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Belletristik
Buch Leseprobe Ostwind - Zwei Himmelsstürmer , Michaela Böckmann
Michaela Böckmann

Ostwind - Zwei Himmelsstürmer


und ihr Weg nach der Bruchlandung

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,



schön, dass Sie den Weg in mein Buch gefunden haben und sich für meine Geschichten interessieren. Mit dem Schreiben begann ich anlässlich unserer 50. Geburtstage und der hoffentlich überstandenen Krebserkrankung meines Mannes. Ich schaute zurück und brachte meine Erinnerungen zu Papier: 1960 geboren und behütet aufgewachsen in der DDR, lernten wir uns bereits mit 15 Jahren, im Jahre 1975 kennen und lieben. Drei Kinder und bisher vier Enkel, die aus dieser Liebe hervorgingen. Der Traum vom Fliegen, der unser Leben lange Zeit bestimmte. Daraus entstanden Geschichten. Geschichten die das Leben, die unser Leben schrieb. Ich weiß, ich besitze weder einen Promibonus, noch verfüge ich über geeignete Kontakte. Aber vielleicht kann ich bei Ihnen mit meinen Geschichten punkten, Sie interessieren, begeistern, fesseln und zum Weiterlesen bewegen. Ich möchte Sie schmunzeln, nachdenken, wundern und mitfühlen, eben an meinen schönsten aber auch schwersten Momenten teilhaben lassen.



„Ostwind - zwei Himmelsstürmer und ihr Weg nach der Bruchlandung" beschreibt die gemeinsamen Jahre von 1990 bis 2011. Sozusagen unseren ganz persönlichen Weg durch die Irrungen und Wirrungen der jüngsten deutschen Geschichte. Natürlich handelt es sich um keine wissenschaftlich fundierte Geschichtsaufarbeitung sondern gelebtes, erlebtes Leben, so wie ich es empfunden habe.



Nun wünsche ich Ihnen ein offenes Auge, ein offenes Herz und vor allem viel


Freude beim Lesen...


Ihre/eure Michaela Böckmann


 


 


 


 


Michaela Böckmann


 


Ostwind - Zwei Himmelsstürmer und ihr Weg nach der Bruchlandung 


(Die Fortsetzung von Ostwind - zwei Himmelsstürmer und ihre ganz persönlichen Katastrophen)


 


 


„Auch der unscheinbarste Mensch hat seine Geschichte, und die Geschichte der unscheinbaren Menschen wäre interessanter und lehrreicher als die Geschichte berühmter Menschen, zumal diese für den öffentlichen Gebrauch zurechtgemacht wird ... So ist die bis heute geschriebene Geschichte der Menschheit mehr als fragmentarisch und fragwürdig ...Es ist ein Unglück, dass die sogenannten einfachen Menschen nur wenig über sich selbst aussagen... So bleibt uns ein ungeheurer Ausschnitt des menschlichen Lebens unbekannt."


Johannes R. Becher


( 1948)


 


Für unsere Kinder, Mandy, Steffi und Danny sowie unsere Enkel Moritz,


Marvin, Klara, Egon und Nummer Fünf (noch nicht identifiziert). Das Beste


und Wichtigste, was uns das Leben brachte.


Dezember 2011


 


 


Die Rückkehr                                                                                                                                ...nun sind wir angekommen und zwei Herzen schlagen in unserer Brust. Einerseits dieses Glücksgefühl, wieder in unsere alte Heimat Berlin zurückgekehrt zu sein und andererseits dieser Spritzer Wehmut im Herzen. Vertrautes, ja auch Menschen, die uns in den Jahren lieb und teuer wurden, ließen wir zurück und eine ungewisse Zukunft liegt vor uns. Der Umzugswagen folgt uns in gebührendem Abstand. Wieder heißt es Möbel schleppen, aufbauen, Kisten auspacken und das Haus wohnlich gestalten. Die Renovierungsarbeiten sind zum größten Teil erfolgreich abgeschlossen. Natürlich waren wir bestrebt, unserem neuen Heim mit Farben, Linoleum und in dem uns zur Verfügung stehenden finanziellen Rahmen, diesen persönlichen Stempel aufzusetzen. Leider liegen trotz aller Bemühungen bei unserer Ankunft noch ein paar Dinge im Argen. Besonders schmerzlich bemerkbar macht sich, wir haben kein Klo. Der mit der Klärung des Sanitär- und Heizungsproblems beauftragte Klempnermeister aus Karlshorst hatte zwar sehr geschäftig und vorausschauend, wobei ich mich immer noch frage, wohin er da wirklich geschaut hat, alles abgebaut, herausgerissen und deinstalliert, was wohl seiner Meinung weder niet- und nagelfest noch zeitgemäß und tragbar war. Aber die Fertigstellung lässt bereits seit geraumer Zeit auf sich warten. Zum Glück wissen wir am Tage des Einzugs noch nicht, dass er seine Arbeiten nie beenden, sich nicht einmal mehr blicken lassen wird. So sind wir immer noch guter Hoffnung. Natürlich war es schwierig. Jeder kann es sich denken: 5 Personen ohne Klo aber mit einem sehr gesunden Stoffwechsel und keine Bekannten weit und breit. Aber wir trugen es erst einmal mit der typischen Beherrschtheit eines DDR-Bürgers. Seit Jahren daran gewöhnt, dass der Handwerker und nicht der Kunde das Ass in der Tasche hat und König ist. So muss Dirk sich, neben den eigentlichen Umzugsaufgaben erst einmal eine Übergangslösung, und als wir dann endlich begreifen, dass der Klempner uns mit den Baustellen sitzen lässt, schnellstens eine endgültige Lösung einfallen lassen. Wie sagt bereits ein Sprichwort: Kleine Dinge erledigen wir sofort, Wunder dauern etwas länger. So hielt es sich auch mit unserem zweiten Problem. Durch die gründliche Vorarbeit des Fachmannes haben wir geraume Zeit weder eine Heizung noch warmes Wasser. Zum Glück war Sommer und das Wetter hielt, was die Jahreszeit versprach. So holten wir ihn wieder aus dem Keller, unseren blauen Windeltopf. Seit Jahren bereits im wohlverdienten Ruhestand konnten wir uns dennoch nie ganz trennen. Zu viele Erinnerungen verbanden sich mit diesem Topf. Wieder wird er uns zur verlässlichen Stütze und fungiert einige Zeit als Wasserkessel. Bis in den späten Herbst werden wir ihn entsprechend beanspruchen. Erst nach der Währungsunion findet sich eine Firma, die im  wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht für Abhilfe sorgt. Diverse Projekte müssen aus rechnerischen Gründen erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Nur zwei Dinge können nicht warten! Die Eingangstür, bei unserem Einzug eigentlich nur noch von


ein paar Schrauben und Nägeln zusammengehalten, macht es Unterschied, ob man sie schließt oder eben nicht. Durch ihre außergewöhnlichen Abmaße bleibt uns nur eine Sonderanfertigung. Bei der Küche war es weniger problematisch. Wir erstanden ein paar Hänger und Schränke, so kann man schon sagen, als sogenannte Ladenhüter. Bereits zu diesem Zeitpunkt richtete sich der Blick der DDR-Bürger in die neue Welt. Endlich waren diese Produkte, die man ansonsten nur aus der Werbung vom Fernsehen kannte, nicht mehr unerreichbar. War es Neugier auf diese neuen und bunten Artikel, war es bei manchen sogar Boykott, Fakt ist, immer mehr DDR-Produkte vergammelten mittlerweile in den Regalen oder wurden vom Handel gar nicht mehr abgenommen. Viele Firmen versuchten bereits, sozusagen im Direktmarketing, also vom LKW an die Kunden zu gelangen, boten ihre Produkte auf diesem Wege zu Schleuderpreisen an. Aber nicht jeder Hersteller war damit so erfolgreich, dass es ihn vor dem „Aus" retten konnte. Die Menschen gaben eher horrende Summen aus, um in den Genuss der neuen und unbekannten Waren zu gelangen. Wenn ich die Beweggründe natürlich verstand und mich selbst bei diesem Phänomen gar nicht ausnehmen möchte, sägten wir „Ossis" wohl damals durch dieses Verhalten mit an unserem eigenen Ast. Es wird nicht mehr lange dauern, bis leider auch manche Traditionsunternehmen aufstecken und die Menschen erstmals am eigenen Leibe spüren, was sie bisher nur aus Presse, Funk, Fernsehen oder dem Unterricht kannten: Existenzangst und Arbeitslosigkeit.


 


Die Sache mit dem Ypsilon                                                                                                              Die Kinder haben sich gut eingelebt. Sie genießen im wahrsten Sinne des Wortes, ihre persönlichen Freiräume. Der Kontakt zu den Nachbarskindern gestaltet sich noch zurückhaltend. Ich hoff e, dass sich das mit dem Ende der Ferien und dem Besuch der neuen Schule ändern wird. Einen Kindergartenplatz für Danny, der nun fast 4 Jahre alt ist, finden wir recht schnell. Eine wunderbare Einrichtung mit liebevollen aber auch konsequenten Erzieherinnen, in der Danny sich von Anfang an sehr wohlfühlt und im Nu als Strahlemann die Herzen aller für sich gewinnt. Dirk mit ihm dort erstmals vorstellig, wird nicht allein von der Reaktion seines Sohnes an diesem Tage sehr überrascht sein. Auf die Frage, wo er wohne, antwortet Danny stolz und vollkommen von der Richtigkeit überzeugt: „Na in Y." Ich muss bei der Schilderung schmunzeln, kann ich mir genau denken, wie diese Weisheit zustande kommt. Immer wenn ich jemandem unsere neue Adresse mitteilte, war meine Formulierung: „Gleyeweg mit Y!"


  


Wenn ich könnte, wie ich wollte                                                                                                         ... das waren stets die Worte von Traudchen: der Schulfreundin meiner Oma, die im Westteil lebte und meine Großeltern regelmäßig besuchte. Stets ging vor diesen Treffen eine Wunschliste von West nach Ost auf die Reise, Handtaschen, Uhren, bestimmte Lebensmittel und meine Oma trug alle Geschenke für sie zusammen. Traudchen machte sich immer mit gefüllten Taschen auf den Weg nach Hause. Natürlich hatte auch sie ein paar Aufmerksamkeiten für uns dabei. Zwei Tafeln Sarotti, die so beliebte Lux-Seife, ein paar Strumpfhosen, Kaugummis, eben das Übliche, für uns immer „Besondere!" Sie wurde von meinen Großeltern fürstlich bewirtet, was auch sehr wichtig war, denn sie konnte essen und trinken, als gäbe es kein Morgen. Danach jedes Mal die Worte: „Also ihr Lieben, sollte es jemals anders kommen, für euch wäre mir nichts zu teuer!" Tja und wie wir alle wissen, es kam anders. Um es kurz zu machen. Wir waren einmal bei ihr zu einem Frühstück eingeladen, danach meldete sie sich nie wieder.


 


Kontakte über´n Gartenzaun                                                                                                   Natürlich war den Nachbarn nicht verborgen geblieben, wer oder was die Neuen waren. Immer noch fuhr Dirk jeden Tag in Uniform nach Marxwalde, seinem Traum entgegen, von dem wir im tiefsten Herzen bereits wussten, dass er einer Sternschnuppe glich. Sie verhielten sich zum größten Teil sehr zurückhaltend. In dieser Zeit der politischen Veränderungen und einer Siedlung, in der viele von ihnen bereits geboren wurden, aufwuchsen und ihre eigenen Kinder großzogen, sicher eine verständliche Reaktion. Ich empfand mich dadurch anfangs aber in gewisser Weise als Eindringling. Recht schnell war uns klar, dass wir hier nur mit Freundlichkeit und Ausdauer punkten konnten. Um es kurz zu machen, steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann wurde dieser, unser Plan, von Erfolg gekrönt und wir lebten über die vielen Jahre eine wunderbare Nachbarschaft: Vertrauensvoll, mit dieser so typischen Hilfsbereitschaft und den freundschaftlichen Zusammenkünften zu jeder Gelegenheit, ohne sich in seiner Privatsphäre einzuschränken. 


Für die ersten engeren Kontakte über den Gartenzaun hatte mal wieder mein Vater gesorgt. In seiner so unverfänglichen und offenen Art lud er unsere direkten Nachbarn, Adolf und Ilse, auf ein Bierchen ein. Ja, so war er! Mein Vater! Mein Haus war auch sein Haus und in gewisser Weise stimmte das ja auch. Ohne die uneingeschränkte moralische und finanzielle Unterstützung meiner Eltern wären viele Dinge niemals möglich gewesen. Auch wenn ich es viel  zu selten gesagt habe, dafür werde ich ihnen ein Leben lang unendlich dankbar sein: „Liebe Bimi, lieber Papi, ich hoffe, es ist bei euch da „oben" angekommen." 


Mit Adolf und Ilse verstehen wir uns von Anfang an sehr gut. Dennoch wird es geraume Zeit dauern, bis der Kontakt zu uns öffentlich gemacht wird. Erst einmal getrennt von den anderen eingeladen, um sie wohl nicht zu brüskieren, wird Ilse als erste Stellung beziehen. Ein langjähriger Nachbar und Freund bei gemeinsamen Treffen geraume Zeit diskutieren und provozieren aber irgendwann das Handtuch werfen. Er, der offen bekundete, dass das Ende der DDR und ihres politischen Systems für ihn ein großes Glück bedeutete, wird schneller als erwartet, Opfer des neuen Systems. Sicher hoch motiviert, viele Träume und Pläne im Kopf  und im Herzen, wird er letztendlich alles verlieren und die Siedlung irgendwann verlassen müssen. Ähnlich geht es auch einigen Nachbarn, die in „ihrem" Haus als Mieter wohnten. Es gab ganze Straßenzüge, aber auch einige frei stehende Einfamilienhäuser, die zu diesem Zeitpunkt noch der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) unterstanden. Manchem hatte man den Kauf bereits vor Jahren angeboten, nicht jeder ging darauf ein. Viele Kosten, die Eigentümer selbst zu tragen hatten, wurden so natürlich von der KWV übernommen. Nun aber müssen sie bangen und aufgrund bestehender Rückübertragungsansprüche wird es auch jene geben, die ihr Heim verlieren. Andere rettete zu gegebener Zeit das sogenannte „Modrow-Gesetz." Es bot den Betroffenen die Möglichkeit, Haus und Grundstück zu Sonderkonditionen zu erwerben. Soweit mir bekannt ist, beinhaltete dieses Gesetz eine vorgeschriebene „Wiederverkaufsklausel", um Spekulanten keine Chance zu geben, sicherte letztendlich und glücklicherweise vielen Familien ihr langjähriges zu Hause. Auch bei uns wird es über 2 Jahre dauern, bis der lang ersehnte Grundbucheintrag


uns zu rechtmäßigen Eigentümern machte.


 


Das Ende                                                                                                                                   Obwohl Dirk, wie ich bereits schrieb, weiterhin natürlich seinen dienstlichen Pflichten nachgeht und jeden Flugdienst genießt, glauben wir schon lange nicht mehr daran, dass der Standort Marxwalde auf Dauer eine Perspektive hat. Auch wenn diese Einsicht sehr schmerzte, versuchten wir es in gewisser Weise sogar zu verstehen. Wir zählten zu den Verlierern der Geschichte, für manche sogar zu den Tätern. Hätten wir die Bundeswehrsoldaten, wenn es anders herumgekommen wäre, mit offenen Armen empfangen? Ich glaube nicht. 


Mittlerweile wurden über Presse und Dienststellen bereits entsprechende Umschulungsmaßnahmen angeboten, was uns in unserem Standpunkt natürlich bestärkte. Dirk wird von einem Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht: „Junge, hör dir das doch wenigstens mal an, vielleicht ist das ja was für dich. Machen wir uns nichts vor. Hier wird bald das Licht ausgemacht." Wir beide philosophierten das ganze Wochenende, was war richtig, was war falsch? Sollten wir ausharren oder unserer inneren Stimme folgen? Drei Kinder mussten ernährt werden! Natürlich prüften wir auch alle Möglichkeiten, die sich boten, um in irgendeiner Weise weiter zu fliegen. Doch zu diesem Zeitpunkt waren Angebote in dieser Richtung rar. Erschwerend kam hinzu, dass notwendige Umschulungen auf andere Maschinen selbst finanziert werden mussten, ohne zu wissen, ob sich danach eine Einsatzmöglichkeit bot. Vielleicht nennen es manche fehlenden Mut zum Risiko oder Unflexibilität. Für uns war es Mathematik, einfaches Rechnen, das vielen heute so schwer fällt. Der Vergleich von Soll und Haben hielt uns dann doch von diesem Weg ab. Sonntag fahren wir noch einmal zu meinen Eltern, um ihren Rat einzuholen aber letztendlich werden auch sie uns diese schwere Entscheidung nicht abnehmen können. Unter dem Motto: Zuhören verpflichtet ja erst einmal zu gar nichts, wird Dirk die Informationsveranstaltung besuchen. Da an diesem Tag auch ein Flugdienst angesetzt war, gestaltete sich das Zeitfenster sehr eng. Doch Dirk ist optimistisch, alles in dem vorgegebenen Zeitrahmen zu bewältigen. Ansonsten, so hatte sein Vorgesetzter ihm zugesagt, würde er die Verantwortlichen rechtzeitig über den Grund der Verspätung unterrichten. Bis heute ist uns nicht bekannt, ob er dieses Versprechen dann wirklich einlöste. Denn es kam, was kommen musste. Dirk wird erstmalig nicht pünktlich zum Flugdienst erscheinen und nie mehr als Pilot in ein Jagdflugzeug steigen dürfen. Ein harter Schlag und ein Ende, das für ihn hätte nicht schmerzlicher ausfallen können. Nach all den Jahren der vorbildlichen Pflichterfüllung wird ein Verantwortlicher ihn plötzlich in einem ganz anderen Licht sehen. Wohl als Abtrünnigen, Wendehals oder sogar Verräter soll ihn diese Entscheidung nun angemessen strafen. Ich kann sicher nur erahnen, wie schwer Dirk daran trug. Nach außen demonstrierte er Fassung. Dennoch spürte ich diesen tiefen Schmerz darüber, ihm so die Möglichkeit des bewussten Abschiednehmens von seinem Traum, diesen letzten verinnerlichten Flug, sicher mit Wehmut aber dennoch ganz tief im Herzen festgehalten, versagt zu haben. 


Dirk wird kurze Zeit später die Armee verlassen und seine Umschulung zum Einzelhandelskaufmann und staatlich geprüften Betriebswirt beginnen. Parallel dazu werden wir aber immer noch weitere Einsatzmöglichkeiten prüfen. So bewirbt er sich auf eine ausgeschriebene Stelle beim Bundesgrenzschutz (BGS) und auch bei der Berliner Polizei. Der BGS ist sehr interessiert, den Einstellungstest meistert Dirk ohne Probleme. Da aber keine Einsatzmöglichkeiten in und um Berlin garantiert werden können, verwerfen wir diese Idee wieder. Bei der Berliner Polizei sieht es dann etwas anders aus. Den Eignungstest absolviert, wird man ihm bei seiner Auswertung mitteilen: „Abgelehnt! Sie können ja schon froh darüber sein, dass wir Sie überhaupt angehört haben. Früher wären Sie erschossen worden."  


Die ganz persönliche Verarbeitung vom jähen Ende seines Traumes wird Dirk noch geraume Zeit beanspruchen. Er, der wie ich ja bereits schrieb, schon immer dazu neigte, vieles mit sich selbst auszumachen, zieht sich zurück. Fragte ich ihn: „Wie war dein Tag?" lautete seine Antwort nur: „War ok!" Fragte ich nach Einzelheiten, bekam ich zur Antwort: „Was soll ich dir denn davon erzählen? Das interessiert doch eh niemanden." Natürlich war mir klar, dass die Umstellung für ihn gravierend sein musste. Ein Mensch, der von Natur aus nicht mehr als notwendig sprach, von dem selbst seine Kinder behaupten, dass sie wohl heute noch nicht reden könnten, wären sie nur mit ihm aufgewachsen, musste nun lernen, dass kurze, sachliche und auf den Punkt gebrachte Äußerungen nicht mehr zu dem gewünschten Erfolg führten. Auf einmal galt es, mehr zu reden als zu sagen und am besten von oder über sich selbst. So wird es einige Zeit sehr ruhig zwischen uns. Die Angst, uns zu verlieren lässt mich aber kämpfen, wie eine Löwin. Ich rede, heule, streite, schreibe, drohe, letztendlich mit Erfolg. Heilt die Zeit wirklich alle Wunden oder gewöhnt man sich nur an den Schmerz? Auf jeden Fall wird Dirk einen Weg finden, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen und sich dennoch nicht verbiegen zu müssen. Die Umschulung beendet er mit sehr guten Ergebnissen und hat damit eine neue berufliche Perspektive vor sich. 


Die Fliegerei wird er dennoch niemals aus seinem Herzen verbannen, auch wenn er darüber nur zu ganz besonderen Anlässen spricht. Sein Ritual: Zweimal im Jahr, zieht er sich, so seine ganz persönliche Formulierung, den Film „Top Gun" rein und schwelgt dabei in seinen Erinnerungen.


 


Eine sehr schwere Entscheidung                                                                                                    Die folgenden Monate kämpfen wir um das finanzielle Überleben. Das Geld, das Dirk während seiner Umschulung erhält, reicht oft nur gerade so oder ab und an auch gar nicht. Wie sagt man so schön: „Manchmal war am Ende noch ganz schön viel Monat übrig!" Irgendwelche Sprünge waren da nicht möglich. Ein neues Stück Kleidung purer Luxus. So freute ich mich immer riesig, wenn meine Mutti mal wieder einen Pullover ausrangierte oder ich ihn ihr mit Charme oder der Unterstützung meines Vaters entlockte. Jahrelang trug ich also die „Abgelegten" was ich aber nie als wirkliches Defizit empfand. Wichtiger waren die Bedürfnisse der Kinder, naja und ein leckeres Essen. Aber auch da werden natürlich die Preise ganz genau verglichen. Lange war unter anderem der Werksverkauf der Berliner Wache, einem Fleisch- und Wurstproduzenten, gegenüber vom Tierpark Friedrichsfelde, unsere erste Wahl. Stets standen die Kunden dort in langen Schlangen. Wir gingen nie mit speziellen Vorstellungen in dieses Geschäft sondern schauten, was das Sonderangebot hergab. Erst dann machten wir uns Gedanken, ob das mit unserem Geschmack zu vereinbaren wäre. In dieser Zeit waren wir äußerst kompromissbereit. Sehr oft war die preiswerteste Alternative Kassler. Mal als Kamm, mal als Kotelett und wenn man Glück hatte für 3 oder 4 Mark pro Kilo. Eigentlich eines unserer Lieblingsessen, habe ich seitdem damit meine Schwierigkeiten. Wenn heute Kassler, dann nur Dirk zu Liebe.  


Die Kinder trugen die Sachen vom Krabbeltisch ohne Schildchen oder besser Label, was sie nicht weniger glücklich machte. Nur eine Ausnahme gab es da: wenn Opa mit ihnen einkaufen ging, wurde jedes Enkelkind auch mal mit einem guten Stück bedacht. Bis heute legen sie weder gesteigerten Wert auf diese Markenklamotten noch kommen sie auf die Idee, sich oder andere über solche Äußerlichkeiten zu definieren. Zweimal im Jahr ging es im Fünferpack ab zu Reno, damals noch eine wirklich preiswerte Alternative zu anderen Schuhanbietern. Auch dort fällt mir wieder eine lustige Geschichte ein: Der Winter stand vor der Tür, in diesem Jahr waren schwarze Stiefelchen angesagt. Danny, wohl vier oder fünf Jahre alt, wird sie jedoch eisern boykottieren: „Die will ich nicht, ich möchte fröhliche Schuhe!" Er meinte damit diese preiswerten, bunten Thermostiefel, an die er seit Jahren gewöhnt war.  


Genau in dieser Zeit kündigt sie sich völlig unvorbereitet an - die vierte Schwangerschaft! - Gerade mein 30. Lebensjahr vollendet, noch keine wirkliche Perspektive in Sicht, warf uns dieses Ereignis vollkommen aus der Bahn. Von mir bisher jedes sich ankündigende Baby als einen großen Glücksmoment empfunden, werden wir diesmal vor der schwersten Entscheidung unseres Lebens stehen. Wir machten es uns weiß Gott nicht leicht, zogen alle Möglichkeiten in Betracht und entschieden uns dann aufgrund unserer Situation gegen dieses Baby - eine reine Kopfentscheidung! - sprach mein Herz wohl eine ganz andere Sprache. So erinnere mich noch genau an diesen Moment, als mich jemand mit seinem lauten Weinen und Rufen aus dem Narkoseschlaf weckt. Es dauert nur ein paar Sekunden bis ich bemerke, dass ich selbst diejenige bin. Alle Bettnachbarinnen saßen um mich herum, hielten meine Hand und versuchten, mich irgendwie zu trösten: „Ich will mein Baby wiederhaben." hörte ich mich immer wieder sagen. Zu Dirk später: „Egal, was passiert, das kann ich nie wieder über mich ergehen lassen, so etwas werde ich nicht noch einmal schaffen!" Viele Jahre werde ich zutiefst leiden und immer wieder versuchen, „es" gut zu machen. Ich werde nie wieder schwanger ... 


Dennoch empfinde ich dieses verbriefte Recht der Frau, selbst entscheiden zu können, ob sie sich in der Lage fühlt, dieses werdende Leben auszutragen, auf die Welt zu bringen und liebevoll und entsprechend seiner Bedürfnisse aufzuziehen, als eine große Errungenschaft. Ich kenne keine Frau, die leichtfertig mit dieser Entscheidung umgeht. Stundenlange Gespräche und schlaflose Nächte gehen ihr oft voraus. Betroffenen, die mich ins Vertrauen zogen, sagte ich stets: „Es ist dein Recht, dich so oder so zu entscheiden, lass dir von niemandem einreden, dass du deshalb ein schlechter Mensch bist. Wenn du dich danach - sicher traurig aber dennoch erlöst fühlst - hast du, im Gegensatz zu mir, für dich ganz persönlich die richtige Entscheidung getroffen."


 


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