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Belletristik
Buch Leseprobe NANINA - Die Nebel der Apokalypse, Jenni Flieg
Jenni Flieg

NANINA - Die Nebel der Apokalypse



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- Apokalypse -

Tomas lebte allein und war jetzt 54 Jahre alt. Früher nannte man dieses Alter die »Besten Jahre«. Wenn er Mitte Vierzig noch etwas zum Dickwerden neigte, so hatte sich dieses Problem durch seine Nahrungsumstellung als Jäger und Sammler erübrigt. Selbst seine Körperbehaarung wucherte jetzt ungebremst an vielen Stellen seines Körpers bis auf den Kopfbereich. Dort oben war es schon sehr licht geworden und stellte jetzt eine Öffnung für höhere geistige Einfälle dar, wie er mit Selbstironie vorm Spiegel feststellte. Als er noch in seiner Dauerverlobung mit Christine war, hatte er sogar angefangen, seinen Körper, bis auf den Kopf natürlich, in teils quälenden Prozeduren zu enthaaren. Wer wollte damals schon wie ein behaarter Affe aussehen? Wenn schon die Entwicklung aus dem Tierreich heraus so langsam erfolgte, musste man halt etwas künstlich nachhelfen.
Tomas war jetzt sogar absolut allein und hauste in den Resten eines Dorfes, das in einem lokalen Religionskrieg nur wenig zerstört wurde. Das lag wohl daran, dass es nur eine Zufahrtsstraße gab, die im Straßendorf wie eine lang gezogene Schleife wirkte. Man fuhr auf der rechten Seite des Dorfes bis zum Ende und auf der linken Seite wieder zurück. Auch von umherziehenden Banden blieb es weitgehend verschont. Man hatte das Dorf einfach nicht gefunden.
Allerdings waren die meisten Häuser durch die vermehrt und heftiger auftretenden Stürme der letzten Jahre zerstört oder von den Bewohnern bei ihrem nicht immer freiwilligen Auszug angebrannt worden. Tomas fand aber immer noch genug Dachziegel und Ähnliches, womit er sein Haus immer wieder reparieren konnte.
Das alte Bauernhaus, in dem Tomas jetzt lebte, wurde zuletzt von seinem Onkel Joachim bewohnt, dessen Frau in die Stadt gezogen war. Dieser Onkel war ein Schwarzseher gewesen und hatte aus diesem Grunde in dem alten Haus alles Mögliche an Vorräten gebunkert. Von Dauerseifen angefangen bis zu nahezu ewig haltbaren Lebensmitteln. Selbst eine Luft- und Wasseraufbereitung sowie eine Wasserzisterne fehlten nicht. Obwohl beide wahrscheinlich nicht für den Ernstfall geeignet waren. Zumindest grobe Verunreinigungen des Wassers konnten sie wenigstens filtern.
Tomas erinnerte sich noch an die Zeit seiner Besuche, die jährlich einmal stattfanden. Jedes Mal wenn er kam, hatte der Onkel eine andere Hiobsbotschaft. Einmal brach das Finanzsystem im nächsten halben Jahr zusammen. Worauf er die dringende Auflage bekam, doch sein Geld in Gold und Silber umzuschichten.
Nachdem das Welt-Finanzsystem weiter so wurschtelte wie bisher und Papiergeld in unvorstellbaren Mengen aufhäufte, zeigte ihm sein Onkel im nächsten Jahr seine Vorräte an Seife, Nägeln und Brettern. Ein großer Kanister Petroleum nebst den Kochern und Lampen die es verwenden sollten, standen in einem Nebenraum seines Kellers. Ein Notstromaggregat und ein paar Solarpaneele warteten ebenfalls darauf, benutzt zu werden.
In einem anderen Jahr war das Wasser dran, das zum Rohstoff Nummer 1 wurde und um das bald Kriege geführt werden würden. Er installierte zwei große Behälter, um das Regenwasser zu speichern.
Im letzten Jahr riss er die Jasminsträucher, den Phlox, die Lilien und alles andere, was unter der Rubrik Zierpflanzen in seinem Garten stand, heraus und pflanzte Zucchini, Kartoffeln, Getreide, sogar Mais und Sonnenblumen an. Er wollte sich eine Samenbank der Nutzpflanzen anlegen, um im Notfall mit selbstgezogenen Lebensmitteln zu überleben.
Nichts von alledem traf ein, wenigsten solange sein Onkel noch lebte.
Seine Frau hielt von alledem nichts, sie hatte sich in der Stadt eine kleine Wohnung gesucht und genoss die Zerstreuungen und Unterhaltungen der kommunikativen Art. Vorträge, ihre favorisierte Zerstreuung, fanden immer irgendwo statt und wurden auch von immer mehr Frauen besucht. Frau konnte dort Freundinnen treffen: »Ach, wie schön dich auch hier zutreffen« begann dann der Austausch über die bis zum letzten Vortrag zurückliegenden aufregenden fraulichen Neuigkeiten. Falls doch mal ein Mann mit war, wartete er meist draußen oder in der Garderobe verzweifelt auf das Auftauchen seiner Gattin. Und dann gab es ja noch die Einkaufstouren mit den vielen Kaffees in der Fußgängerzone.
Als sein Onkel Joachim beim Winterfestmachen eines Olivenbäumchens, das in einem von Jahr zu Jahr größer werdenden Kübel wohnte, sich schwer verhoben hatte, lud er Tomas ein und bat ihn, das Haus zu übernehmen. Er war damals 76 Jahre alt. Seine eigenen Kinder waren alle im Ausland und hatten ihre eigenen Vorstellungen von ihrer Lebensgestaltung.
»Tomas, ich übergebe dir das Haus zur Verwaltung mit unbegrenztem Nutzungsrecht«, hatte er damals gesagt, »du kannst vielleicht damit was anfangen. Ich werde auch in die Stadt ziehen. Meine Zeit ist hier zu Ende – wie überhaupt.«
Tomas hatte damals den Eindruck, dass der Onkel von seinem Leben, zumindest von seinen letzten Jahren, enttäuscht war, weil er so auf eine Weltkrise und einen totalen Zusammenbruch gewartet hatte und nichts von dem zu seinen Lebzeiten eintraf. Tomas war bis zu seiner Dauerarbeitslosigkeit Ingenieur in einem kleinen Betrieb für Haushaltsgeräte gewesen und hatte dort in einem Labor elektronische Schaltungen für Wäschetrockner und Kaffeemaschinen entwickelt, bis diese Arbeit dem international operierenden Konzern zu teuer wurde.
Onkel Joachim hatte ihm auch seinen Computer überlassen. Auf ihm waren Internetrecherchen gelistet, die für jedes Jahr geordnet Prognosen und Ankündigungen der großen Katastrophen enthielten.
Das Internet war Vergangenheit. Strom gab es schon länger keinen mehr. Das Notstromaggregat hatte kein Benzin und die Kerzen wurden knapp. Die Suche nach einem zurückgelassenen und noch bewohnten Bienenstock in einer der benachbarten Wüstungen war bisher erfolglos geblieben. Es ging auch ohne Bienewachs und Honig. Sonne und Mond begannen langsam ihre Macht auf Tomas auszudehnen. Sie bestimmten zunehmend seinen Tagesablauf.
Es war immer Mitte bis Ende Oktober, wenn Tomas seinen Onkel besuchen kam. Die Nächte waren schon empfindlich kalt, die Tage strahlten meist vor Sonnenschein und blauem Himmel. Das alte Haus war an der Südseite mit wildem Wein ganz zugewachsen, der jetzt seine vergängliche Schönheit in allen Schattierungen von Grün über Gelb bis Rot zeigte. Auf der Rückseite musste der Efeu in Grenzen gehalten werden, damit er nicht über das Dach hinauswuchs. Tomas fand das immer wieder romantisch, zumindest für die Woche, die er bei seinem Onkel verbrachte. Onkel Achim dagegen war geteilter Meinung. Für ihn war es auch ein Paradies von Spinnen, die dann im Winter gern ins Haus kamen. Und morgens weckten ihn im Sommer manchmal streitende Vögel, die ebenfalls ihr Quartier im Weinlaub hatten.
Selbst mit den im Laub auf Wespen lauernden Hornissen hatte er schon nachts unter seiner Bettdecke Bekanntschaft gemacht. Das arme Tier war zum Fenster herein gekommen und hatte sich verirrt. Seine Frau, die da noch nicht in die Stadt gezogen war, fing die Hornisse in einem Glas, während Onkel Achim in die Küche hinunter rannte, um zu sehen, was dieser geträumte Fall in einen Brennnesselhaufen mit seinem Oberschenkel zu tun hatte. Die Hornisse, die bis zum nächsten Tag im Glas überlebte, wurde dann wieder frei gelassen. Seine Frau war eine Tierschützerin.
Bei einem seiner letzten Besuche konfrontierte er Onkel Achim mit seiner Überzeugung von den geheimen Plänen, eine Weltregierung zu errichten.
Sie tranken roten Bordeaux, im Eichenfass ausgebaut. Darauf legte sein Onkel Wert, wenn er auch sonst kein Weinkenner war. Er hatte davon einen guten Vorrat in seinem Keller – sogenannte Kummertropfen, wie er sich ausdrückte.
»Onkel Achim«, begann Tomas nach einem genüsslichen Schluck aus einem funkelnden Kristallglas, »glaubst du wirklich, diese ganzen Katastrophenszenarien seien nicht gewollt? Die wollen uns doch damit nur in die Versklavung des Kollektivismus treiben.«
Sie hatten zuvor gerade die neusten Maßnahmen zu Krisenbewältigung besprochen: einen Tiefkeller mit starker Eisenbetonbewehrung.
Onkel Achim holte erst mal Luft, Versklavung und Kollektivismus waren nicht in seinem alltäglichen Wortschatz.
Wollte Tomas seine ganze Katastrophenphilosophie ad acta führen? Nein!
»Ah, ja, wer denn, die Illuminati oder vielleicht ›Skull and Bones‹ oder gar die ›Bilderberger‹ oder wer noch? Die Freimaurer?«, antwortete sein Onkel belustigt, »das hatten wir schon, das Internet ist voll von Verschwörungstheorien. Hier zählen Fakten, einfach Fakten wie die Klimaerwärmung, die Umweltverschmutzung, die nicht mehr rückzahlbaren Schuldenberge der Regierungen, die sinkenden Rohstoffvorräte, der Terrorismus – willst du das leugnen?«
»Nein, will ich nicht«, entgegnete Tomas, obwohl die Erde in ihrer Geschichte schon einige Katastrophen überstanden hat, kann man bestimmte Tendenzen nicht übersehen, darin gebe ich dir recht. Manches ist aber sicher übertrieben. Denk mal an die Anfänge der Umweltschutzbewegung.«
»Ja sicher, es gab schon eine gewisse Hysterie«, musste Joachim zugeben. Die Bevölkerung wurde damals emotional so aufgeschaukelt, dass es dann an ein Wunder grenzte, als trotz der katastrophalen Luftverschmutzung doch in jedem Frühjahr die Bäume wieder grün wurden, sogar an den Straßenrändern.
Onkel Joachim schenkte Tomas und sich die Gläser voll. Er liebte diese Gespräche, die immer auch Streitgespräche waren und manchmal sehr heftig geführt wurden. Solche Gespräche waren ihm immer eine Herausforderung gewesen, so wie ein persönlicher Wettkampf, ja manchmal auch wie ein Duell auf Leben und Tod. Wenn er dagegen an seine Frau dachte, die immer alles gleich persönlich nahm, waren diese Wortgefechte mit Tomas für ihn immer noch erfrischend und bestätigten ihm seine noch vorhandene geistige Vitalität. In jedem Streit und wenn er noch so sachlich war, hörte seine Frau einen gereizten Unterton, wo keiner beabsichtigt war und konterte mit unsachlichen, persönlichen Verächtlichmachungen und Liebesentzug.
Frauen waren halt so, ungeeignet für ein ritterliches Turnier. Es hatte lange in seinem Leben gedauert, bis er das begriff.
»Vielleicht braucht der Mensch immer eine Aufgabe, die einen größeren Charakter hat als nur satt zu essen«, führte Tomas das Gespräch weiter, »Kriege, zum Beispiel, waren immer geeignet, ein Volk hinter einen Führer zu scharen. Kriege rechtfertigten immer Gewalt gegen die anderen und erzeugten Kadavergehorsam bei den eigenen Untergebenen und Versklavung bei den Besiegten. Warum soll das jetzt anders sein?«
»Ganz einfach, weil Kriege nicht mehr gehen!«, konterte der Onkel, »Kriege will keiner mehr, seit die Frauen sich stärker in der Gesellschaft engagieren.«
»Will keiner mehr offiziell, da gebe ich dir recht. Aber insgeheim«, Tomas zog die Augenbrauen hoch, »haben sie noch keinen Ersatz gefunden«, er rückte sich in seinem Sessel zurecht und zog ein Bein hoch, um sein Kinn auf sein Knie zu stützen.
Was waren sie doch für Schwarzseher, sein Onkel wartete auf einen Finanz-Umwelt-Kollaps und er auf einen Krieg. Was würde ihnen dieses Welttheater denn liefern? Sie taten so, als säßen sie in der ersten Reihe, dabei saßen sie doch mitten auf der Bühne.
»Doch«, behauptete der Onkel, »doch, Sport und Spiele, bedienen die primitive Gier nach Kampf und Blut.«
Tomas konterte: »Triviale Gameshows, Freizeitspaß, Pornografie sind kein Ersatz, die sind nicht blutrünstig genug, das mag sein. Allein die Aussicht und geile Hoffnung, dass bei einem Fußballspiel Verletzungen und - wie befriedigend - Knochenbrüche zu erwarten sind, treibt die Fans in die Stadien.
Von Boxkämpfen und Autorennen will ich gar nicht erst anfangen. Oder schau dir an, wie genüsslich langsam die Gaffer an einem Autobahnunfall vorbeifahren.«
Der Onkel trank lieber ohne Widerspruch zu erheben seinen Wein. Tomas fuhr fort: »Achim, was ist das aber gegen einen Krieg. Das ist doch nicht vergleichbar. Die Faszination von Blut und Gewalt kann doch nur durch einen Krieg befriedigt werden. Was ist da schon ein Schlag ins Gesicht oder gar der Tod eines Wettkämpfers. Sport ist nur eine Vorbedingung, Sport kann einen Krieg vorbereiten, ohne Sport gäbe es vielleicht gar keine Kriege. Die ersten Olympischen Spiele in Griechenland waren nichts anderes als Kriegsübungen. Da helfen auch keine Ethikakrobaten, die daraus humanistische Tugenden machen wollen.
Aber eines ist Sport und all die anderen psychischen Sublimationen nicht: ein Ersatz für einen Krieg.
In einem Krieg kommen Frauen und Kinder in großer Zahl um. Materieller Besitz, Häuser, Werkstätten gehen kaputt. Und das alles schafft Arbeit und beruhigt das Volk, das sich jetzt zum Aufbau aus Ruinen hinter seine Führer schart. Und wenn alles wieder stabil aufgebaut ist, geht es halt von Neuem los.«
Die Flasche war leer und Onkel Achim ging ohne eine Antwort in die Küche. Heute kam er nicht mit einer zweiten zurück, sondern nur mit dem üblichen Holzbrett voll kleiner Käsewürfel aus einem würzigen Bergkäse. Der war natürlich ökologisch, wobei sich Tomas immer fragte, was daran so besonders ökologisch sein sollte, wenn die Kühe das Gras von den Bergen abfressen.
Mein Onkel wird alt, dachte Tomas damals. Jetzt war er selbst ein Stück älter und sein Onkel tot. Es hatte die kleinen und größeren Kriege gegeben. Die beiden Achsen des Bösen hatten sich zerfleischt und ihre religiös zu nennenden Kreuzzüge hatten die menschliche Spezies dezimiert.
Die Weltregierung war gekommen, nur nicht in der Form, wie sie von den Kreuzrittern geplant worden war. Das unermessliche Leid, mit dem viele Bevölkerungen und Länder nicht mehr fertig wurden, sollte die finale Katastrophe sein und vor allem auch bleiben. Damit sich so etwas nie mehr wiederholen konnte, gab es nur einen Ausweg: das Verlassen der Bi-Geschlechtlichkeit der Menschheit auf ihrem weiteren Weg der Evolution.
Die Männer waren in den Kriegen stärker dezimiert worden als die Frauen und ein immer größer werdender Teil der Männer hatte eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Die Apokalypse hatte die Weltbevölkerung so drastisch reduziert, dass sich der verbliebene Teil vorerst in die klimatisch günstige und wenig kontaminierte Region um das Mittelmeer zurückgezogen hatte. Andere Erdteile waren auf Jahrhunderte nicht mehr für Menschen bewohnbar.
Die Vernunft zu Gunsten des weiteren Erhaltes der Menschheit siegte auch bei den meisten Männern. Widerstände dagegen gab es. Diese arteten zu terroristischen Aktionen aus und wurden auch mit allen Mitteln bekämpft. Dann traten endlich die ersehnte Ruhe und der Frieden ein.
Eine Charta der Menschheit wurde für alle Völker verbindlich von einer zentralen Versammlung angenommen.
Es sah aus wie eine Revolution der Frauen, als es in der Folge zu einer Zerschlagung der Großindustrie, des Welthandels- und Finanz-Systems kam.
Doch der entscheidende Punkt für diesen Schritt der Menschheit war die biotechnische Möglichkeit der Halbierung des Chromosomensatzes, so dass aus zwei Eizellen ein neuer, genetisch gemischter Embryo entstehen konnte. Männliche Kinder waren überflüssig und das große Problem der Gegenwart, der Mann, war nur noch ein zeitliches und technisches.
Diese Art der Fortpflanzung war stabiler und anpassungsfähiger als das archaische Vehikel über die männlichen Samenzellen, wenn auch die technische Umsetzung immer noch große Probleme bereitete.
Vor der Apokalypse war die Machtablösung des Patriarchates nicht immer auf das volle Verständnis der Männer gestoßen. Es musste schon manchmal etwas nachgeholfen werden. Eine dieser nicht immer ganz ehrlichen Methoden war ›Das Abschießen von führenden Männern‹, indem untergeordnete Frauen zum geeigneten Zeitpunkt ›sexuelle Belästigung‹ anklagten. Selbst der mächtigste Präsident war davor nicht mehr sicher und es war für die Betroffenen das Ende ihrer Karriere.
Eine beliebte Methode war der ›Fahrstuhltrick‹: Eine Frau beobachtete den Fahrstuhl und wenn ein Mann allein einstieg, gesellte sich im nächsten Stock eine Komplizin dazu, während die erste die Treppen hinauflief und Zeuge wurde, wie sich die Frau vor ›sexuellen Übergriffen‹ gewehrt hatte. Männer begannen das Treppensteigen als etwas Sportliches zu begreifen.
In Spielfilmen, Krimiserien, TV-Gerichtsverhandlungen traten Männer nur noch als Bedrohung oder als Trottel auf. Waren sie das nicht auch und es wurde bisher noch nie bemerkt? Makellose weibliche Kommissarinnen versetzten die Männerwelt in Angst und Schrecken.
So veränderte sich das Führungspotential weltweit zu Gunsten der Frauen. Die Einführung der Charta der Menschheit konnte nach den verheerenden Kriegen friedlich vonstatten gehen.
Tomas war damals bei Einführung der ›Charta‹ 38 Jahre alt und lebte schon zurückgezogen und allein in dem alten Bauernhaus, seine Lebensgefährtin hatte ihn vor 5 Jahren mit ihren zwei Töchtern verlassen. Die Verbitterung darüber war er nicht mehr losgeworden. Er hatte sich versteckt und man hatte ihn auch nicht gefunden.
In dem ehemaligen Dorf wohnte niemand mehr außer ihm. Radioaktiv war es leicht kontaminiert, so dass schon aus diesem Grund niemand von den neuen Menschen in dieser Gegend mehr leben wollte. Die Geburten wurden kontrolliert und die wenigen Menschen lebten in südlicheren Gegenden.
Tomas fragte sich manchmal belustigt, was ihn denn noch am Leben hielt. Als freiwillige Sterilisationswellen den Rest der Männerwelt heimsuchten, berührte es ihn schon nicht mehr, ja er wusste es nicht einmal. Er brauchte nicht zur Sterilisation überredet werden, da die übrige Welt ihn nicht mehr wahrnahm. Er wartete auf eine Krankheit oder ein anderes Ende seiner Existenz. Irgendwie stellte er bei sich einen gewissen Ehrgeiz fest, der vielleicht vergleichbar mit der Motivation eines Marathonläufers, sich unbedingt im Ziel sehen wollen. Das Ziel war für ihn, den Tod als ein großes, überwältigendes Schlafbedürfnis zu erleben.
Die Tage verbrachte er in seinem kleinen Garten und im Wald auf der Jagd. Der Tierbestand war immer zahlreicher geworden und leider auch der Bestand an Mäusen in seinem Haus. Er war sehr froh, als ihm vor Jahren eine Katze zugelaufen war, die er auch durch kleine Leckerbissen halten konnte. Katzen mögen halt die gewisse Bequemlichkeit, die eine Symbiose mit einem Menschen so mit sich bringt.
Der Rest des Katzenvolkes dieser Gegend verwilderte im Laufe der Zeit in den Ruinen der alten Häuser. Er bedauerte nur, dass er keine Milch für seine Katze hatte.
Als er an einem der letzten milden Herbsttage mit einem Beil das zuvor gesägte Holz spaltete, tauchten zwei Männer – oder waren es Frauen? - am Waldrand auf. Der Wald war in den letzten Jahren schon weit auf sein Haus vorangeschritten, so dass er sie erst sehr spät bemerkte.
Schnell lief er ins Haus. Sie hatten ihn allerdings schon bemerkt. In der oberen Etage riss er die Jagd-Armbrust von der Wand, dazu noch eine kleine Vogelarmbrust, die mit einer Hand bedient werden konnte, spannte beide und legte die rasierklingenscharfen Jagdbolzen auf.
Was wollten die?
Deckung suchend schlichen sich die zwei ans Haus.
Haben die eine Schusswaffe? dachte Tomas und kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinab.

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