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Belletristik
Buch Leseprobe Noch einmal verliebt, Isabelle Johansson
Isabelle Johansson

Noch einmal verliebt


Liebesroman

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1

 


Der Schmerz fühlte sich allumfassend und endgültig an. So, als ob er nie wieder vergehen und sich in jede Zelle ihres Körpers einbrennen würde.


Seit Jahren hatte sie zum ersten Mal ein Leben vor sich gesehen, in dem Farbe und Freude sie umgaben. Hoffnungen und Träume prägten ihre Gedanken und ließen sie aufblühen.


Seine unerschütterliche Ruhe hatte ihr Halt gegeben und eine glückliche Zukunft versprochen. Ein Blick in seine klugen Augen genügte, um sich zu Hause zu fühlen.


Doch ihm schien es nicht das Gleiche bedeutet zu haben wie ihr.


Er hatte sie verlassen.


Für immer.




2

 


»Tiefer!«


Er bemühte sich, ihrem Kommando zu folgen.


»Noch tiefer! Komm schon!« Kayleigh wollte ihn nicht schonen. Schweiß rann über seinen Oberkörper. Auf seiner Stirn glänzten feine Tröpfchen. Sein Gesicht war gerötet und spiegelte eine ungeheure Anstrengung wider.


Sie spürte, wie sich die Spannung auch in ihrem Körper aufbaute. Sie war nie der Typ gewesen, der andere allein die Arbeit machen ließ. Sie fühlte, wie sich Schweiß auf ihrer Haut bildete. Winzige Perlen, die langsam an ihren Schläfen entlang rannen.


»Schneller werden!«


Er ächzte.


Gut so.


Sie war in ihrem Element: Er musste alles tun, um ihren Anforderungen zu genügen. Ihre Befriedigung zog sie besonders aus dem Miteinander, dem gegenseitigen Hochschaukeln, bis sie sich beide erschöpft und zufrieden anlächelten. Sie liebte die sich steigernde Anspannung, das Brennen der Muskeln – und das wunderbar warme, schwere Gefühl danach.


»Ich halt nicht mehr lang durch!« Seine Stimme klang gequält, als würde sie ihm übermenschliche Strapazen zumuten. Vielleicht tat sie das auch: Das war nun einmal der Preis, wenn man sich mit ihr einließ.


»Wir sind noch nicht fertig!« Sie hatte sich einen scharfen Kommandoton angewöhnt. Nach ihrer Erfahrung trieb sie die Männer damit zu Höchstleistungen an. »Tiefer! Schneller!«


Sein Atem beschleunigte sich, und er stöhnte, als sie einen fliegenden Rhythmus vorgab.


»So ist’s gut!« Ein wenig Bestätigung konnte nicht schaden, bevor er ihr zu früh schlappmachte. Auch sie keuchte. Die Tatsache, dass sie ihn antrieb, bedeutete nicht, dass ihr Körper nicht ebenfalls nach Erlösung schrie. Doch sie würde einen Teufel tun und sich das anmerken lassen. Die Luft um sie beide schien sich aufzuheizen und umhüllte sie schwer und feucht. War etwa schon wieder die Klimaanlage ausgefallen? Was für ein eigenartiger Gedanke in einem so intensiven Moment. Doch so konnte sie sich kurz von ihrem überhitzten Körper ablenken und das Ende hinauszögern.


»Bitte!«


Sein Ausruf glich einem Flehen. Er hörte sich so an, als reichte seine Atemluft gerade noch zum Ausstoßen einzelner Worte. Bald würde er der Versuchung erliegen, sich fallenzulassen. Er bemühte sich sichtlich um Durchhalten und Selbstbeherrschung: Sein Gesicht war so verzerrt, als würde er Schmerzen leiden. Doch sein Körper würde bald endgültig die Kontrolle übernehmen. Genau dort wollte sie ihn haben.


Sie übte Druck auf seinen Rücken aus. »Noch tiefer, ja!« Sie bemerkte, wie er immer mehr zitterte und keuchend nach Luft schnappte. »Gleich!«


Er stöhnte laut und fiel schwer atmend in sich zusammen. Er lag eine ganze Minute neben ihr, bis er wieder in der Lage war zu sprechen. Er wandte ihr sein verschwitztes Gesicht zu und grinste. »Das war unmenschlich gut.« Er richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.


Sie nickte. Er hatte recht. Unglaublich gut und befriedigend. Ihr Körper fühlte sich erhitzt und gleichzeitig wohlig entspannt an. Sie liebte ihren Job. »Allerdings hätte ich ein wenig mehr Durchhaltevermögen erwartet.«


Er schnaubte. »Als ob ich mich hier als Einziger ausgepowert hätte.«


Sie wollte ihm nicht zeigen, dass auch sie nicht unbeeinflusst von ihrem Termin geblieben war. Sie stand auf, nahm sich ein Handtuch und tupfte sich den Schweiß ab. Zum Glück war sie erfahren und hatte keine langen Erholungsphasen nötig.


Er hatte seine liegende Position noch nicht aufgegeben und mühte sich redlich, wieder zu Kräften zu kommen. Er sah nicht schlecht aus, das musste man ihm lassen. Ihr nächstes Treffen würde ganz sicher wieder Spaß machen – bis dahin würde er sich hoffentlich erholt haben. Sie wandte sich zum Gehen. Ihr nächster Kunde wartete vermutlich schon auf sie.


Doch einen Motivationsspruch hatte er sich nach dieser Anstrengung verdient: »Das waren jetzt fünfzig Liegestütze am Stück, gratuliere! In der nächsten Woche visieren wir die sechzig an.«


 


»Der Boss will mit dir sprechen!«


Kayleigh hörte gerade noch Lucys Stimme vom anderen Ende des Ganges, ehe ihre Kollegin auch schon einen der Kursräume betrat. Lucy war chronisch spät dran und hatte wegen ihrer Unpünktlichkeit mehrmals einen Rüffel vom Boss bekommen. EverFit war bekannt dafür, solche Verfehlungen weder zu dulden noch über längere Zeit zu akzeptieren. Zu Lucys Glück machten ihre Fähigkeiten als Fitnesstrainerin diesen Makel mehr als wett.


Kayleigh stöhnte innerlich. Musste das sein? Sie war von der anstrengenden Personal Session noch verschwitzt und hätte eine schnelle Dusche dem Gespräch mit Mr. Chillham eindeutig vorgezogen. Genau genommen hätte sie beinahe alle Tätigkeiten im Fitnessstudio einer solchen Unterhaltung vorgezogen – mal abgesehen vom Putzen der Toiletten. Obwohl Lucy keine Uhrzeit genannt hatte, wusste Kayleigh, dass für eine Dusche keine Zeit mehr war. Wenn Mr. Chillham nach einem Mitarbeiter verlangte, dann entsprach man diesem Wunsch am besten so schnell wie möglich. Kayleigh warf sich ihr Handtuch über die Schulter und lief in Richtung Treppenhaus, um ein Stockwerk nach oben zu gehen – in die Chefetage.


EverFit war das edelste Fitnessstudio in Colbridge und wurde bevorzugt von gut betuchtem Klientel besucht. Zu seinem exzellenten Ruf trugen nicht nur die hohe Qualität der Geräte und das hervorragend ausgebildete Personal bei. Besonders die spektakuläre Lage sorgte dafür, dass die Kunden die horrenden monatlichen Beiträge nur zu gern zahlten. Hoch über der Stadt thronten die drei oberen Etagen eines modernen Bürogebäudes, in dem EverFit sein Domizil hatte. Während sich ein Kunde auf dem Laufband oder Fahrradergometer abstrampelte, konnte er den Blick über den Business District, die Altstadt oder den großen Princesshay Park schweifen lassen – je nachdem, in welche Richtung er durch die jeweilige bodentiefe Glasfront gerade schauen konnte.


Die wenigen Stufen brachten Kayleigh kein bisschen ins Schwitzen, was man von einer Fitnesstrainerin auch erwarten konnte. In der oberen Etage herrschte nicht nur Mr. Chillham. Hier waren auch Saunen, Räume für Wellnessbehandlungen und eine Bar beheimatet, an der sich die Kunden mit Eiweißshakes, Fruchtsäften und Snacks ihre verbrannten Kalorien wieder zuführen konnten.


Kayleigh wurde bereits erwartet: Mr. Chillhams Tür stand offen. Er winkte ihr ungeduldig zu und wies auf einen Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. Kein Mensch, der ihm auf der Straße begegnete, hätte geglaubt, dass er ein Fitnessstudio leitete. Er war Mitte vierzig, wirkte äußerlich jedoch älter: Sein braunes Hemd aus leinenartigem Stoff spannte über dem Bauch, und sein Haar lichtete sich bereits. Seine dicklichen Finger spielten mit einem Kugelschreiber. Noch nie hatte Kayleigh einen Leiter eines Studios getroffen, der nicht durchtrainiert und dynamisch gewesen wäre – doch bei EverFit war alles ein wenig anders.


»Kommen Sie rein!« Mr. Chillham nutzte einen ähnlichen Kommandoton, wie Kayleigh ihn erst wenige Minuten zuvor zur Motivation für weitere Liegestütze angewandt hatte.


»Was gibt’s, Boss?« Sie setzte ein bemüht fröhliches Lächeln auf. Angestellte bei EverFit sollten immer und jederzeit gut gelaunt sein, ohne Ausnahme. In jeder Sekunde sollte man ihnen den einzigen Traum im Leben ansehen: den Kunden auf bestmögliche Art behilflich zu sein und ihnen zu mehr Fitness zu verhelfen. Regeln wie diese waren Kayleigh bereits an ihrem ersten Arbeitstag eingebläut worden.


Mr. Chillham runzelte unwillig die Stirn. »Ms. McCarthy, bitte setzen Sie sich.«


Mist.


Kayleigh hatte mal wieder vergessen, wie wichtig ihrem Boss eine formelle Ansprache war. Keiner ihrer Kollegen würde je auf die Idee kommen, sie bei ihrem Nachnamen zu nennen. Die Stimmung im Team war entspannt und kumpelhaft – doch Mr. Chillham stand auf einem anderen Blatt. Statt ›Was gibt’s, Boss?‹ wäre vermutlich eine Begrüßung wie ›Guten Tag, Mr. Chillham, wie kann ich Ihnen helfen?‹ angemessen gewesen. An solche überflüssigen Kleinigkeiten würde sie sich nie gewöhnen.


»Sie wissen, warum Sie hier sind?« Er schaute sie erwartungsvoll an. Seine Miene wirkte nicht so, als würde sie zur Mitarbeiterin des Monats gekürt werden.


Kayleigh zermarterte sich das Hirn: War ihr schon wieder ein ›Versehen‹ unterlaufen? Es wäre nicht das erste Mal. In Windeseile spulte sie die letzten Tage im Kopf zurück – doch ihr wollte nichts einfallen. Nach ihrem Empfinden war sie die vorbildlichste Angestellte auf Erden gewesen. Er sollte ihr einen Orden verleihen. Mindestens.


»Sie haben Mrs. Conelly gesagt, sie solle sich lieber auf das Laufband begeben, statt nur an der Bar zu sitzen und zu jammern!« Sein Kinn zitterte, und er richtete den Kugelschreiber wie einen Pfeil auf Kayleigh.


Ups.


Stimmt.


Da war was gewesen.


Aber sie hatte doch recht, oder? Diese Schnepfe kam mindestens drei Mal wöchentlich ins Studio, doch niemals war sie an den Geräten zu finden. Stattdessen macht sie Joe schöne Augen, der sie an der Bar bediente. Das allein wäre kein Problem – wenn sie sich nicht regelmäßig über fehlende Fortschritte beim Projekt ›Bikinifigur‹ beschweren und den Trainern dafür die Schuld in die Schuhe schieben würde.


Kayleigh öffnete den Mund, um genau das zu erklären, beherrschte sich jedoch im letzten Moment. Es war keine gute Idee, sich mit ihrem Boss anzulegen. Besser sie spielte die brave Mitarbeiterin. Mühsam klappte sie ihren Mund wieder zu.


Mr. Chillham beugte sich nach vorn und funkelte sie mit finsterer Miene an: »Ms. McCarthy. Muss ich Ihnen wirklich noch einmal erklären, wie es bei EverFit läuft? Ich dachte, das hätten wir schon durchgekaut. Ich habe keine Lust, Ihnen jede Woche die Regeln vorzubeten.«


Kayleigh schluckte und bemühte sich, tief zu atmen. Jetzt bloß nichts Unüberlegtes sagen. Sie nickte knapp.


»Es tut mir leid.« Wow. Diese Worte hatten beinahe wehgetan. Sie hasste es, sich verbiegen zu müssen, wollte sich aber beim besten Willen nicht mit ihm anlegen.


»Das reicht mir nicht.« Mr. Chillham wirkte nicht besänftigt. »Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl bei Ihrer Einstellung. Hätte Mr. Cutter sich nicht für Sie eingesetzt, hätten Sie niemals eine Chance bekommen.«


Na klar. Diese Rede kannte Kayleigh mittlerweile in- und auswendig. Sam hatte in der Tat ein gutes Wort für sie eingelegt. Der strahlende Sunnyboy passte perfekt zu EverFit – so wie auch die anderen Angestellten. Kayleigh wusste, dass sie durch ihr Äußeres und durch ihre flippige Art aus der Reihe fiel. Allein ihr Haar erregte überall Aufmerksamkeit: Feuerrot leuchtete es schon von Weitem, sobald sie einen Raum betrat. Im Studio trug sie es immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, privat auch gern offen. Ihre natürliche Haarfarbe war ein sanftes Rotbraun, weshalb sie regelmäßig deutlich nachhalf. Wenn schon rot, dann richtig.


Für die perfekten Modelmaße war sie einige Zentimeter zu klein geraten, was sie aber nicht störte. Sie mochte ihren athletischen Körper, der durch ihren Job ständig trainiert wurde. Im Studio durfte sie keine Tops mit Trägern tragen, weil sonst ihr großes Tattoo sichtbar geworden wäre, das sich in Form eines Tribal-Musters von ihrer linken Hüfte bis hinauf zu ihrer rechten Schulter zog.


Nach den ersten Ansagen hatte sie es nicht gewagt, nach der Erlaubnis für ihr Augenbrauenpiercing zu fragen. Stattdessen machte sie das Beste aus der vorgeschriebenen Trainerkleidung: Sie wählte immer die engsten, weißen Shirts, die nichts von ihrer Figur verbergen konnten. Wann immer möglich trug sie Sportschuhe in ihrer Lieblingsfarbe: einem knalligen Grün. Wer genau hinsah, fand einen ähnlichen Farbton in ihren Augen wieder. Da sie morgens gern ein nicht gerade dezentes Make-up auftrug, stach sie gegenüber vielen anderen Trainerinnen heraus. Ihre Kolleginnen waren zwar ebenso sportlich trainiert, passten sich aber deutlich mehr der Umgebung an und wirkten ähnlich blass wie die weißen Shirts. Kayleigh liebte die Arbeit mit den Mädels – aber deshalb musste sie sich noch lange nicht in eine graue Maus verwandeln.


Oder doch?


Mr. Chillham sah jedenfalls so aus, als hätte er soeben unerträgliche Zahnschmerzen bekommen. »Ms. Thomson und Mr. Knightley geben heute Kurse auswärts und Mr. Cutter ist bereits verplant. Sie müssen einspringen und einen Kundentermin übernehmen.« Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, was er von dieser Vorstellung hielt.


»Kein Thema! Mach ich gern!« Kayleigh konnte kein Problem erkennen. Sie arbeitete ständig mit Einzelkunden, auch wenn sie lieber größere Gruppen in Kursen zu Höchstleistungen anspornte.


»Genau das ist Ihr Problem!« Ihr überkritischer Boss lehnte sich noch weiter über den Schreibtisch und schaute sie finster an. »Sie nehmen das viel zu leicht. Mit der richtigen Einstellung hätten Sie mich gefragt, um wen es geht und welche Ansprüche der Kunde hat.«


Ach ja.


Mir nichts dir nichts einen Kunden zu übernehmen, reichte bei EverFit nicht aus. Hier musste alles ausgiebig analysiert und vorbereitet werden. Dieses Vorgehen ging ihr nicht grundsätzlich gegen den Strich: Natürlich würde sie sich erst intensiv mit einem Kunden auseinandersetzen, bevor sie ihm die Hundert-Kilogramm-Langhantel auf die Schultern legte. Doch nach ihrem Geschmack wurde in diesem Studio ein wenig zu viel Wert auf das perfekte Drumherum gelegt, statt auf das Training.


Mr. Chillham klopfte nachdrücklich mit dem Kugelschreiber auf den Schreibtisch. »Das ist Ihre letzte Chance. Sollte ich noch einmal eine Beschwerde über Sie hören, sind Sie raus. Verstanden? Dann können Sie schneller verschwinden, als Sie ›Rotschopf‹ sagen können.«


In Kayleighs Magen brannte es. Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geworfen, dass er sich diesen Job an die Wand nageln könnte. Doch Sam hatte sich wirklich für sie eingesetzt, und sie wollte diese Chance nutzen. Sie schluckte ihren Stolz hinunter und nickte knapp.


»Verstanden?« Mr. Chillham kniff die Augen zusammen.


»Verstanden«, antwortete sie grimmig.


»Empfangen Sie Mr. De Luca in dreißig Minuten. Und duschen Sie vorher.«


 


Frisch geduscht sah die Welt schon ein kleines bisschen freundlicher aus. Das versuchte Kayleigh sich zumindest einzureden, um den brodelnden Ärger in ihrem Inneren unter Kontrolle zu behalten.


Das gelang allerdings nur zum Teil.


Warum musste sie ausgerechnet an so einen Vollidioten von Boss geraten? Er würde viel besser in eine graue Fabrik passen, die Schrauben oder Reißverschlüsse herstellte, statt in dieses moderne Studio. Dort könnte er seine Fließbandarbeiter herablassend behandeln – aber nicht sie. Was konnte sie dafür, dass einige der Kunden hier so empfindlich waren und die Wahrheit nicht ertragen konnten? Natürlich waren nicht alle so. Ein Großteil der Kunden kam ins Studio, um wirklich an sich zu arbeiten. Doch die hohen Preise zogen auch ein Klientel an, das sich in den schicken Sportsachen lediglich präsentieren wollte, statt in ihnen zu schwitzen.


Vielleicht sollte sie sich den reichen Schnepfen gegenüber wirklich etwas vorsichtiger verhalten – doch das würde ihr schwerfallen. Sie sagte nun einmal gern, was Sache war. Ihr Job bestand darin, die Fitness und Gesundheit ihrer Kunden zu verbessern, und das funktioniert nicht ohne ein Mindestmaß an Anstrengung. Den Faulenzern Honig ums Maul schmieren – wem war damit geholfen? Niemandem.


Außer EverFit. Doch wenn die Philosophie des Studios darin bestand, eine kuschelige Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, in der die Kunden eher ihre sozialen Kontakte pflegten, statt sich ihrem Körper zu widmen, dann hätte man ihr das besser von vornherein mitteilen sollen. Dann hätte sie nämlich nicht in diesem Studio angefangen.


Sie schnaubte.


Natürlich hätte sie hier angefangen. Sie konnte froh sein, den Job ergattert zu haben.


Kayleigh, sei dankbar!


Erst seit etwa vier Wochen arbeitete sie bei EverFit. Ein Monat, in dem sie sich schon so einige Kommentare über ihren unkonventionellen Umgang mit den Kunden hatte anhören müssen. Zu ihrem Glück trainierten in diesem Studio genügend Personen, die regelrecht begeistert von ihrem Stil waren: Sportler, die wirklich etwas erreichen wollten und nicht nur zu EverFit kamen, um gemütlich einen Shake zu trinken. Sie forderte viel von ihren Kunden – doch diese Anstrengung zahlte sich aus. Kayleigh wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. Im Zweifelsfall würde Mr. Chillham die Beschwerden von Kunden immer ernst nehmen und das Lob ignorieren.


Doch Kayleigh brauchte diesen Job.


Sie war überglücklich gewesen, als Sam sie ins Gespräch gebracht hatte, als eine der Trainerinnen aufgrund einer Schwangerschaft ausgefallen war. Es geschah schließlich nicht alle Tage, dass man von einer beinahe einjährigen Weltreise nach Hause zurückkehrte und sofort einen Job im besten Fitnessstudio der Stadt ergattern konnte – und das ohne fundierte Ausbildung. Vorzuweisen hatte sie lediglich jede Menge Trainingserfahrung, selbst angeeignetes Wissen und die Fähigkeit, Menschen zu motivieren. Doch für die meisten Studios war das leider bei Weitem nicht ausreichend.


Abgesehen von ihrem Boss und den aufgetakelten Tussis fühlte sie sich außerordentlich wohl. Die Zusammenarbeit mit Sam gestaltete sich nicht nur im beruflichen Bereich äußerst spaßig. Die anderen Kollegen hatten sie trotz ihrer flippigen Art freundlich aufgenommen – und allein die Aussicht aus den riesigen Glasfronten entschädigte für so manches Ärgernis.


Also würde sie sich zusammenreißen. Keine leichte Aufgabe für jemanden wie sie, die meistens erst den Mund aufmachte und danach über die Konsequenzen nachdachte. Ob es wohl irgendeine Technik gab, diesen Automatismus umzukehren? Schon ihr Vater hatte den Leitspruch ›Erst denken, dann reden.‹ gebetsmühlenartig wiederholt. Ohne Erfolg.


Kayleigh blickte aus dem Fenster des Aufenthaltsraums für die Trainer. Keine einzige Kundenbeschwerde mehr, sonst wäre sie gefeuert. Ob sie wohl Kunden betreuen könnte, ohne überhaupt mit ihnen zu sprechen? Möglicherweise könnte sie ein ganz neues Trainingskonzept entwickeln, das ausschließlich auf schriftlichen Anweisungen beruhte. Sie könnte Schilder oder Karten mit Kommandos hochhalten.


Sei nicht albern, Kayleigh. Verhalte dich doch einfach so professionell wie die anderen.


Sie hatte einen neuen Vorsatz. So ein professionelles Verhalten konnte doch nicht so schwer sein – die anderen schafften es doch auch. Glücklicherweise kam sie mit männlichen Kunden deutlich besser zurecht als mit der holden Weiblichkeit. Männer waren viel weniger zickig und mochten es, wenn eine athletische Rothaarige sie zu Höchstleistungen antrieb. Sie ließen sich gern herausfordern und nahmen es ihr nicht übel, wenn sie kein Blatt vor den Mund nahm. Das traf zumindest auf die echten Männer zu, nicht auf die verweichlichten Schlappschwänze, die ihr leider immer häufiger begegneten.



Sie schaute auf die Uhr, die über einem Sideboard mit Büchern und Videos über Trainingslehre und Workouts hing. Wie gut, dass dieser neue Kunde dem männlichen Geschlecht angehörte. Bei ihm könnte sie sofort beginnen, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen.


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