, was er isst und wie er seine Frau vögelt. Und nichts davon hat mir diesen Kerl auch nur im Ansatz sympathischer gemacht.
Vorsichtig öffne ich die Tür zu seinem Büro. Eine Uhr tickt hier drin so penetrant, dass ich fürchte, Haverings könnte davon geweckt werden. Ich lehne die Tür hinter mir an und wende mich dem Tresor zu. Er liegt versteckt hinter einem Wandspiegel. Wahrscheinlich kommt sich Haverings besonders clever dabei vor, denn die meisten anderen verbergen ihre Tresore hinter Gemälden.
Ich lasse den Spiegel zur Seite gleiten und verliere keine Zeit damit, den 18-stelligen Code einzugeben.
84-17-03. Der Geburtstag seines Sohnes.
59-24-06. Der Geburtstag seiner Frau.
86-03-09. Der Geburtstag seiner Geliebten.
Haverings hat nur einen winzigen Teil seines Vermögens in diesem Tresor. Kleingeld sozusagen. Doch es reicht mir.
Ich stopfe die Scheine in die Innentasche meiner Lederjacke. Es sind rund 30.000 Dollar.
Eine richtig gute Ausbeute für eine Nacht.
Ich mache mir nicht die Mühe, den Tresor wieder zu verschließen, schleiche zurück ins Schlafzimmer und vorbei am Bett der Haverings’. Die Frau schnarcht nun in einem abgehackten Rhythmus, also schläft sie nicht mehr ganz so fest.
Jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass das Wohnviertel absolut ruhig ist. In keinem der umliegenden Häuser brennt Licht, was nicht verwunderlich ist.
Haverings ist als einer der Ersten in diese Neubaugegend gezogen und hat sofort den Stopp weiterer Bauten erwirkt. Warum er lieber inmitten von Ruinen anstelle von Nachbarn lebt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich geilt er sich an dem Machtgefühl auf, das ihn immer dann ergreift, wenn er nach draußen sieht und sich vor Augen führt, dass sein Geld für das Einstellen der Baumaßnahmen verantwortlich ist.
Am liebsten würde ich dem Kerl noch eine gehörige Tracht Prügel dafür verpassen, dass er so ist, wie er ist. Doch stattdessen begnüge ich mich damit, leise wieder aus dem Fenster zu klettern.
Ich lasse mich auf den weichen Rasen fallen und überprüfe gerade, ob sich das Geld noch sicher in meiner Tasche befindet, als ich über mir Gepolter höre.
Haverings scheint aufgewacht zu sein.
Schnell ziehe ich mir meine Kapuze über den Kopf und schlendere über den Rasen, als hätte ich jedes Recht der Welt, hier zu sein.
»Hey, Sie da!« Haverings klingt irritiert.
Ich laufe los, springe über eine gestutzte Hecke und erreiche die Straße.
»Du verdammter Bastard!« Jetzt ist Haverings wütend. Das ging schnell. »Bleib stehen!«
Ich denke gar nicht daran und renne nur noch schneller, biege um eine Ecke und lasse das Neubauviertel hinter mir.
Bis Haverings die Polizei gerufen oder seinen massigen Körper selber nach draußen bewegt hat, bin ich längst über alle Berge.
Was für eine erfolgreiche Nacht …

*** Boston, Massachusetts

Adrianna

»Dieser hier ist perfekt für den Frühling und passt wunderbar nach New York City«, bestimmt die Verkäuferin und hilft mir in einen cremeweißen Kurzmantel aus Cashmere.
Er sitzt wie angegossen und als ich in den Spiegel schaue, stelle ich fest, dass er mich brauner erscheinen lässt, als ich eigentlich bin. Ich sehe aus, als hätte ich den Winter an einem sonnigen Ort verbracht und nicht in meinem Bostoner Büro.
»Ich weiß nicht«, gibt Holly, meine Assistentin zu bedenken. »Der wird viel zu schnell schmutzig.«
Ich sehe sie durch den Spiegel hindurch an.
Sie steht hinter mir, leicht geduckt und in einem grauen Kostüm, das vermutlich vor hundert Jahren mal in Mode war. Am liebsten würde ich sie anweisen, sich aufrechter hinzustellen und mehr Selbstachtung zu zeigen. Doch hätte sie die, wäre sie wohl kaum meine Assistentin.
»Wenn Sie sich irgendwo hinsetzen, wo es dreckig ist, Miss Torres …«
Ich runzle die Stirn. »Warum sollte ich?«
»Oder wenn Sie auch nur in ein schmutziges Viertel gehen …«
Ich verziehe das Gesicht. »Das werde ich bestimmt nicht und jetzt Schluss mit dem Unsinn.« Ich streife den Mantel ab und drücke ihn der Verkäuferin in die Hand. Ich habe schon viel zu viel Zeit in diesem Laden verbracht, der nach Mandelaroma und Bügelwäsche riecht. »Ich nehme ihn.« An Holly gewandt, sage ich: »Stellen Sie mich zu Mister Longsgate durch und buchen Sie unsere Tickets nach New York. Wir nehmen den 18-Uhr-Flug und –«
»Sie«, unterbricht mich Holly.
Genervt verdrehe ich die Augen. »Bitte?«
»Sie nehmen den 18-Uhr-Flug.«
»Ja und Sie auch.« Ungeduldig wedle ich mit der Hand. »Mister Longsgate, bitte.«
Aber Holly macht keine Anstalten, mich zu verbinden. Stattdessen sinkt sie nur noch ein Stück mehr in sich zusammen. »Miss Torres …«
Ich hasse Gestammel und ich hasse die Art, auf die sie ihre Sätze stets irgendwie unbeendet lässt. Aber wenn ich Holly das sage, kriege ich vermutlich gar keinen Ton mehr aus ihr raus. Also warte ich. Höre die Zeit beinahe davon rasen. Im Augenblick kann ich es mir nicht leisten, auch nur eine Sekunde zu verschwenden, so sehr versinke ich in Arbeit.
»Haben Sie meinen Brief nicht gelesen?«
»Brief?« Ich habe keine Zeit, irgendwelche Briefe zu lesen. Nicht einmal für die Weihnachtspost meiner Familie hatte ich einen Moment.
»Meine Kündigung«, bringt Holly hervor.
»Kündigung?« Gerade fällt mir beim besten Willen nicht ein, was sie mit Kündigung meinen könnte, außer, dass sie nicht länger für mich arbeiten will.
Aber das kann doch nicht sein, oder?
»Heute ist mein letzter Arbeitstag«, hilft sie mir auf die Sprünge.
»Ist er nicht«, gebe ich verdutzt zurück.
Da muss ich doch wohl ein Wörtchen mitzureden haben. Holly kann nicht einfach gehen. Nicht jetzt, nicht, wo morgen die Reise nach New York ansteht.
Holly nickt langsam. »Doch. Das Baby kommt in zwei Monaten und …«
»Welches Baby?« Ich mustere Holly, die demonstrativ ihren Bauch streichelt.
Sie ist tatsächlich ziemlich dick geworden, was mir bisher gar nicht aufgefallen ist. Warum trägt sie auch immer so unförmige Blazer?
Wahrscheinlich, um ihren Bauch zu verbergen, wispert eine höhnische Stimme in meinem Kopf.
Besten Dank auch, das klingt logisch.
»Kann man da nicht irgendwas gegen machen?«, frage ich.
»Wie bitte?« Holly sieht mich entgeistert an.
»Himmel, nicht gegen das Baby, ich bin doch kein Monster!« Ich schüttle den Kopf. »Ihre Kündigung. Ich brauche Sie wirklich dringend in New York. Die ganze Sache ist spätestens in drei Monaten geregelt. Wenn wir mit dem Bau beginnen, können Sie das Kind doch immer noch bekommen.« Während ich rede, wird mir klar, wie schwachsinnig meine Worte sind.
»Oh, natürlich. Ich bitte Christina einfach, noch ein paar Monate länger drin zu bleiben!« Holly strafft die Schultern und zeigt sich endlich so selbstbewusst, wie ich sie immer gern gehabt hätte. »Meine Entscheidung steht fest.«
»Das ist doch …« Ich sehe mich im Laden nach einer versteckten Kamera um, aber es gibt keine. Meine Assistentin kündigt wirklich, einfach so, ausgerechnet jetzt. Auf einmal bin ich auf mich allein gestellt.
Mir wird schwindelig.
»Miss Torres …«
»Gehen Sie einfach, ich kriege das schon hin«, versuche ich, die Haltung zu wahren.
»Jetzt? Aber die Tickets und der Anruf …«
Ich wende mich ab. »Geschenkt.«
In Wahrheit ist gar nichts geschenkt. Es dreht sich alles und ich will nur noch, dass Holly verschwindet, bevor meine Beine unter mir nachgeben. Das ist die absolute Oberkatastrophe.
»Dann alles Gute, Miss Torres.«
»Gleichfalls«, murmle ich, lasse mich auf den gepolsterten Sessel neben den Umkleiden fallen und höre, wie Holly eilig die Boutique verlässt.
Was mache ich jetzt bloß? Ohne Holly, meinen wandelnden Terminkalender, bin ich völlig aufgeschmissen. Ich habe keine Ahnung, wo das erste Meeting stattfindet, geschweige denn, wo ich schlafen noch wie ich überhaupt nach New York kommen soll.
Und das alles, wo meine Firma gerade vor dem größten Vertragsabschluss aller Zeiten steht.
»Ist alles okay?« Die Verkäuferin ist lautlos an mich herangetreten.
Ich sehe auf und blinzle. »Können Sie Flugtickets buchen?«
Die Verkäuferin sieht irritiert aus, nickt aber langsam, was immerhin ein Lichtblick ist. »Ähm, ja, natürlich.«
Ich bin erleichtert. »Sehr gut. Buchen Sie mir eins nach New York und ich kaufe gleich zwei von diesen Mänteln. Deal?«
Die Verkäuferin wirkt nun noch verwunderter. »Deal.«
Na also. Das war doch schon mal gar nicht so schwer.

*** Kapitel 1

New York City, New York
Am nächsten Tag

Jordan

»Du bist ein Riesenidiot, Maurice«, sage ich. Eigentlich will ich wütend klingen, aber ich kann nicht, denn ich bin froh, dass mein bester Freund erstmal wieder auf freiem Fuß ist.
»Hoffentlich verknacken die mich nicht für länger.« Maurice sieht hinter sich und ich folge seinem Blick.
Hinter uns ragt das Metropolitan Correctional Center vor dem Abendhimmel auf. Maurice wurde bei einem Einbruch erwischt und auf Kaution freigelassen. Ich durfte 45.000 Dollar für ihn blechen, was meiner letzten Beute und dem Gegenwert von ein paar gestohlenen Schmuckstücken entspricht. Geld, das ich eigentlich dringend brauche. Trotzdem habe ich keinen Moment gezögert, die Kaution für Maurice zu bezahlen.
Irgendwie werde ich das Geld schon wieder auftreiben. Dumm nur, dass mir die Zeit davon läuft.
»Wieso hast du dich auch erwischen lassen?«, frage ich, obwohl mir klar ist, dass er das nicht mit Absicht getan hat. »Du weißt so gut wie ich, was von der ganzen Sache abhängt.«
Maurice bläst sich ein paar seiner blonden Haarsträhnen aus der Stirn und sieht über mich hinweg ins Leere. Es ist bereits Abend. Der Himmel sollte dunkel sein, wird jedoch überall von New Yorks Neonreklamen erhellt. Sterne sind keine zu sehen und auch der Mond sieht so blass aus, als wäre er Teil einer ausgeblichenen Theaterkulisse. Trotz der Uhrzeit herrscht der immergleiche Lärmpegel, ein Mix aus Autohupen, Stimmengewirr, Motoren und dem Brummen von Klimaanlagen und Gefrierkühlern. Obwohl das Frühjahr gerade einmal angefangen hat, hängt in den Häuserschluchten schon jetzt eine künstliche, erdrückende Wärme.
»Ja. Aber die Kohle ist nicht verloren, Mann«, sagt Maurice nach einem Moment.
Ich versuche, seinen Blick einzufangen, doch der irrt immer noch irgendwo zwischen New Yorks Häusern umher. »Erstmal schon, Mo. Wenn wir das Geld nach der Verhandlung wiederkriegen, ist es längst zu spät.«
»Die Kaution meine ich nicht.« Jetzt sieht Maurice mich an. Seine Augen sind ein wenig gerötet und glasig, ich weiß nicht, ob er geheult oder einfach nur zu wenig geschlafen hat. »Aber meine Beute, die können wir zu Geld machen.«
Jetzt kapiere ich gar nichts mehr. Maurice ist vor drei Tagen geschnappt worden. Obwohl man ihm die Tat nicht eindeutig nachweisen konnte, sieht es trotzdem nicht gerade gut für ihn aus. Ihm wird der Prozess gemacht werden, auch wenn er die Zeit bis dahin dank der Kautionszahlung nicht im Knast verbringen muss.
Mos Gesicht hellt sich auf und ich spüre, dass ich ebenfalls grinsen muss, als mir klar wird, was er da gerade gesagt hat.
»Du hast sie versteckt?«
»Als die mich geschnappt haben.« Maurice wirkt sichtlich erfreut über meinen verdutzten Blick. »Bevor die mich filzen konnten, hab ich die Klunker runtergeschluckt.«
Bei dem Gedanken daran muss ich unwillkürlich das Gesicht verziehen. »Und dann hast du sie …?«, beginne ich, spreche aber nicht aus, was mir auf der Zunge liegt.
»In die Blumen gekotzt.«
Jetzt bin ich tatsächlich überrascht. »In welche Blumen?«
»Na, die vor dem Polizeirevier am Times Square. Ich hab getan, als wäre mir schlecht und jetzt liegt der Schmuck da und wartet auf uns.« Maurice strahlt über sein ganzes blasses Gesicht.
Ich muss zugeben, dass ich ihn nicht für so gerissen gehalten habe.
»Genial, oder? So haben sie nicht wirklich was gegen mich in der Hand, verstehst du? Es gab einen Einbruch und ich bin vor besagtem Haus aufgegriffen worden. Aber die werden mir nichts nachweisen können. Ich habe Handschuhe getragen und hatte keine Beute dabei. Vor Gericht werden die mir nichts können.«
Ich nicke anerkennend. Das sind doppelt gute Neuigkeiten.
Sieht so aus, als würde die ganze Sache doch noch ein gutes Ende nehmen.
Ich denke kurz darüber nach, wie wir jetzt weiter vorgehen sollen. »Hör zu«, sage ich dann, »du gehst nach Hause und ich hole den Schmuck. Die dürfen dich nicht vor dem Revier erwischen, während du ihre Blumenbeete umgräbst, alles klar? Ich mache das.«
»Aber zieh dir Handschuhe an«, grinst Maurice.
»Worauf du dich verlassen kannst.«

*** Adrianna

Der New Yorker Flughafen quillt über vor Menschen, die wild durcheinanderlaufen und mir ständig in den Weg stolpern. Während ich nach einem Ausgang suche und meinen Koffer hinter mir her zerre, versuche ich, die Telefongespräche abzuwickeln, die aufgelaufen sind, als ich mein Handy beim Landeanflug ausgeschaltet hatte. Normalerweise übernimmt Holly diese Aufgabe, doch alle Anrufe werden nun, da sie gekündigt hat, ungefiltert direkt auf mein Smartphone geleitet und ich weiß beim besten Willen nicht, welcher Priorität hat.
Also gehe ich der Reihe nach vor.
»Herzlich willkommen bei der automatischen Telefonumfrage von Citizens Rejection.«
»Kein Interesse«, sage ich und entdecke endlich den Ausgang vom Terminal.
»Wenn Sie eine Frage mit Ja beantworten wollen, sagen Sie laut und deutlich Ja.«
»Nein«, stöhne ich.
Hat sich Holly jeden Tag mit so einem Quatsch rumärgern müssen?
»Wenn Sie eine Frage mit Nein –«
»Himmel!« Ich lege auf und beschließe, vom Hotel aus zu telefonieren, da ich mich in dem ganzen Wahnsinn hier sowieso nicht konzentrieren kann.
Vor dem Terminal herrscht ein heilloses Gedränge und ich wünschte einmal mehr, Holly wäre hier, um mich zu unserer Limousine zu bringen. Stattdessen halte ich jetzt selber Ausschau nach dem Fahrer. Doch ich entdecke zwischen all den Chauffeuren niemanden, der ein Schild mit der Aufschrift Torres oder Torres Enterprises Inc. vor sich hält.
Das darf doch nicht wahr sein. Vielleicht stehe ich am falschen Ausgang?
Ich sehe mich um und alles in mir sträubt sich dagegen, zurück in die chaotische Flughafenhalle zu gehen. Ich sollte den Fahrer anrufen und ihn bitten, mich hier abzuholen.
Seufzend hole ich mein Handy wieder aus der Tasche, aber dann wird mir klar, dass ich weder weiß, wer mein Fahrer ist, noch, wie ich ihn erreichen soll.
Einen kurzen Moment bin ich versucht, Holly anzurufen. Aber dann überwiegt mein Stolz. Ich bin drei Jahre älter als sie. Wenn sie es schafft, den Durchblick zu bewahren, dann wird es mir doch wohl erst recht gelingen. Außerdem hat sie gekündigt. Sie hat mich kurz vor dem wichtigsten Geschäftsabschluss meines Lebens hängen lassen. Also werde ich ohne sie zurechtkommen müssen.
Die Frage ist nur, wo ich anfangen soll. Holly war nicht nur mein Terminkalender, sondern auch mein Notizbuch. Alles, was wichtig war, hatte sie im Kopf.
Ich brauche dringend eine neue Assistentin. Und jemanden, der sich darum kümmert, dass ich eine Assistentin finde, denn für Bewerbungsgespräche fehlt mir einfach die Zeit.
Wenn ich ehrlich bin, bin ich total aufgeschmissen ohne Holly. Ich habe ja nicht einmal die Nummer eines Taxiunternehmens parat.
»Also schön«, murmle ich und zwänge mich zwischen den anderen Passanten hindurch in Richtung Straße. Vor dem hell erleuchteten Terminal rast ein Taxi nach dem anderen vorbei. Eins davon wird mich doch wohl zu meinem Hotel in der Innenstadt …
Moment.
Habe ich überhaupt ein Hotel?
»So ein Mist!« Ich sehe mich um, aber niemand eilt mir zur Seite, um mein Problem für mich zu lösen. Natürlich nicht.
Ich könnte online ein Hotelzimmer buchen, doch wie auf Knopfdruck piept mein Handy in diesem Moment und kündigt an, dass der Akku leer ist.
»Das darf doch nicht wahr sein«, stöhne ich.
Mir wird bewusst, wie viel Verantwortung ich in Hollys Hände gelegt habe und wie selbstverständlich das alles für mich war.
Ich bin als Einzelkind von Carlotta und Harold Torres aufgewachsen und habe mich noch nie um irgendetwas selbst kümmern müssen. Früh hat sich herausgestellt, dass ich nicht nur knallhart im Führen von Verhandlungen bin, sondern auch innovative Ideen liefern und geschickt mit Geldanlagen umgehen kann. So war schnell klar, dass ich Torres Enterprises Inc. irgendwann übernehmen würde. Ich habe mich mein Leben lang nur darauf konzentriert und muss jetzt feststellen, dass ich aufgeschmissen bin, wenn es um die einfachsten Dinge – wie Verreisen – geht.
Aber gut. Ich bin von Hollys Kündigung auch ziemlich überrascht worden und hatte keine Zeit, mich vorzubereiten.
Wenn ich erst im Hotel bin, werde ich einen Plan ausarbeiten, der mich durch die nächste Woche bringen wird. Sobald ich zurück in Boston bin, werde ich mich um eine neue Assistentin kümmern. Ich muss also nur eine Woche überbrücken. Das wird doch wohl ein Kinderspiel sein.
Kurzentschlossen schnappe ich mir meinen Koffer und steuere einen Autovermietungsschalter an. Ich habe mit achtzehn meinen Führerschein gemacht und die Male, die ich seitdem hinterm Steuer saß, kann man an einer Hand abzählen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass ich das Fahren hinkriegen werde.
Ich kann nur hoffen, dass ich Recht behalte.

*** Jordan

Die Bullen und ich.
Zwischen uns herrscht eine spürbare und natürliche Abneigung.
Aber da muss ich jetzt durch. Ich kann es nicht riskieren, dass Maurice dabei erwischt wird, wie er 20.000-Dollar-Schmuck aus den Blumenkästen vor dem NYPD fischt. Unglücklicherweise hat er sich für seine Verhaftung ausgerechnet das Police Department am Times Square ausgesucht, sodass ich nicht nur Gefahr laufe, von misstrauischen Cops, sondern auch noch von neugierigen, alles fotografierenden Touristen erwischt zu werden.
Immerhin habe ich die beiden Kübel schon mal entdeckt, von denen Maurice gesprochen hat. Sie bilden das Ende einer langen Reihe von Blumentöpfen und befinden sich quasi direkt vor den Eingangstüren zum Polizeigebäude.
Ich lehne gegenüber an der Starbucks-Fassade und widerspreche somit den zahlreichen Keep-Moving-Schildern, die die Menschen am Times Square davon abhalten sollen, blöd herumzustehen. Wahrscheinlich bin ich den Bullen allein deshalb schon ein Dorn im Auge. Denn dass zumindest einer von ihnen mich bereits im Visier hat, ist mehr als offensichtlich.
Ein junger Cop steht draußen vor dem Revier und mustert mich so unverhohlen, als erwarte er, dass ich gleich meine Sturmhaube aufsetzen und Amok laufen würde.
Ich erwidere seinen Blick gelassen und trinke meinen Alibi-Kaffee.
Hat er nichts Besseres zu tun? Gibt es niemanden, den er verhaften muss? Auf die Verbrecher dieser Stadt ist aber auch kein Verlass. Wenn man sie braucht, halten sie die Füße still.
Trotzdem weiß ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er verschwindet. In New York passiert ständig etwas, das die Präsenz der Polizei erfordert.
Ich beschließe, ihn nicht weiter mit Blicken zu provozieren und sehe mir stattdessen die Menschenmassen an, die an mir vorüberströmen.
Touristen, bewaffnet mit Selfie-Sticks und einem festgetackerten Lächeln im Gesicht. Gestresste New Yorker, die stets zu beschäftigt für etwas anderes als den hier üblichen Stechschritt sind. Kinder, deren Augen im Angesicht der zahlreichen Leuchtreklamen – sogar das NYPD hat ein eigenes Neonschild – weit aufgerissen sind. Und dazu die üblichen Irren, die jede Großstadt mit sich bringt. Betrunkene, Junkies, Halluzinierende.
Sie alle laufen über den Times Square, ohne auch nur etwas von dem Schatz zu ahnen, der sich direkt in ihrer Nähe befindet.
Wie beiläufig sehe ich wieder zu den Bullen rüber. Der Streber-Cop ist verschwunden.
Na, endlich.
Ich leere meinen Kaffee und schlendere mit dem Rücken zum Revier auf einen Mülleimer zu. Dabei streife ich mir unauffällig die Handschuhe über. Ehe ich auf das Police Department zugehe, vergrabe ich die Hände in den Taschen. Wir haben selbst um diese Uhrzeit noch fast zwanzig Grad, Handschuhe bei diesem Wetter können schnell verdächtig wirken.
Langsam gehe ich über die Straße und versuche dabei, nicht von den typischen gelben Taxis und den Leihwagen über den Haufen gefahren zu werden.
Ich setze mich auf den Rand des einen Meter hohen Blumenkübels, den Maurice mir beschrieben hat und lasse meine Hand in das Gestrüpp gleiten. Meine Finger tasten über den Boden und fühlen … nichts als Erde.
Scheiße.
Ich drehe mich um und stelle fest, dass dort tatsächlich nichts außer frischer Erde liegt.
Kein Schmuck.
Vielleicht hat Maurice sich geirrt und im Eifer des Gefechts rechts und links vertauscht.
Ich atme durch und sehe mich um. Noch immer scheinen die Cops beschäftigt zu sein, zumindest steht keiner mehr vor dem Revier herum. Schnell stehe ich auf und wechsle meinen Platz. Doch auch im anderen Blumentopf versteckt sich kein Schmuck. Nur frische Erde und ein paar Düngestäbchen.
Und mit einem Mal ist mir klar, was passiert ist. Es ist Frühjahr. Nachdem Maurice den Schmuck dort versteckt hat, sind die Kübel neu bepflanzt worden. Wahrscheinlich freut sich irgendein Stadtgärtner jetzt über den teuren Schmuck.
»Besser der als die Cops«, murmle ich und stehe ziemlich ernüchtert wieder auf.
Also schön.
Unsere letzten Einbrüche waren damit für die Tonne. Das Geld meiner Raubzüge ist für Mos Kaution draufgegangen und seine Beute versüßt gerade einem Gärtner das Leben.
Im Kopf überschlage ich, wie viel Geld wir haben. Nach Abzug der Kaution dürften es gerade einmal 15.000 sein. Viel zu wenig für unser Vorhaben.
Im Augenblick sieht es nicht aus, als stünden wir auf der Gewinnerseite.
Ich lasse die Handschuhe in meiner Lederjacke verschwinden und bleibe ziemlich ratlos zwischen all den vorbeihastenden Menschen stehen.
Was soll ich jetzt machen? Ein paar Touristen beklauen?
Das widerspricht so ziemlich allen Prinzipien, die ich jemals hatte.
Ich bestehle nicht einfach irgendwen.
Aber ich kann auch nicht einfach gar nichts tun.
Ein fieses Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Da versucht offenbar jemand, einen Gang einzulegen, ohne die Kupplung zu treten. Ich sehe mich nach dem Übeltäter um, denn wenn ich eins nicht mag, dann ist es, wenn jemand Autos quält.
Ich brauche nicht lange zu suchen. Neben mir rollt ein schwarzer Lexus die Straße entlang. Die Fahrerin, eine hübsche Brünette im Businessoutfit, sieht sich so hektisch um, als befände sie sich unter Beschuss. Erneut quält sie den Wagen, bevor sie mit einem guten Meter Abstand zum Straßenrand anhält.
Hinter ihr beginnt sofort ein Hupkonzert. Schimpfend rasen die New Yorker Taxifahrer an ihr vorbei, doch das scheint sie nicht weiter zu stören.
»Entschuldigung?«
Ich mustere die Frau genauer. Sie ist mehr als hübsch. Ihre Haut ist porzellanartig wie die einer Puppe und ihr Mund ist verführerisch rot. Schade, dass dieses umwerfende Aussehen an diese reiche Hohlbirne verschwendet wurde.
»Hallo? Entschuldigen Sie?«
Meint sie etwa mich?
Ich sehe mich um und stelle fest, dass ich weit und breit der Einzige bin, der am Straßenrand herumsteht. Natürlich. Hier herrscht ja das Keep-Moving-Gesetz.
Nur leider habe ich gerade absolut keine Lust, mich mit Miss Lexus von der Upper East auseinanderzusetzen, die es wahrscheinlich als ihre Bürgerpflicht ansieht, mich darauf hinzuweisen, dass Herumstehen hier verboten ist.
»Hören Sie schlecht?«
Scheiße, die Kleine ist wirklich hartnäckig.
Ich stecke die Hände in die Taschen und gehe nun doch zu ihr herüber.
»Hi. Probleme mit dem Auto?«
»Ein Schaltwagen«, sagt sie, als wäre das ein Verbrechen.
»Kommt vor.« Ich zucke mit den Schultern und will mich schon wieder abwenden.
»Können Sie so ein Auto fahren?«
Ich halte inne und drehe mich zu ihr um. »Klar.« Ich habe keine Ahnung, was diese blöde Fragerei soll. »Ich kann auch Bus fahren. U-Bahn und –«
»100 Dollar, wenn Sie mich zu einem Hotel bringen.«
Jetzt muss ich lachen. »Süße, das hier ist nicht Pretty Woman.«
»Schon klar.« Sie mustert mich und ihre Direktheit gefällt mir. Sie passt nicht zu der kühlen Zurückhaltung, die die Bonzen aus Manhattan sonst so an den Tag legen. »Sie sind schließlich auch keine sonderlich schöne Frau.«
»Stimmt. Und egal, wie viel Geld du mir bietest, ich werde nicht zu dir in den Wagen steigen.« Ich zwinkere ihr zu und wende mich ab.
Ich höre sie noch irgendwas sagen, dann gibt der Lexus wieder einen schrecklichen Laut von sich und stottert davon.

***

 


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