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Belletristik
Buch Leseprobe Passerelle, Paul Martin Kesselring
Paul Martin Kesselring

Passerelle


Veras Aufbruch

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Die Böen, die immer wieder aufkommen, sind jetzt so stark, dass in einigen Hundert Metern Entfernung mit großem Getöse eine ganze Anzahl Bäume fallen. Brusco erschrickt. Er rennt davon, in Richtung der stürzenden Bäume. Ich folge ihm, und wir erreichen die Stelle, wo es gekracht hat. Wir stehen in einer kreisrunden Schneise. Die Bäume liegen alle in mehr oder weniger tangentialer Richtung. Aus der Luft muss das sicher sonderlich aussehen. Wir treten wieder in den Wald ein, da und dort fallen Einzelbäume, und ich spüre jetzt, wo mir wohl ist, wo ich mich sicher fühle. Dort muss ich nichts befürchten. An anderen Stellen fühle ich mich bedroht, dort folgt mir Brusco auch nicht hin.
Etwas weiter kommen wir erneut zu einer Schneise. Diese verläuft aber in gerader Richtung durch das Waldstück. Die beiden Grenzlinien zum Wald verlaufen über einige Hundert Meter vollkommen parallel. Dann verläuft sich die Schneise wieder. Merkwürdig, diese strengen geometrischen Formen.
Mir gehen Bilder von Kornkreisen durch den Kopf. Da stehe ich nun fasziniert vor den gefallenen Bäumen, studiere die Richtung, in der sie gefallen sind, und frage mich nach den Informationen, die die Bäume haben mussten, dass sich solch perfekte Formen bilden können. Gewaltig, wie dieser Wald mit mir kommuniziert. Unbeschreiblich!
Ich begegne den ganzen weiteren Tag keinem anderen Menschen. Die Stunden fließen dahin, der Sturm legt sich wieder, der Himmel lichtet sich und ständig wechseln die Witterungselemente von Sonne über Regen zu Schnee.
Der Abend naht, die Beine sind müde, auch Brusco trottet nur noch gleichgültig hinter mir her. Wir verfolgen schon seit längerer Zeit ein Forststräßchen in der Hoffnung, irgendwann auf einen Wegweiser zu treffen. Ein gewaltiges Erlebnis, der heutige Tag.
Der Wald lichtet sich, wir sehen in der Talsohle eine Weide und ein Naturweg zieht sich den Bach entlang. Hier erreichen wir den ersten Wegweiser seit Stunden, der in einer Richtung mit zweieinhalb Stunden nach unserem Dorf zeigt, in der anderen Richtung mit zwanzig Minuten zum Lochbad weist. Die Müdigkeit setzt jetzt erst richtig ein, wo ich weiß: noch zweieinhalb Stunden. Es bleibt uns nichts anderes übrig, ich beiße mich durch und auch Brusco macht mit.
Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit kommen wir zu Hause an. Überall im Dorf ist es finster, dunkel wie in der Höhle. Im Haus brennen ein paar Kerzen. Wir werden mit einem duftenden Fondue empfangen. Der Strom fiel offenbar schon mittags aus. Es werde noch bis morgen dauern, umfallende Bäume hatten die Strommasten niedergerissen. An die Büchse denke ich nicht mehr.
II
Das Öffnen der Aluminiumdose gestaltet sich schwieriger als gedacht. In der Höhle hätte ich es nie geschafft. Zu Hause, mithilfe eines Schraubstocks und einer Klempnerzange, glückt es mir nach mehrmaligem Einspritzen von Kriechöl, den Deckel sorgfältig abzuschrauben. Doch nicht das erwartete Karbid kommt zum Vorschein, nicht der mögliche Goldschatz und auch nicht die funkelnden Edelsteine, die die mysteriöse Geschichte vom gestrigen Tag nun hätten abrunden können. Es handelt sich nicht um den großartigen Fund, den ich mir im Geheimen eben doch erhofft hatte, die Louisdors oder andere Schätze.
Eine Rolle, liebevoll in braunes Kraftpapier gepackt und mit Klebestreifen gesichert, liegt in der Büchse. Keine Spur von Feuchtigkeit; ein Dichtungsgummi im Deckel konnte den Eintritt von Wasser verhindern.
Ich schneide die Klebestreifen mit einer Rasierklinge auf und beginne die Rolle sorgfältig auszupacken. Es scheint sich um Schriftstücke zu handeln, die übereinanderliegend eingerollt und anschließend verpackt wurden. Ich schätze, gegen hundert DIN-A4-Bögen müssen es sein, die da in der Dose verstaut wurden.
Wer hatte was mit diesem Versteck bezweckt? Ich bin nicht sicher, ob diese Höhle schon jemals von einem Menschen betreten worden ist; ich hätte auf dem lehmigen Boden Fußspuren entdecken müssen. Zudem wäre der Einstieg ja wirklich für manche Person zu eng gewesen. Konnte ein Tier die Büchse dorthin verschleppt haben oder wurde es aufs Geratewohl in die Höhlenöffnung geworfen?
Ich lege die Papierbögen auf den Tisch, doch sie rollen sich ständig wieder in die Form zurück, in der wie jahrelang gelegen hatten. Damit sich das Papier wieder an ein flaches Dasein gewöhnen kann, lege ich den ganzen Stapel über Nacht unter den Times Weltatlas.
Schriftstücke haben schon deshalb etwas Geheimnisvolles, weil man ihnen nicht gleich ansieht, welche Schätze oder welchen Makel sie in sich bergen; man sollte sie zuerst lesen. Bei der Fülle an Geschriebenem, mit der man sich auseinanderzusetzen hat, braucht es immerhin einen speziellen Riecher, sich etwas zuzuwenden, das einen tatsächlich in seinen Bann zieht.
Es hat vermutlich mit Intuition zu tun, wenn ich die Geschichte mit den Papieren weiterverfolge und nicht aufgebe, bevor ich sie gelesen habe. Die Geschichte, die hinter deren Fund steckt, hat mich ja bisher schon ganz schön in Atem gehalten, sodass ich nun nicht aufgeben will, bevor ich um den Inhalt der Schriftstücke weiß. Nun, wo sie glatt vor mir liegen,beginne ich, sie zu lesen.


Die Aufzeichnungen der Veritas
Diese spontanen Aufzeichnungen haben mir geholfen, mein Leben neu zu orientieren. Deshalb möchte ich sie nicht vernichten sondern überlasse sie dem Zufall ...
1.
Mein Name ist Veritas Wicklar, dritte Tochter einer Pfarrfamilie.
Ich habe gute und stabile Wurzeln. Ich hatte eine harmonische, geborgene Kindheit. In materieller Sicht reichte es nicht zu großen Sprüngen. Mein Vater stammte zwar aus einer fränkischen Ingenieursfamilie, meine Mutter aus einem Juristenhaus, doch meine Eltern erzählten uns immer, sie seien dennoch in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Ich hatte eine glückliche Zeit mit meinen beiden Schwestern wie auch mit meinen Eltern. Als kleines Mädchen genoss ich es, der Sonnenschein der Familie zu sein. Meine angepasste Art brachte mir viel früher als meinen Schwestern eine gewisse Freiheit und meine Eltern erachteten mich als glücklich. Es wäre doch schwer verständlich, wenn das jüngste Theologentöchterchen nicht das Abbild des Glücks gewesen wäre. Im Pfarrhaus war schließlich auch Gott zu Hause oder ging zumindest regelmäßig ein und aus.
Meine Eltern waren beide sehr religiös denkende Menschen, sie fühlten sich in ihre Mitmenschen ein und versuchten sie zu verstehen. Sie beteten täglich für uns, für die ganze Familie, für die ganze Kirchengemeinde und alle, die zu ihnen kamen und Hilfe erbaten, und man sah ihnen an, wie sie von ihrem Glauben erfüllt waren.
Mein Vater wurde gleich nach seiner Studienzeit in Tübingen als Pfarrer an die hiesige Kirche gewählt. Obschon er in ein fremdes Land und in eine andere Kultur zog, schien es ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten, sich in der Berner Vorortsgemeinde zu akklimatisieren. Meine Mutter, aus Böhmen stammend, schien sich ebenfalls in der neuen Heimat wohlzufühlen.
Mein Vater war aus unserer Gemeinde nicht wegzudenken, und niemand hatte ihn als „Fremden“ bezeichnet, obschon er an seiner Sprache hätte erkannt werden können: Er hatte den Akzent eines Zugezogenen behalten. Ganz anders waren wir drei Schwestern. Als kleinere Kinder verständigten wir uns mit unseren Eltern noch in ihrer schriftdeutschen Sprache, spätestens aber mit dem Schuleintritt meiner ältesten und mit dem gleichzeitigen Kindergarteneintritt der mittleren Schwester übernahmen wir den Dialekt unserer Kameradinnen, die uns in Kindergarten und Schule begleiteten.


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