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Belletristik
Buch Leseprobe Nelly im Schnee, Christoph Rigling
Christoph Rigling

Nelly im Schnee



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Es hätte ein Abend voller Verführung wer-den können. Wie stets, wenn sie sich trafen,konnte Tom es nicht lassen, ab und zu einenBlick auf ihren Bauchnabel zu werfen. Er mochteihn, diesen sehr außergewöhnlich geformten Nabel.Die bei anderen Menschen oft niedlich rundeoder wie eine schlecht verheilte Schusswundewirkende Öffnung verengte sich bei ihr in derMitte zu einem senkrechten Schlitz. Am oberenEnde des Schlitzes zogen magische Kräfte dieHaut straff nach unten, sodass eine T-Form entstand.Dieses T faszinierte ihn, regte seine Fantasiean, erinnerte ihn an seine erste bizarre Begegnungmit dem Nabel. Wie eingemeißelt saß das Tin ihrem festen, flachen Bauch. Es sah aus wie einEingang, vielleicht zum Paradies. Doch den richtigenSchlüssel hatte er immer noch nicht gefunden.Sein Blick wanderte zwischen Gesicht undNabel hin und her. Bloß nicht wie ein Spannerwirken, dachte er und versuchte sich auf das Gesprächzu konzentrieren. Sie saß direkt vor ihm.Nein, sie saß nicht, sondern flegelte sich breitbei-nig in Toms heiß geliebtem Ohrensessel ausbraunem, leicht abgeschabtem Büffelleder. Da siehalb lag, war der Nabel in ihrer kaum vorhandenenBauchfalte versteckt. Leider. Und die auffälliggroße Metallschnalle ihres Jeansgürtels machte dieletzten Hoffnungen zunichte, etwas zu erhaschen.Tom hing ihr gegenüber, ebenfalls halb liegend,auf dem Ledersofa herum. In den Ohrensesseldurfte sich nicht jeder einfach so reinsetzen.Schließlich war das hier in seiner Bibliothek seinLieblingsplatz. Hier las er und grübelte, trank mitFreunden Wein und philosophierte mit ihnen.Auf so etwas in der Art hatte er sich auch an diesemAbend gefreut, ein wenig über das Lebenund Bücher plaudern und dann mal sehen. Alsoeine echte Ehre, dort Platz zu nehmen. Sie warwürdig, sich dort hinzuflegeln - eigentlich. Dochwas machte sie? Sie redete und redete. Über was?Tom wusste es nicht so genau. Er hörte nur immerwieder dieses schreckliche »never ever«. Erhasste unnötige Anglizismen. Sie wirkten aufgesetztund abgekuckt. Menschen, die sie dauerndim Mund führten, waren für ihn nicht echt. Und so ganz kategorisch »niemals nie« zu sagen, fander ziemlich gewagt. Das war etwas für unflexibleLeute, deren Leben in eingefahrenen Bahnen verlief.Das Leben entwickelte sich. Früher mochteer keinen Wein, und heute war der ganze Kellervoll mit Flaschen aus der ganzen Welt. Was frühereben never ever war, konnte heute schonschrecklich hip sein. Auch so ein neumodischesWort.Er war mit dem in der Bauchfalte verschollenenNabel beschäftigt, als sie ihm ihr Glas schonwieder entgegenstreckte. Tom stand auf, ging indie Küche, wo das Radio irgendetwas dudelte,und mixte zwei neue Drinks. Viel Gin mit wenigMartini. Schüttete er nicht schon den sechstenoder siebten zusammen? Sein Kopf konnte sichnicht mehr daran erinnern, nur dass es zu vielAlkohol war und er sich vorgenommen hatte, janicht abzustürzen. Er wollte fit bleiben. Dermorgige Arbeitstag war von seiner Sekretärin dickmit Terminen voll gepackt worden. Und manwusste nie, wie und wo ein solcher Abend endenkonnte. Als er mit zwei randvoll gefüllten Gläsern zurückkam,nörgelte sie mit einem Lächeln im Gesicht,das er ähnlich mochte wie den Schlitznabel,an der fehlenden Zitronenscheibe im Glas herumund griff sogleich den Faden ihres Monologswieder auf. Tom nahm am Rande wahr, dass sievon einem vergangenen Türkei-Urlaub erzählte.Die Türkei stehe außerhalb unseres Kulturkreises.Von Gleichberechtigung und Menschenwürdehätten die keinen blassen Schimmer, das sei denenegal, die türkischen Männer kniffen sie ständigin Po und Brüste und wollten mit ihr ins Bett.Tom dachte intensiver an den Schlitznabel. Ja,der Nabel, den wollte er heute Abend unbedingtnäher untersuchen. Er wollte noch einmal darauskosten. Er wollte es endlich wissen. Diesmal. Gesprächeüber Bücher und das Leben konnten jaauf ein andermal verschoben werden. Never everdürften die Türken in die Europäische Unionaufgenommen werden, ereiferte sie sich und beschimpfteTom als intellektuellen Träumer, alsfernab der Realität, weil er gerade offensichtlichetwas Gegenteiliges behauptet hatte. Hatte er tat-sächlich gesagt, dass die Türken nach ihren Kneifattackenmit Nike-Schuhen die Flucht ergriffen,zum Frühstück Coca Cola getrunken und daherihren Kampf gegen die westliche Zivilisationschon verloren hätten und dass dies ähnlich fürdie verrückten Islamisten gelte, die Terror-ChefOsama bin Laden vergötterten? Gewagte Thesen,bestimmt. Argumentierte Tom so? Wahrscheinlich.Aber es war nicht wichtig. Er träumte vomNabel und zerbrach sich auch über die Frage denKopf, warum eine dreißigjährige Frau in einerbibberkalten Winternacht ein bauchfreies engesT-Shirt trug. Er dachte an die Gänsehaut, die ervorhin bei ihr gesehen hatte. Auch die fand eranziehend, machte ihn neugierig. Er glaubte sogareinige ihrer blonden Härchen auf ihrem Baucherkennen zu können. Vor einer Stunde waren siebeide durch den dreckigen Schneematsch derStadt gestapft, als sie von einem gemeinsamenEssen zu ihm nach Hause gingen. Sie liefen untergehaktund sie beklagte sich über die Kälte.Natürlich wusste sie, dass Tom eine Schwäche fürihren Nabel besaß. Er hatte ihr das irgendwanndummerweise erzählt. Jetzt war es ihm peinlich.War das für diese Kälte eindeutig zu kurzeT-Shirt ein Zeichen an ihn, der Form des Nabelsendgültig auf den Grund zu gehen? Sein Geheimniszu entschlüsseln, das ihr Geheimnis war?Ein Geheimnis, das ihn an sie binden konnte?Alles verlief nach einem zufälligen Plan, so seinEindruck schon in der kuscheligen Trattoria. Kerzenlicht,Rotwein, ein wenig Antipasti und Entenbrustmit Mangosauce. Mit dem Kellnerkonnte er sein Straßenitalienisch ausprobieren,das er auf seinen Weinfahrten erlernt hatte. Espasste alles. Solche glücklichen Konstellationentraten meistens dann ein, wenn man es sich nichtvornahm - wie damals auf der Gartenparty. Denneigentlich wollte er sie heute gar nicht treffen.Aber dann dachte er, okay, warum nicht. Einnettes Essen, ein paar Drinks zu Hause, Gesprächeüber Hermann Hesses Siddhartha oder Demianund dann einfach mal kucken, was so nochpassierte, ob man gemeinsam ein nächtlichesNirwana fand.

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