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Belletristik
Buch Leseprobe Nasimul Band 2, Jonathan Hönes
Jonathan Hönes

Nasimul Band 2


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Der Himmel war strahlend blau. Die dichten Wolken zogen über den Horizont des Meeres und der angenehm kühle Wind pfiff über das Schiffsdeck. „Seht mal, wir sind bald da!“ Erika wandte den Blick von dem schier endlosen Meereshorizont ab. Während sie sich umdrehte und dann mit dem Rücken an der Reling lehnte, schaute sie über die Schulter. Auf dem schwankenden Schiff blickte sie zu Aroki. Ihre rote Kriegerrüstung glänzte im Sonnenlicht. Mit dem schwarzen Haar, das im aufbrausenden Wind wehte, wandte sie sich an Erika. Sie deutete auf etwas, in dessen Richtung sie fuhren. Vom Deck aus erkannte Erika noch nicht viel. Das einzige, was sie wahrnehmen konnte, war der blaue Horizont. Dieser verwandelte sich langsam in ein gemischtes Grün und Grau. Die Wellen schlugen gegen die emporsteigenden Küstenfelsen und eine Bucht war in Sicht. Erika stieß sich leicht von der Reling ab und lief über den feuchten Holzboden. Sie musste gut aufpassen, dass sie nicht ausrutschte, da das Schiff stark schaukelte und ihr davon schwindlig wurde. Allein schon von dem Gedanken fing sie an zu schwanken. Es war einfach schon zu lange her, dass sie festen Boden unter den Füßen hatte. Erika fühlte nun, wie auch ihr rotes Haar wirr im Wind flatterte und ging vorsichtig mit den Händen zum Sturz parat über das Schiff. Sie kam an Adian vorbei. Er saß am Mast angelehnt und hatte ein Buch aufgeschlagen. Die ganze Fahrt über war er in den Seiten vertieft. Da der Wind so stark war, drohten sie davon zu wehen. Auf einer Treppe saßen Lee und Lin. Sie kuschelten dicht aneinander und redeten über irgendwas. Vor Schwindel kippte Erika beinah um. Ihr war es ganz schummrig. Hoffentlich würden sie bald an Land kommen. Noch halb schwankend hielt sie sich an einem Seil neben dem Mast fest und schaute zu Ran, die an der gegenüberliegenden Reling lehnte und verträumt auf die ferne Küste schaute. Ran hatte den Kopf auf die Hände gestützt und die Ellenbogen auf dem hölzernen Geländer. Erika sprang hastig noch ein paar Schritte vor, wobei sie schnell nach dem Geländer griff um einen sicheren Halt zu finden. „Ich war noch nie im Westen“, sprach Ran leise, während sie Erika neben sich bemerkte. „Wie ist es dort?“ Erika antwortete nicht sofort. Schweigend erinnerte sie sich an früher, als sie noch gar nicht wusste wer sie war und was auf sie zukommen würde. Ran wandte den Kopf in ihre Richtung und blickte sie mit ihren hübschen Augen fragend an. „Eigentlich finde ich den Osten interessanter“, antwortete Erika zögerlich. Ihr fiel einfach nichts Besseres ein, was sie hätte sagen können. Doch Ran schien die Antwort zu genügen und schaute weiter auf die ferne Küste. Das Schiff kam ihr jetzt immer näher. Die Fahrt über hatte sich Erika viel mit Ran unterhalten. Sie schienen gut mit einander klar zu kommen. Vor allem nachdem sie ihre Geschichten gegenseitig ausgetauscht hatten. Währenddessen Erika selbst erzählt hatte, merkte sie, dass sie sich manchmal wirklich dumm angestellt hatte. Doch im Nachhinein konnte sie über ihre geringen Fehler lachen. Auf einmal spürte sie einen heftigen Windstoß, der ihr umso mehr die Haare verwehte. Sie zitterte kurz. „Was ist los?“ fragte Ran, doch Erika lachte nur ironisch. Sie fühlte, dass sie sich an die warmen Temperaturen aus dem Süden gewöhnt hatte und jetzt sehr verfroren war. Sie fragte sich, wie es wohl sein würde, wenn sie jemals wieder nach Hause kam. In den Norden, dort wo es eigentlich immer schneite und eiskalt war. Wahrscheinlich würde sie in der ersten Nacht erfrieren oder zumindest vor der bitteren Kälte nicht einschlafen können. Doch irgendwann musste sie nach Hause kommen. Sie hatte es Yara schließlich versprochen. Erika erinnerte sich zurück an ihre Reise, die vor ungefähr drei Monaten begonnen hatte. Wie sie von Zuhause geflohen war, weil ihr Vater sie zur Heirat zwingen wollte. Wie sie auf Laif, Zura und die Drachenjäger stieß, wie sie getrennt wurden und schließlich, wie sie auf Arik traf. Arik... Erika spürte einen wiederkehrenden Schmerz in ihrer Brust, der sich ohne Vorwarnung immer mehr ausbreitete. Sie spürte immer noch das beklemmende Gefühl, dass sie nie wieder in seine Augen blicken konnte. Schwer musste sie feststellen, dass es so war und dass sich nichts daran ändern würde. Als sie fühlte, wie ihr eine Träne über die Wange lief, hob sie ihre Hand und wischte sie weg. „Alles in Ordnung?“ Erika vergewisserte sich, dass sich keine Feuchte mehr in ihrem Gesicht befand und wandte ihren Kopf nach hinten um. Sie erkannte Aroki, deren Hand auf ihrer Schulter lag. Ran blickte sie jetzt ebenfalls an. Ihre Kampfringe klirrten metallisch im wehenden Wind und ihr Tachi schlug leicht an die Reling, als sie sich mit dem Rücken anlehnte. Erika schaute abwechseln zu den beiden. Einen kurzen Augenblick erstarrte sie, als ihr die Ähnlichkeiten zwischen ihnen auffiel. Sie besaßen ziemlich ähnliche Gesichtszüge. Ihre Haare hatten den gleichen dunklen Braunton, abgesehen davon, dass Aroki‘s Haare im Vergleich nur knapp über die Schultern reichten. Hingegen endeten Ran’s Haare erst an ihren Kniekehlen. Nur ihre Nasen und Lippen sahen sehr unterschiedlich aus. „Kommt! Ich erzähl euch wie’s jetzt weiter geht“, unterbrach Aroki das Schweigen und Erika’s verwunderten Ausdruck. Sie ging über den Boden in die Mitte des Decks. Erika zögerte kurz. Doch dann folgte sie Ran über das knarrende Holz. Als sie sich setzten kam auch Adian dazu. Er blickte zu Lee und Lin und rief dann: „Komm, Prinz! Wir wollen etwas besprechen!“ Erika verdrehte genervt die Augen. Seitdem sie das Schiff betreten hatten, nannte Adian ihn so. Sie wusste allerdings nicht, warum er das tat. Jedenfalls sagte er es immer nur, wenn Lee es selbst mitbekam. Daher glaubte Erika, dass Adian ihn nur ärgern wollte. Nachdem Lee widerspenstig aufgestanden war, gesellten sie sich zu ihnen. Aroki kniete auf dem Boden und sah sie an. „Was wollt ihr besprechen?“ fragte Lee laut und hielt Lin auch weiterhin im Arm. „Nur wie es nach der Fahrt weitergeht. Setzt euch“, forderte sie Aroki freundlich auf. Erika sah, dass Adian kurz zögerte, sich dann aber wie die anderen im Kreis platzierte. „Was? Ihr wollt etwas besprechen? Ich wusste doch gleich, dass ihr etwas Übles im Schilde führt!“ Erika schaute hinter sich. Der alte und verrückte Mann, der ihr Kapitän war, lief auf sie zu. Er zeigte seine gelben Zähne und grinste breit. Schon die ganze Fahrt über hatte er ihnen merkwürdige Kommentare an den Kopf geworfen. Um Adian zu ärgern, hatte er Salzwasser in seinen Becher gefüllt und mitten in der Nacht das Deck mit lautem Gesang geschrubbt. Doch am nächsten Morgen war es immer noch schmutzig gewesen. Erika erhaschte Ran’s grinsendes Gesicht. Sie wusste warum. Insgeheim hatten sie sich immer wieder lustig klingende Spitznamen für den Mann ausgedacht, bis es ihnen zu blöd geworden ist. Bei dem Gedanken an die neu erfundenen Wörter konnte Erika ihr eigenes Grinsen kaum noch zurückhalten. Sie hielt die Hand vor ihren Mund, um es zu verbergen und schaute zu Sommer. Kaan’s Kämpfer steuerten weiterhin das Schiff und sie trat von ihnen herüber. Danach setzte sich die Elfe ebenfalls in die Runde und nahm Platz zwischen Adian und Lee. Aroki holte tief Luft und fing an zu reden: „Also, wenn wir die Küste erreicht haben, wandern wir durch den Wald nach Tork“, erklärte sie und schaute sie abwechselnd an. „Wo ist denn Tork?“ fragte Lee und stützte die Hände auf den Boden. „Tork“, sagte Aroki, „ist eine kleine Stadt in Nordsigmul, die in der Nähe der Küste gebaut wurde. Soviel ich von Kaan gehört habe, herrscht nach Arylan’s Tod seine Schwester Königin Melissa über Nordsigmul. Ich glaube, dass der Weg dort ungefährlicher ist. Deswegen sollten wir es vermeiden durch den Süden zu reisen.“ Erika sah zum Boden. Sie überlegte, wer wohl jetzt in Südsigmul auf dem Thron saß und ob das Königreich nun aufgeteilt war. „Weiter geht’s dann nach Westen am Gebirge vorbei. Übrigens“, unterbrach Aroki sich selbst. „Das Gebirge trennt Nordsigmul von Elrampil und dem Norden und ist zugleich auch die Grenze. Der einzige Weg, um von dort aus nach Elrampil zu kommen, führt an der Küste unterhalb des Gebirges entlang.“ Erika erinnerte sich. Sie kannte die westlichen Berge von Zuhause und sie wusste auch, dass sie sehr hoch waren. Daher konnte sie niemand überwinden. „Danach gehen wir am Gebirge entlang und durch den Derantes Wald. Er endet an der Grenze von Elrampil“, fügte Aroki abschließend hinzu. „Und dann? Wo kommen wir dann hin?“ fragte Lee, der sie interessiert anblickte. Mit seiner freien Hand strich er sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus seinem strengen Haarknoten gelöst hatte. „Ihr müsst wissen“, fing Aroki an, „in Elrampil gibt es nur vier Städte, die uns bekannt sind. Im Norden Dolega und Mirad. Im Zentrum Telos und ganz im Westen die Hauptstadt Tristall.“ Aroki machte eine Pause. „Ich denke, als erstes wandern wir nach Telos, da wir ansonsten durch den ganzen nördlichen Teil von Elrampil ziehen müssten. Die Bergketten und Flüsse wären uns einfach im Weg. Danach ziehen wir weiter nach Tristall. Ich denke Kaan hat die Botschaft direkt zu Elfenkönig Varik geschickt.“ Erika spitze die Ohren. Sie wollte so viel wie möglich über die Elfen und Elrampil erfahren. Doch bevor sie mehr über diesen König Varik herausfinden konnte, wurde ihr Gedankengang unterbrochen. Der verrückte Mann hinter ihr kicherte. „Ich will euch ja nicht stören, aber wir sind fast da…“, sagte er lachend. Erika verstand nicht was er wohl so komisch fand, daher beschloss sie aufzustehen und über das Deck zur Küste zu schauen. Sie kniff die Augen vor dem hellen Schein der Sonne zusammen und stellte sich an die Reling. Die anderen folgten ihrem Beispiel und taten es ihr gleich. Erika sah eine graue Kieselsteinküste hinter der sogleich ein dichter Nadelwald wuchs und das, was hinter ihm war, verbarg. „Schon blöd, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann, nicht wahr?“ fragte der verrückte Mann, der Erika mit einem wahnsinnigen Blick anschaute. Sie erwiderte aber nichts. Eher bemerkte sie, dass der Wind immer sanfter wehte. Sie hörte, wie das salzige Wasser lauter gegen die Küstenfelsen peitschte. „So, jetzt runter von meinem Schiff“, sagte der Kapitän, als er an den Strand gesteuert war und Kaan’s Männer den Anker auswarfen. Erika nahm ihr Gepäck, das sie sich schon bereitgelegt hatte und zog das zusammengeschnürte Bündel über die Schulter. Verärgert bemerkte sie, dass ihr Bogen fehlte. Offenbar hatte sie ihn in der Wüste zurückgelassen. „So ein Mist“, dachte sie laut und verzog das Gesicht. Sichtlich genervt ging sie nur mit ihrem Gepäckbündel über die Planke, welche von den Kämpfern ausgelegt wurde. Sie verließ das Schiff und trat auf den feuchten Kiesstrand. Vor ihr war Ran, die ihr Tachi und ihre Kampfringe bei sich trug. „Gute Reise!“ rief der verrückte Mann vom Schiff herunter, nachdem alle auf den Kieseln standen und noch einmal zu ihm hinaufblickten. Er zog die Planke hoch. Doch glitt sie ihm aus der Hand und platschte ins Wasser. „Naja, nicht so schlimm“, rief er von oben herab und ging ans Steuer. Erika überlegte sich, wie er wohl ganz allein wieder zurückfahren konnte und sah dem schaukelnden Schiff hinterher. Es stach in See und entfernte sich von der Küste. „So, los geht’s“, rief Sommer, die bereits motiviert am Waldrand stand. Dicht hinter ihr folgten Lee und Lin. „Hoffen wir auf eine gute Reise“, meinte Aroki, als sie am Anfang des düster wirkenden Waldes angekommen waren und auf Sommer blickten, die schon hinter den Bäumen verschwand. Hunderte Äste und Nadeln lagen auf dem Boden und dichte Gestrüppe schmückten die eng aneinander stehenden Stämme. Erika hoffte ebenso auf eine gute Reise und darauf, dass sie kein feindlicher Soldatentrupp entdecken würde. Es war dunkel. Der steinige und von Wurzeln überwucherte Boden des Tempels war von rotem Blut begossen. Die wenigen zu Tode geschlagenen und verstümmelten Leichen lagen regungslos auf einem Stapel und wurden von den Flammen erleuchtet. Das Feuer brannte in Schalen, die auf hohen Steinsäulen angebracht waren. Die Menge stand aufgeregt um das Spektakel. Sie schrie und feuerte ihren Favoriten an. Ein Schmerz an der Schläfe. Durotaïl blickte auf. Gerade noch hatte er seine eingehüllten Fäuste zum Schutz erhoben, bevor ihn ein Ellenbogen hart im Gesicht traf. Ohne sich den Schmerz anmerken zu lassen, blickte er in die Augen seines Gegners. Er war der letzte, der noch übriggeblieben war. Kinai hatte genau wie Durotaïl alle Kämpfe zuvor gewonnen. Diese wurden mit bloßen Fäusten ausgefochten und endeten nur mit dem Tod. Jetzt waren nur noch sie beide da. Sie standen im finalen Kampf, worum es um den Titel des neuen Häuptlings ging. „Los töte ihn!“ rief eine Frau in der aufgebrachten Menge. Durotaïl wich einen seitlichen Hakenschlag von Kinai aus. Sogleich duckte er sich unter dem Arm nach vorn, packte den Nacken seines Gegners und versetzte ihm einige wuchtartige Kniestöße. Die Stöße trafen Kinai brutal in die Brust. Er versuchte sich zu wehren und frei zu kommen, doch Durotaïl’s Griff wurde nur noch fester und er zerrte seinen Gegner an sich heran. Er fühlte das Krachen von Knochen und seine Haut, die von Blut besudelt wurde. Gebrochene Rippen stachen durch das Fleisch und rissen es auseinander. Kinai wandte den Kopf zum Boden und spuckte Blut. Durotaïl packte ihn jetzt grob am Nacken. Er rammte ihm nochmal das Knie in die Brust. Kinai wehrte sich und versuchte Durotaïl’s Griff zu entkommen. Doch dieser trat mit aller aufgebrachten Kraft zu und traf sein Gesicht. Durotaïl hörte ein weiteres Krachen und bemerkte einen Schmerz in seinem Knie, wo die zersplitterten Knochen in seine Haut stachen. Er spürte, dass sein Gegner sich nicht mehr wehrte und wie sein Körper schlaff wurde. Schließlich ließ er ihn los. Bluttriefend kippte Kinai nach hinten. Sein Gesicht war verstümmelt und einzelne gebrochenen Knochen ragten heraus. Mit einem dumpfen Ton fiel er auf den Steinboden des Tempels und blieb reglos liegen. Er war tot. Schwer vor Erschöpfung atmend blickte Durotaïl auf das Blutbad, das er vor sich angerichtet hatte. Gesplitterte Knochen und Zähne, sowie zerfetzte Hautstücke lagen verteilt in dem roten See vor ihm. Als er eine Hand an seinem Arm spürte, verstummte die Menge. Durotaïl blickte mit pulsierendem Herz neben sich. Es war die junge Schamanin Amankaya. Mit ihrer gebräunten Haut, ihren graziös geformten Hüften und ihren zusammengebundenen Filzlocken, sah sie Durotaïl erfreut an. Sie hob seine blutige Faust in die Höhe. „Sareç hat entschieden! Er hat entschieden wessen Blut heute fließen wird. Denn er verlangt nach Blut. Blut für unseren neuen Häuptling: Durotaïl!“ Die Menge stimmte laut mit ein. Durotaïl sah in die Gesichter seiner Stammesmitglieder. Wie sie ihm zujubelten und ihren neuen Anführer preisten. Amankaya ließ seinen Arm los. Sie ging die erste Treppe des Tempels hinauf und setzte sich auf einen Thron vor dem Blutaltar. Der Schrein war mit Schrumpfköpfen und abgetrennten Körperteilen geschmückt. „Komm!“ sagte sie und winkte Durotaïl mit einem Lächeln zu sich heran. Sie befahl einigen Unterpriestern Kinai’s Blut in eine goldene Schale laufen zu lassen, die sie danach auf den Altar stellten. Durotaïl sah Amankaya in die rotbraunen, schlitzförmigen Augen und kniete immer noch schwer atmend vor ihr. Die Schamanin stand auf. „Sareç hat uns prophezeit, dass die Menschen um uns herum das Gleichgewicht der Welt zerstören. Jetzt müssen wir ihnen entgegentreten“, rief sie mit hallender Stimme durch die Nacht. Die Leute vor dem Tempel stimmten ihr laut zu. Amankaya nahm die Schale neben einem Schrumpfkopf in die Hand und hob sie über Durotaïl. „Sareç hat uns einen neuen Anführer ausgewählt, der dieses Gleichgewicht wieder herstellen soll. Wir werden sie alle vernichten und mehr Blut für ihn opfern!“ Jeder der Anwesenden erhob seine Faust einstimmig. Amankaya kippte die Schale um und begoss Durotaïl mit dem Blut. Es floss auf seinen Kopf und triefte an ihm herunter. „So ist Sareç’s Wille!“ riefen alle gleichzeitig. Nachdem Amankaya die Schale geleert hatte und sie danach achtlos auf die Treppe warf, stand Durotaïl auf und drehte sich zu seinem Volk um. Er genoss den Jubel und hoffte auf einen Sieg und eine Widerherstellung des Gleichgewichts… Es war jetzt düstere Nacht. Die Hitze der Vulkane drang durch den Dschungel der Insel. Grillen zirpten und kriechende Schlangen glitten lautlos über die Erde. Durotaïl lief immer noch blutgetränkt zu seiner Hütte. Diese war in der Nähe des Tempels erbaut. Alles war ruhig. Er war der Letzte, der noch draußen war. „Durotaïl?“ rief eine Stimme aus der Dunkelheit. Er drehte sich nach rechts und versuchte im Schwarzen der Nacht etwas zu erkennen. Sein Atem stockte. Doch als er die filigrane Gestalt Amankaya‘s erkannte, war er erleichtert. Neben dem blutigen Altar schritt sie langsam auf ihn zu. Durotaïl schüttelte es am ganzen Leib. „Ist dir kalt?“ fragte Amankaya fürsorglich. „Nein“, antwortete er knapp. Er war noch nie ein Mann der Worte gewesen. Amankaya ging jetzt noch langsamer auf ihn zu und wendete den Blick nicht von seinen Augen ab. Er sah, dass sie sich gierig auf die Zunge biss und ihre Hüfte sich gleitförmig bewegten. Sie stand jetzt genau vor ihm. Sie war so nah, dass er die Punkte in ihren dunklen und feurig glitzernden Augen zählen konnte. Durotaïl fühlte ihre Hand, die genüsslich durch seine langen Haare strich, die er an den Kopfseiten abrasiert hatte. Er betrachtete ihre Kleidung. Sie bestand nur aus einem gewebten Tuch. Es war rot und wie ein Kleid um sie gebunden. Dazu trug sie vielen Ketten und Armreifen. „Ich finde, da du jetzt unser Häuptling bist, solltest du auch angemessen wie einer behandelt werden. Sareç hat dich auserwählt. Du hast noch eine Aufgabe auf dieser Welt, das spüre ich“, sagte sie mit leiser, aber zischender Stimme. Sie zog an Durotaïl’s Lendenschurz und strich über seinen muskulösen Oberkörper. Er ließ sich durch ihre Bewegung auf den Boden gleiten. Erst blickte er zum dunklen Nachthimmel, dann schloss er seine Augen, während er spürte, wie Amankaya sich mit gespreizten Beinen auf seinen Schoß gleiten ließ. Er wusste, dass er der Erwählte von Sareç war. Er wusste auch, dass er dieser Welt wieder Hoffnung und den normalen Kreislauf bringen würde. Die Menschen zerstörten die Natur und rotteten alle Tiere aus. Wenn er das verhindern konnte, würde er sogar dafür sterben.


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