Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > OLD LOVE, NEW LIFE
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe OLD LOVE, NEW LIFE, Josie Charles
Josie Charles

OLD LOVE, NEW LIFE


Kleinstadt-Liebesroman

Bewertung:
(14)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
186
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

 


Prolog


 


Hood River, Oregon


Februar


 


Colin


 


Es hat wieder zu schneien begonnen und Anna fröstelt, während wir den abendlichen Eliot Drive entlanglaufen. In keinem der Häuser brennt mehr Licht und lediglich der Geruch von verglühtem Kaminholz deutet darauf hin, dass wir nicht die einzigen Menschen in der Stadt sind.
Schützend lege ich meinen Arm um ihre Schultern und sie lächelt dankbar zu mir herauf, auch wenn ich mir sicher bin, dass sie trotzdem noch friert. Die Kälte in Oregon ist besonders, ganz anders als in anderen Teilen der Welt – das habe ich mir zumindest sagen lassen, denn sonderlich viel herumgekommen bin ich noch nicht. Es heißt, der Winter hier wäre eisiger als anderswo, da wir von den Cascades umgeben sind, einem Gebirge, das regelmäßig von Kältewellen aus der Arktis gestreift wird. Keine Ahnung, ob das stimmt, ich bin schließlich kein Meteorologe, aber eines steht fest: Heute Nacht ist es wirklich bitterkalt. Sogar die Lavendelfelder im Tal sind von Eis überzogen.
»Das war ein wunderschöner Abend, Colin«, bibbert Anna, als wir uns ihrem Haus an der Kreuzung 6th Street nähern.
Ich bleibe stehen und wende mich ihr zu. Eine Schneeflocke hat sich in ihren Wimpern verfangen und ich streife einen meiner Handschuhe ab, um sie zu entfernen. »Das fand ich auch.«
Anna hält ganz still, nur ihr Lid flattert leicht, während ich die Flocke mit dem Zeigefinger aufzufangen versuche. Dabei schmilzt sie und perlt von meiner Hand direkt in Annas Dekolleté. Ich gebe mir alle Mühe, den Weg des Wassertropfens nicht mit dem Blick zu verfolgen, aber ganz gelingen will es mir nicht. Anna scheint zu bemerken, wo ich hinsehe, denn sie verschränkt die Arme vor der Brust, was ihren Ausschnitt noch besser zur Geltung bringt. Zwar trägt sie einen dicken Mantel mit Kunstfellbesatz, aber keinen Schal, sodass ich eine ausgezeichnete Sicht auf ihre blasse, weiche Haut habe. Sofort beginne ich mir auszumalen, wie sich ihre Brüste wohl anfühlen und wie es wäre, den halbmondförmigen Schlitz in der Mitte ihres Dekolletés mit meinen Lippen zu erkunden. Ich muss mich regelrecht zwingen, den Blick abzuwenden und mich wieder in Bewegung zu setzen.
»Danke«, haucht Anna und klingt jetzt nicht mehr, als wäre sie kurz vorm Erfrieren.
Ich glaube, ihr geht es genau wie mir: Je näher wir ihrer Haustür kommen, desto intensiver denkt sie darüber nach, wie die kommende Nacht verlaufen könnte. Es sind ziemlich heiße Gedanken, die ihr vermutlich genauso bildhaft durch den Kopf spuken wie mir. Unmöglich, dabei noch zu frösteln.
Bisher hat sie mich allerdings nicht gefragt, ob ich gleich noch mit reinkommen möchte, und falls sie es tut, weiß ich nicht, ob es so klug wäre, ja zu sagen. Ihr Dad ist einer der örtlichen Lavendelfarmer, ein Mann, der wenig redet, sondern stattdessen lieber Taten sprechen lässt. Einer von der Sorte, die dir das linke Ei wegschießt, wenn du seiner Tochter das Herz brichst. Aber ich mag mein linkes Ei und möchte es genauso gern behalten wie mein rechtes. Von daher fürchte ich, die Nacht mit Anna zu verbringen, wäre nicht die beste Entscheidung meines Lebens. Zugleich ist mir allerdings klar, dass ich kaum widerstehen könnte, sollte sie mir ein Angebot machen.
»Colin«, sagt sie in diesem Moment. »Um ehrlich zu sein, habe ich schon lange darauf gewartet, dass du mich mal um ein Date bittest.«
»Ach ja?«, frage ich interessiert, obwohl ihre Worte mich nicht wirklich überraschen.
Anna kellnert im Belmont Brook, der einzigen Bar von Hood River, und wirft mir seit Monaten bei jedem meiner Besuche eindeutig-zweideutige Blicke zu. Ich hoffe nur, diese Blicke bedeuten nicht, dass sie ernsthaft einen Narren an mir gefressen hat. Für mich ist sie eine Frau für ein schnelles Abenteuer. Für eine Nacht, die ich nicht allein verbringen muss, was ich ohnehin nicht gerne tue. Als überzeugter Single muss ich es aber in der Regel.
Sollte ich ihr Traumprinz sein, haben wir zwei ein Problem.
Vor ihrem Haus, dessen Verandadach wirkt, als würde es unter dem Schnee bald zusammenbrechen, bleibt sie stehen. Eiszapfen hängen daran wie spitze Messer, die nur darauf warten, ungebetene Gäste zu erdolchen. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich schnellstens den Rückzug antreten sollte.
»Hier sind wir.«
»Ja, ich weiß.« Ich nehme den Arm von Annas Schulter, stecke die Hände in die Taschen meines Mantels und sehe sie abwartend an.
Vor ihren Lippen, die die Farbe reifer Äpfel haben, bilden sich kleine Wölkchen, als sie sagt: »Ich habe vergessen, die Heizung aufzudrehen, als ich gegangen bin.«
»Das ist Mist«, gebe ich mit einem angedeuteten Schmunzeln zurück, weil ich schon ahne, was als Nächstes kommt.
Anna legt ihre Hand auf meine Brust und fährt fort: »Nicht, wenn du mich wärmst.«
Und da ist er, der alles entscheidende Moment, der möglicherweise über die Zukunft meines linken Eis entscheidet. Jetzt sollte ich besser nichts Falsches sagen.
»Tja, weißt du ...« Über Annas glänzendes Haar hinweg sehe ich auf die mit Eisblumen bedeckten Fensterscheiben ihres Hauses. »Für eine Nacht könnte ich das sicher tun.«
»Eine Nacht ...«, wiederholt Anna und ihre Finger wandern von meiner Brust zu meinem Nacken. Ihre langen Nägel streifen meine Haut und jagen eine Gänsehaut über meinen Rücken, »... würde mir völlig reichen. Morgen kann ich ja die Heizung wieder anmachen.«
Ein triumphierendes Grinsen breitet sich auf meinen Lippen aus. Genau das wollte ich hören.
»Dann sehen wir mal, was ich tun kann«, erwidere ich und wir machen uns Arm in Arm auf den Weg zur Tür. Bis auf unsere Atemzüge und das Knirschen unserer Schritte ist es absolut still in Hood River, und so zuckt Anna vor Schreck heftig zusammen, als plötzlich das Handy in meiner Innentasche klingelt.
Irritiert werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Es ist fast Mitternacht. Wer ruft mich um diese Zeit an?
»Warte eine Sekunde«, sage ich, bleibe stehen und ziehe das Handy hervor.
»Hast du eine Ehefrau, von der ich nichts weiß?«, scherzt Anna noch, aber ich höre nur mit halbem Ohr hin. Etwas an dieser Situation, an dem plötzlichen Klingeln meines Smartphones auf der leeren, nächtlichen Straße, hat ein eigenartiges Gefühl in mir aufsteigen lassen, eine plötzliche Anspannung, die ich mir selbst nicht erklären kann. So muss sich eine miese Vorahnung anfühlen.
Ich schaue aufs Display. Die Nummer ist mir unbekannt, also hole ich Luft, nehme den Anruf an, presse mir das kühle Telefon ans Ohr und sage mit fester Stimme: »Hallo, Colin Gilmore am Apparat?«
Die Person am anderen Ende der Leitung räuspert sich, dann beginnt sie zu sprechen – und in diesem Augenblick weiß ich, dass in meinem Leben nie mehr etwas sein wird wie zuvor.


***


 


Seattle, Washington


 


June


 


Heute war mein letzter Arbeitstag und ich bin so aufgeregt wie ein Kind nach den Sommerferien. Mit einem Pappkarton, in dem all meine Habseligkeiten verstaut sind, die ich während meiner Zeit bei der Eventagentur SeattleCT angesammelt habe, sitze ich in der Stadtbahn und kann es kaum glauben. Ich habe gekündigt. Ich habe diesen Schritt tatsächlich gewagt und nachher werde ich noch einen weiteren gehen.
Heute ist der Tag der Tage und ich freue mich jetzt schon auf Lucas’ Gesicht. Sein großer Wunsch war es immer, mit mir eine Familie zu gründen, doch dank meines 24/7-Jobs in der Agentur mussten wir unsere Pläne immer wieder verschieben.
Aber damit ist jetzt Schluss.
Ich werde Lucas einen Antrag machen, auch wenn mir allein beim Gedanken daran übel wird vor Aufregung. Ich weiß, dass es eigentlich sein Part sein sollte, um meine Hand anzuhalten, aber ich glaube, das habe ich mir damals bei unserem Kennenlernen gründlich versaut. Ich kam gerade aus einer gescheiterten Beziehung und habe einem Date mit Lucas zugestimmt, ohne große Erwartungen zu haben. Desillusioniert von der Liebe habe ich ihn wissen lassen, dass Beziehungen nur ein kurzer Zeitvertreib für mich seien und ich niemals vorhätte, zu heiraten. Ich war frustriert und konnte ja nicht ahnen, dass aus dem kurzen Zeitvertreib drei Jahre werden sollten. Drei Jahre mit der Aussicht auf mehr. Viel mehr.
Wie als Bestätigung, dass meine Entscheidung die richtige ist, beginnt der Wackelhund, der auf einem Berg von Magazinen in meinem Karton thront, eifrig zu nicken, als die Stadtbahn mit einem Ohrenschmerzen verursachenden Quietschen anhält. Das rosafarbene Hündchen sieht mich aus großen Augen an und ich nicke lächelnd zurück, ehe ich aufstehe, um auszusteigen. Ich habe es nicht über mich gebracht, das hässliche Dekotierchen wegzuwerfen, das jahrelang auf meinem Schreibtisch vor sich hin staubte. Meine Arbeitskollegin Lara hatte es an meinem ersten Tag bei SeattleCT in ihrem Happy Meal (ein Spleen von ihr) und kurzerhand neben meine Tastatur gestellt. Für das Hündchen bricht jetzt also ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt an.
Ich steige an einer der überirdischen Haltestellen aus und sehe mich ganz automatisch um, auch wenn ich den Weg nach Hause natürlich in- und auswendig kenne. Dann gehe ich los, mit beschwingten Schritten und dem Karton fest im Arm.
Heute ist also der Beginn vom Rest meines Lebens.
Eines perfekten Lebens mit einem liebevollen Mann, einem zuckersüßen Baby und einem Haus.
Zugegeben. Bisher haben wir nur Letzteres, aber nach heute Abend wird Lucas zumindest mein Verlobter sein und dann nehmen wir die Sache mit dem Baby endlich in die Hand. Mit fast dreißig wird es Zeit, anzukommen.
Die zehn Minuten Fußweg zu unserem gemütlichen Haus in der Nähe des Ravenna Parks lege ich beinahe in Trance zurück. Mit den Gedanken bin ich bei heute Abend, bei meinem Antrag. Ich male mir Lucas’ Reaktion aus. Den verdutzten Gesichtsausdruck, wenn er versucht, zu verstehen. Die Tränen in seinen Augen, wenn er Ja sagt. Unsere beiden strahlenden Gesichter, wenn wir uns unter Applaus in die Arme fallen und am liebsten nie wieder loslassen würden.
»Da wären wir. Willkommen in deinem neuen Zuhause«, sage ich zu dem Hund, stelle den Karton auf einem meiner Knie ab und bringe das Kunststück fertig, die Tür aufzuschließen, ohne umzufallen oder meinen Bürokram überall auf dem Boden zu verteilen.
Das Haus ist still und leer. Es riecht nach Lucas, nach mir, nach dem ganz normalen Leben.
Ein dezenter Kaffeeduft wabert durch die Luft, gepaart mit Lucas’ Aftershave und meinem blumigen Parfüm. Als ich den Karton an der Garderobe abstelle, dringt mir der Geruch von Leder und getragenen Turnschuhen in die Nase. Ich male mir aus, dass sich dazu bald ein Hauch von Babypuder und Fruchtbrei mischen könnte.
Lächelnd steige ich die Stufen der hellen Holztreppe nach oben. Ich liebe unser Zuhause. Von außen macht es mit seinem hellgrünen Anstrich nicht viel her, aber von innen ist es mein absolutes Traumhaus. Große Räume, heimelige Holzmöbel, riesige Fenster und in der Küche ein freistehender Herd mit Blick in den Garten. Ich gehe ins Schlafzimmer, das sogar einen begehbaren Kleiderschrank besitzt, und hole das violette Kleid vom hintersten Bügel, das ich mir extra für heute Abend gekauft habe. Als der seidige Stoff durch meine Finger gleitet, steigert sich meine Aufregung ins Unermessliche.
Was ist, wenn Lucas nein sagt?
Unsinn. Er wartet nur darauf, dass wir den nächsten Schritt gehen.
Und was ist, wenn er sauer wird, weil ich gekündigt habe, ohne vorher mit ihm darüber zu sprechen?
Ich schüttle auch diese Sorge ab. Lucas versucht seit Monaten, mich dazu zu drängen, den Job bei SCT zu kündigen, damit wir eine Familie gründen können, und wird sich über meine Entscheidung freuen.
Kein Grund zur Panik also.
Ich atme einige Male tief durch und werfe dabei einen Blick in den mannshohen Spiegel an der Rückseite des Schrankes. Meine Wangen glühen vor Aufregung und meine Lippen glänzen feucht. Wenn Lucas mich so sehen könnte, würde er mich über die Schulter werfen und zum Bett tragen, um dort über mich herzufallen.
Aber alles zu seiner Zeit.
Ich werfe mir selbst einen Kussmund zu, dann verlasse ich den Schrank, um mich fertigzumachen.
Mein blondes Haar drehe ich zuerst auf, dann stecke ich es hoch, nur um dann doch wieder ein paar Strähnen herauszuzupfen. Dazu trage ich dezentes Make-up auf, denn das lilafarbene Kleid ist Hingucker genug. Zuletzt schlüpfe ich in die Pumps, die zwar nicht bequem, aber sexy sind, dann rufe ich mir ein Taxi und vergewissere mich zum gefühlt hundertsten Mal, dass ich den Ring dabei habe. Ich war mir nicht sicher, ob ich Lucas mit oder ohne Ring fragen soll, habe mich dann aber für die klassische Variante entschieden – nur eben in umgekehrt.
Als das Taxi vorfährt, rast mein Herz so schnell, dass ich fürchte, jeden Moment zu kollabieren. Mit wackligen Knien steige ich ein, knicke beinahe um und bereue kurz, dass ich keine Sneakers trage. Der Fahrer macht mir einige Komplimente zu meinem Outfit, die ich nur am Rande wahrnehme, ehe er in Richtung des Restaurants losfährt, in dem sich Lucas heute zu einem Essen mit unseren gemeinsamen Freunden Allie und Lincoln trifft. Ich habe bereits vor einigen Tagen abgesagt und Lucas ermutigt, alleine hinzugehen, damit die Überraschung größer ist, wenn ich doch noch auftauche. Ich habe überlegt, Allie einzuweihen, aber sie hätte es Lincoln weitererzählt und der kann kein Geheimnis für sich behalten.
Während das abendliche Seattle an uns vorbei zieht, nestle ich an meinem Kleid herum und bemühe mich, die Gefühlsmischung in meinem Inneren unter Kontrolle zu bringen. In mir toben Vorfreude, Unsicherheit und Anspannung. Doch je näher wir dem Restaurant kommen, desto ruhiger werde ich. Als der Fahrer schließlich vor dem La Gemme hält, haben meine Beine aufgehört, unkontrolliert auf und ab zu wippen und meine Hände zittern nicht mehr.
Immerhin.
Ich bezahle den Fahrer und steige aus. Mittlerweile ist es finster und ziemlich kalt. Das La Gemme funkelt in der Dunkelheit wie ein Diamant und es zieht mich magisch ins warme Innere.
Ein Kellner mit ordentlich gescheitelten Haaren und einem bis unters Kinn zugeknöpften Hemdkragen begrüßt mich freundlich. Ich erkenne, dass an seinem Hals ein paar Tattoos unter dem Stoff hervorlugen und bin froh, dass es sich offenbar um nicht ganz so einen edlen Laden handelt, wie ich befürchtet habe.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Ja, vielleicht. Ich möchte zu meinem ...« Kurz überlege ich, dann beschließe ich, schon mal zu üben. »Zu meinem Verlobten. Lucas Tusket. Er hat heute Abend einen Tisch bei Ihnen reserviert.«
Der Kellner antwortet nicht sofort, sondern runzelt die Stirn, als würde er plötzlich nicht mehr meine Sprache sprechen und versuchen, mich trotzdem zu verstehen.
Über seine Schulter hinweg spähe ich in den warm beleuchteten Speiseraum. Nahezu jeder Tisch ist besetzt und ein Stimmengewirr, das sich beinahe wie das Summen in einem Bienenstock anhört, dringt an mein Ohr.
»Wenn Sie nicht wissen, wo er sitzt, ist das kein Problem. Ich finde ihn schon.« Ich will mich gerade an dem Kellner, der offenbar zur Salzsäule erstarrt ist, vorbeizwängen, als dieser doch noch beschließt, sich aus seiner Erstarrung zu lösen.
Er hält mich am Arm fest und als ich leicht überrascht auf seine Finger blicke, lässt er mit einem verlegenen Räuspern wieder los. »Gerne bringe ich Sie zu dem Tisch, an dem Mister Tusket mit seiner Begleitung sitzt. Folgen Sie mir.«
Mit seiner Begleitung. Das klingt ja beinahe so, als wäre Lucas mit einer anderen Frau hier und nicht mit unseren Freunden. Zuerst will ich den Kellner darauf hinweisen, wie schlecht seine Worte gewählt sind, lasse es dann aber, weil sich plötzlich wieder die Nervosität in mir breitmacht.
Diesmal fühlt sie sich aber anders an.
Schlimmer.
Als hätte ich eine schlechte Vorahnung.
Sicher liegt das an den Worten des Kellners, weil meine Fantasie sofort angefangen hat, sich selbstständig zu machen und mir Lucas mit einer fremden Frau am Tisch sitzend und flirtend vorgegaukelt hat.
»Das sind nur die Nerven«, flüstere ich mir zu, während ich dem Kellner in die hintere Ecke des La Gemme folge. Das sieht Lucas ähnlich. Er sitzt gerne ungestört und weit entfernt von der Tür. Ich lächle, weil ich meinen zukünftigen Verlobten so gut kenne.
Nach einigen weiteren Schritten kann ich bereits sein Lachen in dem Stimmengewirr ausmachen, dann entdecke ich Lincoln und Allie, sehe Lucas’ Hinterkopf und ... den einer Brünetten.
Das kann nicht sein.
Wie vom Donner gerührt bleibe ich stehen und schüttle den Kopf. Wieder und wieder.
Lucas und die anderen haben mich noch nicht bemerkt. Sie scherzen weiter, während Lucas eine Hand hebt, sie in den Nacken der fremden Frau legt und in ihrem dichten Haar vergräbt.
Auf einmal fühlt es sich an, als würde ich ins Bodenlose fallen. Schlimmer noch. Als würde ich in einen Abgrund stürzen, während um mich herum alles zusammenbricht.
»D-das ...«, stammle ich, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen möchte. Mein Kopf ist wie leergefegt.
Der Kellner dreht sich zu mir herum und wirft mir einen mitleidigen Blick zu. Er hat es gewusst. Er und Allie und Lincoln. Sogar Lincoln, der sonst nichts für sich behalten kann! Sie alle haben gewusst, dass Lucas zweigleisig fährt.
Wie lange macht er das schon?
Seit einem Monat? Einem Jahr? Oder schon immer?
Ich stehe wie angewurzelt mitten im La Gemme und habe keine Ahnung, was ich als Nächstes tun soll. Die ersten Gäste gucken bereits und der Kellner tritt unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Wahrscheinlich ist er sich unsicher, ob er mich alleine lassen kann oder mich besser im Auge behalten sollte.
Er soll bleiben.
Er soll verschwinden.
Er soll mich mitnehmen.
Gottverdammt, irgendwer muss mich aus diesem Albtraum aufwecken!
»Miss?«, fragt der Kellner vorsichtig, als hätte er meine Gedanken gelesen, aber ich weiß nicht, was ich antworten soll.
Ja? Nein? Verpiss dich?
»Ich ...«, flüstere ich, unfähig, die Augen von Lucas und seiner neuen Freundin zu nehmen. Die beiden wirken so vertraut wie ... Ja, wie was? Wie wir normalerweise?
Der Anblick versetzt mir einen tiefen Stich und hinterlässt eine Wunde, die wahrscheinlich nie wieder heilen wird.
»Kommen Sie, ich bringe Sie nach draußen«, bietet der Kellner an, aber es ist bereits zu spät.
»June?«, krächzt Allie.
Sie ist die Erste, die mich bemerkt hat. Sofort richten sich die Blicke aller am Tisch auf mich. Lincoln wirkt angetrunken und als würde er mich zuerst nicht einordnen können. Die Brünette kommt mir angefressen vor, weil ich ihr Date crashe. Und Lucas? Lucas sieht mich einfach nur an.
Fast so, als hätte er mit mir gerechnet. Seine Züge wirken entspannt, vielleicht sogar erleichtert.
Was hat das zu bedeuten? Ist er froh, dass ich es selbst herausfinde und ihm so die Bürde abnehme, mir seinen Seitensprung zu beichten? Oder steht er unter Schock?
Ich jedenfalls tue es. Es fühlt sich an, als wäre alle Farbe aus meinem Gesicht gewichen. Ich zittere am ganzen Körper und friere, obwohl sich meine Haut schweißnass anfühlt und mein Herz fest und unrhythmisch pocht.
Allie wiederholt meinen Namen und das bricht den Bann.
Endlich schaffe ich es, mich zu rühren.
Doch anstatt auf Lucas zuzustürmen und ihm und seiner neuen Flamme eine Szene zu machen, laufe ich nach draußen in die kalte Februarnacht.
Niemand folgt mir und ich fühle mich ernüchtert. Gedemütigt. Verloren.
Das ist er dann wohl. Der Anfang vom Rest meines neuen Lebens ...


***


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs