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Belletristik
Buch Leseprobe Pferdeparadies Stammelhof, Martina Sein
Martina Sein

Pferdeparadies Stammelhof


Leonie wird lockerer

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„Leonie, du musst aufwachen!“ Das war Isabellas Stimme. Aber was machte die in Leonies Traum auf einer riesigen Einfriedung am Meer? Die Zäune waren so weit entfernt, dass man sie überhaupt nicht wahrnahm. Eine Herde von Wildpferden bewegte sich frei in dem geschützten Gebiet. Allerdings waren unter ihnen Merlin, Kobold, Silia und Jolly, die Tiere, die Leonie, ihrer besten Freundin Carola, die jeder Lola nannte, und ihrer Mutter Isabella gehörten. Gerade hatte Kobold sich hingelegt, damit Leonie aufsteigen und mit ihm durch die Brandung galoppieren konnte. Erneut ertönte Isabella: „Komm los, Leonie! Am ersten Tag zu spät zu kommen, macht einen furchtbaren Eindruck. Du hast immerhin eine Probezeit.“ Endlich war Leonies Geist bereit, aus dem Traum in die Wirklichkeit zurückzukehren. Sie lag in ihrem Bett. „Ich hab so schön geträumt“, murmelte sie und räkelte sich unter der Decke. Die Sommerferien hätten einfach ewig fortdauern dürfen. Stattdessen musste Leonie sich einer neuen Schule, mit fremden Lehrern und Mitschülern stellen. Wenigstens war sie mit Lola zusammen. Leonie besaß ein fotografisches Gedächtnis und dazu eine Inselbegabung in Mathe. Auf ihrer alten Schule war sie gemobbt worden. Ihre Begeisterung für Pferde hatte die Situation nicht gerade besser gemacht. Daher hatten Isabella und Lolas Mutter Pia lange nach einer passenden Schule gesucht. Sie waren vor einigen Wochen aus München nach Eching am Ammersee gezogen. Dort hatte Isabella einen Reitstall gekauft, weil sie für die drei eigenen Pferde keinen Platz gefunden hatte, der ihnen zugesagt hätte. Das Gleiche traf auf Silia zu, die Stute ihrer besten Freundin. Pia, Lolas Mutter, war bereits damit beschäftigt, das Frühstück herzurichten. „Du bist spät dran, Leonie“, stellte sie fest. „Lola ist im Bad. Du kannst gleich rein.“ „Als wenn es uns stören würde, zusammen da drin zu sein“, grummelte Leonie. Wie gerne würde sie einfach am Nachbarhaus vorbei und über die Straße gehen. Dort lag das Pferdeparadies Stammelhof. Joe, die Pferdepflegerin, war bestimmt schon dabei, den Tieren ihr Heu zu geben. Den Schlaf noch in den Augen stolperte Leonie. Sie hatte nicht bemerkt, wie sich der Bernhardiner Rasputin genau auf die Schwelle der Küchentüre gelegt hatte. Eigentlich gehörte der Oma, aber die hatte ihn mitsamt Tochter und Enkelin umziehen lassen. Auf dem Land war es einfach schöner für einen Hund als in der Stadt. Sie kam zu Besuch, so oft es ihre Zeit zuließ. Beim nächsten Versuch, die Küche zu verlassen, stieg Leonie umsichtig über den großen Hundekörper. „Deine Ruhe möchte ich haben. Ein Gemüt wie …“ „… ein Bernhardiner eben“, ergänzte Pia lachend. Die Mütter hatten sich diesen ersten Tag in der fremden Schule freigenommen. Sie wollten alles dafür tun, dass der Neustart der Mädchen gelang. Gemeinsam stiegen die vier in Isabellas Wagen. Vom Nachbarhaus näherte sich ein Mädchen. Das war Astrid. Sie überflügelte Leonie geistig sogar, weil sie hochbegabt war. Von ihrem Vater Frederik hatten Isabella und Pia überhaupt den Tipp mit der Schule bekommen. Die war ein einzigartiges Pilotprojekt und konnte mit anderen überhaupt nicht verglichen werden. „Morgen Astrid, alles klar?“ Astrid nickte. „Abgesehen davon, dass ich Nelly ein bisschen hinterher trauere.“ Beim ersten Turnier, das Leonie und Lola nach ihrem Umzug bestritten hatten, hatte Astrid sich als Zuschauerin in eine hübsche Araberstute verliebt. Ihre Eltern hatten beschlossen, dass sie alt genug wäre, ein eigenes Pferd zu bekommen. Leider war Nelly unverkäuflich. „Steig ein!“, forderte Pia das Nachbarsmädchen auf. „Wir wollen auf keinen Fall zu spät kommen.“ Die Schule stand genauso da, wie Leonie sie in Erinnerung hatte. Sie war in einer alten Fabrik beheimatet. Isabella parkte den Wagen vor der ehemaligen Produktion. In diesem Gebäude waren die meisten Klassenzimmer untergebracht. Des Weiteren gab es das alte Lager – jetzt die Turnhalle – und ein paar kleinere Häuser. Dort wurde der Fachunterricht gegeben. Die Gruppe musste sich überhaupt nicht zurechtfinden, denn Frau Fritz, die Direktorin der Elias-Franke-Schule, erwartete sie. „Hallo und herzlich willkommen!“, rief sie. „Folgt mir bitte! Ich möchte euch eure Tutorinnen vorstellen.“ Erstaunt gingen Leonie und Lola hinter der Schulleiterin her. Ihre Mütter blieben ein wenig zurück. Es ging die Treppe hinauf, deren Stufen knarzten. Leonie fragte sich, wie alt die wohl sein mochten. Links den Gang entlang führte Frau Fritz sie zu einem Büro. Vermutlich war es das ihre. „Das sind Lina und Mathilda. Sie gehen in die elfte Klasse und stehen euch in den nächsten Wochen bei allen Fragen und Problemen zur Seite. Das sind Leonie und Carola. Ich darf euch vertrauensvoll übergeben? Wir sehen uns gleich zur Ansprache für das neue Schuljahr.“ „Hi“, meinte Mathilda. „Sollen wir euch kurz euer Klassenzimmer zeigen, bevor wir rausgehen? So viel Zeit bleibt uns.“ „Gerne“, entgegnete Lola. „Nennt mich aber bitte Lola, sonst fühle ich mich nicht angesprochen.“ „Können wir unser Zeug gleich da lassen?“, erkundigte Leonie sich. Sie hatte keine Lust, ihren Schulrucksack unnötig lange mit sich herumzutragen. „Das ist Sinn und Zweck der Sache“, antwortete Lina. „Abgesehen davon, dass ihr wisst, wohin ihr müsst.“ Bei der Besichtigung der Schule hatten Leonie und Lola ein Klassenzimmer von innen zu Gesicht bekommen. Wie dieses war ihr eigenes ausgestattet mit Tischen, die nicht nur in der Höhe verstellbar waren, sondern zusätzlich bei Bedarf gekippt werden konnten. Sitzmöglichkeiten gab es unterschiedliche vom klassischen Stuhl über bewegliche Hocker bis hin zu Pezzibällen. In einer Ecke standen eine große Couch sowie mehrere außerordentlich bequem aussehende Sessel. „So ein Klassenzimmer gibt es echt nur hier“, stieß Lola hervor. Nun meldete Astrid sich zu Wort, die der Gruppe schweigend gefolgt war. Sie wollte schließlich wissen, wo ihre neuen Freundinnen zu finden waren. „Wenn mal Gruppenarbeit ansteht oder eine offene Diskussion, braucht man ja nicht am Tisch zu sitzen.“ Eine weitere Überraschung erwartete die neuen Schülerinnen, indem Mathilda zu einer Glastüre und weiter auf einen Balkon ging. Der führte an dem kompletten Gebäude entlang. An der Ecke ging eine Treppe hinunter in den Garten. „Auf die Weise müssen wir zur Pause nicht immer durch das Haus latschen.“ „Sehr durchdacht“, lobte Pia. Im Garten sah es aus, als stünde eine Hochzeit aus einem amerikanischen Film an. Der Rasen war mit weißen Stühlen versehen. Ein Teil war bereits besetzt. Dennoch fanden sie Platz und konnten zusammen bleiben. Vom Haus ertönte ein Gong. Da betrat Frau Fritz eine kleine Bühne, die vorne stand. „Ich begrüße euch alle ganz herzlich zurück aus den Ferien. Hoffentlich habt ihr sie genießen können.“ Ein Junge von weiter hinten rief: „Die Sehnsucht nach der Elias-Franke-Schule war kaum auszuhalten. Endlich geht’s wieder los.“ „Vielen Dank Magnus“, entgegnete Frau Fritz. „Ich habe mir gedacht, dass ihr alle froh seid, wenn diese lästige Ferienzeit vorüber ist.“ Sie erzählte kurz, was sich im gerade angebrochenen Schuljahr änderte. Dann stellte sie die neuen Schüler vor. Das waren größtenteils natürlich die Jüngsten, doch auch in anderen Jahrgängen gab es Zuwachs. Leonie und Lola reihten sich in die Schlange ein, die nach vorne kommen musste. Bei der Gelegenheit wurde vor der ganzen Schule bekannt gegeben, wer in welche Klasse kam. „Ah, zum Schluss haben wir Leonie Stammel und Carola Koch. Einmal der Form halber.“ Sie zwinkerte Lola zu. „Ansonsten ist das bitte für alle Lola. Die beiden kommen zu Herrn Wegschneid in die Klasse zusammen zu den Schuster-Kindern.“ Das verwunderte Leonie sehr. Sie wusste, dass die Einheiten, in denen hier unterrichtet wurde, gegenüber anderen Schulen extrem klein waren, aber nur zu viert oder so? Sie ging davon aus, dass Frau Fritz mit den Schuster-Kindern Zwillinge meinte. Ehe es zurück ins Schulhaus ging, verabschiedeten Isabella und Pia sich. „Bis später, ihr Großen.“ In ihrem Klassenzimmer fanden sie sich gemeinsam mit sechs anderen Schülern wieder – vier Jungen und zwei Mädchen. Verwirrt fragte Lola: „Wie kommt es, dass ihr alle in einer Jahrgangsstufe seid?“ „Warum sollten wir das nicht sein?“, hakte ein Junge nach. „Wir sind doch alle am gleichen Tag geboren.“ „Was? Ihr seid Sechslinge?“, rief Leonie erschrocken aus. Der Junge nickte und stellte sich sowie seine Geschwister vor: „In der Reihenfolge, in der wir aus dem Bauch unserer Mutter gezogen wurden: Ich bin Liam, das ist Louis, Malia, Aurelia, Raphael und Meo.“ Die anderen nickten und winkten. Ein Mann kam herein und warf seine Tasche schwungvoll auf den Stuhl, welcher vorne am Lehrerpult stand. „Super! Wir sind ja schon komplett. Freunde, macht es euch bequem!“ Er wies auf die Sitzgruppe. Die Schuster-Sechslinge steuerten zielstrebig darauf zu. Leonie und Lola folgten ihnen und ergatterten Plätze in den Sesseln. Herr Wegschneid kam inmitten der Geschwister zum Sitzen. „Wir besprechen heute bloß, was wir im ersten Halbjahr alles vorhaben. Dazu muss kein Mensch an einem Schreibtisch hocken“, erklärte er in Richtung Leonie und Lola. Zum Erstaunen der Freundinnen zog der Lehrer kein Klemmbrett, keinen Block oder Ähnliches hervor, sondern ein Tablet. Von dem las er ab, was es zu wissen gab. „Jetzt hätte ich das Wichtigste fast vergessen!“, rief Herr Wegschneid mit einem Mal aus. Das Tablet schickte er per Standby in ein Schläfchen. „Bevor wir weitermachen, wollen wir bestimmt alle wissen, mit wem wir es dieses Jahr zu tun haben. Wer mag anfangen?“ Es war Liam, der sich räusperte. „War klar“, kommentierte Herr Wegschneid und erklärte den Neuen: „Der junge Mann hier fühlt sich für seine fünf Geschwister verantwortlich, nur weil er um zwei Minuten der Älteste ist. Soll uns trotzdem recht sein. Leg los, Liam!“ Wie selbstverständlich sprach Liam darüber, dass seine Geschwister und er einen etwas holprigen Start ins Leben gehabt hatten, da sie viel zu früh auf die Welt geholt worden waren. „So ein bisschen hängt uns das leider nach. Ich habe einen Herzfehler, aber das habe ich im Griff. Bei Louis ist es so, dass er mit dem Essen aufpassen muss. Zu viel geht gar nicht. Außerdem verträgt er keine Zitrusfrüchte und nichts mit Kohlensäure.“ So ging es weiter. Die Einzige, die anscheinend keine Folgen davongetragen hatte, weil es sich bei ihr um einen Mehrling handelte, war Aurelia. Die übernahm das Wort. „Ihr müsst bei Liam nicht immer so genau zuhören. Manche Informationen könnte er sich sparen.“ Sie lächelte die beiden Neuen warmherzig an. Herr Wegschneid ergriff wieder das Wort: „Mögt ihr erst einmal von euch erzählen oder soll ich was zu mir sagen?“ Eigentlich war Lola immer diejenige gewesen, die sich hinter ihrer Freundin versteckt hatte. Zu Leonies größtem Erstaunen bot sie an, dass sie weitermachte. „Also, ich heiße Lola, aber das wisst ihr ja schon. Leibliche Geschwister habe ich keine, aber Leonie ist viel mehr als eine Freundin für mich.“ Bei diesen Worten wurde es Leonie warm ums Herz. Sie liebte Lola tatsächlich wie eine Schwester. Lola erzählte von ihrer alten Schule, und natürlich durften Silia und ihr kürzlich errungener erster Sieg bei einer Springprüfung nicht fehlen. „Super, danke Lola“, entgegnete Herr Wegschneid, als sie fertig war. Aufmunternd schaute er Leonie an. Von ihren neuen Klassenkameraden hatte Meo vollkommen offen darüber gesprochen, dass er eine absolute Begabung für jede Art von Kunst hatte, ganz egal, in welche Richtung das ging. Er hätte die Mona Lisa aus seinem Kopf heraus kopieren können, wenn er sie ein paar Minuten angeschaut hätte, um sich alle Details einzuprägen. Ebenso konnte er auf fünf Instrumenten jede Melodie ohne Noten nachspielen, die er lediglich einmal gehört hatte. Raphael dagegen hatte ein absolutes Zeitgefühl. Er konnte ohne Uhr jede Spanne abschätzen, sofern er nicht dazwischen schlief. Daher kam Leonie sich zum ersten Mal im Leben nicht komisch vor, als sie über ihr fotografisches Gedächtnis redete. „Das hätte ich auch gerne“, warf Louis ein. Am Ende erzählte Herr Wegschneid von sich. Das tat er nicht auf die übliche Weise eines Lehrers, der seinen Werdegang herunterbetete. Er war in einer Landwirtschaft als das dritte von vier Kindern aufgewachsen. Zum Glück hatte sich sein ältester Bruder sofort bereiterklärt, den Betrieb zu übernehmen, denn daran hatte er keinerlei Interesse. Er war seltsamerweise der Einzige in der Familie, der das Abitur und das anschließende Studium ohne nennenswerte Probleme bewältigt hatte. Bei den anderen hatte es maximal zur Mittleren Reife gereicht und die teilweise mehr schlecht als recht. Kam Leonie sich sonst ungewollt wie eine Angeberin vor, wenn das Gespräch auf ihre besonderen Fähigkeiten kam, fühlte sie sich zum ersten Mal wohl dabei und dazugehörig. Die Vorstellung dauerte so lange, dass es zum Schulschluss läutete, als alle fertig waren. „Ja prima, meine Lieben“, schloss Herr Wegschneid das Thema ab. „Ich wünsche euch allen einen tollen Nachmittag. Leonie und Lola, viel Spaß mit euren Pferden! Genießt die längere Freizeit und das schöne Wetter noch einmal richtig! Wir sehen uns morgen. Dann legen wir ein bisschen los.“


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