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Belletristik
Buch Leseprobe Narben, Paul Senftenberg
Paul Senftenberg

Narben


Roman

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Prolog


 


Im Herbst, in dem er siebzehn wurde, lernte Thomas einen Jungen kennen, der Hunde vergiftete. Damals konnte Tho­mas noch immer an nichts anderes denken als an seinen Vater und die Umstände, die dazu geführt hatten, dass seine Mutter und er aus der kleinen Stadt weg­ziehen muss­ten, in der sie bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hatten. Seit dem Umzug in die Großstadt kam sich Thomas vor wie ein Insekt, das in eine feindliche Umwelt geraten war und dort verwirrt und ziellos umherirrte. Er fühlte sich nackt und hilflos. Er hasste es, hier leben zu müs­sen, ohne dass ihn jemand ge­fragt hatte, ob er das über­haupt wollte, und in eine Schule ge­hen zu müssen, wo es niemanden gab, mit dem er ein ver­nünfti­ges Wort reden konnte. Er vermiss­te sein bisheriges Leben.


 


Sein bisheriges Leben, das war das Le­ben mit sei­nen El­tern und seiner besten Freundin Katharina gewesen. Das war das Leben in der kleinen Stadt, in der er gebo­ren war und aufwuchs, in der er jede Ecke und jeden Win­kel kannte und jeden noch so schma­len, vom Un­ter­holz überwucherten Weg durch die umliegenden Wäl­der. Wenn er jetzt darü­ber nachdachte, kam ihm vor, dass er die­­ses bisherige Leben wie eine Hülle getra­gen hat­te, wie eine zweite Haut. Das hatte ihm Sicher­heit ge­geben, das hat­­te ihn stark gemacht.


 


Und dann diese Nacht, dieser Streit. Die Türen, die zu­­schlu­gen, das Auto, das star­tete. Das Dröhnen der plötz­­li­chen Stille, die das Haus und seine Bewohner wie eine tonnen­schwere Last erdrückte. Und später, im Halb­­schlaf der frü­hen Morgenstunden das Läuten des Telefons.


 


Damals hatte Thomas’ zweite Haut Feu­er gefan­gen, da­mals war sie ver­schmort. So überstürzt und un­ver­­mutet, dass er es lan­­ge Zeit gar nicht glauben konnte, hatten die Er­eig­nisse dieser Nacht einen Schluss­strich unter sein bis­he­riges Leben gesetzt. Was ihm blieb, waren Gefühle, die ihm Angst mach­ten.


 


Da war diese Wut, die in jedem Muskel, in jeder Seh­ne, in je­der Faser seines Kör­pers tobte wie ein Sturm. Die er am liebs­ten mit seinen Lungen herausge­schrien und seinen Fäus­ten heraus­getrom­melt hät­te und trotz­dem die meiste Zeit in sich behielt. Die­se Wut kon­zentrierte sich auf seine Mutter. Denn sie war es wohl, die an dem letzten Abend die Dinge ins Rollen ge­bracht hatte. Und immer wenn er daran dachte, fühlte sich Tho­­­mas besonders verzweifelt und so schrecklich hilf­los: Weil ihm be­wusst war, dass er das, was damals pas­siert war, um nichts in der Welt unge­schehen zu machen ver­moch­te.


 


Und da war noch etwas, da war noch ein Gefühl in ihm, das er lange Zeit nicht ge­nau benennen konnte, das ihn aber am bloßen Herzen gepackt hatte und den ge­schmol­zenen Insektenpan­zer, diese Res­te seiner zwei­ten Haut, zu einem rußgeschwärzten Netz aus Erin­nerun­gen, zu seinem Ge­fängnis machte.


 


Der Junge, der Hunde vergiftete, war fast zwei Jahre älter als Thomas. Aber in dem Herbst, in dem er zu ver­ste­hen be­gann, dass es seine Art von Trauer war, die ihm so zusetzte, war dieser Junge der einzige Mensch, der ver­stand, wie er empfand.


 


 


1.


 


Natürlich kommt die Mutter ins Zimmer, ohne vorher anzu­klop­fen. Und natürlich hat Thomas gera­de die Hand in der Hose. Das hat er meistens beim Fernsehen. Zumin­dest wenn auf MTV halbnackte Typen um die Sängerin herum­tan­zen. Seine Mut­ter aber macht das wahnsinnig. Das weiß Tho­mas. Trotz­dem lässt er seine Hand, wo sie ist, als sie ins Zimmer kommt. Wenn so etwas passiert, rauscht sie meis­tens kur­zer­hand ab und knallt hinter sich die Tür zu. Dann kann Tho­mas sehen, wie er zu einem Abendessen kommt. Aber heute reagiert sie an­ders. Das Blut schießt ihr ins Gesicht, das kann Thomas richtig beobachten. Mit ein paar Schritten ist sie bei ihm. Sie packt seinen Arm, sie reißt ihn in die Höhe. Dann lässt sie ihn fallen, als hätte sie sich daran ver­brannt. Mit offener Hose liegt Thomas vor ihr auf dem Sofa. Die Mutter steht so, dass er schräg an ihr vorbei immer noch auf den Bildschirm sehen kann. Dort räkeln sich die Muskel­typen im Sound, der das Zimmer erfüllt. Wie geschmeidig sie sich bewegen, fährt es Tho­mas durch den Kopf. Im nächsten Augen­blick spürt er einen scharfen Schmerz auf der Wange.


 


Erstaunt blickt er zu seiner Mutter hoch: Ge­schla­gen hat sie ihn noch nie. Offen­­sicht­lich ist ihr auch nicht ganz ge­heuer, was sie getan hat. Denn sie hält die rechte Hand mit der linken am Gelenk fest. Beide Hände hat sie so ver­krampft, dass die Finger­knöchel weiß hervor­tre­ten. Die Haut ist rau und rissig wie aus­ge­trock­nete Erde. Die Mutter öffnet den Mund, aber sie sagt nichts. Ihre Lip­pen zittern, dann spreizt sie sie und presst sie gleich wieder auf­einander. So starrt sie auf ihren Sohn hinun­ter. Und er starrt zu ihr hoch. Für einen Moment rührt sich keiner von ihnen. Die geplatzten Äderchen auf Mutters Wangen ver­ästeln sich in Tho­mas’ Vorstel­lung wie Kristalle, die un­ter dem Mikroskop wach­sen. Sie werden zu roten Flecken, da muss der Junge an bluten­de Wun­den denken. Er schaut der Mutter in die Augen. Er ver­sucht ihre Gefühle zu erken­nen und ihnen Namen zu geben. Doch noch bevor er sich sicher sein kann, wendet sich die Mut­ter ab. Thomas hört etwas von ihr, bevor sie aus dem Zim­mer ist. Aber ob sie nur so vor sich hin schimpft oder etwas zu ihm gesagt hat, hat er nicht verstanden.


 


Das Flimmern der Fernseh­bilder spiegelt sich auf seinem Gesicht, das nimmt Thomas wahr, das spürt er in den Augen. An einem offenen Feuer wäre es genauso, denkt er. Schon sieht Thomas eine imaginäre Filmszene vor sich. Sein Held ist ein schöner blonder Junge. Er streift zwischen den Felsen eines Can­yons umher, die Land­schaft ist von der unter­gehenden Sonne in blutendes Rot getränkt, ein ähnliches, flackerndes, lebendiges Rot ist das Lagerfeuer, an dem der Junge dann sitzt, um ihn herum die Dunkelheit der Wüstennacht. Der Junge sieht so aus, wie sich Thomas einen Freund wün­schen würde. Sein Gesicht vor den geschlos­senen Augen, beginnt er sich zu strei­cheln. Später spielt Thomas mit der Fernbe­dien­­ung. Er zappt von Kanal zu Kanal. Er kommt zu einem Sender, der über die Ent­führung eines Studenten im Jemen be­richtet. Der Student trägt einen Vollbart und wirkt ver­wahrlost und voller Todesangst, er liest eine Forderung nach Lösegeld vor, in der linken obe­ren Ecke des Bildes ist der Lauf eines Maschinen­ge­wehrs zu sehen.


 


Tho­mas schaltet den Fernseher ab. Er steht auf und knöpft sich die Hose zu. Er öffnet die Tür und lauscht in den Gang. Ganz leise hört er Schla­ger­­musik. Wie erwartet ist die Mutter im Schlafzim­mer und hört Radio. Heute kommt sie nicht mehr heraus, das ist Thomas klar. In der Küche steht das Geschirr noch herum. Das war es wohl, was Mutter so verärgert hat. Deshalb ist sie in sein Zim­mer gestürmt. Weil er nicht abgewaschen hat. Am Abend kocht die Mutter immer für den nächs­ten Tag vor. Wenn Thomas von der Schule heimkommt, braucht er sich das Essen nur aufzu­wärmen. Wenn er dann nicht abwäscht, kriegt seine Mutter jedes Mal einen Anfall. Weil sie sich doch für ihn abrackere, sagt sie, und er nicht ein­mal imstande sei, die Küche sauber zu halten. Das ist ihr Standardsatz, Thomas hört ihn schon gar nicht mehr. Dabei wollte er die Arbeiten ohnehin erle­digen. Er hat es nicht darauf angelegt, seine Mutter zu verärgern. In letzter Zeit ist sie ohnehin noch gereiz­ter als sonst. Tho­mas vermutet, dass sie Ärger in der Fa­brik hat. Doch daran kann er nichts ändern. Er war völlig geschafft nach der Schule. Mit nassen Hand­tüchern haben ihn die anderen Jungen durch den Dusch­raum gejagt. Und das nur, weil er beim Volleyball ein paar Bälle nicht gekriegt hat. Das gab ihnen den Grund, nach dem sie gesucht hatten. Es tat ganz schön weh, als die Handtücher auf seinen nackten Hintern, die Oberschenkel und den Rücken klatsch­ten. Aber noch viel schlimmer als diese Schmerzen war das Gefühl der Ernied­rigung, als alle johlend hinter Thomas her waren. Er konn­te sich ihrer nicht erwehren. Und als es ihm endlich gelang, in den Umkleide­raum zu entkom­men, musste er sich zu­sam­men­reißen, um nicht vor aller Augen loszuheulen.


 


So hat Thomas zu Hause das Essen ver­schlungen, heiß­hungrig wie immer. Und um auf andere Gedanken zu kom­men, woll­te er dann nur ein bisschen fernsehen. Da­bei hat er eben aufs Abwaschen vergessen. Noch immer herrscht vorwurfsvolle Stil­le in der Woh­nung. Der Ton des Radios aus Mutters Zimmer unter­streicht dieses Schweigen nur. Das hält Thomas nicht aus. Draußen scheint die Spätnachmittags­sonne. Es ist schon September, doch der Sommer ist noch nicht zu Ende, die Tage sind noch lang.


 


Nur raus aus der Wohnung, denkt Thomas, raus aus dem Haus, und fort von dem betonierten Platz zwischen den Wohnblöcken! Fort von den Gedanken an seine Mutter, die ein Dra­ma da­raus macht, wenn ein Junge beim Fernsehen die Hand in seiner Hose hat.


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