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Belletristik
Buch Leseprobe Poker, Edmund Edel
Edmund Edel

Poker


Ein Spielerroman

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Der alte Flatauer saß wie festgemauert vor seinem Loch am
Pokertisch und wartete mit Geduld, bis die Karten ihm eine
Gelegenheit zu einem Spiel geben würden. Hinter seinem
schwarzgeränderten Pincenez lauerte er wie ein Panther,
der auf die Beute im richtigen Augenblick springt. Er war
ein „Eiserner“. Diese ganze Partie war eine sogenannte „eiserne“.
Die Mehrzahl der Teilnehmer waren solche lauernden
Raubtiere, die immer wieder die Karten wegwarfen,
wenn sie ihnen keine günstigen Auspizien zeigten.



Diese Pokerpartie war gefürchtet im Klub. Nur die geriebensten
Spieler maßen ihre Kräfte aneinander.


 


Wehe dem Fremdling oder dem naiven Neuling, der sich
kraft seiner Intelligenz an diesen Pokertisch wagte. Man
stürzte sich auf ihn und zermalmte ihn und seine Brieftasche,
und er mußte beschämt eingestehen, daß das Pokerspiel
immer neue Verlustmöglichkeiten eröffne, und daß es
reich an Überraschungen und Enttäuschungen sei.



Der alte Flatauer war ein berühmter „eiserner“ Spieler.
Er konnte stundenlang seine fünf Karten verpassen, wenn
er nicht wenigstens zwei Paare fand. Er bluffte nicht, er
wettete nicht an, er eröffnete selten... er wartete. Er ließ
alles auf sich zukommen, und gewann oft oder verlor wenigstens
selten. Er verlor nur, wenn ihn das Schicksal narrte
und ihm eine Karte schenkte, die gegen die seines Partners
um einen Grad schlechter war.Merkte er, daß die Konjunktur
nicht günstig war, so stand er auf und spielte nicht weiter;
merkte er aber, daß er Glück hatte, so blieb er sitzen
und hörte erst auf, wenn der Gewinn sich lohnte.



Mit den Jahren hatte er sich zu dieser eisernen Technik
des Spiels durchgerungen. Und nun lebte er recht und
schlecht davon. Denn große Umsätze ließen sich trotz allem
nicht damit erzielen, weil die Einsätze zuviel Betriebskapital
verschlangen.



Sechs „Eiserne“ saßen in einer Ecke des Pokerzimmers.
Ein Platz war leer, und auf der Tafel hatte sich niemand
vorgemerkt.



Als Holzenberger durch die Klubräume geschlendert war,
nachdem er erst beim Ecarté zugesehen, einen Augenblick
beim Bac tournant stehen geblieben war und ein wenig mit
Bekannten im Lesezimmer geplaudert hatte, trat er in das
Pokerzimmer.


 


Er hatte keine rechte Lust zu spielen. SeitWochen war er
nicht im Klub gewesen, und auch heute abend folgte er nur
der Anregung seiner Frau. Wenn er an die Bilanz dachte,
machte er sich schwere Sorgen, und er fühlte, daß er wieder
von neuem in die Sackgasse geraten werde, aus der er sich
durch das unerwartete Erbe hatte retten können.



„Na, Holzenberger“, rief einer von den „Eisernen“, „hier
ist noch ’n Platz frei.“



Holzenberger war im allgemeinen ein glücklicher Spieler.
Poker hatte er inzwischen gründlich gelernt, und er beherrschte
die Feinheiten des Spieles.



Er setzte sich hin.



Es war ihm ganz gleichgültig, was er jetzt tat. Nur die
Stunden töten wollte er. Durch seinen Kopf tobten die Gedanken
wie wilde Pferde, die über die Koppel rasen: Sein
Geschäft, die Bilanz, der immense Privatverbrauch seiner
Frau, die Liebe zu seiner Frau, ihre abweisende Kälte – –
die Sehnsucht nach Ruhe...



„Diener, geben Sie für tausend Mark Chips“, rief Holzenberger.
„Wie hoch spielen wir, meine Herren?“



„Wie gewöhnlich, 50 Mark Limit.“



Holzenberger nahm die ersten Karten auf. Er hatte zwei
Asse. Er eröffnete mit dem Limit. Der dritte nach ihm doppelte.
Holzenberger setzte die Doppelung nach. Dann chipte
er an und wurde sofort überschlagen. Die „Eisernen“
hatten ihn in die Scheren genommen. Natürlich war er
schlecht. Aber seine Gedanken flatterten wo anders hin.
Das Spiel interessierte ihn nicht. Mechanisch griff er zu
den Karten und setzte die Jetons an.



Nach einer halben Stunde schon war er „geplatzt“. Kein


Jeton fand sich mehr in seinem „Loch“. Er ließ sich von
neuem für 1000 Mark Spielmarken holen.



Allmählich kam er zur Besinnung. Allmählich schwanden
die Gedanken, die ihn beschäftigten aus seinem Vorstellungsvermögen,
und seine Gehirnfunktionen konzentrierten
sich ganz auf das Spiel. Er fühlte es wie eine Erleichterung,
als er diese Ausschaltung wahrnahm. Und nun
ergriff ihn ganz das Fieber des Spiels, das Fieber mit dem
Auf- und Niedersteigen des Blutes, mit dem angstvollen
Krampf, der das Herz umspannt, wenn die Augen glühen
und aus den Höhlen zu treten scheinen, wenn die Hände
unmerklich zittern, wenn die Zähne aufeinanderbeißen und
die Lippen sich wütend nach unten ziehen.



Der alte Flatauer war aufgestanden. Er hatte genug.



„Sind Sie satt, Flatauer?“, fragte ironisch der dicke Doktor
mit dem großen Schmiß über der linken Backe.



Aber Flatauer lächelte und ging ruhig aus dem Zimmer
heraus.



Holzenberger arbeitete jetzt mit Hochdruck. Er hatte sich
ordentlich „angeschossen“. Dazu verfolgte ihn ein unglaubliches
Pech.



„Ihr Glück ist uferlos“, sagte einmal der KommerzienratMiltenbach,
als Holzenberger endlich einen Straight gekauft
hatte, aber gegen das Full eines andern herunterfiel.



Im übrigen wurde so gut wie nichts am Tisch gesprochen.
Wie erstarrt saßen die Spieler, und nur die eintönigen
Rufe waren zu hören und das Klappern der Zelluloidplättchen.



Manchmal unterbrach einer diesen gleichmäßigen Takt,
nach dem das Spiel sich abwickelte, durch eine bissige Be-


merkung. Sehr selten allerdings. Jeder war zu empfindlich,
um bei seinem Pech noch ausgelacht zu werden. Auch liebte
man nicht das Lachen in diesen Räumen, in denen die
Glücksgöttin gespenstige Tänze aufführte...



Holzenberger wurde unsicher. Es gelang ihm nichts.
Auch wagte er zuviel. Sogar auf Bauchstraights64 ging er
mit. Und wunderte sich, daß die Karten ihm nicht gehorchten.



Er sah auf die Uhr an derWand. Die Stunden waren verflogen,
ohne daß er es merkte.



Dann schied einer nach dem andern aus der Partie. Die
„Eisernen“ hatten ihr Opfer ausgesaugt.



Als sie nur noch vier Partner waren, kam der Klubwart
ins Zimmer und rief:



„Eine Bank wird ausgeboten – – wenn die Herren Interesse
haben?“
Sofort sprang man von den Pokertischen auf. Holzenberger
blieb allein. Er hatte sehr viel verloren und ärgerte sich.
Im Leseraum, den er aufsuchte, ging er mißmutig auf und
ab. Er konnte gerade jetzt gar keinen Verlust vertragen.



Maillinger kam in diesem Augenblick in den Klub. Er
schritt an Holzenberger vorüber und grüßte ihn. Hatte seine
Frau ihm nicht von Maillinger etwas erzählt?



Seine Frau und Maillinger!



Plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf, daß ein Zusammenhang
zwischen den beiden sein könnte.



Nur für eine ganz kurze Sekunde fühlte er einen Stich
im Herzen, etwas Ungewohntes, etwas wie Argwohn.



Maillinger blieb bei ihmstehen und reichte ihmdie Hand.



„Ich habe eine gute Sache für Sie, Herr Holzenberger,


wann darf ich Sie in Ihrem Bureau aufsuchen?“. Äußerst
verbindlich sprach der Baron. In ausgesuchte Höflichkeit
kleidete er die konventionelle Redeweise.

Holzenberger war, wie alleMenschen einfachen Charakters,
sofort von den liebenswürdigen Manieren des Aristokraten
bestrickt.

„Bitte, Herr Baron, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung
– – wenn es was Besonderes ist?“

„Wir sprechen darüber“, sagte der Baron, verneigte sich
und ging in den Bacsaal.

Durch die offene Türe hörte Holzenberger die Stimme
des Klubwarts:

„Eine Bank zu 1200 Mark!“

„1300 Mark“, rief jemand.

„1500 Mark“, ein anderer.

„Also 1500 Mark!“, sagte der Klubwart und klopfte mit
dem Rateau65 auf den grünen Tisch.

Da trat Holzenberger in den Saal und schrie:

„1600 Mark.“

„Herr Holzenberger nimmt die Bank für 1600 Mark“,
entschied der Klubwart, und die Spieler setzten sich nieder.

Der Pokerverlust hatte Holzenberger aufgeregt. Ganz gegen
seine Gewohnheit war er in Hitze geraten. Noch grübelte
er nach, wie er darüber hinwegkommen konnte, denn
er wollte nicht wieder dem Spiel verfallen. Er wollte seine
Kräfte nicht der Arbeit entziehen.

Aber plötzlich, als er in den Nebensaal blickte, wo die
Herren um den langen Bactisch standen, und als er das
Ausbieten der Bank hörte, regte sich sein Spekulationsgeist
wieder.

Die Minute wollte er auskosten – – –

Das Glück sitzt dort auf dem Stuhl vielleicht...

Aus dem kleinen Holzkasten, in dem die Karten liegen,
fliegt es heraus – – –

Wer kann wissen, was die nächste Viertelstunde bringen
wird!

Nun ist es doch schon gleichgültig. Die paar Tausend
würden die Differenz nicht viel vergrößern.

Mut...

Oder verlor er die Herrschaft über sich?

Schon saß er in der Mitte des Tisches und verteilte die
Karten.

Der Klubwart ihm gegenüber ordnete die Jetons in kleine
Haufen.

Die rechte Seite kaufte.

Die linke Seite dankte.

Holzenberger sah seine Karten an.

„Ich habe acht.“

Der Klubwart riß mit dem Rateau alle Jetons von den
beiden Tableaus herunter.

Dann ging das Spiel weiter...

Holzenberger gegenüber saß der Klubwart und arbeitete
mit der langen Harke auf dem grünen Tisch. Er scharrte die
Zelluloidplatten zusammen, er kniffte die blauen Hundertmarkscheine,
er schüttete die Goldstücke aufeinander.

Und Holzenberger zog einen Coup nach dem andern.

Als der „Schlitten“ zu Ende war, stand er auf. Der Klubwart
warf die vielen Jetons, die Banknoten und das Gold in
den Panier66 und reichte ihn Holzenberger hinüber:
„32.800 Mark“, sagte der Klubwart.

„Danke“, sagte leise Holzenberger.

Er zündete eine ganz große Importzigarre an und rauchte
die ersten Züge mit wahrer Wollust.

Als wenn er eine schwere Krisis überstanden hätte, so
war es ihm. Das Geld bedeutete ihm nichts. Aber daß er
das Glück bezwungen, freute ihn und befriedigte ihn.

Der alte Flatauer hatte auf einem hohen Kiebitzstuhle
hinter seinem Schwiegersohn gesessen und zugesehen. Für
heute war er „satt“, wie es im Klubjargon hieß, und er hütete
sich, sich wieder etwas abjagen zu lassen.

Er kannte solche Glückszufälle, wie er es eben mitangesehen,
aus seinem langen Spielerleben. Er rauchte gemütlich
seine Zigarette und schaute zu. Heute rot und morgen
tot – – – Die alte Geschichte vom Polykrates, „noch keinen
sah ich glücklich enden“. Dem alten Flatauer genügte
das Bewußtsein, diese Erkenntnis in sich aufgenommen zu
haben. Er wartete ab...

Holzenberger ließ ein Auto kommen und eilte nach Hause.
Wie von den Furien gepeitscht, sauste er durch den Tiergarten.
Eine Jagd nach dem Glück.


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