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Belletristik
Buch Leseprobe Nur der Tod vergisst, Peter Hakenjos
Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst



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Nur der Tod vergisst


Peter Hakenjos


 


 


Tengo miedo del encuentro


con el pasado que vuelve


a enfrentarse con mi vida.


 


Tengo miedo de las noches


que pobladas de recuerdos


encadenan mi soñar.


 


Ich habe Angst, meiner Vergangenheit zu begegnen,


die zurückkehrt, um meinem Leben entgegenzutreten.


 


Ich habe Angst vor den Nächten,


die bevölkert von Erinnerungen


meine Träume in Ketten legen


 


aus: Volver, argentinischer Tango von Carlos Gardel und Alfredo Le Pera


 


 


Normandie, Juli 1944


In der Ferne war das Brummen schwerer Motoren zu hören. Sie kamen näher. Das Gesicht nur knapp über der vom Morgentau noch feuchten Erde, spähte Ulf aus dem schmalen Schlitz zwischen seinem Helm und dem Wall des hastig aufgeworfenen Schützenloches. Die Panzerfaust lag an seiner Seite. Die Zünder von vier magnetischen Sprengladungen für den Panzernahkampf hatte er eingedreht und drei der Haftminen mit ihrem langen Stiel zuvor außerhalb seiner Deckung deponiert. Er wusste, woher der Feind kommen musste. Eine dicke Lehmschicht verbarg die SS-Runen seines Stahlhelmes. Ihm blieb nur das Warten. Im milchigen Licht der Morgendämmerung war Ulf kaum auszumachen. Er würde sterben. Noch war es kühl, doch die Hitze des Julitages war schon zu ahnen. Die weiten, gewellten Ebenen der Normandie, parzelliert von Mauern aus grauen Bruchsteinen und endlosen Hecken, trugen die Pockennarben des Krieges: Gräben, ausgehoben von Soldaten, die in ihnen verblutet waren und tiefe Trichter in der fruchtbaren Erde, aufgerissen vom Granatfeuer. Panzerspuren, eingegraben im lehmigen Boden und niedergemalmte Sträucher und Bäume zeugten davon, dass die Wiesen und Felder um Caen mit allem Fanatismus umkämpft wurden, die der Weltkrieg zu bieten hatte.


 


Es war ein guter Tag, um alles hinter sich zu lassen. Er fühlte nichts, fühlte nicht die Anspannung, die ihn sonst vor einem Gefecht befiel. Noch war der Feind nicht zu sehen. Nur das Dröhnen der Motoren und das metallische Klirren von Panzerketten verrieten sein Kommen. Sie konnten sich nur über den breiten Feldweg nähern. Die Bresche in der Mauer, durch die der Weg führte, war vermint. Der erste Panzer würde den Durchgang blockieren. Das würde sie zum Stehen bringen. Die Steinwälle der Bocage-Landschaft niederzuwalzen, hätte sie zu sehr aufgehalten. Zum Wenden fehlte der Platz. Die Falle war perfekt. Der SS-Stoßtrupp hatte sich vor der Bresche eingegraben. Ulf spähte in die Richtung, aus der die britischen Sherman-Panzer kamen, aber das Gelände war unübersichtlich. In wenigen Minuten würden sie in Reichweite sein. Alles war bereit. Es galt, ihre Überraschung zu nutzen. Der Lärm war angeschwollen. Ulf nahm die Panzerfaust in seine Hände. Einige Meter neben sich sah er, wie die Kameraden des Stoßtrupps in ihrem Schützenloch das Maschinengewehr in Stellung brachten. Sie waren wie er Freiwillige für dieses Himmelfahrtskommando. Sie hatten den Befehl, die Vorhut der feindlichen Panzerdivision zu stoppen, bis der eigene Nachschub eintrifft. Der Lärm wurde unerträglich. Da schob sich das Ungetüm eines Panzers durch die schmale Maueröffnung. Die britische Infanterie schien zurückgeblieben zu sein. Gut! Sie hatten hier, so weit entfernt von den Deutschen, keine Gegenwehr erwartet. Dass eine SS-Einheit, getarnt in einem schütteren Wald, Stellung bezogen hatte, wussten sie nicht. Eine Detonation erschütterte die Luft. Der erste Panzer wurde durch die Mine angehoben und sackte wieder auf den Boden zurück. Qualm stieg auf.


 


Noch einmal zog Ulf die nach Abgasen und dem Brandgeruch der Explosion stinkende Luft tief in sich ein, dann sprang er auf, riss die Panzerfaust in die Höhe und nahm den zweiten Panzer ins Visier. Treffer. Flammen schossen aus dem getroffenen Tank. Die Mannschaft versuchte, aus der Luke zu fliehen. Die Maschinengewehre der SS machten ihrer Flucht ein Ende. In den Rücken getroffen, sackten zwei Soldaten in die Knie und blieben liegen. Die nachfolgenden Panzer formierten sich. Ihre Maschinengewehre begannen zu hämmern. Ulf kroch auf den Panzer vor sich zu. Er nutzte jede Deckung, die der steinige Boden bot. In seiner Hand umklammerte er den Stiel einer Sprengladung. Er hechtete hinter den Panzer. Die Besatzung hatte ihn nicht gesehen. Der Drill zahlte sich aus. Die klirrenden Ketten des langsam sich nach hinten schleppenden Shermans, schienen nach ihm greifen zu wollen. Mit einer flinken Bewegung wich er ihnen im Sprung aus. Er war auf dem Panzer. Ein Klacken. Die Sprengladung hatte sich unter dem Turm festgesaugt. Mit einem Zug an der Zünderkette war sie scharf. Er hechtete vom Panzer, rollte sich ab und kroch in Deckung. Sie hatten ihn gesehen. Die Maschinengewehre des nachfolgenden Tanks begannen zu knattern. Ihre Kugelgarben ließen die Erde hinter Ulf in einer Reihe von Sandfontänen aufspritzen. Die Detonation der Sprengladung erschütterte den Boden. Im Panzer explodierte die Munition. Glühend heiße Luft fegte über Ulf hinweg. Ein Steinwall bot die ideale Deckung. Als nur noch das Platzen leichter Munition aus dem Panzer zu hören war, robbte er hinter einer Dornenhecke zu seiner zweiten Sprengladung. Die kantigen Steine schnitten in seine Ellenbogen. Ohne hinzusehen, packte er den Stiel der Panzermine und sprang auf. Das Maschinengewehr ratterte weiter. Mit einem Blick zu den Panzern sah er, wie einer seiner Kameraden von einer Salve erfasst wurde, als er vor einem Sherman flüchtete. Leblos sank der Soldat zu Boden. Er erlebte die Explosion nicht mehr, mit der er die Besatzung des Tanks zu sich in den Tod holte. Der nächste Panzer hatte Raum, um zurückzustoßen. Die Maschinengewehr-Schützen wussten nicht mehr, wo sie ihren Gegner vermuten sollten. Das Feuer hörte auf, während jetzt nur noch ein Panzer wartete, bis er Raum für den Rückzug hatte. Ein kurzer Spurt und Ulf war neben ihm, klackte die Magnete der Sprengladung an, entsicherte und hechtete zur Seite. Kaum in der Deckung eines Steinhaufens erschütterte eine weitere Detonation die Bocage. Der Panzer fuhr los und rammte führerlos einen Wall. Seine Ketten gruben sich ins Erdreich, bis er schließlich reglos an der Stelle verharrte. Die vier nachfolgenden Panzer blieben stehen. Der letzte der Shermans verschwand bereits aus der Sicht. Die anderen richteten im Rückzug ihr Feuer in seine Nähe. Irgendwann würden sie einen Treffer landen. Er musste weg. Die dritte Sprengladung lag über zehn Meter entfernt. Ein kurzer Blick. Er robbte los, um nach einigen Metern aufzuspringen. Die Panzerbesatzung hatte ihn gesehen. Der Geschützturm drehte sich. Das Maschinengewehr ratterte. Mit einem Sprung versuchte er, sich in Deckung zu bringen, da explodierte für den Bruchteil einer Sekunde Schmerz an seiner Schläfe. Die Welt um ihn herum versank im Dunkeln.


 


2


 


Pforzheim, Januar 1944


Der Wind pfiff an jenem Montagmorgen durch den dünnen Schal, der Ulf vor der eisigen Kälte des Kriegswinters schützen sollte. Mit Schneeflocken durchsetzter Regen peitschte gegen sein Gesicht. Er fühlte, wie sich sein Mantel vollsog, während der Wachposten der Buckenbergkaserne in seinem Wachhäuschen grinsend das Dokument studierte, mit dem Ulf sich zur Musterung beim Wehrmeldeamt einfinden sollte. Schließlich wies der Soldat mit einer Kopfbewegung auf den mit einer Stahlgittertür gesicherten, schmalen Zugang zur Kaserne. Gelangweilt starrte die Wache wieder auf die leere Straße vor sich.


 


Die Musterung durch die Militärärzte verlief, wie er es erwartet hatte. Nackt und frierend stand er in einer Reihe mit über zehn anderen achtzehnjährigen Männern und verdeckte mit den Händen seine Genitalien. Stolz lächelnd hörte er nach der Untersuchung endlich das laut nach hinten gerufene „voll tauglich“. Er konnte überall eingesetzt werden. Beim Betreten des bis auf ein paar Aktenschränke fast leeren Büros, in dem die Zuordnung zu einer Waffengattung erfolgen sollte, schlug Ulf enorme Hitze entgegen. In der Ecke neben einem hohen Fenster, das fast bis unter die Decke reichte, stand ein riesiger Kanonenofen, der nahezu glühte und den Raum mit dem säuerlichen Geruch des Kohlenfeuers füllte. Vor einem schweren, schwarz gebeizten Schreibtisch aus Eiche, warteten drei junge Männer, aufgereiht und still vor sich hinstarrend. Geduldig harrten sie aus, bis sie von einem ergrauten Oberfeldwebel der Wehrmacht aufgerufen wurden. Sein Uniformjackett stand offen und Ulf vermutete, dass der leichte Alkoholgeruch im Raum von dem Soldaten stammen müsse. Ohne von dem vor ihm liegenden Formular aufzusehen, wies der Oberfeld mit einer brüsken Bewegung des Zeigefingers auf das Ende der kleinen Schlange. Ulf stellte sich schweigend an. Als er mit einem barschen „Nächster“ an der Reihe war, fragte der Soldat knurrend: „Waffengattung?“ Ulf stand stramm und antwortete im militärischen Tonfall der Formalausbildung der Hitlerjugend nur: „Waffen-SS, keine besonderen Wünsche“. Der Soldat schaute auf. Er betrachtete ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. Seine grauen Augen ruhten einen Moment auf ihm, dann sagte er halblaut, so dass fast nur Ulf ihn hören konnte: „Zur SS? Bist du sicher?“ „Jawohl, ganz sicher!“, antwortete Ulf, ohne zu zögern. „Aber…“, begann der Soldat, um sich zu räuspern und sofort zu verstummen. „Gut, ich trage dich zu den Panzergrenadieren ein.“ Er senkte seinen Kopf und schrieb Ulfs Namen mit seiner krakeligen Handschrift auf ein Formular, das er aus einer Schublade seines Schreibtisches zog.


 


Ulf unterschrieb, ohne zu lesen. Er wollte sich umdrehen, als der Oberfeldwebel ihn noch einmal stumm ansah und ihm dann mit einer Geste bedeutete, dass er gehen könne. Mit seinem Zeigefinger deutete er auf den Rekruten hinter ihm, der Ulf im Vorbeigehen fragend ansah. Als er wieder auf dem kahlen, verlassen Flur stand, erschien ihm dieser kalt und zugig. Zu Hause angekommen hatte seine Mutter das Essen bereits gekocht. Sie begrüßte ihn mit einem Kuss und sagte zu ihm, während sie zu den Töpfen schaute: „Du bist schnell wieder da. Die Kartoffeln sind schon fertig.“ Damit nahm sie die dampfenden Pellkartoffeln vom Herd, ohne ihren Sohn noch einmal anzusehen. Beim Abschütten des Wassers fragte sie beiläufig: „Wozu hast du dich gemeldet? Nicht wirklich zur SS? Das hast du mir doch nicht angetan, oder?“ „Mama, wir haben uns doch schon so oft darüber unterhalten. Du weißt, Deutschland, der Führer, braucht jetzt jeden. Und da muss ich meine Pflicht tun.“ „Deine Pflicht? Ich habe niemanden außer dir. Ist deine Pflicht ausgerechnet die SS? Wäre es nicht deine Pflicht, am Leben zu bleiben? Ich habe schon deinen Vater verloren, jetzt auch noch dich.“ Mit Tränen in den Augen drehte sie sich um.


 


„Mama, ich habe deinen Willen respektiert und mich nicht schon mit siebzehn zum Dienst gemeldet. Jetzt musste ich zum Militär, und dann will ich ohne Vorbehalte dienen und mich nicht drücken. Ich werde alles tun, was ich tun muss, aber ich werde mich nicht unnötig in Gefahr bringen. Wenn es die Vorsehung will, werde ich zurückkommen. Wenn nicht …“, da stockte er und wich ihrem Blick aus.


 


3


Pforzheim, Mai 1944


Schon in der Hitlerjugend war er durch seinen Ehrgeiz und Fanatismus aufgefallen. Er war der Beste im Schießen gewesen. Bei Märschen und der Leibesertüchtigung strengte er sich bis zur Erschöpfung an. Begierig hatte er alles erlernt, was es für das Kriegshandwerk bei der HJ zu lernen gab. Es hatte keine Wehrertüchtigung gegeben, die er ausließ. Seine Leidenschaft war das Pistolenschießen und die Panzerbekämpfung. Er hatte dem Tag entgegenfiebert, an dem er sich zur SS melden konnte. Warum hätte er sich bei einer Wehrmachtseinheit einschreiben sollen, wenn doch die SS als Eliteeinheit nach Männern wie ihm gierte? Er würde sich bewähren und zum Offizier aufsteigen. Das bürgerliche Pack, das nur Nutznießer des Staates war, würde ihm keine Chance geben, der Führer schon. Er würde die schwarze Uniform mit Stolz tragen, er würde sie sich verdienen. So rückte er im Mai stolz in die SS-Kaserne zur Grundausbildung als Panzergrenadier ein.


 


Die zweimonatige Ausbildung der Waffen-SS in Königsberg, mit ihren erbarmungslosen Märschen und Feldübungen, der Formalausbildung und dem Waffendrill, gingen schnell vorbei. Mit seinen fast ein Meter neunzig, seiner athletischen Figur und seinen roten Haaren entsprach er den Idealvorstellungen der SS. Rote Haare waren »goldblond« und ein Ausdruck »arischer« Abstammung. Im Unterschied zu seinen klein gewachsenen Kameraden mit dunklen Haaren wurde er hier nie schikaniert. Es wurde für ihn selbstverständlich, mitten in der Nacht aufzustehen, mit zwanzig Kilogramm Gepäck zu marschieren, sich bei jeder Gelegenheit in den Graben zu werfen und weiterzulaufen, Panzer wieder und wieder zu besteigen, herunterzuspringen und in Deckung zu robben. Versagen durfte er nicht. Die gleichen Griffe, die Nutzung der Waffen, alles musste sitzen. Er wusste, sie würden immer an vorderster Front mit dem Feind kämpfen und akzeptierte daher jede Schikane. Den Marschbefehl nach Toulouse im Südwesten Frankreichs in der Tasche, durfte Ulf nach seiner Ausbildung ein letztes Mal nach Pforzheim.


 


Als der Zug schnaubend in den heimatlichen Bahnhof stampfte, stand er auf, zog seinen schwarzen Uniformrock gerade und reckte sich. Aufrecht verließ er das Bahnhofsgebäude. Die von Bürgerhäusern aus der Gründerzeit gesäumten Straßen Pforzheims waren wie immer von geschäftig herumeilenden Menschen bevölkert. Wären nicht überall die feldgrauen Uniformen zu sehen gewesen, hätte er nicht geglaubt, dass Krieg war. Ulf machte sich auf den Weg nach Hause. Sein Blick wurde hart, als er daran dachte, wie oft er in dieser reichen Stadt dem Spott seiner Nachbarn und Schulkameraden wegen seiner Armut ausgeliefert war. Kurz verzog sich sein Mund zu einem Grinsen, als er die Angst der Passanten spürte, die es vermieden ihn anzusehen. Einige wechselten die Straßenseite oder ließen ihm mehr Raum, als er nötig hatte. Er ging auf das Rathaus zu. Durch die Rundbögen aus rotem Buntsandstein kam ihm ein dunkelhaariger, junger Mann entgegen. Er wollte der schwarzen Uniform ausweichen wie all die anderen, verharrte dann aber mitten im Lauf und drehte sich um: „Kupferdächle, bist du es? Ich werd' verrückt, du bist es! Du in Schwarz? Ich lach' mich tot!“ Ulf fixierte ihn stumm. Er verzog keine Miene und ließ die Augen seines Gegenübers keinen Moment aus dem Blick. Der junge Mann verstummte, sein Lachen gefror. Er wurde bleich und wich unmerklich zurück. Auf Ulfs Gesicht erschien ein breites Grinsen. „Pelle, altes Haus. Schön, dich zu sehen. Die meisten sind vermutlich an der Front. Ich bin jetzt auch bald weg.“ „Ja, ich wollte zur Marine. Aber selbst da nehmen sie mich nicht. Der Klumpfuß …“ „Ich weiß. Du arbeitest als Feinmechaniker bei deinem Vater. Wir brauchen die Zünder gegen den Feind. Wer soll unsere Fremdarbeiter beaufsichtigen und sie einlernen? Das ist wichtig. Darauf solltest du stolz sein. Nicht jeder kann an die Front“, erwiderte Ulf und legte ihm seine Hand tröstend auf die Schulter. Pelle schaute zur Seite. Er schwieg einen Moment, um dann wieder Ulf anzusehen: „Den Ferdi haben sie erwischt. Du weißt doch, der Schusterjunge“, sagte Pelle unvermittelt.


 


„Erwischt? Was war denn? Hatte er was ausgefressen?“ „Ja und nein. Seine Eltern sind Juden. Die hatten sie geholt, aber Ferdi war nicht zu Hause. Ihre Taufe hat ihnen nichts genützt. Jud' bleibt Jud', ein gewässerter Fisch ist immer noch ein Fisch. Unser Kaplan hat den Ferdi abgefangen, damit ihn die Gestapo nicht auch noch in die Finger bekommt. Er hat ihn in ein Kloster gebracht. In den Klöstern verstecken sie viele konvertierte Juden. Aber jemand muss den Kappes gesehen haben. Jetzt ist er selbst fort.“ Wieder verstummte er und schaute Ulf prüfend an. „Du, die kommen in die Stadt, die der Führer den Juden gebaut hat. Dort geht es denen besser als uns. Und unser Kappes ist bestimmt bald wieder da. Er hätte mehr Vertrauen in unsere Führung haben sollen“, erwiderte Ulf lachend. „Jetzt lehren ihn die Kameraden erst mal den Mores. Die Pfaffen brauchen das hin und wieder.


 


“Ulf fragte sich, warum so viele an den Worten des Führers zweifelten. Sie kannten doch den Film. In der Wochenschau konnte man sehen, wie gut es den Juden geht, besser vielleicht als ihnen, den Deutschen. Der Führer hatte ihnen ja sogar eine eigene Stadt überlassen.


 


„Meinst du wirklich?“, fragte Pelle. Er zuckte mit den Schultern und wich Ulfs Blick aus. Sie unterhielten sich noch über Klassenkameraden, von denen einige gefallen oder verstümmelt waren, einige waren schwer verletzt zurückgekommen, und von einigen wussten sie nicht, was mit ihnen geschehen war. Dann drängte es Ulf nach Hause zu seiner Mutter. Sie schauten sich einen Moment wortlos an. Beim Abschied ahnten sie, dass sie sich nie wiedersehen würden.


 


Die Wohnungstür war wie immer offen. Um seine Mutter nicht zu erschrecken, klopfte er an. Er freute sich auf ihr Gesicht, wenn sie ihn sah. Sicher würde sie stolz auf ihn sein. Sie sprach nie über Politik, so oft er es auch versucht hatte. Ulf fragte sich immer, ob sie Angst hatte oder ob es sie einfach nicht interessierte. Das Einzige, was er von ihr hörte, war, dass Politik nichts wäre für Leute wie sie und dass er sich besser auch nicht darum kümmern sollte. Verstanden hatte er sie damit nie. Für ihn war Deutschland wieder zur alten Größe erwacht und wurde jetzt von seinen Feinden umringt, aber sie wollte dies nicht wahrhaben. Er rief ihren Namen. Niemand antwortete. In dem dunklen Flur war ihm jede Ecke vertraut, sodass er auch mit verbundenen Augen sein Ziel gefunden hätte. Vom angrenzenden Schlafzimmer hörte er ihre Stimme, ohne zu verstehen, was sie sagte. Seine Mutter rechnete nicht mit Besuch und schon gar nicht mit ihm. Er hatte sich nicht angekündigt. Langsam schob er die Tür ein Stück weiter auf und trat ganz ein. Sie kam mit ihrer Schürze und dem Kopftuch, das sie immer bei Hausarbeiten trug, aus dem Schlafzimmer und sah ihn an der geöffneten Tür zum Flur stehen. Mit einem kleinen Aufschrei ließ sie das Staubtuch fallen, das sie noch in der Hand hatte, und rannte zwei Schritte auf ihn zu. Da sah sie ihn ganz, blieb einen Moment erstarrt stehen, um dann erneut auf ihn zuzustürzen. Mit Tränen in den Augen drückte sie ihn fest an sich.


 


„Mein Junge, in der Uniform hätte ich dich ja fast nicht erkannt. Du siehst so, so anders aus. Ich freu' mich, ich freu' mich, wie ich mich freue, dass du da bist“, sagte sie schluchzend, als sie ihn aus der Umarmung entließ und ihre Tränen mit einem eilig aus der Schürze gezogenen Taschentuch trocknete.


 


„Mama, du weißt doch, wenn ich irgendwie kann, komm' ich immer nach Hause. Du bist die Einzige für mich. Ich muss aber morgen wieder weg. Es geht ins Feld, ich gehe nach Frankreich. Aber sag' es niemand. Du weißt ja, der Feind hat überall Ohren“, antwortete er und nahm sie jetzt seinerseits in die Arme. Am Küchentisch hängte er seine Uniformjacke sorgfältig über einen freien Stuhl und holte eine Kleiderbürste. Vorsichtig fuhr er damit über den schwarzen Stoff und zog sie mit seiner freien Hand glatt. Seine Mutter schaute ihm stumm zu, bis er nach einer kleinen Pause, in der er die ordentlich vor ihm hängende Jacke betrachtete, wieder zu ihr hochschaute.


„Ich hatte solche Angst, dass du schon im Krieg bist. Ich konnte vor lauter Sorgen nicht schlafen.“


„Aber Mama. Mach dir keine Sorgen. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als unser Leben.“


 


 


Ulf wusste, er konnte seiner Mutter nicht erklären, dass er für Deutschland und den Führer sterben würde. Wie sollte seine Mutter auch verstehen, dass die Ehre für ihn über seinem Leben stand. Er mochte sich nicht die Trauer seiner Mutter vorstellen, wenn ein Kamerad ihr die Nachricht brachte, dass er gefallen war.


 


4


Elsass, Reservelazarett Drei Ähren, August 1944


Der stechende Schmerz in seinem Kopf pochte unter dem breiten Verband. Schweißgebadet war er aufgewacht. Es war immer der gleiche Traum. Sie schaute ihn mit großen, dunklen Augen an. Er versuchte zu sprechen, doch aus seinen geöffneten Lippen kam kein Laut, so sehr er sich auch anstrengte. Schließlich ging sie fort, schritt durch ein großes Tor und drehte sich dabei noch einmal zu ihm um. Er wollte schreien, doch es gelang ihm nicht. Das war immer der Moment, in dem er aufwachte. Danach war an Schlaf nicht mehr zu denken. Seine Gedanken kreisten zu sehr um das Bild der jungen Frau. Nachdem er sich in seinen durchgeschwitzten Laken lange herumgewälzt hatte, schleppte er sich hinaus. Vor der Tür des Schlafraumes hörte er schon den Höllenlärm der Grillen, die die nahe gelegenen Wiesen bevölkerten. Ulf schlurfte auf die Terrasse des Lazaretts Drei Ähren.


 


Das Elsass keuchte unter der Last der heißen Augusttage. Er war nicht der Einzige, der in dieser Sommernacht keinen Schlaf gefunden hatte. Im Vorbeigehen grüßte er die Nachtschwester, die einsam in ihrer Zelle hinter einer großen Scheibe saß, beleuchtet von einer funzeligen Schreibtischlampe. Sie nickte ihm müde zu. Auf der Terrasse saßen vereinzelt ein paar Männer. Der Vollmond stand über dem nahen Wald. Er gab den Verwundeten das Aussehen, als wären sie längst Leichen, gestorben auf einem der über ganz Europa und Afrika verstreuten Schlachtfelder. Ulf schob sich einen Liegestuhl vorsichtig zurecht und stellte seine Lehne aufrecht. Die Luft war hier kühler als in dem stickigen Krankenzimmer, das er sich mit sieben Kameraden teilen musste. Als er vor einem Monat im Lazarett ankam, schlief er fast den ganzen Tag. Vielleicht war es eine Folge des Morphiums, vielleicht auch nur seine Erschöpfung, die ihn wie in einer Ohnmacht leben ließ. Unterbrochen wurde sein Schlaf nur von Untersuchungen, Krankenappellen und den Mahlzeiten, zu denen er erbarmungslos von den Schwestern geweckt wurde. Jetzt war sein Schlafbedürfnis gedeckt und seine Albträume ließen immer seltener einen ruhigen Schlaf zu.


 


Kaum hatte er sich in den Liegestuhl gelegt, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Ein Kamerad, den er am Vormittag schon in der Kantine des Lazaretts als Neuzugang wahrgenommen hatte, stand gähnend neben ihm. Ulf wusste, er war Oberscharführer und hatte schon den ersten russischen Kriegswinter hinter sich. Bei seiner Einlieferung trug er dafür den Gefrierfleischorden. Anders als Ulf entsprach er nicht dem Bild des groß gewachsenen, »arischen« Mannes. Er war untersetzt, hatte bullige breite Schultern


und buschige, schwarze Augenbrauen. Seine streng nach hinten gekämmten, schwarzen Haare begannen sich, obwohl er erst Anfang dreißig war, an der Stirn zu lichten. Seine Augen schienen nie an einer Stelle zu verharren.


 


„Hallo Kamerad, kannst du auch nicht schlafen? Ich bin Hans. Du bist doch der, der als Schlips die drei Panzer im Alleingang flach gemacht hat? Bist du schon länger hier?“ „SS-Grenadier Ulf Lahner“, stellte er sich vor, indem er sich aus dem Liegestuhl hochkämpfte. Doch da gab ihm der Oberschar mit der Hand ein Zeichen, sich wieder hinzulegen, rückte einen Liegestuhl an seine Seite und ließ sich mit einem leichten Stöhnen hineinfallen.


 


„Wie man es nimmt Herr Oberscharführer, seit ungefähr einem Monat bin ich hier und so wie es aussieht, bleibe ich noch eine Weile. Im Feld können die nichts mit mir anfangen, solange mein Schädel mir hin und wieder wegzufliegen droht“, fuhr Ulf fort und versuchte trotz der liegenden Stellung, Haltung zu bewahren und den Oscha anzusehen.


 


„Wohl tüchtig was abbekommen, oder?“


 


„Nur der Kopf. Mein Schädel hat einige Splitter verdauen müssen. Ich hab' auf einen Sherman nicht richtig aufgepasst.“


 


„Ja, das habe ich mir bei deinem Kopfschmuck schon gedacht. Die Kameraden haben gemeint, du hast dafür, dass du die Normandie fast von unten gesehen hättest, das Eiserne Kreuz bekommen. Für einen Schlips nicht gerade einfach. Zumindest nicht für die, die es überleben. Noch ein paar Monate und du hättest dich in den Orden der Ritterkreuzträger einreihen dürfen oder du wärst tot gewesen. Bist ein ganz Strammer, was?“, grinste ihn Hans an.


 


„Bei allem Respekt, Oberscharführer, das muss ich doch wohl nicht erklären, oder?“, antwortete Ulf und verzog sein Gesicht.


 


„Mann, sei nicht beleidigt. Bei den Pfadfindern war ich auch nicht. Mich kannst du hier ruhig duzen. Ich bin Hans. Der Krieg ist sowieso bald vorbei“, dabei stockte Hans und schaute sich um. Sofort fügte er hinzu: „Der Endsieg kann nicht lange auf sich warten lassen. Die Wunderwaffe wird demnächst eingesetzt.“


 


„Ja, die Wunderwaffe, die wird uns retten, ganz sicher. Und dann geht es gemeinsam mit den Tommies gegen den Iwan“, antwortete Ulf und glaubte, auf dem Gesicht von Hans in der Dunkelheit ein spöttisches Grinsen zu sehen. Nachdem Ulf schwieg und die Wipfel der nahen Tannen beobachtete, die sich schemenhaft gegen den Nachthimmel abhoben,fuhr Hans fort: „Ich war bei der 25., auch in der Normandie. Wir sind bei Caen gelegen. Da waren noch mehr wie du. Die sind rangegangen wie Blücher. Vor allem die von der HJ haben den Tommies ganz schön den Arsch aufgerissen. Wir Alte haben die kaum gebremst gebracht. Wo warst du denn? Doch nicht bei uns, oder?“


 


„Nein, ich war bei der Panzerdivision »Das Reich«.“


„Aber doch nicht beim »Führer«, oder?“


 


„Warum nicht? Doch!“


 


„Ach du Sch…, von der hab' ich gehört. Hätte der Führer die Generäle nicht zurückgepfiffen, wären da einige vor dem Kriegsgericht gelandet. Die haben doch irgendwo auf dem Marsch ein Dorf, ich meine es hieß Oradour, flach gemacht, alle umgebracht. Frauen, Kinder, alte Männer, einfach alle. Dem Diekmann ist wohl 'ne Sicherung durchgebrannt, weil ihm die Partisanen auf den Pelz gerückt sind. Es ist eineSache, eine klare Front vor sich zu haben, und eine andere, wenn Leute hinter der Front plötzlich unter dem Mantel eine Flinte hervorziehen oder sich ins Gebüsch legen und wehrlose Soldaten auf dem Gang ins nächste Städtchen umlegen.“


 


„Keine Ahnung, was in Oradour los war. Ich war nicht dabei. Damit hatte ich nichts zu schaffen“, antwortete Ulf nervös und schaute zu einem Verwundeten, der gerade versuchte, seinen drückenden Kopfverband dadurch zu lockern, dass er mit dem Daumen unter die blutige Binde fuhr.


 


„Besser so. Wenn die Franzosen die in die Hände bekommen, die dabei waren, dann sehen sie alt aus. Die geben uns nicht einfach den Fangschuss, wie wir ihnen. Die wollen haben, dass man es auch spürt. In Tulle haben sie Kameraden vom Heer gefunden. Die armen Schweine wurden von Partisanen vorher in ihre Einzelteile zerlegt. Ich wollte nicht meinen Schwanz abgeschnitten und ins Maul gestopft bekommen. Ich bin sicher, unsere Jungs waren froh, als sieden Schuss bekamen. Danach haben wir einige von den Schweinen in die Finger bekommen. Sie haben hundert von denen aufgeknöpft. Da wäre ich gerne dabei gewesen.“


 


„Genau hundert? Meinst du, alle hundert, die sie aufgeknöpft haben, waren auch Partisanen?“


 


„Unschuldig war keiner. Die haben alle gewusst, worum es ging.“ Er zögerte einen Moment, um dann fortzufahren. „Nein, vielleicht der eine oder andere nicht, aber das Pack muss auch wissen, dass man nicht so einfach aus dem Hinterhalt auf Soldaten schießt, auch dann nicht, wenn sie zum Feind gehören. Und schon gar nicht hat so ein Pack deutsche Soldaten zu foltern.“


 


„Ich bin noch nicht so lange im Feld, aber sag' mal, wir haben doch auch keine Gefangenen gemacht?“


 


„Was willst du denn machen? Da hast du keine Leute, um sie zu bewachen, und zum Zurückschicken fehlen dir auch noch die Mannschaftstransporter. Vorne knallt es und der Iwan ist in der absoluten Überzahl. Sollen wir da, wo jeder Einzelne vorne gebraucht wird, welche nach hinten schicken?


Wie soll das denn gehen? Wir machen doch keinen Sonntagsspaziergang.“


 


Es wurde Ulf bewusst, dass er vorsichtig sein musste. Er drehte sich Hans zu und fuhr fort: „Sag' mal, und du, bist du noch lange hier?“ Es war sinnlos und gefährlich, weiter über den Krieg zu sprechen.


 


„Keine Ahnung. War ein glatter Durchschuss. Ich liege auf dem Bauch, die Knarre friedlich an meiner Seite, da sitzt so eine Sau von Scharfschützen auf dem Baum vor mir und zielt auf meinen Kopf. In die Backe hinten rein und im Oberschenkel wieder raus. Hab' es erst nicht gespürt. Dann hab' ich in den Baum reingehalten. Der war so was wie Fallobst. Er kam runter, auch ohne dass ich Scharfschütze bin. Blöderweise hat sich der Schuss entzündet. Das dauert etwas länger. Hier versuchen sie, es wieder hin zu bekommen. Es war kein echter Heimatschuss. Hätte mich auch gleich ganz erwischen können. Trotzdem freuen sich viele über so eine Verletzung, da hat man wenigstens mal eine Pause. In Russland hab' ich mir schon den Arsch abgefroren, hab' die Invasion und den Kampf um Caen gerade so mit Hängen und Würgen überlebt und jetzt bin ich hier. Dabei habe ich die besten Beziehungen, kenn' den Skorzeny, den alten Haudegen. Fast wäre ich nach Italien mitgekommen, um den Mussolini zu befreien. Leider waren nicht viele von uns dabei, die Arbeit haben die Fallschirmjäger gemacht. Der Skorzeny


kennt Gott und die Welt bis hoch zu den dicksten Bonzen. Und was hat es mir genützt? Bald bin ich hier wieder raus, dann geht es weiter.“



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